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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorJens Peter Jacobsen
booktitleJens Peter Jacobsens sämtliche Werke
titleNiels Lyhne
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year
firstpub1880
translatorAnka Mathiesen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
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Neuntes Kapitel

Niels Lyhne eilte heimwärts; er konnte die Einsamkeit zwischen all den fremden Menschen nicht ertragen; aber je näher er Kopenhagen kam, desto häufiger fragte er sich, was er eigentlich dort wolle, und desto stärker bereute er, nicht da draußen geblieben zu sein. Denn wen hatte er in Kopenhagen? Frithjof nicht; Erich war auf einer Stipendienreise in Italien, ihn also auch nicht; und Frau Boye? – Das Verhältnis zu Frau Boye war so sonderbar. Jetzt, wo er soeben vom Grabe der Mutter kam, schien es ihm nicht gerade profan oder dergleichen, aber er konnte es nicht in Einklang bringen mit dem Ton, in dem seine Stimmungen jetzt vibrierten. Es war ein Mißlaut dabei. Wäre es seine verlobte Braut gewesen, ein junges, errötendes Mädchen, dem er entgegenzog, nachdem er sich so lange der Erfüllung seiner Sohnespflichten gewidmet hatte, so würde das nicht im Streit mit seinen Gefühlen gestanden haben. Und es half nichts, daß er versuchte, sich selbst überlegen zu sein, indem er diesen Wechsel in seiner Auffassung des Verhältnisses zu Frau Boye spießbürgerlich und borniert nannte. Das Wort zigeunerhaft blieb doch fast unbewußt daran hängen, als ein Ausdruck des Mißbehagens, von dem er sich nicht losmachen konnte; und es war denn auch eine Art Fortsetzung in gleicher Richtung, daß er, nachdem er sich seine alten Zimmer oben am Wall gesichert hatte, zuerst Etatsrats und nicht Frau Boye aufsuchte.

Am nächsten Tage ging er zu ihr, traf sie aber nicht an. Der Portier sagte, sie habe eine Villa in der Nähe von der Emilien-Quelle gemietet, was Niels in Erstaunen setzte, da er wußte, daß ihres Vaters Landsitz nicht weit von dort gelegen war.

An einem der nächsten Tage mußte er wohl hinausfahren.

Aber schon am Tage darauf erhielt er ein Billett von Frau Boye, die ihn zu sich in ihre Stadtwohnung bestellte. Die bleiche Schwestertochter hatte ihn auf der Straße gesehen. Ein Viertel vor eins solle er kommen, müsse er kommen. Sie wolle ihm erklären, weshalb, wenn er es nicht schon wüßte. Wußte er es? Er dürfe sie nicht falsch beurteilen, nicht unvernünftig sein. Er kenne sie ja. Warum sollte er es so auffassen, wie plebejische Naturen es auffassen würden? Das würde er doch nicht tun? Sie wären ja nicht wie die andern. Wenn er sie nur verstehen wollte. Niels, Niels!

Dieser Brief versetzte ihn in starke Spannung, und plötzlich entsann er sich voll Unruhe, daß die Etatsrätin ihn neulich so spöttisch mitleidsvoll angesehen, gelächelt und geschwiegen, so eigenartig geschwiegen hatte. Was konnte es sein, was in aller Welt konnte es sein?

Die Stimmung, die ihn von Frau Boye ferngehalten hatte, war verschwunden. Er verstand sie nicht einmal mehr, ihm war so bange. Hätten sie sich doch nur wie andere vernünftige Menschen geschrieben! Warum hatten sie das nicht getan! So in Anspruch genommen war er denn doch auch nicht gewesen. Es war so seltsam mit ihm, wie ließ er sich nicht von dem Ort, an dem er gerade lebte, einfangen. Und vergaß all das, was fern lag. Vergaß nicht, sondern ließ es weit zurücktreten, von dem Gegenwärtigen begraben. Wie unter Berge. Man sollte nicht glauben, daß er Phantasie besaß.

Endlich. Frau Boye öffnete ihm selber die Entreetür, noch bevor es geschellt hatte. Sie sagte nichts, reichte ihm aber die Hand zu einem langen, beileidbezeugenden Händedruck. Die Zeitungen hatten ja seinen Verlust gemeldet. Niels sagte auch nichts, und so schritten sie schweigend durch die erste Stube, zwischen zwei Reihen Stühle mit rotgestreiften Überzügen hindurch; der Kronleuchter war in Papier gehüllt und die Fenster mit Kreide geweißt. Im Wohnzimmer stand alles wie gewöhnlich, nur waren vor den geöffneten Fenstern die Jalousien herabgerollt, und in dem schwachen Luftzug bewegten sie sich und klapperten mit kleinen eintönigen Schlägen gegen den Fensterpfosten. Das Reflexlicht von dem sonnenbeschienenen Kanal sickerte gedämpft durch die gelben Stäbe hindurch und zeichnete in Wellenlinien ein unruhig krauses Getäfel oben unter die Decke, das zitterte, wie die Wellen draußen zittern; sonst war alles weich und still und wartete mit leisem Atemzug voller Geduld ...

Frau Boye konnte nicht einig mit sich selber werden, wo sie sitzen wollte; schließlich bestimmte sie sich für den Schaukelstuhl, wischte eifrig den Staub mit ihrem Taschentuch weg, stellte sich aber dann hinter dem Stuhl auf, die Hände auf die Rücklehne gestützt. Die Handschuhe hatte sie noch an, und sie war nur aus dem einen Ärmel der schwarzen anliegenden Mantille gekrochen, die sie über einem schottisch gewürfelten Seidenkleid trug. Der Stoff war ganz kleinkariert, ebenso die breiten Bänder ihres großen, runden Pamelahutes, dessen helles Stroh ihr Gesicht halb verbarg, besonders wie sie so dastand und herabsah, während sie ein wenig heftig mit dem Stuhle schaukelte.

Niels saß auf dem Taburett am Klavier, ganz weit von ihr entfernt, als erwarte er, etwas Unangenehmes zu hören.

»Weißt du es denn, Niels?«

»Nein; aber was ist es, das ich nicht weiß?«

Der Stuhl stand still. »Ich habe mich verlobt!«

»Sie haben sich verlobt, aber warum – wie?«

»Ach, sage nicht Sie, sei nicht sofort unsinnig!« Sie lehnte sich trotzig an den Schaukelstuhl. »Du kannst doch verstehen, daß es nicht ausgesucht angenehm für mich ist, wenn ich hier stehen und dir alles erklären soll. Ich will ja gerne, aber du mußt mir helfen.«

»Das ist ja Unsinn. Bist du verlobt, oder bist du es nicht?«

»Das habe ich ja gesagt«, erwiderte sie mit sanfter Ungeduld und sah auf.

»Ja, dann erlaube ich mir, Ihnen Glück zu wünschen, Frau Boye, und Ihnen sehr für die Zeit zu danken, wo wir einander gekannt haben.« Er hatte sich erhoben und verbeugte sich mehrmals sarkastisch.

