Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jens Peter Jacobsen >

Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJens Peter Jacobsen
titleNiels Lyhne
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
translatorPaul Volk
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida5535954
created20070412
Schließen

Navigation:

9. Kapitel

Niels Lyhne eilte der Heimat zu, er konnte die Einsamkeit unter all den fremden Menschen nicht ertragen; aber je näher er Kopenhagen kam, desto häufiger fragte er sich, was er eigentlich dort wolle, und desto mehr bereute er, nicht draußen geblieben zu sein. Denn, wen hatte er in Kopenhagen? Frithjof nicht; Erik war auf einer Stipendienreise in Italien, also ihn ebenfalls nicht; und Frau Boye? – es war ein seltsames Verhältnis, das zu Frau Boye. Jetzt, wo er direkt vom Grabe seiner Mutter kam, schien es ihm nicht gerade profan oder dergleichen, aber es klang nicht zusammen mit dem Ton, in dem seine jetzige Stimmung vibrierte. Es war ein Mißton. Wäre es seine verlobte Braut gewesen, ein junges, errötendes Mädchen, dem er jetzt entgegenzog, nachdem seine Seele sich so lange der Erfüllung seiner Kindespflichten geweiht hatte, so würde es seinem Gefühl nicht widerstrebt haben. Und es half nichts, daß er versuchte, sich selbst überlegen zu werden, indem er seine veränderte Auffassung über die Beziehungen zu Frau Boye spießbürgerlich und beschränkt nannte: das Wort zigeunerhaft bildete sich doch fast unbewußt bei ihm heraus als Ausdruck für das Mißbehagen, das er nicht fortraisonnieren konnte, und es war auch eine Art Fortsetzung derselben Richtung, daß sein erster Weg, nachdem er sich seine alten Zimmer oben am Wall gesichert hatte, ihn zum Etatsrat und nicht zu Frau Boye führte.

Am nächsten Tage ging er hin; aber er traf sie nicht. der Portier sagte, sie habe eine Sommerwohnung in der Nähe der Emilienquelle gemietet; dies setzte Niels in Erstaunen, denn er wußte, daß die Villa ihres Vaters in der Nähe lag.

An einem der folgenden Tage wollte er hinaus.

Aber schon am nächsten erhielt er ein Billet von Frau Boye, das ihn in ihre Stadtwohnung bestellte. Die blasse Nichte habe ihn auf der Straße gesehen. Dreiviertel auf eins solle er kommen, müsse er kommen. Sie wolle ihm sagen weshalb, wenn er es noch nicht wisse. Ob er es denn wisse? Er solle sie nicht falsch beurteilen, nicht unvernünftig sein. Er kenne sie ja. Weshalb er es denn auffassen wolle, wie plebejische Naturen es täten? Würde er das tun? Sie seien doch nicht wie andere. Wenn er sie nur verstehen wolle! Niels! – Niels!

Dies Billet versetzte ihn in starke Spannung, und plötzlich fiel es ihm wieder ein und beunruhigte ihn, daß die Etatsrätin ihn neulich so spöttisch mitleidig angesehen, gelächelt und geschwiegen hatte, so sonderbar geschwiegen. Was konnte es sein – was in aller Welt konnte es nur sein? Die Stimmung, die ihn von Frau Boye ferngehalten, war verschwunden, er begriff sie gar nicht mehr, ihm war so bange. Wenn sie einander nur geschrieben hätten, wie andere vernünftige Menschen. Weshalb hatten sie es denn eigentlich nicht getan? So viel hatte er doch nicht zu tun gehabt. Er war doch auch zu merkwürdig; sich von dem Ort, wo er gerade war, immer so ganz und gar in Anspruch nehmen zu lassen. Und alles zu vergessen, was ferner lag. Nicht vergessen gerade, aber er schob es so weit zurück, und ließ es von der Gegenwart begraben. Wie unter Berge. Man sollte nicht glauben, daß er Phantasie besaß.

Endlich. Frau Boye schloß ihm selbst die Entreetür auf, bevor er noch geläutet hatte. Sie sagte nichts, sondern reichte ihm die Hand zu einem langen, kondolierenden Druck; durch die Zeitungen hatte sie ja von seinem Verlust erfahren. Niels sagte ebenfalls nichts, und so gingen sie schweigend zwischen zwei Reihen von Stühlen mit rot und weiß gestreiften Überzügen durch das erste Zimmer. Der Kronleuchter war in Papier gehüllt, und die Fensterscheiben waren geweißt. Im Wohnzimmer war alles wie gewöhnlich, nur die Jalousien waren vor den geöffneten Fenstern niedergelassen und schlugen in dem leisen Luftzug einförmig klappernd gegen den Fensterrahmen. Der Reflex vom sonnenbeschienenen Kanal sickerte gedämpft durch die gelben Stäbe und zeichnete ein unruhiges, krauses Getäfel voll Wellenlinien an die Zimmerdecke, zitternd, wie die zitternden Wogen draußen; sonst war alles still und wartete geduldig mit leisem Atem.

Frau Boye konnte nicht einig mit sich werden, wo sie sitzen wollte, endlich entschied sie sich für den Schaukelstuhl, wischte mit ihrem Taschentuch den Staub ab, stellte sich dann jedoch hinter den Stuhl, die Hände auf die Lehne gelegt. Die Handschuhe hatte sie noch an und nur einen Arm aus der schwarzen Mantille gezogen, die sie über ihrem schottischkarierten Seidenkleid trug; ebenso klein kariert wie das breite Band auf ihrem großen, runden Panamahut, dessen helles Stroh ihr Gesicht zur Hälfte verbarg; sie stand und sah zu Boden, während sie heftig mit dem Stuhl schaukelte.

Niels saß auf dem Taburett am Klavier, weit fort von ihr, als erwarte er, etwas Unangenehmes zu hören.

»Weißt du es also, Niels?«

»Nein. Aber was ist es, das ich nicht weiß?«

Der Stuhl stand still. »Ich bin verlobt.«

»Sie haben sich verlobt, aber weshalb, wie?«

»Ach nenne mich nicht Sie, sei nicht gleich unvernünftig.«

Sie lehnte sich trotzig an den Schaukelstuhl. »Du kannst doch begreifen, daß es nicht ausgesucht angenehm für mich ist, hier stehen und dir alles erklären zu müssen. Ich will es ja tun, aber du könntest mir wohl helfen.«

»Das ist lauter Unsinn. Bist du verlobt oder nicht?«

»Ich habe es dir ja gesagt,« entgegnete sie mit leiser Ungeduld und blickte auf.

»Dann darf ich mir also erlauben, Ihnen zu gratulieren, Frau Boye, und Ihnen recht herzlich für die Zeit zu danken, in der wir einander kannten.« Er war aufgestanden und verbeugte sich mehrmals sarkastisch.

