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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorJens Peter Jacobsen
booktitleJens Peter Jacobsens sämtliche Werke
titleNiels Lyhne
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year
firstpub1880
translatorAnka Mathiesen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
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Achtes Kapitel

Niels Lyhne trug eine gewisse lähmende Besonnenheit mit sich herum, Kind einer instinktiven Unlust zu wagen, Kindeskind eines unklaren Gefühls von fehlender Persönlichkeit; und mit dieser Besonnenheit lebte er in stetem Kampf, hetzte bald sich selbst gegen sie auf, indem er ihr Schmähnamen gab, versuchte bald, sie wie eine Tugend herauszuputzen, die in der innigsten Verbindung mit dem Naturgrund in ihm stand, ja noch mehr: die eigentlich das bedingte, was er war und was er vermochte. Aber wozu er sie auch machte, wie er sie auch betrachtete, so haßte er sie doch stets als ein geheimes Gebrechen, das, so gut man es auch vor der Welt verbergen mochte, sich doch niemals vor ihm selber verstecken konnte, sondern das stets da war, um ihn jedesmal, wenn er mit sich allein war, zu demütigen; und wie eifersüchtig war er dann nicht auf diese selbstbewußte Unbesonnenheit, der die Worte so leicht fallen, die handelt und die Folgen hat, Folgen, denen sie keinen Gedanken schenkt, bevor man ihr auf die Hacken tritt. – Die Leute, die so waren, erschienen ihm wie Zentauren, Mann und Pferd ein Guß, Gedanke und Sprung eins, ein einziges, während er in Pferd und Reiter geteilt war, der Gedanke eins, der Sprung etwas andres.

Wenn er sich vorstellte, daß er Frau Boye seine Liebe gestand, und er mußte sich nun einmal alles vorstellen, dann sah er sich deutlich in der Situation, seine ganze Haltung, jede Bewegung, seine ganze Person von vorn, von der Seite und auch vom Rücken, sah sich unsicher gemacht von dem Fieber des Handelns, das ihn stets lähmte und ihm alle Geistesgegenwart raubte, so daß er dastand und eine Antwort entgegennahm, als sei sie ein Schlag, der ihn in die Knie zwang, statt daß er sie wie einen Federball auffing, der auf Gott weiß wie viele verschiedene Arten zurückgeworfen werden und Gott weiß wie oft wiederkehren konnte.

Er dachte dann daran, zu sprechen, und er dachte daran, zu schreiben, aber es geradeheraus zu sagen, das vermochte er nicht. Es wurde niemals anders als in verblümten Erklärungen gesagt oder dadurch, daß er in einer halb angenommenen lyrischen Leidenschaftlichkeit sich stellen konnte, als ließe er sich zu liebeswarmen Worten und schwärmerischen Wünschen hinreißen. Aber trotzdem kam es schließlich zu einem Verhältnis zwischen ihnen, einem seltsamen Verhältnis, geboren aus der demütigen Liebe eines Jünglings, aus dem traumheißen Verlangen eines Phantasten und der Lust einer Frau, in romantischer Unerreichbarkeit begehrt zu werden; und das Verhältnis bekam seinen Ausdruck in einer Mythe, die für sie entstand, keiner von ihnen wußte wie, in einer stillen, stubenbleichen Mythe von einem schönen Weib, das in ihrer ersten Jugend einen der großen Geister geliebt hatte, der fortgezogen war, um vergessen, verlassen in einem fernen Lande zu sterben. Und die wunderschöne Frau hatte lange Jahre dagesessen, aber keiner ahnte ihren Kummer; nur die Einsamkeit war heilig genug, um ihren Schmerz zu sehen. Da kam ein Jüngling, der jenen großen Verstorbenen seinen Meister nannte und der erfüllt von seinem Geist und begeistert für sein Werk war. Und er liebte das trauernde Weib. Ihr erschien es, als wenn tote, glückliche Tage aus ihrem Grabe auferstünden und umgingen, so daß sich alles seltsam-süß verwirrte und die Vergangenheit und die Gegenwart zu einem silberverschwommenen, dämmernden Traumtag zusammenschmolzen, wo sie den Jüngling liebte, halb seiner selbst willen, halb als den Schatten eines andern, und ihm ihre halbe Seele schenkte. Aber leise mußte er auftreten, damit der Traum nicht entschwinden sollte; streng mußte er dies heiße, irdische Sehnen verschließen, damit es nicht die sanfte Dämmerung zersprengen, damit sie nicht von neuem zur Sorge erwachen sollte.

Ganz allmählich nahm ihr Verhältnis im Schutz dieser Mythe immer festere Formen an. Sie sagten du zueinander und nannten sich bei Vornamen, wenn sie allein waren, Niels und Tema; und die Gegenwart der Schwestertochter wurde so viel wie möglich eingeschränkt. Wohl versuchte Niels ab und zu, die einmal angenommene Schranke zu durchbrechen, aber Frau Boye war ihm zu überlegen, als daß sie nicht leicht und behutsam diese Aufrührerversuche hätte vernichten können; und bald ergab sich Niels und fand sich für eine Weile wieder in diese Liebesphantasie mit den wirklichen lebenden Bildern. Das Verhältnis floß auch nicht in platonische Fadheit aus, ebensowenig wie es sich in der Einförmigkeit eines Gewohnheitsverhältnisses zur Ruhe setzte. Ruhe gab es von allem am wenigsten. Niels Lyhnes Hoffnung ermüdete nie, und wurde sie auch jedesmal, wenn sie verlangend hervorbrach, sanft zurückgedrängt, so geschah es nur, um im Verborgenen noch heißer denn zuvor zu glühen; und wie wurde diese Hoffnung durch Frau Boyes tausendfache Koketterien, durch ihre aufreizende Naivität und ihren nackten Mut, von den allerheikelsten Dingen zu reden, nicht auch wachgehalten! Außerdem hatte sie nicht so ganz und absolut das Spiel in der Hand; denn es konnte zuweilen geschehen, daß das Blut in seinem Müßiggang davon träumte, diese halbbezähmte Liebe zu belohnen, sie mit dem reichsten Entzücken aller Liebe verschwenderisch zu überwältigen, um sich dann an ihrem staunenden Glück zu erfreuen. Aber solch ein Traum war nicht leicht zu ersticken, und wenn Niels dann kam, so lag die Nervosität der Sünde, die Demut des Schuldbewußtseins, eine bezaubernde Schamhaftigkeit über ihr, die die Luft seltsam liebesbange machte.