»Und so kannst du dich von mir trennen, so ganz ruhig; ich bin verlobt, und dann sind wir fertig. Dann ist all das, was wir gemeinsam gehabt haben, eine alte, dumme Geschichte, an die nicht mehr gedacht werden darf. Vorbei soll vorbei sein. So ohne weiteres. – Niels, all die lieben Tage, sollen ihre Erinnerungen von jetzt ab stumm sein, willst du niemals, niemals mehr an mich denken, mich niemals entbehren? Willst du nicht oft an stillen Abenden den Traum wieder ins Leben zurückträumen und ihm die Farben geben, in denen er hätte aufflammen können? Kannst du es ganz unterlassen, in deinen Gedanken all das wieder hervorzuheben und es zu der Fülle empor zu reifen, die es hatte erreichen können? Kannst du das? Kannst du deinen Fuß darauf setzen und jedes bißchen zunichte treten, es aus der Welt schaffen? Niels!« »Das hoffe ich; Sie haben mir ja gezeigt, daß es sich machen läßt. – Ach, aber das ist ja alles Geschwätz, grundloses Geschwätz von einem Ende bis zum andern; warum haben Sie diese Komödie veranstaltet? Ich habe ja nicht den Schatten eines Rechts, Ihnen Vorwürfe zu machen. Sie haben mich ja niemals geliebt, niemals gesagt, daß Sie es täten; Sie haben mir erlaubt, Sie zu lieben, das haben Sie getan, und jetzt nehmen Sie Ihre Erlaubnis zurück; oder darf ich fortfahren, jetzt, wo Sie sich einem andern geschenkt haben? Ich verstehe Sie nicht; haben Sie geglaubt, daß das möglich sei? Wir sind doch keine Kinder. Oder fürchten Sie, daß ich Sie zu schnell vergessen werde? Seien Sie ganz ruhig. Sie streicht man nicht weg aus seinem Leben. Aber nehmen Sie sich in acht; einer Liebe wie der meinen begegnet eine Frau nicht zweimal in ihrem Leben. Nehmen Sie sich in acht, daß es Ihnen nicht Unglück bringt, weil Sie mich verstoßen haben. Ich wünsche Ihnen nichts Böses, nein, nein; möge alle Not und Krankheit sich Ihnen fernhalten, möge all das Glück, das Reichtum, Bewunderung und geselliger Erfolg Ihnen bringen kann, möge es Ihnen im vollsten, im allervollsten Maße zuteil werden, das ist mein Wunsch; möge die ganze Welt Ihnen offenstehen, nur eine kleine Tür nicht, eine einzige kleine Tür nicht, wie viel Sie auch klopfen, wie oft Sie auch versuchen werden; sonst aber alles, alles, so voll und so reichlich, wie Sie sich das nur wünschen können!«

Er sagte es langsam, fast betrübt, gar nicht bitter, aber mit einem seltsam zitternden Klang in der Stimme, einem Klang, den sie nicht kannte und der Eindruck auf sie machte. Sie war ein wenig blaß geworden und stand steif auf den Stuhl gestützt da. »Niels,« sagte sie, »prophezeie mir nichts Böses; denke daran, daß du nicht hier warst, Niels; und meine Liebe, ich wußte nicht, wie wirklich sie war, es war mehr, als interessiere sie mich nur; sie klang durch mein Leben wie ein seines und geistvolles Gedicht, sie nahm mich nie mit starken Armen, sie hatte Flügel – nur Flügel. Das glaubte ich; ich wußte es nicht besser, bis jetzt, oder gerade damals, als ich es getan, als ich ja gesagt hatte. Es war auch so schwierig; da kam soviel auf einmal, da waren so viele, auf die ich Rücksicht nehmen mußte. Es begann mit meinem Bruder – Hardenskjold, du weißt, der, der nach Westindien kam; er war hier ein wenig wild gewesen, aber drüben wurde er gesetzt und vernünftig, er wurde Kompagnon von irgend jemandem, verdiente viel Geld und verheiratete sich auch mit einer reichen Witwe, einer allerliebsten kleinen Person, versichere ich dich; und dann kam er also nach Hause, und dann versöhnten er und der Vater sich, denn Hatte war so ganz verändert; ach, er ist so unglaublich respektabel, so empfindlich gegen alles, was die Leute sagen: ach, so gräßlich borniert! Natürlich fand er, daß ich mit der Familie wieder auf vertrauten Fuß kommen sollte, und er predigte und bat und schwatzte jedesmal, wenn er kam, und Vater ist jetzt ja auch ein alter Mann, und da tat ich es denn, und jetzt ist es wieder ganz wie in alten Zeiten.«

Sie hielt einen Augenblick inne, begann die Mantille abzunehmen, auch den Hut und die Handschuhe, und wandte sich in der Geschäftigkeit über all dies ein wenig von Niels ab, während sie weitersprach.

»Und dann war da ein Freund von Hatte, der sehr angesehen, ungeheuer angesehen ist, und sie fanden alle, daß ich es tun sollte, sie wollten es so gern, und siehst du, dann könnte ich meinen Platz unter den Leuten wieder ganz einnehmen, so wie früher, ja besser eigentlich, denn er ist nach jeder Richtung hin so angesehen, und danach habe ich mich ja schon so lange gesehnt. Nicht wahr, du verstehst mich nicht? Das hättest du nie von mir geglaubt? Ganz das Gegenteil. Weil ich mich immer über die Gesellschaft und alle ihre konventionellen Dummheiten und ihre Patentmoral und ihren Tugendthermometer und Weiblichkeitskompaß lustig gemacht habe; du entsinnst dich wohl noch, wie witzig wir waren. Es ist zum Weinen, du, es war ja nicht wahr, nicht das geringste war wahr; denn ich will dir was sagen: wir Frauenzimmer, Niels, wir können uns wohl für eine Weile losreißen, wenn etwas in unserm Leben uns die Augen für den Freiheitsdrang, der trotzdem in uns ist, geöffnet hat, aber wir halten nicht aus. Uns liegt nun mal eine Passion im Blut für das Korrekteste des Korrekten, ganz bis zu der prüdesten Spitze des Passenden. Wir halten es nicht aus, im Krieg zu liegen mit dem, was nun einmal von all den vielen gewöhnlichen Sterblichen angenommen ist. Im innersten Innern finden wir doch, daß sie recht haben, weil sie es sind, die urteilen, und wir beugen uns in unfern Herzen vor ihrem Urteil und leiden darunter, wie keck wir uns auch anstellen. Es liegt uns Frauenzimmern gar nicht, Ausnahmen zu sein, das tut es nicht, Niels; wir werden so sonderbar dadurch, vielleicht interessanter, aber sonst ... Kannst du es verstehen? findest du, daß es erbärmlich ist? Aber du wirst doch begreifen, daß es einen seltsamen Eindruck auf mich machen muß, zu den alten Umgebungen zurückzukommen; da tauchten so viele Erinnerungen auf – und das Andenken an meine Mutter, wie sie dachte; ich hatte das Gefühl, als sei ich wieder in dem Hafen angelangt; alles war so friedlich und richtig, und ich brauchte mich nur daran zu binden, um zeit meines Lebens hübsch glücklich zu werden. Und dann ließ ich mich binden, Niels.«

Niels konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; er fühlte sich so überlegen, und sie tat ihm so leid, wie sie dastand, so jugendlich unglücklich in all ihrem Selbstbekenntnis. Ihm wurde so weich zumut, er konnte gar keine harten Worte finden.

So ging er denn zu ihr hin.

Sie hatte inzwischen den Stuhl zu sich hingedreht und sich in ihn sinken lassen, und jetzt saß sie dort zurückgelehnt, ganz matt und weltverlassen, mit herabhängenden Armen, mit erhobenem Antlitz und halbgesenkten Augen, und sah durch das verdunkelte Zimmer mit den beiden Reihen Stühlen hinaus in das dunkle Vorgemach.

Niels legte den Arm über den Stuhlrücken und beugte sich, die Hand auf die Seitenlehne gestützt, über sie hinab. »Und mich hast du ganz vergessen?« flüsterte er.

Es war, als höre sie es nicht, sie schlug nicht einmal die Augen auf, dann endlich schüttelte sie den Kopf, ganz leise, und dann nach einer guten Weile wieder, ganz leise.

