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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJens Peter Jacobsen
titleNiels Lyhne
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
translatorPaul Volk
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida5535954
created20070412
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13. Kapitel

Ungefähr ein Jahr hatte Niels auf Lönborghof gewohnt und die Bewirtschaftung geleitet, so gut er konnte, oder soviel sein Verwalter es zuließ. Er hatte seinen Schild vom Nagel genommen, die Devise ausgelöscht und entsagt. Die Menschheit mußte sich ohne ihn behelfen, er hatte das Glück kennengelernt, das die rein körperliche Arbeit gewährt, wenn wir den Haufen unter unseren Händen wachsen sehen, wenn wir wirklich fertig werden können, so, daß wir fertig sind; zu wissen, wenn wir müde fortgegangen, daß die Kräfte, die wir zugesetzt, hinter uns in unserer Arbeit zurückbleiben, und daß die Arbeit bleiben wird, daß sie nicht während der Nacht vom Zweifel verzehrt, nicht von der Kritik einer mißmutigen Morgenstunde auseinandergeblasen werden kann. In der Landwirtschaft lagen keine Sisyphussteine.

Und dann seinen Körper müde gearbeitet zu haben; der Genuß, zur Ruhe zu gehen und sich wieder Kräfte anzuschlafen, um sie von neuem zuzusetzen, regelmäßig, wie Tag und Nacht aufeinanderfolgen, ohne von den Launen seines Gehirns behindert zu werden, ohne daß man sich vorsichtig zu berühren braucht wie eine gestimmte Gitarre mit abgenutzten Schrauben!

Er war so recht gleichmäßig glücklich, und oft konnte man ihn sitzen sehen, wie sein Vater gesessen, an einer Heckentür oder an einem Grenzstein, in seltsam vegetativer Ergriffenheit auf den goldenen Weizen oder den ährenschweren Hafer starrend.

Noch hatte er nicht begonnen, mit den Familien der Umgegend weiteren Umgang zu suchen; der einzige Ort, wohin er einigermaßen häufig kam, war Kanzleirat Skinnerups Haus in Varde. Die Leute waren in die Stadt gekommen, als sein Vater noch lebte, und da der Kanzleirat einer von Lyhnes alten Universitätsfreunden war, kamen die Familien viel zusammen. Skinnerup, ein milder, kahlköpfiger Herr mit scharfen Zügen und sanften Augen war jetzt Witwer und hatte das Haus mehr als voll mit vier Töchtern, von denen die älteste siebzehn, die jüngste zwölf Jahr alt war.

Niels liebte es, sich mit dem sehr belesenen Kanzleirat über allerlei ästhetische Gegenstände zu unterhalten, denn weil er angefangen hatte, seine Hände zu gebrauchen, war er doch noch nicht plötzlich Bauer geworden. Ihm war auch die ein wenig komische Vorsicht angenehm, mit der er sich ausdrücken mußte, sobald von einem Vergleich zwischen dänischer und ausländischer Literatur die Rede war, oder überhaupt auch sonst, wenn Dänemark mit etwas verglichen wurde, das nicht dänisch war; denn es war sehr notwendig, vorsichtig zu sein. Der milde Kanzleirat war nämlich einer von diesen guten, wütenden Patrioten, die damals existierten, Leute, die man dahin bringen konnte, mißmutig einzugestehen, daß Dänemark nicht die bedeutendste der Großmächte sei, die aber sonst kein einziges weiteres Zugeständnis machten, welches das Land, oder irgend etwas, das mit dem Lande zu tun hatte, anderswohin stellen konnte als an die Spitze. – Was ihm an diesem Gesprächen sonst noch lieb war, aber ganz unbestimmt und ohne das geringste Gewicht darauf zu legen, war die frohe Bewunderung zu sehen, mit der die siebzehnjährige Gerda ihm folgte, wenn er sprach; sie suchte stets zugegen zu sein, wenn er da war, und war so innig bei der Sache, daß er sie häufig vor Entzücken erröten sehen konnte, wenn er etwas gesagt hatte, was ihr besonders schön erschien.

