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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJens Peter Jacobsen
titleNiels Lyhne
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
translatorPaul Volk
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida5535954
created20070412
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2. Kapitel

In gewisser Weise führte das Kind die Eltern wieder zusammen, denn an seiner Wiege fanden sie sich stets in gemeinsamer Hoffnung, in gemeinsamer Freude und in gemeinsamer Furcht; an das Kind dachten sie und von ihm sprachen sie gleich gern und gleich oft; und dann war einer dem andern so dankbar für das Kind und für seine Freude darüber und seine Liebe zu ihm.

Aber es lag doch eine weite Kluft zwischen ihnen.

Lyhne ging ganz auf in seiner Landwirtschaft und in Gemeindeangelegenheiten, ohne doch in irgendeiner Weise führend oder reformierend aufzutreten; aber er arbeitete sich gewissenhaft in das Bestehende hinein, sah als beteiligter Zuschauer zu und gab sein Einverständnis zu den vernünftigen Verbesserungen, die sein alter Großknecht oder der Gemeindeälteste nach genauer Überlegung, nach sehr genauer Überlegung vorschlugen.

Die Kenntnisse zu verwerten, die er in früherer Zeit erworben hatte, das fiel ihm niemals ein; dazu hatte er viel zu wenig Vertrauen zu dem, was er Theorie nannte und allzu viel Achtung vor den durch alten Brauch geheiligten Erfahrungssätzen, die die andern das wirklich Praktische nannten. Überhaupt deutete nichts an ihm darauf hin, daß er nicht Zeit seines Lebens an diesem Ort und in dieser Weise gelebt hatte. Eine Kleinigkeit jedoch ausgenommen. Nämlich diese, daß er oft halbe Stunden lang an einer Hecke, oder auf einem Grenzstein sitzen und in seltsam vegetativer Ergriffenheit auf den üppig grünenden Roggen, oder den goldnen, ährenschweren Hafer starren konnte. Das hatte er anderswoher; das erinnerte an den früheren Lyhne, den jungen Lyhne.

Bartholine, in ihrer Welt, fand sich nicht so schnell zurecht, nicht so auf einmal, ohne Aufhebens und Herumtasten. Nein, erst klagte sie in den Versen von hundert Dichtern, in der weitschweifigen Breite jener Zeit über die tausend Fesseln, Bande und Schranken des menschlichen Lebens; bald kleidete die Klage sich in laute Wut, die ihren Wortgeifer gegen die Throne der Kaiser und die Gefängnisse der Tyrannen schleudert, bald in den stillen, mitleidigen Kummer, der das reiche Licht der Schönheit zurückweichen sieht von einem blinden und sklavisch gesonnenen Geschlecht, geknechtet und niedergebeugt von der gedankenlosen Geschäftigkeit des Tages; – und dann wieder war das Gewand dieser Klage wie das stille Seufzen nach dem freien Flug des Vogels oder nach der Wolke, die so leicht in die Ferne segelt.

Aber sie wurde zu klagen müde, und die aufreizende Ohnmacht der Klage stachelte sie an zu Zweifel und Bitterkeit; und wie gewisse Gläubige ihren Heiligen zertrümmern und ihn mit Füßen treten, wenn er seine Macht nicht zeigen will, so verspottete sie jetzt die vergötterte Poesie und höhnisch fragte sie sich wohl selber, ob nicht nächstens der Vogel Rock sich unten auf dem Gurkenbeet zeigen oder Aladins Höhle sich unter dem Fußboden des Milchkellers auftun würde; in kindischem Zynismus belustigte sie sich damit, die Welt übertrieben prosaisch zu machen, nannte den Mond einen grünen Käse und die Rosen Potpourri, alles in dem Gefühl, daß sie sich räche, aber zugleich auch mit dem halb ängstlichen, halb aufreizenden Bewußtsein, daß dies Blasphemie sei.

