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Neunzehnte Sammlung der Novellen

Paul Heyse: Neunzehnte Sammlung der Novellen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleNeunzehnte Sammlung der Novellen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1888
firstpub1888
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180629
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Doris Sengeberg.

(1887.)

 

Gegen Ende der siebziger Jahre hatte der kleine Badeort R***, im mittleren Deutschland gelegen, plötzlich einen ungeahnten Aufschwung genommen.

Jahrzehntelang waren zu der heilsamen Salzquelle nur Leidende aus der näheren Nachbarschaft gewallfahrtet, kleinbürgerliche Leute mit beschränkten Mitteln, schwachbrüstige Schullehrer, bleichsüchtige Fräuleins, die ihr Schooßhündchen oder ihren Kanarienvogel mitbrachten, Subalternbeamte, die sich einige Wochen lang von übereifriger Büreauarbeit in dieser reinen und milden Wald- und Wiesenlust erholen wollten. Denn das kleine Nest, das sich langsam vom Marktflecken zum Städtchen vierten Ranges emporgearbeitet hatte, war lieblich gelegen an einem sanft dahingleitenden Flusse, dessen anderes Ufer von leichtgeschwungenen Hügeln eingesäumt und gegen die Nord- und Ostwinde durch einen Kranz von Eichen- und Fichtenhainen geschützt war. Von den Heilkräften der Quelle sprach man ohne Ueberhebung, ja Diejenigen, die mit der Zeit fortgeschritten waren, sogar mit bedeutsamem Lächeln und Achselzucken. Zuletzt hatte sich auch die Kurverwaltung, an deren Spitze der Bürgermeister stand, darein ergeben, unter den wohlthätigen Elementen, denen sie den bescheidenen Flor ihres Gemeinwesens verdankte, der trefflichen Luft den Vorrang einzuräumen und auf die Bade- und Trinkanstalten, die deutliche Spuren des Verfalls trugen, keine sonderliche Pflege zu verwenden, sofern dem Stadtsäckel irgend welche erhebliche Ausgaben daraus erwachsen wären.

Dies Alles war nun auf einen Schlag anders geworden.

Eine reiche und vornehme Dame, durch irgend einen Zufall hieher verschlagen, hatte einem sechs Wochen langen Gebrauch des Wassers die völlige Wiederherstellung ihrer schwer erschütterten Gesundheit zu danken gehabt. Die nächste Folge davon war, daß ihr Arzt, der zuerst ungläubig den Kopf geschüttelt hatte, durch einen berühmten Chemiker eine neue Analyse der Heilquelle anstellen ließ, deren Resultat alle Erwartungen übertraf. Es ergab sich eine Zusammensetzung der seltensten und ersprießlichsten Art, bei welcher das Salz nur die gröbere Grundlage bildete, und außer den wichtigeren Elementen wies die lange Tabelle noch »Spuren« der wundersamsten Minerale und Metalle auf, deren Einfluß auf Blut und Nerven zwar nicht handgreiflich nachzuweisen ist, darum aber nicht minder wohlthätig auf die Phantasie der leidenden Menschheit zu wirken pflegt.

Als nun der nächste Sommer kam, wurde das bescheidene Städtchen dergestalt von heilungsbedürftigen Besuchern überflutet, daß es in der ersten Betäubung seiner jungen Berühmtheit kaum froh zu werden vermochte. Es fehlte nicht nur an Quartieren und behaglicher häuslicher Einrichtung derselben, die den Bedürfnissen verwöhnterer Gäste genügt hätte: auch die kleine Trinkhalle vermochte den Andrang nicht zu fassen, und das Dutzend verwahrlos'ter Badezellen war bis in die Nacht hinein von ungeduldig Harrenden belagert. Der verehrliche Kurvorstand, so sehr er Anfangs über den neu aufgegangenen Glücksstern frohlockt hatte, war gegen Ende der Saison von Herzen froh, seiner aufreibenden Thätigkeit überhoben zu sein, und feierte die Abreise des letzten Badegastes im vornehmsten Gasthofe der Stadt durch ein Festmahl, bei welchem das Wonnegefühl, nun endlich wieder aufathmen zu können, in den verschiedensten Tonarten zu Worte kam.

Nur der Bürgermeister, der als ein pflichttreuer und weitblickender Mann weniger an seine Bequemlichkeit, als an die Zukunft des ihm anvertrauten Städtchens dachte, stimmte in den Jubel über die nun dahinten liegende Last und Mühe nicht ein. In einer kräftigen Rede erklärte er, daß man an Nichts weniger denken dürfe, als sich auch jetzt nach altem Herkommen einem behaglichen Winterschlafe zu überlassen. Vielmehr seien sofort die rüstigsten Anstalten zu treffen, um der Wiederkehr ähnlicher verworrener und verlegentlicher Zustände vorzubeugen. Eine neue Trinkhalle müsse gebaut, das Badehaus gründlich erneuert und erweitert, die kleine Anlage für die Spaziergänger viel weiter den Fluß hinab ausgedehnt werden. Seien die Mittel dazu nicht parat, so dürfe man vor einer Anleihe nicht zurückschrecken. Gelte es doch nicht nur, die Ehre ihrer Stadt zu retten, sondern auch dafür zu sorgen, daß, wenn es nach dem populären Ausdruck Brei regne, man um den Löffel nicht verlegen sei.

Dieses kräftige Wörtchen schlug durch, und ehe noch der November herankam, hatte man bereits die ersten Schritte zur Verwirklichung des großen, zeitgemäßen Unternehmens gethan. Als eine besondere Gunst des Glücks durften es die Väter der Stadt betrachten, daß es gelang, einen jüngeren Architekten zu gewinnen, der schon in einem anderen, weit ansehnlicheren Kurort sein Talent bewährt und Erfahrungen gesammelt hatte. Die Pläne, die er der Kurverwaltung vorlegte, fanden die allgemeinste Billigung, zumal der Kostenanschlag sich in mäßigen Grenzen hielt und alles schon Vorhandene aufs Geschickteste bei den Neubauten verwendet werden sollte. Da der junge Mann überdies für den ganzen Winter von anderen Aufträgen frei war und sich ausschließlich den Vorarbeiten widmen konnte, bis das Frühjahr den eigentlichen Beginn des Werkes gestattete, herrschte bei dem definitiven Abschluß des Vertrages und der Inpflichtnahme des Architekten im Rathhaussaale die einmüthigste Befriedigung.

Nur auf der Stirn des Bürgermeisters schwebte noch eine leichte Wolke, selbst nachdem die Pläne schon unterschrieben und der Vertrag rechtskräftig geworden war.

Wir haben am Ende doch die Rechnung ohne den Wirth gemacht, sagte er mit nachdrücklichem Ernst, und ich selbst habe mir's vorzuwerfen, daß ich einen wichtigen Punkt nicht früher in Ueberlegung nahm. Auch von den Herren Collegen hat keiner daran gedacht, daß dem Plane gemäß die neuen Anlagen sich bis dicht an die Waldblöße heranziehen sollen, auf welcher das Haus des Fräulein Sengeberg steht. Nun haben wir, als wir dem Fräulein Grund und Boden abtraten, ausdrücklich in die Clausel gewilligt, daß im Umkreis von hundert Schuh rings um ihr Eigenthum kein Gebäude aufgeführt und keine Straße durch den Wald gelegt werden sollte. Ihnen Allen ist der menschenfeindliche Charakter der Dame bekannt. Wenn ich auch nicht zweifle, daß wir das Recht der Expropriation in Anspruch nehmen könnten, so ist es doch mit jener Clausel eine fatale Sache, und falls die Eigenthümerin es auf einen Prozeß ankommen lassen sollte, könnten wir damit in des Teufels Küche gerathen, ich meine, besten Falls so lange mit der Entscheidung hingehalten werden, daß auch die nächste Saison noch Alles in dem bisherigen verrotteten Zustande fände.

Hierauf entstand eine ziemlich lange nachdenkliche Pause, in welcher die Väter der Stadt ihre Häupter schüttelten, sich räusperten oder aus ihren Tabaksdosen ein oft bewährtes Mittel zur Aufhellung ihrer Gehirne holten, das aber diesmal zu versagen schien.

Der junge Architekt, der, den Kopf in die Hand gestützt, sinnend auf die Stelle des Situationsplanes geblickt hatte, wo jenes Häuschen mitten im Walde eingezeichnet stand, erhob jetzt seine hellen Augen zu dem Vorsitzenden und fragte mit ruhiger Stimme: Wer ist dieses Fräulein Sengeberg?

Der Bürgermeister zuckte die Achseln und trommelte mit den Fingern auf dem blauen Umschlag des vor ihm liegenden Aktenstückes.

Ja, wer das so genau wüßte! werther Herr, sagte er mit einem stillen Ingrimm, der auch auf den Gesichtern der Beisitzenden am grünen Tische wetterleuchtete. Wir haben uns damals überrumpeln lassen, und ich selbst trage die Hauptschuld, da mich die sicheren Manieren und die gemessene Höflichkeit der Dame bestachen. Vor drei Jahren kam sie her, mit einem kränklichen, etwa zweijährigen Knäbchen, das – wie sie angab – das Kind ihrer verstorbenen Schwester sei und sich hier kräftigen sollte. Noch nicht vierzehn Tage waren vergangen, so fragte sie bei mir an, ob jenes abgeholzte Viereck im Walde zu verkaufen sei. Sie habe Lust, sich dort anzusiedeln, da unser Klima dem Kleinen so trefflich anschlage. Ich hätte damals genauere Erkundigungen einziehen sollen. Da ich aber gerade den Kopf mit anderen Dingen voll hatte – unsere Flußregulirung war eben im Gange –, die Fremde auch jeden Preis für den kahlen Fleck zu zahlen sich erbot und ihre Papiere in Ordnung waren, so wurde der Handel kurzer Hand abgeschlossen, und auch an jener Clausel, auf der sie bestand, nahm ich keinen Anstoß. Sie wird ohne Zweifel nervenkrank sein, dacht' ich, und will Ruhe um sich herum haben. Meiner Frau freilich war die Sache nicht geheuer. Es wird mit dem Kinde nicht seine Richtigkeit haben, meinte sie, und die hochmüthige Person weiß, was sie thut, wenn sie sich mit dem lebenden Zeugniß ihrer Verirrung in die Einsamkeit zurückzieht. Auch beschlossen sämmtliche ehrenwerthe Damen unserer Stadt, falls die neue Mitbürgerin Visite machen sollte, sie mit eisiger Zurückhaltung zu empfangen und es von ihrem übrigen Betragen abhängen zu lassen, ob sie den Besuch überhaupt erwidern wollten. Sie kamen aber gar nicht in diese Verlegenheit. Denn das Fräulein, das sofort zum Bau ihres Häuschen schritt und dasselbe schon um Weihnachten bezog – die Mittel hatte sie, die Arbeit um jeden Preis zu beschleunigen, – nun, seit jener Zeit hat sie ihren eigenen Grund und Boden nicht mehr verlassen, außer um den Kleinen spazieren zu führen, wobei sie sich recht geflissentlich immer die Wege und Tagesstunden aussucht, wo sie sicher sein kann, den wenigsten Menschen zu begegnen. Ihren Haushalt führt sie selbst mit Hülfe einer alten Dienerin, die sie mitgebracht hat, und die womöglich eine noch menschenfeindlichere Miene aufsteckt, als ihre Herrin. Sie können denken, daß unsere sämmtlichen Damen wie ein Mann gegen sie verschworen sind, und daß Anfangs die fabelhaftesten Gerüchte über das unheimliche Wesen kursirten. Bald sollte sie den Vater ihres Kindes vergiftet haben, bald die abgedankte Geliebte eines hohen Herren sein; dann wieder sagte man ihr nach, sie sei mit dem Veitstanz behaftet und müsse einen unbelauschten freien Platz haben, um sich auszutoben, wenn sie einen Anfall bekomme. Daß sie nicht zur Kirche geht, nicht einmal um Ostern zum Abendmahl, auch bei zufälligen Begegnungen auf ihren Spaziergängen einen Gruß nur mit nachlässigem Kopfnicken erwidert, hat sie nun vollends in den Ruf einer bösen, heimtückischen Gemüthsart gebracht, womit man freilich nicht zu reimen weiß, daß sie keinen Bettler unbeschenkt läßt und daß eine ganze Schaar armer alter Weibchen und bresthafter Krüppel regelmäßig alle Monat eine reichliche Gabe von ihr empfängt. Dieselbe wird freilich stets durch die Gitterthür ihrer Umzäunung hinausgereicht, denn ins Innere ihres Gartens und Hauses darf Niemand einen Fuß setzen, und den Verkehr mit der Stadt, zum Einkaufen von Lebensmitteln oder sonstigem Bedarf, besorgt ausschließlich die alte Josephe. Da sie aber in den drei Jahren ihre Steuern richtig bezahlt hat, auch sonst die schärfsten Spüraugen auf ihrem Wandel kein verdächtiges Fleckchen entdecken konnten, haben wir uns endlich daran gewöhnt, die unheimliche Einsiedlerin sich selbst und ihrem Gewissen zu überlassen, so daß auch bei unseren großen neuen Plänen dieses mögliche Hinderniß mir erst so spät aufs Herz fiel. Sagen Sie aber selbst, werther Herr, wäre es nicht eine verwünschte Geschichte, wenn sie Einspruch thäte, wessen man sich von einer so schrullenhaften Person gar leicht zu versehen hat?

Wieder flog durch den niedrigen, altersgebräunten Rathhaussaal ein Engel, den auch die hier und da ausgestoßenen Seufzer der schwerbekümmerten Herren nicht zu verscheuchen vermochten.

Der Baumeister aber, dem ein frischer, unbekümmerter Lebensmuth aus den Augen leuchtete, erhob sich endlich von seinem Sitz, faltete den Situationsplan sorgfältig zusammen und sagte gelassen:

Meine sehr geehrten Herren, ich erlaube mir den Vorschlag zu machen, daß man vor allen Dingen versuchen soll, ob es zwischen der Stadt und dieser sonderbaren Dame nicht zu einem gütlichen Vergleich kommen möchte. Vielleicht, wenn sie unsere schönen Pläne sieht und man ihr vorstellt, welch ein stattliches Ansehen die Anlagen am Flusse durch die neuen Bauten und Parkwege gewinnen werden, läßt sie sich dazu bestimmen, freiwillig von ihrem Rechte zurückzutreten, zumal es doch unsicher ist, ob sie auf gerichtlichem Wege ihren Anspruch zu behaupten vermöchte. Wenn die Herren Nichts dagegen haben, würde ich mich erbieten, vorläufig einmal bei der interessanten Menschenfeindin auf den Busch zu klopfen und Ihnen über den Erfolg meiner diplomatischen Sendung alsbald Bericht abzustatten.

Ein Murmeln der lebhaftesten Befriedigung lief durch die Versammlung. Aller Augen hingen an dem Sprecher mit sichtlichem Wohlgefallen, dem der alte Badearzt in seiner jovialen Manier zuerst Ausdruck gab, indem er sich ebenfalls erhob, dem kühnen jungen Mann die Hand über den Tisch hinreichte und mit seinem gemüthlichen Lachen aus der altmodischen hohen Cravatte hervor zu ihm sagte: Das ist einmal ein gescheites Wort, junger Freund! Ich wette, daß Sie mit Ihrem krausen Haarbusch und rothen Backen in einer Viertelstunde mehr bei dieser verrufenen Waldnymphe ausrichten, als die ganze Kurverwaltung, wenn sie vierzehn Tage lang das verwunschene Schlößchen belagerte. Aber sehen Sie sich vor, daß Sie nicht selbst verzaubert werden. Ich habe das Fräulein nur ein paarmal gesprochen, als sie mich ganz zu Anfang wegen des Kindes konsultirte. Sie hat Augen, mit denen sie schon manches Unheil in der Welt angestiftet haben mag, weßhalb es auch unserer Damenwelt nicht zu verdenken ist, daß sie ihr von Anfang an nicht besonders grün war.

Sengeberg ist ihr Name? fragte der Architekt, ohne auf den Scherz einzugehen.

Fräulein Doris Sengeberg, versetzte der Bürgermeister. Und hiermit wäre denn unsere Sitzung für heute geschlossen.

*

Es war über dieser Verhandlung Mittag geworden.

Der Architekt verfügte sich in den Gasthof, wo er an der Table d'hôte Theil nahm, und dann nach seiner Wohnung. Er hatte für den ganzen Winter zwei Zimmer bei einer kinderlosen Wittwe gemiethet, die des unverhofften Verdienstes in der todten Jahreszeit froh war. Ihr neuer Miether mit dem guten, offenen Gesicht und den treuherzigen Manieren hatte sofort ihr Herz gewonnen, und nur in den einen Umstand konnte sie sich nicht recht finden, daß er ein so kerngesunder junger Mann war, bei dem die vielen kleinen pflegsamen Aufmerksamkeiten, mit denen sie ihre leidenden Inwohner zu umgeben gewohnt war, in keiner Weise angebracht schienen.

Er hielt nicht einmal einen Mittagsschlaf, sondern setzte sich sogleich wieder an den Zeichentisch in dem größeren Zimmer, um an den Detailplänen des Kurhauses, mit denen er noch nicht völlig im Reinen war, noch eine Weile zu zeichnen, da ihm die Sonne so freundlich in die kleinen Fenster schien.

Die mißliche Sendung, zu der er sich erboten, hatte ihn noch keinen Augenblick beunruhigt, er fühlte aber auch keine sonderliche Neugier, die Bekanntschaft des geheimnißvollen Fräuleins zu machen. In seiner einfachen, reingestimmten Seele herrschte die Leidenschaft für seinen Beruf so ausschließlich, daß er achtundzwanzig Jahre alt geworden war, ohne eine andere Sehnsucht zu kennen, als nach einem schönen, großen Bauplatz und einem kunstbeflissenen Bauherrn, der ihm Vollmacht gäbe, etwas ausbündig Herrliches ganz nach seinen eigensten Ideen darauf auszuführen. Selbst in Italien, das er ein Jahr lang durchwandert hatte, war ihm nichts Menschliches zugestoßen. An den imposantesten Römerinnen, elegantesten Mailänderinnen und zierlichsten Venezianerinnen waren seine Augen kühl vorübergeschweift, um desto zärtlicher an den Façaden Bramante's und Palladio's hängen zu bleiben. Nun war ihm durch den Auftrag der Kurverwaltung eine Aufgabe so ganz nach seinem Sinne gestellt worden, daß er Tag und Nacht von nichts Anderem träumte, als wie er mit den ihm gewährten bescheidenen Mitteln dennoch etwas zu Staude bringen könne, was ihm Ehre machte.

Erst als die Sonne hinter den hohen Dächern der gegenüberliegenden Häuser versank, fuhr es ihm plötzlich durch den Kopf, daß er heute noch den Besuch bei der menschenfeindlichen Dame zu machen habe. Bedächtig spülte er den Tuschpinsel aus, nahm seinen Hut und machte sich auf den Weg.

Er hatte nicht weit von seiner Wohnung, die ziemlich am Ende des Städtchens lag, zu dem Kurgarten, der mit seinen entblätterten Ahornbäumen und leeren Bänken jetzt einen tristen Anblick gewährte. Auf dem Fluß aber lag noch ein wenig Sonnenschein, und die Hügel am jenseitigen Ufer mit ihrem Fichtenwald, zwischen dessen schwarzen Massen die Eichen ihr goldbraunes Laub noch festhielten, hoben sich in einer kräftig bewegten Linie von dem kalten Silbergrau des Herbsthimmels ab. Vor dem niedrigen, langgestreckten Tempelbau der Trinkhalle mitten im Kurgarten stand der junge Meister tiefsinnig still, betrachtete zum zwanzigsten Male den vorspringenden plumpen Porticus mit den rissigen Holzsäulen und dem morschen Giebel, der von einem Krähenschwarm belagert war, und führte einmal wieder in Gedanken sein eigenes zierliches Gebilde an dieser Stelle auf, im hohen Erdgeschoß die bequemen Badezellen, darüber auf lustigen eisernen Pilastern ruhend die schön gegliederte Halle, in deren Mitte die Quellnymphe ihren Sitz erhalten sollte, dahinter den geräumigen Saal, an den sich kleinere Gemächer für die Verwaltung und Bedienung anschlossen. Schon sah er das Ganze in einer späteren Zeit, wenn die Mittel reichlicher fließen würden, mit Fresken und Bildwerken aller Art geschmückt und genoß einen Augenblick jener stillen und tiefen Genugthuung, mit welcher der Schöpfer am siebenten Tage seine Welt betrachtete und selbst gestehen mußte, daß »Alles sehr gut« sei.

Als er dann aber seinen Weg fortsetzte, dem Walde zu, der die Kuranlagen begrenzte und nun zum Theil in den neuen Plan mit hineingezogen werden sollte, wurde seine freudige Stimmung ein wenig gedämpft. Hier, mitten in dem Terrain, das bis jetzt von niederen Eichen und Birken bestanden war, sollte das neue Kurhaus erbaut werden, ein stattliches Hôtel mit einem schönen Conversationssaal und von einem Aussichtsthürmchen überragt, auf dessen anmuthige Form der junge Meister sich etwas ganz Besonderes zu Gute that. Der Säulengang aber, der dieses Haus mit der Trinkhalle verbinden und dem ganzen weiten Platz den architektonischen Abschluß geben sollte, war von den sparsamen Vätern der Stadt ohne Erbarmen gestrichen worden, obwohl der Badearzt selbst eine Wandelbahn für Regenzeiten als etwas höchst Wünschenswerthes befürwortet hatte. Man müsse sich, hieß es, einstweilen nach der Decke strecken, und so hatte der Architekt auf diesen seinen Lieblingsgedanken mit stillem Seufzen verzichten müssen.

Um so leidenschaftlicher hielt er an allem Anderen fest, was er mit so festen, farbigen Zügen auf dem großen Plan hingezeichnet hatte, und da er jetzt daran dachte, daß durch den Einspruch einer einzigen Person das Werk beeinträchtigt oder doch verzögert werden könnte, fühlte er einen Haß gegen diese Unbekannte in seinem Herzen entbrennen, dem er in heftigen Stößen gegen das welke Laub zu seinen Füßen Luft zu machen suchte. Dann mußte er wieder über sich selbst lächeln, daß er sich nicht zutraute, mit dieser Gegnerin fertig zu werden. Er stand still und überlegte, ob es nicht klüger wäre, zurückzugeben und die Pläne zu holen. Angesichts dieser sorgfältig ausgeführten Entwürfe könnte doch selbst das menschenfeindlichste Gemüth unmöglich an grillenhaftem Eigensinn festhalten. Dann aber beschloß er, dies letzte Mittel aufzusparen, falls der erste Sturm abgeschlagen würde, und betrat nun in etwas gleichmüthigerer Stimmung den gelichteten Wald.

*

Ein schmaler, vernachlässigter Pfad führte unweit des Flusses durch den verwilderten Hain, um den es nicht Schade war, wenn er abgeholzt und in einen Garten um das neue Kurhaus herum verwandelt wurde. Seit vielen Jahren war Nichts geschehen, um den Wuchs der zu dicht gepflanzten Stämme zu fördern, das Unterholz hatte lustig wuchern dürfen, und abgestorbene Wipfel waren nicht entfernt worden Bald aber hatte der Wanderer die Region des Nadelholzes erreicht, die das Buchenwäldchen begrenzte und von welcher gleichfalls ein Theil in die neue Anlage hineingezogen werden sollte. Nun mußte er dem »verwunschenen Schlößchen« nahe sein, und da er den Plan gut im Kopf hatte, schlug er einen engen Seitenweg ein, auf dem nicht zwei Menschen neben einander hinschreiten konnten; und richtig hatte er sich nicht fünf Minuten lang durch die nebelfeuchten Zweige hindurchzuwinden, als er sich schon am Ziele seiner Wanderung sah.

Die Waldblöße, auf der die Fremde sich angesiedelt, war ein ziemlich regelmäßiges Rechteck, das er auf hundert Fuß in der Breite und hundertundfunfzig in der Länge schätzte. Obwohl es aus dem Fichtenwalde so scharf herausgeschnitten war, daß die Stämme einen natürlichen Zaun bildeten, war das Grundstück doch noch mit einem dichten Stacket unbehauener Pfähle umhegt, die in Mannshöhe durch ein derbes Flechtwerk verbunden waren. Ziemlich in der Mitte stand das Haus, ein hohes Erdgeschoß, aus Bruchsteinen aufgeführt, das ein niedrigeres, ganz mit Schiefer gepanzertes oberes Stockwerk trug, drei Fenster in der Front, durch ein weit vorspringendes Dach gegen Winterstürme und Schlossenwetter geschützt, wodurch freilich auch mehr als gut war der Sonne der Zutritt gewehrt wurde. Es glich einem Gesicht, dessen Augen sich hinter stark überhängenden buschigen Brauen verstecken. Recht eine Behausung für eine Menschenfeindin! sagte der Architekt für sich hin.

