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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorJens Peter Jacobsen
booktitleJens Peter Jacobsens sämtliche Werke
titleNiels Lyhne
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year
firstpub1880
translatorAnka Mathiesen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel

Drei Jahre sind verstrichen, Erich und Fennimore sind seit zwei Jahren verheiratet, und sie bewohnen ein kleines Landhaus draußen am Mariager Fjord. Niels hat Fennimore seit jenem Sommer in Fjordby nicht gesehen. Er lebt in Kopenhagen, kommt viel unter die Leute, verkehrt aber mit keinem intim, außer mit Doktor Hjerrild, der sich selbst alt nennt, weil sich in seinem dunklen Haar weiße Fäden zu zeigen beginnen.

Diese unerwartete Verlobung war ein harter Schlag für Niels, und er ist ein wenig schlapper davon geworden, auch etwas bitterer und weniger vertrauensvoll; er kann Hjerrilds Mißmut nicht mehr so viel Begeisterung entgegensetzen. Er ist noch immer in seine Studien vertieft, aber sie sind planloser, und der Gedanke, fertig zu werden, vorzutreten und zuzugreifen, hat nur ein flackerndes, unsicheres Leben. Er kommt viel unter die Leute, aber er lebt nicht mit ihnen; wohl interessieren sie ihn, aber er macht sich nicht das geringste daraus, daß sie für ihn Interesse fassen; und schwächer und schwächer, das merkt er, wird die Macht in ihm, die ihn hätte vorwärtstreiben sollen, um das Seine zu tun, die andern für oder wider sich. Er kann warten, sagt er, selbst wenn er warten sollte, bis es zu spät ist. Wer glaubt, der hat keine Eile; das ist seine Entschuldigung. Denn er hat Glauben genug, das fühlt er, wenn er wirklich in sich selbst auf den Grund gehen soll, Glauben genug, um Berge zu versetzen; aber er kann sich nicht dazu überwinden, den Rücken dagegenzustemmen. Zuweilen steigt ein Schaffensdrang in ihm auf, voll Sehnsucht, einen Teil seiner selbst in seiner Arbeit befreit zu sehen, und ganze Tage lang kann sein Wesen angespannt sein von frohen, titanischen Anstrengungen, den Ton für seinen Adam zu kneten; aber es gelingt ihm nie, ihn seinem Vorbild ähnlich zu formen; er hat nicht Ausdauer genug, die Selbstkonzentrierung, die hierfür erforderlich ist, am Leben zu erhalten. Er braucht Wochen, um die Arbeit aufzugeben, aber er gibt sie doch auf und fragt gereizt sich selbst, warum er fortfahren sollte: was kann er noch gewinnen? Er hat das Glück der Empfängnis genossen. Es bleibt nur noch die Arbeit des Aufziehens übrig, zu hegen, zu nähren, es voll auszutragen, – warum? Für wen? Er ist kein Pelikan, sagt er. Aber er kann sagen, was er will, er ist doch mißvergnügt und fühlt, daß er den Forderungen nicht entsprochen hat, die er sich selbst stellte, und es hilft ihm nichts, daß er mit diesen Forderungen ins Gericht geht und daran zu zweifeln versucht, ob ihre Ansprüche an ihn begründet sind. Er steht einer Wahl gegenüber, und er muß wählen. Denn es ist ja so, daß, wenn die erste Jugend vorüber ist, früh oder spät, je nachdem der Naturgrund eines Menschen ist, früh oder spät, so dämmert der Tag hervor, wo die Resignation wie der Versucher zu uns kommt und uns dazu verlocken will, dem Unmöglichen Lebewohl zu sagen und sich zufrieden zu stellen. Und die Resignation hat so vieles, was für sie spricht; denn wie oft sind nicht die idealen Forderungen der Jugend zurückgewiesen, ist ihre Begeisterung beschämt und ihre Hoffnung vernichtet worden! – Die Ideale, die lichten, die holden, die haben wohl noch nichts von ihrem Glanz verloren, aber sie wandern nicht länger auf Erden mitten zwischen uns, wie in den ersten Tagen unserer Jugend; über die breit basierte Treppe der Weltklugheit sind sie, Schritt für Schritt, in den Himmel zurückgeleitet worden, von wo unser einfältiger Glaube sie herabgeholt hatte; und da sitzen sie, strahlend, aber fern, lächelnd, aber müde, in göttlicher Unwirksamkeit, während der Weihrauch einer tatenlosen Anbetung stoßweise in festlichen Windungen zu ihrem Thron hinaufgewirbelt wird.

Niels Lyhne war müde; diese häufigen Anläufe zu einem Sprung, der niemals gesprungen wurde, hatten ihn ermattet. Alles erschien ihm hohl, wertlos, verdreht und verwirrt, und außerdem so klein; er fand, es sei das Natürlichste, sich Ohren und Mund zu verstopfen und sich dann in seine Studien zu vertiefen, die nichts mit dem Dunst der Welt zu schaffen hatten, sondern die wie eine stille Meerestiefe für sich waren, mit friedlichen Tangwäldern und wunderlichen Tieren.

Er war müde, und die Wurzel seiner Müdigkeit war aus seiner verfehlten Liebeshoffnung entsprungen; von dort hatte sie sich schnell und sicher über sein ganzes Wesen, über all seine Fähigkeiten und Gedanken ausgebreitet. Jetzt war er kalt und leidenschaftslos genug; aber in jener ersten Zeit, als der Schlag ihn getroffen hatte, war seine Liebe gewachsen, Tag für Tag, mit der unaufhaltsamen Macht einer Fieberkrankheit, und es hatte Augenblicke gegeben, wo seine Seele, von wahnsinniger Leidenschaft getrieben, wie eine Welle angeschwollen war, in unendlicher Sehnsucht und schäumendem Verlangen sich erhoben hatte und fortgesetzt gestiegen und gestiegen war, bis jede Fiber seines Gehirns, jede Saite seines Herzens bis an die äußerste Grenze gespannt war. Dann folgte die Müdigkeit, erschlaffend und heilend; sie hatte seine Nerven unempfindlich gegen den Schmerz, sein Blut zu kalt für Begeisterung, seinen Puls zu schwach für die Handlung gemacht. Und mehr als das; sie hatte ihn davor geschützt, zurückzufallen, indem sie ihm die ganze Vorsicht, den ganzen Egoismus eines Rekonvaleszenten verlieh; und wenn er jetzt an die Tage in Fjordby zurückdenkt, so geschieht es mit denselben Gefühlen von Geborgenheit, die der, der kürzlich eine schwere Krankheit durchgemacht hat, in dem Gedanken findet, daß jetzt, wo er sein Leiden gelitten und das Fieber sich selbst bis zur Asche in seinem Körper verzehrt hat, er eine lange, lange Weile frei sein wird. –

Und dann geschah es, daß er, als Erich und Fennimore, wie gesagt, zwei Jahre verheiratet gewesen waren, an einem Sommertage einen halb jämmerlichen, halb prahlenden Brief von Erich erhielt, in dem er sich anklagte, seit geraumer Weile seine Zeit vergeudet zu haben; aber er wisse nicht, woran es liege, ihm kämen keine Ideen mehr. Es seien frische, lustige Leute, mit denen er in der Gegend verkehrte, gar nicht prüde oder verschroben, aber der Kunst gegenüber die reinen Dromedare. Es gäbe nicht einen Menschen, mit dem er ordentlich reden könne, und er sei in einen Dusel von Trägheit und Mißstimmung geraten, den er nicht zu überwinden vermöge; denn niemals sähe er eine Idee oder Stimmung, so wie früher, oder werde er inspiriert, so daß ihm oft ganz angst und bange werde, daß es nun mit ihm vorbei sei, daß er niemals mehr etwas schaffen werde. Aber es könne doch unmöglich immer so weitergehen, es müsse doch wiederkommen, er sei zu reich gewesen, als daß es so enden könne, und dann wolle er ihnen zeigen, was Kunst sei, den andern, die immer weitermalten, als wenn das etwas sei, was sie auswendig gelernt hätten. Vorläufig sei es indessen so, als habe sich ein Zauber auf ihn gelegt, und es würde von Niels ein Freundschaftsdienst sein, wenn er an den Mariager Fjord käme, er solle es so gut haben, wie die Umstände es erlaubten, und er könne ja ebensogut dort Sommerferien machen, wie anderswo. Fennimore grüße, sie würde sich sehr freuen.

Dieser Brief sah Erich so wenig ähnlich, und es mußte wirklich etwas Ernsthaftes vorliegen, da er so klagen konnte. Dies sah Niels sofort ein, und er wußte auch, wie wenig stark die Quelle von Erichs Produktion war – nur ein kleiner Bach, den ungünstige Verhältnisse leicht auszutrocknen vermochten. Er wollte sofort reisen; was immer auch geschehen war, Erich sollte in ihm einen volltreuen Freund finden; und was die Jahre auch an Banden gelöst und an Illusionen ausgerupft haben mochten, jene Freundschaft aus ihren Kindheitstagen, die wenigstens wollte er zu schützen wissen. Er hatte Erich früher gestützt, er wollte ihn jetzt stützen. Ein fanatisches Freundschaftsgefühl ergriff ihn. Er wollte auf Zukunft verzichten, auf Ruhm, auf ehrgeizige Träume, auf alles, Erichs wegen. Alles, was er an schwellender Begeisterung und gärender Schöpferkraft besaß, wollte er auf Erich setzen; er wollte in Erich aufgehen; er selbst, seine Ideen, alles war bereit, nichts sollte ihm gehören, und er träumte sich den groß, der so unsanft in sein Leben eingegriffen hatte, und sich selbst ausgelöscht, unbeachtet, arm, ohne geistiges Eigentum, und er träumte weiter, wie das, was Erich erhalten hatte, allmählich keine Anleihe mehr war, sondern ihm wirklich gehörte durch den Stempel, den er ihm gab, indem er es in die Tat und ins Werk umsetzte. Erich in Hoheit und Ehre, und er nur einer der vielen, vielen Gewöhnlichen, wirklich nicht mehr; notgezwungen arm zuletzt, nicht freiwillig; ein wirklicher Bettler und kein Prinz in Lumpen ... und es war so süß, sich so bitterlich gering zu träumen.

Aber Traum ist Traum, und er lachte über sich selbst und dachte daran, daß Leute, die ihr Eigenes versäumen, stets die Mittel haben, eine Unendlichkeit von Interessen für die Arbeit andrer zu opfern; und er dachte auch daran, daß Erich, wenn sie einander von Angesicht zu Angesicht gegenüberstünden, seinen Brief verleugnen, es ins Scherzhafte ziehen und es unglaublich komisch finden würde, wenn er wirklich hinging und sich bereit meldete, ihm wieder zu seinem Talent zu verhelfen. Trotzdem reiste er; im innersten Innern glaubte er, daß er nützen könne, und wie er auch versuchte es sich auszureden, es anzuzweifeln; er konnte sich doch nicht von dem Gefühl freimachen, daß es wirklich die alte Knabenfreundschaft war, die in ihrer ganzen Naivität, in all ihrer Wärme erwacht war, den Jahren und allem, was den Jahren angehörte, zum Trotz.

 

Das Landhaus am Mariager Fjord gehörte einem älteren Ehepaar, das aus Gesundheitsrücksichten gezwungen war, sich auf unbestimmte Zeit im Süden niederzulassen. Sie hatten nicht daran gedacht, das Haus zu vermieten, damals, als sie bei der Abreise ein halbes Jahr fortzubleiben glaubten; und deshalb hatten sie alles stehen lassen, so daß Erich, als er das Haus voll möbliert mietete, es im buchstäblichen Sinne tat; er bekam es mit Nippesgegenständen, Familienbildern und allem, ja, selbst mit einer Bodenkammer voller Gerümpel, die Schreibtischschubladen voll alter Briefe.

Erich hatte das Haus entdeckt, als er nach seiner Verlobung von Fjordby abgereist war; und da sich hier alles vorfand, dessen sie bedurften, und noch mehr dazu, und da er daran dachte, sich nach Verlauf von einigen Jahren eine Zeitlang in Rom niederzulassen, so hatte er den Konsul dazu bewegen, mit der Anschaffung der Aussteuer zu warten; und sie waren in Marianelund wie in ein Hotel eingezogen, nur daß sie ein paar Koffer mehr mit sich führten als Reisende im allgemeinen.

Das Haus lag mit der Fassade nach dem Fjord zu, keine zehn Meter vom Wasser entfernt; es hatte ein ganz gewöhnliches Äußere, oben einen Balkon, unten eine Veranda, und dahinter lag ein junger Garten, dessen Bäume nicht viel dicker als Spazierstöcke waren; dafür ging man aber vom Garten geradeaus in einen prachtvollen Buchenwald, mit offnen Heideflecken und weiten Schluchten zwischen weißen Lehmhügeln.

So war Fennimores neues Heim, und eine Zeitlang war es so hell, wie das Glück es zu schaffen vermochte; denn sie waren ja jung und verliebt, gesund und frisch und ohne Sorgen für ihr Auskommen, das geistige so wenig wie das leibliche.

Aber jedes Glücksschloß, das sich erhebt, steht auf einem Grund, der mit Sand vermischt ist; und der Sand wird sich ansammeln und unter den Mauern fortrinnen, langsam vielleicht, unmerklich vielleicht; aber er rinnt und rinnt, Korn für Korn ... Und die Liebe? – Auch die Liebe ist kein Fels, wie gerne wir es glauben möchten.

Sie liebte ihn von ganzer Seele mit der Heftigkeit, der zitternden Glut der Angst; und er war ihr mehr denn ein Gott, war ihr weit näher, – ein Abgott, den sie anbetete, ohne Rückhalt, über die Maßen.

