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Nixnutzig Volk

Peter Rosegger: Nixnutzig Volk - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleNixnutzig Volk
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunAchtzehntes Tausend
year1907
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080602
projectidc68c7a33
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Das Gericht im Breitschirmhof

Die Talstraße vom Weinlande her rasselte ein Steirerwäglein. Vorn ein flinker Schimmel und hinten, im Wagen drin, ein junger Mann. Wer wissen will, wer es ist, der muß ihm auf den Magen schauen. Dort, über dem schon leidlich gewölbten Bäuchlein schmiegt sich der breite Ledergurt, und auf demselben, mit weißen Buchstaben ausgesteppt, die Buchstaben L.B. Es sind dieselben Buchstaben, die im Resingtal von Markstein zu Markstein eingegraben stehen und an dreihundert Joch Grund und Boden umfrieden. Der Grund und Boden des Breitschirmhofes, dessen Jungbesitzer Leopold Breitschirm eben vom Weinkaufen aus dem Unterland heimfährt.

Unterwegs blickte er aus, was da für schöne Nußbäume stehen an der Straße. Und unter einem, auf schattigem Rasen, saß ein Frauenzimmer. Es war aber kein Frauenzimmer, sondern ein jungfrisches Dirndl. So ließ der Leopold seinen Schimmel stehen, richtete ein paar gewöhnliche Worte an das Dirndl, fragte woher und wohin, lud es dann ein, sich zu ihm in den Wagen zu setzen und mit ihm zu fahren. Das sei ihr nicht unlieb, denn der Weg ziehe sich länger als sie vermeint habe. Und er zog sich auch von nun ab. Um ihn kurzweiliger zu machen, wurde der junge Großbauer gegen die Reisegefährtin zutunlich und wollte sie ein wenig lieben. Aber sie dankte so entschieden und herb dafür, daß er schweigend wurde und bei sich dachte: Endlich einmal auch ein Apfel, der nicht fällt, wenn man den Baum schüttelt. – Das gefiel ihm und er begann mit ihr ein anderes Gespräch.

»Also Dienst suchen willst du im Resingtal? Von Sankt Martin bist du her? Gefällt's dir denn nicht in Sankt Martin? Nachher gefällt's dir doch vielleicht im Resingtal? Probier es bei mir auf dem Breitschirmhof.«

Dazu sagte sie nicht ja und nicht nein, da müsse sie erst nachfragen. Ungeschaut trete sie in keinen fremden Dienst.

»Frag nur nach,« antwortete er und versuchte es noch einmal mit schmeichelhaften Zutunlichkeiten. Da spitzte sie scharf den Ellbogen und begehrte auszusteigen. Sein Besänftigen nützte nichts, sie stieg aus, sagte: »Schön Dank!« und ging einen Feldweg.

Er ließ sie nicht aus den Augen. Sie verschwand im Buchenwalde. Dann stand sie bei einem Kleinbauern im Dienste ein, war Sonntags in der Kirche zu sehen, einmal sogar beim Wirt auf dem Tanzboden. Da begehrte er sie zu einem »Steirischen«.

Ein Jahr später war dieses Dirndl Jungbäuerin auf dem Breitschirmhof – zum Entsetzen aller Bauerntöchter der Umgebung. Nach der Hochzeit waren die zwei so glücklich, daß sie den ganzen Tag nicht voneinander ließen.

»Wie du gerade auf mich verfallen bist, Leopold!« sagte sie zärtlich. »Bin ja wohl nicht schön.«

»Just das gefällt mir, weil du nicht weißt, daß du schön bist.«

»Und bin gar ein armes Leut.«

»Aber du bist auch was anderes und das geb' ich um viel Geld nicht her. Das hat selten eine. Schon in der ersten Stund' damals hab ich's gewußt. Ich bin so, daß ich der meinigen vertrauen muß können, und ist's just einmal meine Passion, daß ich einen Krug will haben, aus dem noch kein anderer getrunken hat.«

»Ah, so meinst es,« antwortete sie und schob sachte seine Hand zurück, die unversehens ihrem Rocksack nahegekommen war. Denn darin hatte sie einen Brief. Gerade am Hochzeitstag war er gekommen. Der ging ihn nichts an.