Er war an den Zaun getreten und spähte scharf durch eine Lücke in das Innere des verschanzten Gebiets. Vorn zog sich ein Gärtchen hin, jetzt bis auf einige reifgebräunte, halbdürre Malven und Sonnenblumen ganz schmucklos. Doch war es in regelmäßige Beete abgetheilt und mochte sich im Sommer nicht übel ausnehmen. Hinter dem Hause schien sich ein Küchengärtchen über den noch übrigen Raum auszubreiten. Doch war dies aus der Form nicht genau zu erkennen, zumal die Aufmerksamkeit des Spähers durch die lebendige Staffage des herbstlichen Einödhofes in Anspruch genommen wurde.

Eine schlanke weibliche Gestalt war nahe beim Hause an einem runden Beet beschäftigt, einige hochstämmige Rosenbäumchen von den Stöcken zu lösen und behutsam zur Erde zu biegen, um sie dort mit kreuzweise gesteckten Pflöcken zu befestigen, und darauf mit den abgeschnittenen Fichtenzweigen, die ein kleiner, etwa fünfjähriger Knabe ihr hinreichte, gegen den Winterfrost zu verwahren. Um die Beiden herum sprang ein häßlicher kleiner Spitz so geschäftig, als wenn ohne seine Mitwirkung die Arbeit nicht von Statten gehen könnte. Eine langhaarige, schwarz und weiß gefleckte Ziege lief frei herum und weidete die Kräuter ab, die aus den abgeblühten Beeten hervorsproßten. Dazwischen führte ein großer Hahn mit glänzendem Schweif vier bis fünf Hühner gravitätisch die schmalen Gartensteige auf und ab, und auf dem einzigen Fleck, den die Sonne durch eine Waldlücke noch beschien, lag eine schlanke gelbe Katze und putzte sich behaglich den Bart, die ganze kleine Menagerie in so friedlichem Einvernehmen, wie wenn sie soeben aus Noah's Arche wieder aufs Trockene gekommen wäre.

Das Gesicht des weiblichen Wesens konnte der Lauscher nicht erkennen. Er sah nur, daß sie ein Kleid vom einfachsten Schnitte trug; das dichte braune Haar, das ihr beim Bücken tief über die Stirn fiel, war durch keinen Hut gegen die frische Abendluft geschützt, auch das Kind trug sein krauses Haar frei, und seine runden Wangen leuchteten röthlich, während es eifrig hin und her sprang, ohne einen Laut von sich zu geben, wie auch die verschiedenen Thiere sich ganz still verhielten und keines sich um das andere bekümmerte.

Plötzlich aber wurde das Hündchen unruhig, bewegte heftig den Schweif, spitzte die Ohren und brach in ein aufgeregtes Bellen aus. Es hatte den Fremden gewittert, und als dieser sich nun der Gitterthür näherte, die, mitten in der Verplankung angebracht, dem Druck seiner Hand nicht nachgab, kam der kleine Wächter hastig herangejagt und kläffte den Eindringling mit zornmüthiger Geberde durch die dünnen Gitterstäbe an. Die Gärtnerin hatte sich aufgerichtet, der Knabe war zu ihr hingetreten und hatte sie an den Falten ihres Kleides gezupft, im nächsten Augenblick, da sie ihm ein Wort zugeraunt, sprang er nach dem Hause hin, dessen Thür sich nach der Seite öffnete, und kehrte alsbald zurück, an der Hand eine große, hagere Person, in welcher der Architekt sofort jene Josephe erkennen mußte, die im Dienste des Fräuleins den Verkehr mit der Menschenwelt vermittelte.

Er hatte Zeit, sie näher zu betrachten, während sie langsam, mit großen, männlichen Schritten auf dem breiten Gartenweg daherkam. Das gelbe, starkknochige Gesicht hatte einen harten, verdrossenen Ausdruck, und unter den grauen Augenbrauen bewegten sich ein paar starkgerötheter Lider zuckend wie bei einem Nachtvogel am hellen Tage. Die dünnen Haare waren unter eine große weiße Haube zurückgestrichen, die Aermel ihres dunklen Kleides bis über die spitzen Ellenbogen aufgestreift.

Zu wem wollen Sie? fragte sie mit einer rauhen Stimme, die wie eingerostet klang, als sie sich der Gitterthür genähert hatte.

Er zog seine Karte hervor, auf welcher »Ulrich Horst, Architekt«, von einem Cirkel und Winkelmaß bekrönt, zu lesen war, und sagte, daß er im Auftrage der Kurverwaltung gekommen sei, Fräulein Sengeberg um eine geschäftliche Unterredung zu bitten.

Die Alte nahm die Karte, betrachtete den Besucher ein paar Minuten lang, ohne etwas zu erwidern, und drehte ihm dann den Rücken, um ihrer Herrin Bescheid zu bringen. Nach einer kurzen Unterredung kehrte sie zurück, öffnete mit einem kleinen Schlüssel die Gitterthür und verschloß sie sofort wieder, nachdem der Besucher eingetreten war.

Er hatte ein unheimliches Gefühl zu überwinden, als er, von dem unablässig bellenden Hündchen begleitet, sich nun der Herrin des Hauses näherte und die Augen sämmtlicher lebender Geschöpfe in dieser Waldeinsamkeit mit unfreundlichem Ausdruck auf sich gerichtet sah.

Das Fräulein war ruhig an dem Beete stehen geblieben, nur ein Wink mit den Augen hatte die Dienerin angewiesen, den Knaben ins Haus zu führen. Ohne seinen Gruß anders als mit einem kaum merklichen Neigen des Hauptes zu erwidern, sah sie dem jungen Mann mit so abweisender Kälte gerade ins Gesicht, daß er all seinen heiteren Muth zusammennehmen mußte, um diesen Blick gegenüber seine Unbefangenheit zu bewahren.

Allerdings, solche Augen hatte er noch nicht gesehen, aber daß sie ihn »verzaubern« würden, machte ihm die geringste Sorge. Er gestand sich zwar, daß dieses ganz bleiche Gesicht mit der kräftigen, geraden Nase und der breiten, glatten Stirn von ungewöhnlicher Feinheit und Größe der Linien sei. Der starre Blick der Augen aber, die alle Dinge durch und durch zu schauen und Nichts eines längeren Verweilens werth zu finden schienen, dazu der bittere Zug um die blassen, schöngeschweiften Lippen entbehrte so sehr aller weiblichen Milde und Anmuth, daß kein warmblütiger Mensch sich zu diesem »Bilde ohne Gnade« hingezogen fühlen konnte.

Sie war nur von mittlerer Größe, aber ihre auffallende Schlankheit und die Kleinheit des Kopfes auf den zarten Schultern ließen sie eher groß erscheinen. Sehr schön waren ihre Hände gebildet und trotz der rauhen Arbeit so weiß, als hätten sie, statt Hacke und Spaten in der freien Lust, immer nur die Tasten eines Klaviers berührt. Der Knabe dagegen, den Ulrich nur einen Augenblick in der Nähe gesehen, war von derbem Gliederbau und für sein Alter kräftig entwickelt.

Noch hatte sie kein Wort an ihn gewendet. Auch während er sein Anliegen vortrug, verhielt sie sich völlig still, als höre sie Jemand in einer fremden Sprache reden. Er hatte, von ihrem Schweigen beklemmt, mit unsicherer Stimme begonnen, während er sich alle Mühe gab, das, um was es sich handelte, in einem trockenen, geschäftsmäßigen Stil auseinanderzusetzen. Von jener Clausel sprach er, die ihr ein gleichwohl nicht unverrückbares Recht gewährte, gegen die neue Schöpfung in ihrer Nachbarschaft Einspruch zu thun. Erlauben Sie mir nur, mein Fräulein, Ihnen durch eine kleine Skizze klar zu machen, daß zwischen den projektirten Anlagen und Ihrem Besitzthum immer noch ein Waldstreifen von zehn bis fünfzehn Meter Breite bleiben würde. Da die Bäume hier so dicht stehen, wären Sie durch eine undurchdringliche lebendige grüne Mauer von dem neuen Kurgarten geschieden. Sehen Sie, hier – er hatte ein großes Taschenbuch hervorgezogen und fing an, auf einem leeren Blatt mit raschen Strichen den Grundplan zu zeichnen – bis hierhin würden die neuen Anlagen reichen, – hier ist Ihre Grenze, – und hier –

Bemühen Sie sich nicht weiter! unterbrach sie ihn, indem sie ihre Hand abwehrend erhob. Ich sehe ganz klar, wie die Sache steht, und wie Alles kommen würde, daß ich endlich doch der Gewalt weichen müßte, wenn ich auch versuchen wollte, das Recht, das mir vertragsmäßig zugesichert worden ist, geltend zu machen. Ich stehe allein und bin ein Weib. Es giebt immer weise und hochklingende Worte genug, mit denen die starken Männer Unrecht und Gewalt zu beschönigen wissen. Da wäre es eine Thorheit, die ich theuer bezahlen müßte, wenn ich mich gegen die Stadtbehörde, die mich hier verdrängen will, auf jene Clausel beriefe. Nur darein kann ich nicht willigen, daß ich hier fortleben soll, wenn das Getümmel der Kurgäste, der Lärm der Kurmusik mir so nahe rückt. Ich habe mir mein Leben eingerichtet, wie ich es wünsche und brauche. Wenn ich hier nicht länger in Ruhe gelassen werden soll, muß die Stadtbehörde mir einen Ersatz schaffen für das, was ich hier aufgebe.

Das Alles hatte sie mit einer kalten, fast verächtlichen Entschlossenheit hingeworfen, als ob sie längst auf eine ähnliche Zumuthung gefaßt gewesen wäre und überhaupt keine Unbill, die ihr geschehe, sie noch verwundern könne. Ihre Stimme aber klang nicht hart und dumpf, wie die ihrer Dienerin, sondern, so bestimmt sie sprach, mit einem eigenen tiefen Wohllaut.

Die Thiere hatten sich inzwischen um sie herumgedrängt, die Ziege rieb ihre schwarze Nase an der herabhängenden linken Hand ihrer Herrin, die Hühner pickten dreist zu ihren Füßen nach verstreuten Samenkörnern, und der Spitz stand mit dem Schweif wedelnd und sah ihr scharf nach den Augen.

Es versteht sich von selbst, mein Fräulein, hub der Architekt wieder an, daß die Stadt zu jeder billigen Entschädigung bereit ist. Wollen Sie nur die Güte haben, Ihre Forderung zu machen.

Sie sann einen Augenblick nach.

Ich würde am liebsten ganz von hier wegziehen, sagte sie, und eine finstere kleine Falte vertiefte sich zwischen den gerade gezeichneten Augenbrauen. Zwar fände ich schwerlich einen Ort, wo ich sicherer davor wäre, daß man nicht auch geschriebenes Recht zu umgehen suchte, sobald es den eigennützigen Interessen Anderer dienlich wäre. Aber ich entginge gern den neugierigen Augen der vielen fremden Menschen, die jeden Sommer hierherkommen, wenn ich es nicht dem Knaben schuldig wäre, hier auszuharren, wo die Luft ihm so heilsam ist. Er war sehr zart, als ich ihn hierher brachte. Nun hat sich seine Gesundheit sichtbar befestigt, und bis er in das schulpflichtige Alter getreten, soll er fortfahren, sich unter den hiesigen günstigen Verhältnissen zu entwickeln. Die Stadtbehörde wird es daher billig finden, wenn ich verlange, daß mir an einem anderen, etwas abgelegeneren Fleck der nächsten Umgegend dasselbe geboten werde, was ich hier besessen habe. Sollte ich in späterer Zeit auch da wieder aufgestört werden, so kann ich dann ohne Gefahr meinen Stab weitersetzen.

Eine Pause entstand. Der junge Mann betrachtete unverwandt das blasse, energische Gesicht des seltsamen Mädchens, dessen Züge er sich so fest einprägte, als ob er sie zeichnen sollte. Der Gedanke schoß ihm durch den Kopf, wie es sich wohl ausnehmen müsse. wenn diese leise geschwellten Lippen, die beim Sprechen sich kaum öffneten, von einem Lächeln überflogen würden. Es war ihm unmöglich, sich das vorzustellen.

Wenn ich Sie recht verstehe, mein Fräulein, sagte er endlich, so wünschen Sie, daß Ihnen an einem anderen Ort, den Sie näher bezeichnen würden, ein eben so großes Grundstück überlassen und Ihr Haus dorthin verpflanzt werden möchte. Es würde dies allerdings der Stadt erhebliche Kosten machen, da unsere Ingenieure noch nicht so weit sind, ein fertiges Haus aus dem Fundament zu heben, auf Walzen zu stellen und in einen anderen Grund und Boden einzusenken, und da die Neubauten schon so große Mittel in Anspruch nehmen, weiß ich nicht, wie die Väter der Stadt sich zu Ihrer Forderung stellen werden. Was an mir ist, soll jedenfalls geschehen, den von Ihnen vorgeschlagenen gütlichen Vergleich ihnen plausibel zu machen. Nur bitte ich, mir den Ort zu bezeichnen, den Sie für Ihr künftiges Heim ausersehen haben.

Muß das gleich heute geschehen? erwiderte sie. Ich war auf Ihre Mittheilung nicht gefaßt und dachte nie daran, daß es einmal so kommen könne. Sie werden mir wohl bis morgen Bedenkzeit gönnen. Jedenfalls können Sie den Herren sagen, daß ich, wenn man mich hier vertreibt, aufs andere Ufer hinüberflüchten möchte, wo ich doch etwas sicherer bin, von ähnlichen Neuerungen zum Besten des Gemeinwohls unbehelligt zu bleiben.

Und er darauf: Ich werde morgen Vormittag mir erlauben, Ihnen die Antwort der Stadtbehörde mitzutheilen. Hoffentlich lautet sie nach Ihren Wünschen. Haben Sie Dank, mein Fräulein, daß Sie mir das peinliche Geschäft durch Ihr Entgegenkommen erleichtert haben. Ich bedaure aufrichtig, daß ich der Ueberbringer einer unwillkommenen Botschaft sein mußte.

Er nahm ehrerbietig den Hut ab, verneigte sich, ohne daß sie seinen Gruß anders als mit einem kurzen Kopfnicken erwiderte, und schritt, von dem Spitz begleitet, der ihm zum Abschied nachbellte, der Gitterthür zu. Hier mußte er warten, bis die alte Dienerin mit dem Schlüssel nachkam. Er sah flüchtig zurück. Da trafen ihn noch einmal die räthselhaften, hellen Augen der stillen Gestalt, die regungslos neben dem Rosenbeete stand, während der Knabe wieder zu ihr hingesprungen war und sie mit Fragen zu bestürmen schien, auf die sie keine Antwort gab. War es wirklich ihr Kind? Es glich ihr in keinem Zuge. Aber warum drehte sich dann ihr ganzes Leben nur um die Erhaltung des seinigen?

*

Eine unheimliche Spannung lös'te sich von seiner Brust, als die Gitterthür hinter ihm ins Schloß fiel und er nun den schmalen Waldpfad wieder zurückschritt. Hier unter den Zweigen war es schon ganz nächtig. Er beeilte sich aber nicht, ins Lichtere hinauszukommen. Das blasse Gesicht schwebte ihm beständig vor mit einer geheimnißvollen Frage. Daß hinter diesem Räthsel nichts Alltägliches und Niedriges verborgen sei, stand ihm fest. Nach und nach verwandelte sich sein neugieriges Interesse an dieser ungewöhnlichen Erscheinung in ein warmes Mitgefühl. Herrgott! sagte er vor sich hin, welch ein Leben in so jungen Jahren! Im Blockhaus eines amerikanischen Urwaldes könnte sie nicht einsamer sein. Hoffentlich ist das Kind wirklich ihr eigenes, daß sie doch ein Naturrecht darauf hätte, es zu lieben. Obwohl – wer weiß! Wenn aus dem kleinen Gesicht ihr täglich die Erinnerung an ein Unglück oder eine Schuld entgegenstarrt – Aber sie hat jedenfalls eine tapfere Seele. Sonst könnte sie die öden Tage und schaurigen Nächte nicht überstehen. – –

Als er nach der Stadt zurückkam, war die frühe Novembernacht schon hereingebrochen. Er ging schnurstracks nach dem Hause des Bürgermeisters, es ließ ihm keine Ruhe, bis er die Sache ins Reine gebracht hatte. Zu seiner freudigen Ueberraschung fand er für die Forderung seiner Clientin ein offneres Gehör, als er gefürchtet hatte.

Die Sache wird sich zu beiderseitigem Vortheil arrangiren lassen, sagte der praktische Mann. Sie wissen, lieber Freund, daß wir in der letzten Saison große Noth hatten, unsere Badegäste unterzubringen Da kommt uns das Haus des Fräulein Sengeberg ganz gelegen, zumal unter unseren Patientinnen immer einige sehr empfindsame Nervenkrüppel sich befinden, denen kein Quartier still und abgelegen genug sein kann. Die werden sich in dem Waldhause wie im Paradiese befinden, und wenn Sie sofort darangehen, die neue Einsiedelei auf dem noch auszusuchenden Platze auszubauen, kann unsere verehrte Menschenfeindin schon im nächsten Frühsommer ihre Uebersiedelung bewerkstelligen. Heut Abend in der »Harmonie« spreche ich die übrigen Herren vom Magistrat und dem Kurvorstand. Da will ich ihnen die Sache vortragen und zweifle nicht an ihrer Zustimmung, so daß ich Ihnen morgen früh den Bescheid für das Fräulein mittheilen kann. Oder wollen Sie nicht lieber selbst heute Abend in den rothen Löwen kommen und über den Erfolg Ihrer diplomatischen Mission Bericht abstatten?

Ulrich entschuldigte sich mit dringender Arbeit. Die Detailpläne müßten schleunigst beendigt, die Contrakte mit den verschiedenen Gewerbsleuten ausgearbeitet werden. Im Grunde hätte es damit keine solche Eile gehabt. Er fühlte sich aber nicht aufgelegt, sich unter die Honoratioren zu setzen und ihre albernen Glossen über das einsame Fräulein mitanzuhören, das, mochte seine Vergangenheit auch dunkle Punkte enthalten, ihm jedenfalls von höherer Art erschien, als die ehrenwerthen Gattinnen dieser kleinstädtischen Biedermänner.

Er saß dann bis tief in die Nacht an seinem Zeichentisch, ertappte sich aber mehr als einmal darauf, daß er statt der Gesimsprofile, die er noch ins Reine zu bringen hatte, einen Frauenkopf an den Rand skizzirte, der für ein gar. nicht übles, nur etwas idealisirtes Porträt der Einsiedlerin gelten konnte. Dabei sprach er ihren Namen mehrmals laut vor sich hin: »Doris Sengeberg« und entwarf ein stilvoll verschlungenes D und S, als ob er durch eine solche mystische Beschwörung das Bild deutlicher in seiner Erinnerung zurückzurufen vermöchte. Hernach wischte er Bild und Monogramm sorgfältig wieder weg, stand vom Tische auf, öffnete ein Fenster und sah in die dunkle Gasse hinab, durch die ein rauher Wind fegte, bis die wunderliche Aufregung von ihm ließ.

Unsinn! murrte er vor sich hin. Was hab' ich mit dieser Person zu schaffen? Sie ist weder hübsch noch liebenswürdig und sieht wahrhaftig nicht aus, als ob sie nach dem Mitgefühl irgend eines Menschen fragte! Wenn sie die Menschen entbehren kann, so ist das ihre Sache. Sie hat am Ende doch mit Gift zu thun gehabt! Nur Schade um den Jungen, der in dieser Mörderhöhle aufwächs't.

Ein wenig verstimmt ging er endlich schlafen. Als er am frühen Morgen aufwachte, war schon ein Brief des Bürgermeisters für ihn abgegeben worden, der ihn benachrichtigte, die Herren hätten den Vorschlag des Fräuleins gutgeheißen und Herrn Ulrich Horst Vollmacht ertheilt, das Nähere wegen des neuen Bauplatzes mit der Besitzerin des Waldhauses zu verabreden, vorbehaltlich der amtlichen Genehmigung.

*

Die Morgennebel wogten noch über dem Fluß und spannten sich wie eine weiße Wand über das jenseitige Ufer, als Ulrich den Kurgarten wieder durchwanderte und das Wäldchen betrat, heute nicht in der vergnüglichen Stimmung, wie er den Weg gestern zurückgelegt hatte. Er war entschlossen, die Sache in geschäftsmäßiger Kürze abzumachen und sich gegen jedes persönliche Interesse zu wappnen.

Als er aber das einsame Haus erreicht hatte, das schwarze Dach von der Nebelfeuchte erglänzen, die dürren Sonnenblumen ihre schweren Häupter senken sah und das Hündchen mit heiserem Gekläff ihn wieder anmeldete, konnte er sich einer trübseligen Empfindung wieder nicht erwehren. Im Garten war nichts Lebendiges zu erblicken, die Ziege schien aus ihrem Schuppen sich in den frostigen Morgen nicht hinauszusehnen, die Hühner irgendwo ein warmes Ställchen zu haben, wo sie sich's wohl sein ließen. Sehr langsam kam die alte Dienerin herangeschlurft, öffnete ohne Gruß das Gitter und bedeutete den frühen Besucher, einen Augenblick hier draußen zu warten. Es war ihm recht so. Er hatte gar kein Verlangen, das Haus zu betreten. Nicht lange aber, so erschien das Fräulein. Sie trug wieder das braune Kleid wie gestern und begrüßte ihn mit demselben gleichgültig regungslosen Gesicht. Als er seinen Bericht erstattet und hinzugefügt hatte, es würde gut sein, keine Zeit zu verlieren, damit das neue Haus womöglich noch vor dem Eintritt des Frostwetters unter Dach gebracht werden könne, erwiderte sie: Ich bin bereit, auf der Stelle mit Ihnen zu gehen, damit wir uns über den Platz verständigen können. Haben Sie die Güte, noch einen Augenblick zu verziehen. Ich will mich nur fertig machen.

Ob sie nicht abwarten wolle, bis der Nebel gesunken sei?

Sie kenne die Gegend ganz genau und habe sich über Nacht besonnen, wo sie in Zukunft wohnen wolle. Wenn es ihm recht sei, könnten sie das Nähere heute noch verabreden.

Damit ließ sie ihn im Garten stehen und verschwand im Hause. Doch schon nach wenigen Minuten kehrte sie zurück, ein großes, dunkles Tuch um die Schultern geschlagen, auf dem reichen, kunstlos aufgesteckten Haar ein unscheinbares schwarzes Hütchen, das mit einem schmalen Bande unter dem Kinn befestigt war. Man sah an ihrem Anzug, daß sie nicht den geringsten Werth darauf legte, irgend einem Menschenauge zu gefallen. Ihr nach kam der Knabe gelaufen, ohne Mäntelchen, auf dem sorgfältig gekämmten Lockenkopf eine kleine graue Mütze, die er vor dem Fremden nicht abnahm. Doch betrachtete er ihn beständig mit einem scheuen Blick seiner großen schwarzen Augen.

Komm, Wolf! sagte das Fräulein und nahm ihn bei der Hand. So gingen sie durch das Gitter, das die Alte hinter ihnen abschloß. Der Hund lief hastig, doch ohne Bellen voran; auf dem schmalen Waldpfade, wo sie hinter einander gehen mußten, wurde kein Wort gesprochen.

Als sie aber in die Kuranlagen hinaustraten, lichtete sich plötzlich das graue Gewebe, das die Landschaft umschleiert hielt. Einzelne breite Sonnenstrahlen schossen durch den Nebel, der sich in Wölkchen ballte und wie von goldenen Pfeilen gejagt nach allen Seiten zerflatterte. Die Spinnennetze, die an den niedrigen Sträuchern hingen und sich über die Bänke gebreitet hatten, glänzten wie lauteres Silber, ein frischer Wind schüttelte die nackten Zweige, daß sie ihre Last blanker Tropfen den Wandernden ins Gesicht sprühten, und aus dem wallenden weißen Duft drüben am Ufer hoben sich plötzlich in leuchtender Frische die Wipfel des Fichtenwaldes, der die Hügel bekrönte.

Die Augen des jungen Mannes weideten sich an dem glänzenden Schauspiel dieses Nebelkampfes mit der siegreichen Sonne. Seine Begleiterin schritt achtlos daran vorbei, und auch der Knabe trippelte neben ihr ohne den Kopf zu heben, nur darüber vergnügt, daß er mit seinen festen hohen Stiefeln durch den nassen Blätterabfall waten durfte.

Sie härten den Knaben tapfer ab, sagte Ulrich endlich, da ihm das Schweigen immer beklemmender wurde. Friert ihn nicht in dem leichten Jäckchen?