Der Befreiungsversuch, der hierin lag, mißglückte. Sie versank wieder in ihre Träume, Träume aus der Mädchenzeit; aber es bestand der Unterschied, daß nun keine Hoffnung aus ihnen hervorleuchtete; und dazu kam dann noch: sie hatte gelernt, daß alles nur Träume waren, ferne, betörende Luftgebilde, die keine Sehnsucht der Welt zu ihrer Erde herabzuziehen vermochte; und wenn sie sich ihnen jetzt hingab, so geschah es nur mit Unruhe, und trotz einer strafenden Stimme in ihrem Innern, die ihr sagte, daß sie dem Trinker gleiche, der weiß, daß seine Leidenschaft verderblich ist, und daß jeder neue Rausch seiner Schwäche Kräfte nehme und sie der Macht seiner Leidenschaft hinzufüge. Aber die Stimme sprach vergebens, denn ein nüchtern gelebtes Leben ohne das süße Laster der Träume war kein mögliches Leben – das Leben hatte ja nur den Wert, den die Träume ihm verliehen.

So verschieden waren des kleinen Niels Lyhne Vater und Mutter, die beiden freundlichen Mächte, die ohne es zu wissen, einen Kampf um seine junge Seele kämpften, von dem Augenblick an, wo sich nur ein Schimmer von Intelligenz zeigte, mit der etwas anzufangen war; und je älter das Kind wurde, desto heftiger wurde der Kampf, denn um so reicher wurde die Auswahl unter den Waffen.

Die Eigenschaft des Sohnes, durch die die Mutter auf ihn einzuwirken suchte, war seine Phantasie, und Phantasie besaß er in vollem Maß; aber schon als ganz kleines Kind zeigte er, daß für ihn ein bedeutender Unterschied bestand zwischen der Fabelwelt, die der Mutter Worte schuf und der, die wirklich war; denn es geschah mehr als einmal, wenn die Mutter ihre Märchen erzählte, und die große Bedrängnis des Helden schilderte, daß Niels, der gar keinen Ausweg aus all diesem Jammer zu finden vermochte, und nicht mehr wußte, wie all diesem Elend abgeholfen werden könne, das sich in undurchdringlichem Ring enger und enger um ihn und seinen Helden auftürmte, – ja, da geschah es manches Mal, daß Niels plötzlich seine Wange an die der Mutter preßte und mit Tränen in den Augen und bebenden Lippen flüsterte: »Aber dies ist doch nicht wirklich wahr?« Und wenn er dann die tröstende Antwort erhalten, die er erhoffte, so seufzte er tief erleichtert auf und lauschte der Geschichte in ruhigem Wohlbehagen zu Ende.

Aber die Mutter liebte eigentlich diese Fahnenflucht nicht.

Als er zu groß geworden war für die Märchen, und sie müde wurde, immer neue zu erdichten, erzählte sie ihm mit kleinen Ausschmückungen von all den Heroen aus Krieg und Frieden, deren Leben geeignet war, darzutun, welche Macht einer Menschenseele innewohnt, wenn sie nur das Eine, das Große will und sich nicht mutlos abschrecken läßt von dem kurzsichtigen Zweifel des Tages, noch herabsinkt in weichen, tatenlosen Frieden. Das war der Ton ihrer Erzählungen, und da die Weltgeschichte nicht Helden genug hatte, die paßten, so erwählte sie sich einen Phantasiehelden, über dessen Taten und Schicksale sie frei verfügen konnte – so recht einen Helden nach ihrem eigenen Herzen, Geist von ihrem Geiste, Fleisch von ihrem Fleische, Blut von ihrem Blute genährt. Einige Jahre nach Niels Geburt hatte sie nämlich einen toten Knaben zur Welt gebracht, und eben diesen wählte sie; all das, was er hätte werden und vollbringen können, wurde nun dem Bruder in wildem Wechsel vorgeführt, Prometheussehnen, Messiasmut und Herkuleskräfte, naive Travestien voll unbändiger Verschrobenheit, eine Welt wohlfeiler Phantastereien, die von dem, was Wirklichkeit war, nicht mehr in sich trugen, als eben dieses arme, kleine Kinderskelett, das dort oben auf dem Lönborger Friedhof in Staub und Asche zerfiel.

