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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorJens Peter Jacobsen
booktitleJens Peter Jacobsens sämtliche Werke
titleNiels Lyhne
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year
firstpub1880
translatorAnka Mathiesen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
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Sechstes Kapitel

»Student Lyhne – Frau Boye; Student Frithjof Petersen – Frau Boye.«

Es war Erich, der vorstellte, und die Vorstellung fand in Mikkelsens Atelier statt, einem großen, lichten Raum mit gestampftem Lehmboden und zwölf Ellen bis zur Decke, mit zwei Türen, die hinausführten, in der einen Wand, und in der andern mit Türen, die zu den kleinen Ateliers dahinter gingen. Alles war darinnen grau von dem Staub von Lehm und Gips und Marmor; er hatte die Spinnengewebe an der Decke dick wie Bindfaden gemacht und Flußkarten auf die großen Fensterscheiben gezeichnet; er lag in den Augen, in Mund und Nase, in den Muskelstreifen, den Locken und Gewändern all der unzähligen Abgüsse, die sich wie ein Fries von der Zerstörung Jerusalems auf langen Borden durch die ganze Stube zogen, und die Lorbeerbäume in der Ecke zum Eingang, die hohen Lorbeerbäume in ihren großen Kübeln, die hatte er auch grauer als die grauen Oliven gepudert.

Erich stand mitten im Atelier und modellierte in einer Bluse und mit einer Papiermütze auf dem dunklen, ein wenig gelockten Haar; er hatte jetzt einen Schnurrbart und sah ganz männlich aus im Vergleich zu seinen bleichen, examensmüden Freunden, die so provinzmäßig artig anzusehen waren, mit ihren allzu neuen Kleidern und mit ihren gar zu kurzgeschorenen Köpfen in den etwas zu geräumigen Mützen.

Nicht weit von Erichs Gerüst entfernt, saß Frau Boye auf einem niedrigen, hochlehnigen Holzstuhl, ein feines Buch in der einen Hand, einen Klumpen Lehm in der andern. Klein war sie, reichlich klein und leicht brünett, mit klaren, braunen Augen und weißblondem Teint, der in dem Schatten der Rundungen golden matt wurde und gut zu dem glanzvollen Haar paßte, dessen Dunkelheit im Licht den Ton braungebrannter Blondheit annahm.

Sie lachte, als sie kamen, wie ein Kind lachen kann, so erleichternd lange und lustig laut, so vergnüglich frei; und in ihren Augen lag auch der offne Blick des Kindes, das freimütige Lächeln eines Kindes spielte um ihren Mund, der noch kindlicher wurde, weil die Oberlippe so kurz war, daß sie die milchweißen Zähne fast nie verdeckte und der Mund stets ein wenig offen stand.

Aber sie war kein Kind.

War sie vielleicht einige dreißig?

Die volle Form des Kinnes sagte nicht nein, ebensowenig das reife Leuchten der Unterlippe; und sie war stark von Wuchs, mit reichen, aber festen Formen, die stark hervorgehoben wurden durch ein dunkelblaues Kleid, das sich stramm und fest wie ein Reitkleid anschloß, eng in der Taille, um Brust und Arme. Um ihren Hals und auf den Schultern lag faltenreich ein dunkles, blutrotes, seidenes Tuch, dessen Spitzen in dem herzförmigen Ausschnitt des Kleides verschwanden, und im Haar trug sie Nelken von der Farbe des Tuches.

»Ich fürchte, daß wir Sie in einer angenehmen Lektüre unterbrechen«, sagte Frithjof mit einem Blick auf das feine Buch.

»Nicht im geringsten; ach nein! nein, über das, was wir lasen, haben wir uns die ganze Stunde gezankt!« antwortete Frau Boye und sah Frithjof mit großen, unentrinnbaren Augen an. »Herr Refstrup ist in allem, was Kunst anbelangt, ein großer Idealist, und ich finde dies so langweilig, gegenüber der rauhen Wirklichkeit, die geläutert, geklärt und wiedergeboren werden soll, oder wie es nun heißen mag, so daß sie zu guter Letzt zu lauter Nichts wird; tun Sie mir den Gefallen und sehen Sie sich die Bacchantin von Mikkelsen an, nach der der taube Traffelini dort hinten haut; sollte ich die in einem beschreibenden Katalog aufführen ... Herr du meine Güte! Nr. 77. Eine junge Dame im Negligé steht gedankenvoll auf einem Bein und weiß nicht, was sie mit einer Weintraube anfangen soll. – Wenn ich raten dürfte, so sollte sie die Beeren zerquetschen, so daß der rote Saft ihr über die Brust liefe, wie? nicht wahr? Habe ich nicht recht?« und in kindlichem Eifer ergriff sie Frithjofs Ärmel und riß fast daran.

