Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Heyse >

Neunzehnte Sammlung der Novellen

Paul Heyse: Neunzehnte Sammlung der Novellen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleNeunzehnte Sammlung der Novellen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1888
firstpub1888
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180629
Schließen

Navigation:

Villa Falconieri.

(1887.)

 

Mit dem Abendzug der Bahn, die von Rom nach den Albanerbergen führt, war auch ein junger Deutscher dem Scirocco entflohen, der über den Tiberufern brütete. Als er in Frascati ausstieg und die kleine Stadt auf halber Höhe des Berges luftig hingelagert sah, den Aether so rein über den waldigen Höhen schwebend und aus dem silbernen Duft über stillen Pinienwipfeln die halbe Scheibe des Mondes, die wie ein weißes Rosenblatt auf einem lichten seidenen Schleier ruhte, athmete er ein paarmal tief auf, lüftete den breitrandigen Hut und schwenkte ihn gegen das ferne Rom, wie ein glücklich Gelandeter auf das unheimliche Meer zurückblickt, dem er sich nicht so bald wieder anzuvertrauen gedenkt.

In der That war er Willens, nachdem er in der Stadt den Winter hindurch seinen Studien nachgegangen war, jetzt zu Anfang Mai nur noch im Fluge das Gebirge zu durchstreifen und vor der Sommerglut den Heimweg anzutreten. Nur seinen Koffer hatte er in Rom abzuholen, von Niemand mehr Abschied zu nehmen, da seine guten Freunde und Bekannten schon vor ihm die Stadt verlassen hatten. Und freilich war, nachdem der Winter sich ungebührlich verlängert hatte, die Hitze so plötzlich und gewaltsam hereingebrochen, daß selbst die alteingesessenen Römer darüber zu seufzen anfingen.

Hier am Abhang des Gebirgs wehte eine leichtere Luft; ein duftiges Abendwindchen hauchte dem jungen Reisenden von den Blütenbüschen entgegen, die sich in üppigen Beeten längs der breiten Fahrstraße hinzogen. Seine Reisetasche umgehängt, an der er nicht schwer zu tragen hatte, da sie nur etwas Wäsche und einen kleinen Aquarellir-Apparat enthielt, den Leinwandschirm nachlässig geschultert, stieg der Fremdling sacht in das Städtchen hinauf, das noch vom letzten Tagesschein hell genug erleuchtet war, um die Schilder über den Häusern und sogar die Straßennamen ohne Mühe lesen zu können. Weder die Trattoria del Sole noch die Nuova Trattoria della Ripresa sahen einladend genug aus, um hier für die Nacht Herberge zu suchen. Es blieb also wohl nichts übrig, als sich dem Albergo di Londra anzuvertrauen, obwohl das ebenfalls nicht sehr ansehnliche Haus an der Piazza im Reisehandbuch als »ganz gut, aber theuer« bezeichnet war. Der Wanderer sann einen Augenblick nach, ob er sein Bündel hier sofort ablegen solle. Doch zog sein Dämon ihn an der offenen Hausthür vorbei, in der ein paar unsäuberliche Weiber mit einem dicken Kellner plauderten. Wer konnte wissen, ob er nicht doch noch in der oberen Stadt ein traulicheres Unterkommen fände, wo zwischen den Olivengärten noch reinere Lüfte wehen mußten, als auf dem häuserumthürmten Platz vor der alten Kirche.

Diese stand offen, und ein süßer Weihrauchduft strömte ihm entgegen, zugleich mit Orgelspiel und dem Gemurmel abendlicher Litaneien. Er schritt aber ungerührt vorüber und wandte sich nach links einer kleinen Gasse zu, die geradewegs in die Höhe zu führen schien. Weiber und Kinder hockten vor den Thüren, die Handwerker hatten noch nicht Feierabend gemacht und saßen bei kleinen qualmenden Lämpchen in den schwarz angerauchten Löchern ihrer Werkstätten oder auf der lichteren Gasse, überall genügsame Armuth und kümmerlicher Fleiß, hin und wieder eine Mutter, die ihren Säugling in Schlaf sang, oder ein Häuflein Kinder, das schreiend und lachend in irgend einem Spiel die mit dürftigen Fetzen behangenen Glieder rührte, während Hühner und Katzen auf der schmutzigen Gasse ihrem Futter nachliefen.

Der junge Reisende war noch nicht durch so viele Bergnester gewandert, daß er nicht auf all diese Dinge ein neugieriges Auge geworfen hätte. Auch war er noch allzu sehr von seinen deutschen Vorurtheilen durchdrungen, um nicht Vieles für Schmutz zu halten, was nichts Schlimmeres war als jener Edelrost, der sich an Wände und Geräthe anheftet, wenn man nicht mit dem tiefgewurzelten Haß der deutschen Hausfrau gegen Staub und Ruß dieselben für einen sittlichen Makel hält, der unerbittlich getilgt werden müsse. Selbst die blitzenden Zähne und Feuerblicke einiger Frascatanerinnen, die, in Nachtjäckchen steckend, auf den Stufen der Hausthüren saßen, beruhigten ihn nicht darüber, daß ihr Costüm von verdächtiger Weiße und ihre schwarzen Flechten zerzaus't erschienen. Er stieg, nachdem er ein paar Orangen gekauft, bedächtig bergan, im Gehen die süßen Früchte verzehrend, den Blick rechts und links über die Gärten gerichtet, aus deren langgestreckten Anpflanzungen sich schöne Landhäuser erhoben. Als er die letzten Häuser des Städtchens im Rücken hatte, ohne eine Herberge gefunden zu haben, überlegte er einen Augenblick, ob er es nicht wagen sollte, irgendwo im Freien zu übernachten, den Kopf auf seine Reisetasche gebettet, mit seinem leichten Plaid zugedeckt. Er konnte es nicht übers Herz bringen, wieder in die enge Stadt zurückzukehren, nachdem er hier oben die kristallene Frische geathmet hatte. Auch fühlte er kein Verlangen nach Speise und Trank.

Avanti! sagte er vor sich hin. Am Ende ist's das Gescheiteste, ich wandre im Mondschein noch ein paar Stunden fort, bis ich nach Grottaferrata komme, oder wohin sonst mein Genius mich führt. Die Nacht wird hell, und omnia mea mecum porto.

Er sprach lateinisch, weil er ein Gelehrter war und überdies wußte, daß in dieser Gegend Cicero seine Sommerfreuden genossen und seine berühmten Werke verfaßt hatte.

Nur Tusculum muß ich sehen und die Tusculana, wo der alte Herr seine Villa besessen. Wenn ich immer bergan steige, werde ich wohl endlich zu den Trümmern gelangen, die ja die Höhe bekrönen sollen. Und lauf' ich in die Irre – hier ist Irren nicht nur menschlich, sondern götterwürdig, denn jeder Schritt geht durch Gefilde der Seligen.

Er hatte einen sanft ansteigenden Weg betreten längs einer hohen Mauer, über welche die schwarzen Zweige alter Steineichen emporragten. Rechts stieg eine grüne Halde hinan, in der die Cicaden ihr schrilles Abendlied übten. Sonst war weit und breit eine tiefe Stille, wie sie in diesen Gegenden gleich nach Sonnenuntergang über die Landschaft herabsinkt, da selbst die Vögel durch das Schwinden des Lichts für eine Weile betroffen werden. Wie er aber weiter schritt, hoben jenseits der Mauer die Nachtigallen wieder an, und aus den Palastgärten antwortete das sonderbare Schluchzen der Glockenfrösche, so daß der Einsame ein paar Augenblicke stillstand, das Herz überwältigt von der innigen Empfindung, wie schön die nächtige Welt und wie glückselig er selber sei, daß er sie in der Fülle junger Kraft durchwandern durfte.

Indessen stieg der Mond höher, und sein Licht wurde kräftiger. Der Wanderer sah zur Rechten aus einer Oelbaumpflanzung ein stattliches Gebäude aufragen, das nach seiner Kenntniß der Landkarte die Villa Aldobrandini sein mußte. Doch war ihm der Eintritt dort zu so später Stunde jedenfalls versagt, auch lag ihm wenig daran, jetzt Menschen zu begegnen. Wie im Traum schritt er weiter und kam an ein hohes Portal, das durch ein halb geöffnetes eisernes Gitter verschlossen wurde. Hier hatte sich eine starke Steineiche, die drinnen wuchs, mit einem ihrer dickbelaubten Aeste zwischen dem Thorbogen und der obern Zackenreihe des Gitters ins Freie gedrängt und streute nun ihren Schatten über die mondbeglänzte Schwelle. Unwillkürlich griff unser Wanderer nach seinem Malkästchen und Skizzenbuch, so verlockend war das Herausragen des dunklen Baumarms für ein Malerauge. Doch fliegende Wölkchen, die den Mondschein dämpften, belehrten ihn alsbald, daß er einen vergeblichen Versuch machen würde. Also trat er durch das Gitter ein und sah, daß er sich in der breiten doppelten Umfriedung eines Parkes befand, der über eine zweite Mauer herüberblickte. Auch in dieser öffnete sich ein mächtiges, mit Statuen und barocken Ornamenten geschmücktes Thor, dessen Inschrift er mühsam entzifferte: Horatius Falconerius – monumentale Buchstaben, in weißen Marmor gehauen. Das Eisengitter jedoch war geschlossen. Er konnte nur durch die Stäbe in einen gewölbartig ausgeschnittenen Laubgang immergrüner Eichen spähen, hinter welchem ein freier Platz den Blick offen ließ auf eine lustige, von drei Rundbögen getragene Halle. Wie Schnee glänzte das Mondlicht auf den flachen, breiten Stufen, die zu ihr hinaufführten, auf den runden Steinpflöcken, die, mit Ketten verbunden, den Vorplatz abgrenzten; doch schimmerte nirgends ein anderes Licht. Das Haus lag stumm wie ein Gespensterschloß, in welchem erst um Mitternacht ein spukhaftes Leben aufwachen soll.

Lange stand er und starrte durch die tiefschwarze Laubwölbung in den stillen, leuchtenden Bezirk vor der schönen Halle. Dann wandte er sich rechts einem Waldwege zu, der gemach bergan führte. Das Laub der Kastanien war noch so jung, daß ihn überall ein zartes Helldunkel umgab. Als er aber kaum hundert Schritte hinangestiegen war, blieb er wie gebannt stehen, mit einem unwillkürlichen Ausruf des Staunens.

Ein im Rechteck ausgetieftes Wasserbecken lag vor ihm, rings umstanden von dicht gepflanzten, hohen Cypressen, die keinen Lichtstrahl auf die regungslose Flut fallen ließen. Nur hie und da öffneten sich die dunklen Wände und ließen die Durchsicht frei auf mondbeschienene Pinienwipfel, die ihr vieldurchkreuztes Astwerk luftig gegen das Firmament ausbreiteten. Hier wäre es zum Sterben traurig gewesen, hätten nicht in den Büschen um die schauerliche Stätte lauter als irgend sonst die Nachtigallen gesungen. Langsam umschritt der nächtliche Wanderer das feierliche Gebiet, das wie zum Dienst irgend einer geheimnißvollen Gottheit bestimmt schien. Von einer lichteren Stelle aus konnte er durch die Zweige der Parkbäume die Dächer der Villa schimmern sehen und ermaß nun die gewaltige Ausdehnung des fürstlichen Hauses. Er sah, daß eine Doppeltreppe von der Höhe des Weihers in den Kastanienhain hinabführte, doch mochte auch dieser Weg wieder an ein verschlossenes Gitter führen. So ruhte er ein wenig am Rande der schwarzen Flut, immer tiefer von dem Märchentraum umsponnen, der ihn in diese nächtliche Einsamkeit gelockt hatte, und sah den Fledermäusen zu, die zwischen den Lücken der Cypressensäulen aus und ein schwirrten. Er tauchte eine Hand in das stille Wasser; es war eiskalt. Da netzte er auch die andere und Gesicht und Haare und ging dann getrost seines Weges weiter.

Ein wundersames Labyrinth waldiger Schluchten und Höhen nahm ihn auf, das vom Monde gerade genug erleuchtet war, um ohne Straucheln vorwärts zu schreiten. Hie und da konnte er auch das Laub der einzelnen Bäume und Gesträuche unterscheiden, hohe Lorbeerstämme, üppig blühende Arbutus- und Fliederbüsche, die starkblätterigen Laurusarten, die den Untergrund überwucherten, und hin und wieder im Grase zerstreut wilde Maiblumen und Narzissen, in dichten Büscheln beisammen blühend. Er bückte sich, einige davon zu pflücken, und fand daneben rothe Cyclamen, deren Duft er besonders liebte. Ein Sträußchen steckte er auf den Hut, ein paar Alpenveilchen ins Knopfloch, und ging dann weiter, sich mehr und mehr berauschend an Nacht und Stille und seinen einsamen jungen Gefühlen. Zuweilen, auf einer freieren Stelle angelangt, sah er zurück, den Abhang hinunter, über das schlafende Städtchen hinweg und die zerstreuten Landhäuser in die weite Campagna hinaus, über welcher die Mondnebel schwammen. Am Tage bei heller Luft sollte man, wie er gehört hatte, von hier aus die Kuppel von Sanct Peter sehen können. Jetzt unterschied er nur einen einzigen hellen Punkt, der den Dunst durchbrach – die Lichter am Bahnhof. Wie es von tausend gedämpften Flüsterstimmen um ihn her surrte und säuselte, als fänden die Vögel in ihren Nestern vor der Mondhelle keinen Schlaf! Wie all die Düfte der Frühlingsblumen und des würzigen Laubes ihn umschmeichelten! Das tiefe, kräftige Athmen der Natur im nachtwandlerischen Schlummer erregte sein Blut, ihm war, als fühle er das Schweben der Erde durch den Weltenraum in mächtigen Schwingungen unter seinen Sohlen und flöge mit ihr dem Monde entgegen, daß ihm in der lustigen Fahrt das Haar an den Schläfen zurückwehte und sein Herz stärker zu klopfen begann.

Wie lange er so herumgeirrt, war ihm selbst nicht bewußt. Doch ward er plötzlich gewahr, daß er nicht mehr bergan stieg, sondern einem Wege folgte, der wieder nach den Villen hinunterführte. Am Ende war's ihm doch lieb, wieder in die Nähe menschlicher Wohnungen zu kommen, vielleicht zu einem Gehöft, unter dessen vorspringendem Dach er sich betten konnte, ohne vom Nachtthau überrieselt zu werden. Auch dürstete ihn, und er hätte viel um einen Trunk Wasser oder Wein gegeben. Am Ende mußte er sich doch entschließen, noch im Gasthof unten anzuklopfen.

In solchen Gedanken war er in einen völlig dunklen Laubgang gerathen, der schnurgerade wiederum auf ein Parkthor zu führte. Zum Glück aber stand das Gitter offen, und vielleicht war das schmale Haus, das er hinter einem Blumengärtchen im Monde leuchten sah, von gastlichen guten Leuten bewohnt. Er trat unbedenklich ein, blieb aber entzückt an der Schwelle stehen; denn was ihn hier umgab, schien ihm von Allem, was er heute gesehen, das Lieblichste.

Es war eine kleine, über dem steilen Bergeshang aufragende Terrasse, mit einer niedrigen steinernen Brustwehr umzogen, die sich an jenes einstöckige Gartenhaus lehnte. An zwei Seiten umstand sie die Waldung, Lorbeerbäume mit hohen Wipfeln und junge Steineichen, wie dichte grüne Wände zum Schutz gegen den Wind errichtet. Der mäßige Raum aber zu ihren Füßen war so von blühenden Büschen, Rosen- und Lilienbeeten und einem Strauch, der eine Cascade weißer Blüten niederregnen ließ, ausgefüllt, daß das kleine Wasserbecken in der Mitte fast überwuchert wurde. Das Schönste aber war die Wand des Hauses selbst, mit einer zarten röthlichen Farbe überdeckt, aus welcher etliche antike Bildwerke hervorleuchteten, reizend vor allen ein Relief über der verschlossenen hohen Thür, einen Horentanz darstellend, fünf schwebend dahinschreitende schlanke Mädchen, die sich zierlich an den Händen gefaßt hatten, während ihre leichten Gewänder sie in lustigen Falten umwehten. Ein dichter Strauch gelber Röschen war an der einen Seite hinaufgeklettert und hatte einen blühenden Schleier über das Thürgesims geworfen. Hier schien ein junges Nachtigallenpaar zu nisten, denn man hörte ihren leidenschaftlichen Zwiegesang aus nächster Nähe, der auch nicht verstummte, als der Wanderer näher herantrat, um seine Augen an der Anmuth des hell beschienenen Bildwerks zu weiden.

Ein Zaubergärtchen! sagte er laut vor sich hin. Von Wächtern und Bewohnern auch hier keine Spur. Ich denke, ich bin hier gut aufgehoben, wenn ich mir einen dunklen Winkel suche und wenigstens bis an den frühen Morgen mich nicht vom Flecke rühre. Wenn das Duett im Rosenbusch mich nicht schlafen läßt – immer noch besser, als in einer räucherigen Locanda übernachten, wo die Pferde unter mir stampfen und die Carrettieri schon vor Thau und Tage Lärm machen.

Er ließ die Augen durch das Gärtchen wandern, um nach dem bequemsten Ruheplatz zu forschen, – da sah er plötzlich auf dem steinernen Rande der zerfallenen Fontäne eine dunkle Gestalt im Schatten eines hohen Rosenbusches sitzen, so daß er leicht erschrak, nicht aus irgend einer Furcht, zumal er sofort erkannte, daß er einem Weibe gegenüberstand, sondern weil er hier ohne weiteres eingedrungen war und an dem Ausdruck des schönen blassen Gesichts und der großen Augen wohl merken konnte, wie unwillkommen er der Besitzerin dieses Hauses erschien.

Verzeihung, Signora, sagte er in einem leidlich fließenden Italienisch, wenn ich ohne Erlaubniß hier eingetreten bin und Sie in Ihrer Meditation gestört habe. Ich fand das Gitter offen und konnte dem Verlangen nicht widerstehen, das reizende Gärtchen und das Relief über der Thür näher zu betrachten. Ich ahnte nicht, daß ich hier eine Dame finden würde, und werde mich sofort zurückziehen.

Er lüftete den Hut, verneigte sich leicht und wandte sich zum Gehen. Da hörte er die Dame sagen:

Ich bin nicht die Herrin dieses Hauses und Gartens. Sie gehören zu der Villa Tusculana, und das Casino ist im Augenblick unbewohnt und verschlossen. Ich selbst wohne in der Villa Falconieri und bin heraufgegangen, wie ich es oft thue, weil es hier kühl und schön ist. Da hat mich der Schlaf überfallen, ich hörte nicht, daß Jemand hereintrat. Nun will ich gehen, und Sie sind padrone, zu bleiben, so lange Sie wollen.

Sie erhob sich von ihrem Sitz. Er sah jetzt, daß sie auf einem zierlichen antiken Capitäl gesessen hatte, deren einige neben dem Rand des Beckens lagen.

Wie sie vor ihm stand, gewahrte er ihren hohen Wuchs, sie reichte ihm, der gleichfalls von nicht gewöhnlicher Größe war, bis an die Stirn, in ihrem Gesicht aber, über das der Schatten eines dichten braunen Tuches fiel, unterschied er nur das leuchtende Weiß der Augen und der schön gereihten Zähne.

Villa Falconieri! sagte er. Ich bin an ihr vorbeigekommen und dachte nicht, daß sie bewohnt sei, so still war es ringsum. Aber freilich, es war schon spät. Wie kommt es, daß Sie sich so weit von Hause fortwagen, Signora, zu so nächtlicher Stunde und ganz allein? Verzeihen Sie, wenn ich eine indiscrete Frage thue. Aber in dieser herrlichen Wildniß vergißt man leicht alle Conventionen der wohlerzogenen Gesellschaft.

Ihre Verwunderung ist sehr natürlich, versetzte die Frau, ohne sich zu regen. Sie sind fremd, Sie wissen nicht, daß die Gegend hier nur von guten, friedfertigen und ehrlichen Leuten bewohnt wird und daß Alle mich kennen. Gewöhnlich zwar begleitet mich mein großer Hund, mehr zur Gesellschaft als zum Schutz; er hat sich aber gestern den Fuß verwundet und muß zu Hause bleiben. Uebrigens ist es nicht weiter als einige Minuten bis zu unserer Villa, wenn man den kürzesten Weg kennt. Sie werden weit in die Irre gegangen sein. Soll ich Sie führen? Wenn Sie in Ihrem Hôtel die Leute noch wach finden wollen, dürfen Sie nicht zu lange zaudern.

Er lachte und gestand seinen romantischen Plan, hier im Freien zu übernachten Sie schüttelte den Kopf.

Welch eine Thorheit! sagte sie, und ihre etwas umschleierte Stimme klang plötzlich hart und herrisch. Sie könnten vom Fieber überfallen werden und morgen einen elenden Tag haben. Dies ist noch nicht die Jahreszeit, wo man ungestraft unterm Sternenhimmel schlafen mag. Aber freilich, das Gasthaus unten soll nicht das beste sein. – Sie schwieg ein paar Secunden lang, dann fuhr sie fort: Wissen Sie was? Sie können in unserer Villa die Nacht zubringen. Wir selbst haben nur die Hälfte des ersten Stockwerks gemiethet, die andere bewohnt der Pächter; die Zimmer im Erdgeschoß, wo die Prinzessin ihre Villeggiatur hält, sind nicht zugänglich. Aber über uns giebt es Raum genug und leidliche Betten, und Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Sie irgend Jemand zur Last fallen. Meine Leute werden für Ihr Nachtlager sorgen. Kommen Sie!

Er war von dieser unverhofften Gastfreundschaft zu freudig überrascht, um auch nur zum Schein Einwendungen zu machen.

In der That, sagte er lächelnd, ich bin schon den ganzen Abend wie in einem Zaubermärchen herumgewandelt, daß es mich kaum noch wundern kann, wenn sich nun auch eine gütige Fee meiner annimmt. Ich folge Ihnen, Signora, blindlings, wohin Sie mich führen. Sie werden jedenfalls keinen unbequemen Gast an mir haben, und morgen in der Frühe, wenn ich ohne Dank scheide, glauben Sie, daß ich es nur thue, um Ihren Morgenschlaf nicht zu stören, daß ich aber das Glück dieser Begegnung nie vergessen werde.

