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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorJens Peter Jacobsen
booktitleJens Peter Jacobsens sämtliche Werke
titleNiels Lyhne
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year
firstpub1880
translatorAnka Mathiesen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
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Zweites Kapitel

In gewisser Weise führte das Kind die Eltern wieder zusammen, denn an seiner Wiege trafen sie sich stets in gemeinsamem Hoffen, in gemeinsamer Freude und gemeinsamer Furcht; an das Kind dachten sie, und von ihm sprachen sie gleich gern und gleich oft, und dann war der eine dem andern so dankbar für das Kind und für seine Freude darüber und seine Liebe zu ihm.

Aber es lag doch eine weite Kluft zwischen ihnen.

Lyhne ging ganz auf in seiner Landwirtschaft und in Gemeindeangelegenheiten, ohne doch in irgendeiner Weise als leitend oder auch nur reformierend aufzutreten; aber er setzte sich pflichtgetreu in das Bestehende hinein, sah zu wie ein interessierter Zuschauer und gab sein Jawort zu den besonnenen Verbesserungen, die sein alter Verwalter oder der Älteste der Gemeinde nach genauer Überlegung, nach sehr genauer Überlegung vorschlug.

Niemals fiel ihm ein, die Kenntnisse, die er sich in früheren Tagen erworben hatte, wieder anzuwenden; dazu hatte er zu wenig Zutrauen zu dem, was er Theorie nannte, und allzu großen Respekt vor den durch lange Ausübung ehrwürdig gewordenen Erfahrungssätzen, die die andern das richtig Praktische nannten. Überhaupt war nichts an ihm, was darauf hindeutete, daß er nicht zeit seines Lebens hier gelebt und also gelebt hatte. Eine Kleinigkeit doch ausgenommen. Die nämlich, daß er oft halbe Stunden lang auf einem Fleck oder einem Grenzstein stillsitzen und in seltsam vegetativer Benommenheit über den fruchtbar grünen Roggen oder den golden-fruchtschweren Hafer hinausstarren konnte. Das hatte er anderswoher, das erinnerte an den alten Lyhne, den jungen Lyhne.

In ihrer Welt fand Bartholine sich nicht auf diese Weise zurecht, nicht so auf einmal, sofort, ohne Aufheben und ohne Tasten. Nein; erst klagte sie durch die Gedichte von hundert Dichtern, in den breiten Gemeinplätzen jener ganzen Zeit, über die tausenderlei Schranken, Banden und Ketten; und bald waren die Klagen dann wie der hohe Zorn gekleidet, der seinen Wortgeifer gegen die Throne der Kaiser und die Gefängnisse der Tyrannen schleudert, bald wie der ruhige, mitleidige Kummer, der das reiche Licht der Schönheit entweichen sieht von einem blinden, sklavengesonnenen Geschlecht, geknechtet und niedergebeugt von der ideenlosen Geschäftigkeit des Tages; und dann wieder war das Gewand der Klage nur wie ein stiller Seufzer nach dem freien Fluge des Vogels oder nach der Wolke, die so leicht der Ferne entgegensegelt.

Aber sie wurde müde zu klagen, und die aufreizende Ohnmacht der Klage stachelte sie an zu Zweifel und zu Bitterkeit; und so wie gewisse Gläubige ihren Heiligen schlagen und ihn mit Füßen treten, wenn er seine Macht nicht zeigen will, so verspottete sie jetzt die vergötterte Poesie und fragte höhnisch sich selber, ob sie nicht glaube, daß der Vogel Rock sich demnächst unten im Gurkenbeet zeigen oder Aladdins Höhle sich unter dem Fußboden im Milchkeller auftun würde; und in kindischem Zynismus belustigte sie sich damit, die Welt übertrieben prosaisch zu machen, nannte den Mond einen grünen Käse und die Rosen Potpourri, alles in dem Gefühl, daß sie sich räche, aber auch mit der halb ängstlichen, halb aufreizenden Empfindung, daß dies Blasphemie war.