»Ja,« gab Frithjof zu, »ja, das möchte ich eigentlich auch sagen, es fehlt dies – Frische – Unmittelbare –.«

»Ach, es fehlt das Natürliche, und mein Gott, warum können wir eigentlich nicht natürlich sein? Ach, ich weiß es so gut, es fehlt nur der Mut. Weder die Künstler noch die Dichter besitzen den Mut, den Menschen so wiederzugeben, wie er ist. – Shakespeare, der hatte Mut.«

»Ja, das wissen Sie schon,« sagte Erich hinter seiner Figur hervor, »mit Shakespeare werde ich nicht fertig; er macht mir zu viel daraus; ich finde, er jagt einen herum, so daß man schließlich nicht mehr weiß, was eigentlich was ist.«

»Das will ich nicht sagen,« wandte Frithjof tadelnd ein, »aber«, fügte er mit einem entschuldigenden Lächeln hinzu, »ich kann freilich die Berserkerwut des großen englischen Dichters nicht wirklich bewußten und verständigen Künstlermut nennen.«

»Nicht? – ach Gott, wie amüsant Sie sind!« und sie lachte aus vollem Halse, indem sie sich erhob und durch das Atelier schritt. Plötzlich wandte sie sich um, streckte Frithjof die Arme entgegen und rief aus: »Gott segne Sie!« und dann krümmte sie sich fast bis zur Erde vor Lachen.

Frithjof war nahe daran, beleidigt zu sein, aber es war so umständlich, erzürnt fortzugehen; außerdem hatte er ja vollständig recht mit dem, was er sagte, und schließlich war die junge Frau auch so hübsch. Er blieb und begann eine Unterhaltung mit Erich, indem er, in Gedanken mit Frau Boye beschäftigt, seiner Stimme den Ausdruck reifer Nachsicht zu geben versuchte.

Die junge Frau streifte indessen in dem entlegneren Ende des Ateliers mit einem kleinen, nachdenklichen Summen umher, aus dem sie jedoch bald in ein paar rasche, glucksende Triller aufstieg, bald in einem feierlichen Rezitativ langsam emporschwebte.

Auf einer großen, hölzernen Kiste stand ein jugendlicher Augustuskopf; den begann sie abzustäuben, und dann suchte sie sich etwas Ton, formte daraus einen Schnurrbart, einen Kinnbart für den Kopf und auch Ringe, die sie in die Ohren setzte.

Während sie eifrig damit beschäftigt war, hatte sich Niels unter dem Vorwand, daß er die Borde mit den Abgüssen betrachtete, ganz in die Nähe der jungen Frau begeben. Sie hatte gar nicht nach der Richtung hingesehen, in der er sich aufhielt; aber sie mußte ihn doch in der Nähe wissen, denn ohne sich umzusehen, streckte sie die Hand nach ihm aus und bat ihn, Erichs Hut zu holen.

Niels legte den Hut in ihre ausgestreckte Hand, und sie nahm ihn und setzte ihn auf den Augustuskopf.

»Alter Shakespeare,« sagte sie zärtlich und streichelte die Wange der travestierten Büste, »alter dummer Bursche, der nicht wußte, was er tat! Saß er da und stocherte in der Tinte, was? und schmierte einen Hamletkopf zusammen, ohne darüber nachzudenken, was; tat er das?« Sie lüftete den Hut der Büste ein wenig und ließ die Hand mütterlich über deren Stirne gleiten, als wolle sie ihr das Haar aus den Augen streichen. »Alter Glückspilz, trotz alledem! du alter, nicht ungeschickter Dichterbursche! Denn, nicht wahr, Herr Lyhne, man kann doch sagen, daß er kein ungeschickter Literat war, dieser Shakespeare?«

»Ja, ich habe meine eigene Ansicht über den Mann«, erwiderte Niels etwas kurz und errötete.

