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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorJens Peter Jacobsen
booktitleJens Peter Jacobsens sämtliche Werke
titleNiels Lyhne
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year
firstpub1880
translatorAnka Mathiesen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
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Drittes Kapitel

Und die Jahre entschwanden; ein Weihnachten folgte dem andern, füllte die Luft mit seinem strahlenden Festglanz bis weit über das Fest der heiligen drei Könige hinaus; die Pfingstferien liefen über die blumensprießenden Frühlingswiesen dahin, und Sommerferien auf Sommerferien zogen heran, feierten ihre Frühlingsorgien, ihr Sommergelage und gossen ihren Sommerwein aus vollen Schalen aus, und dann eines Tages, bei sinkender Sonne liefen sie davon, und zurück blieb die Erinnerung mit sonnengebräunter Wange, mit verwunderten Augen und mit tanzendem Blut.

Und die Jahre entschwanden, und die Welt war nicht mehr die wundererfüllte Welt, die sie früher gewesen war; diese dunklen Winkel hinter morschen Fliederbüschen, diese geheimnisvollen Bodenkammern und jene unheimliche Steinkiste unter dem Klastrupper Weg – die Schrecken des Märchens wohnten dort nicht mehr; und dieser lange Erdhügel, der sein Gras beim ersten Lerchenschlag unter den purpurgeränderten Sternen des Tausendschönchens und den gelben Glocken des Schlüsselblümchens versteckte, der Bach mit seinen phantastischen Schätzen von Tieren und Pflanzen, und die wilden Bergabhänge der Sandgrube mit ihren schwarzen Feuersteinen und silberglänzenden Granitbrocken – das waren alles nur armselige Blumen, Tiere und Steine; das strahlende Gold der Fee war wieder zu Laub verblaßt.

Spiel auf Spiel war alt und sinnlos geworden, dumm und langweilig wie die Bilder in einem A-B-C-Buch, und einst waren sie doch so neu, so unverschleißbar neu gewesen. Dort hatten sie den Reifen gerollt, Niels und Pfarrers Frithjof; und der Reifen war ein Fahrzeug, das strandete, wenn es umfiel, fing man ihn aber auf, ehe er fiel, so hatte man Anker geworfen. Der schmale Durchgang zwischen den Wirtschaftsgebäuden, der so schwierig zu passieren war, hieß Bab-el-Mandeb oder die Pforte des Todes; auf der Stalltür stand mit Kreide geschrieben, daß hier England sei, und auf dem Scheunentor stand: Frankreich. Die Gartenpforte war Rio de Janeiro, aber das Haus des Schmieds war Brasilien. Man hatte auch das Spiel Holger Danske, das konnte zwischen den großen Kletten hinter der Scheune gespielt werden; aber oben auf dem Felde des Müllers waren einige Erdhöhlen, die Knakker genannt wurden, und hier hielt sich Prinz Burmand in höchst eigener Person auf und seine wilden Sarazenen mit rotgrauen Turbanen und gelben Helmbuschen, Kletten und Königskerzen von riesigem Wuchs; dort war erst das richtige Mauritanien, denn diese grenzenlose Üppigkeit, diese wimmelnden Massen fruchtbaren Lebens reizten den Zerstörungstrieb, berauschten die Sinne mit der Wollust des Vernichtens, und die Holzschwerter glänzten mit dem Glanz von Stahl, der grüne Pflanzensaft färbte die Klinge blutigrot, und die abgemähten Stengel knirschten unter den Füßen wie Türkenkörper unter Pferdehufen, mit einem Laut von Knochen, die im Fleisch zermalmt werden.

Unten am Fluß hatten sie gespielt; Muscheln wurden als Schiffe ausgesandt, und wenn ein Seegrasbüschel sie aufhielt oder sie auf einer Sandbank strandeten, so war das Kolumbus im Sargassomeer oder die Entdeckung Amerikas. Häfen wurden angelegt und mächtige Dämme, der Nil wurde in dem festen Seesand ausgegraben, und einmal bauten sie Schloß Gurre aus Kieselsteinen, – ein kleiner toter Fisch in einer Austernschale war die tote Tove, und selbst waren sie König Waldemar, der trauernd daneben saß.

Aber dies war nun vorbei.

Niels war jetzt ein großer Knabe, zwölf Jahre alt, er ging in sein dreizehntes, und er brauchte nicht mehr auf Disteln und Kletten einzuhauen, um seine Ritterphantasien zu genießen, ebensowenig wie er es nötig hatte, seine Entdeckerträume zum Segeln in Muscheln auszusetzen. Jetzt reichten ein Buch und eine Sofaecke aus, und reichten sie nicht aus, wollte ihn das Buch nicht zu jener Küste tragen, die ihm teuer war, so suchte er Frithjof auf und erzählte ihm die Geschichte, die das Buch nicht geben wollte. Arm in Arm gingen sie den Weg entlang, der eine erzählend, beide lauschend, aber wenn sie es richtig genießen, der Phantasie richtiges Licht geben wollten, dann verbargen sie sich in der duftenden Dunkelheit des Heubodens. Bald gingen diese Geschichten jedoch, die schlossen, wenn sie sich gerade so recht in sie eingelebt hatten, in die eine lange Geschichte über, die niemals ein Ende hatte, sondern die eine Generation nach der andern überlebte; denn wenn der Held zu alt wurde oder man ihn unvorsichtigerweise umkommen ließ, so gab man ihm einen Sohn, der alles vom Vater erbte und sogar mit solchen neuen Eigenschaften ausgerüstet wurde, wie man sie im Augenblick gerade besonders schätzte.

Alles, was auf Niels Eindruck gemacht hatte von dem, was er sah, von dem, was er verstand und mißverstand, was er bewunderte, und von dem er wußte, daß es bewundert werden sollte, all dies kam in die Geschichte hinein. Wie die gleitenden Wasser von jedem Bild gefärbt werden, das ihrem Spiegel nahekommt, und das Bild in ungestörter Klarheit wiedergeben, wie es sich nun gerade trifft, oder es verzerren und es verdrehen oder es in wellenförmigen, unsicher tanzenden Umrissen zurückwerfen oder es ganz in ihren eigenen Farben und ihrem Linienspiel ertränken, – so ergriff die Geschichte die Gefühle und Gedanken des Knaben, sowohl die eigenen wie die anderer, ergriff Menschen und Ereignisse, Leben und Bücher, so gut wie sie sie zu ergreifen vermochte. Sie war wie ein Leben, das neben dem wirklichen Leben gespielt wurde; sie war wie ein trautes, geheimes Versteck, wo man süß von den wildesten Fahrten träumen konnte; sie war wie ein Feengarten, der sich auf den leisesten Wink hin öffnete und einen in all seine Herrlichkeit aufnahm, alle andern ausschließend; und von oben war er mit flüsternden Palmen geschlossen; von unten, zwischen Blumen aus Sonne, unter gesternten Blättern, auf Ranken von Korallen, dort öffneten sich tausend Wege nach allen Gegenden hin und nach allen Zeiten; schritt man den einen entlang, kam man hierhin, ging man den andern hinab, kam man dorthin, zu Aladdin und Robinson Crusoe, zu Vaulunder und Heinrich Magnard, zu Niels Klim und Mungo Park, zu Peter Simpel und zu Odysseus – und man brauchte es nur zu wünschen, so war man wieder daheim.

 

Einen Monat nach Niels zwölftem Geburtstag hatten sich zwei neue Gesichter auf Lönborghof gezeigt.

Das eine gehörte dem neuen Hauslehrer, das andere war Edele Lyhnes.

