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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJens Peter Jacobsen
titleNiels Lyhne
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
translatorPaul Volk
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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created20070412
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10. Kapitel

Zu Anfang des Sommers kam Erik Refstrup nach zweijährigem Aufenthalt aus Italien zurück. Als Bildhauer war er fortgegangen, aber als Maler kehrte er zurück, und er hatte schon Glück gehabt, Bilder verkauft und Bestellungen auf weitere erhalten.

Daß es nun so, gleichsam auf den ersten Wink gekommen war, das dankte er der sicheren Begrenzung, mit der er sein Talent um sich sammelte. Er war keins von diesen großen, vielversprechenden Talenten, deren Händen jeder Lorbeer so nahe ist, deren Weg auf Erden wie ein Bacchuszug ist, der durch alle Gegenden jubelt und goldene Saaten nach allen Seiten ausstreut, auf deren Panthern nur Genien sitzen. Er war einer von jenen, in denen ein Traum begraben ist, der Heiligkeit und Frieden auf einen kleinen Fleck ihrer Seele ausstrahlt, wo sie am meisten sie selbst und am wenigsten sie selbst sind. Und durch das, was sie in ihrer eigensten Kunst schaffen, klingt stets derselbe sehnsüchtige Refrain, und jedes ihrer Werke trägt stets denselben ängstlich genauen Stempel der Verwandtschaft, als seien es Bilder aus demselben kleinen Heimatlande, demselben kleinen, versteckten Winkel zwischen den Bergen. Mit Erik war es so; – wo er auch untertauchte in den Ozean der Schönheit, stets brachte er dieselbe Perle empor ans Licht.

Seine Bilder waren klein, im Vordergrunde eine einzelne Gestalt, tonig blau in ihrem eigenen Schatten, dahinter Land mit Heidekraut bewachsen, Campagna oder Heide, am Horizont der rotgelbe Schein der untergegangenen Sonne. Eins davon zeigt ein junges Mädchen, das sich wahrsagt nach italienischer Manier. Sie liegt auf den Knien, auf einer Stelle, wo die Erde bräunlich durch das kurze Gras schimmert; Herz, Kreuz und Anker von getriebenem Silber hat sie von ihrem Halsschmuck gelöst und auf die Erde verstreut. Jetzt kniet sie; die Augen hat sie getreulich geschlossen und mit der einen Hand bedeckt, die andere ist suchend ausgestreckt nach unsäglichem Liebesglück oder bitterem Schmerz, den das Kreuz mildert, und nach der Hoffnung hoffendem Alltagsschicksal. Sie hat noch nicht gewagt, die Erde zu berühren. Die Hand in dem kalten, geheimnisvollen Schatten ist ängstlich, die Wangen glühen, und um den Mund liegt etwas wie Gebet und Tränen zugleich. Es ist feierlich in der Luft, das Sonnenrot da draußen droht so heiß und wild, zieht so wehmutsweich über die Heide. Wüßtest du nur: – Liebesglück, unsägliches, – bitterer Schmerz, den das Kreuz mildert und der Hoffnung hoffendes Alltagsschicksal?

Da war noch ein anderes, wo sie dasteht und sehnsüchtig über die braune Heide hinausblickt, die Wange an die gefalteten Hände geschmiegt, so süß in ihrer naiven Sehnsucht, ein wenig unglücklich über das böse Leben, das sie ihren Weg gehen läßt. Weshalb kommt Eros nicht mit den küssenden Rosen; glaubt er etwa, daß sie zu jung sei! Er sollte nur fühlen, wie ihr Herz klopft, es nur mit seiner Hand berühren, oh, da drinnen ist eine Welt, eine Welt von Welten, wenn sie nur erwachen wollte? Weshalb ruft er denn nicht? Da drinnen liegt es wie eine Knospe, zusammengeschlossen um allen Liebreiz und alle Schönheit, nur da für sich selbst, beklommen in sich selbst. Denn sie weiß ja, daß es das gibt, wovon sie nicht weiß, was es ist. Ist es nicht warm herabgekommen auf die deckenden Blätter, ist es nicht auf sie gekommen, so daß sie inwendig hell wurde bis hinein in das innerste, roteste Dunkel, wo der Duft sich selbst ahnend, in einer zitternden Träne zusammengepreßt liegt? Soll sie nie das ausströmen, was die Ahnende besitzt, reich sein in ihrem Reichtum; wird sie nie, nie sich entfalten, und errötend aufwachen, während Strahlen von Sonne blinkend zwischen all ihre Blätter sausen? Sie hat wirklich alle Geduld mit Eros verloren, schon zittern ihre Lippen von den nahenden Tränen, hoffnungslos herausfordernd durchschweift ihr Blick den Raum, immer verzagter sinkt der kleine Kopf und wendet das feine Profil in das Bild hinein, wo ein leiser Luftzug rötlichen Staub über dunkelgrüne Ginsterbüsche zum sherrygoldenen Himmel hinaufträgt.