»Herrgott, haben Sie auch eine eigne Ansicht über Shakespeare? – Was denken Sie denn? Sind Sie für uns, oder sind Sie wider uns?« Sie stellte sich bei diesen Worten lächelnd neben die Büste und legte ihre Hand auf ihren Nacken.

»Ich vermag nicht zu sagen, ob die Ansicht, die ich zu Ihrem Erstaunen besitze, so glücklich ist, einige Bedeutung zu erhalten, indem sie mit der Ihren zusammenfällt; aber ich glaube doch sagen zu können, daß sie für Sie und für Ihren Schützling spricht; jedenfalls ist es meine Ansicht, daß er wußte, was er tat, daß er abwog, was er tat, und wagte, was er tat. Manch liebes Mal hat er es voll Zweifel gewagt, so daß der Zweifel noch zu sehen ist; manch liebes Mal hat er es auch nur halb gewagt und das mit neuen Zügen ausgelöscht, was er nicht, so wie es war, stehen zu lassen wagte ...«

Und so fuhr er fort.

Während er sprach, wurde Frau Boye allmählich unruhig, sie sah nervös bald nach der einen, bald nach der andern Seite und spielte ungeduldig mit den Fingern, während ein sorgenvoller und zuletzt leidender Ausdruck ihr Gesicht mehr und mehr verdunkelte.

Endlich konnte sie sich nicht länger bezwingen.

»Vergessen Sie nicht, was Sie sagen wollen!« sagte sie; »aber ich bitte Sie, Herr Lyhne, lassen Sie das da mit der Hand, diese Bewegung, als sollten Sie Zähne ausziehen! Bitte, tun Sie es! und dann lassen Sie sich nicht stören, jetzt bin ich wieder aufmerksam, und ich bin ganz einig mit Ihnen!«

»Ja, aber dann brauche ich ja nicht mehr zu sagen.«

»Warum?«

»Nein, wenn wir einig sind!«

»Ja, wenn wir einig sind!«

Keiner von beiden meinte etwas Besonderes mit diesen letzten Worten; aber sie sprachen sie mit einer bedeutungsvollen Betonung aus, als läge eine Welt von Feinheit darin verborgen, und sie sahen einander an, mit einem geistvollen Lächeln auf den Lippen – der verweilende Schein jenes Geistes, der soeben geleuchtet hatte –, indem sie beide darüber nachsannen, was doch der andere gemeint haben konnte, ein wenig ärgerlich, daß sie so schwer von Begriffen waren.

Langsam gingen sie zusammen auf die andern zu, und die junge Frau ließ sich wieder auf den niedrigen Stuhl nieder.

Erich und Frithjof waren ihrer Unterhaltung ein wenig müde und freuten sich, daß andere hinzukamen. Frithjof näherte sich deshalb sofort Frau Boye und war sehr liebenswürdig, Erich hielt sich als Wirt bescheiden zurück.

»Wäre ich neugierig,« sagte Frithjof, »so würde ich fragen, was für eine Art von Buch es ist, über das Sie und Refstrup sich stritten, als wir kamen.«

»Fragen Sie?« fragte Frau Boye.

»Ich frage.«

»Ergo?«

»Ergo!« antwortete Frithjof mit einer demütig bejahenden Verbeugung.

Frau Boye hielt das Buch empor und sagte feierlich verkündend: »Helge. Oehlenschlägers Helge. – Und dann, was für ein Lied es war? – Es war: ›Das Meerweib besucht König Helge.‹ – Und dann, was für Verse es waren? – Es waren die, wo Tangkjär sich an Helges Seite gelegt hat und er nicht länger seine Neugierde bezwingen kann und sich umwendet.

Und während die Blicke so jünglingswild
Hinüber ihm streifen und gleiten,
Da ruht ihm das lieblichste Frauenbild
An seiner grünenden Seiten.

Kein ärmlicher Rock mehr umwölbt das Licht
Der Schönheit des blühenden Leibes.
Durch den enganliegenden Schleier bricht
Der Glanz des üppigen Weibes.

