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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJens Peter Jacobsen
titleNiels Lyhne
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
translatorPaul Volk
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida5535954
created20070412
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8. Kapitel

Niels Lyhne trug eine gewisse, lähmende Besonnenheit in sich, das Kind einer instinktmäßigen Unlust zu wagen, Kindeskind eines halbklaren Gefühls von Mangel an Persönlichkeit, und mit dieser Besonnenheit lag er in beständigem Kampf; bald hetzte er sich selbst gegen sie auf, indem er ihr Schimpfnamen gab, bald wieder versuchte er sie zu einer Tugend herauszuputzen, die im innigsten Zusammenhang mit dem Naturgrund in ihm stand, ja noch mehr: die eigentlich das bedingte, was er war und was er vermochte. Aber wozu er sie auch machte, wie er sie auch betrachtete, er haßte sie doch stets wie ein geheimes Gebrechen, das er vor sich selbst nicht verheimlichen konnte, so leicht es auch vor der Welt zu verbergen war; vielmehr war es stets da, um ihn zu demütigen, wenn er einmal so recht einig mit sich war; – und wie beneidete er dann nicht diese selbstbewußte Unbesonnenheit, die so leicht zu allem Worte findet, die Handlungen gleichen und Folgen haben, Folgen, denen sie keinen Gedanken schenkte, bevor sie ihr nicht auf die Hacken tritt. – Die Leute, die so waren, kamen ihm vor wie Zentauren, Mann und Pferd aus einem Guß, Gedanke und Sprung eins, ein Ganzes, während er in Reiter und Pferd geteilt war, der Gedanke eins, ein anderes der Sprung.

Wenn er sich vorstellte, daß er Frau Boye seine Liebe gestehen sollte – und er mußte sich ja immer alles vorstellen – so sah er sich deutlich in jener Situation, seine ganze Haltung, jede Bewegung, seine ganze Person, von vorn, von der Seite und vom Rücken, sah sich unsicher gemacht durch das Fieber, das ihn stets lähmte, sollte er einmal handeln, und das ihm alle Geistesgegenwart raubte, so daß er die Antwort aufnahm, als sei sie ein Schlag, der ihn in die Knie zwang, und nicht ein Federball, den man wer weiß auf wieviel Arten zurückwerfen, und der wer weiß wie oft wiederkommen konnte.

Er nahm sich vor zu sprechen und zu schreiben, aber es geradeheraus zu sagen, das vermochte er nicht. Es wurde nie anders gesagt als in verblümten Erklärungen, oder er tat in halberkünstelter, lyrischer Leidenschaftlichkeit, als ließe er sich zu liebeglühenden Worten und schwärmerischen Wünschen hinreißen. Aber trotzdem bildete sich nach und nach ein Verhältnis zwischen ihnen heraus, ein seltsames Verhältnis, geboren aus der demütigen Liebe eines Jünglings, dem traumheißen Begehren eines Phantasten und der Lust eines Weibes, in romantischer Unerreichbarkeit begehrt zu werden; und dieses Verhältnis fand seine Form in einer Mythe, die für sie entstand, sie wußten nicht wie, eine stille, stubenbleiche Mythe von einer schönen Frau, die in ihrer Jugend einen der Großen im Geiste geliebt hatte, der fortgegangen war, um in fremdem, fernem Land vergessen und verlassen zu sterben. Und während langer Jahre hatte das schöne Weib getrauert, aber niemand ahnte ihren Schmerz, nur die Einsamkeit war heilig genug, ihren Kummer zu sehen. Da kam ein Jüngling, der jenen großen Verstorbenen seinen Meister nannte, der erfüllt war von seinem Geiste, entflammt für sein Werk. Und er liebte das trauernde Weib. Für sie war es, als stünden tote, glückliche Tage aus dem Grabe auf und gingen um, so daß alles zur süßen Verwirrung wurde, Vergangenheit und Zukunft verschmolzen zu einem silberverschleierten, dämmernden Traumtag, wo sie den Jüngling liebte, halb wie ihn selbst, halb wie den Schatten eines andern, und ihm ihre halbe Seele gab. Aber leise mußte er auftreten, damit der Traum nicht verrann; streng mußte er die irdisch glühenden Begierden zurückhalten, damit sie die süße Dämmerung nicht verjagten und das Weib wieder zum Kummer erweckten.

Nach und nach nahm ihr Verhältnis im Schutz dieser Mythe eine festere Form an. Sie duzten sich und nannten sich beim Vornamen, wenn sie allein waren, Niels und Tema, und die Anwesenheit der Nichte wurde soviel wie möglich beschränkt. Wohl suchte Niels hie und da die aufgerichtete Schranke zu durchbrechen, aber Frau Boye war ihm zu überlegen, um nicht leicht und behutsam diese Aufstandsversuche unterdrücken zu können, und bald gab Niels sich wieder zufrieden und fand sich in diese Liebesphantasie mit Bildern der Wirklichkeit. Ihr Verhältnis ging auch nicht in platonische Fadheit über; ebensowenig es unter der Einförmigkeit eines Gewohnheitsverhältnisses zur Ruhe ging. Ruhe war am wenigsten darin. Niels Lyhnes Hoffnung wurde niemals müde, und wurde sie auch sanft zurückgedrängt, sobald sie fordernd hervortrat, so loderte sie im Verborgenen nur um so heißer auf; und wie wurde sie immer wieder erweckt durch Frau Boyes tausend Koketterien, ihre aufreizende Naivität und ihren nackten Mut, über die heikelsten Dinge zu reden. Überdies hatte sie das Spiel doch nicht so ganz in ihrer Hand; denn es geschah doch zuweilen, daß das Blut in seinem Müßiggang davon träumte, diese halbgezähmte Liebe zu belohnen, sie mit dem reichsten Zauber der Liebe verschwenderisch zu überfluten, um sich an ihrem staunenden Glück zu ergötzen. Und solch ein Traum war nicht so leicht zu verjagen; und wenn dann Niels kam, so war sie nervös im Bewußtsein der Sünde und von einer Demut des Schuldbewußtseins, einer hinreißenden Schamhaftigkeit, die die Luft gar seltsam liebesbange machten.