Dann kam die ruhige, sorglose Zeit, da ihnen zumute war wie dem Landmann nach heißen, stürmischen Sommertagen, wenn das Korn in der Scheune ist.

Leopold hatte sich über seine Wahl nicht zu beklagen, die Thekla hatte alle Vorzüge eines braven Weibes. So strenge sie den Leopold damals zurückgewiesen hatte, so zärtlich war sie ihm nun ergeben. So derb sie im Falle das Gesinde anlassen konnte, so fürsorglich war sie für dessen Wohl. So reichlich sie für den Tisch sorgte, so bereitwillig sie für die Nachbarschaft war und so freigebig gegen arme Leute, so arbeitsam und sparsam war sie in der Wirtschaft. Das Achselzucken zuerst und die halben Bemerkungen, von der Straße hebe man nichts Gutes auf, waren bald überwunden, sie war nicht allein die geachtetste Bäuerin im Resingtal, sie war auch die gelobteste und die geliebteste. Leopold hatte sie so gerne, daß er ganz aus der Art schlug und außer in seiner ehelichen Kammer alles Weiblichen vergaß. Außer, daß die Thekla von Zeit zu Zeit einen Besuch machte in ihrer Heimat Sankt Martin, ging sie nie vom Hofe fort, sie war die Seele des Hauses und – wie die Leute sagten – die Seele von einem Menschen. Und als dann der Knabe und das Mädchen da waren, pflegte und erzog sie sie zu ein paar gesunden, schönen und wohlgearteten Kindern.

Sie waren schon eine Reihe von Jahren verheiratet, als eines Tages im Hause ein Betteljunge erschien. Ein zerlumptes, unsauberes Bürschchen mit scheuen, schreckigen Äuglein und tölpischem Benehmen. Die Thekla hatte ihn auf dem Feldwege aufgegriffen und in den Hof gebracht, auf daß das arme Wesen einmal gesättigt, gereinigt und mit Kleidern versehen werde. Der Kleine blieb dann eine Weile, war aber unanstellig und unverläßlich, so daß Leopold ihn eines Tages davonjagte. Die Thekla war darüber schweigsam, als ob sie mit dem Fortschicken nicht einverstanden wäre. Sie hätte den fremden, verwahrlosten Jungen wohl gerne zu einem Menschen gemacht. Wenn sie dann in das nahe Dorf ging und aushorchte, ob nirgends von jenem fremden Knaben die Rede sei und nichts vernahm; wenn sie auf dem Feldwege und am Waldraine dahinging und vergeblich ausschaute und spähte, wie verstimmt kehrte sie nachher in den Hof zurück. Ihre eigenen Kinder aber gediehen und brachten hellen Sonnenschein in das Haus. Nur die Mutter schien sich nicht recht darüber freuen zu können, als hätte sie immer an andere, an verlassene Kinder denken müssen, die heimatlos und liebelos in der Welt herumirren. Noch gütiger wurde sie gegen arme Leute.

Und eines Tages im Herbste hatte Leopold bemerkt, daß am Morgen sein Weib einen Topf Milch und ein Stück Brot hinaustrug in den Heustadl. Er sah nach, ob dort etwa ein kranker Dienstbote liege und fand den fremden Betteljungen. Der war seither noch verwahrloster geworden und störrischer. So sagte die Thekla, es sei doch Christenpflicht des Wohlhabenden, ein solch armes Menschenkind aufzunehmen, es mit liebevoller Strenge zur Arbeit anzuspornen und von dem Schlechten abzuhalten. Der Bauer wollte es noch einmal versuchen. Der Bursche blieb auf dem Hof. Anfangs stellte er sich emsig zum Dreschflegel, zur Stallstreugabel, aber es dauerte nicht lange, so warf er das Geräte weg und warf sich aufs Stroh, und wenn ihn die Knechte mit den Stiefelabsätzen stießen, so stellte er sich tot oder sprang auf und lief in den Wald hinaus, wo man auf dem Moose liegen kann und nicht arbeiten muß. Manchmal schlich er sich in die Vorratskammer, naschte Butter oder Geräuchertes, und wenn der Leopold ihn darob mit der Peitsche züchtigte, so schrie der Junge so kläglich, als geschähe ihm das größte Unrecht. Je herber er mit diesem Geschöpfe wurde, je gütiger war mit ihm die Thekla. Sie begutete ihn heimlich und einmal nahm es der Bauer wahr, wie sie dem Knaben in der Flachskammer das wirre Haar strählte, ihn dann mit der flachen Hand fast zärtlich über den Kopf strich und leise sagte: »Bitt dich gar schön, Bastel, sei brav, sonst mußt wieder fort und darfst nimmermehr kommen!«

