Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Heyse >

Neue Novellen [2]

Paul Heyse: Neue Novellen [2] - Kapitel 6
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleNeue Novellen [2]
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1858
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180312
Schließen

Navigation:

Helene Morten.

(1857)

 

Mitten aus der weiten Ebene des Bruchlandes erhebt sich, von Osten nach Westen gelagert, ein schmaler Hügelrücken, von kräftigen Kiefern bestanden. Wer die mäßige Höhe erreicht hat, wird bald gewahr, daß er sich auf einer Insel befindet. Denn der stattliche Fluß, der die unabsehliche Fläche des Wiesen- und Kornlandes durchwallt, hat sich links und rechts am Fuß des kleinen Waldgebirges sein Bett gewühlt, und die beiden Arme vereinigen sich erst wieder einige Stunden weit unterhalb am westlichen Ende des Hügeleilandes, um nun den Zufluß der hundert Kanäle, die das Bruch durchschneiden, mit plötzlicher Wendung nach Norden zu führen.

Die leichten Septembernebel dampften schon über den Wiesen, und die Sonne stand tief, als ich auf dem Straßendamme, der eine Stunde weit die Niederungen überbrückt, zwischen den Reihen uralter Weiden hinschritt. Ehemals hatte der Wanderer zu beiden Seiten durch ihre Stämme auf stille, unfruchtbare Sümpfe geblickt, während jetzt der Segen der Heuernte, in großen Schobern aufgeschichtet, aus der Ferne fast wie ein regelmäßig aufgeschlagenes Feldlager sich ausnahm. Rinder weideten mit Geläut an den Wiesenrainen, Hirtenfeuer loderten hie und da auf Nebenzweigen des Dammes, und am Horizont blitzten die Wetterhähne der Kirchen kleinerer Oerter.

Als ich aus der Weiden-Allee heraustrat, lag der waldige Hügelrücken seiner Länge nach vor mir, nur der Fluß war dazwischen und die starke Holzbrücke, in welche der Damm ausläuft. Gegenüber am Fuß der Höhe liegt ein Fischerdorf. Die Fläche des Wassers selbst war völlig öde, fast zugewachsen mit Mummeln und Schlammpflanzen, von kaum merklichem Fall; denn die Kahnschifffahrt hat den andern Arm jenseit der Höhen erwählt und diesen nördlichen den Fischern überlassen. Hieher wandern denn, wie ich mir hatte sagen lassen, an schönen Sommerabenden die Bürgerfamilien der nächsten Ortschaften, die fetten Bauern des Bruchs und die Kurgäste eines nahegelegenen Bades, um Fische zu essen und von der Höhe herab sich der Aussicht über die Kornkammer des Landes zu erfreuen.

Es war auch heute in dem Wirthshaus neben der Brücke lebendig genug. In einem Saale wurde getanzt, in den Lauben vor dem Hause getrunken und geschwatzt, der Berg dahinter war laut und bunt von jungen Leuten beider Geschlechter, die sich durch lebhafte Spiele und ein Kreuzfeuer kleiner Zärtlichkeiten gegen den immer empfindlicher heranfröstelnden Abendwind zur Genüge verwahrten. Um jener sentimentalen Langenweile nicht zu verfallen, die in solchem Gewühl den Fremden heimzusuchen liebt, bestellte ich, ohne mich viel im Hause umzusehen, mein Zimmer für die Nacht und ging wieder an den Fluß hinaus mit dem Vorsatz, seinem Ufer entlang die Insel noch eine Strecke weit zu durchforschen, da ich am andern Morgen quer über ihren Rücken weiter zu wandern gedachte.