Es gab noch etwas dem Verhältnis eine eigene Spannkraft, und das war die Manneskraft in Niels Lyhnes Liebe, daß sie sich ritterlich enthielt, in ihrer Phantasie das zu nehmen, was die Wirklichkeit ihr versagte, und auch in dieser Seitenwelt, wo alles seinem Gebot gehorchte, Frau Boye so respektierte, als ob sie zur Stelle wäre.

So war also das Verhältnis von beiden Seiten gut gestützt, und es war keine drohende Gefahr, daß es sich auflösen würde. Es war ja auch wie geschaffen für eine träumerische und doch lebensdurstige Natur wie Niels Lyhne, und war es auch nur ein Spiel, so war es doch ein Spiel mit Wirklichem und genug, um ihm die Grundlage einer Leidenschaft zu geben, auf der er sich entwickeln konnte.

Und das brauchte er.

Aus Niels Lyhne sollte ja ein Dichter werden, und in seinen äußeren Lebensbedingungen war ja auch genug gewesen, was seine Neigungen in dieser Richtung leiten konnte, genug, was seine Fähigkeiten auf eine solche Aufgabe aufmerksam machen konnte; aber bis jetzt hatte er ja nicht viel mehr als seine Träume gehabt, auf die hin er Dichter werden konnte, und nichts ist einförmiger, eintöniger als Phantasterei; denn in den scheinbar unendlichen, ewig wechselnden Traumlanden gibt es in Wirklichkeit doch nur gewisse kurze, festgelegte Landstraßen, auf denen alle gehen, und über die sie niemals hinauskommen. Die Menschen können sehr verschieden sein, aber ihre Träume sind es nicht; denn die drei, vier Dinge, die sie begehren, lassen sie sich von ihnen geben, mehr oder weniger schnell, mehr oder weniger vollständig; aber sie bekommen sie stets, allesamt; es gibt niemand, der sich im Traum mit leeren Händen sieht. Deshalb entdeckt sich im Traum niemand selbst, wird sich niemand seiner Eigentümlichkeit bewußt; denn der Traum weiß nichts davon, wie man sich begnügt, den Schatz zu gewinnen, wie man ihn fahren läßt, wenn er verlorengeht, wie man sich sättige, wenn man genießt, welchen Weg man gehe, wenn man entbehrt.

Niels Lyhne hatte daher auch so ganz allgemein als ästhetische Persönlichkeit gedichtet, die den Lenz knospend und schwellend, das Meer groß, die Liebe erotisch und den Tod traurig findet. Weiter war er mit der Poesie nicht gekommen, er machte nur Verse. Aber jetzt fing es an, ganz anders zu werden. Jetzt, da er um die Liebe einer Frau warb und wollte, daß sie ihn liebe, ihn, Niels Lyhne von Lönborghof, der dreiundzwanzig Jahr alt war, ein wenig vorgebeugt ging, schöne Hände und kleine Ohren hatte, und der etwas zaghaft war, der wollte, daß sie ihn liebe, und nicht den idealisierten Nikolaus ihrer Träume, mit seinem stolzen Gang, seinen sicheren Manieren, und der etwas älter war; jetzt interessierte er sich lebhaft für diesen Niels, mit dem er eigentlich umgegangen war, wie mit einem minder präsentablen Freunde. Er war allzusehr damit beschäftigt gewesen, sich mit dem zu schmücken, was ihm fehlte, und so hatte er nie Zeit genug gehabt, das anzusehen, was er besaß; aber jetzt begann er mit der Leidenschaft eines Entdeckers, sich selbst aus Kindheitserinnerungen und Kindheitseindrücken, aus den lebendigen Augenblicken seines Lebens zusammenzusetzen, und mit frohem Erstaunen sah er, wie es Stück für Stück zusammenpaßte und sich zu einer ganz anderen Persönlichkeit zusammenfügte, als die war, der er im Traum nachgelaufen war. Und auch ganz anders echt und stark und tatkräftig. Das da war kein toter Klotz von einem Ideal mehr; die wunderbaren, unerfindlichen Nuancen des Lebens spielten darin in wechselnder Unendlichkeit hinter tausendgliedriger Einheit. Herrgott, ja, er hatte Kräfte, die gebraucht werden konnten, wie sie waren; er war ja Aladin; es gab nichts, was er aus den Wolken begehrt, und es wäre ihm nicht in den Turban gefallen.

Und jetzt brach eine glückliche Zeit für Niels an. Die glückliche Zeit, wo die mächtige Schwungkraft der Entwickelung uns jubelnd über die toten Punkte der eigenen Natur hinwegträgt, wo alles in uns wächst, so daß man im Übermaß seiner Kraft die Schultern gegen die Berge stemmt, wenn es sein muß, und mutig los baut an dem Babelturm, der in den Himmel reichen sollte, aber nur der armselige Stumpf eines Kolosses wird, dem man während seines ganzen übrigen Lebens verzweifelte Türmchen und sonderbare Erker anbaut.

Alles war wie verwandelt; Natur, Fähigkeit, Arbeit griffen ineinander wie das Getriebe einer Maschine; es war nicht die Rede davon, innezuhalten und sich an seiner Kunst zu erfreuen, denn was fertig, war auch schon wieder verworfen; während der Arbeit war er dem schon entwachsen; es wurde nur zu Stufen, die zu dem immer weiter reichenden Ziel emporführten; zurückgelegte Wege, die bereits vergessen waren, als sie noch von seinen Schritten widerhallten.

