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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJens Peter Jacobsen
titleNiels Lyhne
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
translatorPaul Volk
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida5535954
created20070412
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7. Kapitel

Es war ein Frühlingsabend, die Sonne schien so rot ins Zimmer, sie war im Begriff unterzugehen. Die Flügel der Windmühle oben am Wall jagten ihre Schatten über die Fensterscheiben und die Wände des Zimmers, sie kamen und gingen im einförmigen Wechsel von Dämmerung und Licht – einen Augenblick Dämmerung, zwei Augenblicke Licht.

Niels saß am Fenster und starrte durch die bronzedunklen Rüstern des Walles in den Wolkenbrand. Er war draußen vor der Stadt gewesen, unter knospenden Buchen, in grünen Roggenfeldern, auf buntblumigen Wiesen; alles war so klar und leicht gewesen, der Himmel so blau, der Sund so blau, und die promenierenden Damen so seltsam schön. Singend war er den Waldweg entlang gegangen; aber dann sang er nicht mehr die Worte seines Liedes, der Rhythmus legte sich, zuletzt erstarben die Töne, und die Stille kam über ihn wie ein Rausch. Er hatte die Augen geschlossen, aber doch spürte er, wie das Licht sich gleichsam in ihn hineintrank und durch alle Nerven flimmerte, während die kühle, berauschende Luft das seltsam erregte Blut bei jedem Atemzug mit immer wilderer Kraft durch die machtlos bebenden Adern jagte; es war ihm, als suche das Drängende und Berstende, das Keimende, Knospende in der Frühlingsnatur sich zu einem einzigen, lauten Schrei in ihm zu sammeln; und ihn dürstete nach diesem Schrei, er lauschte auf ihn, bis das Lauschen sich zu einer unklaren, schwellenden Sehnsucht formte.

Und jetzt, wie er hier am Fenster saß, erwachte die Sehnsucht von neuem.

Er sehnt sich tausend zitternden Träumen, Bildern von kühlender Zartheit entgegen: – leichten Farben, flüchtigem Duft und zarter Musik von straffgespannten, bis zum Zerspringen gespannten Strömen silberner Saiten; – und dann Schweigen, hinein in die tiefste Herzkammer des Schweigens, wohin die Wellen der Luft nie das Atom eines Lautes trugen, wo alles sich in der stillen Glut roter Farben und in der harrenden Wärme feurigen Wohlgeruchs zu Tode ruhte. – Er sehnte sich nicht danach; aber es glitt hervor aus dem anderen und ertränkte es, bis er sich davon abwandte und das eigene wieder hervorholte.

Er war seiner selbst müde, müde der kalten Gedanken und der Hirngespinste. Das Leben ein Gedicht! Nicht, wenn man stets umherging und an seinem Leben dichtete, statt es zu leben. Wie inhaltlos das machte, leer, leer, leer. Diese Jagd auf sich selbst, schlau, auf der Spur der eigenen Spuren – immer rund im Kreise; zum Schein stürzte man sich in den Strom des Lebens, saß dann und angelte nach sich selbst, und fischte sich schnell wieder in dieser oder jener kuriosen Vermummung heraus! Wenn es ihn endlich doch übermannte – Leben, Liebe, Leidenschaft, aber so, daß er nichts daraus dichten konnte, sondern daß es aus ihm dichtete.

Unwillkürlich machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Er war doch im Innersten bange vor diesem Mächtigen, das man Leidenschaft nannte. Dieser Sturmwind, der mit allem Festen, Begründeten, Erworbenen im Menschen davon wirbelte, als seien es welke Blätter! Das liebte er nicht! Diese lodernde Flamme, die sich in ihrem eigenen Rauch verzehrte, – nein – er wollte langsam brennen.