Da trat der Leopold vor: »Er soll nur gleich fort, der Taugenichts, der uns noch unsere Kinder verderben kann. Oder hast du den hergelaufenen Lumpen wohl gar lieber, als deine eigenen Kinder? Es scheint so. Eine solche Nächstenliebe ist mir zu dumm, hörst du?«

»Leopold,« entgegnete sie und schaute ihn fragend an, »solltest denn du gar keinen jungen Menschen wissen, dem du's auch gut meinen möchtest – extra gut? Ich hätte nichts mehr dagegen....«

»Hast du dich zu beklagen darüber, daß ich's unseren Kindern etwa nicht gut genug meine? Eben deswegen leid' ich ihn nicht, diesen hergelaufenen Zottel! Lernen könnten sie schon was von dem – ei ja, das schon! Er soll machen, daß er weiter kommt!«

Sie sagte nichts dagegen, nur das seufzende Wort sprach sie: »Es ist hart, daß er wieder fort muß!«

»Du kannst ja mit ihm...!« rief er zornig, sprach aber das Wort nicht ganz aus. Es war doch zu schwer. Es ließ sich ja nichts sagen. Er wußte nur, daß die Thekla entfernte Verwandte habe. Sie hatten sich stets fernegehalten, vielleicht war das der Stolz armer Leute. Wer weiß, ob sie nicht sehr verkommen sind, ob dieser Bettelknabe nicht der Sippe angehört?

Der Leopold sagte also nichts mehr und die Sache wurde allmählich vergessen. Auf dem Breitschirmhof nahm es den Lauf, wie auf allen reichen Höfen, wo fleißig gearbeitet wird; er wurde immer noch reicher, die Wirtschaftsgebäude mußten vergrößert werden. Besonders auf dem Anger vor dem Wohnhause wurde ein fester Blockbau aufgeführt, wo Korn, Brot, Fleisch, Fett, Leder, Wolle und andere Vorräte in Massen sicher aufbewahrt werden konnten. Die Felder und Wiesen wurden verbessert und die Marksteine mit den Buchstaben L. B. rückten stellenweise weiter nach außen hin. Der Sohn des Hauses war schon so weit, daß er in eine landwirtschaftliche Fachschule gegeben werden konnte; das Töchterlein übte sich unter Anleitung der Mutter in den häuslichen Obliegenheiten. Alles war frisch und froh, bis auf Thekla. Sie blieb gütig und milde, wurde aber immer ernster und verschlossener. Die trautsame Liebe zueinander wird bei bäuerlichen Eheleuten überhaupt nicht zur Schau gestellt; aber es war doch verwunderlich, daß dieses herzensgute Weib nicht mehr Liebe zeigte zu ihren Kindern. Ihre Schwermut steigerte sich derart, daß Leopold ihr vorschlug, zur Zerstreuung eine Reise in die Stadt zu machen. Darauf antwortete sie, in der Stadt habe sie nichts zu tun. Aber eine Wallfahrt möchte sie machen! doch nur, wenn er zu Hause bliebe und daß sie die Beruhigung haben könne, der Hof wäre derweil gut versorgt. Der Bauer sah diese Fürsorge ein, sie freute ihn und er ließ sie hinziehen die weiten Straßen, um ihre Wallfahrt zu verrichten.

