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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJens Peter Jacobsen
titleNiels Lyhne
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
translatorPaul Volk
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida5535954
created20070412
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4. Kapitel

Es gibt Menschen, die ihren Kummer auf sich nehmen und ihn tragen, starke Naturen, die gerade an der Schwere der Bürde ihre Stärke erproben; während die, die schwächer sind, sich willenlos dem Schmerz hingeben, wie man sich einer Krankheit hingibt; und der Kummer durchdringt sie wie eine Krankheit, er saugt sich in ihr innerstes Wesen ein und wird eins mit ihnen, formt sich in langsamem Kampf in ihnen um und verliert sich in ihnen in völliger Genesung.

Aber es gibt auch Menschen, für die der Schmerz eine Gewalttat ist, die gegen sie verübt wird, eine Grausamkeit, die sie nie als Prüfung oder Züchtigung und ebensowenig als das gewöhnliche Schicksal ansehen lernen. Für sie ist er Zeugnis einer Tyrannei, etwas persönlich Gehässiges, und immer bleibt ein Stachel in ihrem Herzen zurück.

Nicht oft trauern Kinder in dieser Weise; Niels aber tat es. Hatte er doch in der Innigkeit seines Gebetes gleichsam Gott von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden; auf den Knien hatte er sich bis an die Stufen des Thrones herangeschleppt, und wenn auch die Hoffnung in ihm vor Angst gebebt hatte, so hatte er doch fest an die Allmacht des Gebetes geglaubt, hatte mutig gehofft, sich Erhörung zu erflehen; – und doch hatte er sich aus dem Staube erheben und mit beschämter Hoffnung von dannen gehen müssen. Er hatte mit seinem Glauben nicht das Wunder von seinem Himmel herabholen können; kein Gott hatte auf seinen Ruf geantwortet; der Tod war ohne Zögern auf seine Beute zugeschritten, als gäbe es keine schützende Mauer des Gebets, bis zum Himmel hochgerichtet.

Es wurde still in ihm.

Sein Glaube hatte sich in blindem Flug gegen die Tore des Himmels geworfen, und nun lag er mit gebrochenen Flügeln auf Edeles Grab. Denn er hatte geglaubt; er hatte den unbekümmert strahlenden Märchenglauben gehabt, der sooft dem Kinde eigen ist. Nicht der zusammengesetzte, fein abgestimmte Gott des Lehrbuches ist es, an den die Kinder glauben, – es ist der gewaltige, alttestamentarische Gott, er, der Adam und Eva so lieb hatte, vor dem das ganze Menschengeschlecht, Könige, Propheten, Pharaonen nur artige oder unartige Kinder sind, ein gewaltstarker, väterlicher Gott, der mit dem Zorn eines Riesen zürnt und freigebig ist mit der Freigebigkeit eines Riesen, der, da er kaum das Leben geschaffen hat, den Tod schon wieder darauf hetzt, der seine Erde in Gewässern des Himmels ertränkt, der Gesetze herabdonnert, zu schwer für das Geschlecht, das er erschaffen; und der dann in den Tagen des Kaisers Augustus Mitleid empfindet und seinen Sohn in den Tod schickt, damit das Gesetz gebrochen werde, das jene hält. Das ist der Gott, der stets das Wunder als Antwort hat, zu ihm sprechen die Kinder in ihren Gebeten. Dann kommt wohl der Tag, wo sie begreifen, daß sie in dem Erdbeben, das Golgatha erschüttert und die Gräber sprengt, seine Stimme zum letztenmal gehört haben, und daß jetzt, wo der Vorhang des Allerheiligsten zerrissen, Jesus der Gott ist, der regiert; und von diesem Tage an beten sie anders.

Aber so weit war Niels noch nicht. Wohl war er Jesus mit gläubigem Sinn auf seiner Erdenwanderung gefolgt; aber daß dieser sich beständig Gott Vater unterordnete, so machtlos einherging und so menschlich litt, ließ seine Gottheit für Niels verborgen bleiben; er hatte in ihm nur den gesehen, der des Vaters Willen tat, Gottes Sohn nur, nicht Gott selbst, und deshalb hatte er zu Gott dem Vater gebetet, und Gott der Vater hatte ihn in seiner bitteren Not verlassen. Hatte aber Gott sich von ihm gewendet, so konnte auch er sich von Gott wenden. Hatte Gott kein Ohr, so hatte er keine Lippen; hatte Gott keine Gnade, so hatte er auch keine Anbetung – und er trotzte, und wies Gott aus seinem Herzen.