*

Sie erwiderte kein Wort, wandte ihm aber mit einem langen, ernsthaften Blick das volle Gesicht zu, das hell vom Mond beschienen war. Nun erst sah er, wie schön sie war; nicht in der ersten Jugend, aber von jenem Adel der Züge, der viele Frühlinge überdauert. Es war kein römisches Gesicht, die Stirn unter dem einfach gescheitelten braunen Haar höher als bei den schönen Frauen dieser Gegenden, der nicht kleine Mund mit sehr tief gefärbten Lippen ruhig geschlossen und von keinem Lächeln belebt; die Augen mit ihrem bläulichen Schimmer erinnerten an jene edlen Steine, die manchmal in den Büsten antiker Matronen aus dem gelblichen Marmor hervorglänzen. Sie ruhten jetzt einen Augenblick auf dem Fremden, der die Prüfung ohne Verlegenheit bestand. Er hatte ein sanftes, regelmäßiges Gesicht, das sich jünger ausnahm als seine siebenundzwanzig Jahre und zumal jetzt, von dem Vergnügen und Staunen über das ganze Abenteuer belebt, sehr liebenswürdig erschien.

Die Frau ließ das Tuch, das ihr Haupt bedeckt hatte, auf ihre Schultern fallen und machte ihm ein Zeichen mit der Hand, daß er ihr folgen solle. Sie führte ihn nicht den Weg zurück, den er gekommen war, sondern durch ein verstecktes Seitenportal um die verödete Villa herum und auf abschüssigem Pfade durch ein Olivenwäldchen hinab. An dem Cypressenweiher, der bald zu ihrer Linken herübersah, erkannte er, wie nahe sie der Villa Falconieri waren. Noch hundert Schritte, und sie hatten ein Thor erreicht, das auf das Klopfen der Herrin von einem schwarzäugigen Burschen mit verwildertem Haar geöffnet wurde. Dann durchschritten sie einen kleinen Hofraum, aus welchem das heisere Gebell eines Hundes ihnen entgegenscholl. Das kranke Thier, ein großer weißgrauer Bernhardiner, erhob sich von einem Binsenlager im Winkel und hinkte der Herrin entgegen. Sie kniete neben ihn auf das blanke Pflaster hin und betastete sorgfältig die mit einem dicken Lappen umwundene Pfote, dem Thier freundlich zusprechend und seinen großen, melancholischen Kopf streichelnd. Ein dumpfes Knurren dankte ihr für den tröstlichen Zuspruch; der Hund legte die kranke Pfote in den Schooß der Herrin und leckte ihr die Hand.

Basta, Sultano! sagte sie und erhob sich. Morgen wird es vorüber sein.

Langsam, die Ohren schüttelnd und ohne einen Laut, hinkte der Kranke in seinen Winkel zurück.

Er hängt sehr an mir, sagte die Dame. Ich habe ihn aufgezogen mit Ziegenmilch, da die Mutter bei einem Sprung über eine Terrassenwand den Hals brach. Er ist ein treuer Wächter. Wenn Sie ohne mich hier bei Nacht hereingekommen wären, trotz seiner Wunde hätte er sich auf Sie gestürzt und Sie zerrissen.

Einige Knechte und Weiber, die noch im Hofraum beisammengesessen hatten, traten an die Herrin heran und wechselten kurze Fragen und Antworten. Dann warf sie ihnen eine »Gute Nacht!« hin, schritt durch ein offenes Portal, von Säulchen flankirt, auf denen steinerne Löwen saßen, der breiten Halle des Mittelbaues zu und betrat, ohne sich nach ihrem Gast umzublicken, das Innere des Hauses.

*

Eine schmale steinerne Treppe führte in den ersten Stock des Seitenflügels hinauf, droben trat ihnen eine Magd mit der dreiarmigen Messinglampe entgegen, die auf die Dame gewartet zu haben schien, eine kleine, nicht mehr jugendliche Gestalt mit guten schwarzen Augen in dem bronzefarbenen Gesicht, die den unerwarteten Gast betroffen anstarrten.

Die Herren sind noch beim Spiel, sagte sie. Der Herr Graf hat schon zweimal nach der Frau Gräfin gefragt.

Es ist gut, Rosa, erwiderte die Frau gleichgültig. Höre, du mußt das blaue Zimmer für die Nacht herrichten; erst aber geh in die Küche … Das Weitere wurde so leise gesagt, daß der Deutsche kein Wort verstehen konnte.

Kommen Sie! wandte sich die Herrin wieder zu ihm. Ich will Sie erst meinem Mann vorstellen. Sie treffen noch den Pfarrer bei ihm und dessen Neffen, einen jungen Seminaristen, der eben das römische Fieber überstanden hat und zu seiner vollständigen Erholung einige Zeit bei dem Oheim lebt. Wenn Sie müde sind, sagen Sie es offen; die Herren machen ihre Partie und werden Sie nicht hindern, früh schlafen zu gehen.

Damit betrat sie ein großes, sehr unwohnliches Vorgemach, das nur durch ein paar Kerzen auf einem Seitentischchen erleuchtet wurde. In der Mitte stand ein runder Tisch mit den Ueberresten eines Mahles, ein Buffet von schwerem Eichenholz lehnte an der Wand, mit Fruchtschalen und Weinflaschen besetzt. Alte, tief nachgedunkelte Bilder in geschwärzten Goldrahmen bedeckten die Wände, die von der Hand eines ländlichen Tünchers mit großrankigen Blumengewinden decorirt worden waren, und ein seltsam gemischter Geruch von Rosen, Orangen und gesottenem Oel mußte Jedem, der hier nicht zu Hause war, den Athem beklemmen.

Rasch aber hatte sie die Thür zu dem anstoßenden Gemach geöffnet und, jetzt erst sich zu ihrem Begleiter wendend, ihn mit einem freundlichen Favorisca! aufgefordert, einzutreten.

Der Raum war nicht minder palastähnlich hoch und weit als der Speisesaal, die Wände auch nur einfach getüncht, doch durch allerlei Schmuck an Teppichen und Geräth wohnlich gemacht. Einige große Sophas, mit verblichenem Seidenzeug überzogen, noch aus der Zeit des Empire, Marmortischchen und Sessel desselben Stils, über dem mächtigen Kaminsims das lebensgroße Bild eines weißbärtigen Papstes in seiner roth und weißen Haustracht, von der Decke herabhängend ein venetianischer Kronleuchter, in einer der tiefen Fensternischen ein Sammetfauteuil vor einem zierlichen Tischchen, mit allerlei weiblichem Kram bedeckt – für den ländlichen Salon einer italienischen Gräfin war das Gemach anständig genug ausgestattet. Sogar ein großer Brüsseler Teppich fehlte nicht, der von den Steinfliesen nur einen schmalen Rand rings an den Wänden freiließ. Mitten auf demselben aber, gerade unter dem Kronleuchter, stand ein viereckiger Spieltisch, durch zwei dreiarmige silberne Leuchter hell beschienen, nicht weit davon ein rundes Tischchen mit zwei strohumflochtenen Flaschen besetzt, denen die Spielenden, wie es schien, fleißig zugesprochen hatten; denn ihre Gesichter waren geröthet und ihre Stimmen klangen im Eifer des Spiels so laut durch einander, daß sie das Oeffnen der Thür und das Eintreten der Hausfrau mit ihrem Gast völlig überhört hatten.

Der Jüngste, der mit dem Rücken nach der Thüre saß, wandte zuerst den Kopf.

Die Gräfin! sagte er und legte die Hand mit den Karten einen Augenblick auf den Schooß. Ihm zur Linken der dicke, aus kleinen, gutmüthigen Augen blinzelnde Pfarrer, dessen sonores Lachen über einen glücklichen Streich soeben die Luft erschüttert hatte, wischte sich mit einem blauen Taschentuch den Schweiß von der kahlen Stirn und rief überlaut:

Sie bringen mir Glück, Gräfin! Der Herr Graf hat sich seinen letzten Trumpf stechen lassen, und Beppino wirft die Flinte ins Korn. Aber wen haben Sie da aufgegabelt?

Sein lachendes Gesicht verdunkelte sich plötzlich, da er fürchtete, der ungebetene späte Besuch möchte dem Spiel vor der Zeit ein Ende machen. Die Herrin aber sah an ihm vorbei, ging gerade auf ihren Gemahl zu und sagte:

Ich bringe uns einen Gast, Carlo, den ich oben in der Tusculana getroffen habe. Es schien mir, da er der Wege unkundig und das Gasthaus unten nicht sehr behaglich ist, das Einfachste, ihn über Nacht bei uns aufzunehmen. Das Zimmer im zweiten Stock, das für den Vetter hergerichtet war, steht leer. Er hat es nicht annehmen wollen, aber zuletzt nachgegeben.

Während sie dies sagte, in einem gleichmäßig nachdrucksvollen Ton, als frage sie nur der Form wegen an und ein Widerspruch sei undenkbar, hatte der Fremde Zeit, seinen Wirth, dem er so überraschend ins Haus geschneit kam, zu betrachten. Es war ein weißköpfiger, kleiner Mann mit einer stattlichen Nase zwischen dichten, noch kohlschwarzen Brauen, unter denen ein Paar jugendlich blitzender grauer Augen hervorsah. Auch der dichte Schnurrbart war noch nicht völlig ergraut, und ein schwärzliches Spitzbärtchen zierte das kräftige Kinn, so daß man dem beweglichen, energisch gesticulirenden Herrn nicht viel mehr als sechzig Jahre geben mochte. Er trug eine sammtene Hausjacke, aus deren weiten Aermeln zwei stark gebräunte, mit schwarzen Härchen dicht besetzte Hände hervorkamen. Um seine Beine aber war ein dunkles Tuch gewickelt, und ein eisenbeschlagener Krückstock, der an seinem mächtigen Armsessel lehnte, deutete darauf, daß es mit seinem Fußwerk nicht zum Besten bestellt war.

Unter dem einen Arm hielt er eine lange türkische Pfeife mit einem ungewöhnlich dicken Rohr, während er die Karten hinlegte und, sich mühsam ein wenig vom Sitz erhebend, den Gast unter den buschigen Brauen mit einem Adlerblick musterte.

Verzeihung, Herr Graf, daß ich einer so freundlichen Einladung nicht habe widerstehen können, sagte der junge Deutsche. Doch habe ich der Frau Gräfin schon gelobt, morgen in aller Frühe dies gastliche Dach wieder zu verlassen. Es ist nun wohl auch Zeit, mich vorzustellen. Mein Name ist Eberhard ***, ich bin nichts Besseres und Schlimmeres als ein simpler Doctor der Philosophie und habe mich einen Winter in Rom aufgehalten, um archäologische und kunsthistorische Studien zu betreiben, da ich in meiner Heimath eine Stelle als Adjunct an einem Museum zu erhalten hoffe. Nun, da meine Zeit hier im Süden fast abgelaufen ist, wollte ich nur noch einen Blick in Ihre wundervolle Bergwelt thun, eh' ich den Heimweg antrete. Sie müssen daher mein Wandercostüm entschuldigen, und überhaupt bitte ich sehr, keine weitere Notiz von mir zu nehmen und sich vor Allem in Ihrem Spiel nicht stören zu lassen.

Er hatte während dieser Rede seine Karte hervorgeholt und sie dem Alten überreicht, der sie weit von sich abhielt und, die Augen mit der Hand schützend, die kleine Schrift zu entziffern versuchte.

Everardo ***! sagte er nach einer kurzen Pause, während welcher der Pfarrer und sein geistlicher Neffe keinen Laut von sich gaben. Wie ist mir denn, Don Gaetano? War das der Name des großen deutschen Historikers … Ihr wißt … der die römische Geschichte geschrieben hat und von welchem Don Emilio mir meldete, daß er hier herauskommen wollte, den Helden von Lissa zu besuchen und sich von ihm seine Seeschlachten erzählen zu lassen?

Chè, chè! machte der Pfarrer und lachte sehr unehrerbietig. Was Ihr auch denkt, Don Carlo! Everardo war nicht sein Name. Er fing mit einem M an und klang gerade so curios wie alle diese Gelehrtennamen von jenseits der Berge. Und dann, werther Freund, bedenkt, dieser junge Herr und der Verfasser jener stupenden römischen Historie, über welcher ihr Verfasser alt und grau geworden sein muß! Ihr scherzet wohl, Don Carlo! Chè, chè!

Ihr habt Recht, Don Gaetano, versetzte der Hausherr; aber sei dem, wie ihm wolle, Ihr seid willkommen in der Höhle des invaliden Seelöwen, Sor Dottore. – Das hast du klug gemacht, Gigina, daß du den verirrten Fremdling unter unser Dach geführt hast. Ihr müßt mich entschuldigen, Herr, wenn ich mich nicht erhebe, um Euch die Ehre meines Hauses zu erzeigen. Diese beiden schwerfälligen Säulen da – und er klopfte mit der Pfeife an die umwickelten Füße – sind nicht besser als so manche ihrer Kameraden auf dem römischen Forum, denen die Sockel abhanden gekommen sind. Was liegt daran! Der Rest des alten Baues ist noch wohlerhalten, und wenn mich auch das Schicksal an diesen Felsen geschmiedet hat wie Prometheus, ich bin darum nicht unthätig und hoffe, dem Vaterlande mit dieser rechten Hand noch zu nützen, wenn sie auch kein Geschütz eines Kanonenbootes mehr abfeuert. Sehr erfreut, Sor Everardo, Eure Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich denke, sie morgen fortzusetzen … nein, nein, von Eurer Flucht mit der Morgenröthe kann keine Rede sein, hört Ihr wohl? Und jetzt verzeiht, wenn wir das Spiel zu Ende bringen. Kennt Ihr unsere Calabresella? Nun, Ihr sollt sie lernen, es ist das Spiel aller Spiele. Aber Glück ist dabei die Hauptsache wie bei jedem Spiel, das Waffenspiel nicht ausgenommen, und mir kehrt es heute den Rücken. Der verdammte Pfaffe hat mich so schnöde übers Ohr gehauen, ich lasse ihn nicht lebendig aus dem Hause, ehe er mir Revanche gegeben.

Bei diesen Worten hatte das gutmüthige Gesicht plötzlich einen so drohend gebieterischen Ausdruck angenommen, daß der Fremde es gerathen fand, ohne Widerrede sich zu fügen. Er blieb noch einige Minuten neben dem Spieltisch stehen und sah zu, wie der Pfarrer, nachdem er aus einer großen silbernen Dose geschnupft hatte, von Neuem die Karten mischte und mit allerlei Scherzen, die er nicht verstand, die Revanchepartie eröffnete. Auch das Gesicht des jungen Geistlichen betrachtete er nun genauer. Es war ein römischer Vollblutkopf von scharfem Schnitt, die kurz geschorenen krausen Haare hatten das Tonsurchen fast schon wieder überwachsen, die Augen unter den starken schwarzen Brauen blickten unruhig umher, und der volle Mund verzog sich zu einer fast feindseligen Grimasse, als die Blicke der jungen Leute sich begegneten.

Da fühlte der Deutsche sich leise an der Schulter berührt. Die Gräfin, die einen Augenblick hinausgegangen war, stand wieder hinter ihm.

Kommen Sie! sagte sie leise. Das Abendessen ist bereit. Nein, Sie dürfen es nicht ablehnen. Sie sollen im Hause des Grafen Sammartino nicht ungegessen sich zur Ruhe legen.

*

In dem großen Gemach nebenan war der Tisch von Neuem gedeckt, ein dreiarmiger silberner Candelaber stand darauf, die römische Messinglampe beleuchtete das Buffet. Statt der Magd aber erschien ein großer schwarzbärtiger Bedienter in dunkelbrauner Livree mit gelben Aufschlägen und trug eine silberne Suppenterrine herein, von der er mit feierlicher Miene den Deckel abhob.

Sie müssen vorlieb nehmen, sagte die Gräfin. Wir haben Sie nicht warten lassen wollen.

Sie setzte sich ihm gegenüber, die Ellenbogen aufgestützt, die Augen von den langen Wimpern halb bedeckt. Während er aß, sah er oft zu den schönen Händen hinüber, an deren leicht verschränkten schlanken Fingern kostbare Ringe blitzten. Zuweilen lös'ten sich diese Hände von einander, um ihm Wein einzuschenken.

Alle ihre Bewegungen waren gelassen und fast schwerfällig, wie von einem Marmorbilde, dem vor kurzem erst Leben eingehaucht worden wäre, wie denn auch die Farbe ihrer Haut an den feinsten, von der Zeit gelblich abgetönten parischen Marmor erinnerte.

Dabei öffnete sie die Lippen nur, um dem Diener ein paar halblaute Worte hinzuwerfen. Auch der Gast, so viel er sich Mühe gab, etwas der Rede Werthes zu ersinnen, schwieg beständig, desto lauter nahm das Wortgefecht der Spieler nebenan seinen Fortgang, das schütternde Lachen des Pfarrers, von den Zornesausbrüchen des Grafen niedergeschrieen. Der Neffe schien als stumme Person seine Rolle zu spielen.

Sie essen nicht, sagte endlich die Wirthin. Aber von diesen Früchten müssen Sie kosten, sie sind in unserem Garten gewachsen.

Damit nahm sie eine der großen dickschaligen Orangen und begann sie zuzubereiten, indem sie einen kleinen Deckel abschnitt und das blutrothe Innere wie einen Becher aushöhlte, in welchen sie Zucker streute, daß vom Saft und Fleisch nur das Zarteste darin zurückblieb. Er nahm das herrliche Labsal mit einem eigenen Gefühl der Freude und Entzückung aus dieser schönen Hand.

In diesem Paradiese sind alle köstlichen Gaben des Himmels beisammen, sagte er, sich gegen die Gräfin verneigend.

Ein Paradies!? versetzte sie, und ihre Brauen zogen sich zuckend zusammen. Aber ich vergesse, Sie sind hier fremd. Wollen Sie diese Mispeln kosten oder die frischen Mandeln? Die Erdbeeren sind alle aufgegessen. Don Gaetano kann es nicht sehen, daß eine übrig bleibt.

Er dankte und trank seinen Wein aus. In diesem Augenblick erschien der Pfarrer mit dem Neffen aus dem Nebenzimmer, sich von der Gräfin zu verabschieden. Er erzählte in bester Laune, daß er dem »Helden von Lissa« zehn Lire abgewonnen und in der Hitze des Gefechts sogar sein eigenes Blut nicht geschont habe. Der junge Cleriker sprach kein Wort. Er verneigte sich tief vor der Herrin des Hauses, wobei sein fahles Gesicht ein leichtes Roth überflog, warf dem Fremden einen unverhohlen feindseligen Blick zu und verließ hinter dem Oheim das Zimmer.

Die Gräfin war aufgestanden, als die Beiden sich verabschiedeten, und hatte, die Arme über der Brust gekreuzt, ihnen nachgesehen. Nun wandte sie das Haupt zu ihrem deutschen Gast und sagte mit einem leichten Zittern in der Stimme:

Was glauben Sie, hat es auch schon im Paradiese solche Gesichter gegeben?

Er fand nicht gleich eine Antwort. Zum Glück trat Rosa herein, die mit ihrer Gebieterin zu flüstern hatte. Der Bediente war in dem Salon verschwunden, wo man bald ein seltsames Stampfen und Aufstoßen eines Stockes vernahm. Nach einer Weile erschien er wieder, trat zu der Herrin und sagte:

Der Herr Graf läßt der Frau Gräfin sagen, daß er zu Bett gegangen sei, und dem Herrn Doctor wünscht er eine gute Nacht und hofft ihn morgen früh zu sehen.

Es ist gut, Bernardo, erwiderte die Gräfin, Ihr könnt gehen. – Rosa wird Ihnen Ihr Schlafzimmer zeigen, Sor Everardo. Ich hoffe, Sie träumen unter diesem Dache weiter vom Paradiese – das nur noch im Traum zu finden ist.

Sie reichte ihm ihre Hand, immer mit der gleichen ernsthaften Miene. Er ergriff sie herzlich und drückte flüchtig seine Lippen auf die kühlen Fingerspitzen. Dann folgte er der Magd, die ihn die Treppe hinauf in ein großes, kahles Gemach führte. Nach Art der ländlichen Wohnungen dieser Gegenden war es nur mit dem Nothwendigsten ausgestattet, einer eisernen Bettstatt, einem alten Rococopfeilertisch, sehr einfachem Waschtischchen und zwei strohgeflochtenen Stühlen. Doch lag eine Matte vor dem Bett, und an der Wand darüber hing eine colorirte Lithographie Garibaldi's, zwischen den Fenstern ein Madonnenbild in braunem Rahmen.

Gute Nacht! sagte die Magd und stellte den Leuchter auf den Pfeilertisch. Wenn der Herr Nichts weiter befiehlt …

Eberhard nickte ihr freundlich zu. Das gute, kluge, traurige Gesicht gefiel ihm.

Seid Ihr verheirathet? fragte er. Habt Ihr Kinder?

Bernardo ist mein Mann, der Kammerdiener des Herrn Grafen. Aber Kinder haben wir nicht. Er ist jünger als ich, er hat mich nicht aus Liebe geheirathet, nur weil der Herr Graf es haben wollte.

Aber er behandelt Euch gut?

Was denkt Ihr! Die Gräfin würde es nicht leiden, wenn er nur die Hand gegen mich aufhöbe. Aber Ihr wißt wohl, Herr, es thut doch kein gut, was wider die Natur ist. In Frascati giebt es leichtsinnige junge Weiber genug – man muß ein Auge zudrücken und mit dem andern nicht sehen, wenn man durch die Welt kommen will. Gute Nacht, Herr, und gute Ruhe!

Sie ging langsam aus dem Zimmer, als erwarte sie, daß er noch etwas zu fragen haben würde. Es schien ihr viel auf dem Herzen zu liegen, was sie nur selten Gelegenheit hatte vor einem theilnehmenden Menschen auszuschütten. Er hatte sich aber schon dem Fenster zugewendet und staunte in die wundervolle Mondlandschaft hinaus. Gerade ihm gegenüber, auf stolzem Terrassenunterbau, lag eine langgestreckte, schloßähnliche Villa hoch über Oliven- und Rebenhalden, auf der Plattform vor der hellbeleuchteten Façade erhoben sich zwei freistehende Säulen, in den langen Fensterreihen schimmerte nicht ein einziges Licht. So schaute der gewaltige Bau wie eine schlafende Sphinx in die weit ausgebreitete Campagna zu seinen Füßen, und drüber hinaus lagen die Berge der Sabina im silbernen Duft, die Linien der Gipfel nur hie und da leise hervortretend gegen das dunklere Firmament. Eine zauberhafte Stille und Schwermuth war über die unermeßliche Weite ergossen. Selbst die Nachtigallen schwiegen, nur von unten herauf hörte man zuweilen das Winseln des Hundes, der auf seinem Wundbett keine Ruhe finden konnte.