Während der Zeit, als die Bäuerin fort war, schlug einmal besonders heftig der Kettenhund an, der am neuen Blockbau hing, und es wurde der Bettelbursche wieder gesehen. Er schlich hinter dem Hause im Baumgarten herum. Er war nun schon halb erwachsen, trug aber ganz unterschiedliche Kleidungsstücke an sich, eine bäuerliche Lederhose und einen schwarzen Stadtrock und eine schildlose Mütze, aber alles zerrissen und zerfranst und kein Stück paßte an den Leib. Schreckig spähte er zwischen den Baumstämmen her, wenn jemand über den Hof ging, um dann, da es die Bäuerin nicht war, sich allemal wieder schnell hinter Büschen zu verstecken. Der Bauer machte kurzen Prozeß. Er ließ den Hund von der Kette, dieser raste wütend auf den Jungen hin, riß ihn einige Kleiderfetzen herab und kehrte wieder in seinen Kobel zurück, während der Bursche kreischend vor Schreck davongelaufen war. Länger als der Leopold erwartet, war sein Weib ausgeblieben, endlich kam sie heim, abgezehrt, erschöpft und fast verstört. Das, was sie auf den Wallfahrtswegen erhofft, schien sie nicht gefunden zu haben. Wie vor und eh ging sie ihren häuslichen Verrichtungen nach, aber es geschah mit einer gewissen Gleichgültigkeit. Nur wenn manchmal ein Bettelmann um Almosen zusprach, wurde sie erregt und gab so reichlich, daß mancher Empfänger erstaunt fragte: »Das alles? Das alles gehört mein? Vergelt dir's Gott, Breitschirmhoferin, an deinen lieben Leuten!«

»Geb's Gott!« sagte sie und ging traurig ihren Arbeiten nach. In den Nächten ahnte es der Leopold nicht, wie sie im Nebenbette wachend lag. Wenn er sie seufzen hörte, mußte es wohl ein böser Traum gewesen sein.

Und in einer Nacht, da setzte sie sich im Bette plötzlich auf und sagte: »Hörst du nichts, Mann?«

»Was soll ich denn hören,« entgegnete er, »es schläft ja alles.«

»Dann wird's nichts sein,« sagte sie, »es ist nichts, mir hat nur so geträumt. Es ist nichts, Leopold!« setzte sie mit ängstlicher Hast bei.

Er war aber aufmerksam geworden, stand auf, ging zum Fenster und sah im Blockbau Licht. Allsogleich ergriff er das Scheit, pochte an die Stubendecke den Knechten, die auf dem Dachboden schliefen: »Auf, auf, Leut! Es sind Diebe im Bau!«

»Aber, mein Gott, es wird ja nichts sein!« sagte die Thekla, von einer bösen Ahnung ergriffen.

Mittlerweile war auch Ferdinand, der Sohn des Hauses, der eben auf den Schulferien daheim, aus seiner Kammer hervorgekommen, und sah sich nach dem Schußgewehr um. Die Knechte hatten schon bemerkt, daß auf dem Blockbau einige Dachbretter ausgehoben waren und es sei ganz sicher jemand in der Vorratskammer.

»Wo ist denn das Luder von einem Kettenhund, daß es sich nicht meldet?«

Der lag neben dem Kobel und verendete. Das Tier war wahrscheinlich mit einem wohlgezielten Steinwurf getötet worden.

Der Lichtschein, der vorher durch ein Fensterchen gedrungen, war weg. Der Dieb hatte wohl schon gemerkt, daß er entdeckt sei. Der Bau war schon umringt von dem ganzen Gesinde des Hauses. Auf dem Dache lauerten zwei Knechte, an der Tür stand der Bauer mit einer schweren Axt. Vor dem Fenster stand der Ferdinand mit gespannter Flinte. Aber seine Mutter rief zagend von der Haustüre her: »Schießen mußt nicht, Ferdel!« – Andere huschten mit Stallgabeln, Hacken und allerlei Werkzeugen immer um den Bau. Und horchten, ob von innen nichts zu hören sei. Da es still war, so steckte der Leopold den Schlüssel an und öffnete die Tür. In demselben Augenblick huschte der Dieb neben ihm heraus, so unversehens, heftig und schnell, daß der Bauer ihn nicht erhaschen konnte. Er sprang über die Stufen und eilte um die Ecke. Ferdinand ihm nach. Da eilte die Bäuerin, die ihn gesehen, herbei und schrie: »Nicht schießen, um Jesu Willen! Nicht schießen, Ferdel! Es ist dein Bruder!« Sie rang mit ihm um das Gewehr.