Zuerst war es so still um sie, dann hörte man auf der Treppe ein Mädchen trällern und Schlösser putzen, und das Rütteln der Türklinke brach brutal in das Schweigen ein und machte es noch größer, als es plötzlich wieder eintrat. Dann verstummten die Laute gänzlich, man hörte nur den leisen, schläfrigen, taktfesten Schlag der Jalousien.

Dies Schweigen raubte ihnen die Sprache, fast auch die Gedanken; und sie blieb wie vorhin sitzen, den Blick auf das Dunkel der Vorstube gerichtet; und er blieb stehen, über sie gebeugt, starrte hinab auf die Würfel in ihrem Seidenschoß, und unbewußt, durch das weiche Schweigen dazu verlockt, begann er, sie in ihrem Stuhl zu wiegen, ga–nz weich, ga–nz weich ...

Langsam hob sie die Augenlider zu einem Blick auf sein mild beschattetes Profil und senkte sie dann in stillem Wohlbehagen. Es war wie eine lange Umarmung; es war, als schmiege sie sich in seine Arme, wenn der Stuhl zurückging; und wenn er vorwärtswiegte, so daß ihre Füße den Boden berührten, lag etwas von ihm in dem leisen Druck des Bodens gegen die Füße. Er fühlte es auch, das Wiegen begann ihn zu interessieren, und allmählich schaukelte er stärker; es war, als käme sie näher und näher in seinen Bereich, je länger er den Stuhl zurückzog, und es lag gleichsam eine Erwartung in der Sekunde, wo er im Begriff stand, ihn wieder vorwärts zu schieben; und wenn er dann niederstieß, so lag eine seltsame Befriedigung in dem kleinen Knall, mit dem ihre willenlosen Füße gegen den Boden schlugen; und wenn er den Stuhl noch mehr nach vorne zwang, lag ein völliges Besitzen darin, wenn er ihre Fußsohlen sanft gegen den Boden preßte, so daß das Knie sich ein wenig hob.

»Laß uns nicht träumen!« sagte Niels dann mit einem Seufzer und ließ den Stuhl resigniert los.

»Ja«, sagte sie fast flehend und sah ihn unschuldig mit ihren, großen, wehmutstrunkenen Augen an.

Sie hatte sich langsam erhoben.

»Nein, nicht träumen!« sagte Niels nervös und legte den Arm um ihre Taille. »Zwischen uns beiden sind Träume genug hin und her gegangen; hast du das niemals gemerkt? haben sie dich nie wie flüchtiges Atmen über deine Wange oder durch dein Haar erreicht? Ist es möglich, hat die Nacht niemals Seufzer auf Seufzer gehaucht, die ersterbend auf deine Lippen herabsanken?«

Er küßte sie, und es erschien ihm, als würde sie weniger jung unter seinen Küssen, weniger jung, aber schöner, glühend schön, bezaubernd.

»Du sollst es wissen,« sagte er, »du weißt nicht, wie ich dich liebe, was ich gelitten, wie ich entbehrt habe. Könnten die Stuben am Wall sprechen! Tema!«

Er küßte sie wieder und wieder, und sie schlang heftig ihre Arme um seinen Hals, so daß die weiten Ärmel ganz hinaufglitten, über die brausend weißen Unterärmel hinauf, höher als das graue Gummiband, das sie über dem Ellbogen zusammenhielt.

»Was könnten diese Stuben sagen, Niels?«

»Tema, könnten sie zehntausendmal sagen und noch mehr, sie könnten in diesem Namen beten, in diesem Namen rasen, seufzen, schluchzen; Tema, sie könnten auch drohen.«

»Könnten sie das?«

Unten von der Straße kam durch die geöffneten Fenster eine Unterhaltung zu ihnen hinein, ganz und unbeschnitten, die gleichgültigste Weisheit der Welt, in abgenutzten Alltagsworten, von zwei stimmungslosen Klatschstimmen zusammengekaut und geknetet. Die ganze Prosa kam zu ihnen hinein und machte es noch schöner, so zu stehen, Brust an Brust, eingehüllt von dem weichen, gedämpften Licht.

»Wie ich dich liebe, du Süße, Süße – in meinen Armen, du bist so gut; bist du so gut, so gut? Und dein Haar ... ich vermag kaum zu sprechen, und alle Erinnerungen ... so gut ... alle Erinnerungen aus der Zeit, als ich weinte und unglücklich war und dich so unsagbar schmerzlich vermißte, die drängen hervor, drängen hervor, als wollten sie jetzt im Glück glücklich mit mir sein – kannst du das verstehen? Weißt du noch, Tema, entsinnst du dich noch des Mondscheins im vorigen Jahr? Liebst du ihn? – Ach, du weißt nicht, wie grausam er sein kann. Solch eine mondscheinklare Nacht, wenn die Luft in kühlem Licht erstarrt ist und die Wolken so lange still daliegen, – Tema, Blumen und Laub halten ihren Duft so dicht an sich, als sei es ein Reif von Duft, der auf ihnen liegt, und alle Laute werden so fern und schwinden so plötzlich, verweilen gar nicht; sie ist so unbarmherzig, eine solche Nacht, denn in ihr wächst das Entbehren sich seltsam stark; sie schweigt es aus jedem Winkel, der in unserer Seele ist, hervor; saugt es mit harten Lippen heraus, und es leuchtet keine Hoffnung, schlummert kein Versprechen in all dieser kalten, starrenden Klarheit. Ach, ich weinte, Tema! Tema, hast du dich nie durch eine mondklare Nacht hindurchgeweint? Du Süße, es wäre unrecht, wenn du geweint hättest; du sollst nicht weinen, es soll immer Sonne um dich sein und Rosennächte – eine Rosennacht ...«

Sie war ganz in seine Arme zurückgesunken, und den Blick in den seinen verloren, murmelten ihre Lippen wie im Traum seltsam süße Liebesworte, halb erstickt von ihrem Atem, und Worte, die sie wiederholte, seine Worte, gleichsam als flüstere sie sie ihrem Herzen zu.

Draußen auf der Straße entfernten sich die Stimmen und machten sie unruhig. Dann kamen sie wieder, taktfest von dem kurzen Steinklang eines Stocks gegen die Fliesen begleitet, entfernten sich wieder nach der andern Seite zu, verweilten lange gedämpft in der Ferne, nahmen dann ab – erstarben.

Und das Schweigen schwoll wieder um sie empor, glühte in ihnen auf, herzklopfend, mit schwerem Atem, versagend. Die Worte waren zwischen ihnen ausgedörrt, und die Küsse fielen schwer von ihren Lippen wie zaudernde Fragen, aber sie trugen keine Erlösung in sich, kein genießendes Jetzt. Sie wagten nicht, sich aus den Augen zu lassen, und wagten doch nicht, ihren Blick sprechen zu lassen, sondern senkten einen Schleier über ihn, als versteckten sie sich gleichsam voreinander, schweigend, über geheimnisvollen Träumen brütend.

Dann kam ein Zittern in seine Umarmung, das weckte sie, und sie stemmte ihre Hände gegen seine Brust und riß sich los.

»Geh Niels, geh; du darfst nicht hier bleiben, du darfst nicht, hörst du!«

Er wollte sie an sich ziehen, aber sie zog sich zurück, wild und bleich. Sie zitterte vom Scheitel bis zur Sohle und stand da und streckte die Arme vor, als wage sie nicht, sich selbst zu berühren.

Niels wollte niederknien und ihre Hand ergreifen.