*

Als Eberhard am frühen Morgen erwachte, mußte er sich eine ganze Weile besinnen, bis er begriff, wo er sich befand. Er hatte das Fenster geschlossen, da er zu Bette ging. Der lebhafte Wind jedoch hatte es wieder aufgesprengt. Nun drangen die Morgenstimmen aus Nähe und Ferne zu ihm herauf, Glockenläuten aus dem Städtchen, das zur ersten Messe rief, das melancholische Ritornell eines Burschen, der unten im Garten arbeitete, Hundegebell und Pfauenschreie und wieder, schon in der ersten Tagesfrühe, das leidenschaftliche Concert der Nachtigallen, von denen alle Büsche ringsum bevölkert waren.

Er lag noch ein wenig in dem süß verträumten Behagen eines Menschen, der einem glücklichen Tag entgegensieht. Dann, als ein besonnener Deutscher, der sich nicht von der Flut treiben läßt, sondern seinen Zielen nachsteuert, beschloß er, höchstens bis an den Nachmittag in diesem Märchenschlosse zu verweilen.

So stand er fröhlich auf. Er hatte seine Toilette eben beendet, als an die Thür gepocht wurde.

Verzeihen Sie, sagte Rosa, die draußen stand, ich hörte, daß Sie aufgestanden waren. Die Gräfin hat befohlen, Ihnen das Frühstück zu bringen.

Sie trug ein großes, schneeweiß gedecktes Brett herein, auf welchem der Kaffee in einer schweren silbernen Kanne dampfte. Das stellte sie auf den Pfeilertisch, und während er zu frühstücken begann, machte sie sich im Zimmer zu schaffen, indem sie eine Vase, in welcher ein verblühter Rosenstrauß gestanden, mit frischen Blumen füllte. Sie fragte ihn, wie er geschlafen, ob das Bett ihm bequem gewesen sei, ob er etwa noch eine Eierspeise wünsche.

Nein, Rosa, sagte er. Ihr habt für Alles so trefflich gesorgt, es ist schön bei Euch, der Abschied wird mir schwer werden.

Abschied? rief sie und sah ihm mit ihren schwarzen Augen treuherzig ins Gesicht. Was redet Ihr von Abschied, Herr? Seid Ihr nicht eben erst gekommen?

Durch Zufall, Rosa, durch eine freundliche Gunst des Glücks, die ich aber nicht mißbrauchen darf. Wißt Ihr denn nicht, daß ich Eurer Herrschaft fremd bin?

Was thut das! Ihr seid ihnen willkommen. Der Herr Graf hat gleich heute früh nach Euch gefragt. Er kann es nicht erwarten, sagt mein Mann, bis Ihr ihm Eure Aufwartung macht. Denn, sagt Bernardo, vor dem er keine Geheimnisse hat, er will Euch das Buch zeigen, an dem er schon ein paar Jahre schreibt. Er sagt, Ihr wäret ein großer Gelehrter, ein Professorone – was weiß ich! – und es würde Euch interessiren, und Ihr bliebet dann hoffentlich viele Wochen, meint Bernardo. Die Gräfin aber …

Sie schwieg und machte sich mit einem unterdrückten Seufzer an ihrer Schürze zu schaffen.

Die Gräfin? Was ist mit ihr?

Je nun, Herr, Ihr habt es ja selbst gesehen, wie sie lebt, der arme Engel! Meint Ihr, daß diese Gesellschaft für sie gemacht ist, der Herr Pfarrer, der sich den Bauch vollschlägt und überall seinen Tabak herumstreut und zuweilen Witze macht, daß die Engel im Himmel sich die Ohren zuhalten? Oder dieser Nipotino, der die Augen immer am Boden herumkriechen läßt, diese Fuchsaugen, und wenn er sie zu meiner Gräfin aufschlägt, lodern sie wie zwei Brandraketen? Dann kommt noch dann und wann irgend ein Vetter oder Schwager unseres Herrn, alles angejahrte Leute, die sehr höflich und zuckersüß mit meiner Gräfin thun, aber Madonna mia! was soll sie mit ihnen reden? Sie sind nämlich aus Genua, die Sammartinos, und meine Gräfin kennt Niemand von ihrer ganzen Sippe und allen Bekannten und Freunden, so daß sie immer ganz stumm dabeisitzt, wenn so ein Besuch mit dem Grafen von den Dingen und Menschen dort plaudert. Ja, lieber Herr, man soll nicht einmal ein Pferd aus dem Nachbardorf sich anschaffen, geschweige eine Frau. Aber wer vermag etwas gegen den Willen des Himmels? Und daß der diese Heirath beschlossen hatte, das ist doch mit Händen zu greifen. Denn, sagen Sie selbst, wie wäre sonst der Graf nach dem kleinen Städtchen in der Mark Ancona gekommen, wo er Nichts zu suchen hatte, und hätte auf der Durchreise Halt machen müssen, weil seine Wunden wieder aufgebrochen waren, poveretto! Denn Sie wissen doch, daß er ein großer Held zur See gewesen ist und in der furchtbaren Schlacht bei Lissa, die für uns so traurig verloren ging – er war der Einzige, der den Feinden, den Oesterreichern, einen Vortheil abgewann, ein Schiff ihnen wegnahm oder in Grund bohrte – was weiß ich! – kurz, die Ehre des italienischen Namens rettete wie kein Anderer! Und theuer hat er seine Lorbeeren bezahlt, bei Gott! Denn eine feindliche Bombe nahm ihm beide Füße weg, hart an den Knöcheln, daß er jetzt sich nur mit Mühe und Schmerz auf den Stumpfen fortschleppt, und ich meine fast, so sanft es ihm thut, daß sie ihn zum Ehrenbürger seiner Vaterstadt gemacht und Gedichte auf ihn verfaßt haben, worin er als der Held von Lissa gepriesen wird – er gäbe all' die Glorie gerne hin, wenn er wieder auf zwei wackeren Füßen herumgehen könnte, statt nun zu sitzen Tag aus Tag ein, der arme Krüppel, und hat eine schöne junge Frau, die mutterseelenallein durch die Gotteswelt spazieren gehen muß!

Sie schöpfte ein wenig Athem nach dieser langen Rede, seufzte verstohlen und setzte sich ihm gegenüber aufs Bett, während er eine Cigarre anzündete und den Rest des Kaffees in seine Tasse goß.

Ja, lieber Herr, fuhr sie dann fort, das sind Schicksale! Wie es die Madonna giebt, so muß man's nehmen. Und meine Gigia – die Frau Gräfin will ich sagen – aber damals war sie's ja noch nicht genug, sie lebte mit ihren Eltern in dem kleinen Hause, wohin sie sich zurückgezogen hatten, da sie sich in Ancona nicht mehr halten konnten. Sie waren sehr wohlhabend gewesen, der Vater sollte sogar zum Podestà ernannt werden, da machte sein Bruder einen bösen Bankerott, und um die Ehre der Familie zu retten, gab Luigia's Vater fast Alles hin, was er besaß. Seitdem lebten sie, arm, aber ehrlich in dem kleinen Nest, von wo die Montecatinis ausgegangen waren, ehe sie nach Ancona übersiedelten. Die Tochter – das arme Ding – was half ihr nun ihre Schönheit und ihr guter Ruf und daß nie eine Klage über ihre Lippen kam! Die jungen Männer von heute, wissen Sie wohl – ein Esel mit einem goldenen Zaum gilt ihnen mehr, als ein Berberroß mit einem ledernen. Und so war sie einundzwanzig Jahre geworden und vertrauerte ihre schöne Jugend, und: Rosa, sagte sie mehr als einmal, ich will Nonne werden; die Welt ist nicht schön; wenn man wenigstens den Himmel erwerben kann –! – Was redest du nur, Gigina mia! schalt ich sie. Warte nur, mein Herzblatt, der Rechte wird schon kommen. Und wirklich, er kam – aber ob es der Rechte für sie war …

Sie wenigstens glaubte es, da er um sie warb. Als er bei uns im Ort liegen bleiben und einen Arzt aus Ancona kommen lassen mußte, hatte man ihm das Haus Montecatini empfohlen, welches wie ein Palast war, obzwar nur wenig Zimmer eingerichtet. Und da lag er drei, vier Wochen und curirte an seinen armen Beinstumpfen herum; und Luigia's Eltern waren wie im Himmel von wegen der Ehre, daß der Held von Lissa, der große, reiche Herr Graf, unter ihrem geringen Dache sich's gefallen ließ. Und als er um Luigia's Hand anhielt, schien es ihnen wie eine Gnade Gottes, und nur das fürchtete die Mutter, daß Gigia eine Thörin sein und die glänzende Heirath ausschlagen möchte, weil sie sich einen Jüngern in den Kopf gesetzt, mit gesunden Beinen. Das gute, stolze Geschöpf aber, wenn es auch nicht eben zum Jauchzen Lust hatte – keinen Augenblick besann es sich, und so wurde aus meiner Gigina, die ich auf den Armen getragen, die Gräfin Luigia di Sammartino, zu der ich aber doch nicht »Sie« sagen konnte – das sagte ich ihr, als ich ihr folgen sollte; denn sie hatte sich's ausbedungen bei ihrem Gemahl, daß sie mich niemals von sich lassen müsse.

Und wie finge ich es auch an, ohne sie zu leben, obwohl mir oft das Herz weh thut, wenn ich sehen muß, daß sie nicht so glücklich ist, wie sie's verdiente?

Sie schwieg wieder eine Weile und schien zu warten, daß er sie etwas fragen sollte. Er brauchte aber nicht erst von diesem guten, geschwätzigen Weibe zu erfahren, warum ihre Herrin nicht glücklich war. Im Geist sah er sie wieder, wie sie gestern Abend ihm gegenübergesessen und mit einem bittern Zug um die Lippen gesagt hatte: Ein Paradies! Glauben Sie, daß es auch im Paradies solche Gesichter giebt? Und nebenan das Lachen des dicken Pfarrers und die dröhnende Stimme des weißhaarigen Seelöwen!

Unwillkürlich seufzte er und sah düster in die blühende Landschaft hinaus. Die Frau aber, als hätte sie die Gedanken hinter seiner Stirn entziffert, fuhr eifrig fort:

Nein, Herr, das dürfen Sie nicht glauben. Er behandelt sie immer gut, obwohl sie schon neun Jahre seine Frau ist, noch immer betet er sie an und läge auf den Knieen vor ihr, wenn er mit seinen armen verstümmelten Beinen einen Fußfall zu Stande brächte, der Aermste! Aber was wollt Ihr, Herr? Es ist doch wider die Natur, und was sie sich vorgespiegelt hat, daß es eine Freude und Ehre sein würde, einen Mann glücklich zu machen, der für Italien so viel gethan, und der auch ihre Eltern wieder zu Ehren brächte nach der Schande, in die sie der Oheim gestürzt – ach, Herr, so ein junges Herz und ein stolzer junger Leib und die langen einsamen Jahre! Denn zuerst hat er uns auf ein Gut gebracht an der Riviera, da bekamen wir noch oft Besuch von seinen Leuten aus Genua, und sie machten meiner Gigia den Hof, und es waren Dichter darunter, die besangen ihre Schönheit, und so ging es leidlich die ersten Jahre, fünf oder sechs. Auf einmal aber – ohne allen Grund, denn meine Gigina ließ sich nicht das Geringste zu Schulden kommen – der Graf aber faßte einen Argwohn gegen einen jungen Neffen, der sterblich in die neue Tante verliebt war, und da war kein Halten mehr, wir zogen fort und hieher, wo wir ganz fremd waren, und sitzen nun hier über drei Jahre, und wenn sie auch herumgehen kann wie eine Freie, sie ist doch wie im Gefängniß, die arme Seele. Denn was hat sie von ihrer Jugend und Schönheit und dem Reichthum und der Vornehmheit? Sie beklagt sich nie, aber ich weiß, was mein armes Kind in seinem Herzen verbirgt. Die Madonna steh' ihr bei! Und ich meine, sie hat mein Bitten und Flehen, daß sie meiner Gigina das Leben erleichtern wolle, schon erhört. Hat sie nicht Euch hergeführt, so ganz unerwartet und wie durch ein Wunder? Ihr müßt wissen, ich merkte es auf der Stelle, daß Ihr meiner armen Herrin sympathisch seid, das könnt Ihr mir glauben. Was dünkt Euch von dem Fremden, Frau? fragt' ich sie gestern. Daß er ein guter Mensch ist, antwortete sie, besser als all die Anderen hier. Seht, das sagte sie und sah dabei ganz still und froh vor sich hin. Und darum mein' ich, daß es sündhaft wäre, wenn Ihr so bald wieder fortginget, statt meiner Gigia ein wenig die Zeit zu vertreiben und zu beweisen, daß Ihr so gut seid, wie sie Euch glaubt. Begreift Ihr das nicht? Und kann es Euch an irgend einem Ort besser gefallen als hier, wo man Euch auf Händen tragen wird und Nichts dafür verlangt, als daß Ihr eine arme, schöne, betrübte Creatur einmal wieder lächeln oder gar lachen lehren sollt?

In immer wundersamerer Erregung hatte er der hastigen Beichte gelauscht, die der welke Mund der Alten hervorsprudelte. Zu antworten aber wurde ihm erspart. Denn die Thür ging leise auf, und ebenso leise, da er auf Hausschuhen wandelte, trat Bernardo herein. Er warf einen kalten, argwöhnischen Blick auf seine Frau, die sichtbar verlegen in die Höhe gefahren war und sich mit dem Frühstücksgeschirr zu schaffen machte.

Der Herr Graf lasse dem Herrn Doctor einen guten Morgen wünschen, und es würde ihm angenehm sein, seinen Besuch zu empfangen.

Ich komme sogleich, erwiderte der junge Mann. Er hätte sich gern noch ein wenig im Freien umgetrieben, der Kopf brannte ihm von Allem, was er vernommen hatte. Doch sah er ein, daß er nicht zögern dürfe, den Wunsch seines Gastfreundes zu erfüllen. Der Diener führte ihn die Treppe hinab und durch den leeren Vorsaal, wo er zu Nacht gegessen, in einen langen Corridor, der hinter den Zimmern hinlief. Die hohen Fenster gingen nach derselben Seite wie die seinen droben, sie waren jetzt der Morgenlust geöffnet, und eine Schwalbe, die oben im Gebälk des Ganges ihr Nest hatte, flog zwitschernd aus und ein. Ganz hinten öffnete sich eine schmale Thür, durch die der Diener voranschritt. Hier, in einem engen Eckzimmerchen, sah es fast wie in einer Schiffskajüte aus, die Wände waren mit Land- und Seekarten bedeckt, das Modell eines Kanonenbootes stand auf einem niedrigen Postament, Flaggen und rostige Waffen bildeten eine Trophäe in der einen Ecke, mit verstaubten Palmzweigen und Lorbeerkränzen zu einer malerischen Decoration vereinigt. Der Gast hatte aber nicht Zeit, dies Alles näher zu betrachten; denn schon hatte Bernardo an die kleine Thür zu dem nächsten Zimmer gepocht und auf das kräftige Herein!, das von innen erscholl, das Pförtchen geöffnet, um den Fremden eintreten zu lassen.

*

Auch dieses Gemach war eng und hoch, und seine zwei Fenster gingen nach verschiedenen Seiten, das eine nach der Campagna und dem fernen Rom, das andere nach den mächtigen Steineichen, die ehrwürdig dunkel wie ein Tempelhain den Platz vor dem Hause überschatteten. Hier saß der Graf in dem sammtenen Hausrock von gestern Abend, ein rothes Fez auf den weißen Hinterkopf geschoben, rechts und links an den Armsessel gelehnt sein Stock und die lange Pfeife, die Füße fest umwickelt unter den Tisch gestreckt, auf welchem Bücher, Schreibgeräth und neben einer großen Handglocke eine Kanonenkugel lag, die hier das friedliche Amt eines Briefbeschwerers versah.

Als Eberhard eintrat, sah das alte Gesicht, das frisch rasirt und sauber gewaschen aus dem weiten Hemdkragen sich erhob, mit einem jovialen Lächeln dem jungen Deutschen entgegen. Die braune, behaarte Hand ließ die Feder fallen und streckte sich nach dem Besucher aus.

Ich incomodire Euch schon so früh, Signor Dottore, rief der alte Herr, aber Ihr müßt meiner Neugier und Ungeduld, Euch näher kennen zu lernen, etwas zu Gute halten. In Zukunft sollt Ihr ganz freier Herr Eurer Zeit sein und meine Kabine nur betreten, si le coeur vous en dit. Einen Stuhl, Bernardo, für den Herrn Doctor, und dann trolle dich! So, mein Lieber, nun wollen wir quattro ciarle machen. Wenn Ihr glaubt, daß Ihr Euch ungestraft in die Schußweite meiner Batterieen begeben habt, so irrt Ihr gewaltig. Was ich einmal gecapert habe, gebe ich nicht gutwillig wieder frei, außer gegen anständiges Lösegeld, haha! Ihr meint so einem Krüppel, der nicht flink auf den Beinen sei, wäre leicht zu entwischen. Aber Ihr werdet Euch wundern, Bernardo hält draußen Wache. Ergebt Euch lieber auf Gnade oder Ungnade, eh' Ihr es zu einem Gefecht kommen laßt, in welchem Ihr den Kürzern ziehen möchtet.

Wieder lachte er über seine wilden Späße, zog den Kasten seines Schreibtisches heraus und griff nach einem Revolver, der dort unter Briefen und Scripturen lag.

Seht, Dottore, zu so winzigem Kaliber bin ich jetzt verdammt. Aber Hand und Auge sind noch sicher, trotz meiner dreiundsechzig, und damit sie nicht aus der Uebung kommen, tretet einmal hier neben mich ans Fenster. Was seht Ihr da unten?

Der junge Mann beugte sich über das Gesims und sah in eine jähe Tiefe hinab, die durch das Zurücktreten des langen Seitenflügels hinter den Mittelbau und die Mauer, die von diesem aus sich vorn bis an die Grenze des Grundstückes zog, gebildet wurde, den Bärenzwingern ähnlich, die hinter dem Burgwall mittelalterlicher Schlösser ein Stockwerk tief aus dem Felsen gehauen wurden. In diesen helldunklen Schacht gingen die rundbogigen Fenster der Kellerräume und anderer unterirdischer Gemächer hinaus, und eine kühle Moderluft stieg aus der weiten Tiefe herauf. Dennoch war der Abgrund nicht unheimlich anzuschauen. Allerlei Grün rankte sich auch aus den lichtlosen Winkeln die Mauer hinan, und eine Brut großer Kaninchen schien sich's dazwischen wohl sein zu lassen. Einige hockten neben den Kohlhäufchen, die ihnen reichlich genug hingeworfen waren, andere, schon satt, lagen faul auf der Seite und streckten alle vier Beinchen von sich.

Da fiel plötzlich ein Schuß, dicht neben Eberhard's Kopf blitzte der Funke auf, eines der arglosen Thierchen unten wand sich zuckend auf dem grünen Futterberge. Der bestürzte Späher aber hörte neben sich das behagliche Lachen des Alten.

Ihr seht, sagte er, für die niedere Jagd reichen meine Kräfte und meine Geschicklichkeit noch aus. Ich pflege mir auf die Art den Braten für die Colazione zu schießen, denn es geht Nichts über Kaninchenfleisch, wenn Wachteln nicht zu haben sind. Seht, da kommt schon der Koch und trägt die heutige Jagdbeute in die Küche. Aber lassen wir jetzt diese Kindereien. Ich habe Euch von ernsthafteren Dingen zu reden.

Er wischte den Revolver mit seinem seidenen Tuch sorgfältig ab und legte ihn dann wieder in die Schublade. Dabei hatte er sich mit Anstrengung ein wenig erhoben und ließ sich nun mit einem leisen Stöhnen wieder in den Armsessel fallen.

Ihr betrachtet die Kugel auf meinem Tisch? Der verdank' ich's, daß ich in meinen besten Jahren aus dem Buch der Lebendigen ausgestrichen bin. Ob es wirklich die richtige, authentische Missethäterin ist, mag Gott wissen. Vielleicht hat mein Steuermann, der sich ein gutes Trinkgeld dadurch zu verdienen hoffte, die erste beste Kugel untergeschoben. Was liegt daran!

Das Unglück ist geschehen, man muß sehen, wie die Engländer sagen, to make the best of it. Nun begreifen Sie, lieber Herr Doctor, daß für einen ehemaligen Seemann, der schon die ersten Stufen auf der Admiralsleiter hinter sich hatte, ein Rollstuhl selbst in einem Königsschloß nicht viel besser als eine Folterbank wäre, denn der Tag ist lang, und selbst die Nacht – wenn man noch so glücklich verheirathet ist …

Er sah seinem Gast mit einem scharfen Blick ins Gesicht, als ob er erforschen wolle, ob derselbe an diesem Glück zweifle. Eberhard blickte, ohne eine Miene zu verziehen, auf die schwarze Kugel.