Und das ist alles, was wir von der Schönheit des Meerweibes zu sehen bekommen, und darüber war ich unzufrieden. Ich will hier eine üppige, glühende Schilderung haben, daß es mir den Atem raubt. Ich will in die eigenartige Schönheit eines solchen Meerweibkörpers eingeweiht werden, und nun frage ich Sie, was soll ich mit den weißen Armen und herrlichen Gliedmaßen aufstellen, über die ein Stück Seidengaze gebreitet ist. – Mein Gott! – Nein, sie soll nackt sein wie eine Welle, und die wilde Schönheit des Meeres soll sie widerspiegeln. Es müßte etwas von dem Phosphorschimmer des Meeres über ihrer Haut liegen, etwas von den schwarzen, wirren Schrecken des Tangwaldes in ihrem Haar. Nicht wahr? – Ja, die tausenderlei Farben des Wassers müssen in blitzendem Wechsel in ihren Augen kommen und gehen; die bleiche Brust muß kalt sein, von einer wollüstigen, kühlenden Kälte, die Wellen müssen mit wogendem Lauf durch alle ihre Formen rieseln, und in ihrem Kuß ist das Saugen des Strudels, und ihre Umarmung ist wie die weiche Brandung des Schaums.«

Sie hatte sich ganz warm geredet und stand da, noch ganz erfüllt von ihrem Thema, und sah ihre jungen Zuhörer mit großen, fragenden Kinderaugen an.

Aber die sagten nichts. Niels war rot von Erröten und Erich höchst verlegen. Frithjof war ganz benommen und starrte sie mit der offenherzigsten Bewunderung an, und doch war er derjenige, der am wenigsten sah, wie bezaubernd schön sie war, so wie sie da hinter ihren Worten vor ihnen stand.

Nur wenige Wochen waren vergangen, da waren Niels und Frithjof ebenso häufige Gäste in Frau Boyes Hause wie Erich Refstrup. Außer der bleichen Schwestertochter von Frau Boye trafen sie hier verschiedene junge Leute, zukünftige Dichter, Maler, Schauspieler und Architekten, alle mehr Künstler der Jugend als des Talents, alle voller Hoffnung, mutig, kampfbereit und sehr leicht begeisterungsfähig. Es waren vielleicht vereinzelte zwischen ihnen, von diesen stillen Träumern, die wehmütig den entschwundenen Idealen verschwundener Zeiten nachblicken; aber die meisten von ihnen waren von dem erfüllt, was damals neu war, waren taumelnd von den Theorien des Neuen, wild von der Kraft des Neuen und geblendet von ihrer Morgenklarheit. Neu waren sie, erbittert neu, neu bis zur Übertreibung, und dies vielleicht nicht zum mindesten, weil im Allerinnersten ein seltsam instinktstarkes Sehnen wohnte, das betäubt werden sollte, ein Sehnen, das das Neue nicht zu stillen vermochte, so weltengroß, wie das Neue auch war, so allumfassend, allmächtig, alles erleuchtend.

Aber das ist gleichgültig; es war ein stürmischer Jubel in den jungen Seelen und Glaube an das Licht großer Gedankensterne, und da war Hoffnung, groß wie Meere; die Begeisterung trug sie auf Adlerschwingen, und das Herz wuchs ihnen in tausendfachem Mut.

Das Leben verwischte es wohl später, vertuschte das meiste; die Klugheit riß wohl Stücke davon ab, und sicher nahm die Feigheit die Überbleibsel mit sich, aber was tut das! Die Zeit, die in Gutem vergangen ist, kehrt nicht mehr in Bösem zurück; und nichts in dem Leben, das später gelebt wird, kann einen Tag welken machen oder eine Stunde aus dem Leben, das gelebt ist, auslöschen.

Niels erschien die Welt in diesen Tagen ganz anders. Seine geheimsten, vagen Gedanken von zehn verschiedenen Mündern laut ausgesprochen zu hören, seine seltsamen, eigentümlichen Anschauungen zu sehen, die ihm selbst in einer verschleierten Landschaft zu liegen schienen, mit nebelverschwommenen Linien, mit unbestimmten Tiefen und mit gedämpften Tönen; diese Landschaft ohne Schleier zu sehen, in hellen, scharfen, tagklaren Farben, in allen ihren Einzelheiten offenbart, durchfurcht von Wegen, und Menschen in Scharen auf diesen Wegen – es lag etwas seltsam Phantastisches darin, daß das Phantastische so wirklich geworden war.

Er war also kein einsamer Kinderkönig mehr, der über Länder herrschte, die er sich erträumt hatte; nein, er war einer in der Menge, ein Mann in der Menge, ein Soldat im Sold der Idee und des Neuen. Ein Schwert lag in seiner Hand, und es gab eine Fahne für ihn.