Seine Liebe war so stark wie die ihre, aber ihr fehlte die feine, männliche Zartheit, die die liebende Frau vor sich selbst beschützt und über ihrer Würde wacht. Es mahnte ihn wohl wie eine dunkle Pflicht, rief wie eine leise Stimme, aber er wollte nicht hören; denn sie war so betörend in ihrer blinden Liebe, und ihre Schönheit, die an die unbewachte Üppigkeit und den demütigen Liebreiz einer Sklavin erinnerte, reizte und spornte ihn zu einer Leidenschaft ohne Grenzen und ohne Gnade an.

Steht nicht irgendwo in der alten Mythe von Amor, daß er seine Hand auf Psyches Augen legt, bevor sie, süß berauscht, durch die glühende Nacht dahinsausen?

Arme Fennimore! Wenn sie von dem Feuer ihres eignen Herzens hätte verzehrt werden können, der, der sie hätte beschirmen sollen, würde in die Flammen hineingeblasen haben; denn er glich jenem trunknen Herrscher, der, mit der Mordbrandfackel in seiner Hand, beim Anblick seiner brennenden Königsstadt jubelte, weil er seinen Rausch mit spielenden Flammen steigerte, bis die Asche ihn nüchtern machte.

Arme Fennimore! sie wußte nicht, daß die schwellende Hymne des Glücks so oft gesungen werden kann, bis weder Melodie noch Wort zurückbleibt, sondern nur eine Wirrnis von Trivialität; sie wußte nicht, daß der Rausch, der heute emporhebt, seine Kraft den Flügeln des morgenden Tages entlehnt; und als dann schließlich die Nüchternheit schwer zu tagen anhub, da begann sie zitternd zu verstehen, daß sie sich bis zu einer süßen Verachtung vor sich selbst und voreinander herabgeliebt hatten, zu einer süßen Verachtung, deren Süße Tag für Tag schwächer und schließlich bitter wurde. Sie wandten sich voneinander ab, so weit, wie das sich tun ließ, er, um von einem verratenen Ideal von höhnischer Hoheit und kühlem Liebreiz zu träumen, sie, um in verzweifeltem Sehnen hinüberzustarren nach dem stillen, jetzt so unendlich fernen Ufer ihrer Mädchentage. Tag für Tag wurde es schwerer für sie, die Scham brannte wild in ihren Adern, und ein erstickender Überdruß ihrer selbst ließ ihr alles unglücklich und hoffnungslos erscheinen. Es war eine kleine, leere Kammer da, in der nichts anderes vorhanden war als einige Koffer, die sie von Hause mitgebracht hatte; und dort saß sie oft, Stunde auf Stunde, bis die Sonne draußen über der Welt unterging und die Kammer mit rötlichem Licht erfüllte; dort marterte sie sich mit Gedanken, die spitzer waren als Dornen, und schlug sich selbst mit Worten, weit schärfer als mit Geißeln, bis sie vor Qual und Pein verworren ward und einen betäubenden Trost darin suchte, sich auf den Fußboden zu werfen, wie ein Gegenstand voll widerlicher Fäulnis und Hefe, ein Aas in sich selbst, der zu unreine Sitz für eine Seele. – Die Dirne ihres Mannes – dieser Gedanke verließ ihr Herz nie; mit ihm warf sie sich verächtlich in den Staub zu ihren Füßen, mit ihm sperrte sie jede Hoffnung auf Wiedererhebung aus, mit ihm versteinerte sie jede Erinnerung an das Glück.

Allmählich bemächtigte sich ihrer eine harte, eine brutale Gleichgültigkeit; sie hörte auf zu verzweifeln, wie sie zu hoffen aufgehört hatte; ihr Himmel war eingestürzt, und sie fühlte kein Bedürfnis, ihn wieder zu einer Wölbung emporzuträumen; sie stellte keine Forderung an die Seligkeit, sie war nicht zu gut für die Erde, und die Erde nicht für sie, sie waren einander würdig; sie warf ihren Haß nicht auf Erich, auch zog sie sich nicht in Abscheu vor ihm zurück, sie nahm im Gegenteil seine Küsse entgegen, denn sie verachtete sich zu sehr, um sich ihnen entziehen zu müssen, sie war ja seine Frau, die Frau eines Mannes!

Auch für Erich war es bitter, zu erwachen, obgleich er sich mit der prosaischen Weitsichtigkeit des Mannes selbst gesagt hatte, daß es notgedrungen einmal so kommen mußte. Aber als es kam, als die Liebe nicht mehr Ersatz für alle Entbehrungen bot und als der glitzernde Goldschleier, in dem sie zu ihm auf die Erde hinabgestiegen war, wegwehte, da empfand er es wie eine Erschlaffung aller Lebensgeister, wie ein Sinken aller Fähigkeiten; dies machte ihn so ärgerlich und besorgt, daß er sich mit einem fieberhaften Eifer seiner Kunst zuwandte, um sich davon zu überzeugen, daß er nicht auch noch etwas andres verloren hatte als das Glück. Aber er erhielt nicht die Antwort, die er erhofft hatte; er geriet auf einige unglückliche Ideen, die er nicht vorwärts brachte und die ganz aufzugeben er sich doch nicht bequemen konnte. Er konnte nichts Rechtes aus ihnen herausbekommen, fuhr aber trotzdem fort, sich mit ihnen zu beschäftigen, und verhinderte, daß andre Ideen sich vordrängten und ihn an sich zogen, und er wurde mutlos und unzufrieden und verfiel in grübelnden Müßiggang, weil die Arbeit so tödlich widerwillig war und weil er dachte, daß er nur zu warten brauche, dann würde der Geist schon wieder über ihn kommen. Aber es zog sich länger und länger hinaus; sein Talent blieb gleich unfruchtbar, und hier an dem stillen Fjord war in seinem Verkehr nichts, das befruchtend auf ihn einwirken konnte, und hier waren auch keine Künstlerkameraden, deren Siege ihn aufregen konnten, weder zum Wettlauf noch zu einer schöpferischen Opposition. Diese Unwirksamkeit wurde unleidlich für ihn, und er sehnte sich heftig danach, sich selber zu fühlen, gleichgültig wie oder wodurch; und da sich nichts zeigte, begann er, sich einem Kreis älterer und jüngerer Landbewohner anzuschließen, die unter der Anführung eines sechzigjährigen Jagdjunkers die Trübseligkeit des Landlebens durch solche Ausschweifungen milderten, wie sie ihre nicht allzu reiche Phantasie, stark begrenzt durch ihren ziemlich einseitigen Geschmack, zu ersinnen vermochte. Der eigentliche Kern der Zerstreuungen war Trinken und Kartenspiel, und das blieb immer das gleiche, ob die Schale, die sie umgab, Jagdausflug genannt wurde oder Jahrmarktreise. Auch machte es keinen sonderlichen Unterschied, daß man hin und wieder den Schauplatz nach einer der nahegelegenen Provinzstädte verlegte und dort im Laufe eines Nachmittags wirkliche oder eingebildete Geschäfte mit den Kaufleuten anknüpfte; denn die Entscheidung fand stets abends im Kruge statt, dessen Wirt mit großer Menschenkenntnis alle Leute von der richtigen Farbe zu ihnen auf Nummer Sicher wies. Waren umherreisende Schauspieler in der Stadt, so ließ man die Kaufleute laufen, denn die Schauspieler waren viel umgänglicher, nicht so zurückhaltend der Flasche gegenüber und im allgemeinen gewillt, sich der leider nur selten mit völligem Erfolg gekrönten Wunderkur zu unterwerfen, nämlich: sich in Genever nüchtern trinken zu lassen, nachdem man sich in Champagner betrunken hatte.

Der Hauptstamm dieses Kreises bestand aus Pächtern und kleinen Gutsbesitzern jeglichen Alters, aber es befand sich auch ein massiver junger Geck, ein Branntweinbrenner, darunter und ein weißhalsiger Hauslehrer, der mindestens die letzten zwanzig Jahre kein Hauslehrer gewesen war, sondern mit einem Seehundsfellkoffer und einer grauen Mähre, von der man scherzhaft behauptete, er habe sie bei einem Pferdeschlächter gestohlen, der Reihe nach als Gast bei ihnen lebte. Er war ein schweigsamer Trinker, ein großer Flötenvirtuose, und man nahm an, daß er Arabisch könne. Zu dem, was der Jagdjunker seinen Stab nannte, gehörte auch ein Rechtsanwalt, der stets neue Geschichten erzählte, und dann ein Doktor, der nur eine einzige wußte: die von Anno sechs aus Lübecks Belagerung.

Sehr weit verzweigt war dieser Kreis, und es traf sich wohl so gut wie niemals, daß alle versammelt waren; aber wenn jemand die Kompagnie gar zu lange schnitt und sich zu Hause hielt, so ließ der Jagdjunker einen Aufruf an alle Treuen ergehen, und man zog dann aus, um des Abtrünnigen Ochsen zu besehen, worunter zu verstehen war, daß man sich zwei, drei Tage auf dem Hof des Unglücklichen einquartierte und dort alles so arg wie möglich auf den Kopf stellte, mit Saufen und Spielen und anderen ländlichen Streichen, zu denen die Jahreszeit einladen mochte. Während eines solchen Strafbesuchs geschah es einmal, daß die Gesellschaft so lange eingeschneit war, daß Kaffee, Rum und Zucker dem Wirt allmählich ausgingen; zuletzt mußte man sich mit einem Kaffeepunsch begnügen, der von Zichorie gekocht, mit Sirup gesüßt und mit Branntwein durchsetzt war.

Es war überhaupt eine sehr grobkörnige Bande, mit der Erich sich eingelassen hatte; aber Leute von einer so riesenhaften Lebenskraft konnten sich freilich in zivilsierteren Vergnügungen nicht Luft machen, und die unerschöpfliche Laune, die sie besaßen, und ihre breite, bärenhafte Gemütlichkeit nahm wirklich viel von der Roheit weg. Wäre Erichs Talent nur mit dem Brouwers oder Ostades verwandt gewesen, so würde diese auserlesene Sammlung von Zechbrüdern eine wahre Goldmine für ihn geworden sein, aber so wie die Dinge nun einmal lagen, war die Ausbeute für ihn wie für die andern nur die, daß man sich vorzüglich amüsierte. Gar zu sehr; denn bald wurde dieses tolle Zechen ihm ganz unentbehrlich und nahm nach und nach seine ganze Zeit in Anspruch; und wenn er sich auch hin und wieder seine Unwirksamkeit vorwarf und sich selbst gelobte, daß dies ein Ende haben sollte, so wurde er doch von der Leere und der geistigen Ohnmacht, die er jedesmal dann verspürte, wenn er zu arbeiten versuchte, beständig zu dem alten Leben zurückgetrieben.

Den Brief, den er eines Tages an Niels geschrieben hatte, als seine ewige Unfruchtbarkeit dadurch, daß sie nie ein Ende nehmen wollte, ihm gleichsam den Eindruck einer Auszehrung gemacht hatte, die sein Talent angriff, – diesen Brief bereute er, sobald er abgesandt war, und er hoffte, Niels würde seine Klagen in ein Ohr hinein- und zum andern wieder herausspazieren lassen.

Aber Niels kam, der fahrende Freundschaftsritter in eigner Person, und ihm wurde denn auch der halb abweisende, halb klägliche Willkomm zuteil, den die fahrenden Ritter stets von denen erhalten, um derentwillen sie den Rosinante aus dem warmen Stall herausgezogen haben. Da Niels indessen vorsichtig war und abwartete, so taute Erich bald auf, und die alte Vertraulichkeit zwischen ihnen wurde wieder ins Leben zurückgerufen. Und es war Erich ein Bedürfnis, sich auszusprechen, zu klagen und zu bekennen; er wurde fast durch einen physischen Trieb dazu gezwungen.

Eines Abends – es war nach Schlafenszeit, und Fennimore hatte sich zur Ruhe begeben – saßen sie in der dunklen Wohnstube bei ihrem Kognak-Grog. Nur das Glühen ihrer Zigarren zeigte, wo sie waren; und dann ein vereinzeltes Mal, wenn Niels sich ganz in seinen Stuhl zurücklehnte, sah man sein emporgewandtes Profil sich schwarz von den dunklen Fenstern abheben. Sie hatten ziemlich viel getrunken, besonders Erich, während sie von alten Zeiten auf Lönborghof sprachen, damals als sie noch Knaben waren. Jetzt war durch Fennimores Weggehen eine Pause entstanden, und keiner von ihnen schien Lust zu haben, sie zu unterbrechen; denn die Gedanken rollten so angenehm weich, während sie schläfrig lauschten, wie das Blut, warm von dem aufsteigenden Rausch, in ihren Ohren sang.