Da war auch noch eins, was dem Verhältnis eine eigene Spannkraft verlieh; und das war die große Männlichkeit, die in Niels' Liebe lag, daß er sich so ritterlich davor hütete, in der Phantasie zu nehmen, was die Wirklichkeit ihm versagte, und auch dort in dieser Nebenwelt, wo alles ihm gehorchte, Frau Boye respektierte, als sei sie wirklich zugegen.

So war also das Verhältnis von beiden Seiten aus gut gestützt, und es war keine drohende Gefahr, daß es auseinander fallen würde. Es war ja auch gleichsam wie geschaffen für eine so verträumte und doch lebensdurstige Natur wie Niels Lyhnes; und war es nur ein Spiel, so war es doch ein Spiel in der Wirklichkeit und ausreichend, um ihm eine Leidenschaftsgrundlage zu geben, auf der er sich entwickeln konnte.

Und dessen bedurfte er.

Aus Niels Lyhne sollte ja ein Dichter werden, und in seinen äußeren Lebensbedingungen war auch genug gewesen, was seine Neigungen nach dieser Richtung hin hatte lenken können, genug, was seine Fähigkeiten auf eine solche Aufgabe hatte aufmerksam machen können; aber bis jetzt hatte er kaum etwas andres als seine Träume gehabt, woraufhin er Dichter werden konnte, und nichts ist einförmiger, eintöniger als die Phantasterei; denn in dem scheinbar unendlichen und ewig wechselndem Lande der Träume gibt es in Wirklichkeit gewisse kurze, gegebene Wege, auf denen alle verkehren und über die hinaus sie niemals kommen. Die Menschen können sehr verschieden sein, ihre Träume sind es aber nicht; denn die drei, vier Dinge, die sie begehren, lassen sie sich dort ja mehr oder weniger schnell, mehr oder weniger vollständig geben, aber sie erhalten sie stets, allesamt; es gibt ja niemanden, der sich wirklich mit leeren Händen im Traume sieht; darum entdeckt keiner sich selbst im Traum, wird sich nie seiner Eigentümlichkeit bewußt; denn der Traum weiß nichts davon, wie man sich damit begnügt, den Schatz zu gewinnen, wie man ihn losläßt, wenn er verloren geht, wie man gesättigt wird, wenn man genießt, welchen Weg man einschlägt, wenn man entbehrt.

Niels Lyhne hatte deshalb auch so im allgemeinen von einer ästhetischen Persönlichkeit aus gedichtet, die den Frühling schwellend fand, das Meer groß, die Liebe erotisch und den Tod melancholisch. Er selbst war mit dieser Poesie nicht weitergekommen, er machte nur die Gedichte. Aber jetzt begann es anders zu werden. Jetzt, da er um die Liebe einer Frau warb und wollte, daß sie ihn lieben sollte, ihn, ihn, Niels Lyhne von Lönborghof, der dreiundzwanzig Jahre alt war, ein wenig vornübergebeugt ging, schöne Hände und kleine Ohren hatte und von Natur etwas zaghaft war –; er wollte, daß sie ihn lieben sollte und nicht den idealisierten Nikolaus der Träume, mit dem stolzen Gang, den sichern Manieren und der etwas älter war; jetzt interessierte er sich lebhaft für diesen Niels, mit dem er eigentlich als mit einem weniger präsentablen Freund verkehrt hatte. Er war zu sehr damit beschäftigt gewesen, sich mit dem zu schmücken, was ihm fehlte, als daß er Zeit gehabt hatte zu sehen, was er besaß; aber nun begann er mit der Leidenschaft eines Entdeckers aus den Kindheitserinnerungen und Kindheitseindrücken, aus den lebendigen Augenblicken seines Lebens sich selbst zusammenzusuchen, und mit frohem Staunen sah er, wie es zusammenpaßte, Stück für Stück, und sich aneinanderfügte zu einer ganz anders trauten Persönlichkeit als der, der er im Traum nachgelaufen war. Und auch weit mehr echt und stark und tatkräftig. Es war kein toter Klotz von einem Ideal mehr, dies; die wunderbaren, unergründlichen Nuancen des Lebens selbst schimmerten darin in wechselnder Unendlichkeit, hinter tausendgliedriger Einheit. Mein Gott, er hatte ja Kräfte, die so, wie sie waren, gebraucht werden konnten, er war ja Aladdin; es gab ja nichts, was er aus den Wolken zu sich herab begehrt hatte, ohne daß es ihm nicht in seinen Turban gefallen wäre.

Und jetzt kam eine glückliche Zeit für Niels. Die glückliche Zeit, wo die mächtige Schwungkraft der Entwicklung uns jubelnd über die toten Punkte in unsrer Natur hinwegsetzt, wo alles in uns wächst und sich rundet, so daß wir in dem Überschuß unserer Kraft die Schultern gegen Berge stemmen, wenn es sein muß, und mutig an dem Babelsturm losbauen, der bis in den Himmel reichen sollte, der aber nur der armseligste Stumpf eines Kolosses wird, an den man den ganzen übrigen Rest seines Lebens Türme und kuriose Erker anbaut.

Alles war wie verwandelt; die Natur und die Fähigkeiten und die Arbeit griffen ineinander, wie die Räder einer Maschine ineinandergreifen; es war nicht die Rede davon, Halt zu machen und über seine Kunst zu frohlocken; denn was fertig war, war auch verworfen; er war ihm ja während der Arbeit entwachsen, es wurden nur Stufen, die ihn zu dem stetig zurückweichenden Ziel emporhoben, Stufe auf Stufe zurückgelegte Wege, die bereits vergessen waren, während sie noch unter seinen Schritten widerhallten.