Schon von jenseits des Stromes war mir, einige tausend Schritte vom Wirthshaus und den Fischerhütten entfernt, ein Haus, mitten aus einer Schülf- und Gartenwildniß hervorblickend, durch einen seltsamen Anstrich von Verwitterung und Verlassenheit aufgefallen. Es war das einzige am Uferrand, aus dessen Schornstein kein Rauch aufwirbelte. Aber mehr als dieser zufällige Umstand befremdete mich, im Gegensatz zu der höchst ländlichen Bauart der übrigen Häuser, eine steinerne, auf Pfeilern ruhende Veranda, die leer und traurig zwischen den wildaufgeschossenen Stauden in den Fluß hinabsah. Im Wirthshaus, wo ich Auskunft darüber zu erhalten dachte, wurde mir in der Hast des Hinundherlaufens nur hingeworfen, daß man das abgelegene Haus den Fährkrug nenne. Bevor hier die Brücke gebaut worden, sei eine Fähre an jener Stelle über den Fluß gegangen, und die Fische, die man jetzt bei ihnen esse, habe damals der Wirth des Fährkrugs gefangen. Seitdem sei die Wirthschaft eingegangen.

Ich war bald selbst an Ort und Stelle. Die Fahrstraße, die über die Berginsel hinläuft, führt unweit an dem einsamen Gehöft vorbei. Mich wunderte jedoch, daß von ihr aus kein Weg, nicht einmal ein Fußpfad, bis an das alte Hofthor des Fährkrugs sich abzweigte. Ja einige Spuren zeigten, daß man absichtlich den alten Weg hatte verwildern lassen, und eine Gruppe von jungen Fichten, welche die Aussicht nach dem Hause zum Theil verdeckte, schien auch gepflanzt, um die verödeten Baulichkeiten völlig abzuscheiden.

Nun verließ ich die Landstraße und schlug mich durch hohes Gras und Nesseln nach dem Hause durch. Die Thür in der Giebelfront war verschlossen, dagegen der Zugang zur Veranda frei; denn die eisernen Geländer, die den tiefen, längs der Vorderseite des einstöckigen Gebäudes hinlaufenden Pfeilergang verschlossen, waren zum Theil ausgebrochen, zum Theil verbogen. Eine schaurige Moderkühle empfing mich, als ich die Fliesen dieser Vorhalle betrat. Man sah zwischen den theilweise ihres Bewurfs entkleideten viereckigen Pfeilern in ein pflegelos wucherndes Gärtchen hinaus, das sich zum Fluß hinabsenkte und im hohen Schülf auslief. Malven schwankten zwischen den breiten Gebüschen des spätblühenden Phlox mager hin und her, auf den Beeten vermoderte der Blätterabfall vieler Herbste, und wie der Wind zwischen den kahlen Fliedersträuchen hereinstöberte, bewegten sich langsam die schweren Hängeweiden, und klapperten die Köpfe eines verwahrlosten Mohnfeldes trocken gegen einander. Am andern Ende des Pfeilerganges war die Aussicht offen. Die Eisenstäbe der Brüstung hielten noch zwischen Wand und Eckpfeiler, und man bedurfte der Schranke wohl, denn senkrecht stieg die Grundmauer der Terrasse hinab, und ein sorgloser Wanderer wäre, ohne jene Warnung, in das üppige Nesselfeld hinuntergestürzt, das an der Stelle eines früheren Gemüsegartens sich dort ungehindert fortpflanzte. Darüber hinaus aber öffnete sich der Blick bis zu den Ausläufen der Höhen über den trägen Strom zu Füßen, links die Fläche des Bruchs mit ihren herbstkräftigen Farben, rechts die Steile des Inselgebiets, das in dunkler Silhouette gegen die reine Pracht des Abendhimmels abgeschattet emporwuchs.

Da stand ich und vertiefte mich eine Zeitlang in die Melancholie der Einsamkeit. Kein Vogel sang, kein Heerdengeläute drang zu mir. Nur die Frösche schrieen so betäubend, daß man es zuletzt gar nicht mehr vernahm, und dann und wann glucks'te das Wasser am Ufer, wenn einer der lauten Sänger ans dem Schülf in die Tiefe sprang. Der Wind stand mir entgegen; sonst wäre die Musik aus dem Wirthshause wohl vernehmlich gewesen. Ich lauschte. Im Hause war es todtenstill. Keine Maus raschelte durch die Räume. Und wie ich jetzt, von der feuchten Zugluft in der Halle belästigt, wieder zurückging und in die Fenster zu sehen mich bemühte, fiel es mir seltsam auf, daß alle Scheiben gleichmäßig erblindet waren, wie wenn eine dicke Kruste Staubes sie von innen überzogen hätte.