Er war nämlich ganz unverschuldet das Ideal dieser jungen Dame geworden; ursprünglich am meisten deshalb, weil er, wenn er in die Stadt geritten kam, einen ausländischen grauen, spanischen Mantel von sehr romantischem Schnitt trug. Und dann auch noch dies, daß er zum Beispiel stets Milano und nicht Mailand sagte, und dann, daß er allein in der Welt stand, und sein ein wenig schwermütiger Gesichtsausdruck. Es war so vieles, worin er vor allen andern Menschen sowohl in Varde als auch in Ringkjöbing verschieden war.

An einem heißen Sommertage kam Niels durch die kleine Straße hinter dem Garten des Kanzleirats. Die Sonne brannte auf die kleinen, ziegelbraunen Häuser herab; im Fluß lagen die Fahrzeuge mit Matten über die Seiten gehängt, damit das Pech nicht aus den Fugen schmelze, rund umher war alles geöffnet, um eine Kühle einzulassen, die draußen nicht vorhanden war. In den offenstehenden Haustüren saßen die Kinder und lernten laut an ihren Aufgaben und summten um die Wette mit den Bienen drüben im Garten, ein Schwarm Spatzen schwirrte lautlos von Baum zu Baum, alle mit einmal in die Höhe, und alle zusammen mit einemmal wieder nieder.

Niels trat in ein kleines Haus, das an den Garten stieß, und wurde von der Frau, die lief, um ihren Mann vom Nachbar zu holen, allein in einer reinen, kleinen Stube gelassen, in der es nach Stärkwäsche und Goldlack roch.

Als er mit den Bildern, den beiden Hunden auf der Kommode und den Muscheln auf dem Nähkasten fertig war und an das offene Fenster trat, hörte er Gerdas Stimme dicht neben sich, und da standen auch ganz nahe am Hause die vier Fräulein Skinnerup auf dem Bleichplatz des Kanzleirats.

Die Balsaminen und die andern Blumen im Fenster versteckten ihn, und er schickte sich an, sowohl zu lauschen wie zu sehen.

Offenbar war ein Zank im Gang, und die drei jüngerem Geschwister machten gemeinsame Sache gegen Gerda. Alle hatten sie zitronengelbe Reifenstöcke in den Händen, und die jüngste hatte sich drei, vier von den rot umwundenen Ringen wie eine Art Turban auf den Kopf gesetzt.

Sie war es, die jetzt sprach.

»Sie sagt, daß er aussieht wie der Themistokles drinnen auf dem Bureauofen,« sagte sie zu ihren Mitverschworenen und setzte eine schwärmerische Miene mit zum Himmel gewandten Blicken auf.

»Bah,« sagte die, mittlere, eine bissige, kleine Dame, die im Frühjahr konfirmiert worden, »ob Themistokles auch wohl einen runden Rücken hatte?« Und sie ahmte Niels Lyhnes ein wenig vorgebeugte Haltung nach. »Themistokles, ein schöner Stiefel!«

»Es liegt etwas so Männliches in seinem Blick, er ist wirklich ein Mann,« zitierte die Zwölfjährige.

»Der!« das war wieder die mittlere. »Er gießt sich Parfüm auf, ist das männlich? Vor ein paar Tagen lagen seine Handschuhe da und rochen schon von weitem nach Mille Fleurs!«

»Alle Vollkommenheiten!« rief die Zwölfjährige in mattem Entzücken und schwankte ergriffen zurück.

Sie taten, als richteten sie all diese Repliken an sich untereinander und nicht an Gerda, die glühend rot ein wenig weiter fort stand und mit ihrem gelben Stock in der Erde herumbohrte. Plötzlich erhob sie den Kopf. »Ihr seid recht unartige Mädchen,« sagte sie, »so von einem zu sprechen, von dem ihr nicht wert seid, angesehen zu werden.«

»Er ist doch auch wohl nur ein Mensch wie wir andern,« wandte jetzt milde die älteste von den dreien ein, als ob sie vermitteln wollte.