»Wie töricht man doch mit zwanzig Jahren war!« ertönte schließlich Erichs Stimme; »Gott mag wissen, worauf man wartete und wie man es sich in den Kopf gesetzt hatte, daß es so etwas gäbe? Wir hatten ja freilich die gleichen Namen dafür, wie die wirklichen Dinge sie haben; aber das, was wir meinten, das war doch so etwas ganz andres im Vergleich zu dem zahmen Gottessegen, den wir bekamen. Eigentlich ist das Leben nicht viel wert. Was meinst du?«

»Ach, ich weiß nicht; ich lass es für das gelten, was es ist. Im allgemeinen lebt man ja eigentlich gar nicht recht. Die meiste Zeit ist man nur da. Könnte man sich das Leben in einem ganzen, großen, appetitlichen Kuchen ausliefern lassen, in den man hineinbeißen dürfte ... Aber so, so bissenweise! – das ist nicht lustig.«

»Sage mir, Niels – nur mit dir kann man von solchen lächerlichen Dingen reden; aber ich weiß nicht, du bist so sonderbar dabei. Sag mir – hast du etwas in deinem Glas? – Gut! – Hast du jemals an den Tod gedacht?«

»Ich! ach ja, und du?«

»Ich meine nicht bei Beerdigungen, du, oder wenn man krank ist, aber sonst, wenn man so nichtsahnend dasitzt, so kann es mich überfallen, gleichwie eine ... wie eine Verzweiflung geradezu. – Ich sitze da und starre in die Luft und schaffe nichts, kann nichts schaffen, und dann, dann merke ich geradezu, wie die Zeit mir enteilt, die Stunden, Wochen, Monate! Ohne Inhalt fahren sie an mir vorüber, und ich vermag sie nicht mit meiner Arbeit festzunageln. Ich weiß nicht, ob du verstehst, was ich meine; das ist ja nur solch ein Gefühl von mir, aber ich möchte mich mit etwas, was ich geschaffen habe, an sie anklammern können. Siehst du: wenn ich ein Bild male, so gehört die Zeit, die ich dazu gebrauche, stets mir, oder sie gibt mir etwas; sie ist nicht vorüber, weil sie verstrichen ist. Ich könnte krank werden, wenn ich daran denke, wie die Tage dahineilen – unaufhaltsam. – Und ich habe nichts, oder ich kann nicht dazu gelangen. Das ist eine Qual; ich kann so wütend werden, daß ich im Zimmer auf und ab gehen und etwas ganz Blödsinniges singen muß, damit ich vor Wut nicht weinen soll, und dann bin ich nahe daran, verrückt zu werden, wenn ich Halt mache und daran denke, daß die Zeit inzwischen vergangen ist und vergeht, während ich denke und auf und ab gehe. Es gibt nichts so Jämmerliches, wie Künstler zu sein; hier stehe ich, gesund und stark; ich kann sehen, mein Blut ist warm und reich; mein Herz klopft; meinem Verstande fehlt nichts, und ich will arbeiten, aber trotzdem kann ich nicht, ich kämpfe und greife nach etwas Unsichtbarem, das sich nicht greifen läßt, zu dem keine Anstrengung mir verhelfen kann, und wenn ich mich auch abmühte, bis das Blut unter den Fingernägeln hervorspritzte. Was soll man tun, um eine Inspiration, um eine Idee zu bekommen? Ich kann mich zusammennehmen, soviel ich will; ich kann versuchen, an nichts zu denken, hinauszugehen und mich umzusehen, ohne zu suchen; aber nein! nie, niemals das Allergeringste; nur das Gefühl, daß die Zeit jetzt draußen bis an die Taille in der Ewigkeit steht und die Stunden an sich heranzieht, so daß sie vorbeirutschen, zwölf weiße und zwölf schwarze, ohne Aufenthalt, ohne Aufenthalt. Was soll ich tun? da muß doch etwas sein, was man tut, wenn es so bestellt ist; ich kann doch nicht der erste sein, wie? weißt du nichts?«

»Reise.«

»Nein, nicht das; wie kommst du darauf? du glaubst doch nicht, daß es mit mir aus ist?«

»Mit dir aus ist! nein; aber ich dachte, die neuen Eindrücke ...«

»Die neuen Eindrücke! das ist es ja gerade. Hast du niemals von Menschen reden hören, die genug Talent hatten, solange sie in ihrer ersten Jugend standen und frisch und voller Hoffnung und Pläne waren; aber dann, als diese verschwanden, da war auch ihr Talent weg – und kam niemals wieder.«

Er schwieg lange.

»Sie reisten, Niels, nach neuen Eindrücken. Das war ihre fixe Idee; der Süden, der Orient, alles vergebens; es glitt von ihnen ab wie von Spiegeln. Ich habe ihre Gräber in Rom gesehen. Zwei von ihnen. Aber es sind viele, viele. – Der eine wurde verrückt.«

»Das habe ich noch niemals früher von Malern gehört!«

»Ja. – Woran glaubst du, daß das liegen mag? Ist es ein verborgener Nerv, der zersprungen ist? oder trägt man selbst schuld daran? Etwas, was man verraten oder vielleicht verbrochen hat, wer weiß! Eine Seele ist ein so zerbrechliches Ding, und niemand weiß, wie weit die Seele in einem Menschen reicht. – Man sollte gut gegen sich selber sein.– – Du!« Seine Stimme klang leise und weich. »Ich habe auch zuweilen diese Sehnsucht fortzureisen, weil ich mich so leer fühle; ich habe sie in dem Maße, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst; aber ich finde, daß ich es nicht wagen darf, denn, den Fall gesetzt, daß es nichts hülfe und daß ich einer von denen bin, die ich vorhin erwähnte. Was dann! Stell dir vor, daß ich von Angesicht zu Angesicht mit der Gewißheit zu stehen käme, daß es mit mir aus sei, daß ich nicht das geringste, gar nichts besäße, daß ich nichts auszurichten vermöchte, stell dir vor: nichts auszurichten vermöchte; das elendeste Geschöpf von einem Menschen, der verachtetste Hund von einem Krüppel, ein erbärmlicher Kastrat! – was meinst du, wo würde ich hinabgleiten? Und siehst du, das ist ja nicht unmöglich. Die erste Jugend liegt hinter uns, und Illusionen und derlei Dinge besitze ich, weiß Gott, nicht allzuviel. Es ist merkwürdig, wieviele man davon zusetzt, und ich habe doch nicht zu den Leuten gehört, die sich darüber freuen, wenn sie sie los werden; mir erging es nicht so wie euch andern, die ihr zu Frau Boye kamt; ihr konntet es gar nicht abwarten, euch gegenseitig die Zierfedern auszurupfen, und je kahler ihr wurdet, desto mehr kröpftet ihr euch. Aber das ist ja übrigens ganz gleichgültig. Einmal verliert man die Federn doch.«

Dann schwiegen sie. Die Luft war bitter vom Zigarrenrauch, widerlich vom Kognak, und sie seufzten schwer über all den Dunst hier drinnen und dann über ihre sehr schweren Herzen.

Hier saß er jetzt, Niels, der sechzig Meilen gereist war, um zu helfen, saß da und mußte sich über den kälteren Teil seiner Natur schämen. Denn was vermochte er zu tun, wenn es zur Sache kam? Sollte er malerisch mit Erich sprechen, viele Worte gebrauchen mit Purpur und Ultramarin, triefend von Licht und im Schatten watend. Der Traum von etwas Ähnlichem hatte, damals als er reiste, sein Gehirn bewegt. Wie lächerlich war das! Helfen! – Man konnte vielleicht die Göttin mit den geschlossenen Händen von der Tür eines Künstlers wegjagen, aber das war auch das Höchste. Man kann ihm nicht mehr zum Schaffen verhelfen, als man, wenn er gelähmt wäre, ihm dazu verhelfen könnte, daß er selbst den kleinen Finger in die Höhe höbe. Nicht, wenn man auch noch so sehr angefüllt wäre von Herz, von Mitgefühl, Opferfreude und allem, was generös ist. – Auf sich selber achtgeben, das war das, was man tun sollte; das war gesund, und das war nützlich; aber natürlich war es leichter, in die Luft hinein, ganz bis in die höchsten Himmel hinauf, sein Herz schalten und walten zu lassen. Da war nur das dabei auszusetzen, daß es so grenzenlos unpraktisch und so betrübend erfolglos war. – Auf sich selber achtgeben, und das zwar gut; daraufhin würde man nicht selig, man brauchte aber seine Augen vor keinem niederzuschlagen, weder vor Gott noch vor den Menschen.

Niels bekam reichlich Gelegenheit, mißmutige Betrachtungen über die Ohnmacht des guten Herzens anzustellen; denn all der Nutzen, den er ausrichtete, war, Erich für einen Monat oder doch mehr als sonst ans Haus zu fesseln. Indessen hatte er nicht Lust, gerade in der warmen Zeit nach Kopenhagen zurückzukehren, er mochte auch nicht ins Unendliche hinein Gast sein, deshalb mietete er sich bei einer Bauernfamilie drüben auf der andern Seite des Fjords ein, nicht weiter entfernt, als daß er in einer Viertelstunde nach Marianelund hinüberrudern konnte. Er konnte ja ebensogut hier sein wie anderswo. Jetzt kannte er außerdem die Gegend, und er gehörte zu den Menschen, die sich leicht von der jeweiligen Örtlichkeit einfangen lassen; und dann hatte er ja seinen Freund hier und seine Cousine Fennimore; das war Grund genug, besonders da es keinen Menschen auf der Welt gab, der ihn irgendwo erwartete.

Damals, als er hinüberreiste, hatte er genau überlegt, wie er sich Fennimore gegenüber verhalten wollte, besonders, wie er zeigen wollte, daß er völlig vergessen hätte, so daß er nicht einmal mehr wüßte, als sei etwas zu vergessen gewesen. Vor allen Dingen: keine Kälte, eine herzliche Gleichgültigkeit, ein oberflächliches Entgegenkommen, eine höfliche Sympathie; so sollte es sein.

Das war indessen alles überflüssig.

Die Fennimore, die er vorfand, war eine ganz andere als die, die er verlassen hatte. Sie war noch schön, ihre Gestalt war üppig und ebenso schön wie früher, und sie hatte die gleichen lässigen, zögernden Bewegungen, die er früher so sehr bewundert hatte; aber in dem Ausdruck um ihren Mund lag eine traurige Gedankenlosigkeit wie bei einer, die zuviel gedacht hat, und aus ihren sanften Augen sprach eine arme, kümmerliche, gequälte Grausamkeit. Er verstand es gar nicht; aber jedenfalls ward es ihm klar, daß sie etwas andres zu tun hatte, als sich seiner zu erinnern, und daß sie den Erinnerungen, die er jetzt erwecken konnte, völlig gefühllos gegenüberstand. Sie sah ganz aus wie jemand, der seinen Entschluß gefaßt und sich alles so übel zurechtgelegt hat, wie nur möglich.

Allmählich fing er an zu buchstabieren und zusammenzulegen, und eines Tages, als sie am Strande spazierten, begann er zu verstehen.

Erich räumte in seinem Atelier auf; und wie sie dort am Wasser gingen, kam das Mädchen mit einer ganzen Schürze voll Gerümpel und warf es am Strande hin. Es waren alte Pinsel, Bruchstücke von Abgüssen, zerbrochene Spachtel, gesprungene Ölflaschen und ein ganzer Haufe leerer Farbentuben. Niels stieß mit dem Fuß darin herum, und Fennimore sah zu, mit jener unbestimmten Entdeckerlust, die Leute altem Gerümpel gegenüber stets empfinden. Plötzlich zog Niels den Fuß zurück, als habe er sich verbrannt; er besann sich aber sofort und fuhr schnell in dem Haufen umher.

»Ach, zeig mir das einmal«, sagte Fennimore und legte die Hand auf seinen Arm, um ihn aufzuhalten.

Er beugte sich nieder und zog einen Gipsabguß hervor, eine Hand, die ein Ei hielt. »Das muß ein Irrtum sein«, sagte er.

»Nein, sie ist ja zerbrochen«, sagte sie ruhig und nahm sie ihm weg. »Sieh, der Zeigefinger fehlt«, zeigte sie; aber da sie gleichzeitig entdeckte, daß das Gipsei durchgeschnitten und daß mit gelber Farbe ein Dotter hineingemalt war, errötete sie ein wenig, sie beugte sich vornüber und schlug langsam und bedächtig die Hand mit einem Stein in kleine Stücke.

»Weißt du noch damals, als sie gegossen wurde?« fragte Niels, um etwas zu sagen.

»Ja, ich wurde mit grüner Seife eingerieben, damit der Gips nicht an der Hand hängen bleiben sollte. Meinst du das?«

»Nein, ich denke daran, wie Erich den Abguß deiner Hand am Teetisch herumgehen ließ. Erinnerst du dich nicht noch: als er zu deiner alten Tante kam, da traten ihr Tränen in die Augen, und im tiefsten Mitleid mit dir, drückte sie dich an sich und küßte dich auf die Stirn, als habe man dir ein Leid angetan.«

»Ja, die Leute sind so gefühlvoll.«

»Ach nein; wir lachten ja über sie, aber es lag doch etwas Feines darin, obgleich es so sinnlos war.«

»Ja, es gibt viel von dieser sinnlosen Feinheit.«

»Du willst dich mit mir zanken, scheint es.«

»Nein, das will ich nicht; da ist nur etwas, was ich dir gern sagen möchte. Du wirst doch wohl nicht böse, wenn ich ein wenig offenherzig bin. – Nun, dann sage mir, glaubst du nicht, daß, wenn ein Mann zum Beispiel etwas in Gegenwart seiner Frau erzählen will, das ein wenig grob ist, oder wenn er überhaupt, deiner Ansicht nach, ein wenig rücksichtslos gegen sie ist, glaubst du dann nicht, daß es überflüssig ist, daß du dagegen protestierst, indem du dich übertrieben feinfühlend und ganz entsetzlich ritterlich stellst? Man muß doch annehmen, daß der Mann seine Frau am besten kennt und weiß, daß es ihr nicht schaden oder sie verletzen kann; sonst täte er es ja nicht. Nicht wahr?«

»Nein, das ist nicht wahr, so im allgemeinen nicht; aber hier und auf deine Autorität hin, kann ich ja gern ja sagen.«

»Ja, tu das; du kannst davon überzeugt sein, daß Frauen nicht solche ätherische Wesen sind, wie so mancher gute Junggeselle sie sich erträumt; sie sind wirklich nicht zarter als die Männer, und sie sind gar nicht anders als die Männer; glaub mir, der Ton, aus dem die beiden geknetet wurden, ist ein wenig schmutzig gewesen.«

»Liebste Fennimore, du weißt gottlob gar nicht, was du selbst sagst; aber du bist sehr ungerecht gegen die Frauen, gegen dich selbst; ich glaube an die Reinheit des Weibes.«

»An die Reinheit des Weibes, was meinst du mit der Reinheit des Weibes?«

»Ich meine ... ja ...«

»Du meinst – ich will es dir sagen, du meinst gar nichts, denn dies ist auch eine von diesen sinnlosen Feinheiten. Eine Frau kann nicht rein sein, sie soll nicht rein sein, wie sollte sie das sein? Was ist das für eine Unnatur? Ist sie aus Gottes Hand mit der Bestimmung, es zu sein, hervorgegangen? Antworte mir! – Nein, und zehntausendmal nein. Was ist das denn für ein Wahnsinn? Warum wollt ihr uns denn mit der einen Hand bis zu den Sternen hinaufheben, wenn ihr uns doch mit der andern herabziehen müßt. Könnt ihr uns nicht auf Erden neben euch hergehen lassen, Mensch neben Mensch, und nicht das geringste mehr! Es ist uns ja unmöglich, sicher auf der Prosa dahinzuschreiten, wenn ihr uns mit eurem Irrlicht von Poesie blind macht. Laßt uns in Ruhe! Um Gottes willen laßt uns in Ruhe!«

Sie setzte sich nieder und weinte.

