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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJens Peter Jacobsen
titleNiels Lyhne
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
translatorPaul Volk
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida5535954
created20070412
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12. Kapitel

Den größten Teil der nächsten zwei Jahre schweifte Niels Lyhne im Auslande umher.

Er war so einsam. Keine Verwandten hatte er, keinen Freund, der seinem Herzen nahe. Aber eine größere Vereinsamung als diese war über ihn gekommen; denn wohl mag der jammern und sich verlassen fühlen, der auf der ganzen ungeheuren Erde nicht einen einzigen kleinen Fleck hat, den er segnen, und auf den er Gutes herabwünschen, dem er sein Herz zuwenden kann, wenn das Herz überquellen muß, nach dem er sich sehnen kann, wenn die Sehnsucht ihre Flügel ausbreiten will; aber wenn der klare, feste Stern eines Lebenszwecks blinkend über ihm steht, so ist keine Nacht so einsam, daß er ganz allein wäre. Aber Niels Lyhne hatte keinen Stern. Er wußte nicht, was er mit sich und seinen Fähigkeiten anfangen sollte. Es war ja recht gut, daß er Talent hatte; er konnte es nur nicht gebrauchen und fühlte sich wie ein Maler ohne Hände. Wie er die andern beneidete, Große und Kleine, die, wohin sie im Dasein auch griffen, stets einen Henkel zu fassen bekommen! – Denn er konnte gar keinen Henkel finden. Er konnte nur, wie es ihn dünkte, die alten, romantischen Gesänge wieder singen, und alles, was er ausgerichtet hatte, war auch nichts anderes gewesen. Es war, als sei sein Talent etwas Abgelegenes in ihm, ein stilles Pompeji oder gleichsam eine Harfe, die er vom Nagel nehmen konnte. Es war nicht allgegenwärtig, lief nicht die Straße mit ihm hinunter, saß ihm nicht in den Augen, kribbelte ihm nicht in den Fingerspitzen, durchaus nicht; sein Talent hatte ihn nicht gepackt. Zuweilen dünkte es ihn, als sei er ein halbes Jahrhundert zu spät geboren, zuweilen wieder, daß er allzu früh gekommen. Das Talent in ihm stand mit seiner Wurzel in etwas Vergangenem und schöpfte sein Leben nur daraus, konnte keine Nahrung aus seinen Ansichten, seiner Überzeugung, seinen Sympathien ziehen, konnte sie nicht in sich aufnehmen und ihnen Form verleihen; diese beiden Dinge flossen auseinander wie Wasser und Öl, sie konnten zusammengeschüttelt werden, aber sie konnten sich nicht vermischen, niemals eins werden.

Nach und nach begann er dies einzusehen, und es machte ihn grenzenlos mißmutig und gab ihm einen spöttischen, mißmutigen Blick für sich selbst und seine Vergangenheit. Es mußte ein Fehler in ihm stecken, sagte er sich, ein unheilbarer Fehler mußte in dem innersten Mark seines Lebens stecken, denn er glaubte, ein Mensch müsse sich zusammenleben können.

In dieser Gemütsverfassung war er, als er sich Anfang September im letzten Jahr seines ausländischen Aufenthalts in dem kleinen Riva am Ufer des Gardasees niederließ.

Gleich nach seiner Ankunft verschloß das Land sich rings umher mit einem Wall von Fährlichkeiten und Reisehindernissen, die alle Fremden fern hielten. Die Cholera war nämlich im Venezianischen südlich im Desenzano und nördlich um Trient herum ausgebrochen. Unter diesen Umständen ging es in Riva nicht sehr lebhaft zu. Bei den ersten Gerüchten hatten die Hotels sich geleert, und die Italienreisenden machten einen Umweg.

Um so enger schlossen die wenigen Zurückgebliebenen sich aneinander.

Die merkwürdigste unter diesen war eine berühmte Opernsängerin, deren wirklicher Name Madame Odero war. Ihr Theatername hatte einen weit berühmteren Klang. Sie und ihre Gesellschafterin, Niels und ein tauber Wiener Doktor waren die einzigen Gäste im Hotel »Zur goldenen Sonne«, dem ersten der Stadt.

Niels schloß sich sehr nahe an sie an, und sie gab jener Innigkeit in seinem Wesen nach, wie man sie oft bei Leuten findet, die mit sich selbst im Unfrieden leben und deshalb darauf angewiesen sind, mit andern in Ruhe zu leben.

