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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJens Peter Jacobsen
titleNiels Lyhne
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
translatorPaul Volk
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida5535954
created20070412
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1. Kapitel

Sie hatte der Blider schwarze, strahlende Augen mit den feinen, schnurgeraden Brauen, sie hatte ihre stark ausgebildete Nase, ihr kräftiges Kinn und ihre schwellenden Lippen. Auch den seltsamen, schmerzlich sinnenden Zug um die Mundwinkel und die unruhigen Kopfbewegungen hatte sie geerbt; ihre Wange aber war bleich und weich wie Seide war ihr Haar, das sich glatt und leicht um die Form des Kopfes legte.

So waren die Bliders nicht; ihre Farben waren Rosen und Bronze. Ihr Haar war struppig und kraus, wie eine Mähne so dicht; und tiefe, volle, biegsame Stimmen hatten sie, seltsame Zeugnisse für die Überlieferungen ihrer Familie – von lärmenden Jagdfahrten, feierlichen Morgenandachten und den tausend Liebesabenteuern ihrer Vorfahren.

Aber ihre Stimme war matt und klanglos.

Ich erzähle von ihr, wie sie als Siebzehnjährige war; ein paar Jahre später, als sie verheiratet war, hatte ihre Stimme mehr Fülle, die Farbe der Wangen war frischer, und das Auge zwar matter, zugleich aber größer und dunkler geworden.

Mit siebzehn Jahren aber war sie sehr verschieden von ihren Geschwistern, und es bestand auch eigentlich kein nahes Verhältnis zwischen ihr und ihren Eltern. Die Bliders nämlich waren ein praktisches Geschlecht und nahmen das Leben so, wie es war; sie taten ihre Arbeit, schliefen ihren Schlaf und verlangten nie nach anderen Vergnügungen als nach dem Erntefest und drei, vier Weihnachtsschmäusen. Religiös bewegt waren sie nicht; aber es hätte ihnen ebenso leicht einfallen können, ihre Steuern nicht zu zahlen, als Gott nicht zu geben, was Gott gebührte; und deshalb sprachen sie ihr Abendgebet, gingen an hohen Feiertagen in die Kirche, sangen am Weihnachtsabend ihren Choral und nahmen zweimal im Jahr das heilige Abendmahl. Sie waren auch nicht wißbegierig, aber ihr Sinn war durchaus nicht unempfänglich für kleine, sentimentale Lieder, und wenn der Sommer kam, und das Gras dicht und üppig auf den Wiesen wuchs, und die Ähren auf den weiten Äckern wogten, dann sagten sie wohl zueinander, daß die Zeit schön sei, um über Land zu fahren; aber sie waren keine besonders poetischen Naturen; Schönheit berauschte sie nicht, sie hatten keine unbestimmte Sehnsucht, kannten keine wachen Träume.

Aber mit Bartholine war es anders; sie hatte durchaus kein Interesse für die Ereignisse im Stall und auf den Feldern, kein Interesse für Meierei und Haushalt – nicht das geringste.

Sie liebte Gedichte.

In Gedichten lebte sie, in Gedichten träumte sie, und an Gedichte glaubte sie beinahe mehr als an alles andere. Eltern und Geschwister, Nachbarn und Bekannte sprachen nie ein Wort, das anzuhören gelohnt hätte, denn ihre Gedanken erhoben sich nie über das Fleckchen Erde oder über die Arbeit, die sie unter den Händen hatten; ebensowenig wie ihre Blicke jemals über Verhältnisse und Begebenheiten hinaussahen, die sie vor Augen hatten. –

Aber ihre Gedichte! Die waren für sie voll neuer Gedanken und tiefsinniger Weisheit vom Leben draußen in der Welt, wo der Kummer schwarz, und die Freude rot ist; sie funkelten von Bildern, schäumten und perlten in Rhythmen und Reimen; – sie handelten immer von jungen Mädchen, und die jungen Mädchen waren edel und schön, sie wußten selbst kaum wie sehr, ihre Herzen und ihre Liebe waren mehr wert als alle Reichtümer der Welt; und die Männer trugen sie auf Händen, hielten sie hoch empor in den wonnigen Glanz des Glücks, ehrten sie und beteten sie an, waren glücklich, ihre Gedanken und Pläne, Sieg und Ehre mit ihnen teilen zu dürfen, und sagten dann noch obendrein, daß diese glücklichen jungen Mädchen ihnen alle Pläne ersonnen und alle Siege errungen hätten.