Der Hauslehrer, Herr Bigum, war ein theologischer Kandidat, auf der Schwelle der Vierziger. Er war etwas klein, aber kräftig, fast lasttierkräftig von Bau, breitbrüstig, hochschultrig, ducknackig. Die Arme waren lang, die Beine stark und kurz, die Füße breit; sein Gang war langsam, schwer und nachdrücklich, die Armbewegungen unbestimmt, ausdruckslos, sie erforderten großen Platz. Rotbärtig war er wie ein Buschmann, sommersprossig blond von Hautfarbe. Seine große, hohe Stirn war flach wie eine Wand mit ein paar senkrechten Falten zwischen den Augenbrauen; die Nase war kurz und plump, der Mund groß mit dicken, frischen Lippen. Das Hübscheste an ihm waren seine Augen, sie waren licht, sanft und klar. An der Bewegung des Augapfels konnte man sehen, daß er etwas schwerhörig war. Dies hinderte ihn jedoch nicht, ein großer Musikliebhaber und ein leidenschaftlicher Violinspieler zu sein; denn Töne, sagte er, würden nicht nur mit dem Ohr gehört, der ganze Körper höre: die Augen, die Finger, die Füße, und versage das Ohr auch ein seltenes Mal, so würde die Hand doch in seltsam instinktmäßiger Genialität den rechten Ton ohne die Hilfe des Ohres zu finden wissen. Übrigens seien doch alle hörbaren Töne zu guter Letzt falsch; wer aber die Gnadengabe der Töne besitze, habe in seinem Innern ein unsichtbares Instrument, gegen das die herrlichste Cremoneser nur sei wie die Kalebasse-Violine des Wilden, und auf diesem Instrument spiele die Seele, aus seinen Saiten klängen die idealsten Töne, und daraufhin hätten die großen Tondichter ihre unsterblichen Werke komponiert; die äußere Musik, die die Luft der Wirklichkeit durchzittere und die die Ohren hörten, die sei nur eine jammervolle Nachahmung, ein stotternder Versuch, das Unaussprechliche zu sagen; man könne sie mit der Musik der Seele vergleichen, wie eine Statue, mit Händen geformt, mit dem Meißel gehauen, mit dem Maß gemessen, zu vergleichen sei mit dem wundersamen Marmortraum der Bildhauer, den zu sehen es niemals den Augen vergönnt war und den die Lippen niemals preisen durften.

Musik war jedoch keineswegs Herrn Bigums Hauptinteresse; in erster Linie war er Philosoph; aber nicht einer jener produktiven Philosophen, die neue Gesetze finden und Systeme aufbauen; er lachte über ihre Systeme, diese Schneckenhäuser, die man mit sich über das unendliche Feld des Gedankens schleppt, einfältig glaubend, daß das Feld da drinnen im Schneckenhaus sei. Und diese Gesetze: Gedankengesetze, Naturgesetze! – als wenn ein Gesetz entdecken etwas anders sei, als einen bestimmten Ausdruck dafür zu finden, wie borniert man war; so weit kann ich sehen und nicht weiter, dort ist mein Horizont, das bedeutete die Entdeckung und nicht mehr; denn war da nicht ein neuer Horizont hinter dem ersten und abermals ein neuer, und wieder ein neuer, Horizont hinter Horizont, Gesetz hinter Gesetz bis in eine Unendlichkeit! Nicht auf diese Weise war er Philosoph. Er glaubte nicht, eingebildet zu sein oder sich selbst zu überschätzen, aber er konnte die Augen der Tatsache nicht verschließen, daß seine Intelligenz weitere Gebiete umspannte als die andrer Sterblicher. Vertiefte er sich in die Werke großer Denker, so war es ihm, als schreite er zwischen einem Volk schlummernder Gedankenkämpfer einher, die gebadet im Licht seines Geistes erwachten und ihre Stärke erkannten. Und so überall: jeder fremde Gedanke, jede Stimmung, jedes Gefühl, dem es vergönnt war, in ihm zu erwachen, erwachte mit seinem Zeichen auf der Stirn, geadelt, geläutert, schwingenstark, und mit einer Erhabenheit über sich, einem Reichtum in sich, von dem sein Schöpfer niemals geträumt hatte!

Wie oft hatte er sich nicht fast demütig über diesen wunderbaren Reichtum seiner Seele und über die machtsichere Gottesruhe seines Geistes gewundert; denn es gab Tage, wo er die Welt und die Dinge, die in dieser Welt sind, von ganz entgegengesetzten Gesichtspunkten aus beurteilte, und Tage, an denen er die Welt und ihre Dinge von Voraussetzungen aus betrachtete, die so verschieden voneinander waren wie die Nacht vom Morgen, ohne daß doch diese gewählten Standpunkte und gewählten Voraussetzungen, die er zu den seinen gemacht hatte, jemals auch nur eine Sekunde ihn zu den ihren machten, ebensowenig wie der Gott, der die Gestalt des Stieres oder Schwanes angenommen hat, einen einzigen Augenblick Stier oder Schwan wird und aufhört, Gott zu sein.

Und es war niemand, der ahnte, was in ihm wohnte; alle gingen sie blind an ihm vorüber; aber er ergötzte sich an ihrer Blindheit, voll Verachtung gegen die Menschheit. Der Tag würde kommen, wo sein Auge erlosch und das herrliche Gebäude seines Geistes in seinen Stützen barst und zusammenstürzte und erschien, als sei es niemals gewesen; aber er hinterließ kein Werk aus seiner Hand, keinen Tüpfel, der vermelden konnte, was mit ihm verloren gegangen war. Das Genie sollte nicht in ihm durch die Verkennung der Welt dornengekrönt werden, sollte sich auch nicht dem besudelnden Purpurmantel der Bewunderung hingeben; und er jubelte bei dem Gedanken, daß Geschlecht auf Geschlecht geboren werden und sterben würde und die Größten des Geschlechts durch lange Zeiten hindurch ihr Leben dafür einsetzen würden, das zu gewinnen, was er hätte geben können, wenn er seine Hand hätte öffnen wollen.

Daß er in so bescheidenen Verhältnissen lebte, verursachte ihm einen eigenen Genuß; denn es lag eine so großzügige Verschwendung darin, daß sein Geist dazu gebraucht werden sollte, Kinder zu unterrichten, und ein so wahnsinniges Mißverhältnis darin, daß seine Zeit mit dem jammervollen täglichen Brot bezahlt wurde, und eine so gigantische Verkehrtheit darin, daß es ihm vergönnt war, dies Brot auf Empfehlung armseliger, gewöhnlicher Menschen hin zu verdienen, die dafür bürgten, daß er tüchtig genug sei, um das elende Amt eines Hauslehrers zu übernehmen.

Und man hatte ihn durchfallen lassen, als er das Staatsexamen machte.

Oh, es lag eine seltsame Wollust darin, zu fühlen, wie der brutale Unverstand den Menschen beiseite warf wie leere Spreu, indem sie das Leere und Kernlose als goldnes Korn schätzten, und dann bei sich selbst zu wissen, daß der eigne kleinste Gedanke eine Welt aufwog!

Aber es gab auch Zeiten, wo die Einsamkeit seiner Größe schwer und erdrückend auf ihm lag.

Ach, wie oft, wenn er Stunde auf Stunde, in heiligem Schweigen seiner eignen Stimme gelauscht hatte und dann wieder dem Leben gegenübertrat, das ihn umgab, sehend ward und hörend und es ihm fremd erschien in seiner Niedrigkeit und Verwerflichkeit, wie oft fühlte er sich da nicht wie jener Mönch, der im Klostergarten gelauscht hatte, während der Vogel des Paradieses einen einzigen Triller schlug, und der, als er zurückkehrte, hundert Jahre verronnen fand. Denn war der Mönch einsam in dem unbekannten Geschlecht, das zwischen den bekannten Gräbern lebte, wie viel mehr fühlte da nicht er sich einsam, dessen rechte Mitwelt noch nicht geboren war.

In solchen Augenblicken der Verlassenheit konnte ihn die feige Sehnsucht ergreifen, zu dem Haufen der gewöhnlichen Sterblichen herabzusinken und ihr niedriges Glück zu teilen, Bürger auf ihrer großen Erde, Bürger in ihrem kleinen Himmel zu werden.

Aber bald war er wieder er selber.