Madame Odero lebte hier schon im siebenten Monat, um sich in vollständiger Ruhe von den Nachwirkungen eines Halsleidens zu erholen, das ihre Stimme bedroht hatte. Der Arzt hatte ihr für ein ganzes Jahr alles Singen verboten; und damit sie nicht in Versuchung komme, überhaupt jede Musik. Erst nach Ablauf des Jahres wollte er sie versuchen lassen zu singen, und wenn es sich zeigte, daß dies nicht die geringste Ermüdung im Gefolge hatte, würde sie vollkommen geheilt sein.

Niels erlangte eine Art zivilisierenden Einfluß auf Madame Odero, die eine heftige, feurige Natur mit sehr wenigen Nuancen war. – Es war ein fürchterliches Urteil für sie gewesen zu hören, daß sie ein ganzes Jahr in Ruhe, fern aller Bewunderung und Vergötterung leben solle, und anfangs war sie ganz verzweifelt und starrte von Schreck gelähmt dieser zwölfmonatigen Zukunft entgegen als sei sie ein tiefes, schwarzes Grab, in das man sie lebendig legen wollte. Aber alle Menschen schienen zu meinen, daß es etwas Unvermeidliches sei, und dann war sie eines Morgens nach Riva geflüchtet. Wohl hätte sie an einem lebhafteren und besuchteren Orte leben können, aber das wollte sie gerade nicht. Sie schämte sich, und ihr war zumute, als sei sie mit einem äußerlichen, sichtbaren, körperlichen Leiden behaftet und glaubte, den Leuten ansehen zu können, wie sie sie um ihrer Gebrechlichkeit willen bedauerten und darüber miteinander sprachen.

Sie hatte daher an ihrem neuen Aufenthaltsort jeden Umgang gemieden und zum großen Teil in ihren Zimmern gelebt, deren Türen viel Böses hatten ertragen müssen, wenn diese freiwillige Absperrung allzu unerträglich wurde. Jetzt, wo alle Menschen fort waren, tauchte sie wieder auf und kam dadurch mit Niels Lyhne in Berührung, denn vor dem einzelnen Menschen hatte sie durchaus keine Angst.

Man brauchte nicht oft mit ihr zusammen zu sein, um Klarheit darüber zu bekommen, wie weit sie einen leiden konnte oder nicht, denn sie zeigte es deutlich genug. Was Niels Lyhne zu sehen bekam, war sehr aufmunternd, und sie hatten noch nicht viele Tage allein miteinander in diesem prächtigen Hotelgarten mit seinen Granaten und Myrten, seinen blühenden Oleanderbäumen und seiner herrlichen Aussicht gelebt, als sie schon sehr vertraut miteinander wurden.

Es war durchaus nicht von Verliebtsein die Rede, oder jedenfalls waren sie es nicht sehr; es war eines jener vagen, angenehmen Verhältnisse, die zwischen Männern und Frauen entstehen können, die über die erste Jugend mit ihrem Auflodern und ihrem Sehnen nach dem unbekannten Glück fort sind. Es ist eine Art Altweibersommer, wo man zierlich Seite an Seite promeniert und sich selbst zum Bukett bindet, sich mit der Hand eines andern streichelt, sich mit den Augen eines andern bewundert. All die hübschen Geheimnisse, die man hat, all die niedlichen, gleichgültigen Dinge, die man aufbewahrt, alle Nippes der Seele werden hervorgeholt und gehen von Hand zu Hand, prüfend mit künstlerischem Suchen nach dem rechten Licht werden sie emporgehalten, während man vergleicht und erklärt.