Aber während er mm von neuer Kraft und neuen Gedanken zu größerer Reife und höherem Gesichtspunkt geführt wurde, vereinsamte er mehr und mehr; ein Gefährte nach dem andern blieb aus; er konnte ihnen nicht mehr das alte Interesse bewahren, weil es ihm Tag für Tag schwerer wurde, einen nennenswerten Unterschied zwischen diesen Männern der Opposition und der Majorität, der sie opponierten, zu sehen. Für ihn lief alles in eine große, feindliche Masse von Langeweile zusammen. Was schrieben sie denn, wenn sie zum Angriff riefen? Pessimistische Gedichte darüber, daß die Hunde treuer seien als Menschen, und die Zuchthäusler oft ehrlicher als die, die frei umhergingen; beredte Oden über die Vorzüge des grünen Waldes und der braunen Heide vor den staubigen Städten, Erzählungen von Bauerntugenden und Lastern der Reichen, vom Blut der Natur und der Bleichsucht der Zivilisation; Komödien über den Unverstand des Alters und das höhere Recht der Jugend. Wie genügsam sie waren, wenn sie schrieben! Da waren sie doch noch besser, wenn sie innerhalb der vier sicheren Wände sprachen.

Nein, wenn er einmal fertig sein würde, sollte es Musik werden, – mit Posaunen.

Mit den alten Freunden war es auch nicht mehr wie früher. Besonders nicht mit Frithjof. Dieser nämlich war eine positive Natur und hatte einen guten Kopf für Systeme und einen breiten Rücken für Dogmen; er hatte sehr viel Heiberg gelesen, und hatte das alles für ein Evangelium gehalten, ohne zu ahnen, daß die Systematiker sehr kluge Leute sind, die ihre Systeme nach ihren Werken machen und nicht ihre Werke nach ihren Systemen. Es ist ja nun einmal so, daß junge Leute, die in die Gewalt eines Systems geraten sind, leicht große Dogmatiker werden, auf Grund der lobenswerten Liebe, welche die Jugend meistens für fertige Zustände, für das Feststehende und Absolute hegt. Wenn man auf diese Weise Inhaber der ganzen Wahrheit, der einzigen echten Wahrheit geworden, so wäre es doch unverzeihlich, wenn man sie für sich allein behielte und seine weniger glücklich gestellten Mitmenschen ihren eigenen schiefen Gang gehen ließe, statt sie zu leiten und zu belehren, statt mit liebevoller Unbarmherzigkeit ihre wilden Triebe zu stutzen und sie mit freundlicher Gewalt an die Mauer zu drücken und ihnen zu zeigen, welche Linien ihre Entwicklung einschlagen muß, damit sie einmal, wenn auch spät, als kunstgerechte Spaliere uns für die Mühe danken können, die wir mit ihnen gehabt haben. Niels pflegte wohl zu sagen, daß er nichts so sehr zu schätzen wisse wie Kritik; aber er schätzte Bewunderung doch höher und konnte sich durchaus nicht darein finden, sich von Frithjof kritisieren zu lassen, den er stets als seinen Leibeigenen betrachtet hatte, und der auch stets entzückt gewesen, die Livree seiner Ansichten und Überzeugung tragen zu dürfen. Und nun kam er daher und wollte in der selbstgewählten Maskeradentracht eines Talars seinesgleichen vorstellen! Das mußte natürlich zurückgewiesen werden, und Niels versuchte zuerst in überlegener Gutmütigkeit Frithjof vor sich selbst lächerlich zu machen; als aber dies mißglückte, nahm er seine Zuflucht zu unverschämten Paradoxen, die zu diskutieren er höhnisch abwies; er stellte sie einfach in ihrer ganzen barocken Abscheulichkeit auf und zog sich dann in spöttischem Schweigen zurück.

So kamen sie auseinander.

Mit Erik ging es besser. In ihrer Knabenfreundschaft hatte immer etwas Zurückhaltendes gelegen, eine gewisse seelische Scham, und dadurch hatten sie die allzunahe Bekanntschaft miteinander, die so besonders gefährlich für die Freundschaft ist, vermieden. Sie waren in dem Festsaal ihrer Seelen miteinander begeistert gewesen, hatten gemütlich und vertraulich in der Wohnstube zusammen gesprochen, aber sie waren nicht in den Schlafzimmern, Badekammern und in den anderen abgelegenen Lokalitäten ihrer Seelenwohnungen aus- und eingegangen.

Auch jetzt war es nicht anders; die Zurückhaltung war vielleicht noch größer, mindestens auf Niels' Seite, aber die Freundschaft war deshalb nicht geringer geworden, und ihr Eck- und Grundstein war wie damals Niels Lyhnes Bewunderung für Eriks Keckheit und Lebensmut, für seine Bereitschaft, überall zuzugreifen und mitzutun. Aber Niels konnte sich nicht verhehlen, daß diese Freundschaft sehr einseitig war, nicht, weil es Erik an wirklichem Freundessinn gefehlt oder weil er keinen Glauben an Niels gehabt hätte. Im Gegenteil, niemand konnte höher von Niels denken als Erik, er hielt ihn für so vollständig überlegen an Begabung, daß von Kritik niemals die Rede sein konnte; aber zugleich mit dieser blinden Anerkennung hielt er auch das, woran Niels arbeitete, und womit seine Gedanken sich beschäftigen, für weit entfernt von dem Horizont, den er mit seinen Augen erreichen konnte. Er war überzeugt, daß Niels den Weg würde bewältigen können, den er sich vorgenommen, aber ebenso überzeugt war er, daß seine Beine nichts auf jenem Wege zu tun hätten, und deshalb setzte er sie auch nicht dorthin.