Er macht sich ja Bewegung, erwiderte sie. Und allerdings habe ich ihn nicht verweichlicht. Morgens und Abends wird er mit kaltem Wasser gewaschen. Seit wir hier wohnen, ist er noch keine Stunde unwohl gewesen.

Wie wird dem kleinen Hinterwäldler zu Muthe sein, wenn er erst in die Schule muß?

Davor werde ich ihn so lange als möglich behüten.

So gedenken Sie ihn selbst zu unterrichten?

Sie warf ihm einen raschen Blick zu, ob er dies Wort etwa mit einem spöttischen Nebengedanken gesprochen hätte. Sein Gesicht war aber ganz treuherzig geblieben.

Allerdings, erwiderte sie. Bis in sein neuntes oder zehntes Jahr wird mein bischen Wissen wohl für ihn ausreichen. Für welchen Beruf er sich eignen wird, muß sich später entscheiden. Er wird dann körperlich so weit gediehen sein, daß ihm eine harte Lehrzeit nicht mehr schaden kann.

Seine Erziehung aber werden Sie doch auch dann nicht aus der Hand geben?

Erziehung! wiederholte sie mit einem verächtlichen Ton. Glauben Sie an die Macht der Erziehung? Kann irgend welche Dressur aus einem Hunde einen Wolf, oder aus diesem einen Löwen machen?

Gewiß nicht. Aber wie es eine körperliche Abhärtung gegen schädliche Einflüsse giebt, sollte nicht auch die Seele durch eine heilsame Zucht vor allerlei Krankheiten und Gebrechen geschützt werden können?

So heißt es allerdings, erwiderte sie achselzuckend.

Das ist auch eines jener thörichten Vorurtheile, mit denen die Menschen trotz aller Widerlegungen durch die tägliche Erfahrung sich selbst betrügen. So viel ich davon erlebt habe, wird jeder Mensch trotz seiner Erziehung, was er ist.

Und die Macht des Beispiels? warf er ein.

Die hilft nur dazu, uns den Spiegel vorzuhalten, daß Jeder sieht, was an ihm selber ist, im Vergleich mit Anderen, Besseren oder noch Schlechteren. Ich wenigstens habe nie einen Menschen gefunden, der über seinen eigenen Schatten hätte springen können.

Daraus gingen sie wieder eine Weile schweigend nebeneinander her. Die ruhige Kälte, die ihn aus jedem ihrer Worte anfröstelte, verstimmte ihn, während er sich doch eines gewissen Respekts nicht erwehren konnte. Auch der Knabe war nicht wie andere Kinder seines Alters. Noch hatte Ulrich seine Stimme nicht gehört, und obwohl er ein großer Kinderfreund war, konnte er es nicht über sich gewinnen, das Wort an den ernsthaften kleinen Mann zu richten, der immer nur auf das Hündchen blickte und nicht die geringste Lust bezeigte, sich zu den Knaben zu gesellen, die auf den Stufen der alten Trinkhalle spielten.

Die Erwachsenen, die ihnen begegneten, blieben regelmäßig stehen und sahen, unter einander raunend, dem Fräulein nach, über das so sonderbare Gerüchte gingen. Sie schien es nicht zu bemerken. Nur daß sie, als sie sich den Häusern des Städtchens und der eisernen Hängebrücke näherten, ihren Schritt beschleunigte, als ob es ihr nicht wohl dabei sei, unter Menschen zu kommen. Der Nebel hatte sich nun völlig verduftet. Sie sahen von der Brücke aus den Fluß mit weißlichen Wellen, auf denen die bleiche Herbstsonne lag, ruhig dahinziehen und gelangten an das andere Ufer, wo ein paar bescheidene Fabriken, eine Schneidemühle und wenige arme Häuschen standen. Die Wiesen an den Hügelabhängen leuchteten noch sommergrün, und Krähenschwärme flogen kreischend vom Wald herüber nach dem Flusse, wo sie auf einer Sandbank sich niederließen.

Hier bat sie ihn einen Augenblick zu verziehen. In einer der verfallenen Hütten wohne eine Frau, mit der sie ein Wort zu sprechen habe. Ulrich setzte sich unter das vorspringende Dach der Sägemühle auf einen Baumstamm, der Knabe stand neben ihm und schnitzelte mit einem Messerchen an der Rinde.

Kennst du die Frau? fragte ihn Ulrich.

Es ist die Kathrin, die bei uns wäscht, sagte das Kind. Jetzt ist sie krank. Tante Doris bringt ihr eine Medicin und was zu essen. Sie hat es gestern der Josephe gesagt.

Hast du Tante Doris sehr lieb?

Der Knabe nickte ernsthaft vor sich hin. Dann, als ob ihm das Fragen unheimlich würde, lief er nach dem Hause, in welchem das Fräulein verschwunden war, und kam bald, sie fest an der Hand haltend, mit ihr wieder heraus.

Ich habe mir inzwischen die Gegend betrachtet, sagte Ulrich, indem er den Blick nach der Halde gegenüber erhob. Wie wär' es Fräulein, wenn wir Ihr neues Haus dort oben an den Waldrand hinstellten? Sie hätten da die schönste Aussicht über die Stadt und das Flußthal und wären doch ganz nach Ihren Wünschen davor sicher, daß die Leute Ihnen nicht in die Fenster schauten.

Sie zog die Brauen ein wenig zusammen, sagte aber mit ihrem gewöhnlichen gleichgültigen Ton: Sie irren sehr, wenn Sie glauben, ich zöge mich von den Menschen zurück, damit sie mich nicht sähen. Mein Thun und Lassen könnte meinethalb auf der Heerstraße vor sich gehen; was die Leute davon hielten, kümmerte mich nicht. Aber sie zu sehen verdirbt mir die ruhige Stimmung, und darum verzichte ich gern auf eine sogenannte schöne Aussicht, wo ich den ganzen Tag an Diejenigen erinnert würde, die sich für meine Nächsten ausgeben und mir ferner und fremder sind, als die Rothhäute in den Urwäldern jenseits des Oceans.

Nun, erwiderte er, Jeder hat das Recht, die Welt so schwarz oder so rosig anzusehen, wie es seinen Augen natürlich ist. Nur müssen Sie mir verzeihen, mein Fräulein, wenn mich Ihre Anschauung denn doch ein wenig befremdet. Selbst bei den heftigsten Menschenhassern geht die Feindschaft gegen ihre Nachbarn doch gewöhnlich nicht weiter, als sich's mit ihrem eigenen Vortheil verträgt. Sie aber entsagen aller Bequemlichkeit, Sie ziehen einen trüben, feuchten Waldwinkel einer lustigen, sonnigen Höhe vor, bloß um nicht daran erinnert zu werden, daß es eine sehr gemischte Gesellschaft ist, die sich auf der wunderlichen Erde herumtreibt!

Sie hatte, während er sprach, finster zu Boden geblickt. Jetzt heftete sie ihre scharfen, glänzenden Augen fest auf die seinigen.

Menschenhaß? sagte sie. Meinen Sie wirklich, daß ich die Menschen meines Hasses würdigte? Hassen kann man nur, wen man zuvor geliebt hat, bis man enttäuscht worden ist. In dieser Lage war ich nie. Meine Empfindung den Menschen gegenüber ist entweder Mitleiden oder Widerwille. Das Wort scheint Ihnen hart. Wie alt sind Sie?

Achtundzwanzig Jahre, mein Fräulein, und etliche Monate, sagte er lächelnd.

So sind Sie glücklich, wenn Sie achtundzwanzig Jahre lang unter den Menschen gelebt haben und sie noch liebenswürdig finden. Ich bin ein ganzes Jahr älter als Sie. Mir aber sind die Augen schon früh aufgegangen. Doch wozu sprechen wir davon? Wir haben ja ein Geschäft. Lassen Sie uns keine Zeit mit müßigen Reden verlieren.

Nein, sagte er, während sie langsam weitergingen, warum wollen wir nicht davon sprechen? Denn glauben Sie nur nicht, daß ich mir weiser vorkäme, als Sie, und Ihnen das Recht bestritte, nach Ihren Erfahrungen zu urtheilen. Wie dürfte ich das, da ich für mein Theil, obwohl ich kein Kind mehr bin, überhaupt noch so gut wie Nichts von den Menschen erfahren habe! Wie das möglich ist? Nun, sehr einfach. Ich bin einen ganz geraden und glatten Weg durchs Leben gegangen, meine Eltern waren gute, einfache Leute, die mir Nichts in den Weg legten, als ich sehr früh eine Leidenschaft für meinen Beruf faßte. Dann das Polytechnicum, die Arbeit bei einem Baumeister, den ich sehr verehrte, ein italienisches Studienjahr, und gleich hernach schöne Aufträge. Wo blieb da die Zeit, Menschen zu studieren, mich überhaupt nur für sie zu interessiren? Ich hatte sie niemals nöthig, weder im Guten noch im Bösen. Die Frauenzimmer, die manchen meiner Kameraden desperat machten, haben mir keine Stunde meines Lebens verdorben und meine paar guten Freunde mich nie betrogen. Was ich genossen habe, geschah durch die Augen. Schön oder häßlich? das war die Cardinalfrage, die ich an Menschen und Dinge stellte – ein sehr einseitiges Verhältniß, werden Sie sagen. Aber, wer kann gegen seine Natur? Und da Sie gewiß Recht haben, wenn Sie meinen, um zu hassen, müsse man erst geliebt haben, ist mir Menschenhaß immer fern geblieben – freilich auch Menschenliebe. Danach werden Sie mich für eine sehr kalte oder flache Natur halten; und doch glaube ich, daß ich auch starker Gefühle fähig wäre, nur schläft das Alles noch in mir, und ich befinde mich ganz wohl dabei, da ich alle Hände voll zu thun habe mit Arbeiten, bei denen es auf Sinn und Verstand und Geschmack und gute Einfälle ankommt, auf die Menschen nur in so weit, als sie Steine tragen, Balken behauen und das Geld dazu hergeben.

Er hatte sich warm geredet, lüftete nun den Hut und strich sich das vom Wind zerzaus'te Haar aus der Stirn. Sein Gesicht mit den nicht sonderlich regelmäßigen, aber kraftvollen Zügen, seine breite, offene Stirn, unter der die braunen Augen mit stillem Feuer leuchteten, hatte sich geröthet; ein paar leichte Blatternarben, die als weißliche Flecke in der glatten Haut sichtbar wurden, verunzierten die Wangen kaum, die ein dünner, heller Bart umrahmte. Nun, da sie Nichts erwiderte, lächelte er gutmüthig, wobei seine kräftigen, weißen Zähne blitzten, und sagte:

Sie haben nach diesem moralischen Steckbrief, den ich mir selbst ausgestellt, die Wahl, Fräulein, ob Sie mich nun bemitleiden oder widerwärtig finden wollen.

Erst nachdem sie noch eine ganze Weile geschwiegen hatte, versetzte sie: Keins von beiden. Vielleicht sind Sie einer der Auserwählten, die wie unter einer Taucherglocke durch das wilde Meer schwimmen, das wir Leben heißen. Alle Stürme, alle Ungeheuer, von denen es wimmelt, vermögen nicht Ihnen an die Haut zu dringen, und so sehen Sie bis an Ihr Lebensende den ewigen Kampf der feindseligen und häßlichen Mächte wie ein Schauspiel an, das Sie nicht weiter bekümmert. Wenn es Sie freilich eines Tages gelüsten sollte, das Glas zu zerbrechen und sich in das Getümmel zu mischen, würden Sie bald merken, daß hinter den schönen Korallenwäldern und Zaubergärten da unten die gefräßigsten Unholde lauern. Nun, ich will Ihnen Ihre Illusionen nicht stören. Also sprechen wir von etwas Anderem.

Gut, sagte er, und seine Stimme hatte einen warmen Klang, aber noch eine Frage müssen Sie mir gestatten: haben Sie wirklich immer nur Gehässiges von den Menschen erlebt, nicht auch Solche gefunden, die Sie hätten achten oder gar bewundern müssen? Ich habe einmal einen Vers gelesen, den auch gewiß kein heiterer, vom Glück verwöhnter Mensch verfaßt hat, der mir aber doch einen weisen und heilsamen Sinn zu haben scheint:

Im Allgemeinen denk' ich schlecht
Von dem gesammten Menschengeschlecht,
Doch jeden Einzlen ich mir betracht',
Ob er nicht eine Ausnahme macht.

Wie denken Sie darüber, liebes Fräulein?

Das mag Jeder halten, wie er will und kann, erwiderte sie. Auch ich habe lange genug immer neue Anstrengungen gemacht, mein kindliches Zutrauen zu meinem Geschlecht, das mir früh erschüttert wurde, zu befestigen. Zuletzt bin ich's müde geworden, da es mir von Niemand gedankt wurde, und jetzt, seit ich ganz darauf verzichtet habe, die paar Ausnahmen herauszufinden, lebe ich verhältnißmäßig ruhig und zufrieden. Wenn man sich nicht mehr hingiebt, kann man auch nicht mehr zurückgestoßen werden.

Ich weiß wohl, fuhr sie nach einer Pause fort, die heuchlerischen humanen Seelen nennen das Selbstsucht, was doch nichts Anderes ist als Pflicht der Selbsterhaltung. Machen es die edlen Schwärmer, die von Menschenliebe triefen, denn besser? Wenn man ihre Nieren prüfen könnte, würde man entdecken, daß sie es mit ihrem Nächsten nur gerade so lange gut meinen, als er ihre Eitelkeit, ihre eigenen Neigungen und Gelüste nicht verletzt oder beeinträchtigt. Vielleicht ist das ganz in der Ordnung, damit die Welt überhaupt bestehen kann. Wenn der Trieb der Selbstsucht schwächer wäre, würden die einzelnen Geschöpfe bald zu Grunde gehen, und mit ihnen dann die Gattung. Sie sehen, ich denke darüber ohne Erbitterung. Nur, daß man sich diese Naturnothwendigkeit verleugnen und der nackten, häßlichen Nothwendigkeit rosenfarbene Mäntelchen umhängt, das erregt mir das Blut. Und darum bleibe ich der Gesellschaft, in der man gewohnt ist, sich gegenseitig anzulügen, fern. Ob sie dann auch auf meine Kosten lügt, braucht mich nicht zu kümmern, da ich Nichts davon erfahre.

Sie stand plötzlich still und blickte nach der Seite, wo ein breiter Fahrweg den Hügel hinanstieg. Hier müssen wir einbiegen, sagte sie. Hinter der Anhöhe dort liegt der Platz, den ich mir ausgesucht habe.

*

Sie stiegen, ohne das Gespräch fortzusetzen, zu den Fichten hinauf, aus deren Wipfeln eine leichte Rauchwolke sich erhob. Da oben liegt ein Bauerngut, sagte sie, wo ich zuweilen gerastet habe, um dem Knaben ein Glas Milch reichen zu lassen. Von meinem neuen Hause hätte ich nur fünf Minuten bis zu diesem Gehöft, was mir für meine kleine Wirthschaft erwünscht wäre, obwohl ich das Meiste, was ich brauche, mir selbst beschaffe. Und so ganz in der Wildniß, daß weit und breit in Nothfällen keine menschliche Hülfe zu erlangen wäre, ist es unheimlich zu hausen für zwei Frauenzimmer und ein Kind.

Die Bäuerin droben trat aus dem Hause, als sie das Fräulein kommen sah. Ein paar gleichgültige Worte wurden gewechselt, ohne daß auch nur der Schimmer eines Lächelns auf dem Gesicht des Mädchens erschien. Dann schlug sie, den Knaben an der Hand, einen Seitenweg ein, der über das hochgelegene Wiesenland führte und bald in eine junge Waldung eintauchte. Ulrich folgte in einer traumhaften Stimmung; noch immer klangen die wunsch- und hoffnungslosen Worte in ihm nach, die seine Begleiterin gesprochen hatte. Er fühlte, daß seine innerste Natur sich dagegen auflehnte, und zugleich, daß es thöricht und vermessen gewesen wäre, erlebte Glaubenssätze mit wohlfeilen Maximen zu bestreiten.

Er fuhr erst aus seinem Brüten auf, als am Rande des Waldes seine Führerin stehen blieb und in ein sanft hingelagertes Wiesenthal hinabdeutete, das drüben wieder sacht hinanstieg und von einer dunklen Wand hoher Ahornbäume begrenzt wurde. Die Lichtung mochte ungefähr den Flächenraum ihres bisherigen Grundstücks haben; doch öffnete sich hier der Blick nach der einen Seite, und man sah in die weite waldige Ebene hinaus, durch welche der Fluß in langer Windung dahinströmte.

Sind Sie einverstanden mit meiner Wahl? fragte sie, sich nach Ulrich umwendend.

Der nickte nur. Er zog einen zusammenlegbaren Meterstab heraus und machte sich daran, die Wiese damit abzuschreiten. Während dessen hatte sich das Fräulein auf einen Baumstumpf gesetzt, der Knabe suchte Eicheln und Buchnüsse aus dem dürren Laub, das den Boden bedeckte, das Hündchen, durch ein Eichhörnchen beunruhigt, sprang bellend hin und her.

Als er wieder zurückkam, das Taschenbuch, in das er die Zahlen eingetragen, in der Hand, begegnete er einem freundlicheren Blick, als ihm bisher von ihr zu Theil geworden war.

Es wird sich gut hier bauen lassen, sagte er; der Grund ist nicht quellig, die Lage so geschützt, daß man vielleicht bis tief in den December hinein mauern kann, und die Nähe der Sägemühle unten wird uns auch zu Statten kommen. Immer vorausgesetzt, daß der Grund und Boden der Stadt gehört und wir es mit keinem Privatbesitzer zu thun haben. Hierüber werde ich Ihnen noch heute Nachmittag Entscheidung bringen.

Der warme, persönliche Ton seiner Stimme war verschwunden. Er gab sich offenbar Mühe, sich wieder ganz als Geschäftsmann gegen sie zu betragen. Auch entging es ihr nicht. Doch machte sie keine Anstalten, wieder ein traulicheres Gespräch anzuspinnen.

Ich danke Ihnen, sagte sie kurz. Wir können also den Rückweg antreten. Wolf wird hungrig sein, und wenn Sie indessen vorausgehen wollen, trinkt er seine Milch bei der Bäuerin.

Er blieb aber bei ihnen, auch da sie bei dem Gehöft wieder angekommen waren. Sie saßen eine Weile auf der Bank vor dem Bauernhause, und Ulrich sah dem Knaben zu, wie er das große Glas mit beiden Händen fest umklammert hielt und seine kleine Nase tief hineinsteckte, um vom Trinken nur abzusetzen, wenn er Athem schöpfen mußte, wobei der Spitz ihn mit neidischer Aufmerksamkeit betrachtete. Auch dies Geschäft betrieb er so ernsthaft, wie Alles, was er that. Er schien so wenig zu wissen, was Spielen sei, wie seine Erzieherin etwas vom Lachen wußte.

Sie unterhielt sich mit der Bäuerin von der Wirthschaft und fragte nach Mann und Kindern, Alles in einem Ton, als gingen ihre Gedanken indeß ganz andere Wege. Als der Knabe fertig war, stand sie rasch auf. Ich werde vielleicht Eure Nachbarin, sagte sie. Wenn ich unten auf der Fuchswiese wohne, müßt Ihr mir täglich Milch und Butter schicken. Auch werde ich eine Glocke auf dem Dachstuhl anbringen lassen, damit, wenn wir einmal in Noth gerathen, Feuer ausbricht oder Räuber uns ins Haus fallen, wir Euch ein Zeichen geben können. Dagegen sind wir auch bei der Hand, wenn Ihr hier oben Hülfe braucht, und mein Medicinschrank kann Euch manchen Gang in die Apotheke ersparen. Gieb der Bäuerin eine Hand, Wolf! Und nun wollen wir gehen.

Im Hinuntersteigen konnte er sich nicht enthalten zu sagen: Sie haben ein hülfreiches Gemüth, Fräulein. Ich glaube denn doch, daß das Mitleiden mit der Menschheit tiefer in Ihnen wurzelt, als Abscheu und Verachtung.

Glauben Sie? erwiderte sie kurz. Nun, Eins entspringt wohl aus dem Andern. Wenn die Menschen mir nicht so erbärmlich schienen, würde ich mich ihrer wohl nicht erbarmen. Aber warum kommen wir immer wieder auf dies Thema zurück? Ich entbinde Sie jeder Verpflichtung, mich in Schutz zu nehmen, wenn Sie mich verleumden hören. Wir werden noch eine Zeitlang Geschäfte mit einander haben. Lassen Sie uns dabei alle Fragen vermeiden, über die zwei so verschiedene Menschen, wie wir, sich nie verständigen werden.

Der schroffe Ton ihrer Rede, mehr noch als die Worte selbst, verletzte ihn, und er ergab sich nun einem schmollenden Stillschweigen, das sie auch durchaus nicht zu brechen suchte. Erst als sie die Brücke wieder überschritten hatten und ihre Wege sich nun trennten, sagte sie:

Wenn Sie mir den Bescheid des Herrn Bürgermeisters bringen, werde ich Ihnen die Pläne meines Hauses vorlegen, da ich es genau so wie es ist wieder aufgebaut zu sehen wünsche. Doch können wir, falls es Ihnen lieber ist, die Sache auch schriftlich abmachen. Sie schicken mir einen Boten, und ich gebe ihm die Mappe mit den Plänen für Sie mit.

Er verneigte sich gemessen.

Ich werde selbst kommen.

Dann trennte sie sich von ihm mit ihrem gewöhnlichen kurzen Kopfnicken, der Knabe zog die Mütze, ohne ihm eine Hand zu geben, und Beide wandelten langsam den Fluß hinab durch die Kuranlagen.

Ulrich sah ihnen nach mit einer höchst unmuthigen Empfindung. Warum bin ich auch der Narr, knirschte er zwischen den Zähnen, meine Theilnahme an dies starrköpfige, unweibliche Frauenzimmer zu verschwenden, das den Teufel danach fragt, ob ein Mensch sich um sie bekümmert! Ebenso gut könnte ich mir einbilden, durch Anhauchen eine Glasscheibe zum Schmelzen zu bringen! Es war eine Dummheit, daß ich selbst zu kommen versprach. Mich dauert nur das Kind, das sie ebenfalls zur Profession des Menschenhasses erziehen zu wollen scheint. Es hat auch wirklich Talent dazu, und gewiß ist es ihr eigenes. Aber eben darum sollte dagegen eingeschritten werden, mit demselben Recht, wie man einer unnatürlichen Mutter, die ihre Brut mißhandelt und verhungern läßt, einen Vormund bestellt. Ist es nicht sündhafter, ein Kind ohne Liebe aufwachsen zu lassen, als ohne Brod? Wenn meine gute Mama mir solche Augen gemacht hätte –

Eine laute, joviale Stimme unterbrach plötzlich seinen Monolog. Der alte Badearzt war unbemerkt, da Ulrich den beiden sich Entfernenden nachblickte, herangetreten und klopfte ihm mit dem goldenen Knopf seines altmodischen Stockes leise auf die Schulter.

So vertieft, junger Freund? Hat das Waldfräulein schon seine Zauberkunst spielen lassen und den Herrn Baumeister in eine Salzsäule verwandelt, die hier mitten auf der Straße einwurzelt? Haha! Habe ich doch umsonst vor gewissen Augen gewarnt? Nun sehen Sie zu, wie Sie wieder loskommen, haha! Aber sagen Sie nur geschwind, wie finden Sie dies absonderliche Mädchen? Haben ihre Perlmutteraugen Sie auch so menschenfeindlich angefröstelt, wie mich alten Knaben?

Ulrich erwiderte kurz und ausweichend: er habe nur geschäftliche Dinge mit ihr verhandelt, übrigens nichts Unheimliches an ihr gefunden. Sie scheine eine zarte Gesundheit zu haben und sich nur in der tiefsten Ruhe und Einförmigkeit wohl zu befinden.

Eine zarte Gesundheit? wiederholte der Alte, seinen lachenden zahnlosen Mund fast in die Cravatte vergrabend. Die ist so fest gezimmert, wie ein junger Eichbaum. Ihre Hausapotheke, mit der sie mir bei den armen Leuten ins Handwerk pfuscht, braucht sie gewiß nie für sich selbst. Und doch mögen Sie Recht haben: irgend wo hapert's, und ein alter Diagnostiker meines Schlages kann auch nicht zweifeln, wo das Uebel sitzt: Atrophie des Herzmuskels nennen wir das, Folge einer Herzentzündung, was freilich im Bereich des bloß Physischen unwissenschaftlich klingt, aber Sie verstehen mich schon. Glauben Sie mir, lieber Freund: wenn ein Frauenzimmer die Menschen entbehrlich findet, kommt's immer davon her, daß sie Einen Menschen zu schmerzlich entbehrt. Na, dem ist ja abzuhelfen, wenn durch eine neue Passion wieder für eine lebhaftere Circulation des jungen Blutes gesorgt wird. Wir wär's, Meister? Wollen Sie sie nicht in die Kur nehmen? Ich werde ohne Brodneid zusehen, wenn Sie Ihre Patientin vollkommen herstellen.