Aber wie er nun so von neuen Kräften und neuen Gedanken einer größeren Reife und einem weiteren Gesichtskreis entgegengetragen wurde, da ward es um ihn her auch einsamer, denn der eine seiner Freunde und Parteigenossen nach dem andern glitt zurück und verschwand, in dem Grad, wie es ihm unmöglich war, sich mehr für sie zu interessieren; denn Tag für Tag erschien es ihm schwieriger, irgendwelchen wirklichen Unterschied zwischen diesen Männern der Opposition und zwischen der Majorität, gegen die sie opponierten, zu finden. Alles vereinigte sich für ihn zu einem einzigen großen feindlichen Haufen von Langerweile. Was schrieben sie, wenn sie zum Angriff bliesen? Pessimistische Gedichte, daß die Hunde treuer seien als die Menschen und die Zuchthäusler oft ehrlicher als die, die frei einhergingen; wohltönende Oden von dem Vorzug des grünen Waldes und der braunen Heide, den staubigen Städten gegenüber; Erzählungen von Bauerntugend und den Reicheleute-Lastern, von dem Blut der Natur und der Bleichsucht der Zivilisation; Komödien von dem Unverstand des Alters und den Vorrechten der Jugend. Wie genügsam waren sie nicht, wenn sie schrieben! Da waren sie doch besser, wenn sie innerhalb der vier sichern Wände sprachen. Nein; wenn er einmal fertig wurde, so sollte es Musik werden, – mit Posaunen ...

Mit den alten Freunden war es auch nicht mehr so bestellt wie früher. Besonders nicht, was Frithjof anbetraf. Die Sache war die, daß Frithjof, der eine positive Natur war, einen guten Kopf für Systeme und einen breiten Rücken für Dogmen hatte, reichlich viel Heiberg gelesen und es alles für das Evangelium gehalten hatte, ohne zu ahnen, daß die Systematiker kluge Leute sind, die ihre Systeme nach ihren Werken und nicht ihre Werke nach ihren Systemen machen. Es ist ja nun einmal so, daß junge Leute, die in die Gewalt eines Systems geraten sind, leicht augenblicklich große Dogmatiker werden, und zwar wegen der lobenswerten Vorliebe, die die Jugend meist für die fertigen Zustände, für das Feststehende und Absolute hat. Und wenn man nun so Besitzer einer ganzen Wahrheit geworden ist, der ganzen einzigen echten Wahrheit, wäre es da nicht unverzeihlich, wenn man sie ganz allein für sich behielte und seine weniger glücklich gestellten Mitmenschen ihren eigenen, schiefen Weg gehen ließe, statt zu versuchen, sie zu belehren, statt mit einer liebevollen Unbarmherzigkeit nach ihren wilden Schößlingen zu schnappen und sie mit freundlicher Gewalt gegen die Mauer zu klemmen und ihnen zu zeigen, nach welchen Linien ihre Entwicklung gehen muß, auf daß sie dermaleinst, wenn auch spät, als echte und kunstgerechte Spaliere einem für all die Mühe danken werden, die man sich um sie gemacht hat.

Niels pflegte freilich zu sagen, daß er nichts so hoch schätze wie Kritik; aber trotzdem war ihm die Bewunderung doch lieber, und er konnte sich gar nicht darein finden, daß Frithjof ihn kritisierte, den er stets wie einen Leibeigenen betrachtet hatte und der auch stets mit Entzücken die Livree seiner Meinungen und seiner Überzeugungen getragen hatte. Und jetzt ging er einher und wollte in der selbstgewählten Maskeradentracht eines Talars den Ebenbürtigen spielen! Das mußte natürlich zurückgewiesen werden, und Niels versuchte erst in überlegener Gutmütigkeit, Frithjof sich selbst lächerlich zu machen; da aber dies mißlang, nahm er seine Zuflucht zu unverschämten Paradoxen, die zu diskutieren er höhnisch abwies; er stellte sie nur in ihrer ganzen barocken Abscheulichkeit auf und zog sich dann in foppendes Schweigen zurück.

So kamen sie auseinander.

Mit Erik ging es besser. Es hatte stets etwas Zurückhaltendes über ihrer Knabenfreundschaft gelegen, eine gewisse seelische Keuschheit, und dadurch hatten sie die allzu nahe Bekanntschaft miteinander vermieden, die jeder Freundschaft ganz besonders gefährlich ist; in dem Festsaal ihrer Seelen waren sie begeistert füreinander gewesen, sie hatten vertraulich und gemütlich im Wohnzimmer zusammen gesprochen, aber sie waren nicht in den gegenseitigen Schlafstuben, Baderäumen und andern solchen in dem Hause der Seele abseits gelegenen Lokalitäten aus und ein gegangen.

Es war jetzt auch nicht anders. Vielleicht war die Zurückhaltung etwas größer, jedenfalls was Niels anbetraf, aber deshalb war die Freundschaft nicht geringer, und ihr Haupteckstein war jetzt wie damals Niels Lyhnes Bewunderung für die Keckheit und den Lebensmut, der über Erik lag, dies, daß er sich im Leben so zu Hause fühlte und so bereit war, einzugreifen und anzufassen. Aber Niels konnte nicht vor sich selber verbergen, daß die Freundschaft äußerst einseitig war, nicht weil es Erik an wirklichem Freundessinn gebrach oder weil er keinen Glauben an Niels hatte. Im Gegenteil; keiner konnte höher von Niels denken als Erik; er betrachtete ihn wie einen, der ihm an Begabung vollständig überlegen war, und es konnte niemals die Rede von Kritik sein; aber gleichzeitig mit dieser blinden Anerkennung hielt er auch das, woran Niels arbeitete, und das, womit seine Gedanken sich beschäftigten, für vollkommen fern von dem Horizont, den er mit seinen Augen erreichen konnte. Er war fest überzeugt, daß Niels den Weg, den er eingeschlagen hatte, auch gehen konnte, aber ebenso überzeugt war er davon, daß seine Beine auf diesem Wege nichts zu tun hatten, und er setzte sie dort auch nicht hin.

