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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorJens Peter Jacobsen
booktitleJens Peter Jacobsens sämtliche Werke
titleNiels Lyhne
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year
firstpub1880
translatorAnka Mathiesen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
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Viertes Kapitel

Es gibt Menschen, die ihren Kummer auf sich nehmen und ihn tragen können, starke Naturen, die ihre Stärke gerade in dem Gewicht der Bürde fühlen, während die, die schwächer sind, sich dem Kummer hingeben, willenlos, wie man sich in die Gewalt einer Krankheit ergibt; und wie eine Krankheit durchdringt der Kummer sie, trinkt sich in ihr innerstes Wesen hinein und wird eins mit ihnen, wird in langsamem Kampf in ihnen umgestaltet und verliert sich in ihnen in völliger Genesung.

Aber es gibt auch solche, für die der Kummer eine Gewalttat bedeutet, die gegen sie verübt ist, eine Grausamkeit, die sie nie als Prüfung oder Züchtigung und als ein gewöhnliches Schicksal betrachten lernen. Für sie ist er ein Ausschlag von Tyrannei, etwas persönlich Gehässiges, und stets bleibt ein Stachel zurück in ihrem Herzen.

Es geschieht nicht oft, daß Kinder also trauern; Niels aber tat es. Denn in der Innigkeit seines Gebets hatte er von Angesicht zu Angesicht mit Gott gestanden, er hatte sich auf seinen Knien vor den Fuß des Throns geschleppt, die Hoffnung in ihm hatte vor Angst gezittert, aber er war doch voll festen Glaubens an die Allmacht des Gebets, voller Mut, sich die Erhörung zu erstehen; – und er hatte sich in beschämter Hoffnung aus dem Staub erheben müssen. Er hatte mit seinem Glauben das Wunder nicht aus seinem Himmel herunterzuholen vermocht; kein Gott hatte seinem Ruf geantwortet; ohne zu zögern, war der Tod auf seine Beute zugeschritten, als sei kein Wall von Gebeten schützend bis an die Wolken errichtet worden.

Es wurde still in ihm.

Sein Glaube hatte sich in blinder Flucht gegen die Pforte des Himmels geworfen, und jetzt lag er mit geknickten Schwingen auf Edeles Grab. Denn er hatte geglaubt; er hatte den geraden, grellen Märchenglauben, der so oft den Kindern gehört, besessen. Es ist nicht der zusammengesetzte, subtil nuancierte Gott, an den sie glauben, die Kinder; es ist der gewaltige, alttestamentarische Gott, er, der Adam und Eva so sehr liebte und dem gegenüber das ganze Menschengeschlecht, Könige, Propheten, Pharaone, nur wie artige oder unartige Kinder sind, dieser gewaltige, väterliche Gott, der mit dem Zorn eines Riesen zürnt und der mit der Freigebigkeit eines Riesen freigebig ist; kaum hat er das Leben geschaffen, so hetzt er den Tod hinter ihm her; er ertränkt seine Erde mit den Gewässern aus seinem Himmel; er donnert Gesetze herab, die für das Geschlecht, das er geschaffen hat, zu schwer sind; und zu Kaiser Augusti Zeiten hat er Mitleid mit ihm empfunden und seinen Sohn in den Tod geschickt, auf daß das Gesetz gebrochen werde, indem man es hielt. Zu diesem Gott, der stets das Wunder als Antwort benutzte, sprechen die Kinder, wenn sie beten. Dann kommt wohl einmal ein Tag, wo sie verstehen, daß sie in dem Erdbeben, das Golgatha erschütterte und die Gräber sprengte, zum letztenmal seine Stimme gehört haben und daß jetzt, wo der Vorhang zum Allerheiligsten zerrissen ist, es der Jesusgott ist, zu dem sie beten; und von diesem Tage an beten sie anders.

Aber so weit war Niels nicht.

Wohl war er mit gläubigem Sinn Jesus auf seiner Erdenwanderung gefolgt; aber dies, daß er sich stets dem Vater unterordnete, daß er so machtlos einherging und so menschlich litt, das hatte die Gottheit vor ihm verborgen; er hatte in ihm nur den gesehen, der den Willen des Vaters tat, nur den Sohn Gottes, nicht den Sohn selber, und darum war es Gott-Vater gewesen, zu dem er gebetet hatte, und es war Gott-Vater, der ihn in seiner bittern Not im Stich gelassen hatte. Aber hatte Gott sich von ihm gewendet, so konnte er sich auch von Gott wenden. Hatte Gott keine Ohren, so hatte er auch keine Lippen; hatte Gott keine Gnade, so hatte er auch keine Anbetung, und er trotzte und verwies Gott aus seinem Herzen.