Ulrich sann eben darüber nach, wie er das unbehagliche Gespräch durch einen kaltblütigen Scherz abschneiden sollte, als ihm zum Glück eine Patientin des Doctors zu Hülfe kam, die im Vorbeigehen sich freute, seiner habhaft zu werden. Wir sprechen noch mehr davon! rief der Alte ihm nach. Es wäre eine brillante Partie, und Sie blieben dann der Unsere, wir machten Sie zum Stadtbaumeister und wählten Sie in den wohllöblichen Kurvorstand. Kann Ihr Ehrgeiz nach höheren Zielen streben?

Die letzten Worte hörte Ulrich nur noch mit halbem Ohr. Er ging ohne Aufenthalt nach dem Rathhaus, wo er die Väter der Stadt versammelt fand. Seine Angelegenheit war rasch erledigt, das Thälchen am Ahornwalde, die sogenannte Fuchswiese, war Gemeindegrund, und Nichts stand im Wege, den Tausch gegen den bisherigen Besitz des Fräuleins zu bewilligen.

Auch hier in dem feierlichen Collegium fielen wieder anzügliche Reden über den Eigensinn der Dame, sich aller menschlichen Controle ihres Wandels zu entziehen. Da aber Niemand etwas Bestimmtes gegen sie vorzubringen wußte, fand es ihr junger Freund überflüssig, ihren Ritter zu machen, zumal er sich keinen sonderlichen Dank von ihr versprechen durfte.

Und so machte er sich, nachdem er einige dringende Geschäftsbriefe geschrieben, um sofort die vielen verschiedenen Arbeiten in Angriff zu nehmen, bei einbrechender Dämmerung halb widerwillig nochmals auf den Weg nach dem Waldhause.

*

Er wurde dort, obwohl er nun kein Fremder mehr war, ganz so unherzlich empfangen, wie bei seinen ersten Besuchen. Nur daß die alte Dienerin, als sie ihn einließ, mit ihrer mürrischen Miene ihn beschied: das Fräulein lasse ihn bitten, ins Haus zu treten.

Sie führte ihn ein paar Stufen hinauf in einen kleinen mit Fliesen gepflasterten Hausflur, an einer Küche vorbei, die von einer Hängelampe hell erleuchtet war, so daß das Kupfergeschirr und alles Geräth an den Wänden in seiner musterhaften Sauberkeit erglänzte. Das geräumige Gemach, das sie dann öffnete, schien zum Eß- und Wohnzimmer zu dienen. Hier saß die Herrin des Hauses an einem derben Eichentisch mitten im Zimmer, eine Anzahl Baupläne vor sich, der Knabe kniete auf einem Holzstuhl neben ihr, den Kopf auf die beiden Aermchen gestützt, über einem großen Bilderbuch, von dem er die Augen nur einen Moment aufhob, als Ulrich hereintrat. Auch dieser Raum wurde durch eine Hängelampe erhellt, deren rothe Flamme die Gesichter frischer und blühender erscheinen ließ, als das herbstliche Tageslicht.

Den Stuhl, den sie ihm mit einer stummen Geberde anbot, nahm er nicht an, sondern verkündete ihr stehend in kurzen Worten, daß Alles in Ordnung sei und er nun bitte, ihm die Pläne zu zeigen.

Sie habe sie selbst entworfen, sagte sie, wobei ein leichtes Roth ihr ins Gesicht stieg. Ein Maurermeister habe ihre unvollkommene Zeichnung dann in den rechten Schick gebracht, er werde sich schon darin zurecht finden. Uebrigens sei sie bereit, ihn im Hause herumzuführen.

Sie zündete eine Kerze an, die in einem blanken Messingleuchter stand, und öffnete die Thür des Nebenzimmers. Es war ein großer vierfenstriger Raum, der die ganze Tiefe des Hauses einnahm, ohne Vorhänge und irgend einen Schmuck der Wände. Die eine Hälfte wurde von einer Badeeinrichtung eingenommen, einer größeren und kleineren Wanne, über welcher letzteren der Hahn einer Douche sichtbar wurde; gegenüber, wo der Boden mit einem dicken Polster belegt war, stand ein kleiner Barren und ein niedriges Reck. Das Erdgeschoß dient nur für die leibliche Pflege, sagte sie. Neben der Küche sind noch ein paar Vorrathskammern. Wir wohnen und schlafen im oberen Stockwerk, und so möchte ich es auch in dem neuen Hause halten.

Bestehen Sie darauf, daß die Treppe nicht breiter und fester sein darf, als diese hier? fragte er, indem er lächelnd und kopfschüttelnd die schmale, schwankende Hühnerstiege betrat.

Es ist eine Falltreppe, erwiderte sie. Ich muß mich im Obergeschoß meines Hauses verschanzen können, wenn etwa Gesindel trotz der festen Gitter an den Fenstern und der schweren Eisenthür mir einen Nachtbesuch zugedacht hätte. Sie sehen, wie leicht die Treppe hinaufzuziehen ist, und für uns Drei, die wir keine schweren Personen sind, genügte eine noch gebrechlichere Leiter. Nun sollen Sie einen Blick in die oberen Räume werfen.

Sie leuchtete droben in ein paar kleinere Zimmer hinein, wo die alte Dienerin zu schlafen schien und allerlei Schränke und Truhen standen. In einem dritten großen Gemach stand ihr Bett, daneben das kleinere des Knaben. Und hier ist mein Reich, sagte sie, ihn in ein kleines Zimmer führend. Sie wundern sich über das Fehlen alles Zieraths und der hundert Kleinigkeiten, die ein altes Mädchen mit sich durchs Leben zu schleppen pflegt. Ich besaß das Alles auch, ich war nicht in so schmucklosen Räumen zu leben gewohnt. Als ich aber hierher übersiedelte, um meine übrige Lebenszeit ganz in der Stille zuzubringen, warf ich Alles hinter mich, was mich an frühere Zeiten erinnerte. Wer nicht gerade Ursache hat, lustig zu sein, der pflegt sich nicht zu putzen. Was man aber braucht, wenn man andere Gesellschaft nicht aufsucht, habe ich dort im Schränkchen mitgebracht.

Sie wies auf einen kleinen Bücherschrank, an der Seite eines einfachen Schreibtisches. Der Schein ihrer Kerze fiel gerade auf die lange Reihe eines Geschichtswerkes, neben welchem verschiedene naturwissenschaftliche Bücher standen.

Sie scheinen auch die Dichter für einen entbehrlichen Schmuck des Lebens zu halten, Fräulein, sagte er scherzend. Wenigstens sehe ich hier keine der beliebten Klassiker-Ausgaben. Sollten Sie es nicht lieben, sich von Goethe und Schiller an Ihren einsamen Winterabenden Gesellschaft leisten zu lassen?

Sie thun mir nicht wohl, erwiderte sie, und ihre Stirne faltete sich. Sie verewigen das Bild einer Menschheit, wie sie sein sollte und leider nicht ist. Ich fühle mich von Blatt zu Blatt versucht zu protestiren, wenn ich sehe, wie bestechend sie nach jenem bekannten Wort »um die gemeine Deutlichkeit der Dinge den goldenen Duft der Morgenröthe weben«. Schlage ich dann ein Geschichtsbuch auf, so ist mir, als träte ich aus einem Treibhaus mit allerlei schwülen Düften wieder in die scharfe Luft des freien Waldes hinaus. Ich sehe dann wieder, wie die Menschen zu allen Zeiten elend und böse waren und den wenigen Guten das Leben sauer machten. Sie werden das sehr nüchtern und vielleicht thöricht finden, da Sie überall nur das Schöne aufsuchen. Aber Jeder weiß am besten, was ihm Noth thut und zu seinem Frieden dient.

Sie hatte den Leuchter auf den kleinen runden Tisch vor dem Sopha gestellt, ihn aber nicht eingeladen Platz zu nehmen. Seine Augen hingen, während sie sprach, an dem einzigen Bilde, das in dem ganzen Hause zu finden war, dem bekannten Stich nach dem Abendmahl Leonardo's.

Nun konnte er sich nicht enthalten zu sagen: Zu dem, was Ihnen Noth thut, rechnen Sie doch wenigstens das eine erhabene Kunstwerk. Oder ist es bloß der Gegenstand, um dessentwillen Sie es nicht auch hinter sich gelassen haben?

Ja wohl, der Gegenstand! versetzte sie ruhig, indem sie ihre glänzenden Augen zu dem Bilde aufschlug. Man wird Ihnen in der Stadt gesagt haben, daß ich eine schlechte Christin sei, und hat mich damit nicht verleumdet. Und doch ist mir kein Name ehrwürdiger, als der des Mannes. der dort unter seinen sogenannten Jüngern beim letzten Mahle sitzt und, obwohl er ein Mensch ist, wie sie, diesen seinen Nächsten sich so himmelfern fühlen muß, als sähe er sie heut zum ersten Mal. Oder glauben Sie, daß der Jüngling, der sein Haupt an seine Brust lehnt, den Meister verstanden hat? Er hat ihm nicht einmal den Schlaf einer einzigen Nacht opfern können im Garten von Gethsemane. Am besten mag ihn noch verstanden haben, der ihn verrieth. Er hätte ihn nicht so tödtlich beneidet, wenn ihm seine Größe nicht aufgegangen wäre. Nein, ich kann das Credo nicht nachbeten, daß er ein Gott gewesen sei. Aber er wird mir nur um so tragischer und vorbildlicher. Im Faust steht es schon, was Denen geschieht, die sich von ganzem Herzen an die Menschen hingeben. Sie wurden von je »gekreuzigt und verbrannt«. Wenn aber Jemand sich daraus eine Lehre nimmt, aus Nothwehr für sich bleibt und von Nächstenliebe nur so weit etwas wissen will, als sie sich in Almosen ausdrückt, entsteht ein Zetergeschrei, und die werthen Pharisäer frohlocken, daß sie bessere Menschen sind. Immer wenn ich neue Beweise hierfür erlebe, blicke ich zu dem edlen Dulder dort auf und sage mir: Du hast Recht, die Augen niederzuschlagen. Du schämst dich deiner hochherzigen Thorheit, diese Menschheit erlösen zu wollen. Nun mißbrauchen sie deinen Namen zu ihren selbstsüchtigen Zwecken und würden dich, wenn du wiederkämst, zwar nicht wieder kreuzigen, aber unter polizeiliche Aufsicht stellen und dir vor Allem das Predigen verbieten.

Er horchte mit wachsendem Erstaunen auf ihre erregten Worte, die mit der steinernen Ruhe ihres Gesichts in so seltsamem Widerspruch standen. Ihre Beredtsamkeit klang danach, als ob sie diese Gedanken hundertmal in einsamen Stunden durchgedacht hätte und nun eine Art Erleichterung fühlte, sie einmal auszuschütten, ohne daß sie auf eine Gegenrede wartete.

Als sie nun schwieg, stand er noch eine Weile dem Bilde gegenüber und empfand es seltsam, daß ihm Aehnliches nie dabei eingefallen war. Er mußte es aber gelten lassen, obwohl es sein innerstes Wesen in Aufruhr brachte.

Wir sprechen wohl noch mehr davon, liebes Fräulein, sagte er endlich. Wenn Sie sich überhaupt mit einem Menschen unterhalten mögen, der bisher durch das Leben gewandelt ist wie durch ein großes Museum oder eine Kunstausstellung. Ich habe Sie heute schon zu lange belästigt. Die Pläne werde ich mitnehmen und ganz nach Ihren Wünschen auf dem neuen Platz ausführen lassen. Gute Nacht, Fräulein Doris.

Er wußte nicht, wie er dazu kam, sie so vertraulich bei ihrem Vornamen zu nennen. Auch warf sie ihm einen befremdeten Blick zu, entließ ihn aber nicht wie sonst mit ihrem stummen Kopfnicken, sondern mit einem nicht unfreundlichen Gute Nacht!, das ihm lange im Ohre nachklang, während er durch den sternlosen Herbstabend seiner Wohnung zuschritt.

*

Am andern Morgen erwachte er von dem Ton derselben Stimme, die durch seine Träume gegangen war. Er hatte aber nicht Zeit, diese Träume fortzuspinnen. Es war ein Montag, er mußte eilen auf den Arbeitsplatz zu kommen, wo ihn die Erdarbeiter, die er gedungen hatte, erwarteten. Nachdem er die ersten Anordnungen im Kurgarten getroffen hatte, wählte er einen kleinen Trupp der zuverlässigsten Leute aus und führte sie aufs andere Ufer hinüber, den Hügel hinauf und nach der Fuchswiese hinab. Der Platz, wo das Haus stehen sollte, wurde abgesteckt, er ließ es sich nicht nehmen, den ersten Spatenstich selbst zu thun. Dann kehrte er wieder zu seiner größeren Aufgabe zurück.

Die starke Anspannung aller Kräfte, die das Werk von ihm forderte, that ihm wohl, weil sie ihn nicht zur Besinnung kommen ließ, an Handlangern und Gesellen fehlte es nicht, wohl aber an zuverlässigen Aufsehern. Er mußte sich verdoppeln, um überall selbst zu sein, bei dem Abtragen des alten Brunnentempels, dem Abholzen des Wäldchens, dem Herausmauern des Fundaments drüben auf der Waldwiese.

Wenn die frühe Dunkelheit dazu nöthigte, Feierabend zu machen, saß er noch ein paar Stunden in der kleinen Bauhütte, die er am Saume des Wäldchens zwischen dem projectirten Kurhaus und der neuen Trinkhalle hatte aufführen lassen, rechnete mit den beiden Pallierern ab, oder zeichnete die Details in der natürlichen Größe aus. Seine Wirthin bekam ihn nur spät zu sehen, kurz bevor er schlafen ging. Von Träumen, die ihn an das Waldfräulein erinnerten, blieb er verschont.

Im Wachen aber spukte ihre Gestalt oft mitten in der heißesten Arbeit vor seinen Sinnen, daß er sich ordentlich in den Gliedern schütteln mußte, um sich ihrer zu erwehren. Jedesmal, wenn das geschah, überfiel ihn ein dumpfer Unmuth. Es war fast, als erinnere ihn sein Gewissen an eine versäumte Pflicht. Und doch – was war er ihr schuldig? Welche Macht besaß er, ihre starre Abkehr von aller Lebensfreude zu hindern, selbst wenn er sich ihr ganz gewidmet hätte?

Alles, was sie ihm gesagt, war ihm fremd und unerfreulich gewesen, und zumal jetzt, wo er in seinem eigensten Element alle seine jungen Kräfte spielen ließ, schien ihm das Leben ein so vergnügliches Ding und die Welt, in der sich thätige Menschen tummelten, so wohleingerichtet, daß er sich gegen die Klausnerphilosophie der einsamen Menschenverächterin mit hellem Trotz auflehnte. Trat dann aber das regungslose blasse Gesicht mit den räthselhaften Augen in voller Deutlichkeit wieder vor ihn hin, so fühlte er sich gleichsam beschämt, daß er hatte klüger sein wollen, als dieses nachdenkliche Wesen, das von den Menschen Nichts verlangte, als von ihnen in Ruhe gelassen zu werden.

Nicht ein einziges Mal kam ihm der Gedanke, ob er am Ende sie überschätze, weil er sie mit verliebten Augen betrachte. Er war so unerfahren in seinem eigenen Herzen, daß er eine solche Gefahr gar nicht in Betracht zog. Nur als eine Woche vergangen war, ohne daß er sie wiedergesehen, und das heimliche Verlangen darnach immer brennender wurde, sagte er sich, daß sie es am Ende befremdlich finden müsse, wenn er sich so ganz zurückhalte.

Und doch wurde er roth bei dem Gedanken, daß sich ja ein Vorwand, sie über ihren Hausbau zu befragen, leicht finden ließe. Lieber wollte er abwarten, ob er ihr nicht zufällig begegnete. So trieb er eifrig das Geschäft der Lichtung in dem Gehölz, wo das Kurhaus stehen sollte, und strich mit Vorliebe an der äußersten Grenze hin, wo er hie und da durch die Stämme hindurch das Waldhaus erblicken und das Bellen des Hündchens hören konnte.

Von ihr selbst war Nichts zu sehen.

Bis sie dann doch eines Tages, da die Arbeiter gerade Mittag machten, aus dem Hause trat und langsam gegen den Zaun vorging, um nach dem Bauplatz hinauszuspähen.

Mit einem raschen Entschluß ging er ihr entgegen und begrüßte sie über das Stacket hinüber.

Er empfand eine wunderlich beklommene Freude, als sie ihm in ihrer stillen Art zunickte, zugleich eine wohlthuende Enttäuschung. In seiner Erinnerung war ihr Bild immer starrer und feierlicher geworden, etwa der delphischen Sibylle ähnlich, die er in der sixtinischen Kapelle bewundert hatte. Nun sah er ein blasses Mädchengesicht vor sich, mit ernsthaften, aber weichen Zügen; nur der strenge Mund erinnerte an die bitteren Worte, die er von ihm zu hören gehabt. Das hinderte ihn aber nicht, sie sehr reizend zu finden.

Er gerieth bald in einen heiteren Ton, indem er beklagte, daß er mit seinem wilden Heer ihr die Ruhe stören müsse. Sie werde ihn oft genug verwünscht haben, wenn das Schallen der Aexte und Sägen sie schon vor Tagesgrauen aus dem Schlaf wecke. Drüben auf ihrem eigenen Grund und Boden gehe es stiller zu. Noch ein paar Wochen so gelinder Witterung, und es werde sich schon lohnen, den neuen Bau zu besichtigen. Auch habe er zu seiner Freude ganz nah eine Quelle entdeckt mit köstlichem Wasser, so daß sie bei einer Belagerung nicht zu verdursten brauche.

Sie sah, während er sprach, still vor sich hin.

Sie sind so freundlich zu meinem Besten bemüht, sagte sie, indem sie die Ziege streichelte, die ihr nachgelaufen war. Es wäre mir lieb, Ihnen irgendwie zu zeigen, daß ich kein undankbares Gemüth habe.

Ist das Ihr Ernst, Fräuleins antwortete er rasch. Sehen Sie sich vor, daß ich Sie nicht beim Worte nehme.

Was könnte ich Ihnen zu Gefallen thun?

Es ist nicht gerade ein unbilliger Wunsch, Ihnen aber, fürcht' ich, wird es doch schwer werden, ihn zu erfüllen.

Sie sah ihn fragend an.

Wissen Sie, Fräulein, daß ich mir oft den Kopf zerbrochen habe, wie Ihr Gesicht wohl aussehen möchte, wenn Sie einmal lächelten?

Ihre Brauen zogen sich leise zusammen. Im nächsten Augenblick aber lös'ten sich ihre festgeschlossenen Lippen, und ein trüber Glanz überflog ihre Wangen, während sie die Augen halb zudrückte und eine leichte Röthe ihr ins Gesicht stieg.

Nein, sagte er treuherzig, geben Sie sich keine Mühe. Ich sehe wohl, es geht nicht, mit dem besten Willen nicht; so will ich mich gedulden, aber die Hoffnung nicht aufgeben, daß Sie es noch einmal ordentlich lernen. Lassen Sie das neue Haus nur erst fertig sein, die Gegend drüben ist viel heiterer, und wenn Sie zum ersten Mal aus meiner Quelle trinken, werden Sie merken, daß ein Zauber in dem Wasser ist. Ich wenigstens, so oft ich davon koste, werde immer bis ins Herz hinein erfrischt.

Er reichte ihr durch eine Lücke des Zaunes die Hand und drückte kräftig die ihre. Es war das erste Mal, das er sie berührte, und er wunderte sich selbst über seine Dreistigkeit. Dann verabschiedete er sich eilig von ihr und war den übrigen Tag in so aufgeregt fröhlicher Stimmung, als wäre ihm ein großes Glück begegnet.

Am nächsten Tage, als er drüben auf der Fuchswiese eben die Arbeiter beaufsichtigte, sah er plötzlich das Fräulein die Halde herabsteigen, den kleinen Wolf neben sich, das Hündchen ihnen voraufspringend. Sein Gesicht verklärte sich, als er ihnen entgegenging.

Wir haben es versäumt, rief er, Sie zu einer feierlichen Grundsteinlegung einzuladen. Es ging Alles ein wenig hastig zu, da Gefahr im Verzuge ist. Nun sehen Sie aber auch, wie wacker wir uns darangehalten haben. Hier kommt die Bauherrin, sagte er zu den Maurern gewendet. Wenn wir das Richtfest halten, sollt ihr auf ihre Gesundheit trinken.

Die Leute nahmen die Mützen ab, sahen einen Augenblick die Dame an und fuhren dann in ihrer Arbeit fort, nachdem das Fräulein ihnen grüßend zugenickt hatte.

Sehen Sie, sagte er lachend, ich behalte Recht, der Platz hier hat die Gabe, heiter zu stimmen. Sie haben schon beinahe gelächelt. Nun kommen Sie zur Quelle, und wenn Sie sich nicht scheuen, mit uns rauhen Männern aus Einem Becher zu trinken, werden Sie merken, daß ich nicht zu viel gesagt habe.

Er ging nach einem etwas höher gelegenen Wiesenfleck nahe bei den Bäumen, wo ein Wässerchen unter moosbewachsenem Gestein hervorquoll. Man hatte ihm vorläufig mit Brettern ein Abzugskanälchen angewiesen, durch welches es seitwärts abfloß, ohne den Baugrund zu durchsickern. Ulrich bückte sich und hob ein blechernes Gefäß vom Boden auf, das er sorgfältig ausspülte, ehe er es von Frischem füllte und der jungen Herrin hinreichte. Sie trank und ließ auch den Knaben trinken, während der Hund sein rothes Zünglein in die hölzerne Rinne streckte. Als sie dann den Becher zurückgab, lächelte sie wirklich.

Sie haben Recht, sagte sie. Dies scheint in der That ein Jungbrunnen zu sein. Der Tag ist grau, und wir werden auch heute wohl die Sonne nicht sehen. Aber es heimelt mich doch Alles hier an, und ich kann mir denken, daß sich hier gut wird wohnen lassen.

Als sie dann Abschied nahm, zog sie ein Papier hervor, in das sie Geld eingewickelt hatte. Ich möchte den Leuten, die sich so eifrig bemühen, die Arbeit zu fördern, eine kleine Belohnung zukommen lassen. Hoffentlich haben Sie Nichts dagegen und vertheilen dies Geld nach Ihrem Gutdünken. Ueber die Art, wie wir den Brunnen am hübschesten decoriren, sprechen wir noch – wenn Sie einmal Zeit haben.

Er überlegte, ob er sie nicht heimbegleiten sollte; die Arbeit wäre auch ohne ihn fortgeschritten. Da sie aber keine Miene machte, ihn einzuladen, sondern sich rasch verabschiedete, blieb er bei den Arbeitern zurück und schwenkte nur noch den Hut, als sie oben, ehe sie in den Waldweg einbog, nach ihm zurücksah. Der Knabe erwiderte den Gruß, indem er sein Mützchen zog. Auch sie bewegte leicht die Hand; er bildete sich einen Augenblick ein, ihre Zähne zwischen den halbgeöffneten Lippen blitzen und diesmal selbst ihre Augen lächeln zu sehen, was ihm den trüben Tag heller machte, als wenn plötzlich die Sonne durch den Novembernebel durchgebrochen wäre.

*

Dieser Besuch aber wiederholte sich nicht, und auch er, so sehnsüchtig er es wünschte, kam in den nächsten Wochen nicht dazu, von der ertheilten Erlaubniß Gebrauch zu machen. Die Arbeit häufte sich dergestalt, daß er mit seinem Tagewerk immer erst fertig wurde, wenn die schickliche Zeit zu einem Besuch bei einer Dame längst verstrichen war. Allerlei Widerwärtigkeiten, wie sie bei solchem Werk nie ausbleiben, kamen dazu, ihn in Athem zu halten. Er bot aber allem Aerger und Ungemach munter die Stirn, da er gewohnt war, mit seinem frischen Muth den Menschen und Dingen immer die beste Seite abzugewinnen, und im Stillen, so oft er eine Herzstärkung bedurfte, besann er sich auf das blasse Gesicht, das ihn doch schon einmal mit einem traulichen Ausdruck angeblickt hatte. Es war ordentlich, als fürchte er, wieder dem alten hoffnungslosen Blick zu begegnen, wenn er sie aufsuchte, und zauderte aus diesem Grunde, an ihre Thür wieder anzuklopfen. Aber er behielt sich, erst wenn die Arbeit ganz vollbracht wäre, ein dankbares Lächeln von diesen Lippen zum Lohn für all seine Mühe vor.