Dies war aber ein wenig hart für Niels, denn obgleich Eriks Ideale nicht die seinen waren und das, was Erik in seiner Kunst ausdrücken wollte, das Romantische oder vielleicht das Sentimental-Romantische, ihm nicht sympathisch war, so vermochte er doch bei sich eine breitere, weitere Sympathie am Leben zu erhalten und in ihr getreulich der Entwickelung des Freundes zu folgen, sich mit ihm zu freuen, wenn er vorwärtskam, und ihm Hoffnung einzuflößen, wenn er stillstand.

Auf diese Weise wurde die Freundschaft einseitig, und es war nicht so merkwürdig, daß Niels in dieser Zeit, als so viel Neues in ihm emporwuchs und das Bedürfnis nach Aussprache und mitempfindendem Verständnis deshalb so groß war, daß ihm gerade jetzt die Augen für die Unzulänglichkeit dieser Freundschaft aufgingen und er voll Bitterkeit darüber den bis dahin so schonend beurteilten Freund etwas schärfer zu betrachten begann; und dabei überkam ihn ein trauriges Gefühl der Einsamkeit; es war, als wenn alles, was er aus alten Tagen von daheim mitgebracht hatte, als wenn das abtrünnig würde, ihn ziehen ließe, vergessen und verlassen. Die Tür zu der Vergangenheit war verriegelt, und er stand draußen mit leeren Händen und allein; was er entbehrte und was er wollte, das mußte er sich selbst erobern: neue Freunde, neue Traulichkeit, neue Herzen und neue Erinnerungen.

 

Ein ganzes Jahr lang war Frau Boye Niels einziger, wirklicher Lebensgefährte gewesen, als ein Brief seiner Mutter, in dem sie ihm mitteilte, daß der Vater gefährlich erkrankt sei, ihn nach Lönborghof rief.

Als er ankam, war der Vater gestorben.

Es legte sich Niels schwer, fast wie ein Verbrechen auf die Seele, daß er sich in den letzten Jahren so wenig nach dem Elternhause gesehnt hatte. Er hatte es oft in Gedanken aufgesucht, aber er war nur als Gast dort gewesen, mit dem Staub anderer Gegenden an seinen Kleidern und den Erinnerungen anderer Orte in seinem Herzen; er hatte sich nicht in namenlosem Heimweh nach diesem lichten Heiligtum seines Lebens verzehrt, voll Sehnsucht, seine Erde zu küssen und unter seinem Dach zu ruhen. Nun bereute er, daß er der Heimat untreu gewesen war; und bedrückt, wie er war, von der Trauer, fühlte er, wie seine Reue sich so verdunkelte, daß er sich eine mystische Schuld an dem Geschehenen beimaß, als habe seine Treulosigkeit den Tod herbeigezogen; und er wunderte sich darüber, wie er so ruhig von seiner Heimat entfernt hatte leben können; denn jetzt zog sie ihn mit einer seltsamen Macht an sich, und mit jeder Falte seines Wesens klammerte er sich in einer unendlich entbehrungsschweren Sehnsucht an sie an, fast unruhig darüber, daß die tausend Erinnerungen, die ihn aus jedem Winkel, jedem Busch, aus Tönen und Lichtstimmungen, aus tausend Düften und aus dem Schweigen selbst anriefen, daß all dies ihn mit gar zu fernen Stimmen rief, die sich in der ganzen Fülle und Schärfe, deren er bedurfte, nicht ergreifen ließen, sondern die seiner Seele nur mit dem Laut des Laubes, das zu Boden gefallen ist, zuflüsterten, mit dem Sang der Wellen, die dahinströmen und dahinströmen ...

Glücklich ist der in seiner Trauer, der bei dem Tode eines seiner Lieben all seine Tränen über die Leere, das Verlassensein und den Verlust weinen kann; denn schwerer, herber sind die Tränen, die sühnen sollen, was entschwundene Tage an fehlender Liebe zu dem, der jetzt tot ist, gesehen haben, und gegen den man all das, was man verbrochen hat, nicht wieder gutmachen kann. Denn jetzt kehren sie zurück: nicht nur die harten Worte, die sorgfältig vergifteten Antworten, der schonungslose Tadel und der gedankenlose Zorn, sondern auch die scharfen Gedanken, die keine Worte fanden, die schnellen Urteile, die einem durch den Sinn fuhren, das einsame Achselzucken und das ungesehene Lächeln voller Hohn und Ungeduld, – sie kehren alle wieder wie böse Pfeile und senken ihren Stachel tief in die eigene Brust, ihren stumpfen Stachel, denn die Spitze ist ja abgebrochen in dem Herzen, das nicht mehr schlägt. Es lebt nicht mehr, du kannst nichts wieder gutmachen, nichts. Jetzt ist Liebe genug in deinem Herzen, aber jetzt ist es zu spät; geh du ans kalte Grab mit deinem vollen Herzen! Kannst du nicht näher kommen? Pflanze du Blumen und flicht du Kränze; aber bist du deshalb näher gekommen?

Auf Lönborghof flochten sie auch Kränze; zu ihnen kamen auch die bittern Erinnerungen an Stunden, wo die Liebe von barscheren Stimmen übertönt worden war; und auch sie konnten aus den strengen Linien um den geschlossenen Mund des Grabes Reue genug herauslesen.