Der Dieb war der Flinte entkommen, aber den Knechten in die Arme gelaufen. Mit der Fackel kamen sie und sahen, es war der Betteljunge. In der Vorratskammer war die Leiter gelehnt hinan zu den frischgeräucherten Schinken. Der Bauer war ganz würdevoll gelassen, er hielt die Knechte ab, die ihn mit einer abgebrochenen Zaunstange schlagen wollten.

»Das laßt nur sein!« sagte er, »der geht jetzt ins Zuchthaus, 's ist nicht um den Diebstahl. Aber das er mir das schöne Tier hat umgebracht! Vor so einem geht auch der Mensch nimmer sicher. Der kriegt sieben Jahre. So lang als möglich. Je länger er sitzt, je später wird er baumeln. Hol' mir einer den Strick aus der Zeugkammer!«

Der Junge schlug, und biß um sich und schrie jetzt gellend auf.

»Leider Gottes,« setzte der Bauer bei, »daß ich den Strick an dir nicht anders brauchen darf als um deine Bratzen zu binden.«

Mittlerweile waren auf den Lärm Nachbarsleute herbeigekommen, das halbe Dorf zog heran, um zu sehen, was im Breitschirmhofe los sei.

»Dieser Galgenstrick!« rief ihnen der Bauer zu, der seine Wut nicht mehr bemeistern konnte, »viel Guttat hat er im Hause empfangen.«

Da faßte der junge Ferdinand seine Hand und zog ihn beiseite. »Vater, ich kenn' mich nicht aus, ich habe von der Mutter ein Wort gehört und weiß nicht, was es soll bedeuten.«

Er redete nicht zu Ende, so kamen schon der Gemeindediener und der Nachtwächter, beide schwer bewaffnet, um den ertappten Dieb in Empfang zu nehmen. Und jetzt geschah es. Thekla, die Bäuerin trat dazwischen und rief strenge und herb: »So laß ich ihn nicht forttreiben!« Und stellte sich mitten hin zwischen die Büttel, den Dieb und ihren Mann. Sie bewahrte äußerlich die Ruhe, sie habe was zu sagen.

»Leopold,« sagte sie mit ganz gedämpfter Stimme. »Ich hab' gemeint, diese Stund' wird mir erspart bleiben. Hab' ich's gleichwohl gebeichtet schon vor vielen Jahren, so ist's mir doch nicht geschenkt und muß es hart bezahlen. Daß du dir's selber nicht hast denken können, Leopold! Wie du den Bettelbuben hast fortgejagt, so kannst du's jetzt mit mir tun. – Der Bastel ist mein Kind ...«

Aber anstatt, daß sie bei diesem Schuldgeständnisse zusammenknickte, richtete sich ihre schlanke Gestalt fast stolz auf und blaß war ihr Gesicht bis über die zuckenden Lippen hinein; so stand sie aufrecht, faltete vor ihrem Manne die Hände und sprach: »Leopold! Für mich erbitte ich nichts. Aber dem Knaben tu's noch einmal verzeihen. Ich hab' an ihm viel gutzumachen; jetzt führ' ich ihn, so weit meine Füß' mich tragen, er soll dir nimmer in dein Haus kommen.«

Alles war jetzt still, nur der Gemeindediener machte Anstalt, den Jungen, der immer noch von den Knechten gehalten wurde, zu fesseln. Die Bäuerin faßte ihn am Arme: »Laß es sein! Ist denn niemand da, der Gottsrecht weiß? Wenn ein Kind so ganz verlassen und verachtet ist und überall getreten, da kann's nicht wissen, was recht und was unrecht ist. Und ehe ein Mensch zugrund' geht vor Hunger, eher nimmt er, was er kann erwischen. Schlecht wird er wohl noch nicht sein, aber dort, wohin ihr ihn jetzt wollt führen, müßt' er schlecht werden.«