An dem Tag, da Edele begraben wurde, stampfte er verächtlich mit dem Fuß die Erde des Grabes, sooft der Prediger den Namen des Herrn nannte, und wenn er später in Büchern und im Munde der Leute dem Namen Gottes begegnete, so runzelte er empört die Kinderstirn. Wenn er sich am Abend schlafen legte, so erwachte ein wunderliches Gefühl verlassener Größe in ihm, wenn er dachte, wie jetzt alle, Kinder und Erwachsene, zu Gott dem Herrn beteten und die Augen in seinem Namen schlössen, während er allein die Hände nicht faltete, er allein Gott die Ehre versagte. Er war von der Obhut des Himmels ausgeschlossen, kein Engel wachte an seiner Seite; einsam und unbeschützt trieb er auf den seltsam murmelnden Wässern der Dunkelheit umher, und die Einsamkeit breitete sich über ihn aus und zog immer weitere und weitere Kreise um sein Lager. Aber er betete doch nicht; sehnte er sich auch bis zu Tränen, er rief doch nicht.

Und so blieb es sein Leben lang; denn voll Trotz löste er sich los von der Anschauungsweise, in die der Unterricht ihn gebannt hatte, und floh mit seiner Sympathie auf die Seite derer, die ihre Kräfte vergebens gebraucht hatten, gegen den Stachel zu löcken.

In den Büchern, die man ihm zu lesen gegeben, und in dem, was man ihn gelehrt, zogen Gott und die Seinen – Völker und Ideen – in unaufhaltsamen Siegeszug dahin; und der Jubel hatte ihn mitjubeln lassen, hingerissen von dem glückseligen Gefühl, zur stolzen Legion der Sieger gezählt zu werden; denn ist der Sieg nicht stets gerecht, und ist der Sieger nicht stets der Befreier, Förderer, Lichtbringer?

Jetzt aber war der Jubel in ihm verstummt, jetzt schwieg er, dachte mit den Gedanken der Überwundenen, fühlte mit den Herzen der Geschlagenen, er begriff, daß, weil das Siegende gut ist, das Unterliegende nicht gleich schlecht zu sein braucht; und jetzt nahm er Partei, sagte, dieses sei besser, fühlte, dieses sei größer, und nannte die Siegesstärke Gewalt und Übermacht. Er nahm Partei – so sehr er konnte – gegen Gott, aber wie ein Vasall, der gegen seinen rechtmäßigen Herrn zu den Waffen greift, denn er glaubte noch und konnte den Glauben nicht forttrotzen.

Sein Lehrer, Herr Bigum, war nicht der Mann, der einer Seele wieder zurückhelfen konnte. Im Gegenteil. Seine Stimmungsphilosophie, die sich von allen Seiten zu einer Sache hinreißen und begeistern ließ, heute von dieser, morgen von der entgegengesetzten, brachte bei seinem Zögling sämtliche Dogmen zum Treiben. Er war eigentlich ein christlicher Mann, und würde wahrscheinlich wenn man ihn dazu hätte bringen können bestimmt zu erklären, was denn für ihn das Feste in all dem Fließenden sei, wohl gesagt haben, daß es der Glaube und die Lehrsätze der lutherisch-evangelischen Kirche seien, oder auf jeden Fall etwas Ähnliches; aber er war nun einmal so sehr wenig dazu angetan, seine Zöglinge auf dem scharf abgegrenzten Pfad des Kirchenglaubens vorwärts zu treiben und ihnen bei jedem Schritt zuzurufen, das geringste Überschreiten der Grenzpfähle sei ein Weg der Lüge und Dunkelheit zur Verderbnis der Seele und zur Hölle; denn der Rechtgläubigkeit leidenschaftliche Genauigkeit für Titelchen und Pünktchen fehlte ihm völlig. Er war nämlich religiös auf jene ein wenig spielerisch-überlegene Art, die solche Begabungen sich anzunehmen erlauben; sie scheuen sich nicht, alles ein wenig harmonisch zu gestalten und lassen sich leicht zu halb unwillkürlichen Umdichtungen und Zurichtungen verleiten, weil sie in allem und jedem zuerst ihre eigene Persönlichkeit hervorheben, und, in welchen Sphären sie auch fliegen, das Rauschen ihrer eigenen Geistesschwingen vor allem hören müssen.