Der andere Gast des Gutes war Fräulein Edele Lyhne, Lyhnes sechsundzwanzigjährige Schwester; sie hatte viele Jahre in Kopenhagen gelebt, erst bei der Mutter, die, als sie Witwe geworden war, in die Hauptstadt zog, und nach dem Tode der Mutter bei ihrem reichen Oheim, Etatsrat Neergaard. Der Etatsrat führte ein großes Haus und nahm eifrig teil an dem geselligen Leben, so daß Edele in einem Wirbel von Bällen und Festen lebte.

Überall wurde sie bewundert, und der Neid, der treue Schatten der Bewunderung, folgte ihr auch. Es wurde so viel von ihr gesprochen, wie man nur von einer sprechen konnte, die nichts Schlechtes getan hatte, und wenn die Herren sich über die drei Schönheiten der Stadt stritten, waren da immer viele Stimmen, die einen der Namen auslöschen und Edele Lyhnes an die Stelle setzen wollten; aber man konnte sich nicht darüber einigen, welche von den beiden Schönheiten Platz machen sollte, von der dritten konnte nicht die Rede sein.

Ganz junge Menschen bewunderten sie jedoch nicht; sie waren immer etwas bange vor ihr und fühlten sich in ihrer Gesellschaft doppelt so dumm, wie sie waren; denn sie lauschte ihnen mit dem leise erdrückenden Ausdruck von Geduld in ihrem Blick, einer boshaft unterstrichenen Geduld, die deutlich erzählte, daß sie es auswendig wußte, all das, was sie sagten und all ihre Anstrengungen, um sich in ihren und in ihren eigenen Augen zu heben, indem sie blasiert taten, nach wilden Paradoxen jagten oder, wenn ihre Verzweiflung auf ihrem Höhepunkt angelangt war, freche Anträge machten; diese Versuche, die sich in jugendlich schlecht motivierten Übergängen aneinander drängten und drückten, sie wurden alle mit dem Schatten eines Lächelns begrüßt, das den Unglücklichen erröten machte und ihm das Gefühl verlieh, er sei die hundertundelfte Fliege in demselben unbarmherzigen Spinngewebe.

Außerdem besaß ihre Schönheit weder das Weiche noch das Brennende, das so bezaubernd für junge Herzen ist.

Auf Herzen, die älter, und auf Köpfe, die kühler waren, übte sie dahingegen eine seltene Anziehungskraft aus.

Sie war groß.

Ihr dichtes, langes Haar war blond mit dem matten rötlichen Schein, der über reifendem Weizen liegt, und es wuchs lang in ihren Nacken hinein, in zwei schmäler auslaufende Reihen, etwas heller als das übrige und kräftig gelockt. Von der hohen scharfgeformten Stirn zeichneten sich die etwas hellen Brauen unbestimmt und ohne Linien ab. Die Augen, hellgrau, groß und klar, wurden nicht durch die Brauen hervorgehoben, erhielten auch kein wechselndes Spiel von den leichten, dünnen Augenlidern. Sie hatten etwas Unbestimmtes und Unbestimmbares in ihrem Ausdruck, sahen den Menschen stets voll und offen an, hatten nichts von diesen reich nuancierten Seitenblicken, diesem halben flüchtigen Augenaufschlag, sie erschienen unnatürlich wach, unergründlich, unbezwingbar. Ihr ganzes Mienenspiel lag im Untergesicht, wurde von den Nasenflügeln, dem Mund und Kinn getragen. Die Augen sahen nur zu. Besonders war der Mund ausdrucksvoll mit seinen tiefen Mundwinkeln, seinem scharf gezeichneten Umriß und der anmutig gebogenen Begegnungslinie der Lippen. Es lag nur in der Haltung der Unterlippe etwas Hartes, das im Lächeln bald fast zerschmolz, bald auch zu einem Ausdruck gleichsam von Brutalität erstarrte.

Die beinahe gewaltsam geschwungene Linie des Rückens und die große Üppigkeit des Busens im Verhältnis zu den strengen Formen der Schultern und der Arme gaben ihr etwas Verwegenes, etwas bestrickend Tropisches, was noch hervorgehoben wurde durch das blendende Weiß ihrer Haut und die krankhafte, stark blutrote Farbe der Lippen, so daß der Eindruck, indem er aufreizend wirkte, zugleich auch beängstigend wurde.

Es lag überhaupt über ihrer hohen, hüftenschlanken Gestalt etwas raffiniert Stilvolles, das sie, namentlich bei ihren Balltoiletten, durch eine resolute und zielsichere Kunst zu unterstreichen wußte, die, indem sie so laut von ihrem Kunstverstand sprach, der hier Selbsterkenntnis bedeutete, ganz leise an schlechten Geschmack erinnerte, so vollkommen geschmackbeherrscht, wie sie war. Und man sah hierin einen Liebreiz mehr.

Nichts konnte unantastbarer korrekt sein als ihr Auftreten. In dem, was sie sagte, und in dem, was sie sich sagen ließ, hielt sie sich innerhalb der Grenzen der strengsten Prüderie, und ihre Koketterie bestand darin, daß sie sich nicht im geringsten kokett zeigte, daß sie unheilbar blind war gegen den Eindruck, den sie hervorrief, und daß sie nicht den geringsten Unterschied zwischen ihren Anbetern machte. Aber gerade darum träumten sie alle berauschende Träume von dem Gesicht, das hinter der Maske sein mußte, glaubten an Feuer unter dem Schnee, spürten einen Duft von Verderbnis in der Unschuld. Keiner von ihnen würde erstaunt sein, wenn er erführe, daß sie einen heimlichen Liebhaber habe, aber auch keiner von ihnen würde auch nur die leiseste Andeutung auf seinen Namen wagen.

So sah man Edele Lyhne.

Der Grund, weshalb sie die Hauptstadt mit Lönborghof vertauscht hatte, war der, daß ihre Gesundheit durch diese beständige gesellige Unruhe gelitten hatte, diese Tausendundeine Nacht von Bällen und Maskeraden, und zum Schluß des Winters hatten sich dann Zeichen bemerkbar gemacht, die darauf deuteten, daß ihre Brust ziemlich stark angegriffen war, weshalb der Arzt Landluft, Ruhe und Milch verordnete, etwas, das sich in vollem Maße an ihrem jetzigen Aufenthalt vorfand. Aber sie fand dort auch eine unaufhörliche Langeweile vor und war noch keine Woche dort gewesen, als sie schon anfing sich zu sehnen und ein brennendes Heimweh nach Kopenhagen empfand. Brief auf Brief füllte sie mit Bitten, daß ihrer Landflüchtigkeit ein Ende gemacht werden möchte, und sie ließ verstehen, daß ihre Sehnsucht ihr mehr Schaden zufüge, als die Luft ihr wohltue. Aber der Arzt hatte Etatsrats so erschreckt, daß sie es für ihre Pflicht hielten, das taube Ohr hinzuhalten, wie bitter sie sich auch beklagte. Es war nicht gerade das Vergnügen selbst, was sie so sehr vermißte, sondern es war das, sein Leben hörbar in die lauterfüllte Luft der großen Stadt hineinklingen zu fühlen, und hier auf dem Lande lag die Stille in Gedanken, in Worten, in den Augen, in allem, so daß man sich unablässig selber hörte, mit derselben unentrinnbaren Bestimmtheit wie die, mit der man in einer schlaflosen Nacht das Ticken der Uhr hört. Und dann zu wissen, daß die da drüben lebten und lebten wie früher – es war, als sei man tot und höre in der stillen Nacht die Töne aus dem Ballsaal über dem eignen Grab verklingen.