An dem Tage, als Edele begraben wurde, stampfte er verächtlich auf die Erde des Grabes, jedesmal wenn der Pfarrer den Namen des Herrn nannte; und traf er ihn später in Büchern oder im Gespräch, so runzelte er voll Aufruhr seine Kinderstirn. Wenn er sich des Abends zum Schlafen legte, so wurde ein seltsames Gefühl verlassener Größe in ihm erweckt; er dachte daran, daß jetzt alle Kinder und Erwachsenen zum Herrn beteten und ihre Augen in seinem Namen schlossen, aber er allein hielt die Hände davon zurück, daß sie sich falteten, er allein verweigerte Gott seine Huldigung. Von der Obhut des Himmels war er ausgeschlossen, kein Engel wachte an seiner Seite; einsam und schutzlos trieb er auf den seltsam murmelnden Wassern der Dunkelheit dahin, und die Einsamkeit breitete sich über ihm aus, zog ferner und ferner weichende Kreise; trotzdem aber betete er nicht, sehnte er sich auch bis zu Tränen, er rief doch nicht.

Und so blieb es sein Leben lang; denn in Trotz riß er sich los von der Anschauungsweise, in die ihn der Unterricht gebannt hatte, und mit seiner Sympathie floh er nach jener Seite hin, wo die waren, die vergeblich versucht hatten, wider den Stachel zu lecken.

In den Büchern, die man ihm zu lesen gegeben, und in dem, was man ihn gelehrt hatte, zogen Gott und die Seinen – die Völker und die Ideen – in einem unaufhaltbaren Siegeszug an ihm vorüber, und er hatte im Jubel mitgejubelt, hingerissen von dem glücklichen Gefühl, zu den stolzen Legionen der Sieger gezahlt zu werden; denn ist der Sieg nicht stets gerecht, und ist der Sieger nicht stets Befreier, Förderer, Lichtspender?

Aber jetzt war der Jubel in ihm verstummt, jetzt schwieg er; er dachte mit den Gedanken der Überwundenen, fühlte mit den Herzen der Geschlagenen, und er verstand, daß, weil das Siegende gut ist, das Unterliegende nicht schlecht zu sein braucht; und dann nahm er Partei – so ausgesprochen, wie er es vermochte, gegen Gott, aber wie ein Vasall, der die Waffen gegen seinen rechtmäßigen Herrn gebraucht; denn er glaubte noch und konnte den Glauben nicht wegtrotzen.

Sein Lehrer, Herr Bigum, war nicht derjenige, der einer Seele zurückzuhelfen vermochte. Im Gegenteil. Seine Stimmungsphilosophie, die sich von allen Seiten einer Sache bezaubern und begeistern ließ, heute von der einen, morgen von der entgegengesetzten, setzte für seinen Schüler alle Dogmen in Bewegung. Er war wohl eigentlich ein christlicher Mann und würde sicher, wenn man ihn hätte bewegen können, bestimmt zu sagen, was für ihn das Feste in all dem Fließenden sei, er würde gesagt haben, daß es der Glaube und die Lehrsätze der lutherisch-evangelischen Kirche seien, oder jedenfalls etwas Derartiges; aber er war nun einmal so wenig dazu angetan, seine Schüler auf dem bestimmt abgegrenzten Pfad des Kirchenglaubens vorwärts zu treiben und ihnen bei jedem Schritt zuzurufen, daß das geringste Überschreiten der Grenzpfähle ein Gang in Lüge und Dunkelheit sei, der zu der Verderbnis der Seele und zur Hölle führte; denn die leidenschaftliche Fürsorge der Rechtgläubigkeit für Punkte und Tüpfelchen, die fehlte ihm völlig. Er war nämlich auf jene etwas künstlerisch überlegene Art religiös, wie es sich solche Begabungen zu sein erlauben; nicht bange, ein wenig zu harmonisieren, und leicht verführbar zu halb willkürlichen Umschreibungen und Zurechtstutzungen, weil sie in allem und jedem zuallererst ihre Persönlichkeit hervorheben wollen und, in welchen Sphären sie auch fliegen, nur ja das Brausen ihrer eignen Geistesflügel hören müssen.