»Du darfst mich nicht anrühren!« Es lag Verzweiflung in ihrem Blick. »Warum gehst du nicht, wenn ich dich bitte! Herrgott, kannst du denn nicht gehen! Nein, nein, du darfst nicht sprechen. Geh; kannst du nicht sehen, wie ich vor dir zittere? Sieh, sieh! Ach, es ist unrecht von dir, so gegen mich zu sein. Wenn ich dich doch bitte!«

Es war nicht möglich, ein Wort zu sagen; sie wollte nicht hören. Sie war ganz außer sich, die Tränen strömten ihr aus den Augen, das Gesicht war fast verzerrt und leuchtete förmlich in seiner Blässe. Was sollte er tun?

» Willst du nicht gehen? kannst du nicht sehen, wie du mich demütigst, indem du bleibst? Du mißhandelst mich; das tust du! Was habe ich dir getan, daß du so böse sein kannst? Ach, geh! hast du denn gar kein Mitleid?«

Mitleid? Er war kalt vor Zorn. Dies war ja Wahnsinn. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu gehen. Jetzt ging er. Er mochte die beiden Stuhlreihen nicht; aber er schritt langsam zwischen ihnen hindurch, den Blick steif auf sie gerichtet, wie um zu trotzen.

»Exit, Niels Lyhne«, sagte er, als er die Dielentür ins Schloß fallen hörte.

Er schritt bedächtig die Stufen hinab, den Hut in der Hand; auf dem Absatz blieb er stehen und gestikulierte vor sich hin: wenn er nur das geringste von dem Ganzen verstand. Warum dies, und dies wieder? Dann ging er weiter. Da waren die geöffneten Fenster. Er hatte Lust, mit schrillem Ruf dies schwüle Schweigen da oben zu zerspalten oder jemanden hier zu haben, mit dem er sprechen konnte, stundenlang sprechen konnte – unerbittlich – über das Schweigen hinwegschwatzen, es in ein kaltes Bad von Geschwätz tauchen. Er konnte es nicht aus seinem Blut vertilgen; er konnte es sehen, es schmecken, er ging darin einher. Plötzlich blieb er stehen und wurde in erbitterter Scham glühendrot. Hatte sie sich selbst durch ihn in Versuchung führen wollen? –

Dort oben stand Frau Boye noch immer und weinte; sie hatte sich vor den Spiegel gestellt, beide Hände auf die Konsole gestützt, und weinte, so daß die Tränen in das rosenrote Innre einer großen Muschel tropften. Sie sah in ihr verstörtes Gesicht, sowie es unter dem Nebelfleck auftauchte, den ihr Atem auf dem Spiegel bildete, und sie verfolgte die Tränen, wie sie über den Augenrand hervorquollen und herabrollten. Wie konnten denn noch immer neue kommen! so hatte sie noch niemals geweint; doch, in Frascati damals, als die Pferde mit ihr durchgegangen waren.

Allmählich kamen die Tränen immer spärlicher, aber ein nervöses Zittern schüttelte sie noch stoßweise vom Nacken bis zur Ferse.

Die Sonne schien mehr auf die Fenster; der zitternde Widerschein der Wellen zog sich schräge oben unter der Decke hin; und neben den Jalousien fiel eine ganze Reihe paralleler Strahlen hinein, ganze Borde gelblichen Lichts. Die Wärme nahm zu, und durch den reifen Duft des erwärmten Holzes und des sonnenwarmen Standes wogten jetzt andere Düfte auf; denn von den bunten Blumen der Sofakissen, von der Seidenrundung der Stuhlrücken, von den Büchern und zusammengelegten Teppichen befreite die Wärme hunderterlei vergessener Parfüms, die gespensterflüchtiggleich durch die Luft zogen.

Ganz langsam nahm ihr Zittern ab und ließ einen seltsamen Schwindel zurück, in dem phantastische Gefühle, halbe Empfindungen sich in der Spur ihrer verwunderten Gedanken umherwirbelten. Und sie schloß die Augen, aber blieb, das Gesicht gegen den Spiegel gewandt, ruhig stehen.

Seltsam, wie es sie überkommen hatte. Solche kreischende Angst. Hatte sie geschrien? Es zauderte noch ein Schrei in ihrem Ohr, und sie fühlte eine Ermüdung im Hals, wie nach einem langen, angstvollen Ruf. Wenn er sie gepackt hätte! Sie ließ sich packen und preßte abwehrend die Arme gegen die Brust. Sie stritt dagegen an, aber trotzdem – jetzt: es war, als sinke sie nackt durch die Luft herab, glühend, brennend vor Scham, von allen Winden schamlos geliebkost. Er wollte nicht gehen, und bald wurde es zu spät. Ihre ganze Kraft verließ sie wie Blasen, die zersprangen. Blase auf Blase drängte sich über ihre Lippen und zersprang, unaufhörlich; in einer Sekunde war es zu spät! Hatte sie ihn auf den Knien gebeten? Zu spät! Sie wurde widerstandslos in seine Arme gehoben; wie eine Blase, die durch das Wasser aufsteigt – vibrierend, so stieg ihre Seele nackt zu ihm empor, jeder Wunsch war seinem Blick enthüllt, jeder heimliche Traum, jede verborgene Hingabe lag ohne Schleier vor seinem nehmenden Blick. – Wieder in seinen Armen, ruhend in süßem Zittern. Es war eine Statue von Alabaster mitten zwischen Flammen; sie wurde glühend durchsichtig in der Hitze des Feuers, nach und nach, verlor mehr und mehr von ihrem dunklen Kern, bis alles schließlich leuchtend licht ward.

Langsam öffnete sie die Augen und betrachtete ihr Spiegelbild mit einem diskreten Lächeln wie einen Mitwissenden, mit dem sie sich nicht allzu sehr einlassen wollte. Dann ging sie im Zimmer umher und suchte Handschuhe, Hut und Mantille zusammen.

Der Schwindel war wie weggeblasen.

Sie empfand die Schwäche, die sie noch in den Beinen fühlte, als etwas Angenehmes und fuhr fort, umher zu gehen, um sie noch mehr zu fühlen. Heimlich, gleichsam zufällig, versetzte sie dem Schaukelstuhl einen kleinen vertraulichen Puff mit dem Ellbogen.

Eigentlich hatte sie Szenen gern.

Mit einem Blick nahm sie Abschied von etwas Unsichtbarem da drinnen, dann zog sie die Jalousien auf, und es war ein ganz anderes Zimmer.

 

Drei Wochen danach war Frau Boye verheiratet, und Niels Lyhne war jetzt ganz allein auf sich angewiesen.

Er konnte nicht so recht über seine Empörung hinwegkommen, daß sie sich der Gesellschaft, die sie so oft verspottet, so unwürdig in die Arme geworfen hatte. Natürlich hatte diese nur die Tür geöffnet und ihr gewinkt, und dann war sie gekommen. Aber lohnte es sich, daß er mit Steinen warf, hatte er nicht selbst den magnetischen Zug der braven Spießbürgerlichkeit gefühlt? Nur dieses letzten Zusammentreffens wegen verurteilte er sie, wenn es ein leichtsinniges Lebewohl an das alte Leben hatte sein sollen, der letzte tolle Streich, bevor sie sich zu dem Korrektesten des Korrekten zurückzog. War das möglich! Eine so grenzenlose Selbstverachtung, ein solch zynischer Hohn über sich selbst, der ihn selbst mit in dies Höhnen hineinzog und alles, was sie an gemeinsamem Erinnern und Hoffen, an Begeistrung und heiligen Ideen gehabt hatten! Das machte ihn erröten und brachte ihn zum Rasen. – Aber war das gerecht? Denn auf der andern Seite, was hatte sie weiter getan, als offen und ehrlich zu ihm zu sagen: dies und jenes zieht mich nach der andern Seite hin, zieht mich stark; aber ich erkenne dein Recht an, mehr als du selbst verlangst, und hier bin ich; kannst du mich nehmen, so nimm mich, wenn nicht, dann dahin, wo die Macht am größten ist. – Und wenn dem nun so war, war sie dann nicht in ihrem Recht? Er hatte sie nicht nehmen können ... bei der ganzen Entscheidung konnte es von so wenigem abhängen, von dem Schatten eines Gedankens, von dem Ton einer Stimmung.