Niels irrte sich nicht in der Moral dieser Erzählungen; er begriff vollkommen, daß es verächtlich sei, so zu werden, wie die Menschen im allgemeinen waren; er war auch bereit, das harte Schicksal auf sich zu nehmen, das den Heroen zufiel; und in der Phantasie litt er willig unter den aufreibenden Kämpfen, dem harten Mißgeschick, dem Martyrium des Verkanntwerdens und der friedlosen Siege, – aber es war ihm doch eine unvergleichliche Erleichterung, daß es bis dahin noch gute Weile habe – daß all das erst kommen sollte, wenn er groß war.

Wie die Traumbilder, Traumtöne einer Nacht eingehen in den wachen Tag und in Nebelformen, im verklingenden Ton den Gedanken anrufen können, so daß er eine flüchtige Sekunde gleichsam aufhorcht, verwundert fragt, ob ihn Wirklichkeit rief – so flüsterten die Vorstellungen jener traumgeborenen Zukunft leise durch Niels Lyhnes Kindertage und erinnerten ihn sanft doch unaufhörlich daran, daß dieser glücklichen Zeit eine Grenze gesetzt sei, und daß sie endlich eines Tages nicht mehr sein würde.

Solches Bewußtsein erweckte den Drang, das Leben der Kindheit in seiner ganzen Fülle zu genießen, es durch alle Sinne einzusaugen, nicht einen Tropfen zu vergeuden, nicht einen einzigen, und darum lag in seinen Spielen eine Innerlichkeit, die sich zur Leidenschaft steigerte unter dem Druck des unruhigen Gefühls, daß die Zeit für ihn verrann, ohne daß er aus ihren vollen Wellen alles hätte bergen können, was sie Welle auf Welle brachte; und darum konnte er sich zu Boden werfen und vor Verzweiflung schluchzen, wenn er sich an einem freien Tage langweilte, weil ihm dies oder jenes fehlte, Spielkameraden, Erfindungsgabe oder trockenes Wetter; und darum ging er stets so ungern zu Bett, denn der Schlaf war das Ereignislose, das völlig Empfindungslose. Aber nicht immer war es so.

Es geschah auch, daß er sich müde lief, und daß seine Phantasie keine Farben mehr hatte. Dann fühlte er sich ganz und gar unglücklich, fühlte sich zu klein und nichtig für seine ehrgeizigen Träume, ja, es erschien ihm, daß er ein unwürdiger Lügner sei, der sich frech den Anschein gegeben hatte, das Große zu lieben und zu verstehen, während er in Wirklichkeit nur Gefühl für das Gemeine hatte, während er das Alltägliche liebte, und alle, alle niedrigen Wünsche und Begierden lebendig in sich trug; ja, es geschah auch, daß er gegen das Erhabene den Klassenhaß des Gewürms empfand, und voll Freude diese Heroen gesteinigt hätte, die von besserem Blute waren als er, und die wußten, daß sie es waren.

An solchen Tagen mied er seine Mutter, und mit dem Gefühl, daß er einem unedlen Instinkt folge, suchte er den Vater und hatte ein williges Ohr und einen empfänglichen Sinn für dessen erdgebundene Gedanken und traumlose Erklärungen. Er fühlte sich dann so wohl beim Vater, war so froh, daß sie einesgleichen waren und vergaß beinahe, daß dies derselbe Vater war, auf den er von den Zinnen seines Traumschlosses voll Mitleid herabgesehen hatte. Natürlich stand dies nicht mit der Klarheit und Bestimmtheit vor seinem kindlichen Bewußtsein, die das gesprochene Wort den Dingen verleiht – aber es war doch da, unfertig, ungeboren, als unbestimmter, ungreifbarer Keim; es glich der seltsamen Vegetation eines Meeresgrundes, durch fahles Eis gesehen; schlagt das Eis in Stücke oder zieht das dunkel Lebende an das Licht der Worte: das gleiche geschieht – das, was ihr dann sehen und greifen könnt, ist in seiner Klarheit nicht das Dunkle, das gewesen.

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