Und warum sollte man nicht selbst solch ein Mädchen sein können? Diese sind so – und jene so – sie selbst aber wissen es nicht; weiß ich denn, wie ich bin? und die Dichter sagen ausdrücklich, dies sei das Leben, und leben bedeute nicht nähen und stricken, den Haushalt führen und dumme Besuche machen.

Eigentlich lag, genau genommen, in all dem nur der ein wenig krankhafte Trieb, sich selbst zu fühlen, das Streben, sich selbst zu finden, das so oft bei einem jungen, mehr als gewöhnlich begabten Mädchen erwacht; schlimm aber war, daß sich in ihrer Umgebung keine einzige überlegene Natur befand, an der sie ihre eigene Begabung hätte messen können; nicht einmal eine verwandte Natur gab es, und so kam sie dazu, sich selbst als etwas Merkwürdiges, Einzigartiges, als tropisches Gewächs zu betrachten, das unter rauhem Himmelsstrich emporgeschossen nur kümmerlich seine Blätter zu entfalten vermag, während es in wärmerer Luft, unter einer heißeren Sonne schlanke Stengel mit einem wunderbar reichen, strahlenden Blumenflor getrieben hätte. Das, meinte sie, sei ihr eigentliches Wesen, und das hätte rechte Umgebung aus ihr machen können, und sie träumte tausend Träume von diesen sonnigen Gegenden, verzehrte sich vor Sehnsucht nach ihrem wahren, reichen Ich und vergaß, was zu vergessen so nahe liegt, daß selbst die schönsten Träume, das tiefste Sehnen den menschlichen Geist nicht um einen Zoll fördern.

 

Dann kommt eines Tages einer und freit um sie. Es war der junge Lyhne auf Lönborghof. Letzter männlicher Sprosse seines Geschlechts, das während drei Generationen zu den intelligentesten in der Provinz gehört hatte. Als Bürgermeister, Amtsverwalter oder königliche Kommissarien, häufig mit dem Justizrattitel bedacht, dienten sie in reiferem Alter ihrem König und ihrem Vaterland. In ihren jungen Jahren hatten sie auf vernünftig geordneten und gründlich durchgeführten Studienreisen in Frankreich und Deutschland ihren leichtempfänglichen Geist mit den Kenntnissen, Kunstgenüssen und Lebenseindrücken bereichert, die ihnen die fremden Länder in so reichem Maße boten; und wenn sie dann heimkehrten, so wurden die Erinnerungen an jene Jahre im Ausland nicht beiseite gelegt, wie man die Erinnerung an ein Fest abtut, dessen letztes Licht und letzter Ton leise verschweben; nein, das Leben in der Heimat wurde auf diesen Jahren aufgebaut und die einmal geweckten Interessen ließ man nicht in Verfall geraten, sondern pflegte und förderte sie durch alle Mittel, die zu Gebote standen; so waren denn ausgesuchte Kupferstiche, kostbare Bronzen, deutsche Dichterwerke, französische Rechtsabhandlungen und französische Philosophie Alltagsdinge und Alltagsgespräche im Hause der Lyhne.

Was ihr Wesen betraf, so bewegten sie sich mit einer altmodischen Leichtigkeit und stilvollen Liebenswürdigkeit, die oft eigentümlich genug abstach von der plumpen Majestät und unbeholfenen Stattlichkeit ihrer Standesgenossen. Ihre Rede war breit abgerundet, zierlich pointiert, aber ein wenig affektiert rhetorisch, das ließ sich nicht leugnen; aber sie paßte ausgezeichnet zu diesen großen, breiten Gestalten, mit den hohen, gewölbten Stirnen, dem dichten lockigen Haar, den hellen, ruhig lächelnden Augen und den feingeformten, ein wenig gebogenen Nasen; der untere Teil des Gesichts hingegen war zu grob, der Mund zu breit, und die Lippen waren auch zu voll.