Darüber war der November vergangen und der December bis in die Mitte vorgerückt. Das neue Kurhaus aber war nur erst mannshoch über den Boden aufgestiegen, die Trinkhalle auf den schlanken Eisenpfeilern unter Dach gebracht, das Haus drüben auf der Fuchswiese freilich schon im Rohbau vollendet, nicht gerade zur Zufriedenheit des Kurvorstandes, welchem das Interesse des fremden Fräuleins erst in letzter Reihe wichtig war. In den nächsten Tagen sollte der Dachstuhl drüben aufgesetzt werden. Da trat plötzlich ein Wetterumschlag ein, heftige Schneestürme braus'ten über das Flußthal hin, und die Arbeit mußte bis auf Weiteres eingestellt werden.

Sehr widerstrebend ergab sich der junge Baumeister darein, daß es für dieses Jahr mit seiner Thätigkeit vorbei sei. Einige Tage vergingen noch mit der Anordnung der nöthigen Schutzwehren an den begonnenen Bauten und der Ablohnung der Arbeiter. Dann saß er unmuthig, die Hände im Schooß, am Fenster seines niedrigen Gemachs, oder ging mit nachlässigen Schritten die blanken Dielen auf und ab. Seine Wirthin bemühte sich umsonst, ihn durch ihre Unterhaltung aufzuheitern. Selbst der Concertabend in der »Harmonie«, den die musikalischen Töchter der Honoratioren veranstalteten, lockte ihn nicht aus seinem Schmollwinkel heraus. Er ging sehr früh zu Bett, über allerlei Entschlüssen brütend, schlief aber so bald ein, daß auch über Nacht kein guter Rath sich einfinden konnte.

Am andern Tag schien es überhaupt nicht hell werden zu wollen. Die Luft war milder geworden, aber ein schweres, schwarzblaues Gewölk stand wie eine feste Wand über den Fichtenhügeln am Fluß, und in den engen Gassen des Städtchens war eine so unheimliche Trübe, daß man überall in den Werkstätten Licht brennen mußte. Ulrich, dem seine Wirthin die Lampe gebracht hatte, ließ sie unangezündet. Er lag lang ausgestreckt auf dem Sopha und starrte nach der Decke. Zuweilen seufzte er und hob sich mit einem entschlossenen Ruck in die Höhe, that die paar Schritte nach dem Fenster, blickte gen Himmel, seufzte von Neuem und kehrte zu seiner Ruhestätte zurück.

So wenig er gewohnt war, in sein Inneres zu schauen und sich über seine Gefühle Rechenschaft zu geben, auf die Länge konnte er sich's nicht verleugnen, daß ein heftiges Verlangen, die Bewohnerin des Waldhauses wiederzusehen, alle anderen Regungen seiner Seele niederhielt, wie ein lange zurückgedämmter Strom plötzlich überschwillt und Alles, was ihm in den Weg tritt, verheert. So lange er zu arbeiten hatte, war er dieser Sehnsucht Meister geworden. Nun beherrschte sie ihn mit solcher Gewalt, daß ihm selbst davor graute.

Es ist ein Wahnsinn! sagte er sich. Was soll daraus werden? Ich bin ihr so gleichgültig wie ein Pfahl in ihrem Gartenzaun. Wenn sie nicht gerade mit Widerwillen oder Mitleid an mich denkt, wie an die übrigen Menschen, so ist das Alles, was ich zu hoffen habe. Auch würde es ihr nicht den geringsten Eindruck machen, wenn ich mich ihr auf Gnade und Ungnade überlieferte. Sie braucht mich nicht; sie braucht Niemand. Daß es eine Sünde und Schande ist, wie sie ihr junges Leben hinbringt, ohne das geringste bischen Freude, wird ihr Niemand klar machen können. Wer sich nicht helfen lassen will, dem ist nicht zu helfen.

Nein! rief er plötzlich und sprang von seinem Lotterbett auf, ich darf mir diese Narrheit nicht über den Kopf wachsen lassen. Es kommt nur von der dumpfen Luft in diesem Nest, daß ich mich überhaupt so weit habe bringen lassen. Fort muß ich, je eher je lieber, Menschen um mich sehen, Kunstwerke, etwas Schönes erleben. Es wäre der baare Selbstmord, hier zu überwintern. Noch einmal freilich muß ich hinaus zu ihr, Abschied zu nehmen und ihr zu berichten, daß es mit dem Richtfest noch gute Wege hat. Wenn ich dann im nächsten Frühjahr wiederkomme, soll mir der Spuk Nichts mehr anhaben.

Er fühlte sich nach diesem Entschluß wesentlich erleichtert, fing an, seine Zeichnungen zusammenzupacken, aß dann im Gasthof zu Mittag, wobei er sehr muntere Reden führte und seine nahe Abreise ankündigte, zauderte aber am Nachmittag noch so lange, sich zu dem Besuch im Waldhause anzuschicken, daß die Dämmerung hereingebrochen war, als er den alten Kurgarten betrat.

Ein schwerer Südwind hatte sich aufgemacht und trieb die gelben Blätter vor sich her, die Bäume schüttelnd, daß sie ächzend und knarrend ihre Wipfel bogen. Keine Menschenseele begegnete Ulrich auf seinem hastigen Gang; er stand mehrmals aufathmend still und trocknete sich die Stirn unter dem breiten Hut. Dabei hörte er die Wellen gährend in der Tiefe brausen und das Krächzen der Krähenschwärme in den hohen Aesten, und schauerte leicht zusammen. Ich glaube wahrhaftig, ich fürchte mich! murrte er vor sich hin und versuchte den geheimen Schauder wegzulachen. Als ob ich zur Hexe von Endor ginge oder in die Höhle einer Circe, die mich in Gott weiß was für ein Thier verwandeln würde. Nein, es ist nur der Föhn, der mir die Nerven aufrüttelt. Ich werde mich kurz fassen und mich nicht unterkriegen lassen von abgeschmackter Gespensterfurcht.

So kam er endlich schweißtriefend an der Gitterthür an. Da kein Glockenzug daran angebracht war, stand er eine Weile rathlos. Nicht lange aber, so erscholl das Gebell des Hündchens, das seine Hütte vorn am Hause hatte, und gleich darauf hörte er die Hausthür gehen und die Stimme der alten Josephe, die herüberrief, wer draußen sei. Als sie seinen Zuruf gehört hatte, kam sie und ließ ihn ein. Er streichelte den Hund und fragte, ob er das Fräulein sprechen könne. Die Alte nickte nur und schlurfte in ihren großen Schuhen voran. Einzelne schwere Tropfen fielen, das Hündchen kroch zitternd in seine warme Hütte zurück. Es kommt ein Wetter! sagte Ulrich. Haben Sie einen Blitzableiter auf dem Hause? – Brauchen's nicht, erwiderte die Alte. Die Bäume ziehen das Wetter an. – Es wäre auch seltsam, wenn's im December einschlüge. Ist das Fräulein immer wohl gewesen?

Die Alte antwortete nicht, sondern öffnete die Hausthür und ließ sie hinter sich ins Schloß fallen, daß die Wände schütterten. Sie war offenbar noch üblerer Laune als sonst und hätte dem Besucher am liebsten den Eintritt verwehrt.

Und diese Unholdin ist ihre einzige Gesellschaft! dachte Ulrich, indem er den Flur betrat.

*

Die Thür des Eßzimmers that sich auf. Wer ist da? hörte er die Stimme des Fräuleins, das auf der Schwelle erschien. Sie sind es! Bei diesem Unwetter! Aber kommen Sie herein.

An dem Tisch, den eine Hängelampe erleuchtete, saß der Kleine, oder kniete vielmehr auf seinem hohen Stuhl, während er auf einer Schiefertafel eifrig strichelte. Ein Buch, in welchem sie gelesen hatte, lag vor ihrem Platz, der große Kachelofen strömte eine gelinde Wärme aus, die Geschirre und Gläser, die auf einem Eckschränkchen standen, schimmerten von den Lichtern, die ihnen die Lampe zuwarf. Mit Einem Schlage fiel die dumpfe Beklommenheit, die Ulrich auf dem Gange vergebens abzuschütteln gesucht, von ihm ab. Guten Abend, Fräulein Doris, sagte er, mit seinem Tuch sich die Stirn trocknend. Es thut mir leid, Sie in ihrer traulichen Abendstille stören zu müssen. Aber ich will fort und möchte doch nicht schriftlich mich von meiner Bauherrin verabschieden.

Sie wollen fort? fragte sie tonlos.

Oder vielmehr ich muß fort, wenn ich nicht bei lebendigem Leibe umkommen will. Da ich weder trinke noch rauche, noch die edle Kunst des Scatspielens gelernt habe, wäre ich ein sehr überflüssiges Ehrenmitglied der städtischen »Harmonie«. Und zum Tänzer qualificire ich mich schlecht. Sie sehen, ich würde eine traurige Figur machen, wenn ich hier überwinterte.

Und wohin gehen Sie?

Nach Dresden. Ich habe da gute Freunde und Studiengenossen, dazu meine alte Liebe, die sixtinische Madonna. Wenn Sie dort etwas zu besorgen hätten –

Sie war, als er die Stadt nannte, zusammengefahren und hatte sichtbar Mühe, sich zu fassen. Doch bemerkte er es nicht, da er zu dem Knaben getreten war und ihm über die Schulter auf die Tafel blickte.

Das Kind, nachdem es flüchtig zu ihm aufgeschaut, ließ sich nicht stören. Es zeichnete ein Hündchen mit harten, mühsamen Strichen, nach einem Bilderbogen, auf welchem verschiedene Thiere abgebildet waren.

Ulrich strich ihm über das dicke, krause Haar.

Das machst du ja recht brav, sagte er. Wissen Sie, daß der kleine Mann wirklich Anlage zum Zeichnen hat? Tante Doris ist wohl deine Lehrerin?

Weder der Knabe noch das Fräulein antwortete. Sie holte ihm aber einen Stuhl an den Tisch heran und bat ihn, sich zu ihnen zu setzen. Nun fing er in der behaglichsten Stimmung, da ihm ihre kurzangebundene Art nicht neu war, von den leidig unterbrochenen Arbeiten an zu reden, und daß er dennoch hoffe, sie werde schon im nächsten Sommer das neue Haus beziehen können. Dabei betrachtete er beständig ihr Gesicht, das in dem warmen Lampenschein ihm unsäglich reizend erschien. Sie hatte eine Näharbeit aus einem Körbchen genommen und erhob nur selten ihren ruhig glänzenden Blick zu ihm. Aber der Ausdruck ihrer Züge war viel sanfter als sonst. Manchmal fuhren sie Beide unwillkürlich zusammen, wenn ein Windstoß gegen das Haus anprallte und in dem Kamin herabsaus'te. Das Wetter war in voller Wuth losgebrochen, ein Schlossensturm prasselte gegen die kleinen Scheiben, und man hörte das Hündchen in seiner Hütte winseln.

Ich danke Ihnen, daß Sie doch noch selbst gekommen sind, sagte sie, nachdem er seinen Bericht beendet. Aber Sie können unmöglich bei diesem lebensgefährlichen Orkan wieder in die Stadt zurückkehren. Wenn das Wetter sich nicht legt, müssen Sie hier unten mit einem improvisirten Lager vorlieb nehmen.

Was würde meine Hausfrau davon denken, erwiderte er lachend, wenn ich über Nacht ausbliebe! Und was von Ihnen, wenn Sie Ihre Gastfreundschaft so weit ausgedehnt hätten!

Sie sah ihm ruhig ins Gesicht.

Sie wissen, daß ich Nichts danach frage, was man von mir denkt, sondern immer thue, was ich für recht halte.

Damit stand sie auf und ging in die Küche hinaus, kehrte aber bald zurück, ein Brett tragend, auf welchem ein Theekessel und zwei Tassen standen. Ulrich hatte inzwischen seinen Stuhl neben den des kleinen Zeichners geschoben und auf der Rückseite des Bilderbogens ein großes Schloß mit vielen Thürmchen und Erkern zu zeichnen begonnen, wobei die dunklen Augen des Knaben unverwandt auf seinen Bleistift geheftet waren. Er fuhr im Zeichnen fort, während sie den Thee bereitete, und belebte dann das Bild mit einem bunten Gewimmel kleiner Figürchen, Wagen und Reitern, die über die Zugbrücke sprengten, einem Thürmer, der von der steilen Zinne ins Land hinaustrompetete, endlich einem Jagdzug, der in den Schloßhof einrückte und mit erbeutetem Wild und vielen Hunden den letzten freien Raum einnahm. Er hatte eine so flinke Art, mit wenigen Strichen eine Figur hinzustellen, daß der Kleine ihm wie einem Zauberer mit offenem Mund und Augen zuschaute.

Auch Doris, nachdem sie ihr Hausfrauenamt versehen, stellte sich an seine Seite und sah ihm zu, ja sie lächelte wirklich über die Scherze, mit denen er sein Zeichenwerk begleitete. Des Tobens draußen hatte Keines mehr Acht. Erst als die alte Josephe eintrat und einige Teller mit kalter Küche, Butter und Brod auf den Tisch stellte, unterbrach das Fräulein den unermüdlichen Künstler, indem sie ihn einlud, den Thee nicht kalt werden zu lassen.

Der Knabe hatte sich des Blattes bemächtigt und ließ es nicht aus der Hand, während er mit der anderen sein Butterbrod hielt und hin und wieder in einen blanken rothen Apfel einbiß. Sie haben ihm eine große Freude gemacht, sagte Doris. Er ist nur nicht gewöhnt, sich zu äußern.

Die Wanduhr in der Ecke schlug sieben harte Schläge. Wolf geht nun zu Bett, sagte das Fräulein. Sogleich kletterte der Knabe von seinem Sitz herab, indem er das Blatt fest in der Hand behielt, ging zu Doris hin, die ihm ohne jede weitere Liebkosung wie einem Erwachsenen die Hand zur guten Nacht gab, und stand dann einen Augenblick unschlüssig vor dem Fremden. Der aber, dem das Herz in dieser warmen Stille mehr und mehr aufgegangen war, hob das Kind rasch auf seinen Schooß, sah ihm einen Augenblick fest ins Gesicht und küßte es dann auf die Stirn. Eine dunkle Röthe flammte in den ernsthaften jungen Zügen des Knaben auf, er glitt eiligst von Ulrich's Knieen herunter und lief aus der Thür, wie wenn ihm etwas Unheimliches begegnet wäre.

*

Ulrich stand auf. Eine seltsame Unruhe hatte sich seiner bemächtigt. Er trat erst an das Fenster, an welches noch immer die schweren Tropfen schlugen, dann zu der Wanduhr, vor der er eine Weile stand, das zinnerne Zifferblatt betrachtend, als läse er darauf eine tiefsinnige Geheimschrift. Er nahm ein geschliffenes Glas von dem Eckschränkchen, hielt es gegen das Licht und stellte es behutsam wieder hin.

Fräulein Doris, sagte er, wollen Sie mir eine Frage beantworten?

Welche? erwiderte sie, ohne sich nach ihm umzusehen. Sie hatte ihre Näharbeit wieder zur Hand genommen. Er sah nur ihr ruhig auf das Linnen herabgeneigtes Profil.

Sie lieben die Menschen nicht, Fräulein Doris. Es kommt mir nicht zu, mit Ihnen darüber zu rechten. Aber wie kommt es, daß Sie auch den Knaben nicht lieben, der doch – –

Er stockte und kehrte sich von ihr ab. Es war ein paar Augenblicke so still im Zimmer, daß man nur den Pendelschlag und das Schnauben des Windes im Kamin vernahm.

Dann hörte er ihre Stimme, in der eine mühsam verhaltene Erregung zitterte

Woher wissen Sie, daß ich das Kind nicht liebe?

Hab' ich Ihnen Unrecht gethan, Fräulein Doris?

Nein. Und doch auch wieder. Es ist wahr, ich liebe den Knaben nicht. Aber Sie sagten es als einen Vorwurf. Wissen Sie so gewiß, ob mein Herz nicht guten Grund hat, sich von ihm zurückzuziehen?

Ich begreife nicht, wie man einem Kinde das versagen kann, worauf es ein Naturrecht hat.

Sie stand auf, mit einer so hastigen Bewegung, daß das Geschirr auf dem Tisch klirrte.

Wollen Sie damit sagen, daß ich dies Kind lieben müsse, weil ich seine Mutter sei?

Er trat hastig auf sie zu und haschte nach ihrer Hand, die schlaff herabhing.

Was trauen Sie mir zu, Fräulein! rief er in großer Bestürzung. Haben Sie mir nicht gesagt, es sei ein leeres Gerede, und ich sollte Sie einer Lüge fähig halten? Weiß ich nicht, was Sie von dem Urtheil der Menschen denken, und daß Sie es keinen Augenblick der Mühe werth halten würden, sie täuschen zu wollen, damit sie besser von Ihnen sprächen? Nein, Fräulein Doris, was mich befremdet – ja recht eigentlich betrübt, ist nur, daß Sie Ihre Herzenskühle auch das unschuldige Kind empfinden lassen. Ich ich bin freilich ein Kindernarr – ich könnte begreifen, daß man den Umgang mit Erwachsenen leicht darangiebt, um sich ganz und gar so einem jungen Wesen zu widmen. Und das Wölfchen, es mag seine Unarten haben, wie alle kleinen Menschen – aber es sieht ihm ein so ernsthafter und ehrlicher kleiner Geist aus den Augen, er ist so folgsam und empfänglich für jede warme Berührung – haben Sie gesehen, wie er roth wurde, als ich ihn küßte? Vergehen Sie mir, wenn ich Ihnen Unrecht thue, aber es kommt mir vor, als wachse er hier auf ohne daß man ihn jemals küßt oder streichelt, und das, Fräulein Doris, das war's, was ich nicht von Ihnen begreife.

Er ging wieder an das Fenster und drückte seine heiße Stirn an die Scheibe.

Vielleicht würden Sie es begreifen, wenn Sie wüßten, wer sein Vater und seine Mutter waren, hörte er sie jetzt sagen. Ja, es ist so, wie Sie sagen: der Anblick des Knaben ist mir ein beständiger Schmerz. Ich muß mich überwinden, ihn bei mir zu behalten, meine Pflicht an ihm zu erfüllen. Ich weiß, ihm fehlt das Beste, was man in der Jugend braucht. Ich selbst habe sehr darunter gelitten, daß auch ich es entbehren mußte. Aber so viel ich mich bemühe, ich kann mich nicht dahin bringen, es ihm zu geben. Ich muß es Josephen überlassen, ihm Liebe zu zeigen. Ich, wenn ich ihn ansehe, frage mich immer, was für ein Mann in ihm steckt, ob auch so einer wie der, der ihm das Leben gab, dem er Zug um Zug ähnlich ist. Und dann überschauert mich ein tödtlicher Frost, und ich könnte ihn nicht küssen, wenn ich ihm damit das Leben retten sollte.

Sie war, während sie sprach, im Zimmer hin und her gegangen. Nun trat sie wieder an den Tisch und ließ sich auf ihren Stuhl fallen, als versagten ihr die Kniee den Dienst. Er war durch ihr jähes Bekenntniß so erschüttert, daß er Nichts zu erwidern wagte.

Sie gehen morgen fort, fing sie endlich wieder an. Wir werden uns viele Monate nicht sehen. Es liegt mir daran, daß Sie keine falsche Meinung von mir mit fortnehmen, gleichviel wie Sie mich dann beurtheilen werden. Darum will ich Ihnen in Kurzem sagen, wie es gekommen ist, daß ich längst darauf verzichtet habe, »jeden Einzelnen darauf anzusehen, ob er nicht eine Ausnahme macht«. Sie sollen nicht glauben, daß ich Sie etwa bekehren wollte. Sie haben bisher keinen Anlaß gehabt, den Menschen, mit denen Sie verkehrten, die Masken abzureißen, und freilich sind Sie auch ohne tieferes oder gar leidenschaftliches Bedürfniß nach Erkenntniß durch die Welt gegangen. Wenn Sie den Menschen oder ihren Göttern nur schöne Häuser bauen durften, war es Ihnen gleichgültig, wer darin wohnte. Und dann – Sie können mit dankbarer Empfindung an Ihre Eltern denken. Das Naturrecht auf ihre Liebe ist Ihnen nicht verkümmert worden. Haben Sie sich aber einmal vorgestellt, wie einem Kinde zu Muthe sein müsse, das von seiner leiblichen Mutter gehaßt wird?

Das ist mein Schicksal gewesen, und wahrhaftig, so wenig liebenswürdig ich Ihnen jetzt vorkommen mag, ich war ein gutes, liebevolles und sehr liebebedürftiges Kind. Ich war nicht älter als Wolf, als ich schon manche Nacht in bitterlichem Weinen wach blieb, weil mir meine Mutter nicht einmal gute Nacht gesagt hatte. Der Knabe ertrüge das ohne Kummer. Er ist von härterer Art und wird ohne Zweifel durch eine hinlängliche Dosis Selbstsucht vor den Schmerzen bewahrt werden, die ich durchzukämpfen hatte. Ich aber hatte ein grenzenloses Verlangen, mich hinzugeben. Für ein gutes Wort, einen freundlichen Blick wäre ich zu jedem Opfer bereit gewesen.

Warum mir das versagt blieb? Weil meine Mutter ebenso eitel, kaltherzig und oberflächlich war, wie schön. Sie hatte meinen Vater ohne Neigung geheirathet, er war heftig in das ganz dürftig ausgewachsene siebzehnjährige Mädchen verliebt, das nun endlich Schmuck und schöne Kleider und gesellschaftliche Bewunderung zu erlangen hoffte. So kam ich zur Welt, ohne daß sie sich ein Kind gewünscht hätte, und war ihr nur eine Last, und wurde einer Amme überlassen, und auch späterhin – wenn sie von einem Concert oder Ball nach Hause kam – sehr selten fiel es ihr ein, daß in dem kleinen Bett in der Magdstube ein junges Leben schlief, das sich von ihrem Herzen losgewunden hatte.

Was mein Vater dabei empfand? Ich habe nur eine dunkle Erinnerung an ihn, als an einen hohen, ernsten Mann, den ich nie habe lachen sehen, während meine Mutter, sobald sie nicht mit mir allein war, beständig lächelte, weil sie sehr schöne Zähne hatte und reizende Grübchen in den Wangen. Das hatte ihn Anfangs bezaubert, hernach machte es ihn um so unglücklicher, als er sah, daß sie auch Anderen damit zu gefallen wünschte, ja Anderen mehr, als ihm. Eine einzige Scene ist mir im Gedächtniß geblieben, wo ich ihn sehr heftig reden hörte, während sie ihm ein kaltes, höhnisches Gesicht zeigte und beständig die blitzenden Ringe an ihren schönen Händen hin und her schob, daß er endlich die Geduld verlor und sie an der Schulter faßte und schüttelte, als ob er einen halberloschenen Funken in ihrer Seele wieder anfachen wollte. Da fuhr sie wie eine Sprungfeder vom Sopha auf, funkelte ihn mit drohenden Augen an, daß ich, die ich auf einem Schemel neben ihr gespielt hatte, heftig an zu weinen fing, und flog dann zum Zimmer hinaus – ich glaube noch den Schall zu hören, mit dem die Thür ins Schloß fiel.

Damals konnte ich mir natürlich nicht denken, was das bedeuten mochte. Auch weiß ich nicht, wie sie weiter mit einander lebten, nur daß die Mutter gleich wieder lachte und lächelte und der Vater sich immer seltener im Hause blicken ließ. Eines Tages sagte mir die Dienerin – unsere Josephe –, mein Vater sei gestorben, und führte mich in das Zimmer, wo er aufgebahrt lag. Ich war damals fünf Jahre alt, und in meinem einsamen kleinen Gehirn hatte ich schon Manches bedacht; den Tod verstand ich noch nicht und weinte nur, weil ich Andere weinen sah – nur meine Mutter nicht, obwohl sie in ihrer eleganten Trauertoilette doch auch eine Weile nicht lächeln durfte.

Ich hatte einen dunklen Begriff davon, daß ihr ein Unglück widerfahren, daß es meine Pflicht sei, sie nun doppelt lieb zu haben und nach Möglichkeit zu trösten. Aber sie war noch kälter gegen mich, als vorher, ja von dieser Zeit an begann sie in der That mich zu hassen.

Ich habe später wohl begriffen, warum. Ich erschien ihr als ein Hinderniß, noch einmal eine vortheilhafte Partie zu machen, auf die sie als eine reizende junge Wittwe sonst wohl hoffen durfte.

Doch selbst, als sie gleichwohl schon nach Jahr und Tag sich wieder verheirathete, verzieh sie mir nicht, daß ich auf der Welt war.