»Wenn die,« sagte jetzt der Bauer mit verbissener Bitterkeit, »wenn die für ihre ehelichen Kinder einmal so gute Worte gehabt hätte!«

Stellte sie sich vor ihn hin: »Hast mir einen Vorwurf zu machen, daß ich sie lieblos behandelt, ungut erzogen hätte? Ich hab' alle meine Kinder gleich gern. Daß eine Mutter just dem Kind am meisten zuneigt, dem's am schlechtesten geht, das wirst mir wohl nicht können für Übel halten. – Und dem geht's so schlecht! So schlecht!« Mit diesen Worten riß sie den Bettelknaben an ihre Brust und herzte und küßte ihn stöhnend, laut weinend.

Die Leute ringsum hatten sich zusammengedrängt und ein Flüstern, ein Murmeln, ein Schluchzen ging um und der Dorfrichter winkte dem Gemeindediener und dem Nachtwächter, sie sollten nach Hause gehen.

»So ist's recht, so ist's recht!« riefen einige und lachten.

Der Bauer stellte sich knapp hin vor sein Weib, sagte es kalt und hart: »Und ich? Was bin denn ich? Ich bin der Gefoppte. – Verleugnet hast du mir's. Freilich, freilich, so ein Bauernhof ist schon einer Falschheit wert. Und jetzt nicht ein Wort um Verzeihung?«

»So lang ich mir's selber nicht verzeihe, kann ich's von dir nicht verlangen,« sagte sie. »Eines Hofes wegen mach' ich keine Falschheit, wie du's nennst, wenn ein Mädel seinen Fehltritt nicht will sagen. Wenn man einen Menschen einmal so gern hat, da ist's wohl nicht leicht, mein Lieber, das Wort hinzusagen, das zwei Leut' wie ein Messer auseinandertrennt. Nachher hätt' ich's freilich sagen sollen, aber es hätt' kein Gut getan, und weil jener Mensch, sein Vater schon lang' in der Ewigkeit ist, so hab' ich gemeint, ich weiß allein davon und sonst soll's niemand erfahren. Unrecht ist's gewesen vor dir und vor dem Buben, ich seh' es ein. So gut ich hab' glücklich sein können, Leopold, bin ich's mit dir ja gewesen. Kein Trutz ist's, wenn ich jetzt freiwillig gehe, ehe du mich fortschaffst. Ich muß mit dem Buben, daß er nicht ganz und gar verdirbt. Meine anderen Kinder weiß ich bei dir versorgt, sie haben einen guten Vater. Und wenn es sein mag, daß ich sie immer einmal kann sehen, so wirst mir's nicht verwehren.«

Er wendete sich ab, wies sie mit einer Handbewegung von sich: »Eine, die von Mann und Kind so fortgehen kann – und mit einem Diebsbuben!«

»Er weist sie aus?« fragten die Leute sich untereinander. »Er schickt sie fort? Er verzeiht ihr das Kind nicht? Der Breitschirmhofer! Der Leopold Breitschirm, der in seiner ledigen Zeit den schönen Spitznamen hat gehabt? Der verzeiht ihr das heimliche Kind nicht, für das sie sich so zerkümmert hat, daß sie schier hintersinnig ist worden!«

»Der Leopold Breitschirm!« lachten manche laut auf und es ging ein Verwundern durch die Leute, die hier zusammengeeilt waren in dunkler Nacht. »Der Leopold hat's not, daß er sein Weib verjagt, deswegen! Der muß ein Gedächtnis haben wie ein luckedes Schneuztüchel.«

»Möchte doch gern wissen, was der sagt, wenn man ihn wollt' fragen, was aus seinen heimlichen Kindern geworden ist?«

»Im Weinland draußen,« sagte jemand, »ist ein kleiner Einhandel; weil er sein Brot nicht verdienen kann, ist er in der Einleg' bei den Weinbauern, aber sie wollen ihn nimmer behalten. Dem seine Mutter, eine Dienstmagd, hat auf dem Sterbebett angegeben, der Vater hätt' den größten Bauernhof in Resingtal.«