»Und so kannst du von mir scheiden, so ganz ruhig; ich bin verlobt, und nun sind wir fertig; alles, was zwischen uns beiden gewesen, ist eine alte, dumme Geschichte; an die wir nicht mehr denken wollen. Vorbei soll vorbei sein? Ohne weiteres? – Niels, soll die Erinnerung an all jene teuren Tage von jetzt an stumm sein, wirst du nie, nie wieder an mich denken, mich nie vermissen? Wirst du nicht zuweilen in einer stillen Abendstunde den Traum wieder lebendig träumen und ihm die Farben geben, in denen er hätte leuchten können? Kannst du es lassen, alles in Gedanken noch einmal zu lieben, und es zu der Fülle reifen zu lassen, die es hätte erreichen können? Kamst du? Kannst du deinen Fuß darauf setzen und es zertreten, jedes Krümchen, so daß es aus der Welt ist? Niels?«

»Ich hoffe es; Sie haben mir ja gezeigt, daß es geht. – Ach, es ist ja alles Unsinn, grundloser Unsinn von Anfang bis zu Ende; weshalb haben Sie diese Komödie arrangiert? Ich habe ja keine Spur von Recht, Ihnen Vorwürfe zu machen. Sie haben mich ja nie geliebt, nie behauptet, daß Sie mich lieben; Sie haben mir nur gestattet, Sie zu lieben, das taten Sie, und jetzt nehmen Sie diese Erlaubnis zurück; oder darf ich fortfahren, jetzt, wo Sie einem anderen gehören. Ich verstehe Sie nicht; haben Sie das für möglich gehalten? Wir sind doch keine Kinder. Oder fürchten Sie, daß ich Sie zu schnell vergessen werbe? Beruhigen Sie sich. Sie streicht man nicht aus seinem Leben. Aber hüten Sie sich; eine Liebe wie der meinen begegnet ein Weib nicht zweimal im Leben; hüten Sie sich, daß es Ihnen nicht Unglück bringt, mich verstoßen zu haben. Ich wünsche Ihnen nichts Böses, nein, nein; mögen Sie von aller Not und Krankheit verschont bleiben, möge Ihnen all das Glück, das Reichtum, Bewunderung und gesellschaftlicher Erfolg Ihnen gewähren können, im vollsten Maße werden, im allervollsten, das ist mein Wunsch; möge die ganze Welt Ihnen offen stehen, bis auf eine kleine Tür, eine einzige kleine Tür, wie oft Sie auch klopfen und versuchen mögen; aber sonst alles, alles so weit und voll, wie Sie nur wünschen können.«

Er sagte es langsam, beinahe traurig, durchaus nicht bitter, aber mit einem seltsam zitternden Klang in der Stimme, einem Klang, der ihr fremd war und Eindruck auf sie machte. Sie war bleich geworden und stützte sich fest auf den Stuhl. »Niels«, sagte sie, »prophezeie mir nichts Böses, denk' daran, du warst nicht hier, Niels, und meine Liebe, ich wußte nicht, wie wirklich sie war; es schien mehr, als ob sie mich nur interessiere, sie klang durch mein Leben wie eine zarte, geistreiche Dichtung, sie packte mich nie mit starken Armen; sie hatte Flügel, nur Flügel. Das glaubte ich, ich wußte es ja nicht besser bis jetzt oder damals, als ich es tat, als ich Ja sagte. Es war auch so schwierig, es war manches dabei, so viele, auf die ich Rücksicht zu nehmen hatte. Mit meinem Bruder Hardenskjöld, du weißt, der nach Westindien mußte, fing es an; er hatte hier ein wenig wild gelebt, aber da drüben war er gesetzt und vernünftig geworden, wurde Kompagnon von jemand, verdiente viel Geld, und verheiratete sich auch mit einer reichen Witwe, einem süßen, kleinen Ding, kann ich dir versichern; und dann kam er wieder nach Hause, und Vater und er versöhnten sich, denn Hatte ist ganz verändert, o, er ist respektabel ohne Ende, so empfindlich gegen das, was die Leute sagen: gräßlich borniert, ach! – Natürlich fand er, daß ich wieder auf guten Fuß mit der Familie kommen müsse, und predigte und bat und schwatzte jedesmal, wenn er kam; Vater ist ja nun auch ein alter Mann, und deshalb tat ich es, und jetzt ist wieder alles, wie es früher war.«

Sie hielt einen Augenblick inne, begann die Mantille, den Hut und die Handschuhe abzulegen und wandte sich in ihrer Geschäftigkeit ein wenig von Niels ab, während sie weitersprach.

»Und da war nun ein Freund von Hatte, der sehr angesehen, ungeheuer angesehen ist; und alle meinten, ich solle es tun, sie wollten es so gern, und siehst du, dann konnte ich meinen alten Platz in der Gesellschaft wieder einnehmen, besser eigentlich noch, denn er ist in jeder Beziehung angesehen, und danach hatte ich mich schon lange gesehnt. – Nicht wahr, das verstehst du nicht? Das hättest du nie von mir gedacht? Ganz das Gegenteil. Weil ich die Gesellschaft immer verspottete, mit all ihren konventionellen Dummheiten und ihrer Patentmoral und ihrem Tugendthermometer und ihrem Weiblichkeitskompaß; du erinnerst dich noch, wie witzig wir waren? Es ist zum Weinen, du, es war nicht wahr, nicht im mindesten; denn ich will dir etwas sagen, Niels, wir Frauen können uns wohl für eine Zeitlang losreißen, wenn etwas in unser Leben getreten ist, das unsere Augen dem Freiheitsdrange, der uns innewohnt, geöffnet hat; aber wir halten nicht aus, wir haben nun einmal eine Leidenschaft im Blut für das Korrekteste des Korrekten bis hinauf zur prüdesten Spitze des Prüden. Wir halten es nicht aus, im Kriege zu liegen mit dem, was von der Allgemeinheit einmal angenommen wurde; im innersten Innern finden wir doch, daß sie recht hat, weil sie es ist, die urteilt, und in unserem Herzen beugen wir uns vor ihrem Urteil und leiden darunter, wie keck wir uns auch stellen mögen. Es liegt uns Frauen nun einmal nicht, Ausnahmen zu sein, Niels, es macht uns so seltsam, vielleicht interessanter, aber sonst... Kannst du es begreifen? Es ist erbärmlich, nicht wahr? Aber du begreifst wohl, daß es einen wunderlichen Eindruck auf mich gemacht hat, wieder in die alten Umgebungen zurückzukommen .... So viele Erinnerungen drangen auf mich ein – das Andenken an meine Mutter, und wie sie dachte; mir war, als sei ich wieder in den Hafen gelangt, alles war so friedlich und ordentlich, und ich brauchte mich nur daran zu binden, um für all mein Lebtag recht glücklich zu werden. Und deshalb ließ ich mich binden, Niels.«

Niels konnte sich eines Lächelns nicht erwehren; er fühlte sich ihr so überlegen, und sie tat ihm so leid, wie sie da vor ihm stand, so jugendlich unglücklich in ihrem Selbstbekenntnis. Ihm wurde so weich zumut, und er konnte gar keine harten Worte finden.

So ging er zu Ihr.

Inzwischen hatte sie den Stuhl umgedreht und war hineingesunken; da saß sie nun so matt und weltverlassen mit hängenden Armen, mit erhobenem Gesicht und halb gesenkten Augen und sah durch das verdunkelte Zimmer mit den zwei Reihen Stühlen in das finstere Entree hinaus.

Niels legte den Arm auf die Rückenlehne und beugte sich, die Hand auf die Seitenlehne gestützt, über sie und flüsterte: »Und mich hattest du ganz vergessen?«

Es war, als hätte sie es nicht gehört, sie hob nicht einmal die Augen; endlich schüttelte sie den Kopf, ganz wenig, und nach einer Weile noch einmal, ganz wenig.