Und doch – es war so erbärmlich dieses Dahinleben mit halber Kraft, in stillem Wasser mit der Küste in Sicht – so kommt doch Strom und Sturm! – und wenn er nur wüßte, wie? all seine Segel sollten gesetzt werden zu einer Fahrt nach des Lebens spanischem Meer. Lebt wohl, ihr langsam tropfenden Tage, lebt wohl, ihr kurzen, glücklichen Augenblicke; auch euch Lebewohl, ihr matten Stimmungen, die zur Poesie aufgeputzt werden mußten, um zu glänzen; ihr lauen Gefühle, die ihr in warme Träume gekleidet werden mußtet und doch zu Tode erstarrtet, geht, wohin ihr wollt! Ich steuere einem Strande zu, wo Stimmungen sich wie üppiges Ranken um alle Fibern des Herzens schlingen – ein wild wachsender Wald; da erblühen für jede welkende Ranke zwanzig Blüten, für jede blühende Ranke keimen hundert Keime.

Wäre ich nur dort! Er wurde müde in seiner Sehnsucht, er war seiner selbst überdrüssig. Er brauchte Menschen. Aber Erik war natürlich nicht zu Hause, mit Frithjof war er am Vormittag zusammen gewesen, und für das Theater war es zu spät.

Trotzdem ging er aus und trieb sich mißmutig in den Straßen herum. Vielleicht war Frau Boye zu Hause? Es war keiner ihrer Abende und auch schon ziemlich spät.

Ob er es trotzdem versuchte!

Frau Boye war zu Hause.

Sie war allein zu Hause. Die Frühlingsluft hatte sie zu sehr ermüdet, um die Nichte in eine Mittaggesellschaft zu begleiten; so hatte sie es vorgezogen, auf dem Sofa zu liegen, starken Tee zu trinken und Heine zu lesen; aber jetzt hatte sie von den Versen genug und wollte Lotto spielen.

Sie spielten also Lotto.

Fünfzehn, zwanzig, siebenundsiebzig, und eine lange Reihe Zahlen, das Rasseln der Holzklötzchen im Beutel und ein irritierendes Rollen von Kugeln auf dem Fußboden in der Wohnung über ihnen.

»Das ist nicht unterhaltend«, sagte Frau Boye, als sie während längerer Zeit keine Nummern besetzt hatten. »Nicht wahr? – Nein« antwortete sie sich selbst und schüttelte mißmutig den Kopf. »Aber was wollen wir sonst spielen?«

Sie faltete die Hände vor sich über den Holzklötzchen und sah Niels hoffnungslos forschend an.

Niels wußte wirklich nichts.

»Sagen Sie nur nicht Musik!«

Sie beugte das Gesicht über die Hände und berührte die Finger mit den Lippen, einen Knöchel nach dem andern, die ganze Reihe durch und wieder zurück.

»Es ist das abscheulichste Dasein, das es gibt«, sagte sie und blickte auf. »Es ist nicht möglich, das Allergeringste zu erleben, und das wenige, was das Leben abwirft, bringt uns doch nicht genug Schwung; fühlen Sie nicht dasselbe?«

»Ja, ich weiß wirklich nichts Besseres, als daß wir es machen wie der Kalif in Tausendundeinenacht. Wenn Sie zu ihrem seidenen Schlafrock nur noch ein weißes Tuch um den Kopf binden, und ich Ihren großen indischen Schal nehme, so könnten wir bestimmt für zwei Kaufleute aus Mossul gelten.«

»Und was wollten wir beiden unglücklichen Kaufleute wohl beginnen?«

»Hinunter zur Sturmbrücke gehen, ein Boot für zwanzig Goldstücke mieten und dann den dunklen Fluß hinaufsegeln.«

»Vorüber an den Sandkästen?«

»Ja, mit bunten Lampen am Mast.«

»Wie der Liebessklave Ganem. – Wie ich diesen ganzen Gedankengang wieder erkenne; es ist so recht Männerart, sofort in aller Eile Szenerie und Situation aufzubauen, und über diesen ganzen Äußerlichkeiten die Hauptsache liegen zu lassen. Haben Sie nicht bemerkt, daß wir Frauen unendlich viel weniger Phantasten sind als die Männer? Wir vermögen nicht, dem Genuß in der Phantasie vorzugreifen oder uns mit phantastischem Trost den Kummer vom Leibe zu halten. Was ist, das ist. – Die Phantasie! – Das ist so jämmerlich wenig. Ja, wenn man wie ich, älter geworden ist, so begnügt man sich zuweilen mit der armseligen Komödie der Phantasterei. Aber man sollte es nie tun, nie!«

Sie setzte sich matt im Sofa zurecht und stützte, halb liegend, halb sitzend das Kinn in die Hand und die Ellbogen auf die Kissen des Sofas.