Mein Vater war ein Advocat gewesen, beträchtlich älter als sie. Mein Stiefvater war desto mehr ein Mann nach ihrem Herzen, ein junger Adliger, der freilich weder etwas zu thun, noch etwas Anderes gelernt hatte, als Schulden machen und den Damen die Köpfe verdrehen. Da meine Mutter im Wohlstand zurückgeblieben war, schien sie ihm doppelt begehrenswerth. Aber nachdem der erste Rausch verflogen war, erkannte sie mit Schrecken, an Wen sie sich gebunden hatte.

Eine zweite Tochter kam zur Welt, in Allem ihr Ebenbild, die sie nun, da ihr Mann sie vernachlässigte, so zärtlich liebte, als sie überhaupt zu lieben im Stande war. Wenigstens in der ersten Zeit, gleichsam aus Trotz gegen den Mann. Hernach fand sie sich auch in die neue Lage und ging ihren alten Vergnügungen nach, ließ sich bewundern und den Hof machen und erschien kaum einmal des Tags in der Kinderstube.

Ich hatte mich endlich darein ergeben, daß mir mein »Naturrecht« nicht gewährt wurde, doch wehrte ich mich in meinem standhaften kleinen Herzen gegen die Abneigung, die darin Wurzel schlagen wollte, und bemühte mich, die Mutter als eine ganz Fremde zu betrachten. Auch hatte ich ja für die fehlende Mutterliebe einen Ersatz in der reizenden kleinen lebendigen Puppe, die ich den ganzen Tag herumschleppte und so leidenschaftlich ins Herz schloß, daß kein Raum mehr darin war für ein ungestilltes Liebesbedürfniß.

Ich habe noch ein Bildchen des Kindes aus seinem fünften Jahr – gerade so alt wie jetzt Wolf – das will ich Ihnen einmal zeigen. Sie werden dann begreifen, daß ich es vergöttern mußte. Es war das leibhaftige Abbild der Mutter, ohne ihren kaltsinnig koketten Ausdruck. Und hing so an mir, wie an keinem Menschen. Und hatte die unwiderstehlichsten Tönchen und Wörtchen und kindischen Caressen. Diese ersten zehn, zwölf Jahre waren meine einzige glückliche Zeit. Ja, ich versöhnte mich ordentlich mit der Mutter, weil sie auf die Kleine gar keine Ansprüche machte, sie mir gleichsam abgetreten hatte, um ungehindert ihre eigenen Wege gehen zu können.

Und mit wie bitteren Gedanken denk' ich jetzt auch an diese Zeit zurück, an eine Liebe, die so mit Schmerzen gelohnt werden sollte!

*

Sie stand auf und ging hinaus. Er hörte, daß sie in die Küche trat und dort aus einem Kruge Wasser in ein Gefäß goß. Als sie wieder eintrat, sah er an ihrem etwas zurückgestrichenen Haar, daß sie sich das Gesicht genetzt hatte.

Verzeihen Sie, sagte sie ruhig, das Blut schießt mir immer in die Stirn, wenn ich an gewisse Dinge denke. Es ist nun schon wieder vorbei.

Wollen Sie mir's nicht ein andermal zu Ende erzählen? fragte er theilnehmend. Ich könnte wohl noch ein paar Tage hier bleiben.

Nein. Ich habe es Ihnen einmal versprochen. An einem andern Tage würde es mich dieselbe Ueberwindung kosten. Aber ich will es nun kurz machen. Sie versäumen auch Nichts, denn das Wetter beruhigt sich, und Sie haben dann einen trockenen Heimweg. Wenn Sie jetzt gingen, würden die alten Gespenster mich doch nicht loslassen, und ich hätte mich eben nur allein mit ihnen herumzuschlagen.

Wo bin ich doch geblieben? (Sie setzte sich nicht wieder, sondern stand erst eine Weile am Tische und ging dann ruhelos mit kleinen, unhörbaren Schritten auf und ab.) Hab' ich schon erzählt, daß die Mutter starb, als die kleine Sophie dreizehn Jahr alt war?

Ich war in meinem achtzehnten. In eine regelmäßige Schule war ich nie gegangen, da es im Hause immer viel zu thun gab. Eine Lehrerin hatte sich bemüht, mir die Anfangsgründe beizubringen. Dann hatte ich auf meine eigene Hand fortstudiert und später an einem französischen und englischen Cursus in einer befreundeten Familie Theil genommen, mit großem Eifer, da ich viel Sprachtalent hatte. Im Handarbeiten gab mir unsere Josephe die beste Anleitung, und auch das Kind konnte ich schon unterrichten.

Als aber die Mutter starb – in Folge eines Balles, wo sie sich über ihre Jahre angestrengt hatte, die Liebenswürdige und Gefeierte zu spielen – war ich doch noch ein recht unfertiges Wesen. Der Vater hatte sich längst nicht mehr um uns bekümmert, und nach einem Jahre starb auch er. Ich glaube wahrhaftig, weder um ihn noch um die Mutter habe ich eine Thräne geweint, ich empfand ihr Scheiden nur als eine Erleichterung, da ich nie zu heucheln verstanden.

Nun waren wir Drei also allein im Hause. Die Vormünder erwiesen mir die Ehre, mir die Erziehung der Halbschwester anzuvertrauen; und es änderte sich ja auch nicht viel, da die Eltern mir nicht nur das Kind, sondern auch den Hausstand längst überlassen hatten. Unsere Verhältnisse aber waren nicht die besten.

Das mütterliche Vermögen war bei ihrem Hang zu jeder Art Luxus so gut wie ganz verschleudert worden, die kleine Pension für die Offizierswaisen reichte kaum aus zur kümmerlichen Nothdurft. Aber das Kind sollte Nichts entbehren.

Ich schickte sie in die Schule, half ihrem etwas leichtsinnigen und schwachen Kopf zu Hause nach, verbarg ihr meine Sorgen, die ich nur mit meiner treuen Alten theilte, und wie es trotzdem nicht reichen wollte, entschloß ich mich, selbst Stunden zu geben, in den Sprachen, die ich mit der Zeit vollkommen beherrschen gelernt.

Das ging auch über Erwarten gut. Die Menschen in unserer kleinen Garnisonsstadt respectirten mich, da sie wohl wußten, daß ich es im Hause der Mutter nicht leicht gehabt hatte und jetzt einen harten Kampf ums Dasein kämpfte. Ich hatte mehr Stunden, als ich manchmal wünschte, aber ich war gesund und an Arbeit gewöhnt, und daß mich mein Broderwerb in den Augen der Honoratioren-Familien um eine Stufe herabsetzte und gesellschaftlich unmöglich machte, war mein geringster Kummer. Die gewöhnlichen Vergnügungen junger Mädchen hatte ich nie gekostet und entbehrte sie nicht! Wenn mein Kind herangewachsen wäre, wollte ich mit ihr in eine andere Stadt ziehen, wo man es sie nicht entgelten ließe, daß sie nur die Schwester einer gewesenen Sprachlehrerin sei. Denn bis dahin hoffte ich selbst, von der Stundenfrohn erlös't zu werden.

Darüber war ich dreiundzwanzig Jahr alt geworden, das Kind siebzehn. Mit der Schule war sie fertig und hatte im Stillen große Lust, nun mit dem Leben zu beginnen. Nur noch ein Jahr! tröstete ich sie. – Ihre Gesundheit war etwas zart. Es konnte Nichts schaden, wenn sie noch nicht tanzte. Und inzwischen wuchs das kleine Capital, das ich mir zusammengespart hatte.

Da aber geschah's –

Nein, ich kann Ihnen das nicht mit allen näheren Umständen erzählen. Es war ja auch nichts Unerhörtes, was man nicht verstehen könnte, wenn man nicht Schritt für Schritt Alles miterlebte, wie in einem Roman, wo der Held und die Heldin ganz ausgesuchte Schicksale erfahren. Was ist alltäglicher, als daß ein dreiundzwanzigjähriges Mädchen, das nie ein eigenes Glück erlebt hat, sich mit blinder Leidenschaft zu einem Manne hingezogen fühlt, der ihr zum ersten Mal sagt, daß er sie schön finde und sie liebe!

Er war Arzt in einer Familie, in der ich französische Stunden gab. Ich begegnete ihm zuerst, als eine meiner Schülerinnen über Nacht krank geworden war und die Stunde deßhalb ausfallen mußte. Am andern Tage, als ich mich nach der Patientin erkundigte, fand ich ihn wieder dort. Und so eine ganze Woche. Als das Mädchen wieder gesund geworden war, wußte ich, daß ich krank werden würde, wenn ich den Arzt nicht wiedersähe.

Ich hatte ihn auch bei seinem letzten Besuch wieder getroffen, wir gingen mit einander die Treppe hinunter, ich konnte kein Wort sprechen, da ich glaubte, den Tod aus diesem Hause davonzutragen. Da hielt er mich plötzlich an und sagte mir, er könne den Gedanken nicht fassen, mir nicht mehr zu begegnen. Wir wechselten nicht viele Worte, wir gaben uns nur die Hand, und ich fühlte mich von dem Augenblick an als seine Verlobte.

In unser Haus aber durfte ich ihn nicht einladen. Man hätte gleich in allen Kaffeegesellschaften davon gesprochen, und da er ein junger Anfänger war und mir gesagt hatte, vor einigen Jahren dürfe er nicht hoffen, einen eigenen Herd zu gründen, beschränkten wir uns auf kurze Begegnungen am dritten Ort und ein paar vertrautere Gespräche auf Spaziergängen, bei denen ich meine Josephe mitnahm. Ich war so wenig verwöhnt, daß mich schon diese spärlichen Freuden überschwänglich beglückten.

Da wurde in einer Nacht meine Schwester ernstlich krank, eine verspätete Kinderkrankheit, die mich aber sehr erschreckte. In der ersten Bestürzung überlegte ich nicht, ob es schicklich sei, den jungen Arzt herbeizurufen, auch meine kluge Josephe verlor den Kopf und rannte fort nach dem wohlbekannten Hause.

Eine halbe Stunde darauf trat er bei uns ein. Mein heftiges Herzklopfen war vielleicht prophetisch, denn im ersten Augenblick empfand ich, daß nicht wie sonst sein Erscheinen mich beglückte. Ich schob es damals auf seine pflichtmäßige Haltung, daß er mir kein Zeichen unseres zärtlichen Einverständnisses gab, sondern sich wie ein ganz Fremder nur mit der Kranken beschäftigte.

Vorher war er mir nur ein paarmal begegnet, wenn ich mit Sophien ausging, und hatte gleichgültig an ihr vorbeigesehen. Jetzt wurde er sichtbar durch ihren Anblick überrascht. Und es war auch kein Wunder. Wie sie mit den großen dunkelblauen Augen und dem halbgeöffneten lächelnden Mündchen fieberglühend von ihrem weißen Kissen ihn anblickte, mußte sie selbst einem festeren Herzen gefährlich werden.

Was nun folgt, können Sie sich denken. Er kam täglich ein paarmal, und als die Krankheit ihm längst keinen Vorwand mehr bot und er wegblieb – ich war durch meine Stunden in Anspruch genommen und die Alte durch häusliche Arbeit, wie hätte ich die Beiden bewachen können, die sich nur zu rasch verstanden hatten?

Ich dachte auch lange nicht, daß es nöthig sein könne. An einen so ungeheuren Verrath zu glauben, wäre mir als eine Beleidigung gegen ihn erschienen. Auch das Kind hatte ich ja in mein Herz blicken lassen. Sie wußte, ich gehörte mir nicht mehr an. Da ich mich aber hütete, ihr die ganze Größe und Stärke meines Gefühls zu offenbaren, nahm sie es vielleicht nicht so ernst, nahm sich's nicht so übel, demselben Manne ihr Herz hinzugeben.

Und er! Wenn er mir gestanden hätte, das neue Gefühl sei mächtiger als das alte, ob ich dann Stolz genug besessen hätte, ohne Klage und Anklage zurückzutreten?

Ich darf es mir wohl zutrauen. Ich wäre vor dem Neid wohl nicht bewahrt geblieben und nie wieder froh geworden. Aber was froh sein heißt, so recht in den Tag hinein sich seines Lebens freuen, hatte ich ja überhaupt nie erlebt. So wär's in Einem hingegangen.

Nur, daß ich das erfahren sollte! Daß dieser Elende Alles in Trümmer stürzen mußte, was ich noch besessen, woran ich noch einen Halt gehabt: den letzten Glauben an Ehre und Menschenwürde, ja schlimmer noch, an den Instinct meines eigenen Herzens, das einen solchen Menschen über Alles hatte lieben können!

Als das arme, schwache Geschöpf mir nicht mehr verbergen konnte, wie es um sie stand, schrieb ich an ihn. Ich machte ihm nicht den leisesten Vorwurf, daß er mir sein Wort gebrochen, mein Vertrauen so unerhört betrogen hatte. Ich fragte ihn nur, ob er wisse, in welchem Zustand sich meine Schwester befinde, da ich überzeugt sei, daß er keinen Augenblick zögern werde, das zu thun, was ihm Pflicht und Ehre gebiete.

Es kam lange keine Antwort, auch nicht auf einen zweiten Brief. Ein Versuch, den ich machte, ihn ohne Rücksicht auf das Gerede der Leute in seiner Wohnung zu treffen, führte nicht zum Ziel, da er sich verleugnen ließ. Doch um ähnliche Ueberfälle für die Zukunft abzuwehren, schrieb er nun einen jämmerlichen Brief voller Ausflüchte und Zweideutigkeiten, den ich der Aermsten, die ihn immer noch in Schutz nahm, unterschlug. Und wenige Tage später erfuhr ich in demselben Hause, wo das Unglück begonnen hatte, wie betrübt man sei, den verehrten Arzt zu verlieren, da er seinen Entschluß angekündigt, nach Dresden überzusiedeln.

Sie sind entrüstet über das Betragen des Nichtswürdigen. O, es kommt noch besser.

Als ich ihm endlich nach Dresden die Geburt des Kindes anzeigen mußte, nochmals und zum letzten Mal ihn befragend, ob in seinem Gewissen sich kein Laut rege, der ihn an seine Pflicht gegen meine unglückselige Schwester mahne, schickte er statt aller Antwort eine Summe Geldes, mit dem Bemerken auf einer Visitenkarte, diese Sendung werde sich in regelmäßigen Fristen wiederholen.

Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich das Geld umgehend zurückschickte und entschlossen war, ihn nie wieder eines Wortes zu würdigen.

*

Wie traurig es in unserem jetzt ganz verlassenen Hause aussah, damit will ich Sie verschonen. Das zerstörte Leben der jungen Mutter, ihre oft an den Irrsinn grenzenden Ausbrüche des Jammers, das schwächliche Kind, dessen unseliges Leben oft an einem Faden hing, die hämischen Blicke und Reden der Nebenmenschen, mein plötzlich abgeschnittener Verdienst, da man mich in keinem Hause mehr gelitten haben würde, wenn ich die Stirn gehabt hätte, mich zu zeigen, – und zu Allem die Sorge, wie wir weiter leben sollten –

Da aber kam eine unerwartete Hülfe. Eine ledige Schwester meines Vaters, die ihm wegen seiner Heirath mit dem ihr unliebsamen koketten Mädchen lebenslang gezürnt und sich auch um uns nie gekümmert hatte, starb, und ich kam als ihre einzige Erbin in den Besitz eines ansehnlichen Vermögens.

Damals machte ich seltsame Erfahrungen über die edle Gesinnung der wohlanständigen guten Gesellschaft. Dieselben Menschen, die mich in der Zeit meiner Schmach und Noth um die Schwester im besten Fall ganz übersehen, meist aber mich durch offene Geringschätzung wie ein Mädchen ohne Grundsätze beleidigt hatten, grüßten mich wieder mit großer Hochachtung. Mütter heirathsfähiger Söhne, denen es auf eine gute Partie ankam, hatten die Herablassung, sich auf der Straße nach meinem Befinden zu erkundigen, ja sogar nach meiner lieben Schwester zu fragen, die ja in der letzten Zeit leidend gewesen sei. Wie oft mußte ich mich rasch abwenden, um den Ekel, den ich spürte, dieser jämmerlichen Welt nicht geradezu ins Gesicht zu schleudern.

Und doch – was war das Alles gegen sein Betragen!

Nicht acht Tage war die Nachricht von dem Umschlag unseres Geschickes ruchbar geworden, da kam ein Brief von ihm, diesmal direct an meine Schwester.

Mit der Versicherung seiner tiefen Reue, daß er nicht früher in der Lage gewesen, ihr Loos zu erleichtern, begann er; er habe alle Kräfte zusammennehmen müssen, um erst ein Haus zu gründen, in das er sie einführen könne. Jetzt erst sei es so weit, und jetzt frage er an, wann er kommen dürfe, um Hochzeit zu halten und auch das Kind zu umarmen, dessen Geburt ihm eine unbeschreibliche Freude gewesen sei.

Das brach ihr vollends das Herz. Sie hatte sich darein ergeben, ihre Schuld zu büßen, ein Leben, das sie einem Unwürdigen an den Hals geworfen, verloren zu geben und ein letztes vergälltes Glück in ihrem Kinde zu suchen. Daß er wagen konnte, sie so tief zu erniedrigen, indem er sie zum Gegenstande einer gemeinen Speculation machte, konnte sie nicht überwinden.

Der Brief, der sie in ein hitziges Fieber warf, blieb natürlich unbeantwortet. Als ich wenige Wochen später das arme junge Weib begraben mußte, konnte ich mich nicht einmal überwinden, ihm die Todesanzeige zu schicken. Er hätte auch wohl nur Schandenhalber einen Seufzer ausgestoßen und sich im Herzen erleichtert gefühlt. Wenigstens währte es nur kurze Zeit, bis ich in einer Zeitung las, unser früherer allgemein beliebter Mitbürger, der Doctor Wolfgang N. N., habe sich in Dresden mit der Tochter eines reichen Fabrikanten vermählt.

*

Sie schwieg, und eine Weile hörte man wieder nur den harten Pendelschlag der Wanduhr, denn auch das Sausen des Windes war verstummt.

Sie hatte sich auf einen Stuhl in einer dunklen Ecke geworfen und blickte starr vor sich hin.

Da stand er langsam von seinem Sitz am Fenster auf. Theures Fräulein – fing er an, indem er sich ihr näherte.

Aber sie unterbrach ihn sogleich. Sie richtete sich mit sichtbarer Anstrengung auf und trat wieder an den Tisch.

Sagen Sie mir Nichts! stieß sie mit einer hastigen Geberde hervor. Ich weiß Alles, was Sie mir sagen wollen: daß Sie es nun begreifen, warum mir der Anblick des Knaben die alte Wunde immer von Neuem aufreißt, warum ich eine schlechte Meinung von den Menschen habe und mich von ihnen zurückziehe. Aber Sie wollen auch noch hinzusetzen, daß ich kein Recht hätte, von Denen, mit denen ich so schlimme Erfahrungen gemacht, auf alle Uebrigen zu schließen, daß es nicht bloß Schurken und kaltherzige Egoisten gebe, sondern auch selbstlose Menschenfreunde und heilige Engelsseelen, die ihr Glück nur in der Aufopferung für Andere finden. Ich leugne das nicht, obwohl ich solchen Mustergeschöpfen nie begegnet bin und selbst an den Besten beobachtet habe, daß sie das Gute nur thun, weil es ihnen ein Vergnügen macht, weil ihnen der Gedanke, zu beglücken, eine eben solche Wollust ist, wie den Schlechten und Verhärteten die Befriedigung ihrer bösen Gelüste. Und die weder kalt noch warm sind, die stumpfsinnige Menge, die weder zum Guten noch zum Bösen Kraft und Muth hat, ist die nicht noch tausendmal verächtlicher? Die heuchlerischen Tugendstolzen, die Philister, die gleich damit bei der Hand sind, auf ein verirrtes Menschenkind einen Stein zu werfen, bücken sie sich nicht bis zur Erde vor der triumphirenden Niedertracht und messen überall mit zweierlei Maß und Gewicht? Dieselben höchst sittlichen Tugendwächter, die ein armes schwaches Mädchen nicht scharf genug verdammen konnten, – als der Elende, der sie betrogen, nach Jahr und Tag die Stadt wieder besuchte, wo Jeder wußte, wie schnöde und niedrig er sich gegen meine Schwester benommen, haben sie ihn da nicht mit offenen Armen aufgenommen, gefeiert und verherrlicht wie einen makellosen Ehrenmann, bloß weil er reich und klug und angesehen war und sein Verbrechen ihm nicht als ein Brandmal auf die Stirne gedrückt stand? Hat sich ein Einziger gefunden von Allen, denen er die Hand bot, der die seine in die Tasche gesteckt und ihm den Rücken zugekehrt hätte? Oder der gar vor ihn hingetreten wäre mit der Frage: warum hast du an der armen Sophie wie ein Bube gehandelt? Sie hätten nicht einmal etwas damit gewagt. Er würde die Achseln gezuckt und gelächelt haben: Sie ist die Erste nicht. Was kann ich dafür, daß sie sich mir an den Hals warf? Habe ich es ihr schriftlich gegeben, daß ich sie zu meiner Frau machen wollte? Ein Mädchen ohne Vermögen – lächerlich!

Begreifen Sie nun, daß Sie sich umsonst bemühen würden, mir eine bessere Meinung von den Menschen beizubringen, daß es eine etwas starke Zumuthung wäre, ich solle meinen Nächsten lieben, wie mich selbst? Doch freilich: ein allzu zärtliches Gefühl würde es auch dann nicht sein. Ich finde auch mich selbst nicht gerade sehr liebenswürdig, wenn auch um der Selbsterhaltung willen der Trieb der Selbstschätzung mich so gut wie jedes andere athmende Wesen regiert.

Da trat er dicht an sie heran und legte seine Hand leise auf die ihre, die sie gegen die Tischplatte gestützt hatte.

Und wenn nun ein Anderer Sie lieber hätte, als Sie sich selbst?

Sie trat rasch einen Schritt zurück und warf ihm einen befremdeten Blick zu.

Ja, Fräulein Doris, fuhr er mit stockender Stimme fort, Sie thun sich selbst schweres Unrecht. Ich, wie Sie mich da sehen – ich weiß, Sie halten mich weder im Guten noch im Bösen für etwas Besonderes und freilich, wie ich bisher so gedankenlos hingelebt habe, ganz ausgefüllt von meinem Beruf – ich habe weder das Recht, mich für einen Ausnahmemenschen zu halten, noch die Menschheit im Allgemeinen gegen Sie zu vertheidigen. Ich weiß ja nicht Viel von ihr. Von mir aber, Fräulein Doris – von mir weiß ich, daß ich, seitdem ich Sie kennen gelernt, keinen herzlicheren Wunsch gehabt habe, als Ihr liebes, schönes Gesicht lachen zu sehen, nicht über einen Scherz, sondern von innen heraus, vor Glück und Liebe und Lebensmuth. Wenn Sie alle diese Zeit mich hätten sehen können – mitten unter meinen Arbeitern auf meiner einsamen Stube –in so mancher wachen Nachtstunde – immer nur Ihr Bild vor Augen –liebes, theures Fräulein, es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich so empfinde – und jedes Wort, das Sie mir gesagt haben, hat dies Gefühl verstärkt – hören Sie nicht auf meine ungeschickten Worte sehen Sie mich an und fragen Sie sich, ob auch ich Ihr Mißtrauen verdiene, ob Sie nicht glauben können, daß ich es in heiligem Ernst meine, wenn ich Sie bitte: nehmen Sie mich hin – sagen Sie mir, daß Sie mir ein wenig gut sind, daß Sie glauben, meine Liebe einst noch wärmer erwiedern zu können – und ich werde als der Glückseligste aller Menschen von Ihnen weggehen.

Er schwieg und sah ihr mit herzklopfender Aufregung ins Gesicht, das sich tief auf ihre Brust gesenkt hatte. Seine Hände streckten sich ihr wieder entgegen, als sie aber keine Miene machte, sie zu ergreifen, ließ er sie langsam herabsinken und seufzte beklommen auf.

Sie verachten auch mich! sagte er, schwer vor sich hin nickend. Ich hätt' es wissen sollen. Aber es hätte mich erstickt, wenn ich fortgegangen wäre, ohne es Ihnen zu sagen. Nun verzeihen Sie nur, daß ich Ihnen damit zur Last gefallen bin, und – leben Sie wohl!