Zuerst war es so still um sie; dann hörte man auf dem Treppengang ein Dienstmädchen, das trällernd die Schlösser polierte; das Rütteln der Türgriffe brach brutal in die Stille ein und ließ sie noch tiefer erscheinen, als sie plötzlich wiederkehrte. Dann war alles wieder ruhig, und man hörte nur das leise, schläfrig taktfeste Schlagen der Jalousien.

Diese Ruhe raubte ihnen die Sprache, beinahe auch die Gedanken, und sie saß wieder wie zuvor, den Blick in das dunkle Entree gerichtet; er blieb über sie gebeugt stehen und starrte auf das Gewürfel ihres Seidenkleides, und unbewußt, von der milden Ruhe verlockt, begann er, sie zu schaukeln, ga – nz leise, ga – nz leise.

Langsam hob sie die Lider zu einem Blick auf sein mild beschattetes Profil und senkte sie dann wieder in stillem Wohlbehagen. Es war wie eine lange Umarmung, als legte sie sich in seine Arme, wenn der Stuhl zurückging: und wenn er wieder nach vorn ging, so daß ihre Füße den Boden berührten, so lag etwas von ihm in dem leisen Druck, den der Boden gegen den Fuß übte. Auch er fühlte es, das Schaukeln begann ihn zu interessieren, nach und nach schaukelte er stärker; es war, als wäre er näher daran, sie zu besitzen, je weiter er den Stuhl zurücklehnte, und wie Erwartung lag es in der Sekunde, die dem Vorwärtsschaukeln voranging; und wenn er dann niederstieß, so lag eine eigentümliche Befriedigung in dem leisen Schlag, mit dem ihre willenlosen Füße den Boden berührten; und ihr ganzer Besitz dünkte es ihn, wenn er den Stuhl noch weiter vorwärts zwang, und ihre Sohlen so sanft gegen den Boden preßte, daß die Knie sich ein wenig heben mußten.

»Laß uns nicht träumen«, sagte Niels dann mit einem Seufzer und ließ resigniert den Stuhl los.

»Doch«, sagte sie beinahe bittend, und sah ihn unschuldig mit großen, wehmutstrunkenen Augen an.

Sie hatte sich langsam erhoben.

»Nein, nicht träumen«, sagte Niels nervös und legte den Arm um ihre Taille. »Träume sind genug zwischen uns gewesen, hast du das nie bemerkt? Haben sie nie wie ein flüchtiger Atem deine Wange oder dein Haar berührt? Ist es möglich, daß die Nacht nicht zitternd Seufzer auf Seufzer ausgehaucht hat, die sterbend auf deine Lippen herabsanken?«

Er küßte sie, und es war ihm, als werde sie minder jung unter seinem Kusse, minder jung, aber schöner, glühend schön, berauschend.

»Du mußt es wissen,« sagte er, »du weißt nicht, wie ich dich liebe, wie ich gelitten habe und entbehrt. Tema, wenn jene Zimmer am Wall reden könnten!«

Er küßte sie wieder und wieder, und sie schlang heftig die Arme um seinen Hals, so daß die weiten Ärmel hoch über die faltigen weißen Unterärmel, höher als über die grauen Gummibänder, die sie über dem Ellbogen hielten, hinaufglitten.

»Was könnten die Zimmer sagen, Niels?«

»Tema, könnten sie zehntausendmal und öfter sagen; sie könnten in diesem Namen beten, rasen, seufzen und schluchzen. Tema – sie könnten auch drohen.«

»Sie könnten drohen?«

Von der Straße herauf drang ganz und unverkürzt ein Gespräch durch die geöffneten Fenster; es war die gleichgültigste Weisheit der Welt in abgenützten Alltagsworten, die zwei stimmungslose Klatschstimmen durcheinander jagten und wälzten. Die ganze Prosa drang, zu ihnen herein und machte es noch herrlicher, so Brust an Brust dazustehen, eingehüllt von weichem, gedämpften Licht.

»Wie ich dich liebe, du Süße, Süße – in meinen Armen, du bist so gut; bist du so gut, so gut? – und dein Haar ... ich kann beinahe nicht sprechen, und all die Erinnerung ... so gut ... all die Erinnerung daran, wie ich geweint habe und unglücklich war und dich so schmerzlich vermißte, sie dringt jetzt auf mich ein, drängt sich hervor, als wollte sie jetzt im Glück glücklich mit mir sein – begreifst du! – Weißt du noch, Tema, kannst du dich noch auf den Mondschein im vorigen Jahr besinnen? Liebst du ihn? – O, du weißt nicht, wie grausam er sein kann. Solch eine mondhelle Nacht, wenn die Luft in kühlem Lichte erstarrt ist, und die Wolken still daliegen, – Tema, Blumen und Laub halten ihren Duft so dicht an sich, als sei es ein Reif von Duft, der auf ihnen liegt, und alle Laute werden so fern und schwinden so plötzlich und weilen nicht; – sie ist so unbarmherzig, solche Nacht, denn der Schmerz wächst so wunderlich stark in ihr, sie schweigt ihn aus allen Winkeln der Seele hervor, saugt ihn mit harten Lippen heraus; und keine Hoffnung leuchtet, kein Versprechen winkt in all der kalten, starren Klarheit; ach, ich weinte, Tema, Tema, hast du niemals eine mondhelle Nacht durchweint? Nein, du Süße, es wäre ein Jammer, wenn du weinen müßtest; du darfst nicht weinen, um dich sollten stets Rosennächte und Sonne sein – eine Rosennacht –«

Sie war ganz in seine Arme gesunken, und den Blick in den seinen verloren, murmelten ihre Lippen wie im Traum seltsam süße Liebesworte, von ihrem Atem halb erstickt, wiederholte sie Worte, Worte von ihm, als flüsterte sie sie ihrem Herzen zu.

Draußen auf der Straße entfernten sich die Stimmen und machten sie unruhig. Dann kamen sie wieder, taktfest, von dem harten Stoßen eines Stocks auf die Fliesen begleitet; jetzt verzogen sie sich auf die andere Seite, weilten lange noch gedämpft in der Ferne, wurden schwächer und erstarben.

Und die Stille schwoll wieder um sie empor, loderte auf um sie, herzzersprengend mit schwerem Atem. Die Worte zwischen ihnen waren versiegt, die Küsse fielen schwer von ihren Lippen, wie zögernde Fragen, aber sie brachten keine Erlösung mit sich, kein Genießen des Augenblicks. Sie wagten nicht, mit den Augen voneinander zu lassen, und wagten doch nicht, Worte in ihren Blick zu legen, sie verschleierten ihn gleichsam, verbargen sich hinter ihm, schweigend, über geheimnisvolles Träumen brütend.

Da plötzlich kam ein Zittern in seine Umarmung und weckte sie, und sie stemmte die Hände gegen seine Brust und riß sich los.

»Geh, Niels, geh, du darfst nicht hier sein; du darfst nicht, hörst du?«

Er wollte sie an sich ziehen, aber sie zog sich bleich und wild zurück. Sie zitterte von Kopf bis zu Fuß und stand mit vorgestreckten Armen da, als wage sie nicht, sich selbst zu berühren.

Niels wollte niederknien und ihre Hand fassen.