Um es kurz zu machen, fuhr der Graf fort, ich habe beschlossen, die Geschichte meiner Fahrten und Abenteuer zur See zu beschreiben. Wenn man keine Heldenthaten mehr vollbringen kann, nützt man, denk' ich, dem Vaterland und dem jungen Geschlecht noch immer ein wenig, indem man einen wahrhaftigen Bericht hinterläßt von allem Rühmlichen, was man mit angesehen, zumal, wenn man sich sagen kann: Horum pars magna fuisti! Seit fünf oder sechs Jahren hab' ich mich also an das beschwerliche Geschäft gemacht und schon einen schönen Haufen Papier verkritzelt, anfangs mit saurem Schweiß. Sudate carte, wie Leopardi sagt. Denn obwohl ich eine gute Erziehung genossen habe – daß ich einmal ein Federheld werden sollte, wurde mir nicht an der Wiege gesungen. Seit einiger Zeit geht es mir besser von der Hand. Ich habe mich in den Tacitus hineingelesen, der mir weit mehr zusagt als Sallustius – er wies auf einige Bücher, die aufgeschlagen neben dem großen Schreibzeug lagen. Aber Sie begreifen, Herr Doctor, noch immer bin ich nicht ganz sicher, ob ich einen lesbaren Stil habe, einen, der sich neben unseren großen Historikern Macchiavelli, Guicciardini, Muratori, bis auf den braven d'Azeglio herab nicht ganz mit Unehren sehen lassen könnte. Hierüber kann ich von meinen Bekannten nichts Sicheres erfahren. Sie schmeicheln mir alle, wie sie's dem Löwen von Caprera gethan haben, der sich mit seinen Romanen sonst nicht so heillos compromittirt haben würde. Ihr, mein theurer Doctor, seid ein Gelehrter und obendrein ein Deutscher, von jener Nation, unter der ich die meisten redlichen Leute und Galantuomini gefunden habe. Darum war es längst mein Wunsch, mein Manuscript einem deutschen Professor vorzulegen, wenn einer sich in diese Berge verirrte, und es war ein glücklicher Gedanke meiner Frau, Euch zu uns einzuladen, obwohl sie von der heimlichen Absicht, die ich hegte, keine Ahnung hatte. Frauen verstehen Nichts von der Literatur, und die meine … Basta! Habt die Güte und öffnet dort das Schränkchen. Da werdet Ihr den Schatz mit Augen sehen, den der Krüppel und Bettler Sammartino im Stillen angesammelt hat.

Eberhard that, wie ihm geheißen war. In einem offenen Fach eines alten Schreines aus Ebenholz mit kunstreichen Elfenbein-Intarsien und silbernem Zierath an den Ecken sah er einen hohen Stoß beschriebener Hefte übereinandergeschichtet und erschrak bei dem bloßen Gedanken, in unfreiwilliger Hast dazu verurtheilt zu sein, dies Riesenmanuscript durchzulesen.

Der Alte schien sich an seinem Entsetzen zu weiden.

Nein, sagte er in sich hinein lachend, da Ihr keine Todsünde begangen habt, wie ich auf Euer ehrliches Gesicht hin glaube, sollt Ihr nicht die Höllenstrafe erleiden, das ganze Gekritzel hinunterzuwürgen. Ich möcht' Euch nur bitten, daß Ihr das erste und letzte Heft ein wenig mustert, um mir zu sagen, ob ich den Ton getroffen, in dem man von sich selbst und seinen Nebenmenschen reden soll. Ihr seid des Italienischen gerade genug mächtig, um mir diesen Gefallen zu thun, zumal es sich nicht um schönen Stil handelt, sondern um die Gedanken und Sachen, und wie Ihr wißt: c'est le ton, qui fait la musique. Seht es als ein Almosen an, das Ihr dem armen Krüppel an der Kirchenpforte hinwerft. Der Himmel, dessen Gnade Ihr als ein Ketzer besonders nöthig habt, wird es Euch vergelten.

Es war so viel Herzlichkeit in dem Ton seiner Stimme, und die feurigen Augen blitzten dabei so vergnügt unter den schwarzen Brauen, daß Eberhard eine abschlägige Antwort nicht übers Herz bringen konnte.

Ich will gerne thun, was ich kann, Herr Graf, und so viel ich kann, in zwei, höchstens drei Tagen, die ich mir unter Eurem gastlichen Dache gönnen darf. Aber legt auf mein Urtheil kein Gewicht, das nur das Verdienst haben kann, ehrlich meinen Eindruck auszusprechen. Ueber Schriftwerke kann zuletzt doch nur Der urtheilen, in dessen Muttersprache sie verfaßt sind.

Possen! rief der Alte, ihm die Hand drückend. Ich kenne die bescheidenen Herren Deutschen. Euer Votum wird mir von größtem Werth sein, wenn ich auch diese Schmierereien nicht gleich ins Feuer zu werfen verspreche, falls sie Euch langweilen. Einstweilen habt tausend Dank und laßt Euch alle Zeit. Ihr müßt durchaus einen Spaziergang machen, so lang es noch morgendlich kühl ist. Auf Wiedersehen bei der Colazione!

*

In der seltsamsten Stimmung durchschritt der junge Deutsche den langen Corridor und stieg zu seinem Zimmer hinauf. Nach Allem, was er gestern Abend mit angesehen und heute von der Alten vernommen hatte, fühlte er eine dumpfe Abneigung gegen den herrischen Mann, der die schöne Frau hier in der öden Gefangenschaft ihre Jugend vertrauern ließ. Und doch hatte der trotzige Gleichmuth, mit welchem der aufs trockene Land verschlagene grimmige Seelöwe sich in seiner Höhle eingerichtet und auf ein Beschwichtigungswerk für die langen müßigen Tage gesonnen hatte, einen heroischen Zug, dem man seine Achtung nicht versagen konnte. Dazu kam der Ton biederer, antiker Gastfreundlichkeit und jenes Mitleid, das jeder wohlgeschaffene Mensch empfindet, wenn er auf zwei rüstigen Füßen an einem Invaliden, der der Krücken bedarf, vorüberwandelt.

Und doch – Eberhard zürnte mit sich selbst, daß er sich zur Durchsicht der Hefte hatte bereit finden lassen. Ihm schien die Luft in diesem Hause nicht geheuer, sein Herz schlug einen raschern Schlag, wenn er daran dachte, daß er der Gräfin wieder begegnen solle; denn er war trotz seiner geringen Erfahrung mit Frauen vom ersten Augenblick an überzeugt gewesen, daß es eine Lebensgefahr sein mußte, sich diesem schönen, geheimnißvoll anziehenden Geschöpf gegenüber nur um einen Schritt über die Grenze der gemessensten Höflichkeit hinaus zu wagen.

Aergerlich warf er das Manuskript auf den Pfeilertisch, daß einige Blätter auf den Boden fielen. Während er sie aufhob, warf er doch einen Blick hinein und las stehend eine halbe Seite, dann die ganze folgende und noch ein Stück der dritten bis zum Schluß eines Kapitels.

Non c'è male! sagte er lächelnd vor sich hin. Der alte Schüler hat sein Tacituspensum ganz löblich absolvirt. Was aber kümmert mich der ganze Kram? Ich wollt', ich wäre hundert Meilen weit und hätte mich nie in die Höhle des Löwen locken lassen, damit er mich wie ein Hündlein zum Spielkameraden benützt, bis er mir doch einmal einen Schlag mit der Tatze giebt, wenn er mich über einem Blick nach seiner Löwin ertappt.

Er beschloß, nur heute noch zu bleiben, wurde über diesen heldenmüthigen Fluchtgedanken ganz vergnügt und eilte ins Freie, nachdem er ein Skizzenbuch zu sich gesteckt hatte. Als er aus der Halle in die volle Morgensonne hinaustrat, erblickte er die Gräfin, die in der Schattenkühle der hohen Eichen wandelte. Er konnte nicht umhin, sich zu ihr zu begeben und zu fragen, wie sie geruht habe.

Nicht so gut wie sonst, versetzte sie. Sie habe Sultano noch so lange winseln hören. Auch hätten die Nachtigallen so heftig geschlagen, daß sie endlich das Fenster habe schließen müssen. Ob es in Deutschland auch Nachtigallen gäbe?

Nicht so viele wie hier, versetzte er, und ihr Gesang klingt ein wenig anders, schüchterner, sanfter, sentimentaler, man könnte sagen: geistlicher, während die hiesigen ein leidenschaftlich weltliches Concert aufführen. Es sei etwa der Unterschied wie zwischen deutscher und italienischer Kirchenmusik.

Er that sich auf diese feine Bemerkung heimlich etwas zu Gute. Doch schien die Gräfin ihn kaum recht verstanden, ja wohl gar nicht zugehört zu haben, ganz versenkt in eigene Gedanken, die nicht heiter sein konnten. Wenigstens irrten ihre Augen ziellos unter den niedrigen Aesten der alten Bäume hin. Doch erschienen ihm ihr Gesicht und ihre Gestalt heute noch viel schöner, auch jünger und mädchenhafter als gestern. So groß sie war, erinnerte ihr Wuchs doch nicht an den mächtigen Bau der Römerinnen, ihren Karyatidennacken und die stolz gewölbte Büste. Zarte, schlanke Arme hatte sie über einer Brust gekreuzt, die sich eben erst entfaltet zu haben schien, und der leicht gesenkte Kopf erhob sich auf einem blassen Halse wie eine noch nicht voll aufgeblühte Wasserlilie auf ihrem Stengel. Auch heute sah er sie nicht lächeln. Aber ihre Lippen waren nicht so fest geschlossen wie gestern, sondern halb geöffnet, wie wenn ihr das Athmen schwer würde, so daß ein Streifchen der obern Zahnreihe durchschimmerte.

Sie zeichnen? sagte sie nach einer Pause, während sie neben ihm unter den Bäumen hingeschritten war. Was wollen Sie hier aufnehmen?

Er hätte am liebsten erwidert: dein reizendes Gesicht, doch hielt er sich zurück und sagte, daß er die große Villa seinem Fenster gegenüber, mit den beiden Säulen auf der Terrasse gern mit ein paar Strichen skizziren möchte.

Villa Mondragone, sagte sie. Sie haben Recht, sie ist nächst unserer Falconieri die schönste. Jetzt ist ein Convict von Jesuitenzöglingen darin. Es sollte sie nur ein Fürst bewohnen. Aber kommen Sie, ich führe Sie zu einem Platz, wo sie den besten Anblick haben.

Sie ging ihm voran, wieder durch den kleinen Hof, wo Sultano's Lager war, der aber ohne Liebkosung sich behelfen mußte, dann nach der Rückseite des Gebäudes, an welcher ein wohlbestellter Gemüsegarten mit frisch begossenen Salat-, Kohl- und Artischockenbeeten sich hinzog. Hier waren Gärtnerburschen beschäftigt, die Reben aufzubinden, die zwischen einzelnen Fruchtbäumchen sich hinrankten, andere stachen junge Gemüse aus und beluden damit ein Maulthier, der Pächter stand zwischen den Beeten, seine Arbeiter überwachend, und zog den Strohhut, als die Gräfin sich näherte. Sie nickte ihm nachlässig zu und führte ihren Gast an den Rand des Grundstückes, wo man über eine niedrige Brustwehr auf die Olivenhalden und Nachbargärten hinab und darüber hinaus nach dem Hügel blicken konnte, auf welchem der mächtige Bau der Mondragone sich erhob. Zwischen zwei Marmorpilastern, die frei in die Lust ragten, stand hier ein antiker Vertumnus, der sein Gewand wie eine Schürze aufgehoben und mit Blumen und Früchten gefüllt hatte, so daß die Beine wunderlich entblößt erschienen. Im Schatten dieses Gartenhüters ließ Eberhard sich auf einen Schemel nieder, der wie für ihn bestellt am richtigen Fleck stand. Während er dann fleißig in sein Büchlein strichelte, ging die Herrin mit ihren gelassenen Schritten zwischen den Gartenbeeten hin und wieder, immer die Arme übereinandergeschlagen, den Kopf weder mit einem Hut noch Schirm gegen die höher steigende Sonne geschützt. Von Zeit zu Zeit trat sie hinter ihn und sah ihm ein Weilchen zu.

Zeichnen Sie auch, Gräfin? fragte er.

Sie habe es gethan, da sie noch Mädchen gewesen, doch nur Blumen, und es habe ihr Freude gemacht. Der Graf aber – sie nannte ihn immer so, nie ihren Mann – habe die Achseln gezuckt über ihre Pfuschereien. Auch die Musik habe sie liegen lassen, da sie auf dem Lande, wo sie gelebt, keinen guten Unterricht bekommen könne – und doch, ich hatte eine schöne Stimme, und es war mir, wie wenn ich mich in einen Rausch hineinsänge, so oft ich gewisse Lieder und Arien sang. Man hört sein eigenes Herz klingen und lernt es gleichsam kennen und verstehen beim Singen, wie man sein Gesicht kennen lernt, wenn man in den Spiegel blickt. Ist es nicht so?

Er nickte, von ihrer eigenartigen Bemerkung überrascht. Sie hat doch auch Geist, dachte er bei sich.

Lesen Sie viel, Gräfin? fragte er, ohne sie anzusehen.

Ich möchte wohl, erwiderte sie schwermüthig, der Graf aber liebt es nicht. Es sei so viel Gift in den Büchern, und die gesunden und ernsthaften verständen die Frauen nicht. Er hat es am liebsten, wenn ich Handarbeiten mache, ein Meßgewand sticke oder auch nur spinne – was doch thöricht ist, da wir nicht wie die Frauen vom Lande das Geld für die Leinwand zu scheuen haben. Er will mich eben nur so wie eine Zierpflanze im Garten sehen, mit dem einzigen Unterschied, daß ich nicht in die Erde gepflanzt bin. Bei Euch zu Hause, Sor Everardo, gehen die Frauen wohl nicht so müßig?

Sie sind freilich auch nicht dazu angethan, um als bloße Zierpflanzen ihren Platz auszufüllen, nur höchst selten wenigstens.

Er bereute das Wort, da es ihm kaum entschlüpft war. Er wollte Alles vermeiden, was als eine Huldigung gegen ihre Schönheit erscheinen konnte. Doch beruhigte er sich, da er nicht einen Zug auf ihrem Gesichte sah, der geschmeichelte Eitelkeit verrathen hätte.

Sie müssen mir von dem Leben in Ihrer Heimath erzählen, sagte sie, von Ihrer Mutter und Schwester und Ihrer Geliebten. Ich denke, daß Sie gern wieder nach Hause zurückkehren werden. Bei uns ist es so eintönig und nicht heiter. Ich begreife nicht, daß man Italien so preis't, und daß die Deutschen so gern zu uns kommen. Aber vielleicht ist es nur, weil es bei Euch so kalt ist.

Er mußte lächeln, da er sah, daß sie dieselben abenteuerlichen Vorstellungen von dem ewigen Winter jenseits der Alpen hatte, wie die geringste Bäuerin.

Nun erzählte er ihr dies und das von seiner Heimath, daß seine Mutter und Schwester am Rhein lebten, der Vater aber schon gestorben sei, und daß er keine Geliebte habe, wobei sie ihn ein wenig ungläubig von der Seite ansah. Sie hatte sich auf das Fragment einer Marmorsäule gesetzt, das, halb von Epheu umsponnen, neben der Brustwehr lag. Die schönen schlanken Finger um das Knie gefaltet, saß sie mit vorgeneigten Schultern da und heftete die großen Augen in kindlicher Neugier auf seinen Mund. Ringsum webte eine goldene Mittagsglut, die Nachtigallen waren verstummt, nur der Kuckuck rief aus dem Wald herüber, und unten in den Gärten schrieen die Pfauen.

So verging die Zeit, ihnen Beiden unbewußt. Da hörten sie plötzlich weiche, schleichende Schritte über dem Sande des Gartenweges, der schwarzbärtige Bernardo näherte sich in ehrerbietiger Haltung und meldete, das Frühstück sei aufgetragen.

*

Sie fanden den Grafen schon vollständig installirt an dem sauber gedeckten Tischchen, das aber nicht im Speisesaal stand, sondern, da sie sonst zur Colazione keine Gäste hatten, im Salon unter dem venetianischen Kronleuchter. Er hatte die Serviette unter das Kinn gesteckt und wetzte eben ein großes Messer, als seine Frau mit dem Gast erschien. Augenscheinlich in bester Laune nickte er den Beiden zu, küßte der Gräfin die Hand und bestand darauf, sofort das Zeichenbüchlein zu betrachten, zumal der Risotto immer so heiß aufgetragen werde, daß man sich die Zunge verbrenne.

Cospetto, Dottore, rief er, Ihr seid ja ein ganzer Künstler. Wenn das Euer Nebentalent ist, müßt Ihr als Gelehrter ein Weltwunder sein. Und da ist ja auch schon die Mondragone. Ihr habt Euch wahrlich gesputet.

Da ich morgen schon fort muß, habe ich freilich keine Zeit zu verlieren.

Morgen schon? Possen! Habe ich Euch nicht gesagt, daß ich Euch todt oder lebendig bei mir behalten werde, bis Ihr mir den bewußten Dienst geleistet?

Er erwiderte, daß es dazu nicht vieler Tage bedürfe. Er habe schon einen Blick in das Manuskript geworfen und sich an dem trefflichen, gedrungenen Stil und der energischen Anschaulichkeit wahrhaft erbaut. Ueber die Sachen zu urtheilen, stehe ihm nicht zu, da habe er nur zu lernen.

Der Alte maß ihn mit einem argwöhnischen Blick.

Chè, chè! sagte er. Ihr wollt mir ausweichen. Ihr sollt aber erkennen, daß ich nicht mit mir spaßen lasse. Jedenfalls das Hauptstück, die Schlacht bei Lissa, müßt Ihr noch kennen lernen, und zwar werde ich selbst sie Euch vorlesen, damit Ihr mich nicht hintergehen und hernach mit ein paar Complimenten Euch aus der Affaire ziehen könnt. Ich wiederhole Euch, es ist mir um Wahrheit zu thun; zumal wo ich mich selbst zu rühmen habe, möchte ich nicht als ein koketter Hansnarr erscheinen, sondern den Mund nicht voller nehmen als Cäsar in seinem gallischen Krieg. Doch nun genug von diesen Dummheiten. – Biete unserem Freund von meinem Kaninchen an, Gigina, wenn er es nicht verschmäht, dieses zahme Wild verspeisen zu helfen. – Und was haben Sie für den Nachmittag vor? Sie sollten eine Fahrt nach Monte Porzio und Monte Compatri machen. Die Sabina präsentirt sich heut gerade im besten Licht.

Ich hatte mir gedacht, den Herrn Doktor nach Tusculum zu führen, versetzte die Frau. Da er ein Gelehrter ist, werden die Ruinen ihm interessanter sein als die alten Räubernester.

Respect vor dem Schatten des Marcus Porcius Cato, der in Monte Porzio spukt! rief der Graf mit behaglichem Lachen. Wer weiß, was der alte Herr unserm jungen Professor für Enthüllungen zu machen hat. Aber wie du willst, Gigina. Tusculum ist auch nicht zu verachten, und jedenfalls, wenn ihr der Hitze wegen nicht zu früh wegreiten wollt …

Ich möchte lieber zu Fuß gehen, Carlo, und der Doktor ist an große Märsche gewöhnt.

Der Graf warf ihr einen scharfen, gebieterischen Blick zu, unter dessen heftigem Glanz ihre Augen sich senkten.

Du mußt deine Brust schonen, Gigia, sagte er in einem trockenen Ton, der keine Widerrede duldete. Du weißt, daß du das Letztemal ganz erhitzt oben ankamst und dann lange mit dem Husten zu thun hattest. Um vier Uhr soll der Junge mit dem Esel unten bereit sein. Wenn der Herr Doktor lieber zu Fuß geht – er ist sein eigener Herr. Dein Herr aber bin ich und bin verpflichtet, dich vor deinen eigenen Thorheiten zu schützen.

Eberhard warf einen raschen Blick auf die Gräfin und sah, daß ihr bleiches Gesicht von einer plötzlichen Glut überflammt wurde. Eines Wortes der Rosa sich erinnernd, verstand auch er, was der verborgene Sinn der fürsorglichen Worte ihres Gatten war. Der Fremde sollte nicht die langen Stunden mit der schönen Frau allein bleiben, wenigstens ein Eseljunge mußte ihren Hüter machen.

Sie stand auf, sagte aber kein Wort und verließ das Zimmer. Auch der Graf erhob sich; zum erstenmal sah der Gast, wie er, auf seinen Stock gestützt, mit dem festen Pfeifenrohr das Gleichgewicht unterstützend, unbehülflich, aber aufrecht und tapfer über den Teppich hinstapfte, um sich auf ein Ruhebett zu werfen, das vor dem Kamin stand.

Ich rathe Ihnen, Doctor, auch eine kleine Siesta zu halten, rief er, die braune Hand gegen ihn schwenkend. Wenn Sie wirklich die steilen Pfade nach dem alten Trümmernest hinaufklettern wollen, haben Sie frische Kräfte nöthig. Ich schicke Ihnen durch Bernardo erst noch ein Kupferwerk über Tusculum, das Sie vielleicht schon kennen; doch kann eine kleine Repetition Ihrer Studien nicht schaden.

*

Etliche Stunden später hielt ein kräftiger brauner Esel, den ein fünfzehnjähriger Junge am Halfter geführt hatte, unten vor der Halle der Villa, aus der die Gräfin in einem enganschließenden kurzen Reitkleide heraustrat, von Eberhard begleitet. Er dachte, ihr in den Sattel zu helfen, der Knabe aber kam ihm zuvor.

Aus dem Fenster des Salons grüßte der weißhaarige Kopf des Grafen zutraulich herunter, und seine kräftige Stimme rief ihnen ein »Buone passeggiata!« zu. Dann setzte sich die kleine Cavalkade in Bewegung.

Es ging langsam durch die Oliven- und Kastanienhalden hinauf, schöne, dicht umbuschte Waldpfade, wo der Ginster in mannshohen Sträuchern seine gelben Blüten vor ihnen neigte und zwischen Thymian und Jelängerjelieber hin und wieder die Wiesen von Vergißmeinnicht und wilden Maiblumen hell gefärbt erschienen. Sie ritt einige Schritte voran, hielt aber von Zeit zu Zeit, wenn zwischen Bäumen ein Durchblick sich öffnete auf die Falconieri-Pinien oder eine der Nachbarvillen. Dabei wechselten sie kaum ein Wort. Als sie ihn aber einmal darauf ertappte, daß er nicht nach der Gegend sah, nach welcher ihr Finger deutete, sondern zerstreut die kleine Hand betrachtete und den schlanken Arm und den Umriß ihres Kopfes und Nackens gegen den Hintergrund des immergrünen Laubes, wurde ihr ruhiges Gesicht von einem Schatten überflogen. Sie trieb das Thier mit einem lauten Zuruf an und setzte nun den Weg ohne neuen Aufenthalt fort.

Bis sie auf eine freiere Stelle hinauskamen, wo zum erstenmal der Blick frei wurde über die andere Seite des Gebirges, gen Westen. Sie rief ihn jetzt heran und zeigte ihm den Monte Cavo, zu seinen Füßen Rocca di Papa, nach rechts hin Castel Gandolfo, in reizendem Umriß auf seiner Anhöhe hingelagert, und deutlicher erkennbar in der Tiefe zu ihren Füßen die Häuser und Zinnen von Grottaferrata. Die Luft war so rein und still, wie sonst nur in den Herbsttagen; man konnte eine Meile weit den Gesang eines Bauern hören, der, kaum sichtbar, drüben zwischen den Oliveten hinritt.