Das war nun hart für Niels, denn obgleich Eriks Ideale nicht die seinen waren, und obgleich das, wofür Erik in seiner Kunst einen Ausdruck finden wollte, – das Romantische oder vielmehr das Sentimental-Romantische – ihm nicht sympathisch war, so konnte er doch eine weitere, größere Sympathie in sich nähren und mit dieser die Entwickelung des Freundes treu verfolgen, sich mit ihm freuen, wenn er vorwärts kam, und ihm Hoffnung spenden, wenn er stillstand.

In dieser Art war die Freundschaft einseitig; es war daher nicht zu verwundern, daß Niels jetzt in dieser Zeit, wo soviel Neues in ihm hervorbrach, und der Wunsch nach Mitteilung und fühlendem Verständnis daher sehr groß war, ein offenes Auge bekam für die Unzulänglichkeit dieser Freundschaft; in der Bitterkeit hierüber begann er, den bis jetzt so schonend beurteilten Freund ein wenig genauer anzusehen, und ein trauriges Gefühl von Vereinsamung beschlich ihn; es war, als ob alles, was er von daheim aus alten Tagen mitgenommen hatte, von ihm abfiel und ihn fahren ließ, vergessen und verlassen. Die Tür nach rückwärts zur Vergangenheit war verriegelt, und er stand draußen mit leeren Händen und allein; was er wollte und entbehrte, mußte er sich selbst erringen, neue Freunde und neues Behagen, neue Herzen und neue Erinnerungen.

 

Ein ganzes Jahr lang war Frau Boye Niels Lyhnes einzige, wirkliche Lebensgefährtin gewesen. Da kam ein Brief von seiner Mutter, die ihm mitteilte, daß sein Vater gefährlich erkrankt sei und er nach Lönborghof zurückkehren müsse.

Als er ankam, war sein Vater tot.

Es fiel Niels schwer, beinahe wie ein Verbrechen aufs Herz, daß er sich während der letzten Jahre so wenig nach Hause gesehnt hatte. Oft genug war er mit seinen Gedanken dort gewesen, aber nur als Gast, mit dem Staub einer anderen Gegend auf den Kleidern und der Erinnerung an andere Orte im Herzen; er hatte sich nicht in namenlosem Heimweh nach dort gesehnt, wie nach dem leuchtenden Heiligtum seines Lebens, es hatte ihn nicht verlangt, die Erde der Heimat zu küssen, unter ihrem Dache zu ruhen. Jetzt bereute er, ihr untreu gewesen zu sein, und vom Schmerz zermalmt, fühlte er in seiner Reue noch eine geheimnisvolle Schuld an dem, was geschehen, als hätte seine Treulosigkeit den Tod herangezogen; er fragte sich verwundert, wie er so sorglos fern von diesem Heim habe leben können; denn jetzt hielt es ihn mit seltsamer Macht gefesselt, mit jeder Falte seines Wesens klammerte er sich in unendlicher entbehrungsschwerer Sehnsucht fest daran, als fürchte er, nicht so innig eins damit werden zu können, wie er wollte; unglücklich darüber, daß die tausend Erinnerungen, die aus jedem Winkel, jedem Busch, aus Lauten und Stimmungen, aus tausend Düften, selbst aus der Stille ihn riefen, daß dies alles mit allzu fernen Stimmen rief, die sich nicht in der ganzen Fülle und Schärfe greifen ließen, welche er brauchte, sondern seiner Seele nur zuflüsterten mit dem Rascheln des Laubes, das zur Erde fällt, mit dem Murmeln der Wellen, die verrauschen und verrauschen.

Glücklich ist, wer in seinem Schmerz beim Tod eines geliebten Menschen nur über die Leere, die Vereinsamung, den Verlust zu weinen hat; denn schwerer und bitterer sind die Tränen, welche sühnen sollen, was entschwundene Tage von Mangel an Liebe zu dem Toten gesehen haben, an dem man nichts von dem, was verbrochen wurde, wieder gutmachen kann. Denn nun geht alles wieder um: nicht nur die harten Worte, die sorgfältig vergifteten Antworten, schonungsloser Tadel und gedankenlose Wut, sondern auch die scharfen Gedanken, die nicht Worte fanden, voreilige Urteile, die einem durch den Sinn fuhren, stummes Achselzucken und verschwiegenes Lächeln voll Hohn und Ungeduld – alles kommt zurück wie vergiftete Pfeile, die ihre Spitzen tief in deine eigene Brust senken, ihre stumpfen Spitzen, denn der Stachel brach ja ab in jenem Herzen, das nicht mehr schlägt. Es schlägt nicht mehr; du kannst nichts mehr gutmachen, nichts. Jetzt hast du Liebe genug in deinem Herzen, aber jetzt ist es zu spät; geh an das kalte Grab mit deinem vollen Herzen! Kannst du dem Toten näher kommen? Pflanze Blumen und flicht Kränze – bist du ihm deshalb näher?

Auf Lönborghof flochten sie auch Kränze, auch zu ihnen kam die bittere Erinnerung an Stunden, wo die Liebe vor barscheren Stimmen hatte schweigen müssen; auch sie konnten Reue genug schöpfen aus den strengen Linien um den geschlossenen Mund des Grabes.