»Nein, das ist er durchaus nicht,« sagte Gerda.

»Er hat aber doch auch seine Fehler,« fuhr die Schwester fort und tat, als ob sie nicht höre, was Gerda sagte.

»Nein!«

»Liebe Gerda, du weißt doch, daß er nie in die Kirche geht.«

»Was sollte er auch da! Er ist viel klüger als der Pastor.«

»Ja, aber leider glaubt er durchaus nicht an Gott!«

»Oh, du kannst überzeugt sein, meine Beste, daß er seine guten Gründe dafür hat, wenn er es nicht tut.«

»Pfui Gerda, wie kannst du das sagen!«

»Man sollte beinahe glauben ...« unterbrach die Konfirmierte sie.

»Was sollte man beinahe glauben?« fragte Gerda heftig.

»Gar nichts, gar nichts, beiß mich nur nicht,« entgegnete die Schwester und tat plötzlich ungeheuer friedlich.

»Wirst du jetzt augenblicklich sagen, was es war!«

»Nein, nein, nein, nein, nein, ich sollte doch meinen, daß ich den Mund halten kann, wenn ich will.«

Sie ging, von der Zwölfjährigen begleitet, in schwesterlicher Eintracht hielten sie sich umschlungen. Hinterher ging die Ältere vor Entrüstung strotzend.

Gerda blieb allein zurück und blickte trotzig vor sich hin, während sie mit dem gelben Reifspielstock in der Luft herumfuchtelte.

Kurz darauf klang vom anderen Ende des Gartens her die heisere Singstimme der Zwölfjährigen:

»Du fragst, mein lieber Knabe,
Was das welke Veilchen mir soll ...«

Niels verstand die Neckerei sehr wohl; er hatte Gerda nämlich kürzlich ein Buch geschenkt, in dem ein trockenes Weinblatt aus dem Garten in Verona lag, in dem sich Julias Grab befindet. Er konnte sich kaum des Lachens enthalten. Dann kam inzwischen die Frau mit ihrem Mann, den sie endlich gefunden, und Niels machte seine Bestellung auf die Tischlerarbeit, um deretwillen er gekommen war.

Von diesem Tage an beobachtete Niels Gerda genauer, und mehr und mehr gingen ihm die Augen darüber auf, wie lieb und prächtig sie war; allmählich suchten seine Gedanken dies vertrauensvolle kleine Mädchen immer häufiger auf.

Aber sie war auch reizend und hatte soviel von jener milden, rührenden Schönheit, die einem beinahe Tränen in die Augen treibt. In ihrer ganzen früh entwickelten Gestalt war das weiblich Üppige durch eine kindliche Fülle gleichsam unschuldig gemacht. Ihre kleinen, weichgeformten Hände, die gerade die rosenrote Farbe der Übergangszeit verloren, waren ebenfalls so unschuldig und hatten nichts von der nervösen, zitternden Neugier dieses Zeitpunktes. Sie hatte einen so starken, hübschen Hals, so voll sich rundende Wangen, so eine niedrige und träumerische kleine Frauenstirn, wo Gedanken, die groß sind, so ungewohnt sind und beinahe weh tun, so daß sich die vollen Brauen dabei runzeln. Und das Auge! so dunkelblau und tief, aber nur tief wie ein Wasser, dessen Grund man sieht, zwischen weichen Augenwinkeln, wo das Lächeln Ruhe fand und so geborgen unter Lidern saß, die sich in langer Verwunderung hoben. So sah sie aus, die kleine Gerda, weiß und rot und blond mit all ihrem kurzen, goldglänzenden Haar, ehrbar zu einem zierlichen Knoten geschlungen.