Niels verstand viel; Fennimore wäre unglücklich gewesen, hätte sie gewußt, wie viel. Es war ja zum Teil die alte Geschichte von dem Festgericht der Liebe, das nicht tägliches Brot werden will, sondern beständig Festgericht bleibt, nur schaler, Tag für Tag widerlicher, immer weniger nahrhaft wird. Und der eine kann das Wunder nicht tun, und der andre kann es auch nicht; und da sitzen sie jetzt in ihren Festgewändern und geben acht darauf, daß sie einander zulächeln und festliche Worte gebrauchen; in ihrem Innern aber herrscht eine Qual von Hunger und Durst, und ihre Blicke beginnen sich voreinander zu fürchten; denn der Haß sprießt in ihren Herzen. War das nicht das erste, und war es dann nicht zweitens auch die andre, ebenso traurige Geschichte von der Verzweiflung einer Frau darüber, daß sie sich nicht selbst zurücknehmen kann, wenn sie entdeckt, daß der Halbgott, deren Braut sie fröhlich war, nur ein ganz gewöhnlicher Sterblicher ist? Erst die Verzweiflung, die unnütze Verzweiflung und dann die nützliche Erschlaffung, war es nicht das? Er glaubte, daß es so war; und er verstand es alles, die Härte bei ihr, die herbe Demut und ihre Roheit, die für sie der herbste Tropfen in dem ganzen Becher war. Allmählich begriff auch er, wie lästig seine Rücksichtnahme, seine ehrerbietige Huldigung ihr sein mußte, sie reizen mußte, weil es für eine Frau, die von dem Purpurlager ihrer Träume auf das Steinpflaster hinausgestürzt ist, so nahe liegt, jeden einzelnen fast zu hassen, der Teppiche über die Steine breiten will; denn in der ersten Bitterkeit will sie gerade die Härte in ihrer ganzen Stärke fühlen; sie läßt sich nicht daran genügen, den Weg auf ihren Füßen zurückzulegen; sie will ihn auf den Knieen entlangkriechen, und das gerade da, wo er am steilsten ist und die Steine am spitzigsten sind. Sie will keine Hand oder Hilfe, will ihren Kopf nicht erheben; laß ihn so schwer wiegen, wie er wiegen mag, sie muß ihr Gesicht ganz tief im Staube wissen, den sie mit ihrer Zunge schmecken will.

Sie tat Niels so leid, aber er ließ sie in Ruhe, so wie sie es wollte.

Es war so schwer, sie leiden zu sehen, nicht helfen zu dürfen, weit davon zu sitzen und sie in dummen Träumen glücklich zu träumen oder in kluger Ärzteweisheit abzuwarten und zu berechnen, sich selbst so traurig und so klug zu sagen, daß es keine Linderung gibt, bevor ihre alte Hoffnung auf den feinen, funkelnden Reichtum des Lebens sich ganz verblutet hat und ein trägerer Lebensstrom durch die Adern ihres Wesens zu rinnen beginnt und sie schlaff genug gemacht hat, um zu vergessen, schwer genug, um sich zu begnügen, und schließlich, schließlich grob genug, um sich an der Seligkeit einer Stickluft zu erfreuen, viele Himmel tiefer als die, der sie sich entgegensehnte und für die sie sich so flehentlich, so angstvoll Schwingen erbeten hatte, um sie erreichen zu können. – Widerwillen gegen alles ergriff ihn, wenn er so daran dachte, daß sie, vor der er einst in seinem Herzen demütig und anbetend gekniet hatte, daß sie so tief hinabgezwungen, in Knechtschaft gestoßen werden sollte, daß sie am Gitter stehen und frieren sollte, während er hoch zu Pferd vorüberritt und die großen Geldstücke des Lebens in seiner Tasche klingelten.

 

Eines Sonntagnachmittags Ende August ruderte Niels über den Fjord. Er fand Fennimore allein zu Hause; sie lag drinnen in der Eckstube auf einem Sofa, als er kam, und bei jedem Atemzug jammerte sie mit einem kurzen, regelmäßigen Stöhnen, daß einem die Schmerzen zu erleichtern scheint, wenn man krank ist. Sie sagte, sie habe solche schreckliche Kopfschmerzen und niemand sei zu Hause, um ihr zu helfen. Das Mädchen habe die Erlaubnis erhalten, zu ihren Eltern nach Hadssund zu gehen, und kurz, nachdem sie gegangen, sei jemand gekommen und habe Erich geholt; sie könne nicht begreifen, wohin sie in dem Regenwetter gefahren seien. Jetzt habe sie hier ein paar Stunden gelegen und zu schlafen versucht, aber daran sei gar nicht zu denken vor Schmerzen. Sie habe das noch niemals gehabt, und es sei so plötzlich gekommen – heute mittag habe ihr noch gar nichts gefehlt – zuerst in den Schläfen und dann tiefer und tiefer drinnen, gleichsam hinter dem Auge – wenn es nur nicht gefährlich sei. Sie kenne es gar nicht, krank zu sein, und fühle sich so erschreckt und unglücklich.

Niels tröstete sie nach besten Kräften, sagte, sie solle stillliegen, die Augen schließen und schweigen; er suchte einen dicken Schal hervor, den er um ihre Füße legte, holte Essig aus dem Büfett und machte einen nassen Umschlag zurecht, den er ihr auf die Stirn legte. Dann setzte er sich still ans Fenster und sah in den Regen hinaus.

Von Zeit zu Zeit schlich er auf den Zehenspitzen zu ihr hin, wechselte den Umschlag, ohne zu sprechen, nickte ihr nur zu, wenn sie dankbar zwischen seinen Händen zu ihm emporsah. Zuweilen wollte sie sprechen, aber er wehrte alle Worte mit beschwichtigender Miene ab, indem er den Kopf schüttelte; dann ging er wieder an seinen Platz zurück.

Endlich schlief sie ein.

Eine Stunde verging, und noch eine, und sie schlief noch immer; die eine Viertelstunde glitt langsam in die andre über, während das trübselige Tageslicht mehr und mehr abnahm und die Schatten des Zimmers nach und nach wuchsen und aus den Möbeln und den Wänden aufstiegen. Und der Regen da draußen strömte weiter, gleichmäßig und unablässig, alles, was an Lauten lebte, mit seinem rieselnden Sausen dämpfend.

Sie schlief noch immer.

Die Essigdämpfe und der Vanillegeruch von den Heliotropen in den Fenstern vereinigten sich zu einem säuerlichen Weinduft und füllten die Luft, die, warm von ihrem Atem, einen immer dichteren Tau über die grauen Fensterscheiben legte, je mehr draußen die Kühle des Abends zunahm.

Er war jetzt weit weg in Erinnerungen und Träumen, während doch die ganze Zeit ein Teil seines Bewußtseins bei der Schlafenden Wache hielt und ihren Schlaf verfolgte. Ganz allmählich, während die Dunkelheit zunahm, ermüdete die Phantasie von den aufflackernden und immer wieder erlöschenden Träumen, so wie das Erdreich müde wird, beständig dieselbe Frucht hervorzubringen; und die Träume wurden matter, unfruchtbarer, ohne üppige Einzelheiten, und wurden steif, sie verloren ihre lang emporschießenden, seltsam gewundenen Ranken. Und der Sinn ließ es alles fallen, das Ferne, und kehrte heim. – Wie still war es nicht! Befanden sie sich nicht, er wie auch sie, auf einer Insel des Schweigens, die sich über dem einförmigen Tonmeer des Regens erhob? Und ihre Seelen waren still, so still und geborgen, während die Zukunft in einer Friedenswiege zu schlummern schien.

Möchte sie nie erwachen, möchte alles so bleiben wie jetzt, auch nicht das geringste Glück mehr als das, was im Frieden lag; aber dann auch keinen Kummer, keine rollende Unruhe! Könnte sich dieser Lebensaugenblick doch schließen, wie eine Knospe sich um sich selber schließt, möchte kein Frühling mehr kommen!

Fennimore rief; sie hatte eine Zeitlang wach gelegen, so glücklich, sich von Schmerzen befreit zu fühlen, daß sie nicht daran gedacht hatte, zu sprechen. Jetzt wollte sie sich erheben und Licht anzünden, aber Niels fuhr fort, den Arzt zu spielen, und zwang sie, liegen zu bleiben. Es sei nicht gut für sie, schon jetzt aufzustehen, er habe Streichhölzer und würde die Lampe schon finden.

Als er sie angezündet hatte, stellte er sie in die Ecke auf die Blumentreppe, so daß die runde, weißleuchtende Kuppel halbwegs von dem feinen schlummernden Laub einer Akazie versteckt war, und es wurde gerade so hell im Zimmer, daß sie ihre Gesichter sehen konnten.

Er setzte sich vor sie hin, und sie sprachen vom Regen, davon, wie gut es sei, daß Erich seinen Regenmantel mitgenommen hatte, und wie naß die arme Trine werden würde. Dann geriet das Gespräch ins Stocken.

Fennimores Gedanken waren noch etwas schläfrig, und die Schlaffheit, die sie überfallen hatte, ließ es sie angenehm empfinden, so dazuliegen und halbwegs zu denken, ohne zu sprechen, und Niels war auch nicht zur Unterhaltung aufgelegt, er stand noch unter dem Bann des langen Schweigens dieses Nachmittags.

»Magst du dies Haus leiden?« sagte Fennimore endlich.

»Ach ja, ganz gern.«

»Wirklich! entsinnst du dich der Möbel daheim?«

»In Fjordby? – ganz deutlich!«

»Wie ich sie liebe, und wie ich mich oft nach ihnen sehne! Diese hier, das sind ja nicht unsre, die sind nur gemietet, haben nichts mit uns zu tun; sie tragen für uns keine Erinnerungen an irgend etwas in sich, und wir werden auch nicht länger mit ihnen leben, als wir hier bleiben. Du findest wohl, daß das seltsam ist; aber ich versichre dich, ich fühle mich oft so einsam zwischen all den fremden Möbeln, sie stehen hier so gleichgültig und so dumm und lassen mich sein, wer ich bin, ohne sich das geringste aus mir zu machen. Und da sie mir nicht folgen sollen, sondern nur bleiben werden, bis andre kommen und sie mieten wollen, so kann ich mich auch gar nicht an sie anschließen oder mich für sie interessieren, wie ich es tun würde, wenn ich wüßte, daß mein Heim stets ihr Heim sein würde und daß das, was das Leben an Gutem oder Bösem bringen wird, mich mitten zwischen ihnen treffen würde. Findest du, daß das kindisch ist? Vielleicht ist es das, aber ich kann nichts dafür.«

»Ich weiß nicht, was es ist; ich habe es selbst erfahren, damals, als ich allein im Ausland blieb. Meine Uhr wollte nicht gehen, und als ich sie dann vom Uhrmacher zurückbekam und sie wieder ging, da war es so ... so, wie du es meinst. Ich mochte es gern, es lag etwas Eigenartiges in dem Gefühl – wirklich etwas Gutes.«

»Ja, nicht wahr! ach, ich würde sie geküßt haben, wäre ich du gewesen.«

»Wirklich?«

»Sage mir,« fragte sie plötzlich, »du hast mir niemals etwas von Erich erzählt, damals als er ein Knabe war. Wie war er eigentlich?«

»Alles, was gut und schön war, Fennimore. Prächtig, brav, das Knabenideal eines Knaben in jeder Hinsicht, nicht gerade das Ideal einer Mutter oder eines Lehrers, aber das andre, was viel besser ist.«

»Wie vertrugt ihr euch, hattet ihr einander gern?«

»Ja, siehst du, ich war ganz verliebt in ihn, und er hatte nichts dagegen, so ungefähr war es; wir waren nämlich so verschieden. Ich ging nun immer einher, wollte Dichter werden und berühmt; aber weißt du, was er am liebsten werden wollte, als ich ihn eines Tages darnach fragte? – Indianer, ein richtiger, roter Indianer mit Kriegszeichen und all dem andern! Das konnte ich gar nicht verstehen, ich erinnere mich dessen noch; ich konnte nicht begreifen, daß man sich wünschte, ein Wilder zu werden; so zivilisiert war ich nun einmal.«

»Aber war es dann nicht seltsam, daß er Künstler werden wollte?« fragte Fennimore, und es lag etwas Kaltes und Feindliches in dem Ton, in dem sie fragte.