Solche Leute führen ihre Schüler nicht, aber es liegt eine Fülle in ihrem Unterricht, ein Reichtum und eine etwas tastende Vielseitigkeit, die, wenn der Schüler nicht durch sie verwirrt wird, in hohem Grade seine Selbständigkeit entwickelt und ihn fast dazu zwingt, sich eine eigene Anschauung zu bilden, da Kinder sich niemals mit etwas Unbestimmtem und Schwebendem begnügen können, sondern in instinktivem Selbsterhaltungstrieb stets ein reines Ja oder ein reines Nein fordern, ein Für oder Wider, damit sie wissen können, welchen Weg ihr Haß und welchen Weg ihre Liebe einzuschlagen hat.

Es gibt deshalb keine sichere und unerschütterliche Autorität, die mit ihrem ständigen Feststellen und Wegweisen Niels zurückführen kann.

Er hat den Zügel zwischen die Zähne genommen und läuft auf jeden neuen Steg zu, der sich ihm zeigt, wenn er nur wegführt von dem, was früher das Heim für seine Gefühle und für seine Gedanken gewesen ist.

Es liegt eine neue Empfindung von Kraft darin, so mit eignen Augen zu sehen und mit eignem Herzen zu wählen und an sich selber zu formen, und es taucht so vieles auf im Geiste, so manche unbeachtete, zerstreute Seiten seines Wesens schließen sich so wunderbar aneinander zu einem vernünftigen Ganzen. Es ist eine bezaubernde Zeit der Entdeckungen, in der er nach und nach, voll Angst und unsicherem Jubel, voll ungläubigem Glück sich selbst entdeckt. Zum erstenmal sieht er, daß er nicht ist wie die andern; eine geistige Schamhaftigkeit erwacht in ihm und macht ihn scheu und wortkarg und verlegen. Er ist allen Fragen gegenüber mißtrauisch und sieht in allem, was gesprochen wird, Andeutungen auf seine allerverborgensten Seiten. Weil er gelernt hat, in sich selbst zu lesen, glaubt er auch, daß alle andern das, was in ihm geschrieben steht, zu lesen vermögen, und er zieht sich von den Erwachsenen zurück und streift einsam umher. Die Menschen sind ganz plötzlich so sonderbar aufdringlich geworden. Er empfindet ihnen gegenüber ein etwas feindseliges Gefühl, als seien sie Wesen einer andern Rasse, und in seiner Einsamkeit beginnt er, sie vorzunehmen und sie spähend, richtend zu betrachten. Früher gaben die Namen: Vater, Mutter, der Pastor, der Müller vollkommen ausreichend Bescheid. Der Name verbarg die Person ganz vor ihm. Der Pfarrer war der Pfarrer, mehr war von dieser Sache nicht zu sagen. Aber jetzt sah er, daß der Pfarrer ein kleines munteres Männchen war, das sich daheim so klein machte und so still wie möglich verhielt, um nicht von seiner Frau bemerkt zu werden, und das sich draußen stets in einen Rausch von Aufruhr und freiheitsdürstender Gewalttätigkeit hineinredete, um das Joch daheim zu vergessen.

Dazu war der Pfarrer geworden.

Und jetzt Herr Bigum?

Er hatte gesehen, wie er bereit war, alles um Edeles Liebe willen wegzuwerfen, hatte ihn sich selbst und den Geist in sich in jener Leidenschaftsstunde unten im Garten verleugnen hören, und jetzt sprach er stets von der olympischen Ruhe des philosophischen Menschen den vagen Wirbelwinden und dunstgeborenen Regenbogen des Lebens gegenüber. Eine wie schmerzliche Verachtung erweckte dies nicht bei dem Knaben, wie wachsam wurde dadurch nicht der Zweifel in ihm, wie leicht zu wecken! Er wußte ja nicht, daß das, was Herr Bigum bei den Menschen mit niedrigen Namen benannte, anders getauft ward, wenn es von ihm selber handelte, und daß seine olympische Ruhe dem gegenüber, was die Menschen in Erregung brachte, das verächtliche Lächeln eines Titanen war, voll Erinnerungen an die Sehnsucht, an die Leidenschaften der Titanen.

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