Niemand war hier, mit dem sie sprechen konnte, denn ihre Worte, die erfaßten sie nicht gerade in der Nuance, die das eigentliche Leben in den Worten bedeutete; sie verstanden sie ganz gewiß, alldieweil es dänisch war, aber mit dem schlaffen Ungefähr, mit dem man eine fremde Sprache versteht, die sprechen zu hören man nicht gewohnt ist. Sie ahnten nicht, auf was oder auf wen man durch diese forcierte Betonung eines Satzes hinzielte, träumten nicht davon, daß dies kleine Wort ein Zitat oder daß jenes andre, geradeso gebraucht, eine neue Variation eines allgemein beliebten Witzes sei. Selbst sprachen sie mit einer rechtschaffenen Magerkeit, so daß man die Rippen der Grammatik durch ihre Phrasen hindurchfühlen konnte, und mit einer buchstäblichen Anwendung der Worte, als hätten sie sie frisch aus den Spalten eines Wörterbuches genommen. Allein die Art und Weise, wie sie »Kopenhagen!« sagten. Bald mit einer mystischen Betonung, als sei es der Ort, wo man kleine Kinder fresse; bald mit einer Entfernung in der Stimme, als sei es eine Stadt im Innern Afrikas; oder auch mit einem festlichen Klang, der von Geschichte zitterte, ebenso wie sie Ninive oder Karthago hätten sagen können. Der Pfarrer sagte nun immer Axelsstadt mit einem erinnerungsvollen Entzücken, als sei das der Name einer seiner alten Geliebten. Keiner von ihnen konnte Kopenhagen so aussprechen, daß es zu einer Stadt wurde, die sich vom Westtor bis zur Zollbude erstreckte, zu beiden Seiten der Oesterstraße und des König-Neumarkts.

Und so war es mit allem, was sie sagten; und mit allem, was sie taten, war es ebenso.

Es war nichts auf Lönborghof, was ihr nicht mißfiel: diese Essenszeiten, die sich nach der Sonne richteten, dieser Lavendelgeruch in den Schubladen und Schränken, diese spartanischen Stühle, alle diese Provinzmöbel, die sich an die Wände herandrückten, als fürchteten sie sich vor Menschen; und selbst die Luft widerstand ihr, man konnte keinen Spaziergang machen, ohne daß man nicht einen robusten Parfüm von Wiesenheu und Feldblumen in seinem Haar und in seinen Kleidern mit nach Hause brachte, als sei man in einem Wagehaus eingeschlossen gewesen.

Ausgesucht angenehm war es auch, Tante genannt zu werden, Tante Edele!

Wie das klang!

Daran gewöhnte sie sich indessen, aber aus diesem Grunde war anfänglich das Verhältnis zwischen ihr und Niels etwas kühl.

Niels war das einerlei.

Aber dann war es an einem Sonntag, zu Anfang August, Lyhne und seine Frau waren auf Besuch gefahren, und Niels und Fräulein Edele blieben allein daheim. Vormittags hatte Edele Niels gebeten, ihr einen Strauß Kornblumen zu pflücken, aber er hatte es vergessen, und es fiel ihm erst gegen Nachmittag ein, als er mit Frithjof umherschlenderte. Dann pflückte er die Blumen und lief damit hinauf.

Die Stille im Hause erweckte in ihm die Vorstellung, daß die Tante schlafe, und er schlich sich vorsichtig durch die Stuben. Auf der Schwelle zu dem Saal blieb er stehen, um sich zu besinnen, damit er ganz leise auf Edeles Tür zugehen konnte. Das Zimmer war voller Sonnenschein, und ein großer, blühender Oleander machte die Luft da drinnen schwer mit seinem süßen Mandelduft. Der einzige hörbare Laut war das gedämpfte Plätschern, das von dem Blumentisch herklang, wenn die Goldfische sich in ihrem Glas bewegten.

Niels ging leise über den Fußboden, er balancierte mit den Armen und mit der Zunge zwischen den Zähnen.

Behutsam faßte er an die Türklinke, die, erhitzt von der Sonne, in seiner Hand brannte, drehte sie dann herum, langsam und vorsichtig, indem er die Stirn runzelte und die Augen zusammenkniff.

Er machte die Tür ein klein wenig auf, beugte sich in der Öffnung vor und legte den Strauß auf den Stuhl da drinnen hin. Es war dunkel im Zimmer, als seien die Vorhänge geschlossen, und die Luft war gleichsam feucht von Duft, von dem Duft von Rosenöl.

In seiner vorgebeugten Stellung sah er nur die helle Strohmatte des Fußbodens, das Paneel unter dem Fenster und den lackierten Fuß eines Gueridons; aber als er sich aufrichtete, um zurückzutreten, sah er die Tante.

Sie lag ausgestreckt auf dem seegrünen Atlas des langen Ruhebettes, in ein phantastisches Zigeunerinnenkostüm gekleidet. Auf dem Rücken lag sie dort, das Kinn in die Luft, die Kehle gestreckt, die Stirn abwärts, und ihr langes aufgelöstes Haar floß über das Ende des Ruhebettes herab und über den Teppich dahin. Eine künstliche Granatblume war an Land geschwemmt auf der Insel, die ein bronzefarbener Lederschuh mitten in dem mattgoldenen Strom bildete.

Die Farben ihrer Kleidung waren mannigfaltig, aber alle gedämpft. Ein Mieder von losem Stoff, in dunkelblauen, blaßroten, grauen und orangefarbenen Flammen bunt gezeichnet, umschloß ein weißes, seidenes Hemd mit sehr weiten Ärmeln, die über den Ellenbogen hinabreichten. Die Seide war etwas rötlich im Schein und sparsam verwoben mit Fäden aus rotem Gold. Ihr Rock, von aurikelfarbenem Samt, ohne Kante, war nicht geschlossen, sondern lag lose um sie mit einem schiefen Faltenwurf von unten nach oben über dem Ruhebett. Vom Knie ab waren ihre Beine nackend, und die über Kreuz gelegten Knöchel hatte sie mit einem großen Halsschmuck von bleichen Korallen zusammengebunden. Unten auf dem Fußboden lag ein geöffneter Fächer, dessen Zeichnung eine Reihe Spielkarten darstellte, die zu einem Rad geordnet waren, und weiterhin lagen ein Paar laubbraune seidene Strümpfe, der eine ganz in sich selbst hineingeschoben, der andere flach ausgebreitet, er zeigte seine Form und den roten Zwickel, der an dem Schacht hinauflief.

Im selben Augenblick, wo Niels sie entdeckte, sah auch sie ihn. Sie machte unwillkürlich eine kleine Bewegung, als wolle sie sich erheben, bezwang sich aber und blieb wie vorhin liegen, drehte nur den Kopf ein wenig und sah den Knaben mit einem fragenden Lächeln an.

»Da sind sie«, antwortete er und ging mit den Blumen auf sie zu.

Sie streckte die Hand danach aus, verglich mit einem flüchtigen Blick ihre Farben mit den Farben der Kleidung und ließ sie mit einem müde gemurmelten: »Unmöglich!« fallen.

Mit einer abweisenden Bewegung der Hand verhinderte sie Niels daran, sie aufzusammeln.

»Reich mir das da!« und sie zeigte auf ein rotes Flakon, das auf einem zusammengeknitterten Taschentuch unten neben ihren Füßen lag.

Niels ging darauf zu; er war blutrot, und indem er sich über diese mattweißen, langsam sich rundenden Beine und über diese langen schmalen Füße beugte, die in ihren feinen, wiegenden Formen etwas von der Intelligenz einer Hand besaßen, wurde ihm ganz schwindlig, und als die eine Fußspitze sich im selben Augenblick mit einer plötzlichen Bewegung etwas nach unten krümmte, war er nahe daran umzufallen.

»Wo hast du die Kornblumen gepflückt?« fragte Edele.

Niels nahm sich zusammen und wandte sich nach ihr um. »Ich habe sie in Pfarrers Roggen gepflückt«, antwortete er mit einer Stimme, die ihn selbst erstaunte, so viel Klang lag in ihr. Ohne aufzublicken, reichte er ihr das Flakon.

Edele bemerkte seine Erregung und sah ihn erstaunt an. Plötzlich errötete sie, richtete sich auf dem einen Arm in die Höhe und zog die Beine unter den Rock hinauf. »Geh, geh, geh, geh!« sagte sie, halb gereizt, halb beschämt, und bei jedem Wort spritzte sie Rosenessenz auf Niels.

Niels ging.

Als er zur Tür hinaus war, ließ sie langsam die Beine vom Ruhebett herabgleiten und sah neugierig auf sie nieder.