Wenn er nur wüßte, was sie eine Sekunde doch hatte wissen müssen, vielleicht aber nicht mehr wußte. Er wollte so ungern das glauben, dessen sie zu beschuldigen er doch nicht unterlassen konnte. Nicht nur ihretwegen, das am wenigsten; aber er fand, daß seine Fahne befleckt war. Logisch betrachtet natürlich nicht; aber trotzdem.

Wie sie ihn auch verlassen haben mochte, eins stand fest, jetzt war er allein, und er fühlte das als eine Entbehrung, aber auch, ein wenig später, als eine Erleichterung. Es wartete so viel auf ihn. Das Jahr auf Lönborghof und im Auslande war, wie sehr es ihn auch in Anspruch genommen hatte, eine unfreiwillige Ruhe gewesen; und dies, daß er sich in diesem Jahr auf so mancherlei Weise über seine Vorzüge und Mängel klarer geworden war, das konnte ja nur seinen Durst vermehren, in ungestörter Arbeitsruhe wieder seine Kräfte gebrauchen zu dürfen. Nicht um zu schaffen; das hatte keine Eile; sondern um zu sammeln, es war so viel, was er sich zu eigen machen mußte, so unübersehbar viel, so daß er die Kürze des Lebens mit unzufriedenem Auge zu messen begann. Zwar hatte er früher auch nicht seine Zeit vergeudet, aber man macht sich nicht so leicht von dem Bücherschrank der Väter unabhängig, und es liegt so nahe, auf denselben Wegen vorwärts zu streben, die die andern zum Ziel geführt hatten; und deshalb hatte er sich in der weiten Welt der Bücher selbst kein Weinland hervorgesucht, sondern war den Weg gegangen, den die Väter gegangen waren, er hatte autoritätstreu seine Augen vor vielem, das ihm winkte, verschlossen, um besser in der großen Nacht der Edda und der Sagen sehen zu können, und hatte sein Ohr vor manchem verschlossen, das ihn rief, um besser den mystischen Naturlauten der Volksgesänge zu lauschen.

Jetzt hatte er es endlich begriffen, daß es keine Naturnotwendigkeit war, weder altnordisch noch romantisch zu sein, und es war einfacher, selbst seine Zweifel auszusprechen, als sie Gorm Lokedyrker in den Mund zu legen, vernünftiger, Laute für die Mystik seines eigenen Wesens zu finden, als die Klostermauern des Mittelalters anzurufen und das, was er selbst ausgesandt hatte, als schwaches Echo zurückzuerhalten.

Wohl hatte er ein Auge für das Neue der Zeit gehabt, aber er hatte sich mehr damit beschäftigt zu lauschen, wie das Neue dunkel in dem Alten ausgesprochen wurde, als zu hören, wie das Neue klar und deutlich auf ihn einredete; und darin lag nichts Merkwürdiges, denn es ist noch nie ein neues Evangelium auf Erden gepredigt worden, ohne daß die ganze Welt sich nicht sofort mit den alten Prophezeiungen abgegeben hätte.

Aber es gehörte noch anderes dazu, und Niels machte sich voll Begeisterung über seine neue Arbeit her; er war von jener Eroberungslust, dem Durst nach der Macht des Wissens, ergriffen worden, den wohl ein jeder Diener des Geistes, wie demütig er auch später seinen Beruf ausübte, doch einmal gefühlt hat, und wäre es auch nur für eine einzige armselige Stunde gewesen. Wer von uns, den ein freundliches Schicksal so gestellt hat, daß er für die Entwicklung seines Geistes sorgen kann, wer von uns allen hat nicht mit begeisterten Blicken über das gewaltige Meer des Wissens hinausgestarrt, und wer ist nicht zu seinem klaren, kühlen Wasser herabgezogen worden und hat mit dem leichtgläubigen Übermut der Jugend begonnen, es mit der hohlen Hand zu schöpfen, so wie das Kind in der Legende! Weißt du noch? Die Sonne konnte über sommerholdem Lande lächeln; du sahst weder Blume, noch Wolke, noch Quelle; die Feste des Lebens konnten vorüberziehen, sie riefen nicht einmal einen Traum aus deinem jungen Blut wach, selbst das Heim war fern; weißt du noch? Und weißt du dann noch, wie sich aus den vergilbten Blättern der Bücher, geschlossen und gesammelt, in sich selbst ruhend vor deinen Gedanken, ein Kunstwerk aufbaute, und es war deins in jeder Einzelheit, und dein Geist lebte in dem Ganzen. Wenn die Säulen schlank gen Himmel stiegen, voll selbstbewußter Kraft, ihre starke Rundung tragen zu können, so war dieses kecke Steigen von dir, das stolze Tragen war in dir, und wenn das Gewölbe zu schweben schien, weil es all seine Schwerkraft, Stein auf Stein, gesammelt hatte und in einem wuchtigen Gewicht sich sicher auf den Nacken der Säulen herabsenkte, so war er dein, dieser Traum von dem gewichtlosen Schweben, weil die Zuversicht mit der die Wölbung sich herabsenkte, ja du selbst warst, der seinen Fuß auf dein eigen setzte.

Ja, so war es, so wächst unser Wesen mit unserm Wissen, wird darin abgeklärt, wird in ihm gesammelt. Es ist so schön zu lernen wie zu leben. Fürchte dich nicht, dich in größeren Geistern als in deinem eignen zu verlieren! Sitze nicht da und grübele ängstlich über die Eigenart deiner Seele; sperre dich nicht ab von dem, was Macht hat, aus Furcht, daß es dich mit sich reißen und deine liebe, innerste Eigentümlichkeit heut in seinem mächtigen Schwellen ertränken könnte. Sei ruhig, deine Eigenart, die in dem Aussondern einer üppigen Entwicklung und in dem Umbilden verloren geht, die ist nur ein Schade, ein Schößling mit dunklen Spitzen gewesen; das Eigentümliche an ihm währte gerade so lange, wie seine kranke und lichtscheue Blässe. Und von dem Gesunden in dir sollst du leben; das Gesunde wird das Große werden.

 

Der Weihnachtsabend war ganz unerwartet für Niels Lyhne herangekommen.

Während des ganzen verflossenen halben Jahres war er nirgends gewesen, nur ein vereinzeltes Mal bei Etatsrats, und von ihnen hatte er eine Einladung, den Abend bei ihnen zu verbringen. Aber die letzten Weihnachten waren Weihnachten in Clarens gewesen, und deshalb wollte er allein sein. Einige Stunden, nachdem es dunkel geworden war, ging er aus.

Es war windig; eine dünne, noch nicht ganz festgetretene Schneeschicht lag über den Straßen und machte sie breiter, und der weiße Schnee auf den Dächern, an den Fensterbrettern entlang, verlieh den Häusern ein kleidsames, aber auch ein einsameres Äußere. Die Straßenlaternen, die im Winde flackerten, jagten gleichsam geistesabwesend ihre Lichter an den Mauern entlang, so daß hie und da ein Schild aus seinen Träumen auffuhr und mit großzügiger Gedankenleere vor sich hinstarrte. Auch die Ladenfenster, die nur halb erleuchtet und deren Auslagen in der Geschäftigkeit des Tages in Unordnung geraten waren, sahen anders aus als sonst; es war etwas seltsam nach Innengewandtes über sie gekommen.

