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Neuere politische und soziale Gedichte

Ferdinand Freiligrath: Neuere politische und soziale Gedichte - Kapitel 34
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typepoem
authorFerdinand Freiligrath
booktitleWerke in neun Bänden ? Fünfter Band
titleNeuere politische und soziale Gedichte
publisherTh. Knaur Nachf., Berlin und Leipzig
editorSchmidt-Weißenfels
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090420
projectid5606544c
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Zwei poetische Episteln

1852.

An Joseph Weydemeyer

1.

London, den 16. Januar 1852

Die Muse, willst du, soll zu raschem Fluge
Den Renner schirren und nicht länger träumen;
An deiner Pforte, wünschest du mit Fuge,
Soll mein versprengtes Flügelroß sich bäumen;
Ach, »lieber Freund und Redakteur« (wie Ruge
An Heinzen schreibt) zum Satteln und zum Zäumen
Des allzeit mut'gen, wenn auch arg gehetzten,
Sind wahrlich schlechte Zeiten diese letzten.

Deutlich zu sein: Du hörtest von den Taten,
Die zu Paris verrichtet Bonaparte!
Der Biedre zählt nun zu den Potentaten,
Und der Messias, den die Welt erharrte,
Der rote Mai, ward von den Herrn Soldaten
Im Mutterleibe schon gewürgt: – Erwarte
Bei so bewandten kitzlichen Geschichten
Ein Lied von mir, o Teuerster, mit nichten!

Keins wenigstens, das tollkühn prophezeite,
Wie ich vordem zu prophezeien pflegte,
Als (Ein Exempel nur!) von allem Streite,
Der achtundvierzig froh die Welt bewegte,
Ich sechsundvierzig schon in ep'scher Breite
Ein treues Bildnis ihr zu Füßen legte,
Und später dann, als Sieg durch Deutschland gellte,
Warnend den Umschlag auch vor Augen stellte.

Wie damals zwar, so hab' ich jetzo auch
Von dem, was sein wirk, allerlei Gesichte;
Bin ich zu Haus doch, wo bei jedem Strauch
Ein Spoikenkieker steht und Vorgeschichte
Sieht und doziert im fahlen Heiderauch –
Doch wolle nicht, daß diesmal ich berichte,
Was sich mir dargestellt: die Sachen liegen
Dennoch verzwickt – der Beste kann sich trügen.

Und darin, ich gesteh' es, bin ich eitel,
Ungern, höchst ungern möcht ich mich blamieren,
Ungern, höchst ungern von der Dichterscheitel
Des Prophezeiers Lorbeerkranz verlieren!
Ich bin nicht, wie die Herren, die mit Beutel
Und Schwert bis überm Ozean hausieren;
Die bei den Negern selbst nach »Heu« und »Moos« gehn,
Leichtsinnig sprechend: »Morgen kann es losgehn!«

»Kann – heißt das: wird! – Ja doch, schon Februar,
(Warum denn Mai erst?) wird es sich begeben!
Wir zelebrieren auf den Tag dies Jahr
Das alte durch ein neues Schilderheben!
Doch – Bürger, Freunde, Brüder! – Eins ist klar:
Der Nerv der Dinge noch fehlt unserm Streben;
Einzig der Dollar hilft ihm auf die Beine: –
Ihr wünschtet, Brüder, wie viel Int'rimsscheine?

»Wohl garantierte! Zwar, die Nation
Gab kein Mandat uns, Anleih'n auszuschreiben:
Indes, die Gute muß bestät'gen schon
(Im Februar!) und darf nichts hintertreiben!
Denn unser wird die Revolution,
Die zweite, sein und – unser wird sie bleiben –
Schon, weil die erste wir (wie unbestritten!)
So wunderschön Verfahren und verritten!