In schnellem, unsicherm Gang eilte Niels durch die Stuben auf sein Zimmer. Er war ganz verwirrt, fühlte eine seltsame Schlaffheit in seinen Knien und hatte eine erstickende Empfindung oben im Hals. Dann warf er sich auf das Sofa und schloß die Augen, konnte aber keine Ruhe finden. Es lag eine unbegreifliche Unruhe über ihm; seine Atemzüge waren so schwer, gleichsam wie in Angst, und das Licht quälte ihn, trotz der geschlossenen Augenlider.

Nach und nach wurde es anders; es war, als blase ein warmer, drückender Atem auf ihn herab und mache ihn so hilflos matt. Er hatte das Gefühl, das man in Träumen hat; da ist etwas, was ruft, und man will so gern kommen, aber es ist nicht möglich, einen Fuß zu heben, und man wird von seiner Ohnmacht angestachelt, siecht dahin vor Sehnsucht, fortzukommen, wird bis zum Wahnsinn von diesem Rufen aufgereizt, das nicht versteht, daß man gebunden ist. Und er seufzte ungeduldig wie ein Kranker und sah sich verloren in der Stube um; niemals hatte er sich so unglücklich gefühlt, so einsam, so verlassen und verstoßen.

Dann setzte er sich an das Fenster, mitten in den Sonnenschein hinein, und weinte.

Von diesem Tag an fühlte Niels sich ängstlich glücklich in Edeles Nähe. Sie war nicht mehr ein Mensch wie alle andern, sondern ein wunderbares, höheres Wesen, durch die Mystik einer seltsamen Schönheit zur Göttin erhoben, und es lag eine herzklopfende Wonne darin, sie zu beschauen, in seinem Herzen vor ihr zu knien, zu ihrem Fuße in selbst auslöschender Demut zu kriechen; aber zuzeiten wurde der Anbetungstrieb auch so stark, daß er sich in äußeren Unterwerfungszeichen Luft zu machen verlangte, und da erspähte er einen günstigen Augenblick, schlich sich in Edeles Zimmer und küßte – die unendliche Anzahl von Küssen war im voraus bestimmt– den kleinen Teppich vor ihrem Bett, ihre Schuhe oder irgendeine andre Reliquie, die sich seinem Fanatismus darbot.

Als ein großes Glück betrachtete er den Umstand, daß seine Sonntagsjacke in dieser Zeit zur Alltagsjacke degradiert wurde; denn der Duft, den jene Tropfen von Rosenessenz hinterlassen hatten, besaß einen mächtigen Talisman, der ihm gleichsam in einem magischen Spiegel Edele zeigte, so wie er sie gesehen hatte, hingestreckt auf dem grünen Ruhebett, in einen Maskeradenanzug gekleidet. In der Geschichte, die zwischen ihm und Frithjof spielte, tauchte dieses Bild beständig wieder auf, und der unglückliche Frithjof fühlte sich von nun an niemals sicher vor barfüßigen Prinzessinnen; schleppte er sich durch das Gestrüpp des Urwaldes, so riefen sie ihn aus ihren Hängematten aus Lianen an; suchte er in einer Berghöhle Schutz vor dem Orkan, so erhoben sie sich von ihrem Lager aus samtweichem Moos und hießen ihn willkommen; und sprengte er, pulvergeschwärzt und blutbespritzt, mit einem gewaltigen Säbelhieb zur Tür der Piratenkajüte hinein, so fand er sie auch dort, auf dem grünen Sofa des Kapitäns ruhend. Sie langweilten ihn sehr, und er konnte gar nicht begreifen, warum sie den lieben Helden plötzlich so unentbehrlich geworden waren.

 

Wie hoch ein Menschenkind auch seinen Thron gestellt hat, wie fest es auch die Tiara der Ausnahme, die Genie bedeutet, um seine Stirn gedrückt hat, es weiß sich doch mit Recht niemals sicher davor, daß es nicht eines Tages wie König Nebukadnezar plötzlich von der seltsamen Lust ergriffen wird, auf allen vieren zu kriechen und mit den ganz gewöhnlichen Tieren des Feldes Gras zu fressen.

Das war es, was Herrn Bigum begegnete, der sich nämlich ganz einfach in Fräulein Edele verliebte. Und es half gar nichts, daß er die Weltgeschichte veränderte, um diese seine Liebe zu entschuldigen, es half auch nichts, daß er Edele Beatrice nannte, und Laura oder Viktoria Colonna, denn all der künstliche Glorienschein, mit dem er seine Liebe krönte, wurde ebenso schnell, wie er ihn zu entzünden vermochte, von der Wahrheit wieder gelöscht, daß es Edeles Schönheit war, in die er sich verliebt hatte, und daß es weder die Eigenschaften des Herzens noch des Geistes waren, die ihn bezaubert hatten, dagegen ihre Eleganz, ihr leichter Weltton, ihr Selbstbewußtsein, ja, auch ihre graziöse Unverschämtheit. Es war in jeder Weise eine Liebe, die dazu geeignet war, ihm ein beschämendes Erstaunen über die Unbeständigkeit der Menschenkinder einzustoßen.

Aber was tat das! Was hatten alle diese ewigen Wahrheiten und zeitweiligen Lügen zu sagen, die Ring in Ring faßten und zu der Schuppenpanzer-Bürde zusammengeflochten wurden, die er seine Überzeugung nannte, was hatten sie im Vergleich zu seiner Liebe zu sagen? Sie waren ja die Stärke, das Mark, der Kern des Lebens; deshalb mochten sie ihre Stärke zeigen; waren sie schwächer, nun, so mochten sie zerreißen; waren sie stärker ... Aber sie waren zerrissen, auseinandergesprengt wie das Gewebe mürber Fäden. Was machte sie sich aus den ewigen Wahrheiten? Und die gewaltigen Anschauungen, was nützten sie ihm? Gedanken, die die Tiefe der Unendlichkeit ausloteten, konnte er sie mit ihnen gewinnen? Alles, was er besaß, war wertlos. Und wenn seine Seele auch hundertmal herrlicher strahlte als die Sonne, was nützte es, da sie sich unter dem armselig-häßlichen Filz der Diogeneskappe verbarg? Form, Form, gib mir die dreißig Silberlinge der Form für meinen Inhalt; gib mir den Körper des Alkibiades, den Mantel des Don Juan und den Rang eines Kammerjunkers!

Aber das besaß er nun einmal nicht, und Edele fühlte sich keineswegs sympathisch berührt von dieser plumpen philosophischen Natur, die die Regungen des Lebens nur durch die barbarische Nüchternheit der Abstraktion betrachtet hatte und die in ihren Äußerungen etwas lärmend Absolutes hatte, das sich mit einer unbehaglichen Sicherheit hervordrängte, ungefähr wie eine schlecht angebrachte Trommel in einem sanften Konzert. Das Angestrengte, das aus ihm sprach, die Art, wie sein Gedanke sich jeder kleinen Frage gegenüber sofort in muskelstarke Position stellte, gleich einem starken Mann, der mit Eisenkugeln spielen soll, das machte ihn lächerlich in ihren Augen, und er reizte sie, wenn er, von einer urteilskranken Moral getrieben, das Inkognito jedes leicht angedeuteten Gefühls indiskret verriet, indem er es unerzogen beim rechten Namen nannte, wenn es im Laufe des Gesprächs an ihm vorbeieilen wollte.