Herrlich! sagte Eberhard. Wie dank' ich Ihnen, daß Sie mir diesen Blick gegönnt haben. Ich meine, von keiner andern Stelle aus könne es erhabener und lieblicher zugleich sich ausnehmen.

Er wußte wohl, daß ihn das Alles nicht so bezaubert haben würde, wenn das schöne Gesicht unter dem braunen Strohhut sich nicht darüber hingeneigt hätte. Doch hütete er sich, dergleichen auszusprechen.

Er sah, wie ein Seufzer ihre Brust schwellte und ihre Augen sich zu den Wipfeln des Pinienwäldchens erhoben, das hier auf eine übergras'te Klippe des Berges vortrat. Dann gab sie mit einem blühenden Zweig, den der Knabe ihr als Gerte abgerissen, dem hungrig die saftigen Kräuter abweidenden Thier einen leichten Schlag und ritt, ohne auf seinen entzückten Ausruf zu antworten, langsam ihres Weges weiter.

Noch eine halbe Stunde, und die ersten Mauerreste des alten Tusculum starrten aus hoher Ueberwucherung von Blumen und Buschwerk ihnen entgegen. Hier ließ es sich Eberhard nicht nehmen, den Esel beim Zügel zu fassen und durch die engen, steinigen Pfade zwischen den ungefügen Substruktionen und übereinandergestürzten Wänden die Reiterin sicher hindurchzuleiten. Zu anderer Zeit und in anderer Gesellschaft hätte sein archäologisches Gewissen sich nicht so schnell mit den denkwürdigen Trümmern abgefunden.

Auch das Häuschen zur Linken, in dessen Wände allerlei hier aufgefundenes Bildwerk eingemauert war, marmorne Füße, Hände und zierliche Kniee, eine Männerstatue in wohlerhaltener Toga und Reste von architektonischem Zierath, würde einer genauen Besichtigung nicht entgangen sein. Er sah aber, wie wenig Begierde nach antiquarischer Belehrung die Frau an seiner Seite empfand. Sie schien in ihren Gedanken überhaupt nicht an diesem Ort zu verweilen; immer gespannter wurde das Fältchen zwischen ihren Brauen, immer dunkler ihr Blick. Nur die Lippen blieben wie in einem Traume lächelnd halb geöffnet.

Nun war sie durch die kleine Allee geritten, die schnurgerade auf das zierliche Amphitheater zuführt. Immer noch hielt Eberhard den Esel am Zaum, der jetzt aber von selber stehen blieb.

Ich reite niemals weiter, sagte die Gräfin, es wird zu beschwerlich oben zwischen den Klippen. Sich leicht auf ihn stützend, glitt sie aus dem Sattel, und während der Knabe das Thier nach einer Stelle führte, wo es die beste Weide fand, sagte sie: Steigen Sie nur allein die letzte Höhe hinan und sehen Sie sich Alles an, damit Sie bestehen können, wenn die Herren Sie examiniren. Ich setze mich indeß auf die Stufen dort und erwarte Sie. Aber Sie müssen durchaus dieses Tuch umbinden, Sie sind sehr erhitzt, und oben weht eine scharfe Lust. Nein, Sie müssen gehorchen oder ich lasse Sie nicht fort. Kommen Sie!

Sie knüpfte ein schwarzes Flortüchlein von ihrem Nacken los und band es ihm um den Hals. Ein leiser Duft umfing ihn, er sah die schönen Hände, die nicht in Handschuhen steckten, dicht vor seinem Gesicht beschäftigt und hätte sie gern an seine Lippen gezogen.

Doch hielt er standhaft aus, dankte nur mit einem heiteren Wort und stieg dann in der Richtung bergan, die ein auf die Höhe hingepflanztes hölzernes Kreuz ihm bezeichnete.

So viel er sich aber Mühe gab, es war ihm unmöglich, seine Gedanken auf die topographischen Fragen zu richten, die hier einen richtigen Touristen zu beschäftigen pflegen. Was war ihm die Lage der arx und die Tempelreste und was sonst von der tapfern kleinen Bergveste der Zerstörung vieler Jahrhunderte entgangen war! Nur die erhabene Fernsicht von der letzten Höhe herab genoß er einige Augenblicke, das weiche Tuch an die heftig athmenden Lippen gedrückt. Dann kletterte er eilig die Klippenpfade zu dem Amphitheater wieder hinab.

Er sah sie schon von weitem auf einer der übergras'ten Stufen sitzen, der Esel und sein Herr hatten sich, eine Strecke weit davon entfernt, einen Ruheplatz im hellgrünen Rasen gesucht, man hörte den Gesang eines kleinen Vogels, der unter dem Quaderwerk der Scena nistete, während aus dem hohen, silberglänzenden Aether herab der Schrei eines Falken sich vernehmen ließ. Als der junge Deutsche in dem Halbrund des kleinen Stufenbaues wieder erschien, nickte die Frau ihm zu und drohte mit dem Finger. Zum erstenmal sah er etwas wie ein Lächeln über ihr stilles Gesicht gleiten.

Sie sind nicht sehr fleißig gewesen, rief sie ihm entgegen. Was ist aber auch an den Mauerbrocken Schönes oder Interessantes zu sehen? Ich habe es nie begriffen, aber ich dachte, ich sei eben dumm und unwissend. Von jetzt an werde ich mich auf Sie berufen. Kommen Sie und setzen Sie sich zu mir. Ich habe in meinem Körbchen ein paar Orangen mitgebracht. Für Ihre sorgsame Führung verdienen Sie wohl, ein wenig erfrischt zu werden. Aber auch Checco soll nicht leer ausgehen.

Sie rief den Knaben an, der eilfertig herbeilief und warf ihm eine der dunkelrothen Früchte zu, die er geschickt auffing. Dann begann sie eine andere für Eberhard zu schälen, der ihr so tiefsinnig dabei zusah, als verrichte sie irgend ein Zauberwerk. Sie selbst nahm nur ein dünnes Scheibchen für sich und machte sich sofort an eine zweite. Nie war ihm eine Frucht so süß und köstlich erschienen.

Er sagte es ihr. Als sie aber darauf schwieg, fuhr er fort die stille Anmuth dieses Ortes zu rühmen.

Vater Cicero war ein kluger Mann, sagte er, daß er diese Gegend allen anderen vorzog. Und wie muß es ihm erquicklich gewesen sein, wenn er den römischen Staatshändeln und seiner Advocatenpraxis entronnen, hier Sommerferien genoß und im Kreise der guten Bürger, der Honoratioren von Tusculum, auf einem Ehrenplatz sitzend, eine Komödie von Plautus hier aufführen sah, vielleicht auch dabei eine Apfelsine essend, wenn sie ihm auch nicht von so schönen Händen geschält worden war.

Sie sah ihn an.

Von wem sprechen Sie?

Haben Sie wirklich von dem großen Manne noch nie gehört, der seinen Namen unvergänglich an diese Stätten geknüpft hat? rief er aus, mühsam sein Staunen über ihre tiefe Unwissenheit verbergend.

O, sagte sie, kaum ein wenig erröthend, ein Cicerone – ich weiß, die kommen überall hin als Fremdenführer. Aber warum sie gerade hier so besonders zu Hause sein sollten …

Er lachte, wurde aber gleich wieder ernsthaft.

Es ist wahr, sagte er, es macht weder glücklich noch unglücklich, jenen Cicero näher zu kennen, der allen folgenden den Namen gegeben hat. Aber eine alte Komödie hier aufführen zu sehen, würde Ihnen das nicht auch Vergnügen machen, Gräfin?

Sie hatte das Letzte überhört.

Nein, sagte sie sehr nachdenklich, Sie haben Unrecht. Es ist doch schimpflich, daß man so von alledem Nichts weiß, was in der Welt vorgegangen ist, wär's auch nur, um die Leere der Tage und Jahre auszufüllen, und daß man nicht zu erröthen braucht, wenn Namen genannt werden, die Jeder zu kennen scheint. Aber was wollen Sie? Ich war bis zu meinem sechzehnten Jahr im Kloster, da lernten wir nur die Geschichten der Heiligen und Sticken und Blumenmalen, ein bischen Musik und Französisch. Wie meine Eltern dann Ancona verlassen mußten – sie hatten allerlei Unglück, müssen Sie wissen – und wir lebten in dem öden, kleinen Nest und Alles war trist und hoffnungslos um mich her – was wäre mir da an allen römischen Helden und Kaisern gelegen gewesen! Mein Herz sehnte sich nach ganz Anderem, und wie es entsagen mußte, weil Falschheit und Erbärmlichkeit die Welt regieren …

Aber warum erzähl' ich Ihnen das? Sie hören gar nicht auf mich. Sie haben Recht, warum wollen Sie sich diese schöne Aussicht verderben lassen durch traurige Geschichten, da Sie eben noch wünschten, in diesem Theater eine Komödie spielen zu sehen!

Nein, fuhr sie eifrig fort, ehe er noch gegen diese Beschuldigung sich verwahren konnte, es hilft Ihnen doch Nichts, Sie müssen mich anhören. Ich weiß, daß Sie gering von mir denken, leugnen Sie es nicht. Es ist nicht um meine Unwissenheit, dafür kann ich ja Nichts. Wie oft habe ich den Grafen gebeten, mir einen Lehrmeister zu geben oder wenigstens Bücher. Immer hat er erwidert, ich wisse genug, um in seinen Augen das schönste und liebenswürdigste Weib zu sein. Und wenn ich ihm klagte, ich langweilte mich zum Sterben, lächelte er und sagte: Du kannst ja die neuen Kleider probiren, die ich dir von Mailand und Paris habe kommen lassen. Sie sehen, es lag nicht an mir, daß ich nicht gescheiter geworden bin und unterrichteter. Aber Eins werden Sie mir doch ganz allein schuld geben und mich im Stillen darum verachtet haben: wie ich das Weib dieses Mannes habe werden können!

Wie von einem Schlage getroffen, fuhr er in die Höhe.

Wessen halten Sie mich fähig, theure Gräfin? rief er tief erröthend. Ich Sie verachten .…ich, der ich …

Schweigen Sie! unterbrach sie ihn dumpf und hastig. Ich weiß, daß Sie es thun, Sie müssen es thun, wenn Sie mich mit ihm vergleichen. Und weil ich es nicht ertragen kann, daß Sie, den ich achte, den ich für einen edlen und zartfühlenden Mann halte, niedrig von mir denken, habe ich mit Ihnen darüber sprechen wollen. Ich weiß, Sie halten mich für eines der eitlen Geschöpfe, die sich von Rang und Reichthum haben verführen lassen, sich mit Leib und Seele einem Manne zu verkaufen, den sie nicht lieben konnten. Aber Gott und die Madonna sind meine Zeugen, an dergleichen dachte mein Herz nicht von fern, als ich einwilligte, die Frau des Grafen Carlo zu werden. Ich war viel kindischer damals, als meinen zwanzig Jahren zukam. Denken Sie nur, ich glaubte, ich sei es dem Vaterlande schuldig, dem Helden von Lissa seinen brennenden Wunsch nicht zu verweigern. Und damals – o, er schien ein ganz Anderer, so sanft und gütig, und hatte keinen andern Willen als den der unwissenden, unbedeutenden jungen Creatur, die er über Alles in der Welt vergötterte. Beim Haupt und Herzen der Madonna schwör' ich Ihnen: daß er reich war und ein so vornehmer Herr, machte mir nicht den geringsten Eindruck. Aber er war ein Opfer für die Sache Italiens und ein unglücklicher Krüppel – das entschied mein Schwanken. Und dann war noch etwas . .

Sie schien zu zaudern, ob sie fortfahren solle.

Dann sah sie ihm voll ins Gesicht.

Ich halte Sie für meinen Freund, sagte sie, darum sollen Sie auch das wissen. Ich hatte Jemand geliebt, so sehr, daß ich mich selig geschätzt hätte, an seiner Seite zu hungern und zu betteln. Und auch er sagte mir, keine Andere solle sein Weib werden. Dann wurden wir arm, und er verschwand plötzlich aus unserer Nähe, und wenige Zeit später führte er die einzige Tochter einer reichen Witwe heim. Seitdem war mein Herz wie versteinert, ich wußte, mir konnte Nichts mehr begegnen, was mich so ganz aus dem Vollen glücklich oder unglücklich machen könne. Da reichte ich dem Grafen meine Hand.

Sie saßen eine Weile schweigend neben einander. Dann ergriff er eine ihrer Hände, die mit einem nervösen Beben das Band ihres Hutes zerknitterte, drückte einen ehrerbietigen Kuß darauf und sagte:

Ich danke Ihnen, Gräfin, für Ihr Vertrauen, und daß Sie mich für Ihren Freund halten. Ich bin es wahrlich, so jung auch unsere Bekanntschaft ist. Doch wäre ich nicht werth, es zu sein, wenn Sie mir mit Ihrer Mittheilung etwas Neues gesagt hätten. Ganz so habe ich es mir erklärt, wie Sie zur Gräfin Sammartino werden konnten.

Ist es wahr? sagte sie. Freilich, welch eine Qual müßte Die empfinden, die an meiner Stelle nicht einmal den Trost hätte, durch einen edlen Selbstbetrug um ihr Glück getäuscht worden zu sein! Und doch – auch wenn ich mir sage: ich büße eine Schuld, die von den Heiligen des Himmels mir als ein hochherziges Opfer angerechnet werden wird – zuweilen mein' ich, meine Schultern müßten unter der Last zusammenbrechen.

O mein Freund, rief sie, in leidenschaftlicher Erregung aufblickend, nie, nie habe ich einem menschlichen Ohr geklagt, was Sie jetzt hören, außer in der heiligen Beichte. Selbst meine Rosa lies't es mir nur zuweilen von den Augen ab, wenn sie eine Nacht durchweint haben. Dieser Mann, dem ich meine Jugend, meine Treue, das bischen Schönheit und Tugend hingegeben – er liebt mich nicht mehr als die erste beste Sache, die zu seinem Behagen dient, seine Pfeife, sein Kartenspiel, lange nicht so sehr wie das Werk, an dem er schreibt. Wenn ich heut aus der Welt ginge, würde er morgen schon seinen Bernardo ausschicken, ihm eine andere Sklavin zu suchen. Was sind ihm die Menschen? Wen hat er je geliebt als sich selbst? Niemand kann er in seiner Nähe dulden, den er nicht beherrscht, den er achten müßte als ein Geschöpf mit eigenem Willen und freier Seele. Seit er weiß, daß ich mich im Innersten aufbäume gegen seine kaltherzige Tyrannei, hat er seine teuflische Freude daran, mich seine Macht unter den höflichsten Formen empfinden zu lassen. Nie höre ich ein rauhes Wort, nie einen Vorwurf. Aber unter den Sammethandschuhen, mit denen er mich anrührt, fühle ich den eisernen Griff, und meine Seele erstarrt zu Eis, wenn er seinen kalten Raubthierblick in meine Augen bohrt. Ich hasse ihn – o, wie ich ihn hasse! Und er weiß es und scheint sich daran zu erlaben, und je länger meine Qual dauert, je heiterer blickt das Auge dieses Teufels, der weiß, daß ich ihm nicht entrinnen kann, und wenn ich Himmel und Erde anflehte, mich von ihm zu erretten. Begreift Ihr nun, daß es mir wie ein bitterer Hohn klang, als Ihr am ersten Abend die Villa Falconieri ein Paradies nanntet?

Sie hatte das Letzte vor sich hingesprochen, ohne ihn anzusehen. Nun erhob sie wieder die Augen gegen den wolkenlosen Himmel, wie wenn sie ihn zum Zeugen ihrer Qual anriefe. Ihre Wangen waren leicht geröthet, ihre Lippen bebten leise. Zwei große Thränen quollen aus den schwarzen Wimpern hervor und flossen still über das schöne Niobidengesicht.

Das Herz brannte ihm vor rathlosem Mitleid. Er zermarterte sich das Gehirn, um ein Wort zu finden, das ihr sagen möchte, wie tief er von ihrer Beichte erschüttert sei, doch schwieg er, da er fürchtete, das Herzlichste, was er zu sagen wußte, möchte ihr nicht genügen. Unverwandt hing sein Auge an dem stolzen Profil des so tief gedemüthigten Weibes, das seine Gegenwart ganz vergessen zu haben schien.

Er legte endlich seine Hand sacht auf ihre beiden, die sie gefaltet im Schooß vor sich hingestreckt hatte. Sie ließ es geschehen, daß er sie schüchtern streichelte, liebkosend, wie man ein krankes Kind zu beschwichtigen sucht.

Armes Herz! flüsterte er, wie zu sich selbst.

Doch hatte sie es gehört.

Ja, sagte sie, Ihr habt Recht, das Herz ist nun arm, bettelarm. Einst war es reich und hätte Dem, der es zu würdigen gewußt, Schätze bieten können. Und es war ein ehrliches Herz und verstand nicht zu lügen, nicht einmal sich selbst zu belügen. Als es begriff, wie man es betrogen hatte, da schrie es und wäre gern in Stücke zersprungen. Aber es ist aus zu festem Stoff und war zu jung, um schon alle Hoffnung aufzugeben. Nun ist es älter geworden, und nicht lange mehr, so wird es von seinen Qualen erlös't werden, durch Tod oder Verzweiflung. Denkt nicht, daß ich nicht Alles versucht habe, um mich aus diesem Kerker zu befreien. Ich habe es an einem bösen Tage, als er mir meine Bitte abschlug, nur auf ein paar Wochen die Eltern zu besuchen, ihm gerade ins Gesicht gesagt, daß mein Leben mit ihm ein Martyrium sei. Da sah er mich an: Du bist eine zu gute Christin, Gigina, um nicht zu wissen, daß man sich durch das Märtyrerthum den Himmel verdient. – Und die Henkersknechte, sagt' ich, die den armen Seelen den Foltertod bereiten? – Da lachte er und sagte: Wo hast du die tragische Deklamation dir eingeübt, Närrchen? Werde ein wenig älter, und du wirst gestehen, daß du es schlimmer hättest treffen können, als Gräfin Sammartino zu werden. – Schlimmer! Das Weib eines Tagelöhners beneid' ich um ihre Hütte, ihre rußige Pfanne, in der sie dem Mann, der sie schlägt, aber auch wieder lieb hat, das Mahl kocht – um die Kinder, die in ihren armen Lumpen sich an ihre Kniee drängen!

Ich habe an meinen Bruder geschrieben, er solle kommen und sich meiner annehmen. Es kam keine Antwort. Bernardo, der Spürhund des Grafen, wird diesen Brief wie so manchen andern aufgefangen haben. Der ist der Schließer in meinem Bagno; er hat seine Augen und Ohren überall, und es sollte mich nicht wundern, wenn die Luft, die in seinem Solde steht, ihm jedes Wort zutrüge, das ich soeben gesagt habe. Mag er doch, er hörte nichts Neues daran. Manchmal habe ich versucht, so weit von Hause weg zu wandeln, daß ich den Rückweg nicht fände. Aber Alle kennen mich auf viele Meilen im Umkreise. Immer fand sich Einer, der ehrfürchtig zu mir trat und sich erbot, die Frau Gräfin nach der Villa zurückzubegleiten. So zerre ich machtlos an meiner Kette – wie lange noch? Ich bin noch so jung, und nie in meinem Leben war ich eine Stunde krank. Er aber, wenn er auch alt ist – seine Natur ist von Stahl und Eisen, und die Selbstsucht allein würde ihn hundert Jahre alt werden lassen, nur damit er meine Fessel nicht aus den Händen ließe, ehe es zu spät ist, noch einmal ein Leben anzufangen, das keine Hölle wäre.

Ein Schauer überlief ihren Leib. Er wollte sie eben in seinen Arm fassen, da er fürchtete, sie möchte umsinken; da richtete sie sich gewaltsam auf und stand in ihrer vollen Größe vor ihm.

Genug! hauchte sie, die Thränen in ihren Augen zerdrückend. Ich habe mich fortreißen lassen, Ihnen den schönen Tag mit dieser Jammergeschichte zu verderben. Verzeihen Sie mir. Es drängte mich, mein Innerstes einmal einem Menschen auszuschütten, der ein edles Herz und ein ritterliches Mitgefühl mit den Leiden eines armen Weibes hätte. Sagen Sie Nichts, mein Freund! Es ist Nichts darüber zu sagen. Aber auch Anderen gegenüber sprechen Sie nicht von meinem Schicksal; ich bin zu stolz, um mich von der dummen, heuchlerischen und schadenfrohen Menge darauf ansehen zu lassen. Nicht wahr, mein Freund, Sie geloben es mir? Ich will Ihnen den Mund versiegeln.

Sie beugte sich zu ihm, der noch sitzen geblieben war, hinab, legte ihm beide Hände auf die Schultern und küßte ihn rasch auf den Mund. Als er leidenschaftlich erglühend aufspringen und sie umfangen wollte, trat sie ruhig zurück.

Es ist spät geworden, sagte sie. Ich glaube gar, Checco ist eingeschlafen. Wir müssen eilig den Rückweg antreten, wenn wir die Stunde des Pranzo nicht versäumen wollen.

*

Sie fanden die Kerzen im Speisesaal schon angezündet, als sie nach dem hastigen, schweigsamen Ritt durch den sinkenden Abend zur Villa zurückgekehrt waren. Der Graf saß bereits am gedeckten Tisch, in einer Zeitung lesend, Don Gaetano ging, ein Gläschen Wermuth zierlich zwischen den Fingern haltend und dann und wann davon nippend, im Kreise um die Tafel herum und antwortete auf die heftigen Randbemerkungen, mit denen der Hausherr seine politische Lectüre begleitete, durch nichtssagende Interjectionen. Am Fenster, durch das noch ein letzter Tagesschein hereindrang, saß der geistliche Neffe, in seinem Brevier lesend und nach jeder Zeile in die tiefen Schatten der Steineichen seinen unruhigen Blick versenkend.

Er sprang auf, als die Gräfin mit ihrem Begleiter eintrat. Seine Wangen erschienen noch fahler, und seine Lippen rümpften sich zu einer seltsamen Grimasse zwischen Grimm und Hohn, indem er den Deutschen von oben bis unten maß. Der Pfarrer war auf die Gräfin zugetreten und hatte ihre Hand ergreifen wollen, um sie zu küssen, kam aber nicht damit zu Stande. Auch der Graf hatte sich, mit beiden Armen sich aufstützend, ein wenig im Lehnsessel erhoben.

