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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorJens Peter Jacobsen
booktitleJens Peter Jacobsens sämtliche Werke
titleNiels Lyhne
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year
firstpub1880
translatorAnka Mathiesen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
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Vierzehntes Kapitel

Jetzt ist es Herbst; droben auf dem Friedhof haben die Gräber keine Blumen mehr, und das Laub liegt braun und faulend in der Feuchtigkeit unter den Bäumen im Garten zu Lönborghof.

In den leeren Stuben geht Niels Lyhne in schwerem Trübsinn umher. In der Nacht, als das Kind starb, ist etwas in ihm gebrochen, er hat das Zutrauen zu sich selber verloren, seinen Glauben an die Macht des Menschen, das Leben zu tragen, das zu leben ihm auferlegt wird. Das Dasein war zerrissen, und sein Inhalt sickerte sinnlos nach allen Seiten davon.

Es half nichts, daß er jenes Gebet, das er sprach, den wahnsinnigen Ruf eines Vaters um Hilfe für sein Kind nannte, obgleich er wußte, daß niemand den Ruf hören konnte. Er hatte gewußt, was er mitten in seiner Verzweiflung tat. Er war versucht worden und war unterlegen; das war ein Sündenfall, ein Abfall von sich selbst und von der Idee. Es mochte ja sein, daß die Tradition in seinem Blut zu stark gewesen war; das Menschengeschlecht hatte so viele Tausende von Jahren in seiner Not immer gen Himmel gerufen, und nun hatte er diesem ererbten Bedürfnis nachgegeben; aber er hätte dagegen ankämpfen sollen wie gegen einen schlechten Instinkt; er wußte ja doch, bis in die innerste Fiber seines Gehirns hinein, daß Götter Träume waren und daß es ein Traum war, zu dem er flüchtete, sobald er betete; ebensogut, wie er in alten Tagen, wenn er sich in die Arme der Phantasterei warf, gewußt hatte, daß es Phantasterei war. Er hatte nicht vermocht, das Leben zu tragen, so wie es war; nun war er im Kampf um das Größte mit dabeigewesen und war in der Härte des Kampfes seiner Fahne, der er geschworen hatte, untreu geworden; denn das Neue, der Atheismus, die heilige Sache der Wahrheit, welches Ziel hatte dies alles, was andres war dies alles als Flittergoldnamen für das eine Einfache: das Leben zu tragen, so wie es war, und sich das Leben nach den eigenen Gesetzen des Lebens formen zu lassen.

Es erschien ihm, als wäre sein Leben mit jener qualvollen Nacht abgeschlossen; das, was folgte, konnte niemals etwas andres als interesselose Szenen werden, die an den fünften Akt angehängt waren, nachdem die Handlung zu Ende gespielt worden war. Er konnte ja seine alte Lebensanschauung wieder hervorholen, wenn er dazu Lust verspürte; aber einmal war er den Fall gefallen, und ob er später dazu kommen sollte, ihn noch einmal zu wiederholen oder ihn nicht zu wiederholen, das war gleichgültig, das eine wie das andre.

In dieser Stimmung ging er am häufigsten einher.

Dann kam jener Novembertag, als der König starb und der Krieg immer drohender schien.

Bald ordnete er alle Angelegenheiten auf Lönborghof und meldete sich als Freiwilliger.

Die Langeweile der Ausbildung wurde ihm leicht, zu ertragen; es war ja so außerordentlich viel, kein überflüssiger Mensch mehr zu sein; und dann, als er zur Armee hinüberkam, dieser ewige Kampf dort mit der Kälte, dem Ungeziefer, den Unbequemlichkeiten jeglicher Art, all dies, das die Gedanken vertrieb, so daß sie sich mit dem beschäftigen konnten, was gerade vor der Türe lag; das machte ihn fast lustig, und seine Gesundheit, die durch die Trauer des letzten Jahres ziemlich angegriffen worden war, wurde wieder ganz ausgezeichnet.

An einem trüben Märztage wurde er durch die Brust geschossen.

Hjerrild, der Lazarettarzt war, sorgte dafür, daß er in einen kleineren Saal gelegt wurde, wo nur vier Betten standen. Der eine, der hier lag, war durchs Rückgrat geschossen worden und lag ganz still; der andere war an der Brust verwundet, er hatte hier ein paar Tage gelegen und phantasierte ganze Stunden hindurch in hastig gesprochenen, abgerissenen Wörtern; der letzte schließlich, der Niels zunächst lag, war ein großer, starker Bauernbursche mit dicken, runden Wangen: er war von einem Granatsplitter ins Gehirn getroffen worden, und unausgesetzt, Stunde auf Stunde, hob er fast jede halbe Minute gleichzeitig den rechten Arm und das rechte Bein in die Höhe und ließ sie sofort wieder zurückfallen, indem er die Bewegung mit einem hörbaren, aber dumpfen und tonlosen Hoh – hoh begleitete, stets in gleichem Takt, stets genau dasselbe Hoh, wenn er die Glieder hob, Hoh, wenn sie herabfielen.

Dort lag Niels Lyhne. Die Kugel war durch seine rechte Lunge gedrungen und war nicht wieder herausgekommen. Im Krieg können nicht viele Umstände gemacht werden, und er mußte hören, daß er nicht viel Aussicht habe zu leben.