So malte Erik, und was er bringen wollte, fand stets seinen Ausdruck in Bildern wie diese. Er konnte sich wohl andere erträumen, konnte sich heraussehnen aus dem engen Kreis, in dem er sie heraufbeschwor; aber so wie er draußen war und sich auf anderem Felde versuchte, empfand er bald mißmutig und erkaltend, daß er von anderen borgte, und daß das, was er machte, nicht sein eigen war. Wenn er dann von einem solchen mißglückten Ausfluge zurückkam, auf dem er doch jedesmal mehr lernte, als er selbst ahnte, so wurde er noch mehr Erik Refstrup als zuvor, gab sich seiner Eigentümlichkeit noch mutiger, fast mit schmerzlicher Innigkeit hin, und hielt sich, wo er auch war, in einer pietätvollen Feststimmung, die sich in der kleinsten Handlung ausprägte, sich in der ganzen Art und Weise zeigte, wie er mit sich selbst umging. Es war, als ob die schönen Gestalten, die vor ihm aufdämmerten, – jüngere Schwestern von Parmeggianinos schlankgliedrigen Frauen mit den schlanken Hälsen und den langen, schmalen Prinzessinnenhänden, – mit ihm an der Tafel säßen und ihm den Becher mit Bewegungen voll Anmut und Adel kredenzten, als ob sie ihn mit dem mystischen, nach innen gewandten Lächeln Luinis, das so unergründlich fein ist in seiner geheimnisvollen Süßigkeit, in der Macht ihrer reinen Träume festhielten.

Aber wenn er dann dem Gotte treu elf Tage lang gedient hatte, so geschah es oft, daß andere Mächte in ihm Oberhand bekamen; er wurde von einem rasenden Drang nach der groben Lust grober Genüsse ergriffen, und gab ihm nach, gepackt von der menschlichen Begierde nach Selbstvernichtung, die, während das Blut brennt, wie nur Blut brennen kann, nach Herabwürdigung, Verkehrtheit, Schmutz und Dreck verlangt mit ganz demselben Maß von Kraft, das jenem anderen, ebenso menschlichen Trieb eigen, dem Trieb, sich selbst zu erhalten, größer als man selbst ist und reiner.

In solchen Augenblicken waren ihm nur wenig Dinge roh oder gewaltsam genug, und waren sie vorüber, so dauerte es lange, bevor er wieder mit sich ins Gleichgewicht kam; denn in gewisser Beziehung war ihm dergleichen nämlich nicht natürlich, er war zu gesund, zu wenig von Träumen vergiftet, uns es kam fast wie ein Ausschlagen nach der entgegengesetzten Richtung von seiner Hingebung an die höheren Mächte der Kunst, es glich fast einer Rache, als fühle seine Natur sich gekränkt durch die Wahl jenes ideellen Lebensziels, das zu verfolgen die Umstände ihn getrieben hatten.

Dieser Kampf nach zwei Seiten hin war indessen nicht so lebendig in Erik Refstrup, daß er sich bei ihm nach außen gekehrt hätte, oder daß es ihm Bedürfnis gewesen, sich durch ihn mit seiner Umgebung ins Einverständnis zu setzen. Nein, er war derselbe einfache, lebenslustige, durch seine Scheu vor Gefühlen ein wenig eckige Bursche wie früher, der einigermaßen freibeuterhaft wirkte, durch seine Art zuzugreifen und zu nehmen. Aber in ihm war es doch, und in stillen Stunden ließ es sich vernehmen wie die Glocken in der versunkenen Stadt auf dem Meeresgrunde, und er und Niels hatten sich nie so gut verstanden wie jetzt; das fühlten sie und schlossen schweigend, jeder für sich, neue Freundschaft miteinander. Als daher die Ferien kamen und Niels Ernst machen mußte mit dem Besuch bei seiner Tante Rosalie, die mit Konsul Claudi in Fjordby verheiratet war, begleitete Erik ihn.

 

Die große Landstraße, die von Fjordbys reichem Hinterland kommt, erreicht die Stadt zwischen zwei mächtigen Dornenhecken, die Konsul Claudis Küchengarten und seinen großen Strandgarten einzäunen. Wo der Weg dann bleibt, ob er auf des Konsuls Hofplatz, der so groß wie ein Marktplatz ist, endigt, oder ob es der ist, der eine Biegung macht, und zwischen Scheune und Holzplatz des Konsuls durch als Straße in die Stadt führt, das ist Meinungssache; viele Reisende machen die Biegung und fahren weiter, aber viele halten an und haben ihr Ziel erreicht, wenn sie in des Konsuls geteerten Torweg gelangt sind, der stets weit offen steht und auf dessen zurückgeschlagenen Flügeln immer Häute zum Trocknen aufgehängt sind.