Ihr kommt spät, rief er mit verhaltenem Unmuth. Aber man weiß schon: die Herren Deutschen! Wenn sie einen Gegenstand für ihre gelehrte Forschung finden, vergessen sie darüber Essen und Trinken. Was sagt Ihr zu unserem Tusculum, Sor Dottore? Habt Ihr das Haus entdeckt, das Telegonus, der Sohn des Odysseus und der Circe, bewohnt hat, oder den Platz, wo die Wiege des alten Cato gestanden?

Eberhard wollte mit einem Scherz erwidern, der Graf aber rief nach Bernardo, daß er endlich die Minestra auftragen möge, und die kleine Gesellschaft nahm schweigend Platz. Die Gräfin saß neben ihrem Manne, der ihr zuweilen von einer Schüssel, die ihm servirt wurde, etwas auf den Teller legte. Sie genoß aber fast Nichts und trank nur ein kleines Glas eines starken weißen Weins. Desto begieriger aß und trank der Pfarrer an ihrer Seite, während sein Neffe nur große Stücke Brot zu seinen mäßigen Portionen Fleisch und Gemüse verschlang und von dem rothen Velletri ein Glas nach dem andern stark gewässert hinuntergoß. Er erhob fast nie den Blick, außer wenn der Graf ihn besonders anredete. Eberhard betrachtete ihn nicht ohne Interesse. Geist und Feuer und ein verwegener Sinn sprühten aus seinen schwarzen Augen, und obwohl ein Zug von Rohheit seinen Mund entstellte, konnte man doch nicht leugnen, daß dieser römische Kopf an manche jener Marmorbildnisse erinnerte, in denen die Züge der jungen Kaisersöhne auf die Nachwelt gekommen sind.

Nur die Gräfin schien ihn völlig zu übersehen. Zwar saß sie überhaupt so schweigsam in sich gekehrt am Tisch, als dränge kein Wort von allen, die sie umschwirrten, ihr an die Seele. Der alte Graf hatte das Gespräch auf die italienischen Geschichtschreiber gebracht, die er trefflich zu charakterisiren wußte. Don Gaetano erklärte mit seinem jovialen Cynismus, er habe es nie der Mühe werth gefunden, nur eine Zeile von diesen Herren zu lesen, die Alle gottlose Liberale und Feinde der weltlichen Kirchengewalt gewesen seien. Das erste moderne Geschichtswerk, das er zu lesen sich vorgenommen, werde die Biographie des Helden von Lissa sein. Neffe Beppino gab durch kurze Einwürfe zu erkennen, daß er seine Studien auch auf diesem Gebiete gemacht. Der deutsche Gast, befragt, wem er als dem größten Künstler unter diesen berühmten Historikern die Palme zuerkenne, erwiderte mit bescheidenem Lächeln, er wage nicht zu urtheilen, da er von manchem noch so gut wie Nichts gelesen habe. Doch wundere es ihn, daß ein Name nicht mit größeren Ehren genannt werde: der Cesare Balbo's, des Verfassers jenes »Sommario«, das mit damascirender Kunst in den engen Raum eines einzigen Bandes den ungeheuren Verlauf der gesammten italienischen Geschichte zusammengedrängt habe, ohne den Reiz eines persönlichen Antheils, einer energischen, sittlichen und politischen Beurtheilung der Charaktere und Ereignisse vermissen zu lassen.

Wen haben Sie da genannt? fragte die Gräfin.

Er wiederholte den Titel des Buches.

Ich führe es immer in meinem kleinen Bündel bei mir, sagte er. An manchem müßigen Abend in einer öden Herberge hat es mir treffliche Gesellschaft geleistet. Wenn Sie es zu lesen wünschen, Gräfin …

Gern! erwiderte sie. Der Graf aber rief mit Lachen:

Sie lies't keine zwei Seiten darin, Sor Dottore, was wetten wir? Es ist kein Roman, Gigia, und keine Modezeitung. Uebrigens theile ich Ihre Bewunderung dieses Buches, Dottore, bis auf die Schilderung der jüngsten Zeiten, die er selbst mit erlebt hatte. Da spricht der Parteimann zu laut, und der Historiker vergißt, was er der selbstlosen Wahrheit schuldig ist. Ich werde es Ihnen beweisen, wenn wir die Kapitel in meiner Schrift mit denen vergleichen, die von den nämlichen Fakten handeln. Heut aber nichts mehr von Gelehrsamkeit! – Bernardo, ist der Spieltisch gerichtet? Ihr seid mir die Revanche von gestern schuldig, Don Gaetano!

Der Bediente war auf seinen geräuschlosen Sohlen herangetreten und rollte nun den Armsessel des Grafen in den Salon. Die beiden Geistlichen folgten, die Gräfin warf Eberhard einen Blick zu.

Schicken Sie mir das Buch! sagte sie. Ich werde Ihnen beweisen, daß es nicht an mir lag, wenn ich unwissend blieb wie eine Ciociare. Ich danke Ihnen auch noch für die Stunden, die Sie mir heute geschenkt. Es waren die ersten menschlichen, freien Athemzüge nach so langer erstickender Einsamkeit.

Sie reichte ihm die Hand. Er drückte sie an die Lippen. Als er wieder aussah, begegnete er dem Blick Beppino's, der sich noch an der Schwelle den Salons umgedreht hatte. Auch die Gräfin hatte ihn bemerkt. Sie faltete die Stirn und rümpfte verächtlich die Unterlippe, sagte aber kein Wort.

Dann ließ sie sich mit einer Stickerei in der Nähe des Spieltisches nieder, und ihr Gesicht erschien weicher und jugendlicher belebt als sonst. Eberhard aber hielt es dennoch nicht lange in diesem Kreise aus. Unter dem Vorwande, sich in die Hefte des Hausherrn vertiefen zu wollen, verabschiedete er sich bald und suchte sein einsames Zimmer auf, wo er, ohne Licht anzuzünden, noch stundenlang am offenen Fenster saß, auf die Stimmen der Nacht in der weiten Landschaft horchend und auf das Gewühl streitender, süßer und trauriger Empfindungen in seinem Innern.

*

Das Nachgefühl jenes reinen Kusses, mit welchem die unglückliche Frau gleichsam ihre Freundschaft geweiht und besiegelt hatte, brannte ihm noch auf den Lippen. Er konnte sich's nicht verleugnen, daß es ihn mit Herz und Sinnen zu dem herrlichen Wesen zog, daß es schon zu spät war, um seiner Leidenschaft einen bescheidneren Namen zu geben. Was aber sollte daraus werden? Daß sie sein Gefühl nicht erwiderte, nicht einmal ahnte, war er fest überzeugt. Ihr Herz war zum Ueberfließen voll, und jeder Andere, der ihr des Vertrauens werth geschienen, hätte ihr denselben Dienst geleistet und denselben Dank von ihr empfangen. Er aber fühlte, daß sie ihn mit diesem kühlen Pfande ihrer Zuneigung und Achtung für immer an sich gefesselt hatte. Was war ihm nun jedes andere Ziel, jeder andere Wunsch seines Lebens gegen die Sehnsucht, diese Wonne noch einmal zu kosten, dann aber sie festzuhalten und die Liebkosung nicht wie das erste Mal in seliger Bestürzung hinzunehmen, sondern mit freier, kühner Leidenschaft zu erwidern! Dann erschrak er plötzlich in seinem rechtschaffenen deutschen Gemüth über den Gedanken, daß es das Weib seines Nächsten sei, dessen er begehre, die Gattin seines Gastfreundes, der ihn unter seinem Dache arglos ausgenommen, eines Krüppels, den zu hintergehen zwiefach schnöde Sünde wäre, da er, an seinen Stuhl angeschmiedet, den Gast nicht zu überwachen und sein Eigenthum vor ihm zu schützen vermöge. Alles, was die Frau an herben Anklagen gegen den tyrannischen Feind ihres Lebensglückes geschleudert, versank ins leere Nichts gegenüber der Pflicht, die er selbst zu wahren hatte. Er seufzte tief auf, da ihm dies Alles klar zum Bewußtsein kam.

Nein, sagte er vor sich hin, ich kann ihr nicht helfen, ich darf ihr Nichts sein, da ich ihr nicht Alles sein kann. Vielleicht wenn sie die Leere in ihrem Geist ausfüllen, sich beschäftigen lernt – obwohl, wenn das Herz hungert, es sich nicht damit zufrieden giebt, daß der Kopf genährt wird! Und sie ist so jung – und wie müßte sie glücklich sein und glücklich machen, wenn eine wahrhaftige Liebe sie überkäme! Armes Herz!

Er besann sich, daß er ihr das Sommario versprochen hatte, und klingelte, um es ihr heute noch zu schicken. Aber statt der Rosa, die er erwartet hatte, in der Hoffnung, noch eine Weile von der geliebten Frau mit ihr zu plaudern, erschien der Leisetreter Bernardo. Der Graf hatte es offenbar für bedenklich erachtet, die Vertraute seiner Frau mit dem Fremden verkehren zu lassen. Nun übergab er dem Diener das Buch und fuhr dann fort, in die Mondnacht hinauszustarren, bis ihm die Augen zufielen.

Am nächsten Morgen aber, als er früh mit seinem Malgeräth aus der Halle trat, um eine Skizze von dem Cypressenteich zu versuchen, sah er unter den Schatten der Steineichen wie gestern die Gestalt der Gräfin, heut aber in einem hellen Kleid und auf einem Sessel neben einem Tischchen häuslich niedergelassen, den treuen Sultano zu ihren Füßen, der bei der Annäherung des Fremden knurrend und den buschigen Schweif bewegend sich erhob. Still, Sultano! sagte die Herrin und gab ihm einen leichten Schlag mit dem Buch, das sie in der Hand hatte. Es war das Sommario, das er ihr geliehen.

Sie sehen, ich habe schon zeitig angefangen zu studiren, sagte sie lächelnd, indem sie ihm ihre Hand entgegenstreckte. Jede Seite lese ich zweimal und überhöre mich dann, ob ich Alles behalten habe. Viele von den Namen habe ich schon dann und wann gehört, ohne mir etwas dabei zu denken. Nun erfahre ich endlich, was es mit ihnen für eine Bewandtniß hat. Wenn ich erst etwas weiter bin, müssen Sie ein Examen mit mir anstellen und mir etwas mehr von diesen alten Dingen erzählen.

Sie sah ihn dabei so schüchtern und unschuldig an wie ein Schulkind seinen Lehrer, daß er auch heiter wurde und einen Augenblick vergaß, wie unmöglich es war, so mit ihr fortzuleben. Und doch, wenn er dachte, wie vertrauensvoll sie zu ihm aufblickte, wie die Nähe eines Freundes ihr das öde, trostlose Leben erträglich machen konnte, welch ein Glück es war, dies schöne, schwermüthige Gesicht sich erhellen und wieder jung werden zu sehen, begriff er nicht, woher er die Kraft nehmen sollte, sich loszureißen.

Sie gingen eine Weile unter den Eichenwipfeln auf und ab; von Zeit zu Zeit bückte sie sich, eine der Cyklamen zu pflücken, die zwischen dem Grase blühten, und athmete begierig den feinen Duft ein, auch ihm ein paar seiner Lieblingsblumen reichend. Sultan, der wieder völlig geheilt schien, wandelte ehrbar neben ihr; sie sprachen nicht viel, vom Wetter, das sich zum Scirocco anließ, von den Nachbarvillen, von jenem Relief der Tänzerinnen droben in dem »Zaubergärtchen,« wie Eberhard es getauft hatte. Er gedenke es zu zeichnen, sagte er, wenn das Licht günstig sei. Für diesen Morgen habe er den Cypressenteich sich in den Kopf gesetzt.

Man hörte plötzlich einen Schuß fallen. Sie waren aus dem Schatten der Bäume herausgetreten und sahen nach dem Eckfenster hinauf, wo der weiße Kopf des Grafen sichtbar wurde, der eben wieder seinem Jagdvergnügen in dem Kaninchengraben obgelegen hatte. Er grüßte mit grinsender Freundlichkeit, die Hand mit dem Revolver schwenkend, zu dem Paar hinab; die Frau nickte leise mit dem Kopf, während Eberhard den Hut zog.

Addio für jetzt! sagte die Gräfin. Ich will wieder an die Arbeit gehen.

Er sah, daß alle Heiterkeit von ihr gewichen war, und wandte sich seufzend von ihr weg, der Anhöhe zu, von der die Cypressen herniederschauten. Lange konnte er die richtige Stelle nicht finden. Als er sich endlich entschlossen und die ersten Striche gemacht hatte, ließ er den Stift bald wieder ruhen. Sein Herz war nicht bei der Sache. Immer glaubte er den leichten Schritt seiner Freundin im dürren Laube hinter sich zu hören. Doch kam sie nicht. Nur Sultan schlich nach einer Stunde zu ihm herauf, rührte mit seinem gewaltigen Kopf an seinen Arm, und als er von der Hand des Fremden ein wenig gestreichelt worden war, streckte er sich neben ihn ins Gras wie ein guter alter Bekannter. Dazu sangen wieder die Nachtigallen und duftete der Flieder, daß bei der Arbeit kein Segen sein konnte und Eberhard nach zwei Stunden seufzend den Pinsel auswischte und das Feldstühlchen zusammenklappte.

Als er zum Frühstück bei dem Hausherrn eintrat und auch die Gräfin wieder begrüßte, konnte er es nicht verhehlen, daß er unfroh und beklommen war.

Er gab es dem Scirocco schuld und erklärte, am Nachmittag eine große Wanderung machen zu wollen, um das stockende Blut anzufrischen. Der Graf bestärkte ihn in seinem Vorsatz. Luigia schwieg, offenbar enttäuscht; sie schien im Stillen auf einen Spaziergang mit dem Freunde gehofft zu haben. Bald aber hatte sie ihr unbefangenes Wesen wiedergewonnen und gab ihm, da er sich verabschiedete, vor ihrem Manne freundlich die Hand.

Während Ihr nach Monte Porzio wandert, sagte sie lächelnd, will ich in meinem Buch nachlesen, wer jener alte Marcus Porcius war, der der Stadt den Namen gegeben.

Um Gottes willen, rief der Graf, Ihr macht mir noch eine Gelehrte aus meiner Frau, Dottore! Nun, zum Glück: la donna è mobile!

Er lachte sein häßliches Lachen und stapfte nach dem Ruhebett, das Gesicht glühend unter den weißen Haaren von dem starken Wein, dem er Mittags reichlich zuzusprechen pflegte. Dies Lachen begleitete Eberhard auf seiner Wanderung, daß ihm alle Freude an der schönen Welt, die um ihn her lag, verging. Auch überzog sich der Himmel mit einem unheimlichen graugelblichen Dunst, und ein starker Wind fuhr ihm auf der breiten Landstraße entgegen und schüttete einen scharfen Staubregen über ihn aus, daß er alle Augenblicke mit geschlossenen Augen stehen bleiben und den Anprall über sich hingehen lassen mußte. Als er die kleine Stadt auf ihrer Bergkuppe endlich erreicht hatte, stob ihm auch hier aus allen Gassen der Kehricht entgegen, und die Sabinerberge drüben waren in so dichten Nebel gehüllt, daß er auf jeden Ausblick verzichtete und froh war, in einem unsäuberlichen Café eine windstille Ecke zu finden, wo er seine schmerzenden Augen mit Wasser kühlen konnte. Es litt ihn aber nicht lange in dieser dumpfen Luft, zumal der Himmel sich mehr und mehr verfinsterte und ein Gewitter ihn hier über Nacht hätte festhalten können. So brach er wieder auf, ohne sich in dem verräucherten alten Nest sonderlich umgesehen zu haben, und maß mit großen, hastigen Schritten den Weg nach Frascati zurück.

Es fiel aber kein Tropfen aus dem dicht geballten Gewölk. Als er gegen Sonnenuntergang das Städtchen wieder erreichte, hatte sich auch die Wuth des Orkans gelegt. Er gerieth, da er die Straße nach der Villa verfehlt hatte, auf den Platz vor der Kirche, wo es jetzt in der Abendkühle lieblich und windstill war und die Leute plaudernd vor den Häusern saßen. Es zog Eberhard in die Kirche hinein, deren Portal noch offen stand. Drinnen herrschte eine tiefe Dämmerung, aus der nur an einem Marienaltar das lebensgroße, ganz in weiße Seide gekleidete Wachsbildniß hervorschimmerte, den Bambino auf ihrem linken Arm, gleichfalls in seinem Festkleidchen, ringsum ein üppiger Flor der schönsten Rosensträuße, da der Mai der Madonna besonders gewidmet ist. Doch saßen dieser Pracht gegenüber nur ein paar einzelne Frauen, die Abendandacht war schon vorüber. Eberhard ließ sich auf einem der Strohstühle nieder und ruhte in einem wunderlichen Zwielicht aller Gefühle von dem hastigen Gang und dem Streit in seinem Innern aus. Da erblickte er, als er die Augen an das Dunkel gewöhnt hatte, auf der anderen Seite neben einem Beichtstuhl knieend eine Gestalt in einem hellen Kleide, mit einem schwarzen Schleier Haupt und Schultern umhüllt. Sie schien betend zu harren, bis im Beichtstuhl die Reihe an sie kommen würde. Nun erhob sich das Weib, das lange darin verweilt hatte, der alte Geistliche – nicht Beppino's Oheim, sondern ein kleiner, hagerer Graukopf mit einem ehrwürdig einfältigen Gesicht und ungeheurer Nase – schlug die Klappe zur Linken zu und öffnete die zur Rechten, wo schon eine zweite Sünderin seiner wartete. Da stand die schlanke Knieende auf und nahm den frei gewordenen Platz im Beichtstuhl ein. Wieder harrte sie geduldig, bis das hölzerne Thürchen vor ihrem Gitter geöffnet wurde und der alte Seelsorger das Ohr ihr zuneigte.

Was für Sünden hat sie zu bekennen? sagte der Späher drüben zu sich selbst. Diesem treuherzigen Alten, der schwerlich je von der Verzweiflung eines stolzen jungen Herzens am Glück einen Hauch in seinem Blut verspürt hat! Und welchen Trost hat dieser Bauernsohn, der nie einen Blick über sein Kirchspiel hinaus gethan haben mag, einem Weibe zu bieten, das aus ihrem Kerker in die weite Welt hinausschmachtet und die Leere in ihrem Innern mit einer Litanei und einem Dutzend Aves nicht wird füllen können.

Er sah unverwandt auf den Beichtstuhl. Es nahm sich drollig aus, wie der kleine Geistliche mit den dürren Fingern eine Prise aus dem hölzernen Döschen schöpfte und, während er mit seinem Beichtkind flüsterte, die Hand in sanftem Schwung hin und her bewegte, dann aber innehielt und langsam den Tabak in die große Nase stopfte. Dabei sah er so andächtig vor sich hin und schüttelte so bekümmert den kleinen grauen Kopf, daß das weltliche Intermezzo ihm doch Nichts von seiner Ehrwürdigkeit raubte. Nun machte er, schon wieder eine Prise zwischen Daumen und Zeigefinger, das Zeichen des Kreuzes über die Beichtende, sie erhob sich rasch, nahm die violette Schärpe von den Knieen des Alten, um die Lippen darauf zu drücken, und warf sich noch einmal zu einem stillen Gebet auf die Kniee, ehe sie die Kirche verließ.

*

Auf der Straße draußen, die zwischen den letzten Häusern steil hinan zu der Villa führt, hörte sie Eberhard's Stimme hinter sich und blieb stehen, ihn zu begrüßen.

Ich war in der Kirche, sagte er; ich habe Sie dort nicht anzureden gewagt, da Sie eben Ihre Andacht verrichtet hatten. Ist es möglich, daß es Ihnen Trost gewährt, diesem schlichten, in engen Schranken alt gewordenen Greise Ihr geheimstes Inneres zu offenbaren?

Sie sah ihn lächelnd an.

Sie sind ein Ketzer, ich weiß es wohl, ein Lutheraner. Rosa glaubt, Sie kämen nicht in den Himmel, und bedauert Sie deßhalb, weil sie Sie sehr in Affection genommen hat. Darum verstehen Sie nicht, wie uns zu Muthe ist, wenn wir vor jenem Gitter knieen, gleichviel, wessen Ohr dahinter sich zu unseren Lippen neigt. Oder nein, es ist doch ein Unterschied. Wüßte ich, daß Don Gaetano im Beichtstuhl säße – es ist Unrecht, den Menschen nicht von seinem Amt zu trennen, aber wahrhaftig, das Wort erstürbe mir auf der Zunge. Mit dem alten Vicar verstehe ich mich desto besser. Sehen Sie nicht, wie heiter ich bin? Daraus können Sie schließen, daß er mich nicht für eine so große Sünderin erklärt hat, als ich fürchtete. Ich habe auch für Sie gebetet, mein Freund, damit Rosa nicht Recht behält. Wenn ich in den Himmel käme und müßte Sie an einem andern, minder erfreulichen Ort mir denken, ich könnte der ewigen Seligkeit nicht froh werden. Und wo waren Sie diesen langen, langen Nachmittag? Aber nein, erzählen Sie mir das nicht hier auf der Gasse. Wenn man uns zusammen zurückkehren sähe, wer weiß, was für Geschichten man uns nachsagen würde. Ich muß allein gehen, und Sie folgen in einer halben Stunde, und kein Wort von der Kirche, nicht wahr?

Sie nickte ihm zu, mit einem so holden Blick, daß ihm das Herz klopfte, als er die Hand darauf legte und sich stumm vor ihr verneigte. Dann sah er sie mit ihrem langsamen, elastischen Schritt die Höhe hinanschreiten und um die Ecke der Straße verschwinden.

Nein, sprach er bei sich selbst, sie fühlt Nichts von dem, was in mir tobt, sie ahnt es nicht einmal! Wie könnte sie sonst so heiter und unbefangen lächeln, in einem Beichtstuhl knieen und ein Geheimniß über die Lippen bringen, das doch eine Sünde wäre, selbst in dem Lande der Duldung und des Leichtsinns! Und wenn sie noch nicht gewahr geworden, wie es in mir aussieht, wie lange werde ich es noch verbergen können! Sie aber, die glaubt, es sei möglich, daß sie mich als einen bequemen guten Freund und Gesellschafter auf unabsehliche Zeit hier festhalten werde – wie wird sie es aufnehmen, wenn ich mich ohne Abschied entferne! Wird sie nicht in ihre alte Verzweiflung zurücksinken, da auch ich, dem sie so viel Vertrauen gezeigt, sie im Stich gelassen? Und was dann? Wird das Sommario ausreichen, sie für den Verlust ihres »Freundes« zu entschädigen?