Sie sprachen oft miteinander, Niels und Gerda, und er war mehr und mehr von ihr entzückt; ruhig, zart und offen im Anfang, bis eines Tages jene Veränderung in der Luft um sie her eintrat, der kleine Funke von dem, was man mit Sinnlichkeit zu stark bezeichnen würde, und was trotzdem das ist, das Hände, Mund und Augen treibt, nach dem zu greifen, was das Herz seinem Herzen nicht nahe genug haben kann. Und dann wieder eines Tages kurze Zeit darauf, ging Niels zu Gerdas Vater, weil Gerda so jung und er ihrer Liebe so sicher war. Und der Vater gab sein Jawort, und Gerda das ihre.

Und als es Frühling wurde, heirateten sie.


Es schien Niels, als sei das Dasein so unendlich klar und schlicht geworden, das Leben so einfach zu leben, und das Glück so nah und ebenso leicht zu erlangen wie die Luft, die er mit jedem Atemzug einsog.

Er liebte es, das junge Weib, das er gewonnen, mit all der Zartheit der Gedanken und des Herzens, mit der ganzen großen, zärtlich tiefen Fürsorge, die in einem Mann lebt, der den Hang der Liebe zu sinken, kennt, und der an die Fähigkeit der Liebe zu steigen, glaubt. Er war so vorsichtig mit dieser jungen Seele, die sich ihm in namenlosem Vertrauen zuneigte, sich mit derselben liebkosenden Zuversicht, derselben festen Überzeugung an ihn schmiegte, daß er nichts anderes, als ihr Wohl, wollte, wie jenes Lamm in der Parabel zu seinem Hirten hatte, aus dessen Hand es aß, und aus dessen Becher es trank. Er brachte es nicht übers Herz, ihr ihren Gott zu rauben, all jene weißen Engelscharen des Landes zu verweisen, die den ganzen Tag singend durch den Himmel schweben, und um die Abendzeit auf die Erde herabkommen und in treuer Wacht von Lager zu Lager gehen und ein schützendes, unsichtbares Licht durch das Dunkel der Nacht breiten. Er wollte so ungern, daß eine schwere, bilderlose Lebensanschauung sich zwischen sie und das milde Blau des Himmels breiten solle und sie dahin bringe, sich verlassen und unsicher zu fühlen. Aber sie wollte es anders, sie wollte alles mit ihm teilen, es sollte keine Stelle im Himmel und auf Erden geben, wo ihre Wege sich trennten, und was er auch sagte, um sie zurückzuhalten, sie widerlegte alles, wenn auch nicht mit den Worten jenes Moabitischen Weibes, so doch mit demselben hartnäckigen Gedanken, der in den Worten lag – dein Volk soll mein Volk sein, und dein Gott sei mein Gott. Und nun begann er im Ernst, sie zu belehren und er entwickelte vor ihr, wie alle Götter nur Menschenwerk seien und, wie alles von Menschenhänden, nicht für ewige Zeiten bestehen könnten, sondern zerfallen müßten, Gottesgeschlecht auf Gottesgeschlecht, weil die Menschheit sich ewig fortentwickelt und verändert und unaufhörlich an ihren Idealen emporwächst. Und ein Gott, in den nicht die größten und edelsten der Geschlechter ihren reichsten geistigen Inhalt niedergelegt – ein Gott, der sein Licht nicht von der Menschheit erhält, sondern durch sich selbst leuchten sollte, ein Gott, der nicht in der Entwicklung war, sondern in dem historischen Kalk der Dogmen erstarrt war – der war kein Gott mehr, sondern ein Abgott, und deshalb hatte das Judentum recht Baal und Astarte gegenüber, das Christentum recht wegen Jupiter und Odin, denn ein Abgott ist nichts auf der Welt. Von Gott zu Gott war die Menschheit vorgeschritten, und deshalb konnte Christus einerseits zu dem alten Gotte sagen, daß er nicht gekommen sei, das Gesetz aufzulösen, sondern das Gesetz zu erfüllen, und andrerseits konnte er über sich fort hinauf zu einem noch höheren Gottesideal weisen durch jene mystischen Worte über die Sünde, die nicht vergeben werden kann, die Sünde gegen den Heiligen Geist.