Er bog in die kleinen Gassen ab, und hier schien das Fest schon in vollem Gange; denn aus Kellerwohnungen und niedrigen Stuben klangen ihm beständig Töne entgegen, zuzeiten von einer Violine, am häufigsten aber von Handharmonikas, die sich unverdrossen durch volkstümliche Tanzweisen hindurchnäselten. Durch die treuherzige Art, in der sie vorgetragen wurden, brachten sie mehr die frohe Arbeit des Tanzes, als das eigentlich Festliche zum Ausdruck.

Aber über dem Ganzen lag eine gewisse Illusion von Tritten und dampfender Luft – so erschien es ihm, der da draußen stand und in seiner Einsamkeit gegen all diese Geselligkeit streitsüchtig gestimmt wurde. Er empfand viel mehr Sympathie für den Arbeiter, der vor dem matt erleuchteten Fenster eines kleinen Kramladens stand und mit seinem Kinde wegen eins der billigen Wunder da drinnen verhandelte und der so eifrig erschien, erst unerschütterlich festzustellen, was gewählt werden sollte, bevor sie sich in die Höhle des Versuchers hineinwagten. Und dann mit diesen alten, einfachen Damen, die unablässig eine nach der andern fast in genauem Abstand von hundert Schritten kamen, alle mit den seltsamsten Mänteln und Umhängen aus längst entschlafener Zeit und alle mit verzagten, menschenscheuen Bewegungen in ihren alten Hälsen, so wie mißtrauische Vögel, und mit etwas Unsicherm und Weltabgewandtem in ihrem Gang, als wenn sie tagein, tagaus oben in den obersten Stockwerken in der Entlegenheit der Hintergebäude vergessen dagesessen hätten und nur diesen einen Abend des Jahres mitgenommen und erinnert worden wären. Ihm wurde traurig zumut, wie er daran dachte, und das Herz rührte sich in ihm in einem kranken Gefühl, als er sich träumend in das langsam dahinschwindende Dasein eines solchen alten einsamen Mädchens hineinlebte; und er hörte so peinlich taktfest in seinem Ohr das langsame Wieder-dahin, Wieder-dahin einer Stubenuhr die Schale der Tage mit ihren inhaltslosen Sekunden volltröpfeln.

Er mußte versuchen, dies Weihnachtsabendmahl zu überstehen, und kehrte deshalb auf demselben Wege, auf dem er gekommen war, zurück, mit einer halbbewußten Scheu davor, daß in den andern Straßen neue Einsamkeiten aufdämmern, eine andere Verlassenheit auftauchen konnte als die, die ihm hier entgegengeschlagen war und sich bitter auf seine Lippe gelegt hatte.

Draußen in den großen Straßen atmete er freier; er schritt schneller dahin, mit einem gewissen Trotz in seinem Gang, und schied sich in dem Gedanken, daß seine Einsamkeit eine selbstgewollte sei, von jeder Gemeinschaft mit dem, was er kürzlich verlassen hatte, aus.

So ging er denn in ein größeres Restaurant hinein.

Während er dort saß und auf das Essen wartete, beobachtete er hinter einer alten Zeitungsbeilage die Leute, die eintraten. Es waren fast ausschließlich junge Menschen; einige von ihnen kamen allein, einige waren ein wenig herausfordernd in der Haltung, als wollten sie den Anwesenden verbieten, sie für Leidensgefährten zu halten, andere konnten gar nicht verbergen, daß sie sich verlegen fühlten, an einem Abend wie diesem nicht ausgebeten zu sein; aber alle hatten sie einen stark ausgeprägten Geschmack für verborgene Winkel und abseitsgelegene Tische. Manche kamen paarweise, und man konnte deutlich sehen, daß die meisten dieser Paare Brüder waren. Niels hatte niemals so viele Brüder zugleich gesehen; oft waren sie sehr verschieden in Kleidung und Wesen, und ihre Hände trugen ein noch deutlicheres Zeugnis davon, wie verschieden ihre Lebensstellungen oft waren. Man konnte sehr selten, sowohl wenn sie kamen, wie auch später, wenn sie dasaßen und miteinander sprachen, irgendwelche richtige Vertrautheit zwischen ihnen entdecken; hier war der eine der Überlegene, der andere der Bewunderer, dort der eine entgegenkommend, der andere zurückhaltend, und hier war wieder eine wachsende Aufmerksamkeit auf beiden Seiten oder, schlimmer noch, eine ausgesprochene Verurteilung gegenseitiger Ziele, Hoffnungen und Mittel. Für die allermeisten von ihnen bedurfte es offenbar eines solchen Heiligabends und in Verbindung mit ihm einer gewissen Verlassenheit, um in ihnen die Erinnerung an ihren gemeinsamen Ursprung zu wecken und sie zusammenzuführen.

Während Niels dasaß und hieran und an die Geduld dachte, mit der all diese Menschen warteten und weder den Kellner heranklingelten noch ihn laut zu sich riefen, als wollten sie, gleichsam nach stillschweigender Übereinkunft, das Restaurationsgepräge so viel wie möglich von diesem Ort fernhalten, – während er hieran dachte, sah er einen Bekannten eintreten, und der plötzliche Anblick eines bekannten Gesichts nach all den fremden kam ihm so überraschend, daß er nicht umhinkonnte, sich zu erheben und den Eintretenden mit einem frohen und auch verwunderten: »Guten Abend« zu begrüßen.

»Erwarten Sie jemand?« sagte dieser und sah sich nach einem Haken für seinen Überrock um.

»Nein; solo.«

»Dann paßt es ja ausgezeichnet.«

Der Neuangekommene war ein Doktor Hjerrild, ein junger Mann, mit dem Niels einige Male bei Etatsrats gesprochen hatte und von dem er, nicht aus seinen Reden, sondern aus einigen neckenden Andeutungen von seiten der Etatsrätin, wußte, daß er in religiöser Hinsicht äußerst freidenkend war; aus seinen Reden hatte er dahingegen vernommen, daß Hjerrild in politischer Hinsicht ganz das Entgegengesetzte war. Diese Art Leute traf man sonst bei Etatsrats, die sowohl kirchlich wie auch liberal waren, nicht; und der Doktor gehörte denn auch sowohl nach seinen Anschauungen wie ausdrücklich auch durch seine verstorbene Mutter zu einem jener damals recht zahlreichen Kreise, wo man die neue Freiheit teils mit skeptischen, teils mit feindlichen Blicken betrachtete und wo man in religiöser Hinsicht mehr als rationalistisch, weniger als atheistisch war, wenn man sich nicht überhaupt entweder indifferent oder mystisch stellte, was auch geschehen konnte. Man fand in diesen Kreisen, die ja übrigens sehr verschieden nuanciert waren, daß Holstein dem Herzen wenigstens ebenso nahestand wie Jütland, man fühlte nichts von der Verwandtschaft mit Schweden und machte sich nicht unbedingt etwas aus dem Dänischtum in seinen neudänischen Formen. Schließlich kannte man seinen Molière besser als seinen Holberg, Baggesen besser als Oehlenschläger, und war vielleicht ein wenig süßlich in seinem Kunstgeschmack.

Unter dem Einfluß solcher oder jedenfalls naheverwandter Anschauungen und Sympathien hatte Hjerrild sich entwickelt.