»Du darfst mich nicht anrühren«, Verzweiflung lag in ihrem Blick. »Weshalb gehst du nicht, wenn ich dich bitte, Herrgott, kannst du denn nicht gehen? Nein, du darfst nicht sprechen, geh deiner Wege, du. Siehst du nicht, wie ich vor dir zittere? Sieh doch, sieh. Oh, es ist schlecht vor dir, so gegen mich zu sein! Wenn ich dich doch bitte!«

Es war ihm unmöglich ein Wort zu sagen, sie wollte nicht hören. Sie war ganz außer sich. Tränen strömten aus ihren Augen; ihr Gesicht war fast verzerrt und leuchtete gleichsam vor Blässe. Was sollte er tun?

»Willst du denn nicht gehen? Kannst du denn nicht sehen, wie du mich durch dein Bleiben demütigst, du mißhandelst mich, ja, das tust du; was habe ich dir getan, daß du so schlecht sein kannst? Oh, geh! Hast du denn kein Mitleid?«

Mitleid. Er war eiskalt vor Wut. Dies war ja Wahnsinn. Es blieb ihm nichts übrig, als zu gehen. Er ging. Die beiden Stuhlreihen ließ er nicht seitwärts liegen, sondern ging langsam, den starren Blick darauf gerichtet, hindurch, wie um zu trotzen.

»Erit Niels Lyhne«, sagte er, als er die Entreetür hinter sich ins Schloß fallen hörte.

Nachdenklich, den Hut in der Hand, ging er die Treppe hinunter. Auf dem Absatz blieb er stehen und gestikulierte vor sich hin. Wenn er nur das Geringste davon verstehen könnte! Weshalb dies, und weshalb wieder jenes? Dann ging er weiter. Da waren die geöffneten Fenster. Es wandelte ihn die Lust an, mit einem gellenden Ruf die ekle Stille da oben zu zerreißen, oder jemanden zu haben, mit dem er hier reden konnte, stundenlang reden – unerbittlich – in jene Stille hineinzuschwatzen, sie in Gewäsch kalt zu baden. Er konnte sie nicht aus seinem Blut bringen; er konnte sie sehen, schmecken, er ging in ihr. Plötzlich blieb er stehen und errötete vor erbitterter Scham. Hatte Tema sich selbst in Versuchung führen wollen? –

Oben stand Frau Boye noch und weinte; sie hatte sich vor den Spiegel gestellt und stand mit beiden Händen auf die Konsole gestützt und weinte, daß ihre Tränen in das rosenrote Innere einer großen Muschel tropften. Sie sah auf ihr verstörtes Gesicht, wie es über der angehauchten Stelle erschien, die ihr Atem auf dem Glase bildete, und sie verfolgte die Tränen, wie sie sich aus den Augen hervordrängten und hinabrollten. Wie konnten sie denn immer noch fließen? So hatte sie noch nie geweint: doch – in Frascati einmal, als die Pferde mit ihr durchgegangen waren.

Nach und nach kamen die Tränen spärlicher, aber ein nervöses Zittern durchzuckte sie noch stoßweise vom Nacken bis zu den Füßen.

Die Sonne schien mehr auf die Fenster; der zitternde Widerschein der Wellen zog sich schräg an die Decke hinauf; neben den Jalousien drangen ganze Reihen paralleler Strahlen herein, ganze Strahlenbündel gelblichen Lichts. Die Wärme nahm zu, und durch den satten Duft erhitzten Holzes und sonnenwarmen Staubes brachen sich noch andere Düfte Bahn; denn von den bunten Blumen der Sofapolster, von der Seide der Stuhllehnen, von Büchern und aufgerollten Teppichen stiegen, durch die Hitze befreit, hundert vergessene Düfte auf, die gespensterflüchtig durch die Luft zogen.

Langsam ließ ihr Zittern nach und ließ einen eigentümlichen Schwindel zurück, in dem phantastische Gefühle, halbe Empfindungen über die Spuren ihrer staunenden Gedanken hinwirbelten. Sie schloß die Augen, blieb aber mit dem Gesicht nach dem Spiegel gewandt stehen.

Sonderbar! Wie es über sie gekommen war! So ängstlich zum Schreien! Hatte sie geschrien? Sie glaubte noch einen Schrei zu vernehmen, und im Halse spürte sie eine Müdigkeit wie nach langem, angstvollen Rufen. Wenn er sie gepackt hätte! Sie ließ sich packen und rückte die Arme abwehrend gegen die Brust. Sie wehrte sich, aber trotzdem – jetzt: es war, als sinke sie nackt durch die Luft herab, errötend, brennend vor Scham, schamlos von allen Winden geliebkost. – Er wollte nicht gehen, und bald war es zu spät, all ihre Kräfte verließen sie, wie Blasen, die barsten; Blasen auf Blasen, die sich über ihre Lippen drängten, und unaufhörlich barsten; in einer Sekunde war es zu spät! Hatte sie ihn auf den Knien gebeten? Zu spät! Unwiderruflich zog es sie in seine Arme; wie eine Blase, die durch das Wasser aufsteigt, vibrierend, so stieg ihre Seele nackt zu ihm hinauf, jeder Wunsch lag entblößt vor seinen Blicken, jeder heimliche Traum, jede verborgene Hingabe lag ohne Schleier vor seinem nehmenden Blick. – Wieder in seinen Armen, verweilend, süß erbebend. Eine Statue von Alabaster inmitten von Flammen, die in des Feuers Hitze glühend durchsichtig wurde, nach und nach von ihrem dunkeln Kern verlor, bis alles endlich strahlend hell war.

Sie öffnete langsam die Augen und blickte ihr Spiegelbild mit diskretem Lächeln an wie einen Mitwissenden, mit dem sie sich nicht allzu weit einlassen wollte. Dann ging sie im Zimmer umher und suchte Hut, Handschuhe und Mantille zusammen.

Der Schwindel war wie fortgeweht.

Die Schwäche, die sie noch in den Knien verspürte, war ihr angenehm; sie ging umher, um sie noch mehr zu fühlen. Heimlich, gleichsam zufällig, gab sie dem Schaukelstuhl einen kleinen, vertraulichen Puff mit dem Arm.

Eigentlich liebte sie Szenen.

Mit einem Blick nahm sie Abschied von etwas Unsichtbarem da drinnen. Dann zog sie die Jalousien auf, – und nun war es ein ganz anderes Zimmer.

 

Drei Wochen später war Frau Boye verheiratet, und nun war Niels Lyhne ganz allein mit sich.

Er konnte nicht über seine Empörung hinwegkommen, daß sie sich so unwürdig der Gesellschaft in die Arme geworfen, über die sie sooft gespottet hatte. Natürlich hatte diese nur die Tür aufgemacht und gewinkt, und sie war sofort gekommen. Aber war es der Mühe wert, daß er mit Steinen warf, – hatte er nicht selbst die magnetische Anziehungskraft der braven Spießbürgerlichkeit empfunden? Nur dieser letzten Begegnung wegen verurteilte er sie, weil es ein leichtfertiges Fahrwohl an das alte Leben sein sollte, der letzte tolle Streich, bevor sie sich in das Korrekteste vom Korrekten zurückzog. War das möglich! Eine so grenzenlose Selbstverachtung, ein so zynischer Hohn über sich selbst, der ihn, und alles, was er an Erinnerungen und Hoffnungen, an Begeisterung und heiligen Ideen gemeinsam gehabt hatte, mit hineinzog. Das brachte ihn zum Erröten, zum Rasen! – Aber war er gerecht? Denn was hatte sie andrerseits getan, als ihm ehrlich gesagt: das und das zieht mich auf die andere Seite, zieht mich gewaltig hinüber, aber ich anerkenne dein Recht mehr als du selbst verlangst, und hier bin ich, kannst du mich nehmen, so nimm mich, wenn nicht, so gehe ich hin, wo die Macht am größten ist. Und war es so, war sie dann nicht in ihrem Recht? ... Er hatte sie nicht nehmen können. Bei der ganzen Entscheidung konnte alles von einer Kleinigkeit, dem Schatten eines Gedankens, dem Ton einer Stimmung abhängen.