Bigum wußte sehr wohl, welch einen unvorteilhaften Eindruck er hervorrief und wie völlig hoffnungslos seine Liebe war; aber er wußte es, so wie man es weiß, wenn man mit der ganzen Macht seiner Seele hofft, daß dieses Wissen falsch sein möge. Es bleibt noch das Wunder zurück, und wohl geschehen keine Wunder, aber sie könnten geschehen. Wer weiß? Vielleicht irrt man sich, vielleicht führen Verstand, Instinkt, die Sinne mit all ihrer taghellen Klarheit einen dennoch irre; vielleicht kommt es gerade darauf an, daß man den unverständigen Mut besitzt, dem Irrlicht der Hoffnung zu folgen, das über der begierdeschwangeren Gärung unserer Leidenschaften schwebt. Erst wenn man die Tür der Entscheidung hat ins Schloß fallen hören, graben sich uns die eisenkalten Klauen der Gewißheit in die Brust, um sich langsam, langsam in unserem Herzen um den nervenfeinen Faden der Hoffnung zu sammeln, an dem unsere Glückswelt hängt; dann wird der Faden durchgeschnitten, dann fällt das, was er trug, dann wird es zertreten, dann gellt der Schrei der Verzweiflung scharf durch die Leere.

Im Zweifel verzweifelt niemand.

 

An einem sonnenreichen Septembernachmittag saß Edele unten auf der Plattform der breiten, altmodischen Holztreppe, die mit fünf, sechs Stufen von dem Gartenzimmer in den Garten hinabführte. Hinter ihr standen die Glastüren weit geöffnet, waren zurückgeschlagen gegen die bunte, leuchtend rote, leuchtend grüne Bekleidung der Mauer aus wildem Wein. Sie lehnte den Kopf gegen den Sitz eines Stuhles, der mit großen, schwarzen Mappen beladen war, und hielt mit beiden Händen einen Kupferstich vor sich hin. Kolorierte Blätter mit der Wiedergabe byzantinischer Mosaiken, in denen Blau und Gold vorherrschte, lagen ausgebreitet auf der mattgrünen Binsenmatte der Plattform, auf der Türschwelle und auf dem eichenbraunen Parkett des Gartenzimmers. Am Fuße der Treppe lag ein weißer Schutzhut, denn Edele war barhäuptig, trug keinen andern Schmuck im Haar als eine Blume aus Goldfiligran, deren Muster sich in dem Armband wiederholte, das sie hoch oben am Arme trug. Ihr weißes Kleid aus halbdurchsichtigem Stoff mit schmalen, seidenblanken Streifen hatte eine gewundene Kante aus grau und orangefarbiger Chenille und war mit kleinen Rosetten in den beiden gleichen Farben verziert. Helle Halbhandschuhe ohne Finger bedeckten ihre Hände und reichten bis über den Ellbogen empor. Sie waren aus perlgrauer Seide, ebenso wie ihre Schuhe.

Durch die herabhängenden Zweige einer uralten Esche sickerte das gelbe Sonnenlicht in Strahlenbündeln auf die Treppe herab und bildete in dem kühlen, halbklaren Schatten eine Schicht leuchtender Linien, die die Luft um sie herum mit goldenem Staub erfüllten und klare Flecke auf die Stufen der Treppe, auf Tür und Wand zeichneten, Sonnenfleck neben Sonnenfleck, so daß es aussah, als leuchte das alles durch einen durchlöcherten Schatten dem Licht mit eigenen Farben entgegen, weiß von Edeles weißem Kleide, purpurblutig von den Purpurlippen und gelb wie Bernstein von dem bernsteingelben Haar. Und ringsumher in hundert andern Farben in Blau und Gold, in Eichenbraun, in glasblankem Spiegelglanz und in Rot und Grün.

Edele ließ den Kupferstich fallen und öffnete hoffnungslos ihre Augen; der Seufzer, den zu seufzen sie zu müde war, lag stumm klagend in ihrem Blick. Dann setzte sie sich mit einer Bewegung zurecht, als schlösse sie die Umgebung aus und zöge sich in sich selbst zurück.

In diesem Augenblick kam Herr Bigum daher.

Edele sah müde blinzelnd nach ihm hin, ganz wie ein Kind, das gar zu gut liegt und gar zu schläfrig ist, um auch nur die kleinste Bewegung zu machen, das aber gleichzeitig doch vor Neugierde nicht die Augen schließen kann.

Herr Bigum hatte seinen neuen Hut aus Hasenwolle auf; er war ganz in sich selbst vertieft und schlenkerte mit seiner Tombakuhr in der Hand so eifrig, daß die dünne, silberne Halskette, an die sie befestigt war, jeden Augenblick zu reißen drohte. Mit einer plötzlichen Bewegung schlug er fast die Uhr in die Tasche hinab, warf den Kopf ungeduldig zurück, faßte dann mit einem ärgerlichen Griff der Hand um den Aufschlag seines Rockes und schritt mit einem wütenden Ruck seines Körpers weiter und mit einem Gesicht, das der ganze hoffnungslose Zorn verdunkelte, den ein Mann empfinden kann, wenn er vor seinen eigenen, peinlichen Gedanken flüchtet und weiß, daß auch diese Flucht vergebens ist.

Edeles Hut, der am Fuß der Treppe, weiß auf der schwarzen Erde des Steiges, lag, hielt ihn in seiner Flucht an. Er nahm ihn vorsichtig mit beiden Händen auf, entdeckte im selben Augenblick Edele, und indem er danach suchte, was er sagen sollte, blieb er mit dem Hut dastehen, ohne ihn ihr zu reichen. Keinen Gedanken konnte er in seinem Gehirn finden, kein Wort wurde auf seiner Zunge geboren, und er sah mit einem dumpfen Ausdruck gelähmten Tiefsinns vor sich hin.

»Das ist mein Hut, Herr Bigum«, warf Edele hin, um in all diesem verlegenen Schweigen nicht selbst verlegen zu werden.

»Ja«, sagte der Hauslehrer eifrig, als sei er entzückt, von ihr eine Ähnlichkeit bestätigt zu hören, die auch ihm aufgefallen war; aber im selben Augenblick errötete er über das Unbeholfene in seiner Antwort.

»Er lag hier,« beeilte er sich hinzuzufügen, »hier unten auf der Erde, so – so lag er«, und er beugte sich herab und zeigte, wie er gelegen hatte, mit der ganzen gedankenlosen Umständlichkeit der Verlegenheit und fast glücklich über die Erleichterung, die darin lag, ein Lebenszeichen von sich zu geben, wie armselig dies Zeichen auch war. Und dabei stand er noch immer da mit dem Hut.

»Wollen Sie ihn behalten?« fragte Edele.

Bigum wußte nicht, was er antworten sollte.

»Ich meine, wollen Sie ihn mir geben?« erklärte sie.

Bigum stieg ein paar Stufen hinan und reichte ihr den Hut. »Fräulein Lyhne,« sagte er, »Sie glauben ... Sie dürfen nicht glauben, Fräulein Lyhne ... ich bitte Sie, lassen Sie mich sprechen; das heißt ... ich sage ja nichts, aber haben Sie Geduld mit mir! – Ich liebe Sie, Fräulein Lyhne, unsagbar, unsagbar, es ist gar nicht auszusprechen, wie ich Sie liebe! Ach, wenn es ein Wort gäbe, das die bewundernde Furcht eines Sklaven in sich schlösse, das ekstatische Lächeln eines Märtyrers, das namenlose Heimweh eines Verbannten, eines Landesverwiesenen, so wäre es mit diesem Worte, das ich zu Ihnen sprechen würde: ich liebe Sie. Ach, lassen Sie mich ausreden, hören Sie mich an, hören Sie mich an, stoßen Sie mich noch nicht weg! Sie dürfen nicht glauben, daß ich Sie durch eine wahnsinnige Hoffnung beleidige; ich weiß, wie gering ich in Ihren Augen bin, wie plump ich bin und wie abstoßend, ja abstoßend. Ich vergesse nicht, daß ich arm bin – ja, Sie sollen es hören, so arm, daß ich meine Mutter im Armenhaus wohnen lassen muß, ja, das muß ich, muß ich, so lumpenarm bin ich. Ja, Fräulein Lyhne. Ich bin nur ein demütiger Diener, der Ihres Herrn Bruders Brot ißt, und doch gibt es eine Welt, in der ich herrsche, mächtig, stolz, reich, sage ich, es liegt der Glorienschein des Sieges über mir, und edel, geadelt durch jenen Trieb, der Prometheus das Feuer aus dem Himmel der Götter rauben ließ, und dort bin ich der Bruder all der großen Geister, die die Erde getragen hat, die die Erde trägt, oh, ich verstehe sie, wie nur Ebenbürtige einander verstehen; keinen Flug haben sie geflogen, der zu hoch für die Kraft meiner Flügel gewesen wäre. Verstehen Sie mich, glauben Sie mir? Ach, glauben Sie mir nicht; es ist ja nicht wahr; ich bin nur die erdgeborene Koboldgestalt, die Sie hier sehen! Alles ist aus; denn die furchtbare Verirrung dieser Liebe hat meine Flügel gelähmt, die Augen meines Geistes verlieren ihre Sehkraft, mein Herz verdorrt, meine Seele blutet sich leer bis zur Blutlosigkeit der Feigheit; oh, retten Sie mich vor mir selber, Fräulein Lyhne; wenden Sie sich nicht höhnisch ab, weinen Sie über mich, weinen Sie: Rom steht in Flammen!«