Er saß da und betrachtete Niels mit einem unsichern Blick, während dieser seine Beobachtungen betreffs der andern Gäste mitteilte und hauptsächlich dabei verweilte, wie sie sich fast schämten, kein Heim oder keinen heimischen Ort zu haben, der sie an diesem Abend zu sich gezogen hatte.

»Ja, das verstehe ich so gut«, sagte er kalt und fast abweisend. »Man kommt am Weihnachtsabend nicht aus freien Stücken hierher, und es ist naturgemäß ein demütigendes Gefühl, vor die Tür gesetzt zu sein, mögen es nun die andern oder man selbst getan haben. Wollen Sie mir sagen, weshalb Sie hier sind? Wenn Sie es nicht mögen, so sagen Sie ruhig nein.«

Niels antwortete nichts weiter, als daß er den letzten Heiligabend mit seiner verstorbenen Mutter zugebracht habe.

»Ich bitte Sie um Verzeihung,« sagte Hjerrild; »es war sehr freundlich von Ihnen, mir zu antworten, aber Sie müssen mich entschuldigen, ich bin so mißtrauisch. Ich will Ihnen sagen, man könnte sich vorstellen, daß es Leute gibt, die hierher gekommen sind, um dem Weihnachtsfest einen jugendlichen Fußtritt zu versetzen, und sehen Sie, ich bin aus Achtung vor dem Weihnachten anderer hierhergekommen. Es ist der erste Weihnachtsabend hier, den ich nicht bei einer liebenswürdigen Familie, die ich von meiner Heimat her kenne, zubringe; aber mir ist die Idee gekommen, daß ich ihnen im Wege war, wenn sie ihre Weihnachtslieder sangen. Nicht, daß sie sich geniert hätten, dazu waren sie zu tüchtig, aber es machte sie unruhig, jemanden dasitzen zu haben, für den die Lieder nur in die Luft hinaus und ohne Ziel gesungen wurden; das glaube ich wenigstens.«

Fast schweigend beendeten sie ihre Mahlzeit, zündeten dann die Zigarren an und kamen überein, daß sie ihren Grog anderswo trinken wollten. Keiner von ihnen hatte Lust, den ganzen Abend die vergoldeten Spiegelrahmen und die roten Sofas, die sie all die andern Abende des Jahres vor Augen zu haben pflegten, anzustarren, und deshalb nahmen sie ihre Zuflucht zu einem kleinen Café, das sie sonst niemals besuchten.

Sie erkannten sofort, daß hier ihres Bleibens nicht war.

Der Wirt, die Kellner und ein paar Freunde saßen im Hintergrunde der Stube und spielten Dreiblatt mit zwei Trümpfen. Die Frau und die Tochter des Wirts sahen zu und warteten am Tische auf, aber nicht für sie; ein Kellner brachte ihnen, was sie bestellten. Sie beeilten sich zu trinken, als sie merkten, daß sie störten; denn man sprach sofort weniger laut, und der Wirt, der in Hemdsärmel dagesessen, hatte sich nicht überwinden können, sitzen zu bleiben, sondern war in seinen Rock gefahren. »Wir sind heute abend wohl so ziemlich obdachlos«, sagte Niels, als sie die Straße hinabschritten.

»Ja, das ist ja ganz in der Ordnung«, war Hjerrilds etwas pathetische Antwort.

Sie kamen aufs Christentum zu sprechen. Das Thema lag ja gleichsam in der Luft.

Niels sprach heftig, aber ein wenig alltäglich vom Christentum.

Hjerrild war es müde, die Spur von neuem mit Diskussionen zu treten, die für ihn alt waren, und er sagte plötzlich, ohne allzunahen Anschluß an das Vorhergehende: »Nehmen Sie sich in acht, Herr Lyhne; das Christentum hat die Macht. Es ist dumm, sich mit der herrschenden Wahrheit zu entzweien und für die Kronprinzen-Wahrheit Propaganda zu machen.«

»Dumm oder nicht dumm, von dieser Rücksicht kann nicht die Rede sein.«

»Sagen Sie das nicht so leichtsinnig; es war nicht meine Absicht, Ihnen die Trivialität zu sagen, daß es in materieller Hinsicht dumm sei; ideell ist es dumm, und mehr als das. Nehmen Sie sich in acht; wenn es für Ihre Persönlichkeit nicht unvermeidlich notwendig ist, so verbinden Sie sich nicht allzu eng gerade damit. Als Dichter haben Sie ja so viele andre Interessen.«

»Ich verstehe Sie gewiß nicht, ich kann mich doch nicht selbst wie einen Leierkasten behandeln und ein weniger populäres Stück herausnehmen und ein andres, das alle flöten, hineinsetzen.«

»Können Sie das nicht? Es gibt Leute, die es können. Aber Sie könnten ja sagen: dies Stück spielen wir nicht. Im allgemeinen kann man nach dieser Richtung hin viel mehr, als man selbst glaubt. Der Mensch hängt nicht so fest zusammen. Wenn Sie beständig den rechten Arm stark gebrauchen, so strömt ein Übermaß von Blut hinzu, und er nimmt zu an Wachstum auf Kosten des übrigen Körpers, während die Beine, die Sie nur zu dem Aller-, Allernotwendigsten gebrauchen, ganz von selbst ein wenig dünn werden. Sie wissen doch wohl, das Bild anzuwenden? Sehen Sie nur, wie die meisten und auch wohl die ideellsten Kräfte hier zu Lande sich ausschließlich der politischen Freiheit zugewandt haben. Achten Sie darauf und lassen Sie sich das als Lehre dienen. Glauben Sie mir, es liegt für einen Menschen ein errettendes Glück darin, für eine Idee zu kämpfen, die Erfolg hat, während es so demoralisierend ist, zu der verlierenden Minorität zu gehören, der das Leben durch die Richtung, in der es sich entwickelt, unrecht gibt, Punkt für Punkt, Schritt für Schritt. Es kann nicht anders sein; denn es ist so bitterlich entmutigend, zu sehen, wie das, was man bis in die verborgenste Stille seiner Seele für die Wahrheit und das Recht hält, – zu sehen, wie diese Wahrheit von dem jämmerlichsten Troßknecht des siegenden Heeres verhöhnt und ins Gesicht geschlagen wird, sie mit Dirnennamen geschmäht zu hören, und dann nichts ausrichten zu können, nichts andres tun zu können, als sie noch treuer zu lieben, in seinem Herzen vor ihr in noch tieferer Ehrfurcht zu knien, ihr schönes Antlitz ebenso strahlend schön in derselben Hoheit und dem gleichen unsterblichen Licht zu sehen, wieviel Staub sie auch um ihre weiße Stirn aufgewirbelt hat, wie dicht und wie giftig der Nebel auch sein mag, der sich um ihren Glorienschein lagert. Es ist bitter entmutigend; es läßt sich nicht vermeiden, daß unsere Seele darunter Schaden leidet; denn es liegt so nahe, sein Herz müde zu hassen, die kalten Schatten der Verachtung um sich hervorzurufen und schmerzensbetäubt die Welt ihren Weg gehen zu lassen. Natürlich, wenn man das in sich trägt, daß man, statt das Leichtere zu wählen, sich selbst von dem Verband mit dem Ganzen lösen und sich aufrecht tragen kann, alle Fähigkeiten angespannt, alle Sympathien wachend; wenn man die vielstacheligen Peitschenhiebe der Niederlage Schlag auf Schlag, so wie sie fallen, entgegennehmen und doch seine blutende Hoffnung vor dem Sinken bewahren kann, indem man den dumpfen Lauten, die den Umschlag in unsrer Zeit prophezeien, lauscht und nach dem schwachen, fernen Schimmer ausspäht, der ein Tag ist – einstmals – vielleicht; wenn man das in sich trägt! aber versuchen Sie das nicht, Lyhne. Stellen Sie sich vor, wie das Leben eines solchen Mannes sich gestalten würde, wenn er sich ganz treu ist. Nicht sprechen zu können, ohne daß nicht Geschrei und Hohn die Spur seiner Rede aufwühlt. Alle seine Worte verzerrt, beschmutzt, verrenkt, zu häßlichen Schlingen gedreht, vor seine Füße geworfen zu sehen, und dann, bevor er sie aus dem Kehricht aufgesammelt und sie ganz entwirrt hat, dann plötzlich die ganze Welt taub zu finden. Und dann von neuem an einem andern Punkt zu beginnen mit dem gleichen Ergebnis, wieder und wieder. Und dann vielleicht das Schmerzlichste von allem, sich von edlen Männern und Frauen, zu denen er trotz ihrer verschiedenen Überzeugung mit Bewunderung und Ehrfurcht aufsieht, verkannt und verachtet zu wissen. Und so muß es sein, es kann gar nicht anders sein. Eine Opposition soll nicht erwarten, um dessentwillen angegriffen zu werden, was sie wirklich ist und will, sondern um dessentwegen, was die Macht glauben will, daß sie ist und bezweckt; und außerdem, die Macht, dem Schwächeren gegenüber angewandt, und der Mißbrauch der Macht, wie sollen das zwei verschiedene Dinge werden? Und da ist doch wohl keiner, der verlangen will, daß die Macht sich selbst schwach stellen soll, um mit gleichen Waffen gegen die Opposition kämpfen zu können. Aber darum wird der Kampf der Opposition gleich schmerzlich, gleich aufreibend. Und glauben Sie nun wirklich, Lyhne, daß ein Mann den Kampf kämpfen kann, mit all den Geierschnäbeln in sich hineingeschlagen, ohne daß er die zähe, blinde Begeisterung, die Fanatismus ist, besitzt? Und wie in aller Welt soll er für etwas Negatives fanatisch werden? Fanatisch für die Idee, daß es keinen Gott gibt! –und ohne Fanatismus gibt es keinen Sieg. Pst! Hören Sie doch!«