Ihr Blick schweifte träumend im Zimmer umher, und sie schien in traurige Gedanken verloren.

Auch Niels schwieg, und es wurde sehr still. Man hörte das rastlose Hüpfen des Kanarienvogels; das Ticken der Stutzuhr klang lauter und lauter durch das Schweigen; eine Saite in dem geöffneten Klavier zog sich mit plötzlichem kurzem Sprung und tönte in langem, leise ersterbenden Ton mit dem weichen Singen der Stille zusammen.

Sie sah so jung aus in dem milden, gelblichen Licht der Astrallampe, von Kopf bis zu Füßen hell beleuchtet, und bezaubernd war die Disharmonie zwischen dem schönen, stark ausgebildeten Hals, der matronenhaften Charlotte-Corday-Haube und den unschuldigen Kinderaugen und dem offenen kleinen Munde mit den milchweißen Zähnen.

Niels blickte sie bewundernd an.

»Wie wunderlich es ist, wenn man Sehnsucht nach sich selbst hat!« sagte sie, sich langsam aus ihren Träumen losringend und mit ihrem Blick in die Wirklichkeit zurückkehrend, »ich sehne mich so oft, so oft nach mir, wie ich als junges Mädchen war, und ich liebe dieses Mädchen wie ein Wesen, dem ich innerlich nahe gestanden, mit dem ich Leben und Glück und alles geteilt, und das ich dann verloren habe, ohne auch nur das Allergeringste dagegen tun zu können. Wie schön war jene Zeit! Sie ahnen nicht, wie zart und rein das Leben eines jungen Mädchens ist bis zur Zeit der ersten Liebe. Das kann man nur in Tönen sagen; aber denken Sie es sich wie ein Fest, ein Fest in einem Feenschlosse, wo die Luft glänzt wie errötendes Silber. Es ist voll von frischen Blumen, die ständig ihre Farbe wechseln, sie tauschen langsam die Farben miteinander aus. Alles dadrinnnen klingt, jubelnd, aber gedämpft, und die dämmernden Ahnungen glänzen und glühen wie mystischer Wein in feinen, feinen Traumschalen, und es klingt und duftet; tausend Düfte ziehen durch die Säle; ach, ich könnte weinen, wenn ich daran denke, und auch wenn ich daran denke, daß dieses Leben, wenn ich alles, alles noch einmal wieder haben könnte, wie durch ein Wunder, mich nicht mehr tragen könnte; ich würde hindurchfallen wie eine Kuh, die auf Spinnweben tanzen will.«

»Nein, bestimmt nicht«, sagte Niels eifrig, und seine Stimme zitterte, als er fortfuhr, »nein, Sie würden viel feiner und vergeistigter lieben können als das junge Mädchen.«