»Schon teilten wir die Stellen brüderlich;
Bereit ist alles – bis auf euren Segen!
Drum in die Tasche greife jeder sich:
Wer seinen Beutel zieht, der zieht den Degen!
Es ist so gut, als trotzt' er Hieb und Stich,
Als hielt er Stand im ärgsten Kugelregen!
Er ist, wie wir, Held und Apostel eben–
Und alte Sünden gar sei'n ihm vergeben!«

O Tezel, Tezel! Nicht durch Ablaßzettel
Wirfst du der Freiheit Feinde übern Haufen!
Kein Thron annoch fiel nieder durch den Bettel!
Die Revolution läßt sich nicht kaufen!
Du machst das wilde, stolze Weib zur Bettel;
Von Tür' zu Türe lässest du sie laufen,
Den allzeit off'nen Ranzen um die Lenden,
Und den bekannten Teller in den Händen!

Das ist die Hohe nicht, die wir verehren!
Die liegt zur Zeit gebunden und im Staube,
Die ballt die Faust auf mod'rigen Galeeren,
Zerweht das Haar, zerfetzt die Phrygerhaube;
Die trägt am Leibe Wunden, Striemen, Schwären,
Die kann dir sagen (kalt und kühl, das glaube!),
Wie heiß die, Sonne Nukahiwas brenne,
Und »wo der Pfeffer wächst,« – der von Cayenne!

Die schweift allein mit sich und ihrem Zorn;
Achtlos, ob man sie lobt, ob man sie schmäht!
Die setzt von ihrem Haupt nicht Dorn um Dorn
In Taler um und Popularität!
Der ist ihr Elend nicht der Wiesenborn,
An den: sie lächelnd, ein Narzissus, steht
Und Toilette macht. – Wie? – C'est selon:
Bald für die Kneipe, bald für den Salon!

Die wimmert nicht, zum Nutzen und zum Frommen
Der Republik, mit Kandidaten-Stimme;
Die wartet still, bis ihre Zeit gekommen –
Und dann erhebt sie sich mit Löwengrimme,
Und nimmt sich wieder, was man ihr genommen,
Und, ob das Estrich auch im Blute schwimme,
Sie wandelt fest auf den zerriss'nen Sohlen –
Denn ihre Schnellkraft liegt nicht in Obolen!

Denn – aber halt! wohin, o milde Leier,
Verirrst du dich? Ich wollte ja nur sagen,
Daß ich als Wecker und als Prophezeier
Nicht dienen kann in diesen letzten Tagen;
Doch daß ich gern, o Freund und Weydemeyer,
(Wenn anders meine Verse dort behagen)
Durch minder kühne Lieder und Berichte
Dein jugendliches Feuilleton verpflichte.

Als zum Exempel: – Literatur und Kunst
Stehn jetzt in Deutschland wieder sehr im Flore;
Um Rhein und Elbe mit erneuter Brunst
Lobsingt Apollo samt der Musen Chore;
Manch' edler Sänger freut sich hoher Gunst;
Lyrik und Drama ziehn durch gold'ne Tore
Heim zu den unsern; breit und pachterlendig
Pocht der Roman auch an, dreimal dreibändig.

Wie wär' es, Freund (und Redakteur), wenn diese
Und andre Dinge manchmal wir besprächen;
Wenn wir daheim auf der beblümten Wiese
Hier einen Speer, dort eine Dolde brächen
Wenn wir gelassen (niemals mit Malice!)
Nach jedes Strohmanns hohlem Wanste stächen,
Der übern Weg tappt mit den plumpen Fersen –
Natürlich, alles in den schlanksten Versen?

Die Sache scheint dir sonderbar; indessen
Seit junge Blätter der Olive sprießen,
Läßt sich am besten noch von den zwei Messen
Auf Politik und Leben bei uns schließen;
(Bierhäuser freilich sollt' ich nicht vergessen –
Doch darf für uns in Deutschland Bier jetzt fließen?)
Drum, schrieb' ich auch nur literarisch-kritisch,
Würd' es am Ende dennoch wohl politisch.

2.