Es war eine düstere, schwere Zeit, aber sie brachte das Gute, daß sie Mutter und Sohn näher zusammenführte, als sie seit vielen, vielen Jahren gewesen. Denn, obgleich sie große Liebe füreinander hegten, hatten sie sich doch stets voreinander gehütet und in ihrem Nehmen und Geben hatte eine gewisse Zurückhaltung gelegen, die aus jener Zeit stammte, wo Niels zu groß geworden, um auf dem Schoß der Mutter zu sitzen; er hatte sich vor dem Heftigen und Überspannten in ihrer Natur gefürchtet, während sie sich vor dem Zaghaften, Zaudernden in ihm fremdartig berührt gefühlt hatte; aber jetzt hatte das Leben mit seinem Geben und Nehmen, seinem Hinaufsteigern und Abdämpfen ihre Herzen bereit gemacht, um sie einander bald ganz zu geben.

Kaum zwei Monate nach dem Begräbnis erkrankte Frau Lyhne heftig, und eine Zeitlang schwebte ihr Leben in Gefahr. Die Angst dieser Wochen drängte den früheren Kummer zurück, und als Frau Lyhne sich zu erholen begann, war es ihr und Niels, als hätten sich Jahre zwischen sie und das frische Grab geschoben. Besonders für Frau Lyhne war es lange her, denn während der ganzen Krankheit war sie überzeugt gewesen, daß sie sterben müsse; sie hatte sich davor gefürchtet, und selbst jetzt, wo sie sich erholte, und der Arzt die Gefahr für überstanden erklärte, konnten sie diese düsteren Gedanken nicht verjagen.

Es war allerdings eine traurige Rekonvaleszenz; die Kräfte kehrten nur tropfenweise und gleichsam widerstrebend zurück, keine milde, heilende Müdigkeit übermannte sie, es lag vielmehr auf ihr eine unruhige Mattigkeit mit einem drückenden Gefühl von Ohnmacht, ein ewiges, mißmutiges Verlangen nach Kräften.

Nach und nach trat auch hier eine Veränderung ein; es ging schneller vorwärts, die Kräfte kamen, aber der Gedanke daran, daß sie bald vom Leben Abschied nehmen müsse, wich nicht, sondern lag wie ein Schatten über ihr und hielt sie in einer unruhigen, trauernden Wehmut gefangen.

In einer Abendstunde während dieser Zeit saß sie allein im Gartenzimmer und sah hinaus durch die geöffneten Flügeltüren.

137 Die Bäume des Gartens verbargen das Gold und die Glut des Sonnenuntergangs; nur an einer einzigen Stelle öffnete sich ein brandroter Fleck zwischen den Stämmen und ließ eine Sonne von tiefgoldigen, sprühenden Strahlen, grüne Farben und bronzebraunen Widerschein auf der dunkeln Laubmasse erwecken.

Oben über die unruhigen Baumwipfel jagten die Wolken düster über den rauchroten Himmel und verloren auf ihrer Flucht kleine Wolkenfetzen, kleine, schmale Streifen losgelöster Wolken, die der Sonnenglanz dann mit weinroter Glut sättigte.

Frau Lyhne saß und lauschte auf das Rauschen des Windes und verfolgte mit leisen Kopfbewegungen das ungleiche Schwellen und Sinken der Windstöße, wie sie heranbrausten, noch lauter brausten und dann erstarben. Aber ihre Augen waren weit fort, fast weiter als die Wolken, zu denen sie emporblickten. Bleich, mit einem Ausdruck schmerzlicher Unruhe um die mattgefärbten Lippen saß sie in ihrer schwarzen Witwentracht da; auch ihre Hände waren voller Unruhe, wie sie das dicke, kleine Buch auf ihrem Schoße hin- und herdrehten. Es war Rousseaus Héloise. Rund um sie her lagen noch andere Bücher; Schiller, Staffeldt, Ewald und Novalis und größere Bände mit Kupferstichen von alten Kirchen, Ruinen und Bergseen.

Jetzt ging drinnen die Tür, aus den hinteren Zimmern hörte man suchende Schritte, und Niels trat ein. Er hatte einen weiten Spaziergang am Fjord entlang gemacht. Die frische Luft hatte seine Wangen gefärbt, und der Wind schien noch in seinem Haar zu sitzen.

Draußen am Himmel hatten jetzt blaugraue Farben die Übermacht gewonnen, und einzelne, schwere Regentropfen schlugen an die Scheiben.

Niels erzählte, wie hoch die Wellen emporgeschlagen, wieviel Tang sie an den Strand geworfen, was er gesehen und wen er getroffen hatte, und während er sprach, sammelte er die Bücher zusammen, schloß die Gartentüren und hakte die Fenster fest. Dann setzte er sich auf den Schemel zu Füßen seiner Mutter, nahm ihre Hand in die seine und lehnte die Wange an ihr Knie.

Draußen war jetzt alles schwarz, und der Regen hagelte stoßweise in Strömen gegen Scheiben und Gesimse.

»Erinnerst du dich noch«, sagte Niels, als sie lange schweigend dagesessen, »kannst du dich noch erinnern, wie oft wir so in der Dämmerung saßen und auf Abenteuer auszogen, während Vater im Bureau mit dem Verwalter Jens sprach, und Jungfer Duysen drinnen im Speisezimmer mit dem Teegeschirr klapperte? Und wenn dann die Lampe kam, erwachten wir beide aus dem seltsamen Märchen zu der Gemütlichkeit um uns her; aber ich weiß sehr wohl, wie ich mir stets dachte, daß das Märchen deshalb noch nicht aufhöre, sondern sich da drüben unter den Hügeln nach Rinkjöbing zu weiter entwickelte.«

Er sah nicht das wehmütige Lächeln der Mutter, er fühlte nur, wie ihre Hand leise über sein Haar strich.