Die Thür, die aus dem Innern nach der Veranda hinausging, fand ich verschlossen, und mir blieb nichts übrig, als um das Haus herum dem Hofthor zuzuschreiten. Ich bog die Fichtenzweige zurück und stieß die unverriegelten Thorflügel auseinander. Da lag, gelinde bergansteigend, der öde Hof vor mir, theils von einer hohen, schiefgesunkenen Mauer, theils von Ställen und Scheuern eingefaßt, deren Thüren entweder fehlten, oder halb offen, morsch in den Angeln hängend, die leere Dunkelheit im Innern zeigten. Als seien Jahre vergangen, seit der Krieg über dieses Gehöft hinweggestürmt, und kein menschlicher Fußtritt wieder über die Stätte des Raubes gewandelt. Auch auf dieser Seite des Hauses sahen mich alle Scheiben grau und blind an; doch war keine einzige zerbrochen, und wie ich an den hölzernen Brunnen trat, gewahrte ich mit noch größerem Erstaunen, daß er erst unlängst neu angestrichen sein müsse. Ich bewegte ohne Mühe den langen Schwengel, und das reinste Wasser rauschte aus der Mündung nieder.

War das Haus dennoch bewohnt? oder, wenn es leer stand, warum fand sich Niemand, vor dem gänzlichen Verfall wenigstens das Material an sich zu bringen und zu nutzen? Oder trieb hier ein Spuk sein Wesen? Klebte Blut und Fluch einer dunkeln That an der Schwelle dieser Thür und scheuchte die Kauflustigen zurück?

Das offenstehende Scheunenthor, vom Winde gerüttelt, knirschte und stöhnte heiser über den öden Hof, und so spukfest ich mich glaubte, schien es mir dennoch zuträglich, das unheimliche Revier zu verlassen. Ein offenes Pförtchen führte zwischen den Ställen hindurch bergan in den Wald. Denn bis dicht an das Gehöft stiegen die Kiefern hinab und warfen ihre langen Schatten über die alten Strohdächer. Ich schritt den Pfad hinan, mit dem Winde kämpfend, und stand oft still, um in die Ebne hinabzusehen. Die letzte Sonne lagerte über dem Bruch, und auf dem Damme standen die Weiden wie im Feuer. Desto grauer sah der Fährkrug mit dem weiten Viereck der Wirthschaftsgebäude zu mir herauf.

So war ich etwa bis zur Hälfte der Höhe gelangt, als ich unweit vor mir mitten auf dem Wege eine Gestalt im Mantel gewahrte, die auf einem Feldstuhl saß und, wie es schien, ein Zeichenbuch aufgeschlagen auf den Knieen hielt. Die beiden Arme ruhten nachlässig darauf, das Gesicht verbarg mir der aufgerichtete Mantelkragen und ein breiter Mützenschirm, die es gegen den Wind verwahrten. Der Einsame schien in tiefe Gedanken versunken. Denn als mein Schritt plötzlich zu ihm hin klang, fuhr er wie erschreckt zusammen. Von der hastigen Geberde, mit der er sich umwandte, entglitt das Buch seinen Knieen; fiel zu Boden, und ehe es der ängstlich unbehülflichen Hand gelang, es festzuhalten, fuhr es auf den glatten Nadeln des Abhanges hinab, bis eine große Baumwurzel seinen Weg hemmte. Mit einem kläglichen Ausdruck der Hülflosigkeit stand der Alte – denn nun sah ich sein schneeweißes Haar – am Rande des Abhangs und streckte unwillkürlich beide Arme nach der Tiefe hin. Darauf machte er selber mühsam Anstalten, seinem Verlust nachzuklimmen. Ehe er aber noch den Fuß auf den schlüpfrigen Grund gesetzt hatte, war ich schon unten und hatte mich des Buches bemächtigt. Ich sah den Alten eifrig herunterwinken, und auf seinem Gesicht lag noch immer eine ängstliche Spannung, eine flehentliche Aufregung. Wäre ihm ein Kind hinabgestürzt, er hätte nicht mit ungeduldigeren Blicken fragen können, ob es sich keinen Schaden gethan habe. Indessen rief ich ihm entgegen, daß sein Buch unversehrt sei, schlug es im Hinaufklettern zu und las dabei auf dem alten Ledereinband einen halbverblichenen, goldgedruckten Frauennamen. Das schien ihn vollends zu beunruhigen. Eilen Sie! rief er mir zu, ohne das geringste höfliche Wort für den kleinen Dienst an mich zu wenden. Ich eilte, so viel die Steile zuließ, und noch eh ich vollends hinaufgekommen war, reichte ich ihm das Buch in die weitausgestreckten Hände. Er nickte kurz und wendete rasch Blatt für Blatt um, und ich hörte ihn erst beruhigt aufathmen, als er auch das letzte unversehrt gefunden. Ich danke! sagte er jetzt flüchtig und ohne mich anzusehen. Dann klappte er den Feldstuhl zusammen, verwahrte das Buch unter dem Mantel und ging, leicht seine Mütze lüftend, mit unsicheren, langsamen Schritten den Weg hinab, den ich gekommen war.