Niels bemerkte es und stutzte. »Ach nein,« sagte er dann, »es ist eigentlich selten, daß Menschen ihrer ganzen Natur nach Künstler werden. Und gerade solche offne, lebensgeübte Menschen wie Erich sehnen sich oft so unendlich nach dem, was zart und fein ist: das feine, jungfräulich Kalte, das süß Erhabene, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Nach außen hin können sie robust und vollblütig genug sein, ja, sie können sogar grob sein, und keiner ahnt, was für seltsame, romantische und gefühlvolle Geheimnisse sie mit sich führen, weil sie so schamhaft sind; so seelisch schamhaft, meine ich, sind sie, diese großen hartauftretenden Männer: keine bleiche kleine Jungfrau kann in ihrer Seele schämiger sein als sie. Verstehst du, Fennimore, daß ein solches Geheimnis, das nicht mit schlichten Worten in die gewöhnliche, alltägliche Luft hineinerzählt werden kann, daß das einen Menschen zum Künstler zu stimmen vermag? Und sie können es nicht aussprechen, verstehst du, sie können nicht; man muß daran glauben, daß es da ist und still da drinnen lebt wie eine Zwiebel unten in der Erde, denn hin und wieder sendet es ja seinen duftenden, farbenfeinen Blumenschatz zum Licht hinauf. Verstehst du, verlange nichts für dich selbst von dieser Blumenkraft; glaube an sie, freue dich, sie nähren zu können und zu wissen, daß sie da ist. – Zürne nicht, Fennimore, aber ich fürchte, daß du und Erich nicht gut zueinander seid. Kann das nicht anders werden? Denke nicht daran, wer recht hat, auch nicht an die Größe des Unrechts; du sollst nicht gerecht gegen ihn sein; denn wohin würden die Besten von uns mit Gerechtigkeit kommen; nein, aber denke an ihn, wie er in der Stunde war, als du ihn am heißesten liebtest. Glaube mir, er ist dessen würdig, du sollst nicht messen, nicht abwägen; es gibt Augenblicke in der Liebe, das weiß ich, voll von einer lichten, hoheitsvollen Ekstase, wo man, wenn es verlangt würde, sein Leben für den Geliebten opfern könnte. Nicht wahr? Denke jetzt daran, Fennimore, vergiß es nicht, sowohl seinetwillen wie auch deinetwegen.«

Er schwieg.

Auch sie sprach nicht; sie lag still da, ein schweres Lächeln um die Lippen, bleich wie eine Blume.

Dann erhob sie sich halb und streckte Niels die Hand entgegen.

»Willst du mein Freund sein?« sagte sie.

»Das bin ich, Fennimore«, und er ergriff ihre Hand.

»Willst du, Niels?«

»Stets«, antwortete er und führte ihre Hand ehrerbietig an seine Lippen.

Dann erhob er sich, aufrechter, schien es Fennimore, denn je zuvor.

Kurz darauf kehrte Trine heim und meldete sich, und dann wurde Tee getrunken, und schließlich folgte eine Ruderfahrt durch den traurigen Regen.

Am lichten Morgen kam Erich zurück; und als Fennimore in dem kalten, nüchternen Tageslicht ihn sich auskleiden sah, um zu Bett zu gehen, schwer und unsicher vom Trunk, glasäugig vom Spiel und schmutzigbleich von der durchwachten Nacht, da erschienen ihr die holden Worte, die Niels gesprochen hatte, ganz phantastisch, und die lichten Versprechungen, die sie sich in ihrem stillen Sinn gegeben hatte, verblaßten vor dem heranwachsenden Tage–Traumgaukelei und Gedankentand: eine Edelschar von Lügen.

Was konnte es helfen, dagegen anzustreiten, mit dieser hoffnungslosen Schwere, die über ihnen beiden lag? Es war so nutzlos, sich zu tauschen; ihr Leben würde doch niemals mehr auf Federn gehen. – Der Frost war dagewesen; das Gebrause von Ranken, und den Ranken der Ranken, mit Büscheln von Rosen und noch Besserem, was sie umschlungen und sie verbunden hatte, das hatte auch das kleinste Blatt und jede Blume verloren; nur die nüchternen, zähen Weidenzweige, die sie mit unauslöslichen Banden zusammenhielten, die waren noch da. Was nützte es, daß sie mit Hilfe der Erinnerungswärme Gefühle längst entschwundener Tage zu einem künstlichen Leben erweckte und ihren Abgott wieder auf einen Sockel stellte, den Glanz der Bewunderung in seine Augen, Anbetungsworte auf seine Lippen und die Röte des Glücks auf seine Wangen legte; was konnte das nützen, wenn er es nicht übernehmen wollte, der Priester dieses Abgotts zu sein, und sie nicht bei ihrem frommen Betrug unterstützte! Er! Er kannte nicht einmal ihre Liebe wieder. Keins ihrer Worte war in seinem Ohr zurückgeblieben, kein Tag ihrer Tage lag geborgen in seiner Seele.

Nein, tot und still war die schwellende Liebe ihrer Herzen. Der Duft, das Licht und die zitternden Töne, alles war verweht, und da konnten sie in alter Gewohnheit beieinandersitzen, er mit dem Arm um ihre Taille, sie mit ihrem Kopf gegen seine Schulter gelehnt, so saßen sie schwer in Schweigen versunken da, vergaßen einander; sie, um sich jenes Herrlichen zu erinnern, der er doch niemals gewesen war, er, um sie zu einem Ideal zu erträumen, das er jetzt stets in einer Wolke, hoch über ihrem Haupte, strahlen sah. – Das war ihr Zusammenleben, und die Tage kamen und gingen wieder und brachten keine Veränderung, und Tag auf Tag starrten sie in die Wüste des Lebens hinaus und sagten sich selber, daß es eine Wüste sei, daß es dort keine Blumen und auch keine Aussicht auf Blumen, auf Quellen oder grüne Palmen gab.

Je weiter der Herbst vorschritt, desto häufiger wurden Erichs Fahrten zu den Zechgelagen. Was nütze es, sagte er zu Niels, daß er daheimsäße und auf die Ideen wartete, die niemals kämen, bis ihm die Gedanken im Kopf zu Stein würden? Übrigens war Niels' Gesellschaft ihm kein sonderlicher Trost; er hatte Leute nötig mit Lebenskraft, Leute, die brüllendes Fleisch und Blut waren und nicht nur eine Spieluhr zarter Nerven. Deshalb waren Niels und Fennimore oft allein beisammen, denn Niels ruderte jeden Tag hinüber nach Marianelund.

Der Freundschaftsbund, den sie miteinander geschlossen hatten, und die Worte, die zwischen ihnen an jenem Sonntagabend gefallen waren, hatten sie ungezwungener und ganz sicher in ihrem Verhältnis zueinander gemacht, und einsam, wie sie beide waren, schlossen sie eine warme und innige Freundschaft, die bald große Macht auf sie ausübte und ihren Sinn so in Anspruch nahm, daß ihre Gedanken, mochten sie nun zusammen oder getrennt sein, sich stets nach diesem Freundschaftsverhältnis hin bewegten, so wie Vögel, die an demselben Nest bauen, all das, was sie einsammeln, wie auch das, was sie verwerfen, mit dem einen trauten Ziel vor Augen sehen, gegenseitig und sich selbst das Nest recht warm und weich zu machen.

Kam Niels herüber und war Erich dann fort, so machten sie fast stets, es mochte regnen oder stürmen, lange Spaziergänge durch den Wald, der an den Garten stieß. Sie hatten sich in diesen Wald verliebt, und je mehr sein Sommerleben erlosch, desto lieber wurde er ihnen. Da waren ja auch tausenderlei Dinge zu beobachten. Zuerst, wie das Laub gelb und rot und braun wurde; dann, wie es herabfiel an einem Sturmtag, in gelben Schwärmen dahinfegend; wenn es still war, Blatt und Blatt und Blatt schwach gegeneinander raschelnd und zwischen den steilen Ästen und den schwanken braunen Zweigen hinabgleitend. Und wie jetzt das Laub von Bäumen und Büschen fiel, wie kamen da nicht die verborgensten Geheimnisse des Sommers in Nest auf Nest zum Vorschein; und was lag und saß dort nicht rundumher an zierlichem Samen und farbenreichen Beeren, braunen Nüssen, blanken Eicheln und allerliebsten Eichelnäpfchen, an Korallenbüscheln auf den Berberitzen, schwarz glänzenden Schlehdornbeeren und scharlachroten Urnen der Hagebutte. An den blattlosen Buchen saßen, Punkt neben Punkt, stachlige Bucheckern, und die Eberesche neigte sich schwer von roten Trauben, deren säuerlicher Duft an Apfelmost erinnerte. Späte Brombeeren lagen schwarz und braun in dem nassen Laub des Wegrandes; im Heidekraut wuchsen Tüttebeeren; und die wilde Himbeere trug zum zweitenmal ihre mattroten Früchte; die Farnen hatten wohl hundert Farben, jetzt, da sie welkten; und dann das Moos, das war eine ganze Entdeckung, nicht nur das kräftige Moos in Ebenen und an Abhängen, das, was Tannen und Palmen und Straußenfedern gleichen kann, sondern auch das feine Moos auf den Baumstämmen, das so war, wie man sich die Kornfelder der Elfen vorstellen mag, das in seinen, feinen Halmen, mit dunkelbraunen Knospen oben an der Spitze, wie Ähren, aufschoß.

Kreuz und quer streiften sie durch den Wald, eifrig wie Kinder, seine Schätze und Merkwürdigkeiten zu entdecken, und sie hatten ihn unter sich geteilt, auch so, wie Kinder es machen. Das, was auf der einen Seite des Fahrweges war, gehörte Fennimore, das auf der andern Niels, und sie verglichen oft ihre Reiche und stritten darüber, welches am größten in seiner Herrlichkeit war. Alles da drinnen hatte auch Namen, die Schluchten und Hügel, die Steige, Zäune, Gräben und Dämme. Und stand hie und da ein besonders großer oder prächtiger Baum, so bekam auch der seinen Namen. So hatten sie auf jede mögliche Weise von dem Wald Besitz ergriffen, und so hatten sie sich eine kleine Welt für sich allein geschaffen, die niemand sonst kannte und in der sich niemand so bewegen konnte wie sie, und doch war nicht ein Geheimnis zwischen ihnen, was nicht die ganze Welt hätte hören dürfen.

Noch gab es keins.

Aber die Liebe lebte in ihren Herzen und war doch wiederum nicht wirklich da, so wie sich in einer übersättigten Lösung Kristalle befinden und doch nicht da sind, nicht, bevor Splitter oder auch nur ein Körnchen des Richtigen sich in die Flüssigkeit senkt und gleichsam mit einem Zauberschlag die schlummernden Atome ausscheidet, so daß sie zu einer Begegnung aufeinander zustürzen, sich ineinander hineinbohren, Niet in Niet, nach unerforschlichen Gesetzen, und im selben Augenblick Kristalle sind... Kristalle.

So war es auch eine unbedeutende Sache, die sie fühlen ließ, daß sie liebten.

Da ist nichts zu erzählen. Es war ein Tag wie jeder andere, sie waren allein in der Wohnstube, wie schon hundertmal zuvor, und ihre Unterhaltung war ganz gleichgültig gewesen, und das, was nach außenhin geschah, war so alltäglich und gewöhnlich, wie nur möglich; es war nichts weiter, als daß Niels am Fenster stand und hinaussah und Fennimore zu ihm hinkam und auch hinaussah; das war das Ganze, aber es war genug; denn gleichsam wie beleuchtet von einem Blitz, wurde die Vergangenheit und die Gegenwart und die Zukunft für Niels verwandelt durch das Bewußtsein, daß er die Frau, die hier an seiner Seite stand, liebe, nicht wie etwas Helles und Süßes und Glückliches und Schönes, das ihn bis zur Seligkeit und zur Verzückung emporheben konnte, – so war seine Liebe nicht; er liebte sie wie etwas, das er ebensowenig entbehren konnte wie den Lebensatem; und wie einer, der kurz vor dem Ertrinken ist, um sich greift, so ergriff er ihre Hand und drückte sie an das Herz.

Und sie verstand ihn. Fast in einem Schrei und in einem Ton voller Entsetzen und Jammer rief sie ihm als Antwort und als Bekenntnis zu: »O ja, Niels!« und zog im selben Augenblick die Hand an sich.

Dann stand sie bleich da und schien einen Augenblick fliehen zu wollen, sank dann mit dem einen Knie auf einen gepolsterten Stuhl herab, verbarg ihr Antlitz gegen die sammetscharfe Stuhllehne und schluchzte laut.

Niels war einige Sekunden wie mit Blindheit geschlagen, und seine Hände tasteten zwischen den Hyazinthengläsern nach einer Stütze.

Das waren nur wenige Sekunden; dann trat er auf den Stuhl zu, wo sie lag, und beugte sich über sie, ohne sie zu berühren, die eine Hand auf die Lehne des Stuhls gestützt.