»Vergeistigt! Wie ich diese vergeistigte Liebe hasse! Stoffblumen nur wachsen aus dem Erdreich einer solchen Liebe. Sie wachsen nicht einmal, man nimmt sie aus dem Kopf und steckt sie ins Herz, weil das Herz selbst keine Blumen hat. Gerade darum beneide ich das junge Mädchen, daß bei ihm nichts unecht ist; es braucht das Surrogat der Phantasie nicht in dem Becher seiner Liebe. Glauben Sie nicht, daß es sich, weil seine Liebe von Phantasiebildern und von Bildern großer, üppiger Unbestimmtheit durchwebt und überschattet ist, daß es sich deshalb mehr um die Bilder kümmert, als um die Erde, auf der es wandelt; das kommt nur daher, weil alle Sinne und Instinkte und Fähigkeiten in ihr überall nach der Liebe greifen – überall, ohne zu ermüden. Aber deshalb schwelgt sie nicht in ihrer Phantasie, sie ruht nicht einmal darin; nein, sie ist so realistisch, daß sie oft und manches Mal in ihrer unwissenden Art unschuldig zynisch wird. Sie ahnen zum Beispiel nicht, welch ein berauschender Genuß für ein junges Mädchen darin liegen kann, heimlich den Duft des Zigarrenrauchs einzuatmen, der an der Kleidung ihres Geliebten haftet, – das bedeutet tausendmal mehr für sie als ein ganzer Feuerbrand von Phantasie. Ich verachte die Phantasie. Was nützt das, wenn unser ganzes Wesen nach dem Herzen eines Menschen verlangt, und wir finden nur Einlaß in das kalte Vorzimmer der Phantasie! Und wie oft ist es nicht so! Und wie oft müssen wir uns nicht darein finden, daß der, den wir lieben, uns mit seiner Phantasie schmückt, uns einen Glorienschein auf den Kopf setzt, uns Flügel an die Schultern bindet, uns in ein sternenübersätes Gewand hüllt und uns dann erst der Liebe wert hält, wenn wir in dem Maskeradenzeug einhergehen, in dem keiner von uns er selbst sein kann, weil wir allzusehr geputzt sind, und man uns dadurch verwirrt, daß man sich vor uns in den Staub wirft und uns anbetet, statt uns zu nehmen, wie wir sind und uns einfach zu lieben.«

Niels war ganz verwirrt; er hatte ihr Taschentuch aufgehoben, das sie verloren, und saß nun da und berauschte sich an seinem Parfüm, und war durchaus nicht darauf vorbereitet, daß sie ihn so ungeduldig fragend ansehen würde, gerade jetzt, wo er in den Anblick ihrer Hand vertieft war; aber er brachte doch die Antwort zustande, seiner Ansicht nach sei es der größte Beweis für die Liebe eines Mannes, daß er, um die unsagbare Liebe zu einem Menschen vor sich selbst zu verantworten, dieses Wesen mit einem Schein von Göttlichkeit umgeben müsse.

»Ja, das ist es gerade, das ist das Entwürdigende«, sagte Frau Boye, »so wie wir sind, sind wir doch göttlich genug.«

Niels lächelte zuvorkommend.

»Nein, Sie dürfen nicht lächeln, es soll durchaus kein Scherz sein. Im Gegenteil, es ist sehr ernst; denn diese Anbetung ist in ihrem Fanatismus durch und durch tyrannisch; man will uns in das Ideal des Mannes hineinzwingen. Haue eine Ferse ab und schneide eine Zehe weg! das in uns, was nicht mit seiner idealen Vorstellung übereinstimmt, das muß fort; und wenn es nicht unterdrückt werden kann, so muß es übersehen werden, muß systematisch vergessen werden, jede Entwicklung muß ihm versagt bleiben; was wir aber nicht haben, was uns durchaus nicht eigentümlich ist, das soll zur wildesten Blüte getrieben werden, indem es in die Wolken gehoben wird, und indem man stets voraussetzt, daß wir es in höchstem Grade besitzen, und indem es zu dem Eck- und Grundstein gemacht wird, auf dem die Liebe des Mannes sich aufbaut. Ich nenne das eine Vergewaltigung unserer Natur. Ich nenne es Dressur. Die Liebe des Mannes dressiert. Und wir beugen uns; selbst die, die niemand liebt, beugen sich mit, verächtliche Schwächlinge, die wir sind.«

Sie erhob sich aus der liegenden Stellung und sah drohend zu Niels hinüber.

»Wäre ich schön! o! aber berauschend schön, schöner als irgendein Weib, das je gelebt hat, so daß alle, die mich sähen, von einer unauslöschlichen, schmerzlichen Liebe erfaßt, von ihr wie von einem Zauber gepackt würden; wie ich sie dann durch die Macht meiner Schönheit zwingen wollte anzubeten, nicht ihr traditionelles, blutleeres Ideal, sondern mich, wie ich ginge und stünde, mich selbst, Zoll für Zoll, Falte für Falte meines Wesens, Strahl für Strahl meiner Natur.«

Sie hatte sich nun ganz erhoben, und Niels dachte daran zu gehen; aber er stand noch und drechselte an verschiedenen dreisten Wendungen, die er doch nicht auszusprechen wagte. Endlich faßte er Mut, ergriff ihre Hand und küßte sie; sie aber reichte ihm auch die andere Hand zum Kusse, und so brachte er nichts weiter hervor als: »Gute Nacht.«

Niels Lyhne hatte sich in Frau Boye verliebt, und er war glücklich darüber.