Wenn er nur wüßte, was sie für eine Sekunde wenigstens doch gewußt haben mußte, wenn sie es auch jetzt vielleicht nicht mehr wußte. Er wollte so ungern das glauben, dessen sie zu beschuldigen er doch nicht unterlassen konnte. Nicht um ihretwillen allein, das vielleicht am allerwenigsten; aber ihm war, als wäre seine Fahne befleckt. Logisch betrachtet natürlich nicht, aber trotzdem.

Auf welche Weise sie ihn auch nun verlassen haben mochte, eins war gewiß, er war nun einsam; und er empfand es wie einen Verlust, aber etwas später auch wie eine Erleichterung. Es wartete seiner so vieles; wie sehr es ihn auch in Anspruch genommen, so war das Jahr in Lörnborghof und im Auslande doch eine unfreiwillige Ruhe gewesen. Und daß er sich während dieses Jahres auf so manche Weise seiner Vorzüge und Mängel mehr bewußt geworden, konnte sein Verlangen, in ungestörter Arbeitsruhe seine Kräfte gebrauchen zu können, nur noch steigern. Nicht schaffen, das hatte noch Zeit, aber sich sammeln; es gab so vieles, das er sich zu eigen machen mußte, so unübersehbar viel, daß er mit mißtrauischen Blicken die Kürze des Lebens zu messen begann.

Früher hatte er seine Zeit nicht gerade vergeudet, aber man macht sich so leicht vom väterlichen Bücherschrank abhängig, und es liegt so nahe, auf denselben Wegen vorwärts zu streben, die andere zum Ziel geführt haben, und deshalb hatte er sich in der weiten Welt der Bücher kein eigenes Weinland gesucht, sondern war gegangen, wie seine Väter gegangen; hatte autoritätsgetreu seine Augen vor manchem, das lockte, geschlossen, um besser die große Nacht der Edda und der Sagen sehen zu können; hatte sein Ohr manchem verschlossen, das ihn rief, um den mystischen Naturlauten des Volksliedes zu lauschen. Jetzt hatte er endlich begriffen, daß es keine Naturnotwendigkeit sei, entweder altnordisch oder romantisch zu sein, daß es einfacher sei, sich selbst seine Zweifel zu sagen als sie Gorm Lokedyrker in den Mund zu legen; vernünftiger, Laute für die Mystik seines eigenen Lebens zu finden, als die Klostermauern des Mittelalters anzurufen, und als schwaches Echo zurückzuerhalten, was er selbst ausgesandt.

Für das Neue der Zeit hatte er ja ein Auge gehabt; aber er hatte sich immer mehr damit beschäftigt, darauf zu lauschen, wie das Neue dunkel in dem Alten ausgesprochen worden, als auf das zu horchen, was das Neue in ihm selbst klar und deutlich sagte. Und darin lag ja auch nichts Merkwürdiges, denn es ist noch nie ein neues Evangelium auf dieser Erde gepredigt worden, ohne daß die ganze Welt sofort emsig mit den alten Prophezeiungen beschäftigt gewesen wäre.

Aber es gehörte doch mehr dazu und Niels warf sich mit Begeisterung auf seine neue Arbeit; er war von jener Eroberungslust ergriffen, dem Durst nach der Macht des Wissens, die jeder Diener des Geistes, wie demütig er auch später seine Arbeit getan haben mag, doch einmal empfunden hat, und wäre es auch nur für eine einzige, armselige Stunde gewesen. Wer von uns, den ein gütiges Schicksal so gestellt hat, daß er für die Entwicklung seines Geistes sorgen kann, wer von uns allen hat nicht mit begeisterten Blicken auf das gewaltige Meer des Wissens gestarrt, und wer wäre nicht zu dem klaren, kühlen Wasser hinabgezogen worden, um es in dem leichtgläubigen Übermut der Jugend, gleich dem Kinde in der Legende, mit der hohlen Hand auszuschöpfen. Weißt du noch, die Sonne konnte über sommerschönem Lande lächeln; du sahst weder Blumen noch Wolken, noch Quellen; die Feste des Lebens konnten vorüberziehen; sie riefen nicht einmal einen Traum wach in deinem jungen Blut; sogar die Heimat war dir fern; weißt du noch? Und weißt du noch, wie es sich geschlossen und gesammelt aus den vergilbten Blättern des Buches vor dir aufbaute, wie ein Kunstwerk, auf sich selbst ruhend, und es war dein eigen in jeder Einzelheit, und dein Geist lebte in dem Ganzen. Wenn die Säulen schlank emporstiegen, mit selbstbewußter Kraft ihre starke Rundung tragen zu können, so war dies kecke Steigen dein, das stolze Tragen kam von dir; und wenn das Gewölbe zu schweben schien, weil es Stein auf Stein seine ganze Schwere gesammelt und in mächtigem Gewicht sich sicher auf den Nacken, der Säulen niedergelassen hatte, so war er dein, dieser Traum vom gewichtlosen Schweben, denn die Sicherheit, mit der das Gewölbe sich senkte, – das warst ja du, der den Fuß auf sein Eigentum setzte.

Ja, so war es, so wächst unser Wesen mit unserem Wissen, wird darin geklärt und dadurch gesammelt. Es ist so schön zu lernen wie zu leben. Fürchte nicht, dich selbst zu verlieren in größeren Geistern, als du selbst bist. Sitz nicht und brüte ängstlich über die Eigentümlichkeiten deiner Seele; schließe dich nicht aus von dem, was Macht hat, aus Furcht, daß es dich mitreißen und deine liebe, innerste Eigenheit in seinem mächtigen Brausen ertränken könnte. Sei ruhig, die Eigentümlichkeit, die in der Sonderung einer üppigen Entwickelung und Umbildung verloren geht, ist nur ein Schaden gewesen, nur ein kraftloser Schößling, der gerade so lange eigentümlich war, als er krank vor lichtscheuer Blässe war. Und von dem Gesunden in dir selbst sollst du leben; das Gesunde wird das Große werden.

 

Der Weihnachtsabend war ganz unerwartet für Niels Lyhne herangekommen.

Während des ganzen verflossenen halben Jahres war er nirgend gewesen; nur dann und wann beim Etatsrat, und von diesem hatte er eine Einladung, den Abend bei ihm zu verbringen; aber das letzte Weihnachtsfest war Weihnacht in Clarens gewesen, und deshalb wollte er allein sein. Ein paar Stunden nach Einbruch der Dunkelheit ging er aus.