Mitten auf der Treppe war er auf die Knie gesunken, er rang die Hände. Sein Gesicht war bleich und verzerrt, die Zähne bissen im Schmerz aufeinander, die Augen schwammen in Tränen, und seine ganze Gestalt bebte in zurückgedrängtem Schluchzen, das sich nur wie ein pfeifender Atem anhörte.

Edele hatte sich nicht von der Plattform erhoben. »Fassen Sie sich, Mensch,« sagte sie mit einer ein wenig gar zu mitleidigen Betonung, »fassen Sie sich, lassen Sie sich nicht so überwältigen; seien Sie doch ein Mann! Hören Sie, stehen Sie auf; gehen Sie ein wenig in den Garten hinab und versuchen Sie, zu sich selbst zu kommen.«

»Und Sie können mich gar nicht lieben?« stöhnte Bigum fast unhörbar; »ach, das ist furchtbar, es gibt nichts in meiner Seele, das ich nicht morden, entwürdigen würde, wenn ich Sie dadurch gewinnen könnte. Nein, würde mir der Wahnsinn geboten und besäße ich Sie, besäße Sie in den Gesichten des Wahnsinns, so würde ich sagen: hier ist mein Gehirn, grabe mit schonungsloser Hand in seinem wunderbaren Bau und zerreiße jeden feinen Faden, mit dem mein Geist an den strahlenden Triumphwagen des Menschengeistes gebunden ist, und laß mich in den Morast der Materie hinabsinken, unter das Rad des Wagens, und laß die andern die Wege ihrer Herrlichkeit zum Lichte emporziehen! Verstehen Sie mich? begreifen Sie, daß wenn auch Ihre Liebe zu mir käme und wäre all ihres Glanzes, der Majestät all ihrer Reinheit beraubt, ja wäre sie entwürdigt, besudelt, käme sie zu mir wie ein Zerrbild der Liebe, wie ein krankes Phantom: ich würde sie entgegennehmen, kniend, als sei sie eine heilige Hostie. Aber das Beste in mir ist vergebens, das Schlechte ist vergebens. Ich rufe die Sonne an, aber sie scheint nicht; ich rufe die Bildsäule an, aber sie antwortet nicht. – Antworten! – Was ist darauf zu antworten, daß ich leide? Nein, diese unsagbaren Qualen, die mein innerstes Wesen in seiner Wurzel zersplittern, diese Pein, die Sie nur verletzt, Sie mit einer kleinen, kalten Beleidigung beleidigt, und Sie lachen höhnisch in Ihrem Herzen über die unmögliche Leidenschaft des armen Hauslehrers.«

»Sie tun mir unrecht, Herr Bigum,« antwortete Edele und erhob sich; Bigum erhob sich gleichfalls; »ich lache nicht, Sie fragen mich, ob es keine Hoffnung gibt, und ich antworte: nein, da ist keine Hoffnung; darin liegt ganz und gar nichts Lächerliches. Aber lassen Sie mich Ihnen eins sagen. Von dem ersten Augenblick an, wo Sie an mich zu denken begannen, konnten Sie wissen, welches meine Antwort sein würde, und Sie haben es auch gewußt, nicht wahr. Sie haben es die ganze Zeit hindurch gewußt; aber trotzdem haben Sie all Ihre Gedanken und Wünsche dem Ziele entgegengetrieben, von dem Sie wußten, daß Sie es niemals erreichen würden. Ihre Liebe beleidigt mich nicht, Herr Bigum, aber ich verurteile sie. Sie haben getan, was so manch ein andrer tut. Man schließt die Augen vor dem wirklichen Leben, man will das Nein nicht hören, das gegen unsere eignen Wünsche ruft; man will die tiefe Kluft vergessen, die es uns zeigt und die zwischen unserem Sehnen und dem, wonach wir uns sehnen, liegt. Man will seinen Traum verwirklichen. Aber das Leben rechnet nicht mit Träumen; es gibt nicht ein einziges Hindernis, das man aus der Wirklichkeit fortträumen könnte, und dann liegt man schließlich da, jammernd am Abgrund, der sich nicht verändert hat, sondern so ist, wie er immer war; aber man hat sich selbst verändert, denn mit den Träumen hat man all seine Gedanken aufgereizt, seine Sehnsucht bis zu der höchsten, höchsten Spannung angetrieben. Aber die Kluft ist nicht schmäler geworden, und alles in uns sehnt sich so schmerzlich danach, auf der andern Seite zu stehen. Aber nein, stets nein; nie etwas andres. Hätte man nur beizeiten auf sich selbst achtgegeben; aber jetzt ist es zu spät, man ist unglücklich.«

Sie schwieg gleichsam erwachend. Ihre Stimme war ruhig gewesen, suchend, als spräche sie zu sich selber; jetzt aber wurde sie abweisend, kalt, hart.

»Ich kann Ihnen nicht helfen, Herr Bigum, Sie bedeuten für mich nichts von all dem, was Sie zu sein wünschen; macht das Sie unglücklich, so müssen Sie unglücklich sein; leiden Sie, so leiden Sie; es muß Menschen geben, die leiden. Hat man einen Menschen zu seinem Gott und zu dem Herrn seines Schicksals gemacht, so muß man sich unter den Willen seiner Gottheit beugen; aber es ist niemals klug, sich Götter zu machen und seine Seele in die Gewalt eines andern zu geben; denn es gibt Götter, die nicht von ihrem Piedestal herabsteigen wollen. Seien Sie vernünftig, Herr Bigum; Ihr Gott ist so klein und so wenig anbetungswert; wenden Sie sich von ihm ab und werden Sie dann glücklich mit einer von den Töchtern des Landes.«

Mit einem schwachen, leisen Lächeln ging sie durch die Gartenstube. Bigum sah ihr mutlos nach. Eine Viertelstunde ging er vor der Treppe auf und nieder. All die Worte, die gesprochen worden, klangen noch in der Luft, dort, wo sie eben gegangen war; es war, als weile hier noch ein Schatten von ihr, als sei sie noch innerhalb des Bereichs des Flehens, als sei alles noch nicht hoffnungslos ganz vorbei. Aber dann kam das Stubenmädchen und sammelte die Kupferstiche auf, nahm den Stuhl hinein, die Mappen, die Binsenmatte – alles.

Dann konnte er gehen.

Oben in dem offenen Fenster der Bodenkammer saß Niels und starrte ihm nach. Er hatte die ganze Unterhaltung von Anfang bis zu Ende mit angehört, und es lag ein erschreckter Ausdruck in seinem Gesicht, und ein nervöses Zittern ging durch seinen Körper. Zum erstenmal hatte er sich in seinem Leben gefürchtet, zum erstenmal wirklich begriffen, daß, wenn ein Mensch zum Leiden verurteilt war, dieses Urteil weder Dichtung noch Drohung war; sondern dann wurde man zur Folterbank geschleppt, und dann wurde man gefoltert, und es kam im letzten Augenblick keine abenteuerliche Befreiung, kein plötzliches Erwachen wie aus einem bösen Traum.

Das war es, was er in ahnungsvoller Angst begriff.