Die Gebäude des Hofes waren alle alt mit Ausnahme des hohen Speichers, dessen langweiliges, totes Schieferdach das Neueste auf dem Gebiete der Baukunst in Fjordby war. Das lange, niedere Vorderhaus, das aussah, als ob es von drei großen Giebeln auf die Knie niedergedrückt sei, stieß mit dem Brauhaus und mit dem Stall in einem dunkeln Winkel zusammen, in einem helleren Winkel mit dem Speicher. In dem dunklen Winkel befand sich die Hintertür zu dem Laden, der zugleich mit der Bauernstube, dem Kontor und der Leutestube eine kleine, dunkle Welt für sich bildete, wo ein gemischter Geruch von billigem Tabak, stockfleckigen Fußböden, von Spezereien und herben getrockneten Fischen und feuchtem Fries die Luft so dick machte, daß man sie fast schmeckte. Aber wenn man dann durch das Kontor mit seinem durchdringenden Qualm von Siegellack gelangt und in den Gang gekommen war, der die Grenze zwischen Geschäft und Familie bildete, so wurde man durch den hier herrschenden Duft von neuem Damenputz auf die milde Blumenluft der Zimmer vorbereitet. Es war nicht der Duft eines Straußes, nicht der einer wirklichen Blume, es war die erinnerungweckende mystische Atmosphäre, die auf jedem Heim lagert, von der niemand bestimmt sagen kann, woher sie kommt. Jedes Heim hat seine eigene, sie erinnert an tausend Dinge, an den Geruch alter Handschuhe, an neue Spielkarten oder offenstehende Klaviere, aber stets ist sie anders. Sie kann mit Räucherwerk, Parfüm oder Zigarrenrauch übertäubt werden, aber sie kann nicht getötet werden, sie kommt immer wieder und ist wieder da, unverändert wie früher. Hier glich sie Blumen, nicht Levkojen oder Rosen, keiner Blüte, die existiert, aber so wie man sich den Duft dieser phantastischen, saphirmatten Lilienranken denkt, die sich auf altem Porzellan emporschlängeln. Und wie sie zu diesen großen, niederen Zimmern mit ihren ererbten Möbeln und altmodischer Zierlichkeit paßte! Die Fußböden waren so weiß, wie nur Großmutters Fußböden sind, die Wände waren einfarbig mit einer leichten, hellen Girlandenzeichnung unterhalb des Gesimses, in der Mitte der Decke war eine Stuckrose, die Türen waren kanelliert und hatten blanke Messinggriffe in Gestalt von Delphinen. Vor den Fenstern mit den kleinen Scheiben hingen luftige Gardinen aus Filetarbeit, weiß wie Schnee und faltig und kokett mit farbigen Bandschleifen aufgeheftet, wie der Vorhang eines Brautbettes für Karidon und Phyllis; auf den Fensterbrettern blühten in grüngesprenkelten Töpfen altmodische Blumen, blaue Schmucklilien, blaue Glockenblumen, kleinblättrige Myrten, feuerrote Verbenen und schmetterlingsbunte Geranien. Aber besonders waren es die Möbel, die dem Ganzen ihr Gepräge gaben. Diese unverrückbaren Tische mit großen Platten aus nachgedunkeltem Mahagoniholz; Stühle, deren Rückenlehnen sich wie Späne um einen zusammenkrümmten; Möbel mit Laden in allen möglichen Formen, Riesenkommoden mit mythologischen Szenen in hellgelbem Holz, Daphne, Arachne und Narzissus; oder auch kleine Sekretäre auf dünnen, geschnörkelten Beinen, wo jede kleine Lade ein Mosaik aus Dendriten trägt, das ein einsames, viereckiges Haus mit einem nahestehenden Baum vorstellt; das alles stammt noch aus einer Zeit lange vor Napoleon. Auch Spiegel, auf deren Glas Blumen in Weiß und Bronze gemalt sind: Schilf und Lotos, die auf einem schimmernden See schwimmen. Und nun das Sofa; nicht so eine Spielerei mit vier Beinen mit Platz für zwei; nein, festgebaut und massiv steigt es vom Fußboden auf, eine ganze, geräumige Terrasse, die auf jeder Seite mit einem brusthohen Konsolschränkchen zusammenhängt, über welchem sich wieder ein noch kleinerer Schrank architektonisch bis zur Manneshöhe erhebt, und einen kostbaren, alten Krug aus dem Bereich der Menschenkinder bringt. Kein Wunder, daß es soviel alte Sachen bei Konsuls gab, denn sein Vater und sein Großvater vor ihm hatten innerhalb dieser Mauern der Ruhe gepflegt, wenn auf dem Holzplatz und im Kontor die Arbeit ruhte.

Der Großvater, Berendt Berendtsen Claudi, dessen Namen das Geschäft noch führte, hatte das Haus erbaut und sich am meisten für das Ladengeschäft und den Produktenhandel interessiert; der Vater hatte den Holzhandel gegründet, Felder dazu gekauft, die Scheune erbaut, und die beiden Gärten angelegt; der jetzt lebende Claudi hatte sich stark auf den Kornhandel eingelassen, den Speicher errichtet und die Tätigkeit als englischer und hannoverscher Vizekonsul und als Lloydagent mit seiner Arbeit als Kaufmann zu vereinigen gewußt. Das Korn und die Nordsee gaben ihm so viel zu schaffen, daß er über die anderen Zweige des Geschäftes nur eine dilettantische Oberaufsicht führen konnte; er hatte es daher zwischen einem bankerotten Vetter und einem alten, unliebenswürdigen Großknecht geteilt, der dem Konsul jeden Augenblick den Stuhl vor die Tür setzte, indem er behauptete, wie es auch mit dem Kaufmannsgeschäft gehen möge, die Äcker müßten bestellt werden; und wenn er pflügen wolle, so könnten sie die Pferde zum Holzfahren nehmen, soviel sie wollten; seine bekämen sie bei allen Teufeln nicht. Da der Mann sonst aber tüchtig war, ließ sich ja nichts dabei machen.

Konsul Claudi war Anfang der Fünfzig, ein recht ansehnlicher Mann mit regelmäßigen, bis zur Plumpheit kräftigen Zügen, die sich ebenso leicht zu einem Ausdruck von Energie und kaltem Scharfsinn sammelten, wie sie zu einem verschlagenen Ausdruck gieriger, naschhafter Genußsucht erschlaffen konnten; er befand sich daher ebensogut in seinen wahren Elementen, wenn er einen Handel mit schlauen Bauern anbahnte, mit einer Schar hartnäckiger Borger akkordierte, oder bei einer letzten Flasche Rotwein zwischen ergrauten Sündern saß und auf mehr als schlüpfrige Geschichten lauschte, oder sie selbst in der rücksichtslosen, malenden Weise erzählte, für die er berühmt war.

Dies war indessen nicht der ganze Mann.