»Weißt Du noch,« sagte sie bald darauf, »wie oft du mir versprochen hast, auf einem großen Schiffe fortzusegeln und mir alle Herrlichkeiten der Welt nach Hause zu bringen, wenn du groß geworden?«

»Ob ich es noch weiß! Hyazinthen wollte ich dir bringen, weil du Hyazinthen so gern mochtest, und ebensolche Palme wie die, die eingegangen, und Säulen von Gold und Marmor. In deinen Geschichten waren immer so viele Säulen. Weißt du noch?«

»Ich habe auf das Schiff gewartet – nein, sei still, mein Junge, du verstehst mich nicht, – es war nicht für mich selbst, es war deines Glückes Schiff, ..... ich hatte gehofft, daß das Leben groß und reich für dich werden und du auf strahlenden Wogen dahinfahren würdest – Berühmtheit ... alles – nein, nicht das; nur, daß du mitkämpfen solltest um das Größte, ich weiß nicht wie, aber ich war des Alltagsglücks und der Alltagsziele so müde geworden. Verstehst du mich?«

»Du wolltest, ich solle ein Sonntagskind sein, Mütterchen, so einer, der nicht mit den andern am Joch zieht; der seinen eigenen Himmel zum Seligwerden hat und seinen eigenen Ort der Verdammnis ebenfalls; – Nicht wahr, Blumen sollten an Bord sein, reiche Blumen, um sie über die armselige Welt auszustreuen, aber das Schiff ließ auf sich warten, und sie blieben, Niels und seine Mutter, nur arme Vögel, nicht wahr?«

»Hab ich dir weh getan, mein Junge? Es waren ja nur Träume, laß gut sein.«

Niels schwieg lange, er schämte sich dessen, was er sagen wollte.

»Mutter,« sagte er, »wir sind nicht so arm, wie du glaubst. – Eines Tages wird das Schiff doch kommen..... Wenn du das nur glauben oder an mich glauben wolltest ... Mutter, ich bin ein Dichter – wirklich – mit meiner ganzen Seele. Glaub' nicht, daß es Kinderträume sind oder Träume der Eitelkeit. Wenn du fühlen könntest, wie ich es sage, mit wie dankbarem Stolz auf das Beste in mir, mit wie demütiger Freude darüber, daß es ist – so fern von allem Persönlichen, von jedem Hochmut, dann würdest du es so glauben, wie ich innig wünsche, daß du es glauben möchtest. O du Liebe, Liebe! ich werde mit um das Größte kämpfen, und ich verspreche dir, daß ich nie weichen, stets treu sein werde gegen mich, und das, was ich habe. Das Beste soll mir gerade gut genug und nicht mehr sein; keinen Akkord werde ich schließen, Mutter; kann ich fühlen, daß es nicht vollhaltig ist, was ich geformt habe, oder höre ich, daß es einen Riß oder Sprung hat, wieder hinein damit in den Schmelztiegel – immer nur das Beste, was ich zu leisten vermag. Begreifst du, daß ich dies versprechen muß? Die Dankbarkeit für all meinen Reichtum treibt mich zum Versprechen, und du mußt es annehmen, und es wird ein Verbrechen gegen dich und das Höchste sein, wenn ich jemals untreu werde; denn dir danke ich es, daß meine Seele so hoch strebt; find es nicht deine Träume, dein Sehnen, die meine Fähigkeiten zum Wachsen getrieben haben, und sind es nicht deine Sympathien, dein niemals gestilltes Schönheitsverlangen, die mich dem geweiht haben, was meine Lebensarbeit werden soll?«

Frau Lyhne weinte still. Sie fühlte sich erblassen vor Glück.

Sanft legte sie beide Hände auf den Kopf des Sohnes, und dieser zog sie leise an die Lippen und küßte sie.

»Du hast mich so froh gemacht, Niels ... nun ist mein Leben doch nicht ein einziger, langer, unnützer Seufzer gewesen; es hat dich empor getragen, so wie ich es innig erhofft und erträumt habe, o Gott, so oft erträumt habe. – Und doch mischt sich so viel Wehmut in die Freude, denn, Niels, daß mein teuerster Wunsch, der Wunsch so vieler Jahre, gerade jetzt in Erfüllung gehen soll ... so kommt es nur, wenn man nicht lange mehr zu leben hat.«

»So darfst du nicht sprechen, du darfst nicht; es geht alles so gut, du wirst doch Tag für Tag stärker, nicht wahr, Mütterchen?«

»Ich sterbe so ungern,« seufzte sie vor sich hin. »Weißt du, woran ich dachte während all der schlaflosen Nächte, als der Tod so furchtbar nah erschien? ... Was mir von allem das Schwerste war? Daß es soviel Schönes und Großes da draußen in der Welt gibt, von dem ich wegsterben sollte, ohne es gesehen zu haben. Ich dachte an die tausend, tausend Seelen, denen es eine Freude gewesen, denen es Wachstum geschenkt hat; aber für mich hat es nicht existiert, und wenn meine Seele nun auf matten Flügeln armselig von dannen flatterte, so nahm sie von all der Herrlichkeit ihrer Heimat keinen güldenen Abglanz in strahlender Erinnerung mit; sie hatte ja nur in der Ofenecke gesessen und auf die Märchen von der wunderbaren Erde gelauscht. Niels, niemand kann fassen, welch unsagbares Elend es ist, so in der schwülen Dämmerung des Krankenzimmers dazuliegen und in seiner fiebererregten Phantasie zu kämpfen, um die Schönheit ungesehener Gegenden vor sich hinzuzaubern; ich erinnere mich an schneebedeckte Alpengipfel über blauschwarzen Seen, an hell schimmernde Flüsse zwischen Weinhügeln und langgestreckten Bergen, auf denen Ruinen über Wäldern emporragten, auch an hohe Hallen und Marmorgötter – und dies alles niemals erreichen zu können, es für immer verloren zu geben, um dann noch einmal von vom zu beginnen, weil es so unendlich schwer war, Lebewohl zu sagen, ohne den geringsten Teil daran zu haben ... O Gott, Niels, sich so mit ganzer Seele danach zu sehnen, während man fühlt, wie man der Schwelle zu einer anderen Welt immer näherkommt, auf der Schwelle zu stehen und so sehnsüchtig zurückzublicken, während man unaufhaltsam durch die Tür gedrängt wird, wohin einen keine Sehnsucht drängt ... Niels, nimm mich mit dir in einem Gedanken, mein Sohn, wenn du eines Tages teilhast an all der Herrlichkeit, die ich nie, niemals sehen werde.«

Sie weinte.