Es war windig. Eine dünne, noch nicht ganz festgetretene Schneedecke lag auf den Straßen und machte sie breiter, und der weiße Schnee auf den Dächern und längs der Fenstergesimse gab den Häusern zwar ein festliches, aber auch einsames Aussehen. Die im Winde flackernden Straßenlaternen jagten ihr Licht geistesabwesend an den Mauern entlang, so daß hie und da ein Schild aus seinen Träumen auffuhr, und mit der Gedankenleere seiner großen gedruckten Lettern vor sich hinstarrte. Auch die nur halberleuchteten Ladenfenster, deren Auslage in der Geschäftigkeit des Tages in Unordnung gekommen, sahen anders aus als sonst; etwas seltsam Insichgekehrtes war über sie gekommen.

Er bog in die engen Gassen, und hier schien das Weihnachtsfest in vollem Gange; denn aus Kellerwohnungen und niedrigen Stuben klangen ihm beständig Töne entgegen, zuweilen von einer Violine, aber meistens von Handharmonikas, die sich unverdrossen durch populäre Tanzmelodien hindurchschnarrten, die in der treuherzigen Weise, mit der sie vorgetragen wurden, mehr die frohe Arbeit des Tanzens als das eigentlich Festliche zum Ausdruck brachten. Aber es lag eine gewisse Illusion von schleppenden Tritten und dampfender Luft darüber, wie es ihn dünkte, der draußen stand und durch seine Einsamkeit gegen all diese Geselligkeit streitsüchtig wurde. Er hatte viel mehr Sympathie mit jenem Arbeiter, der vor den matterleuchteten Fenstern eines kleinen Kramladens stand, und mit seinem Kind über eines der billigen Wunder da drinnen verhandelte, und unerschütterlich festgestellt haben wollte, was zu wählen sei, bevor sie sich in die Höhle der Versuchung wagten. Und dann diese alten, bescheidenen Damen, von denen ihm fast alle hundert Schritt eine entgegenkam; alle mit den sonderbarsten Mänteln und Umhängen aus längst entschwundenen Zeiten, und alle mit sanften menschenscheuen Bewegungen des alten Halses wie bei mißtrauischen, ängstlichen Vögeln – mit etwas Unsicherem und Weltentwöhntem im Gang, als ob sie tagaus tagein vergessen oben in den obersten Stockwerken abgelegener Hinterhäuser gesessen hätten, und man sich nur an diesem einzigen Abend des ganzen Jahres ihrer erinnere und sie mitnähme. Es machte ihn traurig, daran zu denken, und ein krankhaftes Gefühl rührte sich in seinem Herzen, wie er sich in das langsam verrinnende Dasein solch eines einsamen, alten Mädchens hineinträumte; vor seinen Ohren erklang das peinlich taktfeste, langsame Tick-tack, Tick-tack einer Uhr, wie es die Stundenschale des Tages mit inhaltlosen Sekunden volltröpfelte. Er mußte zusehen, daß er dieses Weihnachtsabendmahl überstand und ging denselben Weg zurück, den er gekommen. Er hegte die halbbewußte Scheu, daß in anderen Straßen neue Einsamkeit dämmern, andere Vereinsamung auftauchen würde, als die, die ihm hier entgegengetreten war und sich bitter auf seine Lippen gelegt hatte.

Draußen in den großen Straßen atmete er freier, er schritt hurtig aus, mit einem gewissen Trotz im Gang; er hob jede Gemeinschaft auf mit dem, was er hinter sich gelassen, in Gedanken daran, daß seine Einsamkeit eine selbstgewählte sei.

Dann ging er in ein größeres Restaurant.

Während er saß und auf das Essen wartete, beobachtete er hinter einer alten Zeitungsbeilage die Leute, die eintraten. Es waren beinahe ausschließlich junge Leute, einige von ihnen kamen allein, einige ein wenig herausfordernd in ihrer Haltung, als wollten sie den Anwesenden verbieten, sie für Leidensgefährten zu halten; wieder andere konnten nicht verbergen, daß es sie verlegen machte, an einem Abend wie diesem nicht eingeladen zu sein; aber alle zeigten sie einen ausgesprochenen Geschmack für einsame Winkel und entlegene Tische. Manche kamen paarweise, und den meisten dieser Paare sah man es deutlich an, daß sie Brüder waren; Niels hatte nie so viele Brüder auf einmal gesehen, oft waren sie einander in Kleidung und Wesen sehr unähnlich, und ihre Hände legten noch deutlicher Zeugnis dafür ab, wie verschieden ihre Lebensstellung oft war; es war selten, daß man sowohl bei ihrem Kommen wie später, wenn sie zusammen sprachen, eine wirkliche Vertraulichkeit gewahrt hätte. Hier war der eine der Überlegene, der andere der Bewundernde; dort war der eine entgegenkommend, der andere zurückhaltend; und hier wieder herrschte eine wachsame Aufmerksamkeit auf beiden Seiten, oder noch schlimmer, eine unausgesprochene Verurteilung gegenseitiger Ziele, Hoffnungen und Mittel. Für die meisten mußte offenbar ein solcher Heiligabend und in Verbindung mit ihm ein gewisses Verlassensein kommen, damit sie sich ihres gemeinsamen Ursprungs erinnerten und zusammenkamen.

Während Niels hierüber und über die Geduld nachdachte, mit der alle diese Leute warteten und weder läuteten, noch laut nach dem Kellner riefen, als ob sie schweigend übereingekommen wären, das Restaurationsgepräge so viel wie möglich von dem Ort auszuschließen, – während er also hierüber nachdachte, sah er einen Bekannten eintreten, und der plötzliche Anblick eines bekannten Gesichts nach so vielen fremden, kam ihm so unvorbereitet, daß er nicht umhinkonnte, aufzustehen und den Eintretenden mit einem frohen und verwunderten Gutenabend zu begrüßen.

»Erwarten sie jemand«? fragte dieser und sah sich nach einem Riegel für seinen Überzieher um.

»Nein solo.«

»Das trifft sich ja prächtig.«

Der Neuangekommene war ein Doktor Hjerrild, ein junger Mann, mit dem Niels ein paarmal bei Etatsrats gesprochen hatte, und von dem er, allerdings nicht aus den eigenen Worten, sondern aus einigen neckenden Andeutungen der Etatsrätin wußte, daß er in religiöser Beziehung äußerst freidenkend sei; aus seinen Äußerungen hingegen wußte er, daß Hjerrild in politischer Beziehung ganz das Gegenteil war. Diese Art Leute traf man sonst nicht beim Etatsrat, der sowohl kirchlich wie liberal war; und der Doktor gehörte sowohl durch seine Anschauungen wie durch seine verstorbene Mutter jenen damals recht zahlreichen Kreisen an, in denen man die neue Freiheit teils mit skeptischen, teils mit feindlichen Blicken betrachtete, und wo man in religiöser Beziehung mehr als rationalistisch, weniger als atheistisch, wenn man nicht gar indifferent oder mystisch war, was auch vorkommen konnte. Man fand in diesen Kreisen, die übrigens sehr verschieden nüanciert waren, daß Holstein dem Herzen wenigstens ebenso nahe stand wie Jütland, fühlte durchaus keine Verwandtschaft mit Schweden, und hielt nicht unbedingt zum Dänentum in seiner neudänischen Form. Schließlich kannte man seinen Molière besser als seinen Holberg, Baggesen besser als Öhlenschläger und war in seinem Kunstgeschmack ein wenig süßlich.