Die Bildung, die er empfangen, brachte es mit sich, daß er sich außerhalb von Fragen rein praktischer Natur auf fremdem Boden befand; aber deshalb verachtete er nicht, was er nicht verstand, machte auch kein Geheimnis daraus, daß er sich nicht darauf verstand, und noch viel weniger fiel es ihm ein, mitzureden oder Achtung für sein Geschwätz zu verlangen, nur weil er ein älterer, praktisch erfahrener und hochbesteuerter Bürger war. Im Gegenteil, er konnte mit einer fast rührenden Andacht dasitzen und auf das Gespräch junger Damen und Herren über solche Gegenstände lauschen, nur hie und da mit umständlichen Entschuldigungen eine bescheidene Frage stellen, die fast stets mit der größten Bereitwilligkeit beantwortet wurde. Dann dankte er für die Antwort mit der ganzen Verbindlichkeit, die der Ältere so schön in seinen Dank an Jüngere zu legen weiß.

Im ganzen genommen hatte Konsul Claudi in einzelnen glücklichen Momenten etwas überraschend Zartes, einen sehnsuchtsvollen Blick in den klaren braunen Augen, ein wehmütiges Lächeln um den starken Mund, einen suchenden, erinnerungsvollen Tonfall in der Stimme, – als sehnte er sich nach einer in seinen Augen besseren Welt als jene war, der seine Freunde und Bekannten ihn mit Haut und Haar verfallen glaubten.

Zwischen jener besseren Welt und ihm war seine Frau die Vermittlerin. Sie war eine jener bleichen, zarten, jungfräulichen Naturen, die nicht den Mut oder vielleicht auch nicht den Instinkt haben, ihre Liebe auszulieben, bis in der tiefsten Tiefe ihrer Seele nichts mehr von ihrem Selbst übrig ist. Auch nicht während eines flüchtigsten Moments werden sie so ergriffen, daß sie sich blind betört unter den Triumphwagen ihres Abgotts werfen. Das können sie nicht; aber sonst vermögen sie alles für den, den sie lieben. Sie können die schwersten Pflichten erfüllen, sie sind zu den schmerzlichsten Opfern bereit und sie scheuen vor keiner Demütigung zurück. So sind die besten von ihnen.

So große Anforderungen wurden nun nicht an Frau Claudi gestellt, aber ganz ohne Kummer war ihre Ehe auch nicht hingegangen; es war nämlich ein offenes Geheimnis, daß Konsul Claudi, bis vor einigen Jahren wenigstens, nicht der allertreueste Ehemann gewesen, und daß er sowohl in der Stadt wie auf dem Lande mehrere illegitime Kinder habe. Natürlich war das ein großer Schmerz für sie gewesen, und es war ihr nicht leicht gefallen, ihr Herz zu bezwingen, daß es aushielt, und nicht nachgab in jenem Aufruhr von Eifersucht, Verachtung und Zorn, Scham und lähmenden Schreck, der den festen Grund unter ihren Füßen hatte schwanken lassen. Nicht nur, daß kein Wort des Vorwurfs über ihre Lippen kam, sie verhinderte auch jedes Bekenntnis von seiten des Mannes, jede deutliche Bitte um Verzeihung und alles, was wie ein reuevolles Versprechen aussehen konnte. Sie fühlte, wenn es zu Worten käme, würden diese sie mit fortreißen, von ihm fortreißen. Schweigend sollte es getragen werden, und in diesem Schweigend suchte sie sich zur Mitschuldigen des Mannes zu machen, indem sie sich wegen der Selbstverschanzung anklagte, die aufzugeben ihre Liebe nicht stark genug gewesen war. Es gelang ihr, ihre Sünde so groß zu machen, daß sie einen unbestimmten Drang nach Vergebung empfand, und im Laufe der Zeit kam sie so weit mit sich selbst, daß das Gerücht entstehen konnte, für die Mädchen, die Konsul Claudi verführt habe, und ihre Kinder würde noch anderweitig gesorgt als durch Geld; es müsse eine verborgene Frauenhand sein, die sie schütze, ihnen alles Böse fernhalte, sie aufrecht erhalte und führe.

So kam es, daß die Sünde sich zum Guten wandte, und ein Sünder und eine Heilige einander besser machten.

Claudis hatten zwei Kinder, einen Sohn, der auf einem Handelskontor in Hamburg war, und eine neunzehnjährige Tochter, die Fennimore hieß, nach der Heldin in »St. Roche«, einem Roman von Frau von Paalzow, der in Frau Claudis Mädchenzeit sehr beliebt gewesen.

Fennimore und der Konsul waren am Strande, als der Dampfer Niels und Erik nach Fjordby brachte; Niels war angenehm überrascht, seine Cousine so hübsch zu finden, denn bis jetzt hatte er sie nur aus einem schrecklichen, alten Familiendaguerreotyp gekannt, auf dem sie in einer dunstigen Atmosphäre eine Gruppe mit ihrem Bruder und ihren Eltern bildete, alle mit hektischem Karmin auf den Backen und mit starker Vergoldung ihres Goldschmucks. Und nun sah sie so niedlich aus in ihrem hellen Morgenkleid, mit schwarzen Kreuzbänderschuhen an den Füßen, von denen einer auf den Balken des Bollwerks stand, während sie sich lächelnd vorbeugte und ihm den Griff ihres Sonnenschirmes zum Willkommensgruß reichte, bevor der Dampfer ordentlich angelegt hatte. Wie rot waren ihre Lippen, wie weiß ihre Zähne, wie fein zeichneten Stirn und Schläfen sich unter dem breiten Eugenienhut, durch den Schatten der lang herabhängenden mit Jettperlen besetzten Spitze ab. Endlich wurde die Landungsbrücke angelegt und der Konsul zog mit Erik ab, dem er sich bereits vorgestellt, als noch sechs Ellen Wasser zwischen ihnen lagen; gleich darauf hatte er ihn mit einer verblühten Hutmacherwitwe, die an Bord des Dampfers gewesen, in ein scherzhaftes Gespräch über die Qualen der Seekrankheit verwickelt, und nun war er beschäftigt, seine Bewunderung auf die großen Lindenbäume vor dem Hause des Amtsverwalters und auf den neuen Schoner zu lenken, der auf Thomas Rasmussens Werft lag.