Es war eine dunkle und schwere Zeit, aber der Lichtblick darin war, daß sie Mutter und Sohn einander näher brachte, als sie es während vieler, vieler Jahre gewesen waren; denn obgleich sie stets große Liebe zueinander empfunden hatten, so waren sie doch stets auf der Hut gewesen, der eine dem andern gegenüber; und in ihrem Geben und Nehmen hatte schon von der Zeit her, als Niels zu groß wurde, um auf dem Knie seiner Mutter zu sitzen, eine Zurückhaltung gelegen, denn er fürchtete sich vor dem Heftigen und Überspannten in ihrer Natur, während sie sich durch das Verzagte und Zaudernde bei ihm fremdartig berührt fühlte; aber jetzt hatte das Leben mit seinem Geben und Nehmen, seinem Abstimmen und Abdämpfen ihre Herzen bereitet, und bald sollten sie sie einander ganz schenken.

Kaum zwei Monate nach der Beerdigung erkrankte Frau Lyhne heftig, und eine Zeitlang schwebte ihr Leben in Gefahr. Die Angst, die über diesen Wochen lag, drängte jene frühere Trauer in den Hintergrund, und als Frau Lyhne sich zu erholen begann, erschien es sowohl ihr wie auch Niels, als hätten sich Jahre zwischen sie und das frische Grab geschoben. Besonders erschien es Frau Lyhne so weit zurückzuliegen; denn sie war während der ganzen Krankheit davon überzeugt gewesen, daß sie sterben sollte, und hatte sich sehr davor gefürchtet; selbst jetzt, wo sie anfing, sich zu erholen, und der Arzt jede Gefahr für überstanden erklärt hatte, konnte sie diese dunklen Gedanken doch nicht loslassen.

Es war allerdings auch eine recht traurige Rekonvaleszenz, in der die Kräfte nur tropfenweise und gleichsam widerstrebend zurückkehrten, und es lag keine milde und heilende Schläfrigkeit über ihr, im Gegenteil, sie fühlte eine unruhige Mattigkeit, verbunden mit einem erdrückenden Ohnmachtsgefühl, ein ewiges, mißmutiges Sehnen nach Kräften.

Allmählich trat auch hierin eine Veränderung ein, es ging schneller vorwärts, die Kräfte kehrten zurück, aber der Gedanke, daß sie und das Leben bald Abschied voneinander nehmen mußten, wich nicht, sondern lag wie ein Schatten über ihr und hielt sie in einer unruhigen, sehnsüchtigen Wehmut befangen.

Eines Abends während dieser Zeit saß sie allein im Gartenzimmer und starrte durch die geöffneten Flügeltüren hinaus.

Das Gold und Glühen des Sonnenunterganges wurde durch die Bäume des Gartens versteckt, nur an einer einzigen Stelle öffnete sich ein brandroter Fleck zwischen den Stämmen und ließ eine Sonne von tiefgoldenen, sprühenden Strahlen grüne Farben und einen bronzebraunen Widerschein in der dunklen Laubmasse wecken.

Oben über den unruhigen Baumwipfeln jagten die Wolken finster auf einem rauchroten Himmel dahin und verloren in ihrer Jagd kleine Wolkenfetzen hinter sich, kleine schmale Streifen einer losgelösten Wolke, die dann der Sonnenglanz mit weinroter Glut sättigte.

Frau Lyhne saß da und lauschte dem Sausen des Windes und folgte mit ganz kleinen Kopfbewegungen dem ungleichen Schwellen und Sinken der Windstöße, wie sie so vorwärtsstürmten, noch höher aufbrausten und dann hinstarben. Aber ihre Augen waren weit fort von hier, weiter fort als die Wolken, denen sie entgegenstarrten. Bleich saß sie dort in ihrem schwarzen Witwenkleid, mit dem Ausdruck schmerzlicher Unruhe auf ihren schwachgefärbten Lippen; und auch über ihren Händen, so wie sie das kleine dicke Buch in ihrem Schoß drehten, lag Unruhe. Es war Rousseaus Heloise. Um sie herum lagen andere Bücher: Schiller, Staffeldt, Ewald und Novalis und große Bände mit Kupferstichen von alten Kirchen, Ruinen und Bergseen.

Jetzt ging die Tür da drinnen, aus den dahinterliegenden Stuben hörte man suchende Schritte, und Niels trat herein. Er hatte einen langen Spaziergang am Fjord entlang gemacht. Seine Wangen waren von der frischen Luft gefärbt, und noch saß ihm der Wind in den Haaren.

Draußen am Himmel hatten die blaugrauen Farben die Oberhand gewonnen, und einzelne schwere Regentropfen schlugen gegen die Fensterscheiben.

Niels erzählte, wie hoch die Wellen emporspülten, erzählte von dem Tang, den sie auf den Strand geworfen hatten, wem er begegnet war, was er gesehen hatte; und während er erzählte, suchte er die Bücher zusammen, schloß die Gartentür und hakte die Fenster fest zu. Dann setzte er sich auf einen Schemel, zu Füssen der Mutter, nahm ihre Hand in die seine und lehnte seine Wange an ihr Knie. Draußen war jetzt alles schwarz geworden, und stoßweise hagelte der Regen in Strömen gegen Fenstergesims und Scheiben.

»Weißt du noch,« sagte Niels, als sie lange schweigend dagesessen hatten, »weißt du noch, wie oft wir so in der Dunkelheit dasaßen und auf Märchen auszogen, während Vater in seinem Kontor mit Verwalter Jens sprach und Mamsell Duysen mit dem Teegeschirr in der Eßstube klapperte? Und wenn dann die Lampe hereinkam, dann erwachten wir beide von dem seltsamen Märchen zu der Traulichkeit um uns her; aber ich entsinne mich noch so gut, daß ich mir immer vorstellte, wie das Märchen trotzdem nicht aufhörte, sondern weiterging und sich drüben unter den Hügeln nach Ringköbing zu entwickelte.

Er sah das wehmütige Lächeln der Mutter nicht, er fühlte nur, wie ihre Hand sanft über seinen Scheitel glitt.