Weiter lehrte er sie, wie der Glaube an einen persönlichen Gott, der alles zum besten lenkt und im künftigen Leben straft und belohnt, nur eine Flucht aus der rauhen Wirklichkeit sei, ein ohnmächtiger Versuch, der trostlosen Willkür des Daseins den Stachel zu nehmen. Er zeigte ihr, wie es der Menschen Mitleid mit den Unglücklichen erschlaffen und sie minder bereit machen müsse, alle ihre Fähigkeiten einzusetzen, um zu helfen, wenn sie sich mit dem Gedanken daran beruhigen konnten, daß alles, was hier auf Erden erduldet wird, dem Dulder den Weg zu einer Ewigkeit in Herrlichkeit und Freude bahnt. Er hob vor ihr hervor, welche Kraft und Selbständigkeit es dem Menschengeschlecht geben würde, wenn es im Glauben an sich selbst sein Leben im Einklang mit dem zu leben versuchte, was der einzelne Mensch in seinen besten Augenblicken von dem, was in ihm ist, am höchsten stellt, anstatt es außerhalb in eine kontrollierende Gottheit zu legen. Er machte seinen Glauben so schön und segensreich, wie er nur konnte, aber er verhehlte ihr auch nicht, wie erdrückend schwer und trostlos die Wahrheit des Atheismus in den Stunden des Kummers zu tragen sein werde, im Vergleich zu jenem lichten, glücklichen Traum von einem himmlischen Vater, der lenkt und regiert. Aber, sie war mutig; allerdings erschütterten manche seiner Lehren sie bis ins Innerste, und am häufigsten gerade die, von denen man es am wenigsten erwartet hätte; aber ihr Vertrauen zu ihm kannte keine Grenzen, ihre Liebe stieg mit ihm aus allen Himmeln herab, und sie erliebte sich ihre Überzeugung. Und da das Neue mit der Zeit heimisch und gewohnt ward, wurde sie im höchsten Grade intolerant und fanatisch, so wie es stets den Jüngern gegangen war, die ihren Meister über alles liebten. Niels tadelte sie oft; aber das konnte sie nie begreifen, daß, wenn das Ihre das Wahre war, das der andern nicht verabscheuungswürdig und tadelnswert sein sollte.

Drei Jahre lang lebten sie ein glückliches Leben zusammen, und viel von diesem Glück strahlte ein kleines Kindergesicht aus, ein kleiner Knabe, den sie im zweiten Jahre ihrer Ehe bekommen hatten.

Im allgemeinen macht das Glück die Menschen gut, und Niels strebte ehrlich auf jede Weise, ihr Leben so edel, schön und nützlich zu machen, daß das Wachstum ihrer Seele hinan zu dem Menschenideal, an das sie beide glaubten, nie ins Stocken geriete. Aber es war niemals mehr die Rede bei ihm von dem Gedanken, die Fahne der Idee hinauszutragen unter die Menschen, es genügte ihm, ihr zu folgen. Es kam wohl dann und wann vor, daß er die alten Versuche wieder aufnahm, aber er wunderte sich stets darüber, daß wirklich er es gewesen, der all diese schönen, kunstfertigen Dinge geschrieben, und regelmäßig traten ihm bei seinen eigenen Versen die Tränen in die Augen. Indessen würde er um keinen Preis der Welt mit dem Armen getauscht haben, der sie geschrieben hatte.

Plötzlich gegen Frühjahr wurde Gerda krank und konnte nicht mehr leben.

Früh an einem Morgen, es war der letzte, wachte Niels bei ihr. Die Sonne ging gerade auf und warf einen rötlichen Schein auf die weißen Vorhänge, während das Morgenlicht, das an der Seite der Gardine hereinfiel, noch blau war und den Schatten zwischen den weißen Falten des Bettes und unter Gerdas mageren, bleichen Händen, die gefaltet auf der Bettdecke lagen, ebenfalls blau machte. Das Häubchen war herabgeglitten, und sie lag mit dem Kopf weit zurück, ganz verändert, so seltsam vornehm, mit den scharfen, spitzen Zügen der Krankheit. Sie bewegte die Lippen, wie um sie anzufeuchten, und Niels griff nach dem Glase mit dem dunkelroten Trank, aber sie schüttelte abwehrend den Kopf. Da wandte sie ihm plötzlich das Gesicht zu und starrte mit Anstrengung in seine kummervollen Züge. – Je länger sie auf all den tiefen Schmerz blickte, den sie zeigten, und auf all die Hoffnungslosigkeit, die sie zur Schau trugen, desto mehr ging ihre angstvolle Ahnung in fürchterliche Gewißheit über.