Was für eine seltsame, verheißungsvolle Zeit war es nicht, wie wunderlich nicht, mit eigenen Ohren das undeutliche, geheimnisvolle Flüstern der eigenen Seele in die Luft der Wirklichkeit hinausklingen zu hören wie wild herausfordernde Posaunentöne, wie der Donner von Keulenschlägen auf Tempelmauern, wie das pfeifende Sausen der Davidsteine auf dem Fluge gegen Goliathschädel und wie siegessichere Fanfaren. Es war, als höre man sich selbst in fremden Zungen mit fremder Klarheit und fremder Macht von dem reden, was das tiefste, innere Besitztum unsres Ichs ist.

Nicht nur von den Lippen der Gleichaltrigen ertönte das Evangelium des Neuen vom Auflösen und vom Vervollkommnen; es gab auch ältere Leute, Männer, deren Namen einen gewissen Klang besaßen, die Augen für das Neue und seine Herrlichkeit hatten und die breitere Worte besaßen als die Jungen; festlicher waren sie in ihrer Auffassung, die Namen entschwundener Jahrhunderte folgten ihnen, sie hatten die Geschichte zur Seite, die Weltgeschichte, die Geschichte des Menschengeistes, die Odyssee der Idee. Es waren die Männer, die in ihrer Jugend ebenso gepackt worden waren wie die, die jetzt jung waren, und die von dem Geist gezeugt hatten, der sie jetzt ergriff; doch als sie ihren Stimmen entnahmen, was man dem Ruf in die Wüste hinein entnimmt: daß man allein ist, da waren sie verstummt; aber die Jungen dachten nur daran, daß diese Männer gesprochen, nicht, daß sie geschwiegen hatten, und waren bereit, mit Lorbeerkränzen und Märtyrerkronen zu bewundern, und glücklich, bewundern zu können. Und die, denen die Bewunderung galt, sie wiesen diese spätgeborene Anerkennung nicht zurück, sondern setzten in gutem Glauben die Kronen auf, sahen sich selbst von einem großen und geschichtlichen Standpunkt aus, dichteten das weniger Heroische aus ihrer Vorzeit heraus – und ihre alte Überzeugung, die die Ungunst der Zeit abgekühlt hatte, die deklamierten sie wieder in Glut.

Niels Lyhnes Familie in Kopenhagen, besonders der alte Etatsrat, war gar nicht zufrieden mit dem Verkehr, den der junge Student sich gewählt hatte. Es waren nicht so sehr die neuen Ideen, die sie bekümmerten, als das lange Haar, die hohen Jagdstiefel und eine leise Unsauberkeit, mit denen einige der jungen Leute den Ideen zu nützen glaubten; und obgleich Niels nach dieser Richtung hin nicht fanatisch war, so war es ihnen doch unangenehm, ihn in solchem Verkehr zu treffen, und noch unangenehmer, daß ihre Bekannten ihn in Gesellschaft also charakterisierter Jünglinge treffen sollten. Aber das war doch nur eine Nebensache im Verhältnis dazu, daß er so viel bei Frau Boye verkehrte und mit ihr und ihrer bleichen Schwestertochter ins Theater ging.

Nicht, daß man mit Bestimmtheit Frau Boye etwas hätte nachsagen können.

Aber man sprach von ihr.

Auf so vielerlei Art.

Sie war aus guter Familie, eine geborene Konneroy, und die Konneroys gehörten zu den ältesten und allerfeinsten Patrizierfamilien der ganzen Stadt. Trotzdem hatte sie mit ihnen gebrochen. Einige sagten, wegen eines ausschweifenden Bruders, den man in die Kolonien gesandt hatte. Sicher war, daß der Bruch vollständig war, und es wurde sogar davon geflüstert, daß der alte Konneroy sie verflucht und darauf einen Anfall seines schlimmen Frühlingsasthmas bekommen habe.

Dies alles geschah, nachdem sie Witwe geworden war.

Boye, der Mann, war Apotheker gewesen, Assessor pharmaciae und Ritter. Als er starb, war er sechzig und Besitzer von anderthalb Tonnen Goldes. Soweit man wußte, hatten sie sehr glücklich zusammen gelebt. Anfangs, während der ersten drei Jahre, war der alternde Mann sehr verliebt; später lebten sie hauptsächlich jeder für sich, er beschäftigte sich mit seinem Garten und damit, seinen Ruf als großer Mann in Herrengesellschaften aufrechtzuerhalten, sie mit Theater, mit Romanzenmusik und deutscher Poesie.

