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Neuere politische und soziale Gedichte

Ferdinand Freiligrath: Neuere politische und soziale Gedichte - Kapitel 28
Quellenangabe
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typepoem
authorFerdinand Freiligrath
booktitleWerke in neun Bänden ? Fünfter Band
titleNeuere politische und soziale Gedichte
publisherTh. Knaur Nachf., Berlin und Leipzig
editorSchmidt-Weißenfels
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090420
projectid5606544c
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Il Penseroso und L'Allegro

(Nach Barry Cornwall)

(Nacht)

Deine lustigen Wasser, o Themse, zieh'n
Ohne Stern, ohne Sonne trüb nun dahin!
Peitscht sie der Wind von Strand zu Strand,
Trägt der Himmel sein todschwarz Leichengewand;
Und der Regen, er prasselt, er fällt mit Macht,
Mehr noch verfinsternd die finstre Nacht.

Mitternacht stirbt! Gemessen und schwer
Von den Türmen donnert ein Ton daher;
Ihre Widerhalle vermengen sich,
»Eins!« aussingen sie feierlich;
Sankt Paul und die andern in seinem Bann
Rufen im Chor einander an.

Spricht wer? – Niemand! – Leis nur und sacht
Übers dunkle Pflaster stiehlt sich die Wacht;
Der Schuldner träumt von des Häschers Halloh;
Die Dirne taumelt auf ihr Stroh;
Und der Dieb und der Bettler lachen laut,
Wie Old Bailey ernst auf sie nieder schaut.

Horch – durch des Kerkers dicke Quadern –
Horch, das Blut in eines Verurteilten Adern!
Er bebt, er fährt auf, (da, schrie er nur?)
Zu finden, daß ablief seine Uhr!
Zu fühlen: sein harrt, wenn die Nacht verrann,
Blinder Tod, das Schafott, und dann – ja, was dann?

Weh', stürmischer Herbst! In den Morgen bang,
Erzene Glocke, wirf deinen Klang!
Sing', o Strom, deinen Klagegesang, den herben!
Klagt Menschen! ein Mensch soll morgen sterben!
Ach, keiner klagt! Ach, jeder vergißt
Des Mitleids Zoll, den er schuldig ist!

(Morgen)

Es graut – es ist Tag – in flammender Pracht
Treibt er zurück die weichende Nacht.
Die Wolken? – sie floh'n. Der Regen? – floh mit;
Und die Straße bebt von der Massen Tritt,
Und Tausende siehst du erwartend steh'n,
Eines Schächers Sterben mit anzuseh'n.

Der Taschendieb ist unter der Menge,
Ernte zu halten im dichten Gedränge;
Der Matros, der Boxer, der Maler dabei,
Der nach Beute geht für die Staffelei;
Und alle fluchen, laut oder still,
Daß der Kerl noch immer nicht kommen will!

Endlich – da kommt er! Das Haupt gesenkt!
Er betritt das Gerüst – er schwankt – er hängt! –
Vorüber die Schau! – Da zieh'n sie hin,
Jeder mit Lachen und leichtem Sinn!
Horch, wie die Glocken so lustig jetzt klingen!
Sorglos die Wellen der Themse springen,
Vöglein auf den Kaminen singen –
Und nun sag', wem's gefällt,
Nicht schön sei die Welt,
Und nicht heller, als gestern, das Himmelszelt!

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