Sie versuchte, sich zu erheben, aber sie konnte nicht mehr. Schnell beugte Niels sich über sie, und sie erfaßte seine Hand.

»Ist dies der Tod?« fragte sie und dämpfte ihre matte Stimme, wie um es nicht ganz auszusprechen.

Er sah sie nur an, indem er schwer und stoßweise mit jammerndem Seufzer atmete.

Gerda packte seine Hand und warf sich in ihrer Angst zu ihm herüber: »Ich kann nicht!«

Er glitt neben dem Bette auf die Knie und schob seinen Arm unter das Kopfkissen, so daß er sie beinahe an seiner Brust hielt. Die Tränen blendeten ihn, so daß er sie nicht sehen konnte, und eine nach der andern rollte ihm über die Wangen. Mit einem Zipfel des Bettuchs führte er ihre Hand an seine Augen; dann wurde er wieder Herr seiner Stimme. »Sag mir alles, liebe Gerda,« sagte er, »kehre dich an nichts; willst du den Prediger?« Er konnte nicht glauben, daß es das sei, und sein Ton drückte Zweifel aus.

Sie antwortete nicht, sie schloß die Augen und zog den Kopf ein wenig zurück, als wolle sie mit ihren Gedanken allein sein.

Das dauerte einen Augenblick. Das lange, weiche Pfeifen einer Schwarzamsel erklang unter den Fenstern, dann pfiff eine zweite und nun eine dritte; eine lange Reihe von Flötentönen schob sich hinein in die Stille des Zimmers.

Nun blickte sie auf. »Wenn du doch mitkämst,« sagte sie und lehnte sich schwerer gegen das Kissen, das er stützte. Hierin lag eine Liebkosung, und er fühlte sie... »Wenn du mitkämst! Aber allein!« Und sie zog leise an seiner Hand und ließ sie dann los, »ich kann nicht!« Ihre Augen wurden ängstlich. »Du mußt ihn holen, Niels, ich kann so dort oben nicht allein ankommen. Wir haben ja nie daran gedacht, daß ich zuerst sterben würde, du warst es immer, der vorausging. Ich weiß wohl... Aber wenn wir uns dennoch geirrt hätten, es könnte doch sein, Niels, könnte es nicht? Du glaubst nein; aber es ist doch seltsam; wenn alle Menschen sich irrten, und absolut nichts wäre, all die großen Kirchen ... Und wenn man begraben wird, die Glocken ... Ich habe immer gemeint, die Glocken ...!« Sie lag still da, als hoffe sie auf das Geläute und höre es.

»Es ist unmöglich, Niels, daß es mit dem Tode vorbei sein kann, du kannst es nicht fühlen, der du gesund bist, du meinst, daß es uns gänzlich zerschmettern muß, weil man so matt ist, und alles hinschwindet, aber das ist nur für die Welt um uns, innen ist ebensoviel Seele wie vorher, ja, Niels, das ist es, ich habe es alles hier drinnen, alles, was ich bekommen, dieselbe unendliche Welt, nur stiller, mehr allein mit sich, so wie wenn man die Augen schließt. Es ist nur wie ein Licht, du, es geht fort von dir, hinein ins Dunkle, hinein ins Dunkle, und es wird schwächer und schwächer und schwächer für dich, und du kannst es nicht sehen, aber da hinten, wo es ist, leuchtet es ebenso hell. – Weit fort. – – Ich habe immer geglaubt, ich würde so eine alte, alte Frau werden und hier bei euch allen bleiben, und nun darf ich nicht länger, ich werde von Haus und Heim genommen, und ihr laßt mich ganz allein gehen. Ich fürchte, Niels, daß dort, wohin ich muß, unser Herrgott ist, der regiert, und er kümmert sich nicht um unsere Klugheit hier auf Erden, er will das Seine und nichts anders, und das ist so weit fort von hier, all das Seine. Ich habe nicht viel Böses getan, nicht wahr? Aber das ist es nicht ... Hol mir den Prediger, ich möchte ihn so gern haben.«