Immer von Neuem diese Gedanken hin und her wälzend, langte er endlich auf weitem Umweg in der Villa an. Doch fühlte er sich unfähig, den Abend unter Menschen zu verbringen, und ließ sich bei dem Grafen entschuldigen, der Gang in dem starken Winde habe ihm Kopfweh gemacht, er werde auf seinem Zimmer bleiben und bitte nur um ein Glas Limonenwasser und Eis. Bernardo brachte es ihm mit den Grüßen der drei Herren und der Frau Gräfin. Er fand den Gast auf dem Bett ausgestreckt im dunklen Zimmer und schlich, ohne weitern Versuch, ihn zum Reden zu bringen, lautlos wieder hinaus. Eine halbe Stunde später klopfte Rosa und trat mit einem Brett bei ihm ein, auf dem sich eine Suppenschüssel, ein Fläschchen Wein und ein weißes Brot befanden. Sie ruhte nicht, bis er sich erhoben und von Allem etwas genossen hatte, wobei sie ihm freundlich ins Gesicht sah und allerlei schwatzte. Es sei nicht gut, beim Scirocco nüchtern schlafen zu gehen. Er hätte nicht den weiten Weg machen sollen; es sei Unrecht von ihrer Herrin, daß sie es erlaubt. Nun werde sie – Rosa – besser Acht auf ihn geben Er müsse wissen, daß sie ihm sehr gut sei. Sie danke es ihm so sehr, daß er ihre Gigia ein wenig getröstet und aufgeheitert habe. Sie sei nicht mehr dieselbe seit jenem Ritt nach Tusculum, das könne nur den einen Grund haben, daß sie einen Freund an ihm gefunden; die Madonna mög' es ihm lohnen, und wenn sie selbst etwas für ihn thun könne …

Er seufzte, da er ihren guten Willen sah und wohl merkte, worauf das Alles zielte, und daß er nur ein halbes Wort zu sagen brauche, um sie zur Verbündeten zu gewinnen. Es kostete ihn keine geringe Ueberwindung, der treuherzigen Alten zu erklären, er bedürfe Nichts, und nun werde er keinen Bissen mehr essen und keinen Tropfen mehr trinken, es verlange ihn nach Schlaf. Sie sah ihn kopfschüttelnd von der Seite an, raffte alles Geschirr zusammen und verließ in offenbarem Unmuth den seltsamen Gast, aus dem sie nicht klug zu werden vermochte.

Er aber ging noch lange über die Fliesen seines öden Gemachs auf und ab, mit glühendem Gesicht und klopfenden Pulsen, obwohl er nur ein mäßiges Glas Wein getrunken hatte. Zuletzt zündete er die Kerze wieder an und vertiefte sich in die Lectüre der Handschrift, dann und wann mit dem Bleistift eine bescheidene Bemerkung an den Rand schreibend, wo ihm eine Kürzung oder eine leichte Feile wünschenswerth schien. Er las und las, um nur seinen eigenen Gedanken zu entfliehen. Erst als die Kerze in dem Messingleuchter hoch aufflackerte, ehe sie erlosch, erhob er sich von seinem Sitz. Es war zwei Uhr nach Mitternacht. Taumelnd wie ein Trunkener warf er sich aufs Bett und sank sogleich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

*

Er erwachte spät. Doch fühlte er sofort, daß das Fieber der letzten Tage von ihm gewichen war.

Es muß ein Ende haben, sagte er vor sich hin; ich muß den Knoten zerhauen, den ich nicht auflösen kann. Gleich heute muß es geschehen. Wer weiß, ob nicht morgen schon die Schwäche mich wieder übermannt hat.

Seine wenigen Sachen packte er in das Täschchen und warf noch einen Blick durch das Fenster, wie um Abschied zu nehmen. Als er die Mondragone im Morgenduft so herrlich auf ihrer Höhe hingelagert sah, seufzte er bitter.

Auch dort Gefangene, die das Opfer des Verstandes gebracht haben und vielleicht ihre Ketten nicht mehr empfinden! Hier aber – armes Weib! Welch ein Paradies könnte diese Welt sein, wenn die Menschen sie einander nicht zur Hölle machten!

Er nahm das Manuskript und ging langsam die Treppe hinunter, sich bei dem Hausherrn anmelden zu lassen. Er fand ihn an seinem Schreibtisch schon bei der Arbeit.

Was bringt Ihr mir? rief er dem Eintretenden entgegen, einen fast furchtsamen Blick auf die Hefte werfend, die der junge Mann in der Hand hielt. Ihr werdet oft den Kopf geschüttelt haben. Freilich, ex ungue leonem, aber ein alter Seelöwe wird nur im Zorne Gottes zum Schreiber, und die Klaue, die einem Feinde die Schulter zerschmettert, hält nur unsicher einen Gänsekiel.

Als Eberhard ihm sagte, es sei ein sehr interessantes Werk, das gewiß Aufsehen erregen würde; die kleinen Mängel, die er sich anzumerken erlaubt, würden ohne Mühe beseitigt werden – blitzten die alten feurigen Augen unter ihren dichten Brauen von unverhohlenem Triumph. Er nahm das Manuskript mit der kleinen braunen Hand, die in der That mit der Tatze eines Raubthiers Aehnlichkeit hatte, blätterte schweigend darin und las nachdenklich, was an den Rand geschrieben stand. Dann warf er die Blätter hin und sagte, beide Hände seinem Gaste entgegenstreckend:

Tausend Dank, Doctor! Sie haben überall den Finger auf die Wunde gelegt. Intelligenti pauca. Das Alles soll bald ein ander Gesicht bekommen. Welcher gute Wind hat Sie unter mein Dach geweht, oder welcher Heilige Sie zu meinem Trost und Frommen mir zugeführt, wie meine Frau sagen würde? Nun freilich haben Sie sich's selbst zuzuschreiben, daß ich Sie nicht eher loslasse, bis Sie an dem ganzen Opus Ihr barmherziges Samariterwerk vollbracht haben. Ich denke, es kostet Sie kein allzu schweres Opfer. Sie gefallen sich hier, und was in unseren schwachen Kräften steht …

Eberhard ließ ihn nicht ausreden.

Ich bedaure unendlich, Herr Graf, daß ich Ihre Gastfreundschaft nicht länger genießen darf. Ich habe Pflichten zu erfüllen, die keinen Aufschub dulden. Ich bin gekommen, Ihnen Lebewohl zu sagen.

Die Stirne des alten Herrn verfinsterte sich plötzlich.

Perdiana! rief er, was redet Ihr da, Sor Dottore? Fort – heute schon? Mich im Stiche lassen und die guten Heiligen erzürnen, die mir armem Krüppel diese Wohlthat zugedacht hatten? Aber das ist ja unmöglich. Sie wissen noch nicht, mit wem Sie es zu thun haben. Ich scheine Ihnen ein machtloser alter Mann, der mit seinen verstümmelten Beinen Sie nicht einholen könnte, wenn Sie sich in den Kopf setzten, ihm davonzulaufen. Aber fordern Sie mich nicht heraus. Ich werde Himmel und Hölle aufbieten, den Flüchtling todt oder lebendig mir zurückzuliefern und mir zu zeigen, daß man nicht ungestraft dem Helden von Lissa Trotz zu bieten wagt.

Als Eberhard Nichts erwiderte, sondern nur mit einer Geberde andeutete, es sei ihm voller Ernst mit seinem Entschluß und diese tyrannischen Scherze machten keinen Eindruck auf ihn, änderte der Alte seinen Ton.

Ei was, Dottore, sagte er, lassen Sie uns vernünftig reden! Es versteht sich von selbst, daß ich Sie ziehen lassen muß, wenn Sie darauf bestehen. Ich bin Ihnen ohnehin schon mehr Dank schuldig geworden, als ich jemals abtragen kann, denn Ihre Kritik meiner Schreibereien hat mir die Augen geöffnet über gewisse Mängel, die dem ganzen Opus anhaften. Aber nun schlagen Sie mir eine letzte, gewiß nicht unbescheidene Bitte nicht ab: die Einleitung, die ich soeben noch einmal durchgehen wollte, liegt mir besonders am Herzen. Es sind nur ein Dutzend Seiten, und am Nachmittag denke ich damit ins Reine zu kommen.

Bleiben Sie nur bis morgen früh, so lange werden Ihre Pflichten sich hoffentlich gedulden, und mir erweisen Sie einen unschätzbaren Dienst. Nein, Sie können es dem armen Invaliden nicht abschlagen, ein humaner Mensch und ein deutscher Gelehrter, der Sie sind.

Er hatte seine Hand ergriffen und drückte sie zutraulich bittend. Eberhard blickte durchs Fenster und sah unter den Eichenschatten ein helles Gewand sich bewegen. Einen Augenblick kämpfte er noch, dann sagte er mit einem Seufzer:

Sei es drum! Bis morgen früh will ich bleiben, obwohl ich nicht recht daran thue. Sie haben mich besiegt.

Er verneigte sich leicht und ging aus der Thür.

Ich schicke Ihnen die Blätter, rief der Alte ihm nach. In drei Stunden, vielleicht schon früher, finden Sie sie auf Ihrem Zimmer, und am Abend sprechen wir darüber.

Eberhard durchschritt den langen Gang und stieg dann nachdenklich, unzufrieden mit sich selbst, die Treppe hinab. In der Halle unten trat die Gräfin ihm entgegen, schön wie der junge Tag und mit einem Lächeln, vor dem das Herz ihm erbebte.

Ihre Schülerin ist schon wieder fleißig! rief sie, ihm das Buch zeigend. Aber heute noch kein Examen, nicht wahr? Auch müssen Sie mir Manches erst deutlicher machen, was ich in den kurzen Sätzen nicht recht begriffen habe. Wollen wir in das Gärtchen der Tusculana hinaufsteigen? Während Sie die fünf Tänzerinnen zeichnen, frage ich nach Diesem und Jenem, falls es Sie bei der Arbeit nicht stört.

Sein Gesicht blieb ernst, er wich ihren Augen ans und sagte, gegen die Tusculana hinaufblickend:

Ich bedaure, Gräfin, es ist jetzt droben nicht die rechte Beleuchtung, ich will es am Nachmittag versuchen. – Jetzt … ich habe einen Gang in die Stadt hinunter zu machen, ich erwarte Briefe …

Ich habe Auftrag unten gegeben, daß die Post Ihnen Alles herausschickt.

Gleichwohl muß ich einmal nachsehen. Sie wissen, wie wenig man sich auf die Leute verlassen kann. Auf Wiedersehen, Gräfin!

Er lüftete den Hut und verließ sie. Wie er die Eichenschatten erreicht hatte, mußte er stillstehen und Athem schöpfen. Ein brennender Schmerz krampfte ihm das Herz zusammen, es kostete ihn eine übermenschliche Anstrengung, nicht umzukehren, ihr zu Füßen zu stürzen und zu stammeln: Vergieb mir meine kalten Worte, die eine elende Komödie sind! Ich bete dich an – ich habe keinen Gedanken als dich – meine Seligkeit ist mir nicht zu theuer um das Glück, dich nur einmal an mein Herz drücken zu dürfen!

Aber er bezwang sich, ja er hatte die Kraft, sich nach ihr umzuwenden und freundlich auf italienische Art ihr zuzuwinken. Da sah er, daß sie wie ein lebloses Bild auf derselben Stelle stehen geblieben war und mit traurig staunenden Augen ihm nachblickte. Noch einmal grüßte er mit der Hand. Dann ging er mühsam seines ziellosen Weges weiter.

Erst als er das zweite Portal durchschritten hatte, hielt er an und wandte sich um. Dann zog er sein Skizzenbüchlein hervor und begann das Thor mit dem Gitter und dem Ast der Steineiche, der sich unter dem Bogen hinausgedrängt hatte, zu zeichnen. Hier war keine Handbreit Schatten, und die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel. Er aber spürte es nicht, obwohl ihm nach einiger Zeit der Schweiß von der Stirne tropfte. Es war ihm durch den Sinn gegangen, daß dieser Baum hinter dem Portal, der nur mit einem Arm ins Freie langen konnte, ein Abbild sei dieser rettungslos gefangenen Frau. An diesem Vergleich grübelte er hin und her, während er hastig zeichnete. Die Cikaden sangen auf der Halde hinter ihm, die Pfauen kreischten mißtönig aus der Tiefe herauf, kein Mensch ging an ihm vorüber, bis von irgend einem Glockenthurm der Mittag eingeläutet wurde. Da that er die letzten Striche an seiner Skizze, schrieb das Datum in eine Ecke und steckte, sich die Stirne trocknend, das Büchlein in die Tasche.

*

Er wußte, daß jetzt Bernardo bei dem Grafen eintrat und meldete, das Frühstück sei aufgetragen. Doch konnte er es nicht über sich gewinnen, in die Villa zurückzugehen und sich mit zu Tische zu setzen. Langsam folgte er der Straße, die in das Städtchen hinunterführte. und trat in das erste beste Haus, über dessen Thür ein grüner Busch ankündigte, daß hier ein Glas Wein zu haben sei.

Mit zerstreuten Sinnen ließ er sich in einer offenen Loggia nieder und genoß die dürftige Kost, die ihm vorgesetzt wurde. Als er hastig eine halbe Flasche von dem süßen rothen Wein geleert hatte, überfiel ihn ein Schlafbedürfniß, dem er, in der Ecke des stillen, schattigen Raumes sitzend, den Kopf an die Mauer gelehnt, sich willenlos überließ. Die Stimmen der Weiber auf der Gasse unten, das Knarren der Räder und das Kommen und Gehen der Wirthin störten ihn nicht. Wohl eine Stunde saß er dort in einem dumpfen Halbschlummer, der doch nicht tief genug war, daß er den Schmerz an seinem Herzen nicht leise fortnagen gefühlt hätte, obwohl ihm die Gedanken vergingen.

Als er sich endlich wieder ermunterte, war es immer noch früh am Tage. Er hörte es drei Uhr vom Thurm des Domes schlagen und brach auf, um noch einen weiten Gang die Hügel entlang zu machen. Ohne alles Interesse durchwanderte er die Gärten der Villa Aldobrandini und den langen Park, der sich hinter der Villa Muti über die Höhe hinstreckt. Vor seinen Augen, wohin sie auch blicken mochten, stand immer nur das eine Bild.

Ein schriller Pfiff vom Bahnhof herüber riß ihn aus seinem beklommenen Brüten. Der letzte Zug nach Rom setzte sich in Bewegung; es war sechs Uhr Abends geworden. Nur noch wenige Stunden, sagte er bei sich selbst, und Alles ist überstanden. So stieg er die Pfade zur Villa wieder hinauf und gelangte auf sein Zimmer.

Schon beim Eintreten sah er das Manuskript, das ihn erwartete, auf dem Pfeilertischchen, daneben aber einen Brief – von seiner Schwester. Ahnungslos griff er darnach; was war ihm jetzt Alles, was jenseits der Alpen sich ereignen mochte! Als er aber den Brief geöffnet und die wenigen Zeilen durchflogen hatte, war sein Gesicht verwandelt, die Hand zitterte, die das Blatt hielt. Im nächsten Augenblick hatte er die Glockenschnur ergriffen und erwartete, aufgeregt hin und her schreitend, den Diener.

Statt seiner trat Rosa herein. Er fragte, ob er wohl einen Wagen bekommen könne, der ihn heute noch nach Rom brächte. Er müsse sofort abreisen.

Das gute Geschöpf erschrak sichtbar.

Und die Frau Gräfin? sagte sie. Weiß sie …

Er bedaure selbst den hastigen Abschied, doch dürfe er nicht eine Stunde zögern. Seine Schwester habe ihm gemeldet, die Mutter sei erkrankt, er müsse Tag und Nacht reisen, wenn er sich nicht schwere Vorwürfe machen, vielleicht schon zu spät kommen wolle.

Sie wolle selbst nach Frascati hinunterlaufen, einen Wagen zu holen, es seien immer welche zu haben, freilich müsse man ihnen auch die Rückfahrt bezahlen.

Eberhard nickte nur und bedeutete ihr mit der Hand, daß sie eilen möchte. Da sie schon hinaus war, rief er ihr noch nach, wo die Frau Gräfin zu finden sei?

Sie sei nach dem Gärtchen der Tusculana hinaufgegangen, schon vor einer Stunde. Madre mia, was wird sie sagen!

Eberhard nahm seine Tasche und das Manuskript und ging aus dem Zimmer. Als er bei dem Grafen eintrat, fand er diesen bei einer einsamen Flasche Marsala, aus der er vor dem Pranzo einige Gläser zu trinken pflegte, das kleine Gemach mit dem Qualm seiner türkischen Pfeife erfüllend.

Nun? rief er dem Gast entgegen. Schon gelesen? Was dünkt Euch von diesem Exordium meines bellum navale?

Als Eberhard ihm die Blätter auf den Tisch legte und den Brief übersetzte, der es ihm unmöglich mache, noch ferner Kritik zu üben, runzelte er alte Mann zuerst in heißem Zorn die Brauen. Er schien dem Bericht nicht zu trauen und eine Ausflucht dahinter zu wittern. Dann aber, da er die tief verdüsterte Miene des jungen Mannes sah und das leichte Zittern der Hand, die er ihm zum Abschiede bot, wurde sein Ausdruck freundlicher, und mit einer Stimme, in der etwas wie menschliche Theilnahme klang, sagte er: Geht mit Gott, Lieber, und möchtet Ihr es zu Hause besser finden, als Ihr befürchtet. Es wird mir schwer, Euch wieder hinzugeben; ich meine, wir hätten gut zu einander getaugt. Aber wer kann wissen, wozu es gut ist! Wer lange lebt, lernt Nichts beklagen, als was ihn in seinem eigenen Bewußtsein stört. Man überlebt jeden Verlust; nur nicht den der Ehre. Lebt wohl und laßt von Euch hören. Vielleicht kommt Ihr noch einmal wieder in nicht zu langer Zeit; dann richtet Ihr Euch auf ein bequemeres Hierbleiben ein, und wir sehen die Correkturbogen mit einander durch.

Er zog den Gast an sich und berührte mit dem rauhen Bart die blasse Wange des jungen Mannes.

Addio! sagte er. Denkt zuweilen an den Invaliden von Lissa, der nicht auf Rosen gebettet ist.

*

Auch das war abgethan. Nun galt es noch das Letzte und Schwerste.

Die Sonne stand schon tief, als Eberhard über den Hof ging und den Weg zwischen den Kastanienbäumen betrat. Er kam am Cypressenweiher vorbei, zwischen den schwarzen Wipfeln und den hohen Kronen der Pinien spielte ein melancholisches rothes Licht, das sonst sein Malerauge gefesselt haben würde. Er hielt aber die Augen fest an den Boden geheftet, nur bedacht, den nächsten Weg nach der Tusculana nicht zu verfehlen. Seine Stirn brannte, und er athmete schwer.

Als er durch das halb geöffnete Gitter des Zaubergärtchens trat und mit raschem Blick den kleinen blühenden Bezirk durchforschte, entdeckte er kein lebendes Wesen. Eine letzte Hoffnung glomm in ihm auf, sie sei nicht mehr hier, er werde ihr nicht mehr ins Auge zu sehen brauchen und sich mit einem schriftlichen Abschiedswort abfinden können, da die Zeit drängte. Da erhob sie sich plötzlich von einem Marmorkapitäl hinter dem großen weißblühenden Gebüsch, wo sie gesessen hatte, und kam ihm langsam entgegen.

Ihr kommt spät, sagte sie mit ihrer tiefen, weichen Stimme und erhob schalkhaft drohend den Finger. Ihr habt andere Orte schöner und Eurer Kunst würdiger gefunden, als dieses stille Gebiet, von dem Ihr erst so entzückt waret. Seid Ihr so wandelbar in Euren Neigungen?

Ich wußte nicht, daß Ihr auf mich wartet, Gräfin, erst von Rosa erfuhr ich es. Nun bin ich froh, Euch zu finden – ich habe von ernsten Dingen mit Euch zu reden.

Mögen sie so ernst sein, wie sie wollen, erwiderte sie lächelnd, vor Allem laßt Euch sagen, daß ich es nicht mehr hören will, Gräfin von Euch genannt zu werden. Ich bin Eure Freundin und Schülerin. Ihr sollt mich Luigia nennen – wie mein Vater mich nannte – wenn wir allein sind. Wollt Ihr das thun?

Nun denn, Luigia …

Er stockte. Erst als er sah, daß ihr schönes, heiteres Gesicht einen ängstlichen Ausdruck annahm, faßte er sich ein Herz und sagte ihr, weßhalb er gekommen war.

Er zog dabei den Brief aus der Tasche und fragte, ob er ihn ihr vorlesen solle.

Doch zu seinem Erstaunen wurde ihre Miene wieder hell, und ein kluges, überlegenes Lächeln spielte um ihren Mund.

Laßt das nur sein, erwiderte sie kopfschüttelnd. Da ich Eure Sprache nicht verstehe, könnt Ihr mir Gott weiß was für böse Dinge aus dem Briefe dolmetschen – die ich Euch doch nicht glauben werde. Ich sehe, daß Ihr fort wollt und einen zwingenden Grund dazu Euch ausgedacht habt. Aber das ist ganz überflüssig. Lese ich nicht in Eurem Herzen und weiß, weßhalb Ihr mich fliehen zu müssen glaubt? Steckt den Brief wieder ein und setzt Euch zu mir an den Rand der Fontäne. Auch ich habe mit Euch zu reden, und von sehr ernsthaften Dingen.

Dann, als er unbeweglich stehen blieb und sie mit fragenden Augen anstarrte, sagte sie

Everardo, ich weiß, daß Ihr mich liebt. Wie sollte ich es nicht wissen, da Ihr Euch so thöricht bemüht habt, es mir zu verbergen? Eine Frau läßt sich nicht täuschen, am wenigsten eine unglückliche, die jahrelang vergebens nach einer wahren Liebe geschmachtet hat und deren Tod und Leben daran hängt, daß Gott ihr endlich dieses Glück beschert. Ihr aber, Ihr seid gut und edel, Everardo, aber Ihr seid blind. Muß ich es Euch denn selbst sagen, daß Ihr mich nicht mehr lieben könnt, als ich Euch liebe, daß diese Hölle, in der ich gelebt, mir zum Paradiese geworden ist, seit ich darüber klar geworden bin, wie es um mich und Euch steht?