»Sei nicht so verzweifelt, Fennimore, sieh auf und laß uns zusammen sprechen. Willst du, willst du nicht? Du sollst nicht bange sein, laß es uns zusammen tragen, meine Geliebte, laß uns das tun! Versuch, ob du es kannst.« Sie erhob den Kopf ein wenig, dann sah sie ihn an; »Ach Gott, was sollen wir tun! – Ist es nicht furchtbar, Niels! Warum mußte es mir so auf Erden ergehen? Und wie schön hätte es sein können – so glücklich!« und wieder schluchzte sie.

»Hätte ich schweigen sollen,« klagte er, »arme Fennimore, wolltest du, du hättest es nie erfahren?«

Sie erhob den Kopf wieder und griff nach seiner Hand. »Ich wünschte, daß ich es wüßte und tot wäre; ach, läge ich doch in meinem Grabe und wüßte es; das wäre so schön, ach, so gut und so schön ...!«

»Es ist bitter für uns, Fennimore, daß unsere Liebe uns als erstes nur Angst und Tränen bringen muß. Findest du das nicht auch?«

»Du darfst nicht hart gegen mich sein, Niels; ich kann ja nicht anders. Du kannst es nicht so beurteilen wie ich; ich sollte stark sein, denn ich bin gebunden. Könnte ich doch meine Liebe mit Macht nehmen und sie in die geheimste Tiefe meiner Seele einsperren und all ihrem Jammer und ihrem Flehen gegenüber taub sein, und dann zu dir sagen, daß du weit, weit fortreisen solltest; aber ich kann es nicht, ich habe so viel gelitten, ich kann nicht auch dies noch ertragen; ich kann es nicht, Niels. Ich kann nicht ohne dich leben, sieh, kann ich es wohl? Glaubst du, daß ich es könnte?«

Sie erhob sich und schmiegte sich an seine Brust.

»Hier bin ich, und ich lasse dich nicht; ich will dich nicht gehen lassen und selbst in dem alten Dunkel zurückbleiben. Es ist wie ein bodenloser Abgrund von Überdruß und Pein; ich will mich nicht in ihn hinabstürzen; lieber gehe ich ins Wasser, Niels; und wenn auch das neue Leben Schmerzen bringen wird, so sind es doch neue Schmerzen, die nicht den tauben Stachel der alten haben und die nicht so sicher wie die alten zu treffen vermögen, die mein Herz so grausam genau kennen. Rede ich irre? – Ja, aber es tut so gut, rückhaltlos mit dir sprechen zu können, ohne daß ich mich mehr vor all dem vielen hüten muß, was ich dir doch nicht sagen durfte. Aber jetzt besitzt du ja das Recht vor allen andern! Ach, könntest du mich doch ganz nehmen, so daß ich ganz die Deine wäre und ich nicht im geringsten einem anderen gehörte; ach, könntest du mich aus den Verhältnissen, die mich umzäunen, emporheben!«

»Wir müssen hindurchbrechen, Fennimore. Ich werde es so gut einrichten, fürchte dich nur nicht; eines schönen Tages, ehe jemand das geringste ahnt, sind wir weit weg von hier.«

»Nein, nein; wir dürfen nicht weglaufen, nur das nicht; lieber alles andere, als daß meine Eltern hören sollten, ihre Tochter sei weggelaufen; das ist unmöglich, und ich werde es nie tun; bei Gott im Himmel, Niels, ich tue es nie!«

»Ach, aber du mußt, mein Lieb; siehst du denn nicht all das Häßliche und Niedrige, das sich von allen Seiten um uns erhebt, wenn wir bleiben, all diese abscheuliche List und Falschheit und Verstellung, die uns einengen und herabdrücken und uns so elend machen wird! Ich will nicht, daß du von all dem befleckt wirst; es soll sich nicht in unsere Liebe hineinfressen wie ein giftiger Rost.«

Aber sie blieb unbeweglich.

»Du weißt nicht, wozu du uns verurteilst,« sagte er betrübt, »es wäre viel besser, wenn wir jetzt mit eisernen Absätzen drauflosträten, statt zu schonen. Glaube mir, Fennimore, wenn unsere Liebe nicht unser alles ist, das Einzige, das Erste in der Welt, das, was vor allem andern gerettet werden muß, so daß wir draufloshauen, wo wir am liebsten heilen wollten, und Leid bringen, wo wir so viel lieber jeden Schatten von Leid fernhielten; wenn wir das nicht tun, so sollst du sehen, wie all das, worunter wir uns jetzt beugen, sich schwer auf unsre Schultern legt und uns in die Knie zwingt, so unbarmherzig und unerbittlich. – Ein Kampf auf den Knien, du weißt nicht, wie schwer der zu kämpfen ist! – Du darfst nicht weinen. Wollen wir ihn trotzdem kämpfen, mein Lieb, Seite an Seite, gegen das alles!«

Während der ersten Tage fuhr Niels fort, sie zur Flucht zu überreden; dann begann er sich auszumalen, wie schwer es Erich treffen würde, wenn er eines Tages zurückkäme und entdeckte, daß Freund und Frau miteinander fortgelaufen seien; und nach und nach nahm das Ganze in seinen Augen einen unnatürlich tragischen Schein von Unmöglichkeit an, und er gewöhnte es sich ab, an dies wie an so vieles andre, was er sich anders wünschte, zu denken, und gab sich mit ganzer Seele den Verhältnissen hin, so wie sie waren, ohne irgendeinen bewußten Versuch zu machen, sie umzudichten oder mit phantastischen Festons und Girlanden die Mängel wegzulügen. Aber wie süß war es nicht auch, zu lieben, endlich einmal die wirkliche Liebe des Lebens zu lieben; denn das war ja nicht Liebe, das, was er früher für Liebe gehalten hatte, weder die schwer schwellende Sehnsucht des Einsamen, noch das glühende Entbehren des Phantasten, noch die ahnungsvolle Nervosität des Kindes; es waren Ströme in dem großen Quell der Liebe, einzelne Reflexe seines vollen Lichts, Splitter der Liebe, so wie die Meteore, die durch die Luft jagen, Splitter eines Weltkörpers sind; denn das war die Liebe: eine Welt, die ganz war, etwas Volles, Großes, Geordnetes. Da gab es kein verworrenes, sinnloses Jagen von Gefühlen und Stimmungen; die Liebe war wie eine Natur, ewig wechselnd und ewig gebärend, und es starb keine Stimmung, es welkten keine Gefühle, ohne den Keim, den sie in sich trugen, zu etwas noch Vollkommenerem zu erwecken. Ruhig, gesund und mit tiefem Atemzug, so war es schön zu lieben, mit ganzer Seele zu lieben. Jetzt fielen die Tage neu und blank von dem Himmel selbst herab, kamen gar nicht als etwas Selbstverständliches hintereinander hergeschleppt wie die verschlissenen Bilder in einem Guckkasten; jeder von ihnen war eine Offenbarung, denn an jedem von ihnen fand er sich selber größer und stärker, großzügiger vor. Er hatte niemals eine solche Innigkeit und Macht von Gefühlen gekannt, und es gab Augenblicke, wo er sich selbst mehr Titan als Mensch erschien; eine solche Unerschöpflichkeit spürte er in seinem Innern, eine solche schwingenbreite Zärtlichkeit schwoll aus seinem Herzen, so weit war sein Blick, so riesenmild war sein Urteil.

Dies war der Anfang und das Glück, und sie waren lange glücklich.

Die tägliche Falschheit und Verstellung, die Luft von Unehre, in der sie sich bewegten, all das besaß jetzt noch keine Macht, es konnte sie in der verzückten Höhe, in die Niels ihr Verhältnis und auch sie selbst emporgehoben hatte, nicht erreichen; denn er war nicht nur bloß ein Mann, der die Frau seines Freundes verführte, oder richtiger, er war es; er sagte trotzig, daß er es sei; aber er war auch der, der dadurch eine schuldlose Frau errettete, die das Leben verletzt, gesteinigt, beschmutzt hatte; eine Frau, die sich schon hingelegt hatte, um ihre Seele sterben zu lassen; ihr hatte er wieder Zutrauen zu dem Leben eingeflößt, hatte ihr den Glauben an die besten Mächte des Lebens wiedergegeben, ihren Geist zu Adel und Hoheit emporgehoben, ihr das Glück wiedergeschenkt. Was war am besten, jenes schuldlose Elend oder das, was er für sie gewonnen hatte? Er fragte nicht danach; er hatte ja seine Wahl getroffen.

Ganz meinte er dies nicht. Der Mensch baut sich sehr oft Theorien auf, in denen er doch nicht wohnen will; die Gedanken schweifen oft viel weiter voraus, als ihnen das Gefühl für Recht und Unrecht folgen mag. Aber diese Vorstellung lebte in ihm und nahm der stets notwendigen Verschlagenheit, Falschheit, Gemeinheit, der Erbärmlichkeit, viel von ihrem ewig fressenden Eitergift.

Allmählich mußte es sich doch fühlbar machen; es nagte an all zu vielen feinen Nerven, als daß es nicht bald Schaden anrichten und Schmerz verursachen mußte; und die Zeit wurde sehr dadurch beschleunigt, daß Erich kurz nach Neujahr meinte, er habe eine Idee bekommen, etwas mit einem grünen Hemd, erzählte er Niels, und in einer drohenden Stellung. Ob er sich des Grünen in Salvator Rosas Jonas erinnere? Etwas nach der Richtung hin.

Obgleich Erichs Arbeiten meist darin bestanden, daß er im Atelier auf dem Sofa lag, Shag rauchte und Marryat las, so hielt ihn das doch eine Zeitlang viel zu Hause, zwang sie dadurch zu neuer Vorsicht und verursachte neue Ausreden und neue Lügen.

Daß Fennimore sich nach dieser Richtung hin so erfindsam erwies, ließ die erste Wolke am Himmel aufsteigen. Es war anfangs nichts, nur ein funkenflüchtiger, vorüberjagender Zweifel bei Niels, ob seine Liebe nicht edler sei als die, die er liebte. Aber dieser Gedanke war nicht rein und klar, es war nur eine unklare Ahnung, die nach dieser Richtung zeigte, ein undeutliches Versagen in seinem Sinn, das nach dieser Seite neigte.

Aber es kehrte wieder und hatte mehr im Gefolge, erst ebenfalls vage und unbestimmt, dann schärfer und schärfer mit jedem Male. Und es war erstaunlich, mit welch einer reißenden Schnelligkeit es untergraben, herabdrücken, den Glanz wegnehmen konnte. Ihre Liebe wurde nicht geringer, im Gegenteil, in dem Maße, wie sie sank, wurde sie leidenschaftlicher, glühender; aber diese Händedrücke, die man sich unter Decken stahl, diese Küsse auf Dielen und hinter Türen, diese langen Blicke, gerade unter den Augen des Betrogenen, das nahm ganz den großen Stil mit sich fort. Das Glück stand nicht mehr still über ihren Köpfen; sie mußten sich sein Lächeln und sein Licht erhaschen, wo es sich gerade am besten machen ließ, und die List und die Schlauheit waren nicht nur traurige Notwendigkeit mehr, sondern auch vergnügliche Triumphe; die Falschheit wurde ihr rechtes Element und machte sie so erbärmlich und klein. Da gab es auch erniedrigende Geheimnisse, über die früher jeder für sich getrauert hatte, sich gegenseitig darüber unwissend haltend, die mußten sie jetzt teilen; denn Erich war nicht schüchtern, und es konnte ihm oft einfallen, seine Frau in Niels Gegenwart zu liebkosen, sie zu küssen, sie auf den Schoß zu nehmen und sie zu umarmen, und Fennimore wagte nicht, dies abzuweisen, oder besaß nicht wie früher Würde genug, diese Liebkosungen abzuwehren; das Bewußtsein ihrer Schuld machte sie unsicher und bange.

So sank und sank das hohe Schloß ihrer Liebe, das Schloß, von dessen Zinnen herab sie so stolz über die Welt hinausgeschaut und wo sie sich so stark und so groß gefühlt hatten.

Aber sie waren zwischen seinen Ruinen froh. Wenn sie jetzt im Walde gingen, so wählten sie am liebsten dunkle Tage, wo der Nebel in den braunen Zweigen hing und zwischen nassen Stämmen eine dichte Wand zog, so daß niemand sie sehen konnte, wenn sie sich hier küßten und dort umarmten, und niemand sie hören konnte, wenn ihre leichtsinnige Rede in übermütigen Lachfanfaren ausklang.

Jener Stempel von der Melancholie der Ewigkeit, der ihrer Liebe ihr Gepräge verliehen hatte, war ausgelöscht; eitel Lächeln und Scherz herrschte jetzt zwischen ihnen, und über ihnen lag auch eine fiebernde Geschäftigkeit, eine Gier nach den dahinschwindenden Sekunden des Glücks, als müßten sie sich beeilen zu lieben und hätten nicht das ganze Leben vor sich.

Es brachte keine Veränderung mit sich, als Erich nach Verlauf eines Monats seiner Idee überdrüssig wurde und wieder seine Fahrten so eifrig aufnahm, daß er selten zwei Tage hintereinander zu Hause war. Wohin sie gefallen waren, da blieben sie. Vielleicht, daß sie ein vereinzeltes Mal, in einsamen Stunden, mit Bedauern nach den Höhen zurückstarrten, von wo sie herabgefallen waren; vielleicht, daß sie sich nur darüber wunderten, wie anstrengend es gewesen sein mußte, sich dort oben zu halten, und daß sie sich hier, wo sie jetzt waren, weicher gebettet fühlten. Es trat keine Veränderung ein. Jedenfalls keine, die zu der Vergangenheit zurückführte; aber die schlaffe Gemeinheit, die darin lag, so zu leben, wie sie lebten, und doch nicht zusammen fortzulaufen, ward ihnen immer bewußter und koppelte sie immer dichter und niedriger aneinander, in einem gemeinsamen Gefühl ihrer Schuld; denn keiner von beiden wünschte sich die Dinge anders, als sie waren. Auch verbargen sie es nicht voreinander; denn es hatte sich eine zynische Vertraulichkeit zwischen ihnen entwickelt, so wie sie gern zwischen Mitschuldigen zu entstehen pflegt, und es gab nichts in ihrem Verhältnis, das mit Worten zu berühren sie sich fürchteten. Mit einer traurigen Offenherzigkeit nannten sie die Dinge beim rechten Namen; sie sähen ihnen in die Augen, so wie sie waren, sagten sie; und so war es auch.