Natürlich hat man zu solch einer Art von Sonntagsverhältnis nur Ruhe, wenn das Leben gute Stunden hat, aber an dem schönen See hatten sie ja Zeit genug, diese beiden. Niels war es, der das Verhältnis eingeleitet, indem er Madame Odero durch Worte, und Manieren mit einer kleidsamen Melancholie drapiert hatte. Gleich im Anfang war sie mehr als einmal nahe daran, sich den ganzen Staat herunterreißen und als die Barbarin hervorzutreten, die sie wirklich war; als sie aber fand, daß sie es vornehm kleide, übernahm sie die Melancholie wie eine Rolle, und beschränkte sich nicht allein darauf, die Türen nicht mehr zuzuwerfen, sondern suchte auch in sich selbst nach solchen Stimmungen und Empfindungen, die zu der neuen Tracht passen konnten; und wie sie später fand, war es ganz erstaunlich, wie wenig sie sich bis jetzt selbst gekannt hatte. Ihr Leben war ja allzu bewegt und wechselnd gewesen, als daß sie bis dahin Zeit gehabt hätte, in sich aufzuräumen, und eigentlich war es doch auch erst jetzt, daß sie sich dem Alter näherte, in dem Frauen, die viel gelebt, und viel von der Welt gesehen haben, anfangen, ihre Erinnerungen aufzubewahren, auf sich selbst zurückzublicken und sich eine Vergangenheit zu sammeln.

Aus dieser Einleitung entwickelte sich das Verhältnis schnell und bestimmt, und sie wurden einander ganz unentbehrlich. Sie waren nur halb, wenn sie allein waren.

Da, eines Morgens, als Niels draußen segelte, hörte er Madame Odero im Garten singen. Erst gedachte er umzukehren und sie zu schelten, aber ehe er sich noch recht bedacht, war er außer Hörweite. Außerdem reizte der Wind zu einer Tour nach Limone, und zu Mittag konnte er wieder zurück sein. Er segelte also.

Madame Odero war ungewöhnlich früh in den Garten hinuntergekommen.

Der frische Duft, der da draußen herrschte, die runden Wogen, die sich glasklar und blank unter der Gartenmauer hoben und senkten, die ganze Farbenpracht auf allen Seiten, blauer See, von der Sonne versengte Berge, wie weiße Segel, die über den See flogen, die roten Blüten, die sich über ihrem Haupte zu Bogen wölbten, alles dies, und dann noch ein Traum, den sie nicht vergessen konnte, der fortfuhr, sich nach ihrem Herzen zu drängen .... sie konnte nicht still sein, sie mußte teilhaben an all diesem Leben.

Da sang sie denn.

Voller und voller klang ihrer Stimme Jubel, sie berauschte sich an ihrem Wohlklang, sie erzitterte in dem wollüstigen Empfinden ihrer Macht; und sie fuhr fort, sie konnte nicht aufhören; dazu ging es zu herrlich vorwärts durch wundersame Träume von künftigen Triumphen.

Und sie spürte keine Müdigkeit; sie konnte reisen, sofort reisen, zugleich das Nichts all dieser Monate von sich abschütteln, wieder hervortreten und leben.

Um die Mittagszeit war alles zur Abreise bereit.

Gerade als der Wagen vorfuhr, fiel ihr Niels Lyhne ein. Sie riß ein elendes, kleines Notizbuch, das sie bei sich trug, aus der Tasche und schrieb es voll mit Abschiedsworten an Niels, denn die Blätter waren so klein, daß nur drei, vier Worte auf jedem stehen konnten; dann schob sie es in einen Briefumschlag und fuhr ab.

Als Niels im Laufe des Nachmittags heimkehrte, – die Gesundheitspolizei in Limone hatte ihn aufgehalten – war sie längst in Mori und auf der Bahn.

Er war nicht erstaunt, nur betrübt; durchaus nicht böse, und hatte sogar noch ein leises, resigniertes Lächeln für diese neue Feindseligkeit des Schicksals. Als er aber am Abend in dem leeren, mondbeschienenen Garten saß, und dem kleinen Knaben des Wirts die Geschichte erzählte von der Prinzessin, die ihr Gefieder wiederfand, und fort von ihrem Geliebten flog, zurück in das Land der Feen, da faßte ihn eine unendliche Sehnsucht nach Lönborghof, er wollte fühlen, daß etwas wie ein Heim ihn umschlösse, ihn an sich zöge und ihn festhielt, ganz gleich wie. Er konnte die Gleichgültigkeit des Daseins nicht länger ertragen, von allen Seiten losgelassen und auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. Kein Heim auf Erden, kein Gott im Himmel, kein Ziel in der Zukunft! Er wollte wenigstens ein Heim haben; er wollte es sich anlieben, diesen Fleck im Großen wie im Kleinen, jeden Stein, jeden Baum, Lebloses und Lebendes, sein Herz daran verteilen, so daß es ihn nie mehr loslassen konnte.

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