Sie trat ihm einen Schritt näher. Er fühlte durch seine gesenkten Augenlider die Wärme des innigen Blicks, den sie auf ihn heftete.

Lieber Thor, flüsterte sie, hast du wirklich fliehen wollen, weil du glaubtest, Luigia werde deine Leidenschaft nie erwidern, und du zu stolz warst, darum zu betteln? Da nimm sie hin, sie schenkt sich dir zu ewigem Eigenthum, daß du sie rettest, erlösest, beseligst, ihr all die Schmerzen tausendfach vergütest, die sie jahrelang erdulden mußte. Ach, Everardo, die beste Jugend ist versäumt. Aber deine Liebe wird Luigia wieder ein neues Leben schaffen, und sie wird Gott auf den Knieen danken, daß er dies Wunder gethan und ihr schon auf Erden den Himmel geöffnet hat.

Da erhob er den Blick und begegnete dem ihren.

Wie von einem eisigen Schauer überfallen, wankte sie zurück und der Glanz auf ihrem Gesicht erlosch.

Was ist das? hauchte sie. Everardo …

Er haschte nach ihrer Hand, die schlaff herabgesunken war, und bedeckte sie mit Küssen.

Luigia, mein armes Herz, rief er, höre mich an … nein, du mußt dich fassen, wir müssen diese schwere Stunde überstehen … sieh mich nicht so feindlich an, als hätte auch ich dich betrogen und litte nicht so schwer wie du. Komm, du hältst dich nicht aufrecht, laß dich nieder und höre mir zu …

Was hast du mir zu sagen? unterbrach sie ihn, ohne sich zu rühren. Du liebst mich nicht … ich habe mich jammervoll getäuscht … nun ist es aus … nun geh, geh! Was aus mir werden soll … nach dieser letzten furchtbaren Schmach … o Mutter der Gnaden!

Plötzlich brach sie zusammen, ein Stroms von Thränen stürzte aus ihren Augen, wie eine Sterbende wand sie sich am Boden, das Gesicht mit den Händen bedeckend, in krampfhaftem Schluchzen. Ihre Haare waren aufgelös't, sie drückte die dunklen Flechten gegen ihre Augen, von Zeit zu Zeit brach ein erstickter Laut der Verzweiflung von ihren Lippen.

Da kniete er neben ihr und hob sie mit leidenschaftlicher Gewalt vom Boden auf, ihre Hände fassend und die zärtlichsten Bitten und Schmeichelworte ihr ins Ohr flüsternd.

Luigia, stammelte er, du irrst, es ist nicht, wie du denkst, o, es ist viel trauriger! Wenn ich dich nicht liebte …

Da erhob sie sich mit großer Mühe, warf ihr Haar in den Nacken zurück und sah mit feuchten Augen, wie wenn sie aus einem schreckensvollen Traum erwacht wäre, umher. Nein, nein, sagte sie vor sich hin, es ist kein Irrthum. Ich hab' es ganz deutlich gehört: »Luigia, mein armes Herz!« Wenn ich geliebt würde, wer brauchte mich dann noch zu beklagen! Was soll ich noch hören? Was kann es mich noch kümmern, warum ich den Todesstoß empfangen muß? Meine ganze Schuld ist, daß ich nicht liebenswürdiger bin, und daß ich mir einbildete, ein Herz zu besitzen, das Nichts für mich empfindet als Mitleid!

Er hatte, während sie diese Worte halb wie zu sich selbst hervorstieß, sie umfaßt und die ganz Entkräftete auf den Brunnenrand niedergelassen, wo er neben ihr Platz nahm, den Arm fest um ihre Schulter geschmiegt, sein Gesicht an ihre nasse Wange gedrückt.

So hielt er sie wie ein hülfloses Kind und sprach leise an ihrem Ohr:

Nicht ein Wort ist falsch von Allem, was du in meinem Herzen gelesen hast. Nie habe ich vor dir ein Weib geliebt, nie eines so wie dich zu besitzen gewünscht. Und doch muß ich dich verlassen, doch ist keine Hoffnung, dich wiederzusehen. Wenn es mit meiner Mutter so hoffnungslos stehen sollte, wie der Brief mich fürchten läßt, hat meine Schwester Niemand zur Stütze als mich. Die beiden Frauen haben von einer kleinen Beamtenpension gelebt, die mit dem Tode der Witwe erlischt. Ich blicke in eine unsichere Zukunft voll Kampf und Arbeit. Wie sollte ich das vermessene Wagniß unternehmen, ein Weib in dies Leben mit hineinzuziehen, ein Weib, Luigia – das ich seinem rechtmäßigen Besitzer entführen müßte? Ich will nicht davon reden, daß ich Gastfreundschaft bei ihm genossen, daß er mir als dem schnödesten Räuber seines Gutes fluchen würde. Wie aber sollte ich dich ihm entreißen, in diesem Augenblick, da ich keine heiligere Pflicht habe, als dem Ruf an das Sterbebett meiner Mutter zu folgen? Müßtest du selbst mich nicht verachten, Luigia, wenn ich für diesen Ruf taub bliebe und nur auf die Stimme der Leidenschaft hörte, die mir hier ein überschwängliches Glück verheißt?

Sie hatte längst aufgehört zu schluchzen und seinen leisen, dringenden Worten still gelauscht. Jetzt nickte sie plötzlich ganz beruhigt vor sich hin.

Du hast Recht, sagte sie, du mußt zu deiner Mutter. Aber sie ist eine alte Frau und hat ihr Theil von Glück genossen, während ich … nein, sie kann nicht so selbstsüchtig sein, dich mir zu entziehen. Wenn sie wieder gesund wird – was braucht sie dich dann, da sie noch die Tochter hat? Und stirbt sie – nun, so kehrst du zu mir zurück … und dann, dann …

Was dann, Luigia?

Dann bleibst du bei mir, und wir sind glücklich. Er braucht dich, er hat keinen Argwohn gegen dich, und ich schwöre es dir zu, Everardo, ich werde nur dir gehören. Oder wenn es dir lieber ist, so fliehen wir mit einander. Siehst du dort den hellen Streifen am Horizont blitzen? Das ist das Meer, bis dahin kommen wir leicht, und von dort …

Luigia, flüsterte er tief erschüttert, die Hälfte meines Lebens gäb' ich darum, wenn ich die andere mit dir theilen könnte. Aber wir bezwingen das Schicksal nicht. Ich muß fort, in dieser Stunde, und ich wäre deiner Liebe nicht werth, wenn ich dich mit falscher Hoffnung betrügen könnte. Nie werde ich glücklich werden in der Ferne, Tag und Nacht auf Mittel sinnen, dein Loos zu erleichtern. Aber unser Glück auf Frevel und Leichtsinn zu bauen, bring' ich nicht übers Herz. Luigia, meine arme Geliebte, fasse dich! Du bist noch so jung, eh' du's denkst, kann dein Kerker sich aufthun, und die Welt liegt offen vor dir. Versprich mir …

Sie richtete sich gewaltsam auf, indem sie seine Arme, die sie halten wollten, mit beiden Händen zurückstieß. Ihre Züge hatten sich plötzlich verwandelt, sie erschien um zehn Jahre gealtert, kein Blutstropfen war in dem entgeisterten Gesicht zurückgeblieben.

Feigling! hauchte sie mit kaum vernehmbarer, heiserer Stimme. So geht! geht! – Seid Ihr noch da? Fühlt Ihr denn nicht, daß Eure Gegenwart mir unerträglich ist? – Genug! – Nein, so toll und thöricht bin ich nicht, Euch zu zürnen. Was könnt Ihr dafür, daß Ihr seid, wie Ihr seid? Ich bemitleide Euch nur! Ihr hättet es so gut haben können – ich wollte Euch selig machen, seliger als im Paradiese die Auserwählten – Ihr aber, Ihr wollt lieber weise als glücklich sein – geht! Ihr habt Recht. Wir hätten uns nur gequält, da wir uns nie verstanden hätten! So lebt denn wohl, und glückliche Reise! Und da ist Euer Buch. Ein Andenken an Euch würde mich martern. Gott wird gnädig sein und mich diese Stunde vergessen lassen.

Er war aufgesprungen und hatte im bittersten Schmerz die Arme ausgestreckt, sie zu umfangen, vor ihr niederzuknieen und sie um ein gütigeres Abschiedswort anzuflehen. Sie blickte ihn aber mit einer eisigen, hoheitsvollen Miene von Kopf bis zu den Füßen an, machte eine streng abwehrende Bewegung mit der Hand und ließ das Buch ihm vor die Füße fallen. Dann sah er, wie sie langsam dem Gitter zuschritt, es hinter sich schloß und in dem dunklen Laubgang, der auf den Weg nach Tusculum führte, verschwand. – –

Eine Stunde später saß er in dem raschen Wagen, der ihn nach Rom bringen sollte. Nie wohl hat ein Mensch in tieferer Verstörung den Weg durch die nächtliche Campagna zurückgelegt, vor sich das blasse Bild der sterbenden Mutter, an seiner Seite das zürnende Gespenst einer verlorenen Liebe, gegen deren Klagen und Anklagen sein redlich kämpfendes Gewissen nur ein schwacher Anwalt war.

*

Wochen und Monate vergingen. Am zehnten Tage nach jenem Abschied im Garten der Tusculana kam ein schwarz umrändertes Blatt an den illustren Grafen Carlo di Sammartino aus einer deutschen Stadt, deren Namen Niemand in Frascati oder Villa Falconieri jemals gehört hatte. Da auch Niemand deutsch verstand, konnte man den Inhalt der gedruckten Todesanzeige nur errathen. Nur der Name des Unterzeichneten war bekannt: Eberhard ***, Dr. phil. Aus dem Datum war zu entnehmen, daß er die Mutter noch lebend angetroffen haben mußte.

Gesprochen wurde nicht weiter darüber, auch der Name des Gastes, der eine so tiefe Spur hinterlassen, von keinem Bewohner der Villa mehr genannt. Es wurde überhaupt von Tag zu Tage weniger gesprochen unter ihrem Dach. Die Herrin des Hauses ging stumm und starr wie abwesenden Geistes umher und antwortete selbst ihrer Rosa fast nur noch mit Blicken und Geberden. Der Graf öffnete zwar die Lippen, aber was er sagte, klang immer weniger wie menschliche Rede, immer mehr wie das dumpfe Murren und Heulen eines verwundeten Thieres.

Seine schlimme Zeit nahte heran, die schweren Wochen des Hochsommers, wo das Blut in seinen Adern stockte und gährte, er auf das Sitzen im Lehnstuhl verzichten und sich auf seinem Bette wälzen mußte, da nur dann der Schmerz in den verstümmelten Füßen erträglich war. Er mußte seine Arbeit unterbrechen und sich auf Lesen beschränken, was ihm eine um so größere Marter war, da das Werk sich seinem Abschluß näherte. An manchen Tagen, wenn Scirocco ihm das Blut schürte und er in der dumpfen Luft Tage und Nächte schlaflos zubringen mußte, wagte sich Niemand in seine Nähe, und selbst Bernardo kam bleich und zitternd aus dem Zimmer, worin der Wüthende lag, wenn er ihm geholfen hatte, seine Nachttoilette zu machen.

Einmal an jedem Tage erschien die Gräfin an der Schwelle und fragte mit einem gleichgültigen Wort nach seinem Befinden. Im Uebrigen war sie selten lange zu Hause. Sie hatte sich gewöhnt, weite Ritte zu Esel über die Höhen und Thäler des Gebirges zu machen, nur von Checco begleitet und Sultan, der unermüdlich vorantrottete. Auch solange der Graf noch seine abendliche Spielpartie hatte, erschien sie dann erst, wenn die Herren schon aufbrachen. Ihr Mann hatte ihr einmal Vorwürfe gemacht über ihre einsamen Streifzüge und sie ihr untersagen wollen.

Sie hatte kein Wort erwidert, ihn nur achselzuckend angesehen und mit zurückgeworfenem Haupt das Zimmer verlassen.

Seitdem ließ er sie gewähren.

Eines Tages aber, da er sich etwas gebessert hatte und die beiden Gatten das zweite Frühstück wie sonst mit einander einnahmen, entstand ein Zwist zwischen ihnen aus einem geringen Anlaß, der sich auf Seiten des Grafen zu so wüthender Hitze steigerte, daß er, als die Gräfin mit einer verächtlichen Geberde aufstand, um hinauszugehen, den Stock mit der eisernen Krücke nach ihr schleuderte. Der Wurf traf sie nur schwach am Knie, und der Stock fiel klirrend auf die Fliesen. Sie war aber leichenfahl geworden bis in die Lippen hinein. Sie wollte etwas sagen, aber die Stimme erstarb ihr. Nur ein heiseres Lachen erklang in dem öden Raum, dann fiel die Thür hinter der hohen Gestalt ins Schloß, und der rasch ernüchterte hülflose alte Mann war mit seinem grimmigen Unmuth allein.

An diesem Tage kam die Gräfin nicht mehr zum Vorschein, auch an dem folgenden nicht. Der Graf fragte nach ihr in Gegenwart Don Gaetano's und des Neffen, die wieder zum Spiel geladen worden waren. Bernardo zuckte die Achseln, die Frau Gräfin habe das Haus nur verlassen, um nach der Tusculana hinaufzusteigen. Sie sei todtenbleich und scheine sich unwohl zu fühlen. Es ist gut! hatte der Graf erwidert. Wer ist am Geben? – und das Spiel war in der üblichen Weise mit Zanken und Toben weiter gegangen.

Doch drohte auch dieses sehr bescheidene Vergnügen ein Ende zu nehmen. Der junge Seminarist war völlig hergestellt, ja, er blühte förmlich wie ein jugendlicher Athlet an Kraft und Frische, und es ließ sich kein Vorwand ersinnen, ihn länger im Gebirge zurückzuhalten. Am letzten Abend, da sie das letzte Spiel beendet hatten, nahm der Graf in seiner wilden Art Abschied von dem Jüngling.

Schick mir einen Stellvertreter heraus, rief er ihm nach, oder sorge, daß du selbst wieder fortgeschickt wirst, Beppino. Dein Onkel allein ist ein langweiliger Schwätzer, und ich bin froh, sein fettglänzendes Gesicht nicht sehen zu müssen.

Er ging murrend und fluchend zu Bett. Daß Jemand, der ihm nützen konnte, ihm entging, war das Unverzeihlichste, was man ihm anthun konnte.

Am andern Morgen, als er sich mühsam zu seinem Fensterplatz hingeschleppt und zum erstenmal wieder die Hefte hervorgesucht hatte, um endlich die letzten Seiten zu schreiben, öffnete sich die kleine Thür des Cabinets, und die Gräfin trat ein.

Sie war schwarz gekleidet, das Gesicht von alabasterner Blässe, die Züge ganz starr, und die Augen schienen noch größer als sonst. Ohne eine Geberde des Grußes schritt sie dicht zu dem höchlich erstaunten Gatten hin und sagte:

Ich habe Euch eine Mittheilung zu machen, Graf Sammartino. Ich wollte das Leben, das Ihr mir zur Hölle macht, enden, indem ich entfloh. Alle Mittel dazu waren in Bereitschaft, auch mein Begleiter schon angeworben und, was das Thörichtste war und Euch zeigen mag, zu wie rasender Verzweiflung Ihr mich getrieben habt: den Preis, den er sich ausbedungen, hatte ich ihm schon im voraus bezahlt. Ihr errathet wohl, daß Niemand anders damit gemeint ist, als Beppino. Nun, gestern Abend sollte er mit einem Wagen mich abholen an der verabredeten Stelle. Statt seiner kam die Magd seines Oheims und brachte mir seine Abschiedsgrüße: er habe dem Befehl seiner Oberen folgen und nach Rom zurückkehren müssen.

Eine tiefe Stille war in dem kleinen Gemach. Erst nach einer langen Pause wandte sich der Graf nach der regungslosen Gestalt um und sagte:

Wozu hast du mir diese Mittheilung gemacht, die mir nichts Neues sagt, nur, daß du nicht aufhörst, wahnsinnige Pläne zu schmieden, die alle scheitern müssen?

Sie blickte ihm fest ins Auge.

Habt Ihr mich verstanden, Graf Sammartino? Ich sagte Euch, daß ich den Preis im voraus bezahlt habe und von dem Elenden darum betrogen worden bin. Was Ihr mit ihm thun wollt, ist mir sehr gleichgültig. Ich aber … ich denke, daß Ihr es mit Eurer Ehre nicht vereinigen könnt, ein Weib neben Euch zu dulden, das die Geliebte eines nichtswürdigen Priesterzöglings gewesen ist.

Sie wollte fortfahren, ihm ins Gesicht zu sehen. Aber der Ausdruck seiner plötzlich verwandelten Züge war so furchtbar, daß sie unwillkürlich die Augen senkte. Sie hörte, wie der Athem in seiner Brust mühsam leuchte und unverständliche, heisere Laute von seinen Lippen brachen. Die Augen in ihren dunklen Höhlen waren fast erloschen, die weißen Haare auf seiner Stirn zitterten.

Tödtet mich! hauchte sie kaum vernehmbar. Mir ekelt vor diesem Leben, mir graut vor mir selbst. Seht nun Euer Werk – und legt die letzte Hand daran.

Noch immer regte er sich nicht. Plötzlich erhob er sich, mit den Armen sich schwerfällig auf die Lehnen stützend, und schleuderte ihr ein Schimpfwort ins Gesicht. Dann erhob er die rechte Hand und deutete, an allen Gliedern bebend, nach der Thür.

Hinaus! kreischte er. Hinaus … auf der Stelle …!

Sie neigte, ohne ein Wort zu sagen, das Haupt und verließ das Gemach.

Nicht lange nachher sah Rosa, die unter der Halle mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt war, ihre Herrin aus dem Hause treten. Sie ging an ihr vorbei, ohne ihrer zu achten, das Haupt entblößt, die Arme über der Brust gekreuzt. Sultano war herangesprungen und hatte seinen großen Kopf an ihre Hüfte gedrängt, ohne wie sonst eine Liebkosung von ihrer Hand zu empfangen. Mit großen Schritten ging sie längs der Brustwehr auf und ab, die den tiefen Hohlraum zwischen dem Hause und der Terrasse abgrenzt. Ihre Augen waren unverwandt ins Leere gerichtet.

Was sie nur haben mag? seufzte die treue Dienerin. Misericordia! Sie zehrt sich immer mehr auf, ihre eigenen Gedanken werden sie erwürgen!

Da hörte sie einen Schuß fallen, von der Seite des Hauses, wo die Zimmer des Grafen lagen. Ohne sonderlich dadurch erschreckt zu sein, da sie die Sitte des Hausherrn kannte, blickte sie auf, aber mit einem Jammerschrei fuhr sie in die Höhe und stürzte nach der Brustwehr hin. Neben derselben, zusammengebrochen und ohne einen Laut von sich zu geben, lag ihre geliebte Herrin, der Hund stand, ein wildes Geheul ausstoßend, mit aufgerichtetem Kopf und heftig den Schweif bewegend, neben ihr und blickte nach dem Eckfenster des oberen Stockwerks, aus dem ein leichtes Rauchwölkchen in die stille Luft emporwirbelte. In dem dunklen Fensterrahmen sah man das weiße Haupt hervorleuchten und den Lauf des Revolvers in der Sonne blitzen.

*

Die blutige Tragödie in der Villa Falconieri, die ungeheures Aufsehen machte, hatte noch ein erschütterndes Nachspiel vor den römischen Geschworenen.

Der Graf war in seinem Rollstuhl in den Sitzungssaal gebracht worden, wo er mit festem Blick die Richter und das Publikum betrachtete und dann die Augen starr auf die kleine Waffe heftete, mit der er die rasende That gethan, und die als stumme Belastungszeugin auf dem Tische vor der Jury lag. Die Anklage wie die Rede des Vertheidigers hörte er scheinbar geistesabwesend mit an. Nur als der Richter ihn fragte, ob er noch etwas hinzuzufügen habe zu dem glänzenden Plaidoyer, das all seine Verdienste um das Vaterland hervorgehoben und auf seinen kläglichen körperlichen Zustand, der ihn um den zuverlässigen Gebrauch seiner Sinne gebracht, hingewiesen hatte, erhob er sich mit Hülfe seines Stockes und hielt sich zitternd, aber in stolzer Haltung aufrecht.

Mein Herr Vertheidiger, hub er mit lauter Stimme an, hat mich der Milde und Nachsicht der Geschworenen empfohlen, da ich die That unmöglich mit freiem Entschluß, sondern nur durch ein beklagenswerthes Versehen begangen haben könne. Im Begriff, wie ich oft gethan, in den Abgrund zu zielen, um eines der Thiere zu treffen, an denen ich meine harmlose Jagdlust befriedigte, habe mir die Hand gezittert und daher jenen verhängnißvollen Fehlschuß gethan, der durch das Fieber und die Schwäche meiner hohen Jahre nur allzu erklärlich sei. Nun denn, meine Herrn Geschworenen, erfahren Sie, daß nichts von alledem der Fall war. Ich wußte genau, wohin ich zielte, und wußte auch, warum ich es that. Diese Frau, deren Schönheit und Tugend mein Advokat einen begeisterten Hymnus gewidmet, hatte sich schwer gegen mich vergangen und meine Ehre unheilbar verletzt. Der Graf Carlo di Sammartino hatte nichts mehr heil und unversehrt als seine Ehre. Wenn es mildernde Umstände für das Gericht, das er selbst vollstreckte, geben kann, so ist es das Eine, daß er den Flecken auf seiner Ehre mit eigener Hand wegwaschen wollte. Diese Hand – sie zittert noch nicht – die Herren können sich selbst überzeugen, daß der Held von Lissa noch einen sichern Schuß zu thun vermag.

Er war bei diesen Worten an den Tisch herangestapft und ergriff plötzlich mit einer ruhigen Bewegung die Waffe. Im nächsten Augenblick brach er, ins Herz getroffen, lautlos vor den Geschworenen zusammen.

 

———————

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.