Im Februar hatte es so ausgesehen, als wenn der Winter überstanden sei, aber dann kam Mutter März in ihrem weißen Mantel mit dem losen Futter, und Schneeflocke auf Schneeflocke deckte die Erde zu mit einer dicken Schicht. Späterhin wurde es dann so still, mit klingendem Frost; und auf dem Fjord lag ein viertel Meter dickes Eis, das lange liegen blieb.

Gegen Ende des Monats, eines Abends nach dem Tee, saß Fennimore in der Wohnstube und wartete.

Das Zimmer war hell erleuchtet; das Klavier stand geöffnet, die Lichter waren angezündet, und der Schleier war von der Lampe genommen, so daß die Goldleisten und alles, was an den Wänden hing, deutlich und wach hervortraten. Die Hyazinthen hatte sie vom Fenster auf den Schreibtisch gesetzt, und jetzt standen sie dort, ein Haufe lichter Farben, und erfüllten die Luft mit ihrem reinen, gleichsam kühlen, starken Duft. Im Ofen brannte das Feuer mit einem gedämpften, vergnüglichen Schnurren.

Fennimore ging im Zimmer auf und ab, sie balancierte fast auf einem der dunkelroten Streifen des Teppichs. Sie trug ein etwas altmodisches, schwarzseidenes Kleid, das, schwer von Garnierungen, hinter ihr herschleppte und sich, während sie ging, von der einen Seite auf die andere legte.

Sie summte vor sich hin und faßte mit beiden Händen in die blaßgelbe Kette großer Bernsteinperlen, die sie um den Hals trug; und wenn sie auf ihrem roten Streifen schwankte, hörte sie auf zu summen, ließ aber nicht ab, die Kette zu halten. Vielleicht sollte ihr Gang eine Vorbedeutung sein, daß, wenn sie so und so viele Male über den Fußboden gehen konnte, ohne von dem Streifen abzuweichen und ohne die Hände loszulassen, daß dann Niels kommen würde.

Er war am Vormittag, als Erich fortfuhr, dagewesen und war bis gegen Abend geblieben; aber er hatte versprochen, wieder nachzusehen, sobald der Mond zum Vorschein käme und es so hell würde, daß er sich vor den offnen Stellen im Eise draußen auf dem Fjord in acht nehmen konnte.

Fennimore hatte das Wahrsagen beendet, welches Ergebnis es auch gehabt haben mochte, und trat ans Fenster.

Es sah gar nicht so aus, als wenn der Mond noch heute abend zum Vorschein kommen wollte, so schwarz wie der Himmel war; und es war viel dunkler auf dem graublauen Eis als drinnen an Land, wo der Schnee lag. Es war wohl das Richtigste, wenn er ausblieb. Und mit einem resignierten Seufzer setzte sie sich an das Klavier, stand aber wieder auf, um nach der Stutzuhr zu sehen; dann kehrte sie zurück und stellte resolut ein großes, dickes Notenheft vor sich hin, spielte aber trotzdem nicht: sie blätterte geistesabwesend in dem Buch und versank in Gedanken.

Wenn er nun trotzdem drüben auf dem andern Ufer stand, die Schlittschuhe anschnallte und in einem Augenblick hier war! Sie sah ihn so deutlich vor sich; er atmete etwas schwer nach dem Lauf und blinzelte mit den Augen bei dem Licht hier drinnen, nach all der Dunkelheit. Es kam solche Kälte mit ihm herein, und sein Bart war ganz voll von winzig kleinen, glitzernden Tropfen. Dann würde er sagen – was würde er sagen?

Sie lächelte und sah an sich hinab.

Und noch war kein Mond da.

Sie trat wieder ans Fenster, blieb stehen und sah in die Dunkelheit hinaus, bis diese in weißen, kleinen Funken und regenbogenfarbigen Ringen vor ihren Augen tanzte. Aber sie waren so unbestimmt. Sie wünschte, es möge draußen ein Feuerwerk sein, Raketen, die in einem langen, langen Streifen in die Luft stiegen und dann zu kleinen Würmern wurden, die sich in den Himmel hineinbohrten und in einem Knall verschwanden; – oder auch eine große, große matte Kugel, die in die Luft emporzitterte und sich dann langsam in einem Regen von tausendfarbigen Sternen herabsenkte: sieh! sieh! so weich und rund wie eine Verbeugung, wie ein Goldregen, der sich neigt, – lebt wohl! lebt wohl! das waren die letzten. – Mein Gott, daß er auch gar nicht kam! – und sie wollte nicht spielen. Im selben Augenblick wandte sie sich nach dem Klavier um, schlug eine Oktave hart an und hielt die Tasten nieder, bis der Ton ganz, ganz verklungen war, und wieder, wieder und immer wieder. Sie wollte nicht spielen. Nicht spielen, nicht spielen. – Aber sie wollte tanzen! – Einen Augenblick schloß sie die Augen und brauste in Gedanken durch einen gewaltig großen Saal von Rot und Weiß und Gold. – Wie herrlich wäre es, wenn man getanzt hätte, wenn man jetzt warm und durstig wäre und Champagner tränke! Dann mußte sie daran denken, wie sie und eine Freundin damals, als sie zur Schule gingen, Champagner aus Selterwasser und Eau de Cologne gemacht hatten und krank geworden waren, als sie es tranken.

Sie richtete sich auf und ging durch die Stube, instinktmäßig ihr Kleid nach dem Tanze ordnend.

»Als ob wir dann vernünftig geworden wären!« sagte sie halblaut, griff nach ihrer Handarbeit und setzte sich in einen großen Lehnstuhl neben der Lampe hin.

Aber sie war nicht fleißig; bald sanken die Hände in den Schoß, und nach und nach kroch sie mit kleinen Bewegungen traulich in dem großen Stuhl zusammen, schmiegte sich rund in ihn hinein, die Hand unter der Wange, und das Kleid einhüllend über die Füße gezogen.

Sie dachte neugierig daran, ob die andern Frauen so wären wie sie, ob sie sich geirrt und dann unglücklich gewesen und dann einen andern genommen hätten. Eine nach der andern nahm sie die Damen daheim aus Fjordby vor; dann dachte sie an Frau Boye. Niels hatte ihr von Frau Boye erzählt, und sie war stets ein kitzelndes Rätsel für sie gewesen, dies Frauenzimmer, das sie haßte und durch das sie sich gedemütigt fühlte.

Erich hatte ihr auch einmal erzählt, daß er wahnsinnig in Frau Boye verliebt gewesen sei.

Wer doch alles von ihr wüßte!

Sie lachte bei dem Gedanken an Frau Boyes neuen Mann.

Und die ganze Zeit hindurch, während sie mit all diesem beschäftigt war, sehnte sie sich nach Niels, lauschte, ob sie ihn nicht hören könne, und stellte sich ihn vor, wie er käme, beständig draußen über das Eis daherkäme. Sie ahnte ja nicht, daß sich schon seit zwei Stunden ein schwarzer kleiner Punkt von einer ganz anderen Seite her über die schneeweißen Felder vorwärts gearbeitet hatte, mit einer ganz andern Nachricht für sie als die, die sie von der gegenüberliegenden Seite des Fjords erwartete. Es war nur ein Mann in Beiderwand und Schmierstiefeln, und nun klopfte er an das Küchenfenster und erschreckte das Mädchen.

Da sei ein Brief, sagte Trine, als sie zu ihrer Herrin in das Wohnzimmer kam.

Fennimore nahm ihn entgegen; es war ein Telegramm. Ruhig gab sie dem Mädchen die Bescheinigung und ließ sie gehen; sie war gar nicht ängstlich. Erich hatte in der letzten Zeit verschiedentlich an sie telegraphiert, daß er am nächsten Tage mit einigen Gästen zurückkehre.

Und dann las sie.

Plötzlich erblaßte sie, fuhr verwirrt von ihrem Sitz auf und starrte mit erwartungsvollem Entsetzen auf die Tür.

Sie wollte es nicht hereinlassen, sie wagte es nicht; mit einem Sprung warf sie sich gegen die Tür, stemmte die Schulter dagegen und versuchte, den Schlüssel umzudrehen, so daß er sie in die Hand schnitt. Aber er wollte sich nicht herumdrehen lassen, wie hart sie ihn auch anfaßte. Dann ließ sie los. Es war ja auch wahr – es war ja gar nicht hier, weit fort von ihr in einem fremden Haus.

Sie begann zu zittern; ihre Knie konnten sie nicht länger tragen, und neben der Tür glitt sie auf den Fußboden nieder.

Erich war tot; die Pferde waren durchgegangen, hatten den Wagen an einer Straßenecke umgeworfen und Erich mit dem Kopf gegen die Mauer geschleudert. Der Kopf war zerschmettert, und jetzt lag Erich tot in Aalborg. So war es zugegangen, und das meiste davon stand im Telegramm. Auf dem Wagen war außer ihm nur der weißhalsige Hauslehrer, der Araber, gewesen; und der hatte telegraphiert.

Sie lag an der Erde und jammerte still vor sich hin, beide Hände flach gegen den Teppich gestemmt, den Blick abwärts gewandt, ausdruckslos und starr, hilflos den Oberkörper von der einen Seite zur andern wiegend.

Vor einem Augenblick noch war es so licht und duftend um sie gewesen; und sie konnte, so gerne sie auch wollte, dies alles nicht so auf einmal gegen die Trauer und die pechschwarze Nacht der Reue vertauschen. Es war nicht ihre Schuld, aber in ihrem Bewußtsein spukte es noch mit dem unsichern, blendenden Schimmer von Liebesglück und Liebeslust; und starke, törichte Wünsche wollten sich hervorstürzen, sie sehnten sich nach einer Seligkeit des Vergessens oder danach, das krampfhaft rollende Rad der Begebenheiten zurückzustoßen.

Aber das verging bald.

In schwarzen Schwärmen, aus allen Ecken, flogen die dunklen Gedanken wie Raben heran, angelockt von der Leiche ihres Glücks, und hackten dahinein, Schnabel an Schnabel, während noch die Wärme des Lebens sich zögernd darin aufhielt. Und sie rissen und krallten und machten sie widerlich und unkenntlich; jeder Zug wurde entstellt und verzerrt, bis alles ein ganzer Aashaufen von Scheußlichkeiten und Schrecken ward.

Sie erhob sich und ging umher, stützte sich wie eine Kranke gegen Stühle und Tische, und verzweifelt sah sie empor nach einem Spinngewebe von Hilfe, nur nach einem tröstenden Blick, einer kleinen Liebkosung von Mitleid; aber ihre Augen begegneten nur den grell beleuchteten Familienbildern, allen diesen Fremden, die Zeugen ihres Falles und ihrer Schuld gewesen waren, schläfrigen alten Herren, Matronen mit prüden Mündern, und dann diesem ewigen Zwergenkind, das sie überall hatten, dem Mädchen mit den großen, runden Augen und dem ausgehöhlten Stirnberg. Dieser fremde Besitz hatte im Laufe der Zeiten genug Erinnerungen aufgenommen, dieser Tisch hier, dieser Stuhl da, der Schemel mit dem schwarzen Pudel und die schlafrockähnliche Portiere, – sie hatte das alles mit Erinnerungen gesättigt, mit buhlerischen Erinnerungen, die es jetzt von sich spie und hinter ihr herschleuderte – ach, es war schrecklich, mit all diesen Gespenstern der Sünde und mit sich selbst eingesperrt zu sein; sie schauderte vor sich selber, sie drohte ihr, dieser ehrlosen Fennimore, die zu ihren Füßen zusammenkroch; sie zog ihr Kleid aus ihren flehenden Händen weg. Gnade! nein, da gab es keine Gnade; wie konnte es vor jenen toten Augen in der fremden Stadt Gnade geben, die jetzt, da sie gebrochen waren, sahen, wie sie seine Ehre in den Kehricht geworfen, an seiner Lippe gelogen hatte, an seinem Herzen treulos gewesen war.

Sie konnte fühlen, wie diese toten Augen an ihr hingen, diese toten Augen, sie wußte nicht woher; sie wand sich unter ihnen, um ihnen zu entgehen, aber sie verfolgten sie, glitten wie zwei eisige Strahlen über sie hin; und während sie so hinabstarrte und jeder Faden in dem Teppich, jeder Stich auf den Schemeln so unnatürlich vor ihren Augen wurde in dem grellen, starken Licht da drinnen, da spürte sie, wie die Schritte eines toten Mannes sie umkreisten und tatsächlich ihre Kleidung berührten, so daß sie voll Entsetzen aufschrie und zur Seite fuhr. Aber dann war es dort vor ihr wie Hände und doch nicht wie Hände, etwas, das langsam nach ihr griff, höhnisch triumphierend nach ihrem Herzen griff, nach diesem Wunder der Falschheit, dieser gelben Perle der Treulosigkeit! Und sie wich zurück, bis sie gegen den Tisch stieß, aber es war noch da, und ihre Brust war kein Schutz dagegen, es griff durch Haut und Fleisch wie ... Sie starb fast vor Angst, während sie dort stand, sich wehrlos hintenüber krümmend über den Tisch, während sich alle Nerven voller Erwartung zusammenzogen und das Auge starrte, als sollte es in seiner Höhle ermordet werden.