London, den 23. Januar 1852

Uns jüngste Reimer gründlich zu kurieren
Von allem Dünkel der Poeterei,
Muß unser Stern uns an die Themse führen –
Nicht in den Dichterwinkel der Abtei,
(Nur wen'ge sind, die Besserung dort spüren,
Wie kalt und vornehm auch das Auge sei,
Mit dem, hervor aus ruhigen Marmorbrauen,
Die stolzen Toten auf uns niederschauen!)

Nein, in die Straßen, in die pochenden Adern
Der Riesenstadt, die blut- und lebenvollen:
Auf ihre ewig wiederhallenden Quadern;
In ihr Getös, in ihrer Räder Rollen;
In all' ihr Brausen, Rufen, Reden, Hadern;
In ihren Strom, den hastigen, den tollen,
Von Wandelnden, die auf Und ab die breiten,
Zwei Heeren, gleich, bis Mitternacht durchschreiten!

O, deutscher Dichter, wer fragt hier nach dir?
Und prangtest du im Lexikon von Brockhaus,
Und druckte Cotta dich in Miniatur,
Und ziertest du sogar einmal das Stockhaus,
(Wie sonst ein Damen-Album!): – gilt das hier?
Geh' nach Wisconsin doch, geh' in ein Blockhaus!
Du bist dort minder aus der Welt, fürwahr!
Als zwischen Charing Croß und Temple Bar!

Das heißt, dafern du lächelnd es verschmähst,
Dein bißchen Ruf im Aufstreich auszubieten;
Dafern du nicht von Tür zu Türe gehst,
Ob sie vielleicht dein Lorbeerbäumchen mieten
Für ihre Routs; dafern du ferne stehst
Den Drawing Rooms (Gott wolle dich behüten!)
Auf deren Teppichen – just für eine Season! –
Der jüngste Löwe feiernd wird gewiesen!

Hans Christian Andersen – hier rag' ein Stein
Für dich, mein Däne! Stattlich und gesegnet
Warst du als Leu! Fünf Jahre mögen's sein,
Da bist du in Old Broadstreet mir begegnet;
Ich kannte dich am schlotternden Gebein
Von ferne schon – es hatte grad geregnet,
Und war sehr glitschig. »Halt, Freund, grüß' dich Gott!«
Rief ich dir zu; »und wann auf einen Pot

»Vom besten Stout und eine Hammelkeule
Kommst du hinaus zu mir und meiner Frauen?«
Du standest sinnend eine kleine Weile,
Und sahst mich an mit deinen ostseeblauen
Wäss'rigen Augen, zappelnd wie vor Eile.
Sodann: »mein Herr –? ein Deutscher Wohl –?« Die Brauen
Zog ich zusammen, als ich mich dir nannte –
Dir, der mich' einst an meinem Herde kannte!

(Zwar hatten mich seitdem der Götter Launen
Tüchtig geknufft – ich war gefloh'n aus Preußen –
Et Cetera!) – Du warst nun ganz Erstaunen,
Und sprachst in Worten, die gesetzte heißen:
»Sie machten, Bester, vormals einen braunen
Eindruck auf mich, doch jetzo einen weißen!
Sie sind viel blasser als zu St. Goar,
Und wissen nun, warum ich grob fast war!

»Hinaus zu Ihnen –? Ja, wenn nur die Zeit –
Hier ist mein Taschenbuch! O Gott, ich seh',
Ich bin versagt auf einen Monat! Heut'
Speis' ich bei Hambro (er ist mein Bankier!),
Bei Rothschild morgen! Ach, es ist ein Leid;
Ein Elend ist es! – dann die haute volée:
Graf Reventlow läßt mir nur selten Ruh',
Und Lady Palmerston auch sagt' ich zu!