Niels erhob sich sofort, um den Prediger zu holen; er war dankbar dafür, daß dies nicht im allerletzten Augenblick gekommen.

Der Prediger kam und blieb mit Gerda allein.

Es war ein schöner Mann in mittleren Jahren, mit feinen, regelmäßigen Zügen und großen, braunen Augen. Natürlich kannte er sowohl Niels Lyhnes wie Gerdas Verhältnis zur Kirche, und man hatte ihm ja auch verschiedene kirchenfeindliche Äußerungen vom Fanatismus der jungen Frau hinterbracht, aber es fiel ihm durchaus nicht ein, zu ihr zu sprechen wie zu einer Abtrünnigen oder einer Heidin; er begriff sowohl, daß es nur ihre große Liebe gewesen, die sie auf Irrwege geführt, und er begriff auch das Gefühl, das sie jetzt, da die Liebe nicht weiter mit ihr gehen konnte, voll Angst nach Versöhnung mit dem Gotte verlangen ließ, den sie früher gekannt; und deshalb versuchte er, mit seinen Worten mehr ihre Erinnerung zu wecken, und las solche Stellen aus dem Evangelium und solche Psalmen, von denen er glaubte, daß sie sie am besten kenne.

Und er irrte nicht.

Wie klangen sie nicht, diese Worte, so festlich bekannt wie das Läuten der Glocken an einem Weihnachtsmorgen; wie lag es gleich wieder vor ihrem Blick, das Land, in dem unsere Phantasie zu allererst zu Hause war, wo Josef träumte, und wo David sang, wo die Leiter steht, die von der Erde bis in den Himmel geht! Mit Feigen- und mit Maulbeerbäumen liegt es da, und der Jordan blitzte silberklar durch den Morgennebel; Jerusalem lag rot und traurig in der Abendsonne, aber über Bethlehem war eine herrliche Nacht mit großen Sternen oben im dunklen Blau. Wie brach der Kinderglaube wieder hervor! Sie wurde wieder das kleine Mädchen, das an der Hand seiner Mutter in die Kirche ging und saß und fror und sich verwunderte, weshalb die Menschen soviel sündigten, dann wuchs sie wieder unter den hohen Worten der Bergpredigt, und wie die kranke Sünderin lag sie da, als der Prediger von den heiligen Mysterien, vom Sakrament der Taufe und des Altars sprach. Da rang sich der rechte Drang in ihrem Herzen durch, jenes tiefe Knien vor dem allmächtigen, richtenden Gotte, jene bitteren Reuetränen vor dem verratenen, verspotteten und gequälten Gotte und jenes demütig verwegene Sehnen nach dem erneuten Bündnis des Weines und des Brotes mit dem geheimnisvollen Gotte.

Um Mitternacht starb sie.

Es waren schwere Zeiten, die dann folgten. Die Zeit schwoll zu etwas Ungeheurem und Feindlichem an, jeder Tag war eine unendliche Wüste der Leere, jede Nacht eine Hölle von Erinnerungen. Erst nach Monaten, als der Sommer zu Ende ging, hatte der reißende, schäumende Strom des Schmerzes sich ein Flußbett in seine Seele gegraben, so daß er wie ein murmelnder, schwerwogender Bach von Sehnsucht und Schwermut dahinfließen konnte.

Da fand er eines Tages, als er vom Felde heimkehrte, seinen kleinen Knaben sehr krank. Er hatte während der letzten Tage ein wenig gekränkelt und war in der Nacht vorher unruhig gewesen, aber niemand hatte geahnt, daß es etwas zu bedeuten habe; jetzt lag er fieberglühend und fieberkalt in seinem kleinen Bett und stöhnte vor Schmerz.