»Im Resingwald,« rief ein anderer, »weiß ich ein sauberes Dirndl, Gaismadl ist sie im Holzschlag. Ist noch nicht tausend Wochen alt und tun doch schon die Holzknecht um sie Karten spielen.«

Und plötzlich über den Gartenzaun her schrie eine grelle Weiberstimme: »Ich weiß auch was. Hab' mir fürgenommen, daß ich nicht sein' Schand und Spott will sein. Aber weil er so hartherzig ist –«

»Still sein!« rief der Dorfrichter drein. »Wir haben genug gehört. »Die zwei Eheleute sollen es selber miteinander ausmachen!«

»Ja, daß geprügelt wird! Wir bleiben da, wollen 's just einmal hören, wie sie's ausmachen.«

»Sie sollen sich jetzt einander ein gutes Wort sagen, nachher gehen wir schlafen.«

»Die Bäuerin soll reden!« wurde verlangt. »Ich hab' da nichts mehr zu reden,« sagte sie. »Was ich eben gehört hab', ist nichts neues bei den Mannsbildern; das muß eine jede wissen, die einen nimmt, und froh sein, wenn's nachher gut ist. Und meinen Buben – dem Herrgott muß ich danken, daß er mir ihn noch einmal hat zugeführt! – den verlaß ich nicht, weil er mich am notwendigsten braucht.«

Jetzt aber brach der Bettelbub auf die Knie nieder, sein ganzer Körper schütterte, er rang vor der Bäuerin die Hände. Daß dieses Weib seine Mutter ist, er hatte es das erstemal gehört.

Nun hatte der Leopold gerade genug erfahren und gehört! Bei solchen Leuten muß sich das Wesen plötzlich stürzen, oder es geschieht nie. Er besann sich nimmer. In den rechten Arm nahm er sein Weib, in dem linken zerrte er den Bettelbuben mit sich, so brachte er sie ins Haus.

Am Abende des nächsten Tages saß die schon halberwachsene Haustochter an ihrem Nähkorb. Nähte aber nicht, hielt die Hände auf dem Schoße übereinandergelegt und hatte rotgeweinte Augen. Daneben am Tische saß ihr Bruder Ferdinand, der war stumm wie sie und schnitzte mit dem Taschenmesser an der Tischkante. Da kam der Vater in die Stube und setzte sich auch hin. »Geh', Ferdel,« sagte er, »bist nicht gescheid, 's ist schad' um den Tisch!« Er sagte es in einem gar gütigen Tone, der mehr wie eine Zärtlichkeit klang, denn wie ein Vorwurf. Der Bursche klappte das Messer zusammen, steckte es in die Tasche und stand auf. »Willst nicht noch ein bisset sitzen bleiben, Ferdel?« sagte der Vater und sein Atem war kurz, daß er die Rede nur leise und stoßweise vorbringen konnte. »Mir ist's recht, daß ich euch beisammen find', allzwei. Weil ich ein paar Wort' mit euch zu reden han. – Was gestern vorgefallen ist, das wißt ihr. Auf der Welt geht's halt immer einmal so. Sein sollt's freilich nicht. Wer dran ein Abscheuchen nehmen möcht'. 's weiß keiner, was ihm zusteht. – Und was ich sagen will. Daß die G'schicht in Ordnung kommt: Eure vier Geschwister, die wollen wir halt jetzt ins Haus nehmen. Wird euch eh auch recht sein.«

Und dann wartete er auf Antwort.

Die bekam er. Ruhig, aber entschieden sagte Ferdinand: »Zwei zu vier – das möcht' uns wohl nicht taugen. Meine Schwester und ich, wir haben es schon besprochen. Wenn sie bei der vorderen Tür hereingehen, gehen wir zwei bei der hinteren hinaus.«

Nach dieser Erklärung verließen die zwei jungen Leute die Stube. Der Bauer ging zur Thekla und sagte: »Weib, wir sind in allen Instanzen verurteilt. Vielleicht, daß du einmal redest mit ihnen. Ich habe genug.«

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