Niels kam mit Fennimore nach. Sie machte ihn darauf aufmerksam, daß im Strandgarten die Flagge ihm und seinem Freund zu Ehren aufgezogen sei, und dann begannen sie, von Etatsrats in Kopenhagen zu sprechen. Sie waren gleich einig darüber, daß die Etatsrätin ein wenig – ein ganz klein wenig – sie wollten das Wort nicht aussprechen, aber Fennimore setzte ein scharfes Lächeln auf, indem sie eine katzenartige Bewegung mit der Hand machte, und das war offenbar bezeichnend genug, denn beide lächelten und sahen dann sofort wieder ernst aus. Sie gingen schweigend weiter, beide sehr mit dem Gedanken beschäftigt, wie der eine sich wohl in den Augen des anderen ausnähme.

Fennimore hatte sich Niels Lyhne bedeutender, ausgeprägter im Wesen, bestimmter charakterisiert, gleichsam wie ein Wort mit einem schwarzen Strich darunter, gedacht. Niels dagegen fand viel mehr als er erwartet; er fand sie reizend, beinahe bezaubernd, trotz ihres Anzugs, der soviel von der allzu großen Geputztheit der Provinzdame hatte; als sie in das Vorzimmer des Konsuls kamen und sie ihren Hut abnahm, damit beschäftigt, ihr Haar mit wunderbar graziösen, trägen, weichen Bewegungen der Hand und des Handgelenks zu ordnen, fühlte er sich dankbar für diese Bewegungen, als wären sie Liebkosungen, und weder an diesem noch am folgenden Tag konnte er sich von dieser ihm selbst ein wenig rätselhaften Dankbarkeit losmachen, die zuweilen so seltsam anwuchs, daß er meinte, es müßte das größte Glück sein, ihr mit Worten dafür danken zu dürfen, daß sie hübsch und süß sei.

Bald waren Niels und Erik in dem gastfreien Hause des Konsuls heimisch geworden, und nach ein paar Tagen waren sie so vollständig beschäftigt mit dem angenehm geordneten Faulenzen, das wirkliches Ferienleben ist, und das man so schwer vor guter Menschen freundlicher Belästigung verteidigt; sie mußten alles aufbieten, was sie an diplomatischen Fähigkeiten besaßen, um all den schwülen Abendgesellschaften, großen Meerfahrten, Sommerbällen und Dilettanten-Vorstellungen zu entgehen, die ihren Frieden ständig bedrohten. Sie wünschten, daß Hof und Garten des Konsuls auf einer öden Insel liege; und Robinson war nicht mehr erschrecken, als er die Fußspuren im Sande entdeckte, als sie es waren, wenn sie fremde Paletots in der Diele oder unbekannte Arbeitstäschchen auf dem Tisch in der Wohnstube erblickten. Sie wären viel lieber allein geblieben, denn sie waren noch nicht über die Mitte der ersten Woche hinaus, als sie beide schon in Fennimore verliebt waren. Noch nicht mit jener gereiften Liebe, die ihr Schicksal kennen muß und will; die sich danach sehnt, zu besitzen, zu umarmen und sich geborgen zu fühlen; so war es noch nicht; nur erst die Dämmerung der ersten Liebe, die wie wundersamer Lenz in der Luft liegt, und mit einer Sehnsucht schwillt, die Wehmut ist, mit einer Unruhe, die dem leisen pochenden Glück gleicht. Das Gemüt ist so weich und leicht bewegt, so bereit, sich hinzugeben. Eine Strahlenbrechung auf dem See, ein Rauschen im Laub, ja nur eine Blume, die sich öffnet – das alles hat eine so seltsame Macht bekommen. Unbestimmte Hoffnungen ohne Namen brechen plötzlich hervor und breiten Sonnenglanz über alles in der Welt, und ebenso plötzlich ist keine Sonne mehr da; eine sanfte Verzagtheit segelt breit wie eine Wolke über den Glanz und übermalt die Hoffnungsfunken mit dem Grau ihres Kielwassers. – So mutlos, so schmelzend mutlos, so schmerzlich süß in sein Schicksal ergeben, das Herz voll Mitleid mit sich selbst, eine Entsagung, die sich selber liebt und sich in stillen Elegien spiegelt und in einem Seufzer vergeht, der zur Hälfte erheuchelt ist ..... und dann plötzlich rascheln wieder Rosen: das Traumland taucht aus dem Nebel auf mit Golddunst auf zarten Buchenkronen und duftreichem Sommerdunkel unter dem Laube, das sich über Wege wölbt, von denen niemand weiß, wo sie enden. –

 

Eines Abends nach dem Tee waren alle im Wohnzimmer versammelt. Vom Garten oder irgend etwas anderem draußen konnte nicht die Rede sein, denn es goß in Strömen. Sie waren eingesperrt, aber durchaus nicht mißvergnügt darüber. Es lag etwas von der Gemütlichkeit eines Winterabends darin, so innerhalb der vier Wände eingesperrt zu sein; und außerdem war es so gut mit dem Regen; alles brauchte ihn so notwendig, und wenn es so recht herabgoß und in schweren Tropfen auf den Kasten des Spions fiel, so zauberte dieser Laut flüchtig vage Bilder von üppig grünen Feldern und erfrischtem Laub hervor, und dieser und jener sagte vor sich hin: »Wie es regnet!« und blickte mit einem Empfinden von Wohlbehagen und einem Schimmer halbbewußten Einverständnisses mit dem, was draußen vorging, nach den Scheiben.