Niels versuchte, sie zu trösten; er machte kühne Pläne, wie sie in kurzer Zeit, wenn sie ganz gesund geworden, miteinander reisen würden; er wollte in die Stadt, um mit dem Arzt über diese Reise zu sprechen, und er war überzeugt, daß man nichts Besseres tun könne; so habe es dieser und jener gemacht und war allein schon durch die Veränderung wiederhergestellt worden; Veränderung tat ja soviel; er begann die Reiseroute, mit großer Ausführlichkeit zu verfolgen, sprach davon, wie gut er sie einpacken würde, welche kurzen Touren sie anfangs machen würden; welch köstliches Tagebuch sie führen wollten, wie sie sich auch das Allerunbedeutsamste merken würden, wie herrlich es sein würde, die sonderbarsten Sachen an den schönsten Orten zu speisen, und welche schwere Versündigung gegen die Grammatik sie im Anfang begehen würden.

So fuhr er fort sowohl an diesem Abend wie während der nächsten Tage, und er wurde nicht müde, und sie ging auch darauf ein und lächelte darüber, wie über eine lustige Phantasie; aber es war deutlich zu merken, wie fest überzeugt sie war, daß diese Reise niemals vor sich gehen würde.

Auf Rat des Arztes traf Niels jedoch alle notwendigen Vorbereitungen, und sie ließ ihn gewähren; er bestimmte den Tag der Abreise und alles andere, und sie war gewiß, daß etwas geschehen würde, um alles zunichte zu machen. Als aber nur noch ein paar Tage fehlten und ihr jüngster Bruder, der das Gut während ihrer Abwesenheit verwalten sollte, angekommen war, begann sie unsicher zu werden und war nun diejenige, die am meisten zur Abreise trieb, weil sie immer noch die Furcht hegte, daß im allerletzten Augenblick ein Hindernis auftauchen würde.

Und dann reisten sie.

Am ersten Tag machte jener letzte Rest von Furcht sie noch unruhig und nervös, und erst als dieser glücklich zu Ende gegangen, wurde es ihr möglich zu fühlen und zu verstehen, daß sie wirklich auf dem Wege zu all der Herrlichkeit sei, nach der sie sich so unendlich gesehnt hatte. Eine fast fieberhafte Freude bemächtigte sich ihrer jetzt, und eine überspannte Erwartung kennzeichnete all ihre Gedanken und Worte, die sich allein um das drehten, was ein Tag nach dem andern jetzt bringen würde.

Es kam alles – alles kam; aber es ergriff und erfüllte sie nicht mit der Macht und der Innerlichkeit, die sie erwartet hatte. Sie hatte es sich ganz anders gedacht, auch sich selbst hatte sie anders gedacht. In ihren Träumen und Gedichten war es gleichsam auf der anderen Seite des Meeres gewesen; der Nebel der Ferne hatte ahnungsvoll die Unruhe der Einzelheiten verschleiert und die Formen in großen Zügen zu einem geschlossenen Ganzen gesammelt; darüber hatte das Schweigen der Ferne seine Feststimmung gebreitet, und es war so leicht gewesen, es in Schönheit zu erfassen – aber jetzt, wo sie mitten drin war und jeder kleine Zug für sich dastand und die vielen Stimmen der Wirklichkeit hatte, und die Schönheit sich brach wie das Licht des Prismas, – jetzt vermochte sie es nicht zu sammeln – sie konnte es nicht zu sich ans andere Meeresufer bringen, und mit tiefem Mißmut mußte sie eingestehen, daß sie sich arm fühlte mitten in all diesem Reichtum, mit dem sie nichts anzufangen wußte.

Sie strebte vorwärts und immer vorwärts, um zu sehen, ob es denn keinen Ort gäbe, den sie als Fleck jener erträumten Welt wiedererkennen könne, die bei jedem Schritt, den sie getan, um ihr näherzukommen, den zauberhaften Glanz, in dem sie bis jetzt gestrahlt, zu verlieren schien, um sich ihrem enttäuschten Auge in der gewöhnlichen Beleuchtung der Allerweltssonne und des Allerweltsmondes zu zeigen. – Aber ihr Suchen wurde nicht belohnt, und da die Jahreszeit schon zu weit vorgeschritten war, eilten sie nach Clarens, wo der Arzt ihnen geraten hatte, den Winter zuzubringen, und wohin auch die letzte mattschimmernde Hoffnung die müde, traumbefangene Seele lockte; es war ja Rousseaus Clarens, Julies paradiesisches Clarens!