»Weißt du noch,« sagte sie kurz darauf, »wie oft du mir versprachst, daß, wenn du groß sein würdest, du mit einem großen Schiff hinaussegeln und mir alle Herrlichkeiten dieser Welt heimbringen wolltest?«

»Ob ich mich dessen entsinne! Es sollten Hyazinthen sein, weil du Hyazinthen so gern hattest, und dann eine Palme so wie die, die eingegangen war, und Säulen von Gold und Marmor. Es waren stets so viele Säulen in deinen Erzählungen. Weißt du wohl noch?«

»Ich habe auf dies Schiff gewartet – nein, sei ruhig mein Junge, du verstehst mich nicht – es war nicht meinetwegen, es war das Schiff deines Glücks ... ich hatte gehofft, daß das Leben sich dir reich und groß gestalten sollte, daß du dich auf den strahlenden Straßen bewegen würdest – Berühmtheit ... alles – nein, das nicht, nur daß du im Kampf um das Größte mitkämpfen solltest; ich weiß nicht, wie es zugeht, aber ich bin des alltäglichen Glücks und des alltäglichen Ziels so müde. Kannst du das verstehen?«

»Du wolltest mich zu einem Sonntagskind machen, Mütterchen, zu so Einem, der nicht mit den andern am Joch zieht und der seinen eigenen Himmel hat, in dem er selig wird, für den es auch einen eigenen Ort der Verdammnis gibt. – Nicht wahr, es sollten ja auch Blumen an Bord sein, reiche Blumen, um sie über die armselige Welt auszustreuen; aber das Schiff ließ auf sich warten, und Niels und seine Mutter blieben nur ein paar arme Vögel, nicht wahr?«

»Habe ich dich verletzt, mein Junge? es waren ja nur Träume, mach dir nichts aus ihnen.«

Niels schwieg lange, er schämte sich dessen, was er sagen wollte.

»Mutter,« sagte er, »wir sind nicht so arm, wie du glaubst. – Eines Tages wird das Schiff doch kommen ... Wenn du es nur glauben oder an mich glauben wolltest ... Mutter, ich bin Dichter, wirklich – mit ganzer Seele. Glaub nicht, daß es Kinderträume oder Träume der Eitelkeit sind. Könntest du fühlen, mit welch dankbarem Stolz über das Beste in mir und demütiger Freude darüber, daß es da ist, ich dies sage, so gar nicht persönlich, so weit entfernt von Hochmut, so würdest du es glauben, wie ich mir ja so innerlich wünsche, daß du es glauben solltest. Meine liebe Mutter, ich will im Kampf um das Größte mit dabei sein, und ich verspreche dir, daß ich nie versagen, stets treu gegen mich selber und gegen das, was ich besitze, sein werde. Das Beste soll mir gut genug sein und nichts weiter; kein auf Akkord gehen, Mutter; kann ich fühlen, daß es nicht schwer genug wiegt, was ich geschaffen habe, oder kann ich hören, daß es einen Sprung oder Riß hat, zurück in den Schmelztiegel damit, stets nur das Alleräußerste, was ich zu geben vermag! Begreifst du, daß es mir ein Bedürfnis ist, dies zu versprechen? Das ist der Dank für all meinen Reichtum, der mich zu Gelöbnissen drängt, und du sollst sie entgegennehmen, und es soll Sünde gegen dich und gegen das Größte sein, wenn ich abtrünnig werde; denn verdanke ich es nicht dir, daß es in meiner Seele so hoch bis zur Decke ist; sind es nicht deine Sehnsucht und Träume, die meine Fähigkeiten zum Wachsen gebracht haben, und verdanke ich es nicht deinen Sympathien, deinem nie gestillten Schönheitsverlangen, daß ich die Weihe zu dem empfing, was mein Beruf sein soll!«

Frau Lyhne weinte still vor sich hin. Sie fühlte sich bleich vor Glück.

Ihre beiden Hände legte sie sanft auf das Haupt des Sohnes, und er zog sie leise bis zu seinen Lippen hinab und küßte sie.

»Du hast mich so froh gemacht, Niels ... jetzt ist mein Leben nicht bloß ein langer, unnützer Seufzer gewesen, da es dich vorwärtsgetragen hat, so wie ich es mir so innerlich erhofft und geträumt habe. Mein Gott, so unendlich oft geträumt habe! – Und doch mischt sich soviel Wehmut in die Freude, denn, Niels, gerade dies, daß ich meinen liebsten Wunsch erfüllt sehen soll, den Wunsch so vieler Jahre, das trifft erst ein, wenn nicht mehr viel von dem Leben übrig ist.«

»So darfst du nicht reden, das darfst du nicht. Es geht ja so gut vorwärts, Tag für Tag wirst du ja kräftiger; nicht wahr, Mütterchen?«

»Ich will so ungern sterben«, seufzte sie vor sich hin. – »Weißt du, woran ich in den langen schlaflosen Nächten dachte, als mir der Tod so furchtbar nahe erschien? .. Da glaubte ich, es sei das Schwerste von allem, daß es draußen in der Welt so viel Großes und Schönes gibt, von dem ich wegsterben soll, ohne es gesehen zu haben. Ich dachte an die tausend und abertausend Seelen, denen es Freude gewesen war, die es erfüllt und denen es Wachstum gegeben hatte; aber für mich war es nicht geschaffen, und wenn jetzt meine Seele elend, auf schlaffen Flügeln dahinfuhr, dann trug sie in reichem Erinnern keinen goldnen Abglanz von der Herrlichkeit ihrer Heimat mit sich, sie hatte ja nur in der Ofenecke gesessen und den Märchen von der wunderbaren Welt gelauscht. – Niels, niemand kann erfassen, wie unendlich jammervoll es war, in der schwülen Dämmerung des Krankenzimmers so gefangen zu liegen und in seiner fiebererregten Phantasie zu kämpfen, um die Schönheit ungesehener Gegenden wachzurufen: ich entsinne mich schneebekleideter Alpengipfel über blauschwarzen Seen, blanker Flächen zwischen Weinhügeln und langgezogener Berge, wo die Ruinen aus Wäldern hervortauchten, und dann auch hoher Säle und Marmorgötter – und es dann niemals zu erreichen, stets verloren zu geben, um von vorne zu beginnen, weil es so unendlich schwer war, Lebewohl zu sagen, ohne den geringsten Anteil daran gehabt zu haben ... Ach Gott, Niels, sich so von ganzer Seele danach zu sehnen, während man fühlt, wie man langsam zu der Schwelle hingeschoben wird, die zu einer andern Welt führt; auf der Schwelle zu stehen und mit einem langen Blick rückwärts zu schauen, während man unaufhaltbar durch die Tür dem entgegengetrieben wird, nach dem sich auch nicht eins unserer sehnsuchtsvollen Gefühle drängt... Niels, nimm mich mit dir in einem Gedanken, mein Junge, wenn du einstmals all dieser Herrlichkeit teilhaftig werden wirst, die ich nie, niemals zu sehen bekommen soll.«

Sie weinte.