Erik hatte eine Mandoline geholt, die er aus Italien mitgebracht und dazu von Napoli und glänzenden Sternen gesungen, und jetzt saß eine junge Dame, die zum Tee gekommen, am Klavier und begleitete sich selbst zum Liede: »Weit hinten zwischen den Bergen« und ließ alle Endungen auf a ausklingen, damit es recht schwedisch klänge.

Niels, der nicht besonders musikalisch war, ließ sich von der Musik ein wenig melancholisch stimmen und versank in Nachdenken, bis Fennimore zu singen begann.

Das weckte ihn.

Aber nicht angenehm; ihr Gesang erfüllte ihn mit Unruhe; sie war nicht mehr das kleine Provinzmädchen, wenn sie sich dem Klang ihrer Stimme hingab; – wie sie sich von diesen Tönen hinreißen ließ und wie sie in ihnen aufatmete, so rückhaltlos und frei, ja, er empfand es fast als unkeusch, es war, als sänge sie nackt vor ihm. Ihm wurde so heiß ums Herz, seine Schläfen klopften, und er schlug die Augen nieder. Sah es einer von den andern? Nein, sie sahen es nicht. Sie war ja außer sich, weit fort von Fjordby, von Fjordbypoesie und Fjordbygefühlen. Sie war in eine andere, eine verwegenere Welt gezogen, wo die Leidenschaften wild auf hohen Bergen wuchsen und ihre roten Blüten dem Sturm preisgaben.

Lag in ihrem Gesang vielleicht nur deshalb so viel für ihn, weil er so wenig Verständnis für Musik hatte? Er konnte es nicht so ganz glauben, aber er hoffte es, denn wie sie sonst war, hatte er sie viel lieber. Wenn sie mit ihrer Näharbeit dasaß und mit jener weichen, ruhigen Stimme sprach und mit ihren klaren, treuen Augen aufblickte, so drängte sein ganzes Wesen ihr entgegen mit der unwiderstehlichen Macht eines starken und stillen Heimwehs. Es trieb ihn, sich vor ihr zu demütigen, das Knie zu beugen und sie heilig zu nennen. Eine seltsame Sehnsucht zog ihn stets zu ihr, nicht nur wie sie war, sondern wie sie in ihrer Kindheit gewesen und in jenen Tagen, wo er sie noch nicht gekannt, und wenn sie allein waren, pflegte er stets die Vergangenheit in das Gespräch zu ziehen und brachte sie dazu, von ihren kleinen Leiden zu erzählen, ihren kleinen Verirrungen und kleinen Absonderlichkeiten, an denen jede Kindheit reich ist. Und er lebte in diesen Erinnerungen, neigte sich zu ihnen mit unruhigem, eifersüchtigem Schmachten, einem vagen Verlangen, zu greifen, zu teilen, eins zu werden mit diesen feinen, zartgefärbten Schatten eines Lebens, das zu reicherem und reiferem Farbenton erglüht war. Aber nun plötzlich dieser Gesang, der so mächtig war, so überraschend über ihn kam, wie ein weiter Horizont, der plötzlich bei einer Biegung des Weges vor uns auftaucht, und die liebliche Waldecke, die unsere ganze Welt war, zu einem Winkel der Landschaft macht und ihre feinen, krausen Linien klein und unbedeutend erscheinen läßt im Vergleich zu den großartigen Zügen der Hügel und des fernen Moorlandes! – Ah, aber die Landschaft war ja nur eine Fata Morgana, Phantasie nur, was er dem Gesang entnommen, denn jetzt sprach sie wieder, wie sie immer sprach, und war wieder so herrlich sie selbst. Er wußte auch aus tausend Beispielen, welch stilles Wasser sie war, ohne Sturm und ohne Wogen, klarer, blauer Himmel mit blitzenden Sternen.