Dann starb er.

Als das Trauerjahr um war, machte die Witwe eine Reise nach Italien und lebte einige Jahre dort unten, hauptsächlich in Rom. Es war durchaus nichts Wahres daran, daß sie Opium in einem französischen Klub geraucht hatte, ebensowenig wie an der Geschichte, daß sie sich wie Paulina Borghese habe modellieren lassen; und der kleine russische Fürst, der sich erschoß, während sie in Neapel war, der erschoß sich keineswegs ihretwegen. Wahr aber war es, daß die deutschen Künstler sich unermüdlich darin erwiesen, ihr Serenaden zu bringen, und es war auch wahr, daß sie sich eines Morgens, in eine albanische Bäuerinnentracht gekleidet, auf eine Kirchentreppe oben in die Via Sistina gesetzt hatte und daß sie sich von einem neuangekommenen Künstler hatte bewegen lassen, Modell mit einer Kruke auf dem Kopf und einem kleinen, braunen Knaben an der Hand zu stehen. So ein Bild hing auf alle Fälle an ihrer Wand.

Auf der Heimreise von Italien traf sie einen Landsmann, einen bekannten, tüchtigen Kritiker, der lieber Dichter gewesen wäre. Man nannte ihn eine negativ-skeptische Natur, einen scharfen Kopf, der seine Mitmenschen hart und unbarmherzig anfaßte, weil er sich selber hart und unbarmherzig anfaßte und deshalb seine Brutalität gerechtfertigt glaubte. Aber er war nicht ganz das, wozu die Leute ihn machten; er war nicht so unangenehm aus einem Guß oder so rücksichtslos konsequent, wie es den Anschein hatte; denn obgleich er immer auf dem Kriegsfuß mit der idealen Richtung der Zeit stand und sie mit andern, verurteilenden Namen nannte, so hatte er doch für dies Ideale, Träumende, Ätherische, dies blaublau Mystische, dies unbegreiflich Hohe und entschwindend Lichte eine Sympathie, die er der erdgebundneren Richtung gegenüber nicht empfand, für die er doch kämpfte und an die er in der Hauptsache glaubte.

Widerstrebend verliebte er sich in Frau Boye, sagte es ihr aber nicht, denn es war keine junge und offene, keine hoffnungsfreudige Verliebtheit. Er liebte sie wie ein Wesen einer andern, feineren und glücklicheren Rasse als seine eigene, und darum lag ein Groll in seiner Liebe, eine instinktive Erbitterung gegen das, was die Rasse in ihr war.

Mit feindseligen, eifersüchtigen Augen betrachtete er ihre Neigungen und Meinungen, ihre Geschmacksrichtung und ihre Lebensanschauung; und mit allen Waffen, mit seiner Beredsamkeit, mit herzloser Logik und barscher Autorität und in Mitleid gehülltem Spott erkämpfte er sie sich, gewann er sie für sich und seine Anschauung. Aber als nun die Wahrheit gesiegt hatte und sie wie er geworden war, da sah er, daß allzuviel gewonnen war und daß er sie mit ihren Illusionen und Vorurteilen, ihren Träumen und ihren Irrtümern geliebt hatte und nicht wie die, die sie jetzt war.

Unzufrieden mit sich selber, mit ihr und mit allem daheim, reiste er weit weg und blieb fort.

Aber da hatte sie gerade begonnen, ihn zu lieben.

Aus diesem Verhältnis konnten die Leute natürlich viel machen, und das taten sie auch. Die Etatsrätin sprach mit Niels davon, so wie die alte Tugend von den Fehltritten der jungen spricht; aber Niels faßte das in einer Art und Weise auf, die die Etatsrätin sowohl verletzte wie entsetzte, denn er antwortete ihr und sprach in hohen Tönen von der Tyrannei der Gesellschaft und der Freiheit des einzelnen, von der plebejischen Rechtschaffenheit der Menge und von dem Adel der Leidenschaft.

Von dem Tage an kam er nur selten zu seinen besorgten Verwandten; Frau Boye aber sah er um so häufiger.

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