Augenblicklich wurde der Wagen nach Varde geschickt, um einen Arzt zu holen; aber keiner war zu Hause, und man mußte stundenlang warten. Um die Schlafenszeit war er noch nicht gekommen. Niels saß am Bett des Knaben, mindestens jede halbe Stunde schickte er jemand hinaus, um zu spähen und zu horchen, ob der Wagen nicht käme. Ein reitender Bote wurde dem Wagen entgegengeschickt, aber er traf ihn nicht und ritt geradewegs nach Varde.

Dieses Warten auf eine Hilfe, die nicht kam, machte es noch qualvoller, Zeuge der Leiden des Kindes zu sein. Und die Krankheit machte schnelle Fortschritte. Gegen elf Uhr trat ein erster Krampfanfall ein, und dann wiederholte er sich in immer kürzeren Zwischenräumen.

Kurz nach ein Uhr kam der reitende Bote mit dem Bescheid zurück, daß der Wagen während der nächsten Stunden noch nicht zu erwarten sei, da noch keiner der Ärzte zurückgekehrt war, als er von der Stadt fortgeritten.

Da brach Niels zusammen, er hatte sich gegen die Verzweiflung gewehrt, solange es möglich gewesen zu hoffen; jetzt konnte er nicht mehr. Er ging in das dunkle Zimmer neben dem Krankenzimmer und starrte durch die Scheiben, während seine Nägel sich in das Holz des Fensterpfostens gruben; seine Augen fraßen sich gleichsam durch die Dunkelheit nach Hoffnung; sein Gehirn krümmte sich zum Sprunge nach einem Wunder; dann wurde es einen Augenblick klar und still, und in dieser Klarheit wandte er sich ab vom Fenster und warf sich über einen nahestehenden Tisch und schluchzte ohne Tränen.

Als er wieder in das Krankenzimmer kam, hatte das Kind Krämpfe; er sah es mit an, als wolle er sich damit töten; diese kleinen Hände, die sich zusammenballten, weiß mit blaßblauen Nägeln; diese starren Augen, die aus ihren Höhlen traten, dieser verzerrte Mund, in dem die Zähne knirschten, wie Eisen gegen einen Stein, es war furchtbar anzusehen, und doch nicht das Schlimmste. Nein, aber wenn dann der Krampf aufhörte, und der Körper wieder weich und biegsam wurde und sich dem Glück über den gelinderten Schmerz hingab, und dann die Angst, die sich im Blick des Kindes zeigte, wenn es merkte, daß der Krampf wiederkehrte, das wachsende Flehen um Hilfe, wenn der Schmerz näher und näher kam, ja das, nicht helfen zu können, nicht mit seinem Herzblut, nicht mit allem, was er hatte und besaß; – er hob die geballten Fäuste drohend zum Himmel, er packte das Kind in einem wahnsinnigen Gedanken an Flucht, und dann warf er sich auf die Knie und betete zu dem Herrgott im Himmel, der das Erdenreich durch Zucht und Prüfungen in Angst hält, der Not und Krankheit, Leiden und Tod schickt, der will, daß jedes Knie sich in Beben beugen soll, vor dem keine Flucht möglich ist, weder bis zum äußersten Meer noch in den Abgrund, zu ihm, dem Gott, der, wenn es ihm gefällt, auf den tritt, den du am meisten auf der Welt liebst, und ihn unter seinem Fuß wieder zurück zu dem Staub quält, aus dem er ihn geschaffen.

In solchen Gedanken flehte Niels empor zu jenem Gott, warf sich in Ohnmacht nieder vor dem Himmelsthron, und bekannte, daß sein die Macht sei, sein allein.

Aber das Kind fuhr fort zu leiden.

Und als der alte Kriegsrat, der Gutsarzt, gegen Morgen in das Tor einfuhr, war Niels allein.

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