Solche Leute führen ihre Schüler nicht; aber in ihrem Unterricht liegt eine Fülle, eine Mannigfaltigkeit, eine etwas schwankende Vielseitigkeit, die, wenn sie den Schüler nicht verwirrt, einen hohen Grad von Selbständigkeit in ihm entwickelt und ihn fast zwingt, sich eine eigene Meinung zu bilden; denn Kinder beruhigen sich niemals bei etwas Unbestimmtem oder Schwebendem, sondern aus instinktmäßigem Selbsterhaltungstrieb fordern sie stets ein reines Ja oder ein reines Nein, ein Für oder Wider, damit sie wissen, welchen Weg sie mit ihrer Liebe, und welchen sie mit ihrem Haß einzuschlagen haben.

So gibt es denn keine anerkannte und unerschütterliche Autorität, die Niels mit ewigem Feststellen und Wegweisen zurückführen kann. Er hat die Zügel zwischen die Zähne genommen und läuft jetzt jeden neuen Pfad, der sich ihm zeigt, wenn er nur wegführt von dem, was vordem das Heim seiner Gefühle und Gedanken gewesen.

Es liegt ein neues Gefühl von Kraft darin, so mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenem Herzen zu wählen, und an sich selber zu formen, so manches taucht in seinem Geiste auf, so viele unbeachtete zerstreute Seiten seines Wesens sammeln sich so wunderbar zu einem vernünftigen Ganzen. Es ist eine berauschende Entdeckungszeit, in der er nach und nach angstvoll in unsicherem Jubel, voll ungläubigem Glück sich selbst entdeckt. Zum erstenmal sieht er, daß er nicht wie die andern ist; eine geistige Schamhaftigkeit erwacht in ihm und macht ihn scheu und wortkarg und verlegen. Er ist allen Fragen gegenüber mißtrauisch und findet in allem, was gesagt wird, Anspielungen auf seine verborgensten Seiten. Weil er gelernt hat, in sich selbst zu lesen, glaubt er auch, daß alle anderen lesen können, was in ihm geschrieben steht, und er zieht sich zurück von den Erwachsenen und streift einsam umher. Die Menschen sind plötzlich so seltsam zudringlich geworden. Er hat ein feindliches Gefühl ihnen gegenüber, wie bei Wesen einer anderen Rasse, und in seiner Einsamkeit nimmt er sie vor und betrachtet sie spähend und aburteilend. Früher waren die Namen: Vater, Mutter, der Pastor, der Müller vollkommen genügende Erklärungen. Der Name hatte ihm die Person vollständig verborgen. Der Pastor war der Pastor; mehr war von der Sache nicht zu sagen gewesen. Aber jetzt sah er, daß der Pastor ein kleiner, lustiger Mann war, der zu Hause so still und zahm wie möglich war, um nur nicht von seiner Frau bemerkt zu werden, während er sich draußen in einen Rausch von Empörung und freiheitsdurstiger Gewalttätigkeit hinein redete, um das Joch daheim zu vergessen.

Das war aus dem Pastor geworden.

Und nun Herr Bigum?

Er hatte ihn in jener Stunde der Leidenschaft unten im Garten bereit gesehen, für Edeles Liebe alles von sich zu werfen, er hatte gehört, wie er sich und den Geist, der in ihm war, verleugnete – und jetzt sprach er unaufhörlich von der olympischen Ruhe des philosophischen Menschen gegenüber den vagen Wirbelwinden und den dunstgeborenen Regenbogen des Lebens. Welch schmerzliche Verachtung erweckte das in dem Knaben, wie wachsam und rege machte es seinen Zweifel! Er wußte ja nicht, daß das, was Herr Bigum bei andern Leuten mit niedrigen Namen benannte, ganz anders getauft wurde, wenn es ihn selbst betraf, und daß seine olympische Ruhe dem gegenüber, was die Menschen in Bewegung brachte, nur das verächtliche Lächeln eines Titanen war, voller Erinnerungen an die Sehnsucht der Titanen, an die Leidenschaften der Titanen.

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