Sie blieben vor einem hohen Erdgeschoß stehen, wo man die Vorhänge von einem der Fenster zur Seite geschoben hatte, und durch das geöffnete Schiebefenster klang, getragen von hellen Frauen- und Kinderstimmen, zu ihnen hinaus:

Ein Kind, geboren in Bethlehem,
Bethlehem,
Des freuet sich Jerusalem,
Halleluja, halleluja!

Sie schritten schweigend weiter. Die Melodie, besonders die Töne des Flügels, folgten ihnen die stille Straße hinab.

»Hörten Sie,« sagte Hjerrild, »hörten Sie die Begeisterung in diesem alten hebräischen Siegeshurra? – und diese beiden jüdischen Städtenamen – Jerusalem, das war nicht nur symbolisch die ganze Stadt Kopenhagen, Dänemark; das sind wir, das christliche Volk unter den Völkern.«

»Es gibt keinen Gott, und der Mensch ist sein Prophet!« sagte Niels bitter, aber auch betrübt.

»Ja, nicht wahr,« spottete Hjerrild; kurz darauf sagte er: »Der Atheismus ist doch grenzenlos nüchtern, und sein Ziel ist doch zu guter Letzt nichts weiter als eine desillusionierte Menschheit. Der Glaube an einen lenkenden, richtenden Gott, das ist die letzte, große Illusion der Menschheit; und was dann, wenn sie die verloren hat? Dann ist sie klüger geworden; aber reicher, glücklicher? Ich sehe es nicht.«

»Aber,« rief Niels Lyhne aus, »begreifen Sie denn nicht, daß an dem Tage, wo die Menschheit frei jubeln kann: es gibt keinen Gott–, daß an dem Tage wie mit einem Zauberschlage ein neuer Himmel und eine neue Erde geschaffen wird? Dann erst wird der Himmel der freie, unendliche Raum statt eines drohenden Späherauges sein. Dann erst ist die Erde unser, und wir gehören der Erde, wenn jene Welt der dunklen Seligkeit und der Verdammnis da draußen wie eine Blase geplatzt ist. Die Erde wird unser wirkliches Vaterland, das Heim unsres Herzens, wo wir nicht eine armselige Stunde wie fremde Gäste leben, sondern immerdar. Und welche Intensivität wird es nicht dem Leben verleihen, wenn alles in ihm enthalten ist, nichts außerhalb desselben gelegt werden soll. Der ungeheure Liebesstrom, der jetzt zu dem Gott emporsteigt, an den man glaubt, wird sich, wenn der Himmel leer ist, über die Erde herablassen, mit liebendem Gang hin zu all den schönen menschlichen Eigenschaften und Gaben, die wir verdichtet und mit denen wir dann die Gottheit geschmückt haben, um sie unsrer Liebe würdig zu machen. Güte, Gerechtigkeit, Weisheit, wer vermag sie alle zu nennen? Begreifen Sie nicht, welch einen Adel es über die Menschheit ausbreiten wird, wenn sie frei ihr Leben leben und ihren Tod sterben kann, ohne Furcht vor der Hölle oder Hoffnung auf den Himmel, nur sich selber fürchtend, auf sich selber ihre Hoffnung setzend? Wie wird das Gewissen nicht wachsen, und welche Festigkeit wird es nicht geben, wenn tatenlose Reue und Demut nichts mehr zu sühnen vermögen und keine andre Verzeihung möglich ist, als das Böse, das man mit Bösem verbrach, mit Gutem wieder gutzumachen.«

»Sie müssen einen wunderbaren Glauben an die Menschheit haben; der Atheismus wird ja größere Forderungen an sie stellen, als das Christentum es tut.«

»Selbstverständlich!«

»Selbstverständlich; aber woher wollen Sie all die starken Individuen nehmen, die Sie gebrauchen, um ihre atheistische Menschheit zusammenzusetzen?«

»Nach und nach, der Atheismus soll sie selbst erziehen; weder diese Generation, noch die nächste, noch die darauffolgende werden den Atheismus tragen können, das sehe ich wohl; aber in jeder Generation wird es einzelne geben, die sich ehrlich ein Leben und einen Tod in dem Atheismus erkämpfen werden, und die werden dann im Laufe der Zeiten eine Reihe geistiger Ahnen bilden, auf die die Nachfolger mit Stolz zurückblicken und an deren Vorbild sie sich stärken können. Im Anfang werden die Verhältnisse am schwersten sein. Da werden die meisten im Kampf unterliegen, und die, die siegen, siegen mit zerfetzten Fahnen; denn ihr innerstes Mark ist noch von Tradition durchtränkt, und weil es auch im Menschen außer dem Gehirn noch so vieles gibt, was überzeugt werden soll: das Blut und die Nerven, die Hoffnung und die Sehnsucht, ja, und meinetwegen auch die Träume. Aber das hat nichts zu sagen, einmal muß es kommen, und dann werden die Wenigen die Vielen sein.«

»Glauben Sie? –Ich suche nach einem Namen; könnte man dies nicht den pietistischen Atheismus nennen?«

»Jeder wahre Atheismus ...« begann Niels; aber Hjerrild unterbrach ihn schnell.

»Selbstverständlich!« sagte er, »selbstverständlich; lassen Sie uns nur eine einzige Pforte, ein einziges Nadelöhr für alle Kamele der Erde offen.«

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