 

Es ward kein guter Herbst für Edele, und der Winter brach ihre Kräfte vollständig, so daß, als dann der Frühling kam, er keinen armselig verkommenen Lebenskeim fand, gegen den er gut und mild und warm sein konnte; er fand nur ein Welken, das keine Milde, keine Wärme zurückzuhalten, nicht einmal aufzuhalten vermochte. Aber er konnte seinen Lichtschwall über das Verbleichende herableuchten lassen und mit seiner dufterfüllten Wärme den schwindenden Lebenskräften liebevoll das Geleite geben, so wie der Purpur des Abends langsam dem dahinsterbenden Tag nachzieht.

Im Mai ging es zu Ende, an einem Tage voll Sonne, an einem Tage, wo die Lerche niemals schweigt und wo der Roggen wächst, so daß man es mit seinen Augen sehen kann. Blütenweiß standen draußen vor ihrem Fenster die Kirschbäume, Sträuße von Schnee, Kränze von Schnee, Kuppen, Bogen, Girlanden, eine Feenarchitektur von weißen Blumen mit einem Hintergrund von dem blausten Himmel.

Sie fühlte sich matt an diesem Tage, aber doch so leicht in ihrer Mattigkeit, seltsam leicht, und sie wußte, was kommen würde, denn am Vormittag hatte sie Bigum rufen lassen und ihm Lebewohl gesagt.

Der Etatsrat war aus Kopenhagen herübergekommen, und den ganzen Nachmittag saß der schöne, weißhaarige Mann an ihrem Bett, seine Hand in ihren Händen gefaltet. Er sprach nicht; zuweilen bewegte er seine Hand, dann drückte sie sie; dann blickte sie auf, und dann lächelte er ihr zu. Ihr Bruder war auch die ganze Zeit bei ihr, reichte ihr die Medizin und machte sich auch sonst nützlich da drinnen.

Sie lag ganz still vor sich hin, mit geschlossenen Augen, und trauliche Bilder zogen an ihr vorüber von dem Leben da drüben. Sorgenfreis hängende Buchen, Lygnbys rote Kirche auf ihrem Sockel aus Gräbern und das weiße Landhaus an dem kleinen Hohlweg zum See hinab, wo der Bretterzaun immer grün war, als sei er mit Feuchtigkeit gemalt. Das alles zeichnete sich vor ihr ab, wuchs in Klarheit, nahm ab in Klarheit und schwand dahin. Und andere Bilder folgten. Da war die Breitestraße, wenn die Sonne unterging und das Dunkel langsam an den Häusern emporschlich; und da war das wunderliche Kopenhagen, das man antraf, wenn man eines Vormittags vom Lande zur Stadt hineinkam. Es erschien so phantastisch in seiner Geschäftigkeit und seinem Sonnenschein, mit den gekalkten Fensterscheiben und dem Fruchtduft in den Straßen; die Häuser sahen in dem starken Licht so unwirtlich aus, und es war gleichsam, als läge ein Schweigen auf ihnen, das der Lärm und das Wagengerassel nicht zu vertreiben vermochten ... Dann war die warme, dunkle Wohnstube an den Herbstabenden, wenn man sich zum Theater angekleidet hatte und die andern noch nicht fertig waren: – der Duft des Königs-Räucherpulvers – das Ofenfeuer, das über den Teppich leuchtete – das Klatschen der Regentropfen gegen die Fensterscheiben – die Pferde, die im Torweg stampften – der melancholische Ruf der Muschelverkäufer auf der Straße ... – und hinter diesem allen wartend: das Licht, die Musik und die Pracht des Theaters.

In solchen Bildern ging der Nachmittag hin.

Drinnen im Saal hielten Niels und seine Mutter sich auf. Niels kniete vor dem Sofa, das Gesicht in den braunen Samt gepreßt und mit über den Kopf gefalteten Händen; er weinte laut und klagend, ohne den Versuch zu machen, sich zu beherrschen, er war ganz außer sich vor Kummer. Frau Lyhne saß neben ihm. Auf dem Tische vor ihr lag ein Gesangbuch, es war bei den Sterbeliedern aufgeschlagen. Hin und wieder las sie ein paar Verse, hin und wieder beugte sie sich über den Sohn herab und sprach ihm tröstende Worte zu und ermahnte ihn; aber Niels ließ sich nicht trösten, und sie vermochte weder seinem Weinen noch den wilden Gebeten seiner Verzweiflung Einhalt zu tun.

Dann erschien Lyhne in der Tür zum Krankenzimmer. Er machte kein Zeichen, er sah sie nur ernsthaft an, und dann erhoben sie sich beide und folgten ihm hinein zu seiner Schwester. Er faßte jeden von ihnen an eine Hand und trat mit ihnen hin vor das Bett; und Edele sah auf, sah jeden einzelnen an und bewegte die Lippen wie zu einem Wort. Dann führte Lyhne seine Frau an das Fenster, und er setzte sich neben sie, während Niels sich am Fußende des Bettes auf die Knie warf.

Er weinte leise und betete mit gefalteten Händen, innerlich und ohne Aufenthalt mit einem gedämpften, leidenschaftlichen Flüstern; er sagte zu Gott, daß er nicht aufhören wolle zu hoffen; »ich lasse dich nicht, mein Gott, ich lasse dich nicht, bevor du ja gesagt hast; du darfst sie nicht von uns nehmen, denn du weißt ja, wie wir sie lieben; du darfst nicht, du darfst nicht! Ach, ich kann nicht sagen: dein Wille geschehe, denn du willst sie sterben lassen; ach, aber laß sie leben; ich will dir danken und dir gehorchen, ich will all das tun, von dem ich weiß, daß du es von mir verlangst; ich will so gut sein und dir niemals zuwiderhandeln, wenn du sie nur leben lassen willst! Hörst du, Gott! ach, halte inne, halte inne und mache sie gesund, bevor es zu spät ist! Ich will ... ich will ... ach, was kann ich dir versprechen? – ach, ich will dir danken, dich nie, nie vergessen; ach, aber erhör mich doch! du siehst ja, daß sie stirbt; du siehst ja, daß sie stirbt; hörst du, nimm deine Hand weg, nimm sie weg, ich kann es nicht ertragen, sie zu verlieren, Gott, ich kann nicht; laß sie leben; willst du es nicht, willst du es nicht? ach, es ist unrecht von dir ...«

Da draußen vor dem Fenster erröteten sie wie Rosen, die weißen Blüten, im Schein der sinkenden Sonne. Bogen auf Bogen baut der Flor sich blumenleicht zu einer Rosenburg auf, zu einem Chor von Rosen, und dämmernd blaute der abendblaue Himmel durch die luftige Wölbung hinein, während goldene Lichter und Lichter aus Gold mit dem Brande des Purpurs in Glorienstrahlen aus all den schwebenden Liniengirlanden des Blumentempels hervorbrachen.

Weiß und still lag Edele da drinnen, die Hand des alten Mannes zwischen den ihren. Langsam atmete sie das Leben aus, Zug für Zug; schwächer und schwächer hob sich die Brust, schwerer und schwerer wurden ihre Augenlider.

»Grüße – Kopenhagen!« war ihr letztes schwaches Flüstern.

Aber ihren letzten Gruß, den hörte niemand. Nicht einmal als Atemhauch kam er über ihre Lippen, ihr Gruß an ihn, den großen Künstler, den sie von ganzer Seele im stillen geliebt hatte, für den sie aber nichts gewesen war, nur ein Name, den sein Ohr kannte, nur eine fremde Gestalt mehr in dem großen bewundernden Publikum.

Und das Licht schwand dahin in der blauen Dämmerung, und matt fielen die Hände auseinander. Die Schatten wuchsen – die Schatten des Abends und des Todes.

Der Etatsrat beugte sich über das Lager herab und legte seine Hand auf ihren Puls und wartete still; und als das letzte Leben entschwunden, die letzte schwache Welle des Blutes verebbt war, da hob er ihre bleiche Hand an seine Lippen.

»Liebe Edele!«

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