Doch wie diese äußeren Züge schwächer bei dem jungen Lyhne hervortraten, so war auch gleichsam die Intelligenz in ihm müde geworden; und sowohl die geistigen Aufgaben als auch die ernsten Kunstgenüsse, die er auf seinem Wege getroffen, hatten keinerlei Eifer oder Streben in ihm geweckt; seiner Pflicht getreu hatte er sich mit ihnen beschäftigt und Anstrengungen gemacht; die Anstrengungen jedoch wurden keineswegs durch die Freude erträglicher, die er etwa darüber empfand, seine Kräfte in Schwung kommen zu fühlen, und kein stolzes Selbstgefühl belohnte sie, als es sich zeigte, daß diese Kräfte ausreichten. Die Befriedigung darüber, daß er überhaupt gerungen hatte, war der einzige Lohn, den er erhielt.

Sein Gut Lönborghof hatte er von einem kürzlich verstorbenen Onkel geerbt; deshalb war er von der traditionellen Auslandsreise zurückgekehrt, um der Bewirtschaftung der Besitzung selbst vorzustehen. Und da die Bliders seine nächsten Gutsnachbarn waren, und sein Onkel in vertrauten Beziehungen zu der Familie gestanden, machte er dort einen Besuch, sah Bartholine und verliebte sich in sie.

Daß sie sich in ihn verliebte, war beinahe selbstverständlich.

Das war endlich einmal einer aus der Welt da draußen, einer, der in den großen, fernen Städten gelebt hatte, wo Wälder von Türmen sich vom sonnenklaren Himmel abhoben, wo die Luft erzitterte vom Klang der Glocken, vom Brausen der Orgel, von den Tönen der Mandoline, während glänzende Aufzüge in Gold und Farben festlich durch die breiten Straßen wallten; wo Marmorpaläste schimmerten, und die bunten Wappenschilder stolzer Geschlechter paarweise über hohen Toren prangten, während oben auf gewölbten steinernen Balkonen Schleier wehten und Fächer blitzten. Der hatte doch jene Gegenden durchwandert, wo siegreiche Heere des Weges gezogen waren; wo gewaltige Schlachten die Namen von Dörfern und Feldern mit unsterblichem Glanz umgaben; wo der Rauch von den Lagerfeuern der Zigeuner weit über die Kronen der Wälder aufstieg, während rote Ruinen von weinumkränzten Höhen in ein lächelndes Tal hinabblickten, wo das Mühlrad brauste, und die Herden mit läutenden Glocken über hochgewölbte Brücken heimwärtszogen.

Von all diesen Dingen erzählte er, aber nicht wie die Dichter, sondern ganz natürlich und so vertraut damit, ganz wie sie zu Hause von den Städten und Nachbargemeinden des Stifts redeten. Er sprach auch von den Malern und Dichtern, und er hob Namen bis in den Himmel, die sie niemals hatte nennen hören. Er zeigte ihre Bilder und im Garten drunten auf dem Hügel, von wo sie auf die blanken Wasser des Fjords und die braunen Wogen der Heide sehen konnten, las er ihre Gedichte vor; – die Liebe machte ihn poetisch, die Gegend wurde schön, die Wolken wurden zu den Wolken, die durch die Gedichte zogen, und die Bäume des Gartens hatten das Laub, das in den Balladen so wehmütig rauschte.

Bartholine war glücklich, denn ihre Liebe löste Tag und Nacht in eine Reihe poetischer Situationen auf. So war es Poesie, wenn sie den Weg hinunter ihm entgegenschritt; die Begegnung war Poesie, der Abschied war es; es war Poesie, wenn sie oben auf dem Hügel stand, im Schein der Abendsonne, und ihm ein letztes Lebewohl zuwinkte und dann wehmütig froh auf ihre einsame Kammer ging, um ungestört an ihn zu denken; und wenn sie in ihrem Abendgebet für ihn betete, dann war auch das Poesie.

Jetzt empfand sie nicht mehr jenes unbestimmte Sehnen; das neue Leben mit seinen wechselnden Stimmungen genügte ihr, und ihre Gedanken und Anschauungen waren klar geworden, denn da war jetzt einer, vor dem sie sich rückhaltlos geben konnte, ohne Furcht, mißverstanden zu werden.

Auch in anderer Hinsicht hatte sie sich verändert; das Glück hatte sie Eltern und Geschwistern gegenüber liebenswürdiger gemacht, und sie fand, daß alle eigentlich verständiger waren und mehr Gefühl besaßen, als sie geglaubt hatte.