Es wunderte ihn, denn er fühlte sich nicht sterbenskrank und hatte keine großen Schmerzen in seiner Wunde. Aber bald trat eine Erschlaffung ein, die ihm sagte, daß der Arzt recht habe.

Dies sollte also das Ende werden. Er dachte an Gerda, er dachte den ersten Tag viel an sie, aber beständig wurde er durch den seltsam kühlen Blick gestört, den sie gehabt hatte, als er sie das letztemal in seine Arme schloß. Wie schön, wie schmerzlich schön wäre es nicht gewesen, wenn sie sich bis ganz zuletzt an ihn geklammert und ihn nicht aus den Augen gelassen hätte, bis daß der Tod sie trübte, wenn sie sich damit begnügt hätte, ihr Leben bis zum letzten Atemzug an seinem Herzen zu leben, das sie so liebte, statt daß sie sich in der letzten Stunde von ihm abwandte, um sich zu mehr Leben, zu noch mehr Leben hinüberzuretten.

Den zweiten Tag im Lazarett wurde Niels immer trübsinniger durch den schwülen Dunst da drinnen, und die Sehnsucht nach frischer Luft und der Wunsch zu leben waren in seinen Gedanken seltsam verflochten. Das Leben hatte doch viel Schönes gehabt, dachte er, wenn er sich des frischen Hauches daheim am Strand, des kühlenden Sausens in Seelands Buchenwäldern, der reinen Bergluft in Clarens und der weichen Abendbrise am Gardasee erinnerte. Aber dachte er an, die Menschen, so wurde ihm so krank zumut. Er rief sie zu sich, den einen nach dem andern, und alle gingen sie an ihm vorüber und ließen ihn allein, und nicht einer blieb zurück. Aber wie hatte er denn an ihnen festgehalten, war er treu gewesen? es war nur das, daß er langsamer losließ. Nein, das war es nicht. Es war die große Traurigkeit, daß eine Seele immer allein ist. Jeder Glaube an Verschmelzung zwischen Seele und Seele war eine Lüge. Nicht die Mutter, die einen auf ihren Schoß nahm, nicht ein Freund, nicht die Gattin, die an unserm Herzen ruhte ...

Gegen Abend trat Entzündung in der Wunde ein, und die Schmerzen nahmen immer mehr zu.

Hjerrild kam und saß am Abend einen Augenblick bei ihm, kehrte dann gegen Mitternacht zurück und blieb lange. Niels litt sehr und stöhnte vor Schmerzen.

»Ein Wort im Ernst, Lyhne,« sagte Hjerrild, »wollen Sie einen Pfarrer sprechen?«

»Ich habe mit den Geistlichen nicht mehr zu schaffen als Sie«, flüsterte Niels erbittert.

»Hier ist nicht die Rede von mir; ich lebe und bin gesund; liegen Sie nicht da und quälen Sie sich mit ihren Anschauungen? Die Menschen, die sterben sollen, haben keine Anschauungen, und es ist auch ganz gleichgültig, ob sie welche haben; die Anschauungen sind nur dazu da, daß man nach ihnen lebt, im Leben sind sie nützlich. Kann es auch nur einem einzigen Menschen nützen, daß er mit dieser Anschauung stirbt oder mit jener? Glauben Sie mir, wir haben ja alle lichte, weiche Erinnerungen aus unserer Kindheit. Ich habe so viele Dutzende sterben sehen; es tröstet stets, die, Erinnerungen hervorzuholen. Lassen Sie uns ehrlich sein; wir mögen sein, wie wir es nennen wollen: niemals können wir doch Gott ganz aus dem Himmel entfernen; unser Gehirn hat ihn sich zu oft dort oben vorgestellt, es ist in das Gehirn hineingeläutet und hineingesungen worden, seit wir ganz klein waren.«

Niels nickte.

Hjerrild beugte sich zu ihm hinab, um zu hören, ob er etwas sagen wollte.

»Sie meinen es gut,« flüsterte Niels, »aber ...« und er schüttelte bestimmt den Kopf.

Lange war es still da drinnen; nur das ewige Hoh-Hoh, Hoh-Hoh des Bauernburschen hämmerte langsam die Zeit in Stücke.

Hjerrild erhob sich. »Leben Sie wohl, Lyhne,« sagte er, »es ist doch ein schöner Tod, für unser armes Land zu sterben.«

»Ja,« sagte Niels, »aber es war doch nicht auf die Weise, daß wir davon träumten, Nutzen zu schaffen, damals vor langer, langer Zeit.«

Hjerrild ging; als er auf sein Zimmer gekommen war, stand er lange am Fenster und sah zu den Sternen empor. »Wenn ich Gott wäre,« murmelte er, und in Gedanken fügte er hinzu, »so würde ich weit eher den selig machen, der sich nicht in der letzten Stunde bekehrt.«

Die Schmerzen wurden heftiger und heftiger, unbarmherzig klopften und klopften sie drinnen in der Brust, waren so unerträglich. Es hätte so guttun können, einen Gott zu haben, zu dem man hätte klagen und beten können.

Gegen Morgen begann er zu phantasieren, die Entzündung war in vollem Gange.

Und so hielt es noch zwei Tage an. Als Hjerrild Niels Lyhne zum letztenmal sah, lag er da und fabelte von seiner Rüstung und davon, daß er stehend sterben wolle.

Und endlich starb er dann den Tod, den schweren Tod.

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