Unter dem Einfluß dieser oder auf jeden Fall nahverwandter Anschauungen und Sympathien hatte Hjerrild sich entwickelt.

Er sah Niels mit unsicheren Blicken an, während dieser ihm seine Beobachtungen betreffs der anderen Gäste mitteilte, und besonders dabei verweilte, wie sie sich beinahe schämten, daß es kein Heim und keine heimische Stätte gab, die sie an diesem Abend an sich zog.

»Ja, ich kann es begreifen,« sagte er kalt und beinahe abweisend. »Am Weihnachtsabend kommt man nicht mit seinem allerbesten Willen her und hat naturgemäß ein demütigendes Gefühl, ausgeschlossen zu sein, ob nun durch sich selbst oder durch andere. Wollen Sie mir sagen, weshalb Sie hier sind? Wenn nicht, so sagen Sie nur nein.«

Niels antwortete nur, daß er den letzten Weihnachtsabend mit seiner verstorbenen Mutter verlebt habe.

»Verzeihen Sie mir,« sagte Hjerrild, »es war sehr freundlich von Ihnen, mir zu antworten; aber Sie müssen entschuldigen, ich bin so mißtrauisch. Ich will Ihnen sagen, man kann sich wohl Leute denken, die hierher gehen, um dem Weihnachtsabend einen jugendlichen Fußtritt zu versetzen, und ich, wissen Sie, bin hier aus Respekt vor anderer Leute Weihnachten. Es ist der erste Heiligabend, den ich nicht bei einer liebenswürdigen Familie zubringe, die ich von meiner Vaterstadt her kenne, aber ich habe nun einmal die Idee, daß ich im Wege bin, wenn sie ihre Weihnachtslieder singen. Nicht, daß sie sich genieren, dazu sind sie allzu tüchtig, aber es berührt sie unangenehm, glaube ich, einen da sitzen zu haben, für den die Gesänge nur in die Luft gesungen sind und sonst nichts.«

Beinahe schweigend hielten sie ihre Mahlzeit, zündeten dann ihre Zigarren an und einigten sich dahin, ihren Toddy anderswo zu trinken. Keiner von ihnen hatte Lust, heute abend die vergoldeten Spiegelrahmen und die roten Sofas zu sehen, die sie jeden andern Abend im Jahr vor Augen hatten, und deshalb gingen sie in ein kleines Café, das sie sonst niemals aufsuchten.

Sie sahen sofort, daß hier ihres Bleibens nicht sein würde.

Der Wirt, die Kellner und paar Freunde saßen im Hintergrund und spielten Dreiblatt mit zwei Trümpfen. Frau und Töchter des Wirts sahen zu und besorgten die Aufwartung am Tische, aber nicht bei ihnen; ein Kellner brachte ihnen das Verlangte. Sie beeilten sich zu trinken, als sie merkten, daß sie störten, denn es wurde sofort weniger laut gesprochen, und der Wirt, der in Hemdärmeln gesessen, hatte sich nicht überwinden können, sitzen zu bleiben, sondern war in seinen Rock gefahren.

»Heute abend sind wir ziemlich obdachlos,« sagte Niels, indem sie die Straße hinuntergingen.

»Ja, das ist so in der Ordnung,« war Hjerrilds ein wenig pathetische Antwort.

Sie kamen auf das Christentum zu sprechen. Der Gegenstand lag ja gewissermaßen in der Luft.

Niels sprach heftig aber ziemlich allgemein gegen das Christentum.

Hjerrild war es müde, wieder in die Spuren von Diskussionen zu treten, die für ihn alt waren, und sagte daher plötzlich ohne besonderen Anschluß an das Vorhergehende: »Hüten Sie sich, Herr Lyhne; das Christentum hat die Macht. Es ist dumm, sich mit der regierenden Wahrheit zu überwerfen, indem man für die Kronprinzenwahrheit agitiert.«

»Dumm oder nicht dumm, diese Rücksicht gilt nicht.«

»Sagen Sie das nicht so leichtsinnig; es war nicht meine Absicht, Ihnen die Trivialität zu sagen, daß es in materieller Beziehung dumm ist; ideell ist es dumm und mehr als das. Hüten Sie sich; wenn es nicht unumgänglich notwendig für Ihre Persönlichkeit ist, so binden Sie sich jetzt nicht zu fest daran. Als Dichter haben Sie ja so viel andere Interessen.«

»Ich verstehe Sie wirklich nicht. Ich kann mich selbst doch nicht behandeln wie einen Leierkasten, ein weniger populäres Stück herausnehmen und ein anderes hineinsetzen, das jedermann pfeift.«

»Nicht? Es gibt aber Leute, die es können. Doch Sie könnten sagen: das Stück spielen wir nicht. Im allgemeinen kann man in dieser Richtung viel mehr, als man glaubt. Der Mensch hängt so fest nicht zusammen. Wenn Sie Ihren rechten Arm stets angestrengt gebrauchen, so strömt ein Übermaß von Blut hinzu, und er nimmt auf Kosten der übrigen Glieder an Wachstum zu, während die Beine, die Sie nur brauchen, wenn es am allernotwendigsten ist, ganz von selbst ein wenig dünner werden. Sie wissen das Bild wohl anzuwenden? Sehen Sie nur, wie die meisten und auch wohl die besten ideellen Kräfte hierzulande sich ausschließlich der politischen Freiheit zugewandt haben. Achten Sie darauf und lassen Sie es sich eine Lehre sein. Glauben Sie mir, es liegt ein verführerisches Glück für den Menschen darin, für eine Idee zu kämpfen, die durchdringt, während es so demoralisierend ist, zur verlierenden Minorität zu gehören, der das Leben durch die Richtung, in der es sich entwickelt, Schritt für Schritt, Punkt für Punkt unrecht gibt. Es kann nicht anders sein, denn es ist so bitterlich betrübend, das, wovon man bis in die innerste Seele überzeugt ist, daß es Wahrheit und Recht sei, – diese Wahrheit von dem elendesten Troßknecht des siegenden Heeres verhöhnt und geschlagen zu sehen, sie mit Schimpfnamen belegt zu hören, und nichts tun zu können, als sie noch treuer zu lieben, mit noch tieferer Ehrfurcht im Herzen vor ihr zu knien und ihr schönes Antlitz ebenso strahlend schön, ebenso voll Hoheit und unsterblichem Licht zu sehen, – wieviel Staub auch gegen ihre weiße Stirn aufgewirbelt werden mag, wie dicht die giftigen Dünste sich auch um ihre Glorie sammeln mögen. Es ist bitterlich trübe, daß unsere Seele unvermeidlich Schaden dadurch nehmen muß, denn es liegt so nahe, sich das Herz müde zu hassen, die kalten Schatten der Verachtung um sich heraufzubeschwören, und schmerzensmüde die Welt ihren Gang gehen zu lassen. – Allerdings, wenn man das in sich hat, daß man, statt das Leichtere zu wählen und sich selbst aus jeder Verbindung mit dem Ganzen zu ziehen, aufrecht stehenbleiben und mit angespannten Kräften, mit wacher Sympathie alle vielschneidigen Schwerthiebe der Niederlage Schlag auf Schlag ertragen, und seine schwache Hoffnung doch vor dem Sinken bewahren kann, indem man auf die dumpfen Laute horcht, die einen Umschlag der Zeit verkünden; wenn man nach dem schwachen, fernen Schein zu spähen vermag, der – vielleicht – einmal den Tag bringt; ja, wenn man das in sich hat! Aber versuchen Sie es nicht, Lyhne! Denken Sie, was das Leben eines solchen Mannes werden muß, wenn er sich selbst getreu bleiben will; nicht sprechen zu können, ohne daß Hohn und Geschrei in seiner Reden Spur aufgeifern. All seine Worte verdreht, besudelt, verrenkt, zu listigen Schlingen gedreht, sich vor die Füße geworfen zu sehen, und dann, wenn er sie aus dem Kot zusammengelesen und wieder auseinander gewirrt hat, plötzlich alle Welt taub zu finden. Dann aufs neue mit demselben Resultat an einem anderen Punkte zu beginnen; und dann vielleicht das Schmerzlichste von allem, sich verkannt und verachtet zu sehen von edlen Männern und Frauen, zu denen man, trotz der verschiedenen Meinung mit Bewunderung und Ehrfurcht emporsieht. Und so muß es sein, es kann nicht anders sein. Die Opposition soll nicht meinen, daß man sie um dessentwillen angreift, was sie wirklich ist und will – man greift sie an um dessentwillen, was die Macht glauben will, das sie ist und bezweckt; und überdies können die Macht, die man dem Schwächeren gegenüber geltend macht, und Mißbrauch der Macht zwei verschiedene Dinge sein? Und es gibt doch wohl niemanden, der verlangt, daß die Macht sich selbst schwach mache, um die Opposition mit gleichen Waffen bekämpfen zu können. Aber deshalb bleibt der Kampf der Opposition gleich schmerzlich, gleich aufreibend. Und glauben Sie wirklich, Lyhne, daß ein Mann, mit all diesen Geierschnäbeln in seinem Fleische diesen Kampf ohne die zähe, blinde Begeisterung, die Fanatismus ist, kämpfen kann? Und wie in aller Welt soll man sich für etwas Negatives fanatisieren? Fanatisch für die Idee, daß es keinen Gott gibt! – Und ohne Fanatismus gibt es keinen Sieg. Still! Hören Siel«