Der Befreiungsversuch, der diesem zugrunde lag, mißlang. Sie sank in ihre Träume zurück, in Träume aus der Mädchenzeit, aber es bestand der Unterschied, daß nun keine Hoffnung mehr aus ihnen hervorleuchten konnte; und dann war noch das: sie hatte gelernt, daß es nur Träume waren, ferne, berückende Luftbilder, die keine Sehnsucht der Welt zu ihrer Erde hinabzuziehen vermochte, und deshalb, wenn sie sich ihnen jetzt hingab, so geschah es mit Unruhe und trotz der vorwurfsvollen Stimme ihres Innern, die sie verstehen ließ, daß sie dem Trinker gleiche, der weiß, daß seine Leidenschaft verderblich ist und daß ein jeder neue Rausch Kräfte sind, die er von seiner Schwäche nimmt und sie der Kraft seiner Leidenschaften hinzufügt; über die Stimme ertönte vergeblich, denn ein nüchtern gelebtes Leben ohne die leichte Last der Träume war kein lebenswertes Leben – das Leben besaß ja gerade nur den Wert, den ihm die Träume verliehen.

So verschieden waren des kleinen Niels Lyhne Vater und Mutter; die beiden freundlichen Mächte, die, ohne es zu wissen, einen Streit um seine junge Seele stritten von dem Augenblick an, wo sich ein Schimmer von Intelligenz zeigte, dessen man habhaft werden konnte; und je älter das Kind wurde, um so stärker wurde der Streit, denn eine desto reichere Auswahl unter den Waffen gab es.

Die Anlage des Sohnes, durch die die Mutter auf ihn einzuwirken versuchte, war seine Phantasie, und Phantasie besaß er in vollem Maße; aber schon als ganz kleines Kind zeigte er, daß für ihn ein ganz bedeutender Unterschied zwischen der Fabelwelt bestand, die die Worte der Mutter schufen, und der Welt, die wirklich war; denn es geschah mehr als elfmal, wenn die Mutter ihm Märchen erzählte und schilderte, wie schmerzensreich es um die Helden bestellt war, daß Niels, der gar keinen Ausweg aus all diesem Jammer zu finden vermochte, gar nicht sehen konnte, wie es zu entfernen sei, all dieses Elend, das in einem undurchdringbaren Ring sich enger und enger um ihn und den Helden auftürmte, – ja, da konnte es manch liebes Mal geschehen, daß Niels plötzlich seine Wange an die der Mutter preßte und mit Tränen in den Augen und bebenden Lippen flüsterte: »Das ist doch nicht wirklich wahr?« Und wenn er dann die tröstliche Antwort erhalten hatte, auf die er wartete, so seufzte er tief erleichtert auf und lauschte in wohlbehaglicher Ruhe der Geschichte bis zu Ende.

Aber die Mutter liebte eigentlich diese Fahnenflucht nicht.

Als er zu groß geworden war für die Märchen und sie es auch müde ward, sie zu erdichten, da erzählte sie ihm mit kleinen Hinzufügungen von all den Heroen des Krieges und des Friedens, deren Leben geeignet war zu zeigen, welche Macht einer Menschenseele innewohnt, wenn sie nur das Eine will, das Große, und sich weder mutlos abschrecken läßt von dem kurzsichtigen Zweifel des Tages, noch hinabsinkt in den weichen, tatenlosen Frieden. Diesen Ton schlugen die Erzählungen an, und da die Geschichte nicht Helden genug besaß, die paßten, erwählte sie sich einen Phantasiehelden, über dessen Handlungen und Schicksale sie ganz verfügen konnte – so einen rechten Helden nach ihrem eignen Herzen, Geist von ihrem Geist, ja auch Fleisch von ihrem Fleisch und Blut. Einige Jahre nach Niels Geburt hatte sie nämlich einen totgeborenen Knaben zur Welt gebracht, und er war es, den sie erwählte; all das, was er hätte werden und ausrichten können, wurde jetzt dem Bruder in wildem Wechsel vorgeführt, Prometheussehnsucht, Messiasmut und Herkuleskräfte in naiv burlesker Verkleidung und unbändiger Verschrobenheit, eine Welt von wohlfeilen Phantasien, die von dem Körper der Wirklichkeit nicht mehr an sich hatten, als gerade dieses arme kleine Kinderskelett, das dort oben auf dem Lönborger Kirchhof zu Moder und Fäulnis verfiel.