»Lady Duff Gordon – Ach, wenn Sie nur wüßten,
Wie überall die Damen mich verehren!
Die Trefflichen! Bei Juden und bei Christen,
Sind sie sich gleich: sie wollen Märchen hören!
Ach, wie das zündet in den jungen Brüsten,
Wenn Bleisoldaten, Flöhe, gelbe Möhren
Ich reden lasse! Täglich, nassen Blickes,
Ruf' ich: Verdien' ich's denn? Zu viel des Glückes!«

Ich ernsthaft drauf: »Sie waren doch nicht minder,
Mit Recht Verehrter bei der Königin?
Kein Zweifel wohl: Sie wirkten auf der Kinder,
Der allerhöchsten, leicht erregten Sinn
Durch Märchen auch? Es heißt, der Hofbuchbinder
Zog durch Ihr Schaffen reichlichen Gewinn:
Drum kennen Sie gewiß die Hintertüre,
Von der man sagt, daß sie den Künstler führe

»Hinein zum Buckingham-Palast?« – O Schmerz!
Ein flüchtig Rot huscht' über deine Wangen;
Du hobst die Hand, wie schwörend, himmelwärts,
Und hauchtest: »Nein, ich wurde nicht empfangen!
Doch ist's nicht meine Schuld! Frei weiß mein Herz
Von allem Vorwurf sich! Ich bin gegangen
Vor jedes Tor! Selbst »mein Minister« lief!
Hat nicht Prinz Albert längst mein Kreditiv?

»Hat nicht –? doch still, ich wasche meine Hände!«
Ach, armer Freund, mit ruhelosem Geist
Bist du nach Schottland, bist du bis ans Ende
Der Welt dem »Hofe« damals nachgereist!
Am Saum der Seen, im Grau'n der Felsenwände
Hast du (vergebens doch!) ihn bang umkreist –
Statt, ein Poet, bei Ayr-shire Birkenbäumen
Von Burns, dem Dichter hinterm Pflug, zu träumen!

Ich sah dein Bildnis im Kristallpalast:
» A bust in plaster« heißt's im Katalog!
Von Jerichau! Verlassen hielt es Rast:
Wo jetzt der Flatterschwarm, der dich umflog
Zu jener Zeit? Ich war der einz'ge fast,
Der aus dem bunten, wimmelnden Gewog
An dich herantrat, und erfreut dich grüßte –
Kein Kultus sonst, o Freund, vor deiner Büste!

Doch nun Ade – dir und dem Löwentume!
Ich bin nur Bär! Bär brumm' ich durch die Massen,
Und gleiße nicht mit meinem »Dichterruhme«,
Dem schön zerwetterten, durch Londons Gassen:
Den »Flüchtling«, meinst du, könnt' ich doch als Blume
Der Passion im Knopfloch prangen lassen?
Ich dächte gar! Was bin ich diesem Volke?
Hinschreit' ich ruhig unter meiner Wolke!

Und stähle mich an diesem mutigen Leben,
In das aufs neue mich mein Schicksal warf;
Das unerbittlich mich in frisches Streben
Und Tun hineinspornt, hart und rauh und scharf!
Das meine Träume, meine Lieder eben
So wenig kennt, als ihrer gar bedarf:
Das, achtlos meiner »Lorbeern«, an mir rüttelt,
Und mich – entwurzelt? – nein, nur fester schüttelt!

– Sieh da, Freund Redakteur! Ich wollte dich
Von andern Dingen zwar noch unterhalten,
(Den Almanach der Musen namentlich
Gedacht' ich heut' in deinen werten Spalten
Noch zu beleuchten!) doch schon rüstet sich
Zur nächsten Postfahrt die »Europa«. Wallten
Nicht ihre Wimpel, ihre Dämpfersäulen
Meerwärts schon morgen, dächt' ich an kein Eilen!

So aber brech' ich ab, und was im Schilde
Ich sonst noch führe, folgt »in Bälde« nach;
Vor allen Dingen das Produkt der Gilde,
Der Dichterzunft: der Musenalmanach!
Herr Gruppe gibt ihn jetzt heraus; mit Milde
Bringt er den Zünftler unter Dach und Fach!
Ein hübsches Bildchen (wen es interessiert!):
Die Gruppe, die um Gruppe sich gruppiert!

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