Sie blieben vor einem hohen Erdgeschoß stehen, wo man die Vorhänge von einem der Fenster zurückgezogen hatte, und durch das offene Schiebfenster klang ihnen von hellen Frauen- und Kinderstimmen gesungen entgegen:

Ein Kind geboren in Bethlehem,
Bethlehem,
Des freuet sich Jerusalem.
Halleluja, Halleluja!

Schweigend gingen sie weiter. Die Melodie, namentlich die Töne des Flügels folgten ihnen die stille Straße hinab.

»Hörten Sie,« sagte Hjerrild, »hörten Sie die Begeisterung in dem alten hebräischen Siegeshurra? – und diese beiden jüdischen Städtenamen! – Jerusalem, das war nicht nur symbolisch: die ganze Stadt, Kopenhagen, Dänemark; das waren wir, das christliche Volk im Volke.«

»Es gibt keinen Gott, und der Mensch ist sein Prophet!« sagte Niels bitter, aber zugleich traurig.

»Ja, nicht wahr?« spottete Hjerrild; gleich darauf sagte er: »Der Atheismus ist doch grenzenlos nüchtern, und sein Ziel ist ja schließlich auch nichts anderes als eine desillusionierte Menschheit. Der Glaube an einen lenkenden, richtenden Gott ist die letzte, große Illusion der Menschheit, und was dann, wenn auch diese verloren ist? Dann ist sie klüger geworden; – aber reicher – glücklicher? Das glaube ich nicht.«

»Aber,« rief Niels Lyhne aus, »begreifen Sie denn nicht, daß an dem Tage, wo die Menschheit frei jubeln kann: »es gibt keinen Gott,« wie mit einem Zauberschlage eine neue Erde und ein neuer Himmel geschaffen würden? Erst dann wird der Himmel der freie, unendliche Raum eines drohenden Späherauges. Erst dann wird die Erde unser, und wir der Erde, wenn jene Welt der dunklen Seligkeit und der Verdammnis geplatzt ist wie eine Blase. Die Erde wird unser wahres Vaterland, unsere Herzensheimat, wo wir nicht wie fremde Gäste während einer kurzen Spanne sind, sondern all unsere Zeit. Und welche Intensität wird es dem Leben geben, wenn alles darin Raum finden muß, und nichts mehr jenseits liegt. Der ungeheure Strom von Liebe, der jetzt zu dem Gott emporsteigt, an den man glaubt, wird sich, wenn der Himmel leer ist, über die Erde ergießen, hin zu all den schönen menschlichen Eigenschaften und Gaben, die wir potenziert und dann die Gottheit damit geschmückt haben, um sie unserer Liebe wert zu machen. Güte, Gerechtigkeit, Weisheit, wer kann sie alle nennen? Begreifen Sie nicht, welchen Adel es der Menschheit verleihen wird, wenn sie frei ihr Leben leben und ihren Tod sterben kann, ohne Furcht vor Hölle oder Hoffnung auf den Himmel, nur sich selbst fürchtend, nur auf sich selber hoffend? Wie wird das Gewissen wachsen, und welche Festigkeit wird es geben, wenn tatenlose Reue und Demut nichts mehr sühnen können, und keine andere Vergebung möglich ist, als durch Gutes das Böse gutzumachen, das man mit Bösem verbrach.

»Sie müssen einen wunderbaren Glauben an die Menschheit haben; der Atheismus wird ja größere Forderungen an Sie stellen als das Christentum.«

»Natürlich.«

»Natürlich; aber woher wollen Sie all die starken Individuen nehmen, die Sie brauchen, um Ihre atheistische Menschheit zusammenzusetzen?«

»Nach und nach, der Atheismus selbst wird sie erziehen; weder diese Generation, noch die nächste, noch die zweitnächste wird den Atheismus tragen können, das sehe ich ein; aber in jeder Generation werden einzelne sein, die sich ehrlich ein Leben und einen Tod in ihrem Atheismus erkämpfen können, und im Laufe der Zeit werden sie eine Reihe geistiger Ahnen bilden, auf welche die Nachkommen mit Stolz zurückblicken können und durch deren Betrachtung sie an Stärke gewinnen. Im Anfang werden die Verhältnisse am schwierigsten sein; da werden die meisten im Kampf unterliegen, und die, die siegen, werden nur mit zerfetzten Fahnen siegen, weil sie die Traditionen noch in das innerste Mark eingesogen haben, und weil im Menschen noch so viel anderes ist als das Gehirn, das überzeugt werden muß: das Blut und die Nerven, Hoffnung und Sehnsucht; und womöglich noch die Träume. Aber das ist gleichgültig, einmal muß es kommen, und aus den Wenigen werden die Vielen werden.«

»Glauben Sie? – Ich suche nach einem Namen; könnte man dies nicht den pietistischen Atheismus nennen.«

»Jeder wahre Atheismus ...« begann Niels, aber Hjerrild unterbrach ihn schnell ...

»Natürlich,« sagte er, »natürlich; laßt uns endlich nur noch ein einziges Tor offen, ein einziges Nadelöhr für alle Kamele des Erdreichs!«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.