Dann heirateten sie.

Das erste Jahr glich sehr der Brautzeit; aber als sie länger zusammenlebten, konnte Lyhne es allmählich vor sich selbst nicht mehr verbergen, daß er müde wurde, seiner Liebe beständig neuen Ausdruck zu verleihen, ständig gehüllt in das Flügelkleid der Poesie, die Schwingen auszubreiten, zum Flug durch alle Himmel der Stimmungen und alle Tiefen der Gedanken; er sehnte sich danach, in behaglicher Ruhe still auf seinem Zweig zu sitzen und sein müdes Haupt zum Schlummer im weichen Flaum der Flügel zu bergen. Er stellte sich die Liebe nicht vor wie eine ewig lebendig lodernde Flamme, die mit ihrem mächtigen, flackernden Schein in alle ruhigen Falten des Daseins hineinleuchtete und phantastisch alles größer und fremder erscheinen ließ, als es war – für ihn war die Liebe eher still wie die ruhig glimmende Glut, die vom weichen Aschenlager ihre gleichmäßige Wärme ausstrahlt und in gedämpftem Dämmerlicht das Ferne sanft verhüllt und das Nahe doppelt nah und doppelt heimatlich erscheinen läßt.

Er war müde, ermattet; er konnte diese ewige Poesie nicht ertragen, er sehnte sich nach dem festen Boden des Alltags wie ein Fisch, der in der heißen Luft erstickt, sich nach der klaren, frischen Kühle der Wogen sehnt. Es mußte aufhören, es mußte von selbst aufhören; Bartholine stand dem Leben und den Büchern nicht mehr unerfahren gegenüber, sie war ebenso vertraut damit wie er; er hatte ihr alles gegeben, was er erhalten hatte, und jetzt sollte er immer noch geben; weiter und weiter, das war unmöglich, er hatte nichts mehr; – sein einziger Trost war, daß Bartholine sich Mutter fühlte. Schon lange hatte Bartholine mit Kummer bemerkt, daß sich Lyhnes Bild in ihr mehr und mehr veränderte, daß er nicht mehr auf der schwindelnden Höhe stand, wohin sie ihn in der Verlobungszeit gestellt hatte. Sie zweifelte noch nicht daran, daß er das war, was sie eine poetische Natur nannte; aber sie war ängstlich geworden, denn die Prosa hatte begonnen, zuweilen den Pferdefuß hervorzustecken. Desto eifriger jagte sie der Poesie nach und versuchte, den alten Zustand wiederherzustellen, indem sie ihn mit noch mehr Stimmung umgab, mit noch größerer Begeisterung; aber sie fand so geringen Widerklang, daß sie sich selbst fast sentimental und affektiert vorkam. Eine Zeitlang versuchte sie noch, den widerstrebenden Lyhne mitzuziehen; sie wollte nicht an das glauben, was sie ahnte; aber als das Fruchtlose ihrer Anstrengung allmählich Zweifel in ihr erweckte, ob ihr Geist und ihr Herz wirklich solch großen Reichtum bargen, wie sie geglaubt hatte, da ließ sie ihn plötzlich fallen, wurde kalt, still und verschlossen und suchte die Einsamkeit, um in Ruhe über ihre zerstörten Illusionen zu trauern. Denn sie sah nun, daß sie bitter getäuscht war, und daß Lyhne sich innerlich eigentlich gar nicht von den Menschen ihrer alten Umgebung unterschied; und was sie betrogen hatte, schien ihr das ganz gewöhnliche zu sein: seine Liebe hatte ihn für eine kurze Stunde mit einer flüchtigen Glorie von Geist und Hoheit umgeben, was sooft bei niederen Naturen geschieht.

Diese Veränderung in ihrem Verhältnis beängstigte und betrübte Lyhne, und er bemühte sich, es gutzumachen durch unglückliche Versuche, noch einmal den alten schwärmerischen Flug zu fliegen; aber das diente nur dazu, Bartholine noch klarer zu beweisen, wie groß ihr Irrtum gewesen war.

So stand es zwischen den Eheleuten, als Bartholine ihr erstes Kind zur Welt brachte. Es war ein Knabe, und sie nannten ihn Niels.

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