Niels versuchte, sie zu trösten; er entwarf kühne Pläne, wie sie zusammen reisen wollten, sobald sie binnen kurzer Zeit ganz genesen war; er wollte zur Stadt fahren, um mit dem Arzt von ihrer Reise zu sprechen, und er war davon überzeugt, daß der Arzt wie er der Meinung sein würde, daß man nichts Besseres unternehmen könne; dieser und jener waren ja auch so gereist, und sie waren die Krankheit allein durch Luftwechsel los geworden; Luftwechsel habe so viel zu sagen. Er nahm mit größter Genauigkeit ihre Reiseroute durch, sprach davon, wie gut er sie einpacken würde, wie kurz die Touren sein sollten, die sie anfänglich unternähmen, welch herrliches Tagebuch sie führen, wie sie auch das Allerunbedeutendste beobachten wollten, wie lustig es werden könnte, wenn sie die seltsamsten Dinge an den herrlichsten Orten äßen, und welch schreckliche Versündigungen sie im Anfang gegen die Grammatik begehen würden.

So fuhr er fort sowohl diesen Abend wie auch die Tage darauf und wurde nicht müde, und sie lächelte auch wohl darüber und ging darauf ein, wie man auf eine lustige Phantasie eingeht; aber es war deutlich genug zu merken, wie fest sie davon überzeugt war, daß diese Reise niemals zustande kommen würde.

Auf Rat des Arztes fuhr Niels aber fort, die nötigen Vorbereitungen zu treffen, und sie ließ ihn gewähren, den Tag der Abreise und alles festsetzen, überzeugt davon, daß das eintreffen würde, was die Pläne vernichten mußte. Aber als schließlich nur noch einige Tage fehlten und ihr jüngster Bruder, der in ihrer Abwesenheit das Gut leiten sollte, wirklich eintraf, da begann sie, unsicher zu werden, und war jetzt die, die am eifrigsten antrieb, um fortzukommen, weil doch noch eine Angst in ihr zurückgeblieben war, daß das Hindernis sich vorschieben und gerade im allerletzten Augenblick eintreten könne.

Und so reisten sie denn.

Den ersten Tag war sie noch unruhig und nervös wegen jenes letzten Rests von Furcht, und erst, als sie diesen glücklich überwunden hatte, ward es ihr möglich zu fühlen und zu verstehen, daß sie jetzt wirklich auf dem Wege war zu all dieser Herrlichkeit, nach der sie sich so schwer gesehnt hatte. Eine fast fiebernde Freude überkam sie, und eine überspannte Erwartung zeichnete all ihre Gedanken und Worte aus, die sich nur um das drehten, was die Tage, der eine nach dem andern, bringen würden.

Es kam denn ja auch alles, alles kam, aber es erfüllte und benahm sie weder mit der Macht noch mit der Innerlichkeit, die sie erwartet hatte. Ganz anders hatte sie sich das gedacht, ganz anders hatte sie sich selbst aber auch gedacht. In Träumen und in Gedichten, da hatte es immer gleichsam auf der andern Seite des Sees gelegen, der Nebel der Ferne hatte ahnungsvoll das unruhige Gewimmel der Einzelheiten verschleiert, und in großen Zügen die Formen zu einer geschlossenen Einheit gesammelt, und das Schweigen der Ferne hatte seine Feststimmung darüber ausgebreitet, und es war so leicht gewesen, es in Schönheit zu ergreifen; aber jetzt, als sie mitten dazwischenstand und jeder kleine Zug vor sie hintrat und die vielen Stimmen der Wirklichkeit trug und die Schönheit wie das Licht der Prismen verteilt war, jetzt vermochte sie es nicht zu vereinen, es nicht auf die andere Seite des Sees hinüberzuziehen, und mit tiefem Mißmut mußte sie sich selbst gestehen, daß sie sich arm fühlte mitten in all diesem Reichtum, über den sie nicht zu gebieten vermochte.

Sie strebte vorwärts und immer weiter vorwärts, ob es denn nicht einen Ort gäbe, den sie als einen Fleck aus ihrer Traumwelt wiedererkennen konnte, die bei jedem Schritt, den sie tat, um ihr nahe zu kommen, den Zauberschein, in dem sie bis dahin erstrahlt hatte, auszulöschen schien und sich ihrem enttäuschten Auge ganz gewöhnlich von Allerweltsmond und Allerweltssonne beleuchtet zeigte. Aber ihr Suchen wurde nicht belohnt, und da das Jahr schon sehr weit vorgeschritten war, eilten sie nach Clarens, wo der Arzt ihnen geraten hatte, den Winter zuzubringen, und von wo auch die letzte leise leuchtende Hoffnung der müden, traumbenommenen Seele winkte; denn war das nicht Rousseaus Clarens, Juliens paradiesisches Clarens!