Als er durch dieselben Straßen nach Hause ging, in denen er früher am Abend mißmutig umhergeschlendert war, schien es ihm, als sei es lange, lange her, feit er hier gegangen. Außerdem war eine gewisse Sicherheit, ein ruhiger Anstand über seinen Gang und seine Haltung gekommen, und als er seine Handschuhe sorgfältig zuknöpfte, geschah es unter dem Eindruck, daß eine große Veränderung mit ihm vorgegangen, und mit dem halbbewußten Gefühl, daß er es dieser Veränderung schulde, seine Handschuhe – sorgfältig – zuzuknöpfen.

Allzusehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um schlafen zu können, ging er hinauf auf den Wall.

Er dachte so merkwürdig ruhig, wie es ihm schien, und er wunderte sich über die Ruhe, aber er glaubte nicht recht an sie; es war ihm, als siede und walle es auf dem tiefsten Grunde seines Wesens still und unaufhörlich; als quelle es hervor und gäre und dränge vorwärts, aber weit, weit fort. Ihm war zumute, als warte er auf etwas, das aus der Ferne kommen solle, eine ferne Musik, die tönend, sausend, schäumend und brausend nach und nach näher kommen müsse, schallend auf ihn herabwirbeln, ihn ergreifen würde, er wußte nicht wie, ihn tragen würde, er wußte nicht wohin, wie ein Fluß kommen, wie eine Brandung kämpfen müsse, und dann – –

Aber jetzt war er still – nur dieses zitternde Singen in der Ferne, sonst war alles Frieden und Klarheit.

Er liebte, er sagte es laut vor sich hin, daß er liebte. Viele Male. Es lag ein so wundervoller Klang von Würde in diesen Worten, und sie bedeuteten so viel. Sie bedeuteten, daß er nicht länger Gefangener in der Gewalt jener phantastischen Einflüsse der Kindheit sei, nicht länger ein Spielball zielloser Sehnsucht und nebelhafter Träume, daß er sich aus jenem Elfenland gerettet hatte, das mit ihm und um ihn aufgewachsen war, ihn mit hundert Armen umschlungen und ihm die Augen mit hundert Händen zugehalten hatte. Er hatte sich diesen Fesseln entrungen und sich selbst gewonnen; wenn es auch noch die Hände nach ihm ausstreckte, mit stummen Blicken lockte, mit weißen Gewändern winkte, – seine Macht war tot, ein Traum, den der Tag vernichtet, ein Nebel, den die Sonne zerrissen hatte. War seine junge Liebe denn nicht der Tag und die Sonne und die ganze Welt! War er früher nicht in einem Ehrenpurpur einherstolziert, der gar nicht gesponnen; war er nicht groß gewesen auf einem Thron, der gar nicht errichtet? Aber jetzt: er stand auf einem hohen Berge und sah über die weiten Ebenen der Erde fort, eine sangesdurstige Erde, auf der er nicht lebte, auf der man ihn nicht ahnte, nicht erwartete. Es war ein jubelnder Gedanke, daß noch kein Hauch seines Atems ein Blatt bewegt, eine Woge gekräuselt hatte in dieser ganzen weiten Unendlichkeit. Alles dies war sein, um es zu erringen. Und er fühlte, er könnte es, fühlte sich siegessicher und stark, wie nur der es kann, der noch alle seine Lieder in der Brust trägt.

Die laue Frühlingsluft war voller Duft; nicht davon gesättigt wie eine Sommernacht es sein kann, sondern gleichsam vom Duft gestreift, vom würzigen Balsamduft junger Pappeln, dem kühlen Atem später Veilchen, dem süßen Mandelgeruch der Traubenkirsche – und das alles kam und vermischte sich, ging und trennte sich, flammte einen Augenblick auf, verging plötzlich oder löste sich langsam in der Nachtluft auf. Und gleich wie Schatten dieses launenvollen Tanzes aller Düfte jagten lustige Stimmungen durch sein Gemüt. Und wie die Sinne von den Düften umgaukelt wurden, die kamen und gingen, wie sie wollten, so verlangte auch die Seele vergebens danach, sanft ruhend in stillem Fluge von leise fächelnden Flügeln einer Stimmung dahingetragen zu werden; aber das waren keine Vögel mit Flügeln, die tragen konnten; nur Daunen und Federn, die der Wind vor sich hertrieb, schneiten herab und verschwanden.