Nein, hörte er sie plötzlich sagen, ohne daß sie sich regte, bleiben Sie noch einen Augenblick! Ich Sie verachten? Hätte ich Ihnen dann das Alles gebeichtet, was ich sonst nur mit mir selber abmache? Sie meinen, ich hielte Sie für nichts Besonderes; darin irren Sie. Vielmehr glaube ich, daß es nicht viele Männer Ihres Alters giebt, die noch so viel vom Kinde haben. Das darf Sie nicht beleidigen. Wie Sie mir Ihr Leben geschildert haben, ist es sehr natürlich, daß Sie noch nicht dazu gekommen sind, sich ein festes Urtheil über Welt und Menschen zu bilden, am wenigsten ein ungünstiges. Aber das wird nicht so bleiben. Auch Sie werden Ihre Erfahrungen machen, und dann erst wird es sich zeigen, was für ein Mann in dem Kinde steckt. Wie wollen Sie daher jetzt schon sich einem andern Wesen hingeben und wissen noch nicht, was Sie später einmal für eine Gefährtin bedürfen möchten? Von mir kann überhaupt nicht die Rede sein; ich spreche nur im Allgemeinen. Aber wenn ich so gewissenlos wäre, Sie jetzt beim Wort zu nehmen, und Sie entdeckten über kurz oder lang, daß es ein ungeheurer Irrthum gewesen –

O, Fräulein Doris, unterbrach er sie, mögen Sie immerhin Recht haben, daß Sie mich noch nicht für einen fertigen Menschen ansehen, – in den Dingen, die das Wohl und Weh meines Lebens betreffen, hab' ich mich nie geirrt. So wie ich von früh an wußte, was mein Beruf sein würde, so weiß ich auch jetzt, daß ich nie glücklich werden kann, wenn ich Nichts dazu beitragen darf, Sie glücklich zu machen.

Sehen Sie nun wohl, erwiderte sie mit einem trüben Lächeln, sehen Sie, wie Sie mir unwillkürlich Recht geben? Sie sind ein weichherziger Mensch, und meine Lage scheint Ihnen beklagenswerth, und Sie möchten mir gerne helfen. Es stört Ihr eigenes Behagen, mich so unbehaglich hinleben zu sehen. Aber Mitleid ist nicht Liebe. Vielleicht kommt auch noch, Ihnen unbewußt, ein seltsamer Ehrgeiz hinzu, mich bekehren zu wollen, oder eine noch minder edle verliebte Laune, die Sie vergessen macht, daß ich um ein Jahr älter bin als Sie. In jedem Fall ist's eine Thorheit, ernstlich davon zu reden. Denn ich ich liebe Sie nicht. Ich habe es Einmal erfahren, wie es thut, das Süße und das Bittere davon. Und darum ist es besser, wir sehen uns nicht wieder.

Fräulein Doris! rief er in hellem Erschrecken.

Nein, im Ernst, auch für mich ist es besser. Wenn ich mich am Ende doch mit der Zeit bewegen ließe, an Ihren Ernst zu glauben – ich weiß, wie es enden würde. Zuletzt würde ich doch erkennen, daß auch Sie keiner selbstlosen Hingabe fähig sind, daß, wenn Sie Ihren räthselhaften, eigensinnigen Wunsch erreicht hätten, Sie mich plötzlich mit nüchternen Augen betrachten würden, und dann wären wir Beide übel daran. Also ist es besser, gleich heute Vernunft zu haben.

Vernunft! Haben Sie nicht das Wort gelesen, daß die Liebe höher sei als alle Vernunft? O, Fräulein Doris, ich weiß ja, daß Sie nicht für mich empfinden können, wie ich für Sie. Aber schneiden Sie mir nur nicht alle Hoffnung ab. Stellen Sie mich auf die Probe, auf welche Sie wollen –

Eine Probe? Giebt es eine, Ihre Selbstlosigkeit zu erhärten? Wollten Sie nicht durch Alles, was Sie für mich thäten, Ihre Liebe beweisen und die meine damit verdienen? Und doch – die Versuchung ist zu groß – –

Welche Versuchung, Doris?

Sie richtete die Augen mit einem drohend düstern Blick durchs Fenster in die schwarze Nacht hinaus, als sähe sie draußen einen feindlichen Schatten herannahen, gegen den ihr Herz sich in dunklem Haß empörte. Dann sagte sie ganz tonlos:

Der Mann, den ich achten, ja vielleicht einmal lieben sollte, müßte mir erst einen Dorn aus dem Herzen ziehen, einen Stachel, der mir das Blut vergiftet. Er müßte thun, was ich leider, da ich ein Mädchen bin, nicht thun kann, so leidenschaftlich ich es wünsche, weil es mich nur lächerlich machen und den ersehnten Zweck nicht erreichen würde. Er müßte vor den Ehrlosen hintreten, der mein Leben zerstört hat, und ihm ins Gesicht sagen, was die feile Menge, die den Erfolg anbetet, ihm nie zu hören gegeben hat: daß er der Niedrigste und Verächtlichste aller Menschen sei. Wer das für mich gethan, der könnte Viel von mir verlangen, wenn auch nicht Mehr, als ich zu geben habe. Vielleicht begegnen Sie einmal in Dresden einem Manne, der die Augen des kleinen Wolf und sein schwarzes buschiges Haar hat. Fragen Sie ihn dann, ob er eine Doris Sengeberg und ihre Schwester gekannt habe, und wenn er roth wird, oder blaß, dann sagen Sie ihm – nein, sagen Sie ihm Nichts. Zucken Sie die Achseln und speien Sie vor ihm aus. Er wird wissen, was Sie meinen.

Sie hatte sich bei diesen Worten hoch aufgerichtet. Jetzt reichte sie ihm die Hand. Gute Nacht, sagte sie. Wir haben schon zu lange geplaudert. Reisen Sie glücklich. Wenn wir uns im Frühjahr wiedersehen, haben Sie hoffentlich die seltsame Anwandlung überwunden, die Ihnen gewiß nicht ans Leben geht. Ich danke Ihnen für alle Theilnahme, die Sie mir bewiesen haben. Doch wenn Sie sie mir entziehen, werde ich Ihnen nicht zürnen. Wir gebieten nicht über unser Herz, das ist noch unsere beste Entschuldigung. Und somit leben Sie wohl! Josephe wird Sie hinausgeleiten.

*

Er reis'te am folgenden Morgen.

In der Nacht war er noch lange aufgeblieben, obwohl kein Geschäft mehr zu ordnen und seine Koffer gepackt waren. Mehr als einmal hatte er sich hingesetzt, um an Doris zu schreiben. Doch wenn er die Feder in die Hand nahm, mußte er sich gestehen, daß er ihr Nichts zu sagen hatte, was sie nicht schon von ihm gehört. Der Worte brauchte es nicht mehr zwischen ihnen. Es mußte gehandelt werden, die Probe bestanden, daß sie, wenn sie gegen die ganze Menschheit Recht behielte, durch ihn, den Einen, beschämt würde.

Dann empfand er wieder ein schmerzliches Verlangen, sie in seine Arme zu schließen, wie ein armes Kind, das in einer eisigen Sturmnacht verirrt, halb erstarrt am Wege hingesunken wäre und nun an einer warmen Brust, vom Hauch eines glühenden Mundes wieder zum Leben zurückgeliebkos't würde.

Daß er das nicht versucht, machte er sich jetzt zum Vorwurf. Sie würde freilich auch das streng und spröde zurückgewiesen haben. – Und also reis'te er.

Auf das unheimliche Wintergewitter war ein stiller kalter Tag gefolgt, dessen bleiche Sonne die langsam herabrieselnden Schneeflocken vergoldete. In der kleinen Stadt ging es noch stiller zu als gewöhnlich, am stillsten war es draußen im Kurgarten, wo die angefangenen Bauten wie eine verschneite Brandstätte trübselig in die graue Luft starrten. Und vollends im Waldhaus schien alles Leben eingefroren und in einen tiefen Winterschlaf versunken zu sein.

Nur einmal in der Woche sah man die alte Dienerin mit ihrem großen Marktkorbe durch den weglosen Schnee waten, in einen weiten braunen Mantel gewickelt, dessen Kragen sie über den Kopf schlug. Ihrer Herrin und dem Knaben begegnete man nur, wenn man weit flußabwärts ging, im dichten Walde, der gegen die scharfe Luft, die vom andern Ufer herüberwehte, eine Schutzwehr bildete. Dem Hause selbst näherte sich Niemand. Nicht einmal der Briefträger erschien an dem Gitterpförtchen, denn die beiden einsamen Frauen drinnen schrieben und empfingen keine Briefe.

So blieb es in diesem strengen Winter bis tief in den Januar. Dann aber war das Aergste vorbei, und die weichen Lüfte, durch welche dieses Flußthal berühmt war, fingen sacht wieder an zu regieren. Mit ihnen zogen auch die vorsorglichen Gedanken an die kommende Saison in die Häuser des kleinen Badeortes ein, die Zimmervermiether begannen ihre Quartiere zu mustern und, wo es nöthig war, neu in Stand zu setzen, vor Allen waren die Väter der Stadt sich ihrer vielfachen Verantwortung bewußt und hätten am liebsten sofort die unterbrochenen Arbeiten wieder aufgenommen, da der letzte Schnee vergangen war und der Boden, wenn man mit dem Stock daran schlug, nicht mehr gefroren klang. Der wackere Maurermeister, der es nicht verschmerzen konnte, daß man einen fremden Architekten berufen hatte, erging sich jeden Abend am Stammtisch eines kleinen Bierhauses, wo sich noch andere Zurückgesetzte versammelten, in giftigen Scheltreden: es sei eine Sünde und Schande, die kostbare Zeit verstreichen zu lassen. Die Herren im Rathhaus sähen nun, was sie an ihrem vornehmen jungen Windbeutel von Baumeister hätten. Und die Herren im Rathhaus selbst wurden ungeduldig und ängstlich und ließen endlich, obwohl Ulrich versprochen hatte, zur richtigen Zeit wieder einzutreffen, ein feierliches Schreiben an ihn ergehen, das auf ihre besonderen klimatischen Verhältnisse hindeutete und ihn einlud, selbst zu kommen und zu prüfen, was sich thun ließe.

Auf diesen Mahnbrief kam keine Antwort, zwei, drei Wochen lang. Schon war in einer Rathssitzung beschlossen worden, ihn in Person zu überfallen und aus seiner unbegreiflichen Saumseligkeit aufzurütteln.

Da lief des nächsten Tages die tröstliche Kunde durch alle Häuser: Herr Ulrich Horst sei wieder eingetroffen und habe sich sofort beim Bürgermeister gemeldet.

Er war es denn auch, aber Jeder, der ihm begegnete, stutzte bei seinem Anblick. Das war nicht derselbe fröhliche junge Recke, dessen gutes, treuherziges Gesicht halb träumerisch, halb verwegen in die Welt geschaut hatte. Auch bewegte er sich nicht wie früher mit großen sicheren Schritten, sondern schleppte den einen Fuß nach und stützte sich auf einen derben Stock, wobei er oft stehen bleiben und neue Kräfte sammeln mußte. Denen, die ihn darum befragten, erwiderte er, er habe sich bei einem Fall auf der glatt überfrorenen Straße am Knie verletzt und längere Zeit daran curiren müssen, daher er auch keine Briefe zu schreiben vermocht habe. Doch weigerte er sich mit einem eigenen trüben Lächeln, dem alten Badearzt die beschädigte Stelle zu zeigen, und sagte, es werde sich schon völlig ausheilen, wenn er sich wieder mehr Bewegung mache.

Sein Gesicht aber war bleich, und selbst die herbe Luft des Februar, die ihn nun von früh bis spät wieder anwehte, konnte ihm die frischen Farben nicht wiederbringen.

Uebrigens that er seine Pflicht so rüstig, wie wenn das kleine Gebrechen ihn durchaus nicht bekümmerte. Auf allen Bauplätzen, auch draußen auf der Fuchswiese tummelte sich alsbald wieder das regste Leben, die Mauern wuchsen zusehends in die Höhe, der Dachstuhl auf dem neuen Hause, das Fräulein Sengeberg gehören sollte, war schon nach der ersten Woche aufgerichtet worden, und da das Wetter fortdauernd gelinde war und die Sonne mit ihren schüchternen Strahlen nicht zurückhielt, hätte sich wohl ein vergnügliches kleines Richtfest feiern lassen.

Aber seltsam: der junge Baumeister schien für nichts Fröhliches Zeit und Gedanken zu haben. Er spendete den Arbeitern den üblichen Extralohn, als der Kranz über dem Dachfirst angebracht war, machte aber die herkömmlichen Förmlichkeiten so hastig als möglich ab und verließ sofort den Bauplatz, um den übrigen Tag bei den Arbeiten im Kurgarten thätig zu sein. Er hatte der künftigen Herrin des Hauses nicht einmal anzeigen lassen, daß der Dachstuhl aufgesetzt sei, ja er war dem Waldhause geflissentlich fern geblieben, obwohl nun schon zehn Tage seit seiner Rückkehr vergangen waren.

Niemand hatte ein Arg dabei. Denn wer wußte, was am Abend vor seiner Abreise in dem umstürmten Einödhause gesprochen worden war? Ein einziges Mal war er der alten Josephe begegnet, aber mit einem kurzen Gruß an ihr vorübergegangen.

Am Abend desselben Tages saß er in seinem Zimmer über Plänen und Rechnungen und stand eben mit einem leisen Stöhnen von dem Arbeitstische auf, um sich eine Weile auf das harte Sopha zu strecken.

Da wurde an seine Thür geklopft, und ohne das Herein! abzuwarten, trat Doris über seine Schwelle.

*

Er erkannte sie sofort, obwohl sie dicht verschleiert war.

Sie sind es, mein Fräulein! rief er in sichtbarer Bestürzung. Sie kommen zu mir! Und es wäre an mir gewesen – aber Sie wissen, ich, seit ich zurück bin – Wollen Sie nicht Platz nehmen, nicht den Mantel ablegen? Es ist so heiß in dem engen Zimmer –

Sie stand regungslos nahe an der Thür, es schien ihr Mühe zu machen, den Mund zu öffnen, und ihre Brust athmete schwer. Er hatte eine Mappe vom Sopha genommen und wandte sich nun wieder nach ihr um. Da hatte sie den Schleier zurückgeschlagen, und ihre seltsamen glänzenden Augen begegneten mit einem traurigen Blick den seinen.

Sie werden erwartet haben, daß ich etwas von mir hören ließ, fuhr er fort, indem er, um sie nicht ansehen zu müssen, sich mit den Papieren auf dem Tisch zu schaffen machte. Ich hätte Sie auch benachrichtigen sollen, daß der Dachstuhl auf Ihrem Hause aufgerichtet wurde. Aber wie gesagt, zu Allem, was nicht unbedingt nöthig war, fehlte mir die Zeit – auch war es ein windiger Tag – nein, das Alles kann mich nicht entschuldigen – ich dachte aber, nach so einem alltäglichen Fest stehe Ihnen nicht der Sinn – so wenig wie mir selbst. – Aber wollen Sie wirklich nicht Platz nehmen? Ich will ein Fenster öffnen, es ist hier zum Ersticken dumpf, zumal wenn man aus dem Freien kommt.

Er riß beide Fensterflügel hastig auf, daß die Scheiben klirrten. Da hörte er sie plötzlich sagen:

Ich bin gekommen, um zu fragen, was ich Ihnen gethan habe, daß Sie mich so geflissentlich ganz und gar meiden. Irgend einen Grund dazu müssen Sie haben; es ist zu unnatürlich, daß Sie die zwanzig Schritte nicht thun mochten von Ihrem Arbeitsplatz bis zu meiner Thür. Ich bleibe nicht gern in der Schuld gegen irgend Jemand; wenn Sie daher eine Klage gegen mich haben, so sprechen Sie, und ich bin bereit, mich zu rechtfertigen, oder sollte die Klage begründet sein, zu vergüten, was ich gefehlt habe.

Er wich noch immer ihren Augen aus, trat wieder an den Zeichentisch zurück, wo die Lampe von dem eindringenden Winde heftig flackte, schraubte sie niedriger und stützte sich dann auf die Lehne des Sessels. Seine Lippen waren bleich und zuckten wie im Fieber.

Eine Klage? sagte er. Eine Anklage gegen Sie? Wie käme ich dazu? Was hätten Sie mir zu Leide gethan? Sie waren aufrichtig gegen mich, Sie sagten mir, daß Sie keinen Menschen lieben könnten, auch mich nicht. Darein mußte ich mich finden. Ja, ich bin Ihnen nur Dank schuldig geworden, daß Sie mir so viel Vertrauen schenkten, mir Ihre ganze traurige Geschichte erzählt haben. Ich habe Sie vollkommen begriffen – und tief beklagt. Das ist Alles. Wenn ich nicht zu Ihnen kam, war's nur, weil ich weiß, daß ich Ihnen Nichts sein kann, daß auch ich – Sie hatten nur zu sehr Recht; man gebietet nicht über sein Herz. Ich habe mich entschlossen, das meine in Zukunft nur an meine Kunst zu hängen. Dabei fährt ein Mensch wie ich am besten. Sie werden das selbst billigen – Sie haben so viel Verstand – –

Er stockte wieder. Sie trat ihm einen Schritt näher.

So viel Verstand – und so wenig Herz, wollen Sie sagen. Ist es nicht so? Nun, darüber will ich nicht mit Ihnen rechten. Aber so übel meinem Herzen auch mitgespielt worden ist, ganz ist es nicht zerstört worden. Es nimmt noch Antheil an fremdem Leide, und daß Sie leiden, steht Ihnen auf dem Gesicht geschrieben. Sie waren krank, Sie haben eine Wunde am Fuß, sagen Sie mir, wie es damit steht, und ob Sie irgend eine Hülfe oder Linderung brauchen. Sie wissen, ich bin ein halber Doctor. Vertrauen Sie sich mir, dann will ich Sie nicht länger belästigen.

Ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme, erwiderte er trübsinnig. Aber wahrhaftig, ich brauche Nichts, meine einzige Arzenei ist Arbeit, die habe ich ja im Ueberfluß. Sie sehen – und er deutete auf die Blätter und Mappen, die Tisch und Stühle bedeckten.

Das Fältchen zwischen ihren Brauen vertiefte sich wieder. So leben Sie wohl, sagte sie rasch, und zog den Schleier wieder über ihr Gesicht. Verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe.

Damit wandte sie sich der Thür zu. Als sie aber die Hand auf die Klinke legte, hörte sie ihn plötzlich sagen: Ich kann Sie nicht gehen lassen, Fräulein, ohne Ihnen noch etwas mitzutheilen, was Ihnen angenehm sein wird. Ihr Wunsch ist erfüllt worden.

Sie drehte sich rasch wieder um.

Mein Wunsch?

Sie haben mir gesagt, daß es Ihnen eine Genugthuung sein würde, jenen Nichtswürdigen, der Ihr Leben zerstört hat, gezüchtigt zu sehen. Dies ist geschehen. Sie können sich nun darüber beruhigen, daß es keine irdische Gerechtigkeit gäbe.

Sie wankte zurück, wie wenn ihre Kniee ihr plötzlich den Dienst versagten. Einen Augenblick lehnte sie sprachlos am Thürpfosten, dann faßte sie sich gewaltsam und trat auf ihn zu.

Und das, stammelte sie, das sagen Sie mir erst jetzt? Und hätten es mir wohl gar verschwiegen, wenn ich Sie nicht ausgesucht hätte?

O, erwiderte er und zuckte leise die Achseln, das sollte Sie doch nicht wundern! Sie hätten, wenn es mir damit geeilt hätte, am Ende geglaubt, es sei mir nur um Ihren Dank zu thun. Sie können sich ja nicht denken, daß man etwas ohne Eigennutz thut, bloß um der Sache willen. Ich wollte lieber, daß Sie es nicht erführen, als daß auch ich in den Verdacht käme, der in diesem Falle wahrhaftig grundlos wäre. Nun ist es mir doch so herausgefahren; und am Ende, wenn es Sie freut, so ist mir das ja lieb, obwohl ich nicht einmal daran dachte, als ich es that.

Was thaten Sie? Mein Gott, ist es denn wahr? Sprechen Sie – erzählen Sie – Alles will ich wissen. Sie haben ihn gesehen – ihm ins Gesicht gesagt – –

Sie war auf das Sopha gesunken und riß die Schleife ihres Hutbandes auf, als ob sie sich auf eine lange Geschichte vorbereiten müßte. Ihr Gesicht glühte über und über.

Die Sache ist sehr einfach, sagte er dumpf nach einem kurzen Stillschweigen Ich bin ihm auf der Straße begegnet, ich erkannte ihn wirklich an der Aehnlichkeit mit dem Knaben, zumal er in einem Doctorwagen fuhr, einem sehr eleganten Coupé, mit einem herrlichen englischen Pferde bespannt. Ein Vorübergehender nannte mir seinen Namen, der mir aber fremd war. Sie hatten mir ja nur den Vornamen verrathen. Aber im Adreßbuch stand auch der, so daß mir kein Zweifel blieb, und zum Ueberfluß erfuhr ich, als ich weiter nachforschte, dieser junge Doctor, der schon eine große Praxis habe, sei erst seit fünf Jahren in Dresden etablirt und habe dann ein reiches Mädchen geheirathet. Ich sah mir auch das schöne Haus an, das er bewohnt. Hinein bin ich nicht gekommen.

Und wie – und wo haben Sie – foltern Sie mich nicht! Erzählen Sie rasch –

Es ist nicht viel zu erzählen. Ich wartete eine günstige Gelegenheit ab, wie auf Corsica ein Bluträcher, der seine Sache nicht halb thun will. Was hätte es für einen Effect gemacht, wenn ich seinem Pferde auf der Straße in die Zügel gefallen wäre und dann an den Wagenschlag herangetreten, um ihm zu sagen: Mein Herr, verzeihen Sie, daß ich so frei bin, Ihnen zu erklären, daß ich Sie für einen Schurken halte? Er würde dem nächsten besten Schutzmann gewinkt und ihm aufgetragen haben, mich auf die Polizei oder in eine Irrenanstalt zu bringen. Nein, ich fing es vorsichtiger und zweckmäßiger an. Ich hatte erfahren, daß er an einem bestimmten Tage in einen Herrenclub ging, dem auch einer meiner Bekannten angehörte. Diesen bat ich, mich einzuführen, und wir gingen ziemlich früh in das Hôtel, wo man zusammenkam. Mein Mann war noch nicht erschienen, ich wurde den andern Herren vorgestellt und goß mir eben ein Glas Wein ein, als der Treffliche hereintrat, strahlend von Eleganz und guter Laune und offenbar auch in diesem Kreise allgemein beliebt. Als wir uns dann vorgestellt wurden, griff ich plötzlich nach meinem Hut. Wo wollen Sie hin? rief man mir zu. Ich bedaure, sagte ich, aber ich kann in demselben Local mit diesem Herrn nicht bleiben. Er hat als ein ehrloser Wicht an einer Dame gehandelt, die ich hoch achte und die mir Vollmacht ertheilt hat, wenn ich ihm je begegnete, ihm ihre tiefste Verachtung ins Gesicht zu schleudern. Da ich den ganzen niederträchtigen Handel kenne, schließe ich mich dieser Verachtung von Herzen an und beneide die geehrten Herren nicht um ein solches Mitglied ihrer Gesellschaft. Dann spuckte ich vor ihm aus und wandte mich nach der Thür. – –

Sie lag im Sopha zurückgelehnt, die Hände vor das Gesicht gedrückt, die Glieder wie von einem Krampf geschüttelt. Gott! Gott! stöhnte sie halblaut, das haben Sie gethan! das haben Sie gewagt! O, wenn ich geahnt hätte –

Beruhigen Sie sich, mein Fräulein, sagte er kühl. Sie sehen, es ist gut abgelaufen. Sonst könnte ich Ihnen nicht darüber berichten. Es entstand freilich ein Höllenlärm. Als ich aber den ganzen Roman in kurzen Umrissen mitgetheilt hatte, wurden die Schreier stumm und verlegen, und nur der Held selbst hatte die Stirn, mich einen feigen Verleumder zu schelten, der sich von einem hysterischen Frauenzimmer ein romantisches Märchen habe aufbinden lassen, aber nicht ungestraft davonkommen solle. Ich übernahm natürlich die volle Verantwortung für meine Beschuldigung, bat um Verzeihung, daß ich die gesellige Heiterkeit für diesen Abend gestört hatte, und erklärte, ich stände zu jeder weiteren Rechenschaft zu Diensten. Dann verließ ich das Haus. Wie der allgemein beliebte Herr sich seinen Freunden gegenüber aus der Affaire gezogen, ob er es dahin gebracht, mich Unbekannten als einen gedungenen Banditen zu verdächtigen, habe ich nicht erfahren, da mein Freund mich nach Hause begleitete. Und wenn ich in dieser Nacht auch erst spät zur Ruhe kam, um meinen Kinderschlaf hat das Abenteuer mich nicht gebracht.

Sie richtete sich hastig auf. Sie haben sich geschlagen? Sie sind verwundet worden? Sie leiden noch an den Folgen des Duells?