Niels irrte sich nicht in der Moral dieser Erzählungen; er sah vollkommen ein, daß es verächtlich sei, so zu werden, wie die Menschen im allgemeinen waren; er war auch bereit, sich dem harten Schicksal hinzugeben, das den Heroen zufiel, und in der Phantasie litt er willig unter den aufreibenden Kämpfen, dem harten Mißgeschick, dem Martyrium des Verbanntseins und den friedlosen Siegen; aber es gereichte ihm trotzdem zur unvergleichlichen Erleichterung, daß es bis dahin noch eine gute Weile hatte – daß all dies erst eintreffen sollte, wenn er erwachsen war.

Wie die Traumgesichte, die Traumtöne einer Nacht in den wachen Tag übergehen und in Nebelformen, in Tonwolken den Gedanken anrufen können, so daß er gleichsam eine flüchtige Sekunde lauschen kann, verwundert, ob es wirklich rief, – so flüsterten die Vorstellungen von jener traumgeborenen Zukunft gedämpft über Niels Lyhnes Kindheitstage hinweg und erinnerten ihn leise, aber ohne Unterlaß daran, daß dieser glücklichen Zeit eine Grenze gesetzt sei und daß sie einmal, daß sie eines Tages nicht mehr sein würde.

Das Bewußtsein hiervon gebar den Drang, das Kindheitsleben in seiner ganzen Fülle zu genießen, es durch alle Sinne einzusaugen, nicht einen Tropfen zu vergeuden, nicht einen einzigen; und darum lag in seinen Spielen eine Innigkeit, die zur Leidenschaft emporgetrieben wurde unter dem Druck des unruhigen Gefühls, daß die Zeit ihm entschwand, ohne daß er aus ihren reichen Wellen all das geborgen hatte, was sie brachte, Welle für Welle; und darum konnte er sich auf die Erde werfen und vor Verzweiflung schluchzen, wenn er sich an einem freien Tage langweilte, weil ihm dies oder jenes fehlte, Spielgefährten, Erfindungsgabe oder trockenes Wetter, und deshalb wollte er auch so ungern ins Bett, denn der Schlaf war das Ereignislose, das vollständig Empfindungslose. Aber nicht immer war es also.

Es geschah, daß er sich müde lief und daß seine Phantasie gar keine Farben mehr hatte; dann fühlte er sich ganz unglücklich, fühlte sich gar zu klein und jammervoll für seine ehrgeizigen Träume, ja, es erschien ihm, daß er ein unwürdiger Lügner sei, der sich frech den Anschein gegeben hatte, als liebe er das Große und als verstehe er es, während er in Wirklichkeit nur Gefühle hatte für das Kleine, während er das Alltägliche liebte und alle, alle erdgebundenen Wünsche und Begierden lebendig in sich fühlte; ja, es geschah auch sogar, daß er den Klassenhaß des Gewürms zu dem Erhabenen in sich hatte und daß er mit Freuden diese Heroen gesteinigt hätte, die von besserem Blute waren als er und die wußten, daß sie es waren.

An solchen Tagen mied er seine Mutter, und in dem Gefühl, daß er einem unedlen Instinkte folgte, flüchtete er zu dem Vater hin und hatte ein offenes Ohr und einen empfänglichen Sinn für all dessen erdgebundene Gedanken und traumlose Erklärungen. Und er fühlte sich so wohl bei dem Vater, war so froh, daß sie einander ebenbürtig waren, und vergaß fast, daß dies derselbe Vater war, auf den er sonst von den Zinnen seines Traumschlosses mit Mitleid herabgesehen hatte. Dies stand natürlich nicht deutlich vor seinem kindlichen Bewußtsein in der Klarheit und der Bestimmtheit, wie sie das ausgesprochene Wort verleiht, aber es war alles da, unfertig, ungeboren, in vager unbegreiflicher Fötusform; es glich der seltsamen Vegetation eines Meeresbodens, durch fahles Eis hindurchgesehen; schlage das Eis in Stücke oder zieh es dunkel lebend hervor an das Licht der Worte: das Gleiche geschieht, – das, was jetzt gesehen und jetzt gefaßt wird, ist in seiner Klarheit nicht das Dunkle, das war.

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