Er versuchte, sich ihr Bild vorzustellen, wie sie auf dem Sofa gelegen und mit ihm gesprochen hatte, aber es gelang ihm nicht; er sah sie weit unten in einer Allee, sah sie mit einem Hut sitzen und lesen, während sie eines der großen weißen Blätter des Buches zwischen den behandschuhten Fingern hielt, im Begriffe, umzublättern und sah sie blättern und immer weiter blättern; er sah sie abends nach dem Theater in ihren Wagen steigen, ihm durch die Scheiben zunicken, und dann fuhr der Wagen fort; er blickte ihm nach, und der Wagen fuhr und fuhr, und er verfolgte ihn unaufhörlich mit den Augen; gleichgültige Gesichter kamen und sprachen mit ihm; Gestalten, die er seit Jahren nicht gesehen, gingen die Straße hinab, wandten sich um, blickten ihn an – und immer fuhr der Wagen noch, und fuhr weiter – er konnte den Wagen nicht loswerden, konnte kein anderes Bild heraufbeschwören. Und gerade, als er vor Ungeduld ganz nervös geworden, da kam es: das gelbliche Licht, die Augen, der Mund, die Hand unter dem Kinn, so deutlich, als sähe er sie vor sich im Dunkel.

Wie schön war sie doch, wie mild, wie rein! Er liebte sie und kniete voll Verlangen vor ihr, er bettelte zu ihren Füßen um all diese berauschende Schönheit. Wirf dich von deinem Thron herab zu mir; mach dich zu meiner Sklavin, leg selbst die Sklavenkette um deinen Hals, aber nicht im Spiel; ich will an der Kette zerren, es soll Gehorsam in allen deinen Gliedern, Unterwerfung in deinen Blicken liegen. Ach, daß ich dich durch einen Liebestrank zu mir beugen könnte; nein, keinen Liebestrank, denn er würde dich zwingen, und du müßtest willenlos dem Zwange gehorchen, und nur ich allein will dein Herr sein, und ich würde deinen Willen entgegennehmen, der gebrochen in deinen demütig ausgestreckten Händen liegt. Du solltest meine Königin und ich dein Sklave sein, aber mein Sklavenfuß müßte auf deinem stolzen Königinnennacken stehen; was ich begehre, ist nicht Wahnwitz, denn das ist doch Frauenliebe, stolz und stark zu sein und sich zu beugen; das weiß ich schon, daß lieben heißt, schwach zu sein und zu herrschen.

Er fühlte, daß er das in ihrer Seele, was die Seele des Üppigen, Blühenden, Sinnlich-Weichen ihrer Schönheit war, niemals zu sich würde zwingen können; daß ihn niemals diese blendenden Junoarme umfangen würden, nie in aller Ewigkeit der wollustatmende Nacken der Gewalt seiner Küsse hingegeben würde. Er sah wohl ein, daß er das junge Mädchen in ihr erringen könnte, wohl schon errungen hatte, und sie, die Üppige hatte gefühlt – das glaubte er sicher – wie die junge Schönheit, die in ihr gestorben, sich geheimnisvoll in ihrem lebenden Grabe rührte, um ihn mit schlanken Jungfrauenarmen zu umfangen, ihn mit bunten Jungfrauenlippen zu küssen. Aber so war seine Liebe nicht. Er liebte nur das, was nicht zu erringen war, liebte gerade diesen Nacken mit seiner warmen Blütenweiße und dem goldenen Schein unter dem dunkeln Haar. Er schluchzte vor Liebessehnsucht und rang die Hände in schmerzlicher Ohnmacht; er schlang die Arme um einen Baum, legte die Wange an die Rinde und weinte.

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