O, nur sehr unbedeutend. Das bischen Hinken ist Alles, und da die Kugel nur leicht den Schenkel streifte, wird in einiger Zeit auch das vergehen. Er aber, er hat wohl länger daran zu laboriren. Die Lunge soll verletzt sein, vor Jahr und Tag wird er seine Praxis nicht wieder aufnehmen können, wenn er sich überhaupt wieder zu Ehren bringen kann; denn ich hörte, die Sache habe denn doch Eindruck gemacht, und die Reise, die er unternahm, als er nothdürftig transportirt werden konnte, geschehe nicht allein seiner Wunde wegen, sondern um eine Zeitlang unsichtbar zu werden und Gras über die Geschichte wachsen zu lassen. Ob dasselbe so rasch wachsen wird, wie auf dem Grabe Ihrer Schwester, möchte ich bezweifeln. Ihnen aber, mein Fräulein, wird es eine Genugthuung sein, daß sich Jemand gefunden hat, die mangelhafte Justizpflege unserer heutigen Gesellschaft zu ergänzen. Sie sind mir dafür nicht den geringsten Dank schuldig. Ich bin nur meinem egoistischen Triebe gefolgt, als ich die Waffe auf diesen Nichtswürdigen richtete, dessen Gesicht mich zu einer stillen Wuth reizte. Und so wollen wir kein Wort weiter darüber verlieren.

*

Er wandte sich ab, ein Frösteln schien ihn zu überlaufen. Langsam hinkte er nach dem Fenster zurück und schloß es wieder. Als er sich dann wieder umsah, stand sie dicht vor ihm, beide Hände mit einer bittenden Geberde ihm entgegenstreckend.

Mein Freund! hauchte sie. Was haben Sie für mich gethan!

O, ich bitte! wehrte er ab. Ich sagte Ihnen ja thun Sie mir den Gefallen und sprechen Sie nicht weiter davon – ich versichere Sie –

Nein, lieber Freund, fiel sie ihm ins Wort, ich muß noch davon sprechen. Ich weiß noch sehr gut, was ich Ihnen in unserer Abschiedsstunde gesagt habe: wer das für mich thäte, der könnte von mir fordern, was er wollte. Und Sie – der Sie sich so gut gemerkt haben, was ich Hartes und Trauriges gesagt, das scheinen Sie vergessen zu haben, oder – vergessen zu wollen. Aber noch einmal: ich bleibe nicht gern etwas schuldig. Sie müssen mir sagen –

Nein, mein Fräulein, unterbrach er sie, ich habe Ihnen Nichts mehr zu sagen. Glauben Sie: es war gern geschehen. Es liegt mir daran, Ihnen zu beweisen, daß in dieser eigennützigen Welt auch einmal Jemand etwas thun kann, bloß aus Gerechtigkeitssinn. Wenn ich mich jetzt von Ihnen in irgend einer Weise belohnen ließe, käme ich mir wahrlich vor wie ein gemietheter Bravo, der den Preis für eine gelungene Vendetta sich ausbezahlen läßt. Auch wüßte ich in der That nicht, was ich von Ihnen fordern sollte, da ich keine Wünsche habe, als den einen, Sie möchten die Sache ruhen lassen.

Sie sah ihm mit einem warmen, leuchtenden Blick ins Gesicht.

Ist das wirklich wahr? Sie haben gar keine Wünsche? Und jener eine, große – den Sie mir damals aussprachen, den ich so schroff zurückwies –

O, sagte er mit einem bittern Lächeln, Sie thaten sehr wohl daran. Es war eine Thorheit, eine Ueberhebung, ich habe das natürlich bald eingesehen und mich geschämt, daß das Herz mit meiner Zunge durchging. Ich bitte dringend, mein Fräulein, daß Sie es dabei bewenden lassen.

Das Stehen schien ihm schwer zu werden; er setzte sich auf den Rand des Tisches, nahm eine Reißfeder und schob die kleinen Ringe mechanisch auf und ab, um nur ihren Augen nicht zu begegnen. Er sah nicht, daß sie den Kopf mit einer stolzen Bewegung zurückwarf, aber gleich darauf ihn demüthig wieder senkte.

Sie wollen mich strafen, sagte sie leise. Ich habe es verdient. Ich war ungut zu Ihnen, ich habe Ihre schöne, warme Empfindung nicht aufgenommen und gedankt, wie ich gesollt hätte, das empfand ich, als Sie mich kaum verlassen hatten. Aber das alte eingewurzelte Mißtrauen hielt mich ab, es sofort wieder gut zu machen, und dann sagte ich mir: es ist vielleicht besser so; ein hochherziges Gefühl hat ihn fortgerissen, da er hörte, wie ich mißhandelt worden bin. Wenn er sich besinnt und einige Zeit vergeht, wird er mir danken, daß ich scheinbar so kühl blieb. Aber bald merkte ich, daß es nicht mehr mit mir war, wie sonst. Ich habe Tag und Nacht an Sie denken müssen; während draußen Schnee und Eis alles Lebendige erstarren machte, schmolz die Rinde um meine Brust mit jedem Tage mehr, ich fühlte mein Blut so warm wie lange nicht durch alle Adern rieseln und war glücklich. So sehr, daß ich gar keine bestimmten Gedanken hatte, was werden sollte. Am wenigsten dachte ich, ob Sie irgend etwas für mich thun würden. Denn sonst hätte mich die Möglichkeit, die so nahe lag: es möchte zu etwas so furchtbar Ernstem kommen, außer mir gebracht. Ich wußte nur, daß ein Mensch lebte, der rein und gut und edel war bis ins innerste Herz, und daß dieser Mensch mir hatte angehören wollen. Wenn der Schnee schmilzt, wird sich's finden! sagte ich oft vor mich hin, und ich glaube, ich lächelte dabei, daß Sie Ihre Freude daran gehabt hätten, da es Ihr Ehrgeiz war, mich wieder lächeln zu lehren. Und nun ist der Schnee geschmolzen – sollte sich's nun nicht finden? Sollten wir uns nicht finden?

Wieder hielt sie ihm die Hand hin, und immer noch sah er es nicht.

Sie sind gütig, mein Fräulein, sagte er stockend. Sie wollen mich um jeden Preis belohnen, und da Sie sehen, daß ich Sie nicht für meine Schuldnerin halte, stellen Sie es so dar, als sei es ein freies Geschenk. Ich kann es aber nicht annehmen, ich kann nicht. Bitte, dringen Sie nicht weiter in mich. Es ist mir zu schmerzlich –

Er sah düster auf die Tischplatte herab, wo er mit der Reißfeder seltsame Schnörkel zeichnete.

Ein Geschenk! wiederholte sie kopfschüttelnd. Sie verkennen mich sehr, wenn Sie glauben, ich käme mir als die Gebende vor. Die Bittende bin ich, die Bedürftige. Ich weiß, daß ich Ihnen einen sehr ungleichen Tausch zumuthe. Sie sind reich an – Freude und Hoffnung, Lebensmuth und Liebeskraft. Ich – nun Sie wissen, wie verarmt ich an alle dem bin, was Sie besitzen. Wenn ich nur auf meinen Stolz hörte, wahrhaftig, ich brächte es nicht über die Lippen, mich Ihnen so anzutragen. Aber ich liebe Sie zu sehr, ich habe keine andere Empfindung, als diese Liebe, die alles Bedenken, alles Abwägen von Mein und Dein niederschlägt. Nie hätte ich gedacht, daß ich noch einmal dahin kommen könnte, das einem Manne zu sagen. Und nun habe ich es gesagt, und harre nun auf Gnade und Ungnade, was Sie über mich verhängen werden.

Er ließ den Stift aus der Hand gleiten, und sein Kopf sank tief auf die Brust. So schwiegen sie eine Weile, während sie sich an die Lehne des Stuhls klammerte und mit wachsender Angst auf seine gesenkten Augen starrte. Dann hörte sie ihn endlich sagen:

Sie haben mich Ihren Freund genannt. Ich wäre dieses Namens nicht werth, wenn ich Ihnen die Wahrheit vorenthielte, so schmerzlich sie für uns Beide ist. Es ist etwas Räthselhaftes in mir vorgegangen, das mich selbst bitter betroffen hat. Nein, damals hatten Sie Unrecht: eine »Anwandlung« war es nicht, und die Trennung allein hätte mein Gefühl nicht herabstimmen können. Aber wie ich auf meinem Wundbette lag und darüber grübelte, wie das Alles gekommen, daß ich nun vielleicht ein Menschenleben auf dem Gewissen hätte, da wurde es mir plötzlich klar, daß ich dies nur ertragen könne, wenn ich ganz uneigennützig blieb, Nichts für mein eigenes Glück beanspruchte, wie sich auch ein Richter nicht bestechen lassen darf. Da erst wurde ich ruhig, und konnte an Sie denken ohne leidenschaftliches Verlangen, wie an eine Schwester, die Niemand auf der Welt zu ihrem Schutze hätte, als ihren einzigen Bruder, und auch da ich Sie jetzt wieder gesehen, glauben Sie mir, mein Fräulein, ich meine es so redlich wie je, Sie sollen zu jeder Zeit, in guten und bösen Tagen, einen treuen, selbstlosen, brüderlichen Freund –

Er vollendete den Satz nicht. Mit einer raschen Bewegung hatte sie den Schleier über ihr Gesicht geschlagen. Verzeihen Sie – vergessen Sie – leben Sie wohl! sagte sie fast unhörbar. Dann, als sähe nun sie die Hand nicht, die er ihr entgegenstreckte, wandte sie sich hastig um und war im nächsten Augenblick aus dem Zimmer verschwunden.

*

Er verbrachte eine qualvolle Nacht. So wenig er bisher Gelegenheit gehabt, die Wissenschaft des Frauenherzens zu studiren, das Eine sagte ihm sein einfacher Sinn und das zarte Mitempfinden für Alles, was dieses Mädchen betraf, daß er ihr keinen härteren Schmerz hätte anthun können, als dieses Verschmähen der reichsten Gabe, die sie zu bieten hatte. Aber er fühlte auch, daß er nicht anders hätte handeln können, und mehr als das, was eben vorgefallen war, peinigte ihn der Gedanke, daß es auch nicht in seiner Macht stand, den Schlag zu vergüten, die Lebenswunde zu heilen.

Er war mit Mühe von seinem Sitz auf dem Tische herabgestiegen, das Bein schmerzte ihn von Neuem, er schleppte sich nach dem Sopha und warf sich darauf nieder, die Augen starr nach der weißen Zimmerdecke gerichtet, die Arme unter dem Kopf verschränkt. So lag er viele Stunden lang, immer ihr blasses, trostloses Gesicht vor Augen und den Klang ihrer letzten Worte im Ohr. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn er in seinem Herzen den Funken des alten Gefühls wieder hätte anfachen können! All ihre edlen und großen Eigenschaften, ihr lieblich ernstes Gesicht, ihr tragisches Geschick hielt er sich vor und fragte sich, ob ein Wesen, das so beschaffen sei, nicht der innigsten Zärtlichkeit werth wäre. Aber sein innerstes Herz antwortete nicht, wie er wünschte, auf diese Frage. Mit dem Blut, das er um sie vergossen, war Alles, was seine Sinne für sie entflammt, zur Ruhe gekommen. Ein gemietheter Bravo! sagte er ein paarmal laut vor sich hin, das häßliche Wort wie ein glühendes Eisen in seine wunde Seele bohrend. Dann dachte er wieder, wie sie wohl den Rückweg in ihr ödes Haus überstanden haben würde, und da er sich wiederholte, daß er sie Schwester genannt, übermannte ihn plötzlich ein weiches Gefühl, ein so tiefer Jammer mit ihrem Zustande, daß er, obenein physisch erschöpft und ohne Widerstandskraft, in Thränen ausbrach und sich endlich wie ein Knabe in Schlaf weinte.

Am andern Morgen, als er aus einem bleiernen Schlummer aufwachte, fühlte er sich so krank, daß er sich kaum von seinem unbequemen Lager erheben, geschweige daran denken konnte, auf die Bauplätze zu gehen. Er ließ den Pallierern sagen, sie möchten sich heut ohne ihn behelfen, und schickte die Wirthin nach dem alten Arzt, der nun zum ersten Mal die Wunde im Schenkel besichtigte, große Ruhe und Schonung anempfahl, im Uebrigen den Aufgeregten damit beruhigte, daß er keine ernstliche Krankheit im Anzug sehe, und das leichte Fieber auf die Ueberreizung der Nerven durch die maßlose Arbeit schob. So nahm er ein wenig Nahrung zu sich und legte sich dann wieder auf das Ruhebett. Da der halbe Tag vergangen, ohne daß irgend eine Nachricht, wie er im Stillen gefürchtet, aus dem Waldhause an ihn gekommen war, begann er, etwas gelassener an Doris zu denken. Sie wird sich in ihren Stolz hüllen und auch damit fertig werden, dachte er. Daß ihre Neigung zu ihm ihr je ans Leben gehen könne, vermochte er in seiner harmlosen Bescheidenheit sich nicht vorzustellen.

So war der Nachmittag herangekommen. Eben erwachte er wieder aus einem leichten, traumlosen Schlummer, der ihn sehr erquickt hatte, da pochte es an seine Thür.

Erschrocken fuhr er auf. Sollte sie es noch einmal sein? Aber auf sein Herein! öffnete sich die Thür und, den Knaben vor sich herschiebend, trat die alte Josephe in das Zimmer.

Sie sind es! rief er im höchsten Erstaunen. Und du, mein lieber Junge? Was macht Tante Doris? Warum hat sie dich zu mir geschickt?

Statt der Antwort hielt ihm der Knabe einen Brief hin, den er in der Hand getragen hatte.

Ulrich nahm den Brief, seine Hand zitterte, er hatte Mühe, seine Aufregung zu bemeistern. Er warf einen Blick auf die kräftigen Züge der Aufschrift: Herrn Ulrich Horst, Architekt – was hatte sie ihm zu sagen gehabt? Was hätte er jetzt darum gegeben, wenn er seinen Namen von ihren Lippen hören durfte. statt ihn geschrieben zu sehen! Setzen Sie sich doch, Josephe, sagte er, indem er ihr zunickte, dort auf das Sopha. Und hier, kleiner Wolf – er nahm einen Teller mit Aepfeln, den seine Wirthin ihm erst heute früh auf die Kommode gestellt hatte, – nein, nimm gleich noch einen; du hast röthere Backen als diese Aepfel, es ist schön Wetter draußen, nicht wahr? – der Knabe nickte nur und betrachtete ernsthaft die beiden Aepfel, die er in den kleinen Händen hielt. – Aber ich muß erst den Brief lesen, Sie entschuldigen, wandte er sich mit verwirrter Höflichkeit an die alte Dienerin, die in der Ecke auf einem Stuhl Platz genommen hatte und den Knaben mit dem einen Arm umfaßt hielt. Ich bin gleich wieder bei Ihnen.

Er hinkte in seine Schlafkammer und setzte sich auf das aufgeschlagene Bett, das er in dieser Nacht nicht berührt hatte. Wieder sah er die Aufschrift und seufzte schwer aus seiner beklommenen Brust. Dann öffnete er langsam das Couvert und las:

 

»Lieber Freund!

Ich kann nicht gehen, ohne Ihnen Lebewohl zu sagen und Ihnen die Hand zu drücken für das, was Sie an mir gethan haben. Es hat sich nicht finden sollen, obwohl der Schnee geschmolzen ist. Das muß ich hinnehmen, als ein Schicksal. Aber Jeder hat seine eigene Art, Schicksale zu ertragen. Lassen Sie mir die meine. Ich kenne meine Kräfte und bin nicht so thöricht, mir zuzumuthen, was über diese Kräfte geht.

Es ist besser, wir sehen uns nicht wieder. Nicht, daß ich mich dessen schämte, was ich Ihnen gestanden habe. Es war vielleicht das Beste, was ich einem Menschen je gesagt habe, wenigstens das Wahrste und Wärmste und Beglückendste für mich selbst. Auch wenn ich gewußt hätte, was Sie mir antworten würden, hätte ich es nicht zurückgehalten. Sie mußten erfahren, wie ich gegen Sie gesinnt bin, daß Sie mich von dem bitteren Mißtrauen und der trüben Menschenverachtung erlös't hatten, die mir das Leben so schwer zu tragen machten. Mir ist nun ganz wohl und leicht ums Herz, und das hohe, selige Gefühl, das mich durchdringt, kann mir auch die Entsagung nicht rauben. Hier noch einmal muß ich es aussprechen, als meinen Abschiedsgruß: Sie sind mir theurer, als sich in Worte fassen läßt, und Ihnen begegnet zu sein wiegt alle Schmerzen auf, die das Leben mir beschert hat.

Mehr vom Leben zu verlangen, als dies Gefühl, das mir Nichts mehr rauben kann, wäre unbescheiden. Und doch stehe ich nicht dafür, daß ich nicht mit der Zeit mir daran nicht genügen ließe, während mir doch nicht Mehr beschieden ist. Also ist es weise, ich ziehe mich ganz und für immer zurück. Wohin ich mich flüchte, sollen Sie nicht erforschen wollen. Es kann sein, daß ich eines Tages – wenn auch sehr spät – zurückkehre. Dann kann ich mich hoffentlich mit ruhigem Herzen an dem Glück erfreuen, das Ihnen nicht versagt bleiben wird, wenn es auf Erden eine Gerechtigkeit giebt und meine heißen Wünsche etwas über die himmlischen Mächte vermögen.

Doch habe ich noch eine große und schwere Bitte an Sie: daß Sie die Vormundschaft über das verwais'te Kind übernehmen möchten. Meinen letzten Willen, der ihn zum Erben meines ganzen Hab' und Gutes einsetzt, habe ich schon seit Jahren beim Gericht deponirt. Auch für die getreue Alte ist reichlich darin gesorgt. Ihnen aber, lieber Freund, möchte ich die Pflicht vermachen, die ich bisher nur so unvollkommen geübt habe, ihn zu einem Manne zu erziehen, der Ihnen gleicht, nicht mir. Auch für ihn ist es besser, wenn ich auswandere. Ein junges Leben darf nicht im kalten Schatten heranwachsen, nicht von früh an hoffnungsloses Mißtrauen und Lebensunmuth einathmen. Sie werden den Knaben bei guten, einfachen Leuten unterbringen, die Kinder haben und ein helles, freundliches Hauswesen. Und dann werden Sie von Zeit zu Zeit, wenn es Ihre Arbeiten erlauben, nach ihm sehen, ihn auf die Stirn küssen und sich freuen, daß er besser lächeln gelernt hat, als Tante Doris.

Als ein Andenken an Diese nehmen Sie das Bild aus meinem Zimmer an sich, über das wir miteinander gesprochen haben. Sie wissen, warum es mir lieb war. Ich habe den ›Erlöser‹, noch während ich dieses schrieb, mehr als einmal angeblickt und gedacht: du brauchtest nicht mehr die Augen niederzuschlagen, wenn du erlebt hättest, was mir zu Theil geworden einen solchen Freund zu finden, einen wahrhaft selbstlosen, der nur aus heiligem Eifer für die Wahrheit das Rechte thut und jeden Lohn verschmäht, als den stillen seines Gewissens.

So sei's denn genug.

Leben Sie wohl, lieber Freund. Sorgen Sie ja nicht um mich. Sie wissen, wie vernünftig ich bin. Wohin ich auch gehe, werde ich wohlaufgehoben sein.

Ihre getreue und dankbare
Doris.«

 

Das Blatt fiel ihm aus der Hand. Er schloß die Augen, als könne er ein entsetzliches Bild, das sich an ihn herandrängte, nicht ertragen. Plötzlich aber fuhr er auf. Gott, Gott! stöhnte er, bückte sich mühsam nach dem Brief, stürzte ein Glas Wasser hinunter und riß die Thür zu seinem Wohnzimmer auf. Da saßen noch die Beiden regungslos, wie er sie verlassen hatte, der Knabe hatte die Aepfel der Alten auf den Schooß gelegt und richtete seine ernsthaften dunklen Augen schüchtern auf den Eintretenden, den ein Schauer überlief. So hatten ihn die Augen des Mannes angeblickt, an dem er das Rächeramt vollstreckt hatte.

Kommen Sie, rief er dumpf, wir müssen gleich hinaus. Lassen Sie das Kind bei meiner Wirthin, wenn es nicht so rasch gehen kann. Ich fürchte, dem Fräulein ist etwas zugestoßen. Wie haben Sie sie verlassen? Wie hat sie die Nacht zugebracht?

Die Alte war ausgestanden. Sie habe nichts Besonderes bemerkt. Das Fräulein habe sich freilich, ohne einen Bissen zu essen, zu Bett gelegt, heut Morgen aber sei sie aufgestanden wie sonst, habe auch mit dem Kinde gefrühstückt und dann lange auf ihrem Zimmer geschrieben. Als sie dann sie gerufen, damit sie mit Wolf in die Stadt ginge, den Brief zu bestellen, habe sie gesagt, sie wolle einen Spaziergang machen, das Wetter sei schön, und dann ihnen Beiden die Hand gegeben und vor der Gitterthür sich von ihnen getrennt. Warum der Herr glaube, daß ihr etwas zugestoßen sei?

Er antwortete nicht. Er griff hastig nach seinem Hut, warf den Mantel aber erst um, als die besorgte Hausfrau, die dazugekommen war, ihn schalt, daß er sich leichtsinnig den Tod zuziehen wolle, und stürmte die Treppe hinunter. Die Alte und der Knabe hatten Mühe, ihm nachzukommen.

Auch auf der Straße sprach er kein Wort, sah weder rechts noch links und erwiderte nicht einmal die Grüße der Vorübergehenden. Der Maurerpallier auf dem Bauplatz im Kurgarten trat an ihn heran, und indem er seine Freude äußerte, daß es ihm besser gehe, wollte er nach dem und jenem fragen. Aber Ulrich brachte nur ein »Später! später!« mit heiserer Stimme hervor und eilte vorbei. Erst wie er das Wäldchen betrat, mäßigte er seine rasende Eile; er überlegte, daß er ohne die Alte nicht ins Haus gelangen könne, und schlich mit schwerfälligen Schritten, in Schweiß gebadet, die letzte Strecke bis zum Gartenzaun fort. Da stand er an der verschlossenen Thür, die seinem Rütteln nicht nachgab. Es sah unsäglich trist und verwahrlos't auf dem noch winterlichen Gartenfleck aus. Nur das Hündchen kam bellend herangelaufen und steckte seinen spitzen Kopf durch die Gitterstäbe, ohne daß er wie sonst sich bückte, es zu streicheln. Doris! rief er mit dumpfer Stimme. Doris! Sind Sie da? Hören Sie mich nicht? – Aus dem dunklen Hause drang kein Wiederhall zu ihm herüber.

Sie ist noch nicht zurückgekommen, sagte die Alte, die endlich mit dem Knaben ihn erreichte. Aber sie kommt gewiß bald. Wollen Sie sie nicht drinnen erwarten?

Er schüttelte heftig den Kopf. Wenn sie nicht da ist, muß ich sie suchen. Gehen Sie, sehen Sie nach, bringen Sie mir Nachricht! Die Alte kam nach einer kurzen Weile zurück und schüttelte schon von weitem den Kopf. Da brach er einen Augenblick fast zusammen, raffte sich aber gleich wieder auf, winkte ihr zu, daß sie zurückbleiben solle, und schleppte sich aus dem Walde hinaus. Unterwegs im Kurgarten rief er die Leute vom Bau zusammen und trug ihnen auf, den Fluß hinunterzueilen und den Wald und die Ufer zu durchsuchen, das Fräulein vom Waldhause werde vermißt. Es sei triftiger Grund, zu glauben, daß ihr etwas zugestoßen. Er selbst wolle zum Bürgermeister, ihn zu benachrichtigen, die ganze Gegend müsse durchsucht werden.

So geschah es denn auch. Man suchte den ganzen Tag und die Nacht und den folgenden Tag, ohne eine Spur zu finden. Erst am dritten Tage kam Botschaft von einer Mühle, mehrere Meilen flußabwärts im dichten Buschwald gelegen. Dort in dem Mühlrechen war die Leiche eines Mädchens angeschwemmt gefunden worden, mit ganz ruhigem, fast lächelndem Ausdruck des blassen Gesichts, die Arme fest über der Brust gekreuzt, wie wenn sie etwas auf ihrem Herzen hätte festhalten wollen. Die Arbeiter vom Bau erkannten sie sogleich und meldeten im Rathhaus, daß das Fräulein gefunden sei. In dem ganzen Städtchen herrschte eine Aufregung, die sich wochenlang nicht beschwichtigte.

Der aber, den die Nachricht am schwersten treffen sollte, war der Letzte, sie zu erfahren. Er lag, von heiteren Phantasien umspielt, die sich alle um ein überschwänglich hohes Liebesglück drehten, in einem hitzigen Nervenfieber, von dem er erst wieder genas, als auf dem Grabe von Doris Sengeberg schon die Veilchen blühten.

 

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