Dort blieben sie denn; aber vergebens zeigte der Winter sich freundlich und hielt seinen kalten Atem von ihr zurück; vor dem Siechtum in ihrem Blut konnte er sie doch nicht schützen, und als der Frühling im Triumphzug durch das Tal kam, mit seinem sprießenden Wunder, seinem knospenden Evangelium, da mußte er sie dort stehen und in all der Üppigkeit des Verjüngens welken lassen, ohne daß seine Kraft, die ihr aus Licht und Luft und Erde und Feuchtigkeit entgegenschwoll, in ihr zu Kraft werden konnte, so daß ihr Blut gesundheitstrunken mitjubeln mußte in dem großen Jubel von der Allmacht des Frühlings; nein, sie mußte dahinwelken; denn der letzte Traum, der sich ihr in dem verborgenen Winkel der Heimat wie eine neue Morgenröte gezeigt hatte, der Traum von der Herrlichkeit der fernen Welt, den hatte der Tag nicht mit sich geführt; seine Farben waren verblaßt, je näher sie ihm kam, und sie fühlte, daß sie nur vor ihren Augen verblaßten, weil sie sich nach Farben gesehnt hatte, die das Leben nicht besitzt, nach einer Schönheit, die die Welt nicht reifen kann. Aber die Sehnsucht erlosch nicht, still und stark brannte sie in ihrem Herzen, immer heißer in ihrem Schmerz, heiß und verzehrend.

Und um sie herum feierte der Frühling sein schönheitsschwangeres Fest, die weißen Glocken des Schneeglöckchens läuteten es ein, die geäderten Becher der Krokusblüten begrüßten es jubelnd. Hundert kleine Bergströme stürzten kopfüber in das Tal hinab, um zu melden, daß der Frühling gekommen sei, und sie kamen alle zu spät, denn wo sie zwischen grünen Ufern dahinflossen, standen die Primeln in Gold und die Veilchen in Blau und nickten: wir wissen es, wir wissen es, wir haben es vor dir vernommen! Die Weiden hißten die gelben Wimpel, und krause Farnkräuter und sammetweiches Moos hingen grüne Girlanden an die nackten Weinbergmauern, während tausend Taubnessel den Fuß der Mauer unter langen Verbrämungen von Braun und Grün und mattem Purpur verbargen. Das Gras breitete weit und breit seinen grünen Mantel aus, und viele schmucke Kräuter setzten sich darauf, Hyazinthen mit Blüten wie Sterne und Blüten wie Perlen, Tausendschönchen zu tausenden, Enziane, Anemonen und Löwenzahn und hundert andere Blumen. Und über den Blumen auf der Erde schwebten dort in der Luft, getragen von den hundertjährigen Stämmen der Kirschbäume, wohl tausend strahlende Blumeninseln, das Licht schäumte gegen diese weißen Küsten, und die Schmetterlinge, die Botschaft von dem Blumenfestland da unten brachten, sprenkelten sie mit roten und blauen Punkten.

Jeder Tag, der kam, brachte neue Blumen; er trieb sie in den Gärten am See in bunten Mustern aus der Erde hervor; er lud sie auf den Zweigen der Bäume ab, Riesenveilchen auf die Paulownia, und große, purpurgetigerte Tulpen auf die Magnolia. Auf den Steigen zogen die Blumen in blauen und weißen Reihen dahin, sie füllten die Felder mit gelben Horden; nirgends aber war es so blumendicht, wie oben zwischen den Hügeln in den geschützten, versteckten kleinen Tälern, wo die Lärche mit lichtsprühenden Rubinäpfeln in dem hellen Laub stand; denn dort blühten Narzissen in blendenden Myriaden und füllten die Luft um sich mit dem betäubenden Duft ihrer weißen Orgien.

Mitten in all dieser Schönheit saß sie mit ungestillter Schönheitssehnsucht in ihrem Herzen, und nur eine vereinzelte Abendstunde, wenn die Sonne hinter Savoyens länglich abfallenden Hügeln herabsank und die Berge jenseits des Sees wie aus bräunlichem, undurchsichtigem Glas erschienen, gleichsam als hätten die steilen Wände das Licht aufgesogen, nur an einem solchen Abend vermochte die Natur ihre Sinne zu fesseln, wenn gelb beleuchtete Abendnebel die fernen Juraberge verbargen und der See, rot wie ein Kupferspiegel, in dessen sonnenrotem Glühen goldne Flammen sich hineinzüngelten, mit dem Himmelslicht zu einem einzigen, großen, leuchtenden Meer der Unendlichkeit überzugehen schien: da war es ausnahmsweise einmal, als wenn die Sehnsucht verstumme und die Seele das Land gefunden habe, nach dem sie suchte.

Je weiter der Frühling vorschritt, desto schwächer wurde sie, und bald verließ sie das Bett nicht mehr; aber jetzt fürchtete sie sich nicht mehr vor dem Tod, sie sehnte sich nach ihm, denn sie hatte die Hoffnung, sich jenseits des Grabes von Angesicht zu Angesicht mit der Herrlichkeit, Seele zu Seele mit der Schönheitsfülle zu sehen, die sie hier auf Erden mit einem ahnungsvollen Sehnen erfüllt hatte, einem Sehnen, das jetzt geläutert und verklärt war durch das sich steigernde Entbehren langer Lebensjahre und deshalb endlich sein Ziel umschließen würde; und sie träumte manch einen sanften, wehmütigen Traum, wie sie in der Erinnerung zu dem zurückkehren würde, was ihr die Erde gegeben hatte, zurückkehren würde droben in dem Lande der Unsterblichen, wo ja alle Schönheit des Erdreichs allzeit jenseits der See liegen würde.

So starb sie, und Niels begrub sie auf Clarens freundlichem Friedhof, wo die braune Weinbergerde so vieler Länder Kinder birgt und wo die gebrochnen Säulen und florumwundnen Urnen dieselben Worte der Trauer in so vielen Sprachen wiederholen.

Weiß leuchten sie hervor aus dunklen Zypressen und dem im Winter blühenden Viburnum; frühe Rosen streuen ihre Blätter über viele von ihnen aus, und oft blaut die Erde von Veilchen zu ihrem Fuß; aber um jeden Hügel und jeden Stein schlingen sich die blankblättrigen Ranken der sanften Vinca, der Lieblingsblume Rousseaus, so himmelblau wie ein Himmel noch niemals blaute.

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