Dann ging das vorüber.

Sie sah sich mit einem unsicheren Blick um, fiel auf die Knie und betete lange. Sie bereute und bekannte wild und rücksichtslos in stetig wachsender Leidenschaftlichkeit, mit ganz demselben fanatischen Haß gegen sich selbst, der die Nonne dazu treibt, ihren nackten Körper zu geißeln. Sie suchte begeistert nach gemeinen Worten und berauschte sich in Selbsterniedrigung und in einer Demut, die nach Geringheit brannte.

Endlich erhob sie sich. Ihre Brust bewegte sich stark und unruhig, es lag ein schwacher Glanz auf ihren blassen Wangen, die unter dem Gebet gleichsam voller geworden zu sein schienen.

Sie sah sich mit einem Blick in der Stube um, als wenn sie etwas in sich beschwöre, still zu schweigen; dann ging sie in eins der dunklen Seitenzimmer, schloß die Tür hinter sich zu, stand einen Augenblick still, um sich an das Dunkel zu gewöhnen, und tastete sich dann bis zu der Tür vor, die zu der geschlossenen Glasveranda hinausführte, und ging dahinein.

Es war heller dort; der Mond, der jetzt zum Vorschein gekommen war, schien durch das Gefunkel von Kristallen auf der zugefrorenen Glaswand, schien gelblich durch die Fensterscheiben, rot und blau durch die Rechtecke aus buntem Glas, die den Rahmen um die Scheiben bildeten.

Irgendwo taute sie mit ihrer Hand ein Loch in das Eis und trocknete das Wasser sorgsam mit ihrem Taschentuch.

Noch war niemand da draußen auf dem Fjord zu sehen. Dann fing sie an, in ihrem Glasbauer auf und ab zu gehen. Es waren keine andern Möbel da draußen als ein Rohrsofa von geschweiftem Holz; und das lag voll von welken Efeublättern von den Ranken oben unter der Decke. Jedesmal, wenn sie an ihnen vorüberkam, raschelten die Blätter leise im Luftzug, und hin und wieder fand ihr Kleid auch ein Blatt auf dem Fußboden und zog es mit einem kratzenden Laut über die Dielen hinter sich her.

Auf und ab ging sie auf ihrem traurigen Wachtposten, die Arme über der Brust gefaltet, sich gegen die Kälte wappnend.

Er kam.

Mit einem Ruck öffnete sie die Tür und trat in ihren dünnen Schuhen in den eisigen Schnee hinaus.

Sie gönnte es sich, sie hätte barfuß zu dieser Begegnung gehen können.

Niels mäßigte seine Fahrt beim Anblick dieser schwarzen Gestalt gegen den Schnee und kam dann in zögernden, tastenden Schwingungen langsam auf das Ufer zu.

Es war, als brenne diese schleichende Gestalt ihr in den Augen. Jede Bewegung, jeder Zug, den sie wiedererkannte, schlug sie gleichsam wie ein schamloses Verhöhnen, prahlte gleichsam mit entwürdigenden Geheimnissen. Sie zitterte vor Haß, ihr Herz schwoll von Verwünschungen an, und sie konnte kaum ihr Gemüt beherrschen.

»Ich bin es,« rief sie ihm höhnisch entgegen, »die Dirne Fennimore!«

»Aber in Gottes Namen, Lieb?« fragte er verwundert, jetzt nur noch einige Schritte von ihr entfernt.

»Erich ist tot.«

»Tot! Und wann?« er mußte auf den Schlittschuhen in den Schnee hineintreten, um nicht zu fallen. »Aber so sprich doch nur!« und er tat eifrig einen Schritt vorwärts.

Sie standen einander jetzt von Angesicht zu Angesicht gegenüber, und sie mußte sich Gewalt antun, um nicht mit geballter Faust in diese bleichen, verstörten Züge hineinzuschlagen.

»Ich werde es dir schon sagen,« antwortete sie, »er ist tot, wie ich dir sage; die Pferde gingen in Aalborg durch, und sein Kopf wurde zerschmettert, als wir hier gingen und ihn betrogen.«

»Das ist schrecklich,« stöhnte Niels und griff sich an die Schläfen; »wer hätte auch ahnen können ... ach, wären wir ihm doch treu gewesen, Fennimore! Erich, armer Erich! Ach, wenn es doch nur mich getroffen hätte«, und er schluchzte laut, krümmte sich vor Schmerz.

»Ich hasse dich, Niels Lyhne!«

»Ah, bah, wir!« stöhnte Niels ungeduldig; »hätten wir ihn doch nur wieder! Arme Fennimore!« verbesserte er sich dann, »kehr dich nicht an mich. Du hassest mich, sagst du? Ja, das darfst du schon.« Er richtete sich plötzlich auf. »Laß uns hineingehen,« sagte er, »ich weiß nicht, was ich selbst spreche. Wer, sagtest du, hat telegraphiert?«

»Hineingehen!« schrie Fennimore, die heftig darüber wurde, daß er ihre Feindlichkeit so wenig beachtete, »dort hinein! Niemals mehr wirst du deinen feigen, ehrlosen Fuß in dies Haus setzen. Woran wagst du zu denken, du erbärmlicher Wicht, du falscher Hund, der du hierher geschlichen kamst und die Ehre deines Freundes stahlst, weil sie zu schlecht verwahrt war! Was, stahlst du sie ihm nicht gerade unter den Augen weg, weil er glaubte, daß du ehrlich seist, du Hausdieb!«

»St, St, bist du verrückt! Was fehlt dir? Was sind das für Worte, die du gebrauchst!« Er hatte sie fest am Arm gepackt, sie näher zu sich herangezogen und sah ihr erstaunt in das Gesicht. »Du mußt dich zusammennehmen,« fuhr er in einem milderen Tone fort, »was hilft es, Kind, mit häßlichen Worten um sich zu schlagen!«

Sie riß ihren Arm von ihm los, so daß er auf seinem unsicheren Stand schwankte.

»Hörst du nicht, daß ich dich hasse,« schrie sie, »und besitzt du denn nicht wenigstens soviel von dem Gehirn eines ehrlichen Mannes, daß du das begreifen kannst. Wie blind muß ich gewesen sein, als ich dich liebte, du verlogener Mensch, während ich ihn an meiner Seite hatte, der zehntausendmal besser war als du. Bis an das Ende meines Lebens will ich dich hassen und verachten. Damals, als du kamst, war ich rechtschaffen, ich hatte niemals etwas Böses getan; aber dann kamst du mit deiner Poesie und deinem Schmutz und logst mich mit hinab in den Dreck zu dir. Was hatte ich dir getan, daß du mich nicht in Ruhe lassen konntest, mich, die dir vor allen andern heilig sein sollte! Tagaus, tagein muß ich jetzt mit diesem Schandfleck an meiner Seele leben und kann niemals auch nur den Geringsten treffen, ohne mir nicht selbst sagen zu müssen, daß ich noch geringer bin. Alle meine Jugenderinnerungen hast du mir vergiftet. An was kann ich jetzt zurückdenken, das rein und gut wäre! Du hast es alles befleckt. Nicht er allein ist gestorben, alles, was es an Lichtem und Gutem zwischen uns gegeben hat, ist auch tot und verfault. Ach Gott, hilf mir; ist es gerecht, daß ich keine Rache an dir nehmen kann nach all dem, was du mir angetan hast! Mach mich wieder ehrlich, Niels Lyhne, mach mich fleckenlos und wieder gut! Nein, nein; aber es müßte so sein, daß du dazu gemartert würdest, dein Unrecht wieder gutzumachen. Kannst du, kannst du es ableugnen? Steh nicht da und verkriech dich hier vor meinen Augen unter deiner Hilflosigkeit; winde dich in Pein und Verzweiflung und sei elend; mache ihn elend, mein Gott, laß ihn mir nicht auch noch die Rache stehlen. Geh, du Feigling, geh; ich werfe dich von mir, aber ich schleppe dich hinter mir her, glaub mir, durch all die Qualen hindurch, die ich auf dich herabhassen kann.«

Sie hatte die Arme drohend nach ihm ausgestreckt; jetzt wandte sie sich und ging, und die Verandatür fiel leise klirrend hinter ihr zu.

Niels stand da und blickte erstaunt, fast ungläubig dem Wege nach, den sie gegangen war. Es schien ihm, als stünde dies bleiche, rachsüchtige Gesicht noch vor ihm, so seltsam gemein und roh in seiner Leidenschaftlichkeit, ganz seiner sonstigen formfeinen Schönheit beraubt, als habe eine gefühllose Hand es in allen seinen Linien aufgefurcht.

Er stolperte vorsichtig aufs Eis zurück und lief langsam hinaus, der Fjordmündung zu, vor sich den Mondschein, den Wind im Rücken. Allmählich lief er schneller, in dem Grade, wie die Gedanken seine Aufmerksamkeit von den Umgebungen ablenkten; und die Eisspäne von seinen Schlittschuheisen rasselten klirrend mit ihm über die blanke Fläche dahin, von dem stetig wachsenden Frostwind getragen.

Das also war das Ende! So hatte er diese Frauenseele errettet, sie emporgehoben und ihr das Glück geschenkt! Wie schön war doch sein Verhältnis zu dem toten Freund, seinem Jugendfreund, dem er seine Zukunft, sein Leben, alles hatte opfern wollen! Er mit seinem Opfern und mit seinem Erretten! – Himmel und Erde sollten ihn ansehen; dann würden sie einen Mann sehen, der sein Leben auf den Höhen der Ehre hielt, ohne Flecken, ohne Fehl, damit er keinen Schatten auf die Idee werfe, der er diente und die zu verkünden er berufen war.

Er jagte dahin.

Das war nun auch einer von seinen großrednerischen Gedanken, daß sein armseliges Leben Flecke auf die Sonne der Idee werfen könne. Herrgott, er mußte es stets so hochtrabend nehmen, das war ihm nun einmal angeboren. Konnte er nichts Besseres werden, so wollte er wenigstens ein Judas sein und sich in großzügiger Verschlagenheit Ischariot nennen; das klang doch nach etwas. – Sollte er immer so einhergehen und sich zieren, als sei er verantwortlicher Minister bei der Idee und Mitglied ihres geheimen Staatsrats, so daß er alles, was die Menschheit anbelangte, aus erster Hand erfuhr! Konnte er denn niemals in aller Bescheidenheit lernen, danach zu streben, in dem Garnisonsdienst der Idee seine Pflicht zu tun als Gemeiner von ganz untergeordnetem Range?

Rote Feuer brannten auf dem Eise, und er kam so nahe an ihnen vorüber, daß ein riesenlanger Schatten einen Augenblick aus seinen Füßen hervorschoß, sich vorwärts bog und dann verschwand.

Er dachte an Erich und an den Freund, der er für Erich gewesen war. Ach, er! Die Kindheitserinnerungen rangen die Hände über ihn; die Jugendträume verhüllten das Haupt und weinten über ihn; seine ganze Vergangenheit starrte mit einem langen Blick voller Vorwürfe hinter ihm her. Er hatte das alles um einer Liebe willen verraten, die so niedrig und klein war wie er selber. – Trotzdem hatte Hoheit in der Liebe gelegen, und er hatte auch die verraten. Wohin sollte er vor diesem Anlauf fliehen, der doch stets im Graben endete? Sein ganzes Leben war nichts weiter gewesen, und es würde in Zukunft nicht besser werden, er wußte es, er fühlte es so bestimmt, und er fühlte sich krank bei der Aussicht auf all diese unnütze Mühsal und wünschte von ganzer Seele, daß er entfliehen und diesem sinnlosen Schicksal entgehen könne. Wenn doch das Eis unter ihm bersten wollte, so wie er jetzt dahinfuhr, und alles mit einem Aufschnappen und einer Zuckung unten im kalten Wasser abgetan wäre.

Er hielt ermattet im Lauf inne und sah zurück – der Mond war verschwunden, und finster und lang lag der Fjord zwischen den weißen Hügeln des Ufers da. Dann kehrte er um und arbeitete sich gegen den Wind an. Der war jetzt so stark, und er war so müde. Er suchte in den Schutz des hohen Ufers zu gelangen, aber wie er so vorwärtsstrebte, kam er auf eine eisfreie Stelle hinaus, die der Zugwind von den Hügeln her gebildet hatte, und das dünne Eis gab mit einem zähen, knitternden Knarren unter ihm nach.

Wie leicht ums Herz fühlte er sich doch, als er wieder auf festes Eis gekommen war! Die Müdigkeit war fast ganz vor der Furcht verschwunden, und kräftig steuerte er vorwärts.

Während er da draußen kämpfte, saß Fennimore enttäuscht und gequält in der hellerleuchteten Stube. Sie fühlte sich um ihre Rache betrogen; sie wußte nicht, was sie erwartet hatte, aber es war etwas ganz anderes gewesen; ihr hatte etwas Erhabenes und Mächtiges vorgeschwebt, etwas wie Schwerter und rote Flammen, oder nicht das, etwas, das sie trug und sie auf einen Thron setzte; und nun war es so kleinlich und alltäglich ausgefallen, und sie mußte sich mehr wie ein zanksüchtiges Weib fühlen, als wie eine, die verflucht...

Etwas hatte sie doch von Niels gelernt.

Früh am Morgen des nächsten Tages, während Niels noch schlief, von Müdigkeit erschöpft, reiste sie ab.

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