Ich blieb stehen und sah ihm befremdet nach. Er ging offenbar nach dem Fährkrug, denn in dieser Richtung lag kein anderes Haus. Und was suchte er dort? Und was hatte er hier gesucht? Denn vergebens sah ich mich nach einem Punkte um, der die Aufmerksamkeit eines Malers verdient hätte. Die einförmige Fläche des Bruchs mußte, von hier aus überschaut, dem Auge eines Landwirthes erfreulicher sein, als einem Landschaftsmaler. Den Hütten unten sah man auf die Dächer, der Fluß bot wenig Abwechslung, und nicht einmal die Kiefern bequemten sich, in eine ansehnlichere Gruppe zusammenzutreten. Auch ließ das ganze Wesen des Alten nichts weniger als einen Maler vermuthen.

Wie ich so stand und dem Räthsel nachsann, sah ich im Sande, wo er gesessen, einen Bleistift liegen, den er offenbar bei seinem hastigen Rückzug vergessen hatte. Ich hob ihn auf und ging dem Alten nach. An einen Baum gelehnt fand ich ihn bald; er schien neue Kräfte zu sammeln. Als ich ihm den Stift gab und ihn fragte, ob ich ihm meinen Arm anbieten dürfe, um bequemer hinabzusteigen, sah er mir schweigend eine Weile ins Gesicht und sagte dann:

Sie haben den Namen auf dem Buch gelesen!

Ja, sagte ich, als ich den Deckel schloß, fiel er mir von selbst in die Augen.

Sie kennen mich also –

Einen Frauennamen las ich, der mir nicht ganz fremd ist. Wenigstens hörte ich ihn, als ich mich einst in N** aufhielt, – und ich nannte eine Hafenstadt an der Ostsee. Ohne Ihre Frage hätte ich dem Namen nicht wieder nachgedacht. Sie selbst, mein Herr, sind mir völlig unbekannt.

Was sagte man Ihnen damals von der Frau, die jenen Namen trug? Was es auch gewesen sein mag, die Wahrheit war es nicht.

In der That, erwiederte ich, nur einige Züge einer wundersamen Geschichte sind mir im Gedächtniß geblieben. Ein Krankenhaus in jener Stadt heißt das Helenenhospital. Sie soll eine schöne Frau gewesen sein, die nicht glücklich war und jung starb.

Nicht glücklich! Nicht glücklich! wiederholte er, und seine Wange färbte sich leicht. Es zuckte um seinen Mund, als drängten sich ihm Worte auf die Lippen, die er gewaltsam wieder in sein Inneres verschloß. Dabei traf mich ein kurzer, halb scheuer, halb unwilliger Blick, daß mich meine arglose Aeußerung tief gereute. – Eine Pause trat ein.

Sie haben ihr nahe gestanden, fing ich wieder an.

Sie war mein Weib, antwortete er still vor sich hin.