So liebte er Fennimore, so sah er sie, und so wurde sie auch nach und nach ihm gegenüber. Nicht durch eine bewußte Verstellung, denn es lag gewissermaßen viel Wahrheit darin, es kam so natürlich, da jedes seiner Worte, seiner Ausdrücke, seine Träume und Gedanken mit Wünschen, Bitten und Huldigung gerade diese Seite bei ihr betrafen; es war so natürlich, daß sie vollständig sie selbst wurde in der Haut, die er ihr gleichsam aufnötigte. Wie konnte sie denn auch darauf achten, daß alle und jeder genau den richtigen Eindruck von ihr bekamen, jetzt, wo ihre Gedanken nur von dem einzigen erfüllt waren, von Erik, dem einzigen, ihrem erkorenen Herrn, ihn, den sie mit einer Wildheit liebte, die ihr fremd, mit einer abgöttischen Verehrung, die sie erschreckte. Sie hatte geglaubt, die Liebe sei ein süßer Ernst, nicht eine verzehrende Unruhe voll Furcht und Demütigung und Zweifel. Zuweilen, wenn sie glaubte, das Geständnis dränge sich auf Eriks Lippen, konnte ihr der Gedanke kommen, daß es ihre Pflicht sei, ihre Hand auf Eriks Mund zu legen und ihn vor dem Sprechen zu warnen, sich selbst vor ihm anzuklagen und ihm zu sagen, daß sie ihn betröge, ihm zu sagen, wie wenig sie seiner Liebe wert sei, wie irdisch klein, wie kindisch sie sei, wie wenig erhaben, wie elend niedrig und garstig alltäglich. Sie fühlte sich so falsch vor seinen bewundernden Blicken, so berechnend, wenn sie tat, als ginge sie ihm aus dem Weg; so verbrecherisch, wenn sie es nicht über das Herz bringen konnte, in ihrem Abendgebet Gott zu bitten, daß er ihr Herz von ihm abwende, so daß sein Schicksal eitel Licht und Hoheit und Herrlichkeit werden könne. Denn sie würde ihn ja mit ihrer niedrigen Liebe herabziehen.

Fast widerstrebend liebte Erik sie. Sein Ideal war stets vornehm, groß und stolz gewesen, mit stiller Schwermut in den bleichen Zügen und tempelkühler Luft in den strengen Falten des Gewandes; aber Fennimores Liebreiz hatte ihn bezwungen. Er konnte ihrer Schönheit nicht widerstehen. Auf ihrer ganzen Erscheinung lag so eine frische, unbewußte Sinnlichkeit; wenn sie ging, so flüsterte ihr Schritt von ihrem Körper, es lag eine Nacktheit in ihren Bewegungen, eine träumerische Beredtheit in ihrer Ruhe, gegen die sie nichts vermochte, die zum Verbergen oder zum Schweigen zu bringen nicht in ihrer Macht gelegen, selbst wenn sie eine Ahnung davon gehabt hätte. Niemand sah dies besser als Erik, und er wußte vollkommen, wie groß der Anteil ihrer rein körperlichen Schönheit an seiner Neigung war; deshalb kämpfte er dagegen, denn in seiner Seele lebten große, schwärmerische Ideen von Liebe, Ideen, die er vielleicht nicht nur aus Poesie und Tradition geschöpft, sondern aus tieferen Schichten in seiner Natur, als die waren, die im allgemeinen in seinem Wesen ihren Ausdruck fanden. Woher sie aber auch stammten – sie mußten weichen.

Noch hatte er Fennimore seine Liebe nicht gestanden; aber da geschah es, daß der »Berendt Claudi« heimkam und draußen auf der Reede lag. Er sollte weiter oben am Fjord löschen, deshalb kam er nicht in den Hafen, und da der Konsul sehr stolz auf seinen Schoner war und ihn seinen Gästen zeigen wollte, ruderte man eines Abends hinaus, um an Bord Tee zu trinken.

Das Wetter war herrlich, vollkommen windstill, und alle waren aufgelegt, sich zu amüsieren. Die Zeit verging aufs angenehmste, man trank englischen Porter, aß englische Keks, so groß wie Monde, und speiste gesalzene Makrelen, die auf der Fahrt durch die Nordsee gefangen worden waren. Man pumpte mit der Schiffspumpe, bis sie schäumte, schaukelte den Kompaß, zog mit dem großen Blechschöpfer Wasser aus den Wasserbehältern und hörte den Steuermann auf einer achteckigen Harmonika spielen.

Es war dunkel, als alle zur Heimfahrt bereit waren.

Sie ruderten in zwei Abteilungen, Erik, Fennimore und ein paar ältere Leute in der Schiffsjolle, die übrigen in des Konsuls Boot. Das erste Boot sollte vorausrudern, kreuzen und erst dann langsam hineinrudern, während das andere direkt an Land gehen sollte. Der Grund für diese Bestimmung war, daß man hören wollte, wie der Gesang an einem so stillen Abend über das Wasser hinklingen würde. Deshalb saßen Erik und Fennimore zusammen auf der hinteren Ruderbank des ersten Bootes, sie hatten die Mandoline mit. Aber der Gesang wurde ganz vergessen, denn als die Ruder ausgelegt wurden, zeigte es sich, daß ungewöhnlich starkes Meerleuchten war, und das beschäftigte alle vollständig. Das Boot glitt leise dahin, und die glanzlos glatte Fläche wurde von weggleitenden Linien und Kreisen milden weißen Lichts durchfurcht, das gerade die Linie, die es machte, erhellte, und nur an den Stellen, wo es am stärksten war, einen seinen, matten Glanz, wie den Rauch einer brennenden Kerze über das Nächstliegende warf. Weiß glänzte es um die Ruder und glitt in zitternden Ringen, die schwächer und schwächer wurden, herab; in leuchtenden Tropfen spritzte es von den Rudern in einem Phosphorregen, der in der Luft erlosch, Tropfen für Tropfen aber das Wasser entzündete. Es war so still über dem Fjord und der Takt der Ruderschläge teilte die Ruhe in gleichgroße Pausen. Still und weich lag die graue Dämmerung auf der schweigenden Tiefe, Boot und Leute waren zu einem dunkeln Ganzen geworden, aus dem der schwache Glanz des Meerleuchtens um die eilenden Ruder dann und wann ein nachschleppendes Tau und die ruhigen, braunen Gesichter der Matrosen befreite. Niemand sprach, Fennimore kühlte ihre Hand im Wasser, und sie und Erik hatten sich umgewandt und sahen dem Phosphorstreifen zu, der lautlos hinter dem Boote Herzog und ihre Gedanken in seinem hellen Netz auffing.