Dort blieben sie also; aber vergebens zeigte der Winter sich mild, und verschonte sie mit seinem kalten Hauch – vor dem Siechtum ihres Blutes konnte er sie nicht schützen; und als der Frühling auf seinem Triumphzug durch das Tal daherkam mit keimenden, sprießenden Liebkosungen und dem Evangelium des Werdens, mußte er sie welkend inmitten all dieser Üppigkeit der Erneuerung stehen lassen, ohne daß seine Kraft, die ihr schwellend aus Licht und Luft und Erde und Wasser entgegenschlug, in ihr so viel Kraft erzeugen konnte, um ihr Blut gesundheitstrunken in den großen Jubel über die Allmacht des Lenzes mit einstimmen zu machen; nein, sie mußte dahinwelken, denn der letzte Traum, der sich ihr in dem verborgenen Winkel der Heimat wie eine neue Morgenröte gezeigt hatte, der Traum von der Herrlichkeit einer fernen Welt, er hatte nicht den Tag gebracht, seine Farben waren verblichen, je näher sie ihnen kam, und sie fühlte, daß sie nur für sie erbleichten, weil sie Farben verlangt hatte, die das Leben nicht besitzt, eine Schönheit begehrt hatte, welche die Erde nicht reift. Aber die Sehnsucht erlosch nicht, still und stark brannte sie in ihrem Herzen, immer heißer in ihrem Schmerz, heiß und verzehrend.

Um sie her wurde das schönheitsschwangere Fest des Frühlings gefeiert, die weißen Schneeglöckchen läuteten es ein, die geäderten Becher der Krokusblume grüßten es jubelnd. Hundert kleine Bergströme stürzten kopfüber hinab ins Tal, um zu melden, daß der Frühling gekommen, und kamen alle zu spät; denn wo sie an grünen Ufern vorüberkamen, standen Primeln in Gelb und Veilchen in Blau und nickten, wir wissen schon, wir wissen schon, wir haben es früher gemerkt als du. Die Weiden hißten die gelben Wimpel, und krauses Farnkraut und samtweiches Moos hängten grüne Girlanden an die nackten Weinbergsmauern, während Tausende von Nesseln den Fuß der Mauer mit langen Verbrämungen in Braun und Grün und mattem Purpur verbargen. Das Gras breitete seinen grünen Mantel weit und breit aus und viele hübsche Kräuter setzten sich darauf, Hyazinthen mit Blüten wie Sterne und Blüten wie Perlen, Tausendschön tausendweise, Enzian, Anemonen und Löwenmaul und hundert andere Blumen. Und über den Blumen auf der Erde schwebten, von den hundertjährigen Stämmen der Kirschbäume getragen, wohl tausend strahlende Blüteninseln, an deren weiße Küsten das Licht schäumend schlug, und welche die Schmetterlinge, die Botschaft vom Blumenkontinent da unten brachten, blau und rot sprenkelten.

Jeder Tag brachte neue Blumen, er trieb sie in den Gärten am See in bunten Mustern aus der Erde, er lud sie unten auf den Zweigen der Bäume ab, Riesenveilchen auf der Paulownia und große purpurstreifige Tulpen auf der Magnolia. An den Wegen entlang zogen die Blumen in blauen und weißen Reihen, sie füllten die Felder mit gelben Horden, aber nirgend standen sie so dicht, wie oben zwischen den Höhen in einsamen, warmen, kleinen Tälern, wo der Lärchenbaum mit licht funkelnden Rubinzapfen im hellen Laub stand; denn dort oben blühten Narzissen in blendenden Myriaden und erfüllten die Luft in der Runde mit dem. betäubenden Duft ihrer weißen Orgien.

Mitten in all dieser Schönheit saß sie mit unbefriedigter Schönheitssehnsucht im Herzen und nur manchmal, in einer Abendstunde, wenn die Sonne hinter Savoyens lang abfallenden Höhen sank, und die Berge jenseits des Sees, wie von braunem, undurchsichtigem Glas erschienen, gleichsam als hätten die steilen Seiten das Licht eingesogen, dann vermochte die Natur ihre Sinne zu fesseln; wenn gelbbeleuchtete Abendnebel das ferne Juragebirge verhüllten, und der See, rot wie ein Kupferspiegel mit goldenen, vom Abendrot zackig umränderten Flammen mit dem Himmelsglanz in ein großes, strahlendes Meer der Unendlichkeit zusammenzufließen schien: dann war es zuweilen, als verstummte die Sehnsucht, und als hätte die Seele das Land gefunden, das sie suchte.

Je weiter der Frühling vorschritt, desto schwächer wurde sie, und bald verließ sie das Bett nicht mehr; aber jetzt fürchtete sie den Tod nicht mehr, sie sehnte sich nach ihm, denn sie hoffte, jenseits des Grabes sich von Angesicht zu Angesicht mit jener Herrlichkeit, Seele in Seele mit jener Schönheitsfülle zu finden, die sie hier auf Erden mit einer ahnungsvollen Sehnsucht erfüllt hatten; jetzt durch das steigende Verlangen langer Lebensjahre geläutert und verklärt, würde sie deshalb endlich ihr Ziel erreichen; sie träumte manch freundlich wehmütigen Traum, wie sie in der Erinnerung zu dem zurückkehren würde, was die Erde ihr gegeben, zu ihm zurückzukehren im Lande der Unsterblichkeit, wo ja alle Schönheiten des Erdreichs alle Zeit jenseits des Sees sein würden. Dann starb sie, und Niels begrub sie auf dem freundlichen Friedhof von Clarens, in dessen brauner Weinbergserde so vieler Länder Kinder ruhen, wo die gebrochenen Säulen und umflorten Urnen die gleichen Worte der Trauer in so vielen Sprachen wiederholen.

Weiß schimmern sie zwischen dunkeln Zypressen und dem im Winter blühenden Viburnum hervor; frühe Rosen schütten ihre Blätter über viele von ihnen aus, und an ihrem Fuß ist die Erde blau von Veilchen; aber um jeden Hügel und jeden Stein schlingen sich die Ranken der sanften Vinka mit ihren blanken Blättern, Rousseaus Lieblingsblume, die blauer ist als der blaue Himmel.

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