Vom Lande her rief man nach Gesang; das weckte sie, und nun sangen sie mit Mandolinenbegleitung ein paar italienische Romanzen.

Dann wurde es wieder still. Endlich legten sie an bei der kleinen Landungsbrücke, die vom Strandgarten aus in den Fjord ging. Das Boot des Konsuls lag leer an der Brücke, und die Gesellschaft war ins Haus gegangen. Die Tante und die übrigen gingen nach, nur Erik und Fennimore blieben stehen und sahen dem Boote nach, das zum Schiff zurückruderte. Oben fiel die Klinke der Gartenpforte ins Schloß, die Ruderschläge klangen schwächer und schwächer, die Bewegung des Wassers an der Brücke legte sich. Ein Windhauch zog durch das dunkle Laub, wie ein Seufzer, der sich versteckt und nun ganz leise die Blätter hob, und fortflog und beide allein ließ.

Fast gleichzeitig wandten sie sich einander zu und vom Wasser fort. Er faßte ihre Hand, zog sie langsam wie fragend an sich und küßte sie. »Fennimore«, flüsterte er, und sie gingen durch den dunklen Garten.

»Du hast es so lange gewußt«, sagte er. Sie sagte ja.

Dann gingen sie weiter, und dann fiel die Klinke abermals ins Schloß.

Erik konnte nicht schlafen, als er endlich, nachdem er mit der Gesellschaft Kaffee getrunken und sich von ihr an der Haustür verabschiedet hatte, auf sein Zimmer kam.

Er hatte nicht Luft genug, darum riß er die Fenster auf, dann legte er sich aufs Sofa und lauschte.

Er wollte wieder hinaus.

Wie laut es doch in diesem Hause war. Er hörte die Morgenschuhe des Konsuls, und jetzt öffnete Frau Claudi die Küchentür, um zu sehen, ob das Feuer aus sei. – Was hatte Niels denn zu nachtschlafender Zeit bei seinem Koffer zu tun?

Da. – Eine Maus hinter der Holzverkleidung. Jetzt ging einer auf Socken über den Boden. – Nun sogar zwei. – Endlich! Er öffnete die Tür zu dem nach hinten liegenden Fremdenzimmer und horchte. Dann machte er dort leise das Fenster auf und setzte rücklings über das Gesimse fort auf den Hof. Durch die Rollkammer konnte er nämlich in den Strandgarten gelangen; wenn ihn jemand sehen sollte, würde er sagen, er habe die Mandoline unten an der Brücke vergessen und wolle sie vor dem Tau retten. Deshalb trug er sie auf dem Rücken.

Der Garten war jetzt Heller; ein leiser Luftzug hatte sich erhoben, am Himmel stand ein wenig Mond und legte einen zitternden Silberstreifen von der Landungsbrücke hinaus bis zum »Berendt Claudi«.

Er trat hinaus auf den Damm, der den Garten schützte, und sich von da aus in scharfen Winkeln um einen großen aufgedämmten Platz bis an die Hafenmole zog. Den ganzen Weg balancierte er auf den großen, unbequemen, schrägen Steinen.

Ein wenig atemlos erreichte er den Molenkopf und setzte sich dort auf die Bank.

Hoch über seinem Kopfe bewegte die rote Laterne des Leuchtfeuers sich leise mit einem seufzenden Laut von Eisen hin und her, und die Flaggenleine schlug schwach gegen die Stange. Der Mond war klarer geworden, aber nur wenig, und warf ein vorsichtiges, grauweißes Licht auf die stillen Fahrzeuge im Hafen und auf den Wirrwarr von Dachecken und dunkeläugigen, weißen Giebeln der Stadt. Und dahinter, über dem Ganzen, stieg hell und ruhig der Kirchturm auf.

Träumend lehnte sich Erik zurück; in seinem Herzen schwoll eine Woge von Freude und Jubel an und machte, daß er sich so reich an Mut und Lebenswärme fühlte. Es war ihm, als könne Fennimore jeden Liebesgedanken hören, der Ranke in Ranke, Blüte an Blüte aus seinem Glück emporwuchs, und er erhob sich, fuhr schnell über die Saiten der Mandoline und sang im Triumph der schlummernden Stadt da drüben zu:

»Wach liegt auf dem Lager mein Mädchen
und lauscht zu mir empor!
Wach liegt mein Mädchen
und lauscht zu mir empor!«

Und immer wieder, wenn ihm das Herz zu voll wurde, wiederholte er die Worte des alten Volksliedes.

Nach und nach wurde er ruhiger; die Erinnerung an Stunden vergangener Tage, wo er sich am schwächsten, am geringsten und am verlassensten gefühlt, drängte sich mit einem stillen, spannenden Schmerz empor, dem gleich, der uns die ersten Tränen ins Auge treibt; und er setzte sich auf die Bank, und während seine Hand still auf den Saiten der Mandoline lag, starrte er auf die weitgestreckte Fläche des blaugrauen Fjords, auf dem die blinkende Mondbrücke das dunkle Schiff durch weiße Nebel nach einem wolkenblauen Lande, nach der zarten, melancholischen Reihe von Morsös Hügeln hinübertrug.

Und die Erinnerungen kamen milder und milder, stiegen in hellere Länder empor, strahlten gleichsam in einer Morgenröte von Rosen.

– mein Mädchen! sang er in Gedanken.

»Wach liegt auf dem Lager mein Mädchen
und lauscht zu mir empor!«

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