Ich betrachtete schweigend sein Gesicht, das mir nur halb zugekehrt war. Die welken Züge waren fein und regelmäßig, die Augen weiblich sanft, der Mund gütig und traurig, schlichtes, weißes Haar lag um die Schläfen, wohlgehalten, wie auch der Anzug des Alten unter dem Mantel die größte Sauberkeit zeigte. Er hielt sich trotz seiner Jahre aufrecht, und nur im Gehen verrieth sich die Schwäche seines Alters. Endlich sah er aus seinen Gedanken auf und sagte:

Ich nehme Ihren Arm an. Der Schrecken, als ich das Zeichenbuch fallen sah, zittert mir noch in den Gliedern. Gehen wir, wenn es Ihnen gefällt.

Wohin? fragte ich.

In den Fährkrug hinunter. Ich wohne dort.

Wie halten Sie es aus in jener trostlosen Einöde? sagte ich, während wir hinabstiegen. Für eine Sommerwohnung scheint mir dort gerade Alles zu fehlen, was man sucht, wenn man der Stadt entflieht.

Sie haben Recht, erwiederte er. Ich aber stehe in meinem Winter und suche keine Sommerfreuden mehr. Es sind nun fünf Jahre, seit ich diese Zuflucht besitze und meine ganze irdische Welt von den beiden Armen des Flusses eingeschlossen ist. Seitdem habe ich Ruhe.

Und Sie überwintern sogar da unten?

Ich habe meinen Ofen, meine Bücher, meine Erinnerungen. Die Leute im Wirthshaus drüben sorgen für meine wenigen Bedürfnisse. Was fehlte mir weiter?

Und Menschen?

Ich hasse sie wahrlich nicht, aber ich brauche sie nicht. Meine Verwandten fragen mir nicht mehr nach, seit sie mich bei meinen Lebzeiten beerbt haben. Und wenn die Stille um mich her ja einmal zu drückend wird, gehe ich zu dem alten Wirth hinüber, und wir sprechen eine halbe Stunde zusammen.

Wie aber, wenn Ihnen, so abgeschieden und hülflos, ein Unfall zustieße?

Dafür ist vorgesorgt, sagte er mit einem wundersamen Lächeln; das Liebste, was ich habe, wird in Sicherheit gebracht werden. Es müßte denn ein Blitz mich treffen oder ein unerwarteter Schlag ins Gehirn – was Gott in Gnaden verhüten möge!

Seine letzten Worten waren mir dunkel, doch wagte ich nicht zu fragen und führte ihn sorgsam den Rest des Weges hinunter. Inzwischen war die Sonne hinter den Hügel gegangen und der weite Hof, den wir jetzt betraten, lag schon tief dunkel, während draußen über den Wiesen noch eine Helle spielte. Ich war gefaßt darauf, an der Thür des Hofes, oder jedenfalls des Hauses, verabschiedet zu werden. Statt dessen ließ der Alte seinen Arm auf meinem ruhen, öffnete die festverschlossene Pforte, und wir traten in den dunklen Hausflur und links in ein wohnlich eingerichtetes Zimmer, in das durch die blinden Scheiben eine spärliche Dämmerung fiel.

Zwei Kerzen standen auf dem Tisch in der Mitte. Er zündete sie an und warf sich erschöpft, im Mantel wie er war, in einen Sessel. Keine größere Ueberraschung kann gedacht werden, als ich sie bei einem flüchtigen Umblick in dem Gemach empfand. Ich war im Fährkrug, in demselben Hause, das, von außen gesehen, wie eine Herberge für Gespenster erschien, der langsamen Zerbröckelung durch Zeit und Elemente gleichgültig überliefert. Und nun umgab mich Alles, was die Wohnung eines Einsamen behaglich machen konnte. Dort im Winkel ein schönes altes Clavier mit vergoldeten Füßen, an der Wand eine Büchersammlung in zwei schwarzen Glasschränken mit Marmorplatten bekrönt, neben dem Fenster hier eine Staffelei, der Malstock lehnte noch daran, große Epheugitter verstellten das andere Fenster, und die Scheiben, wie ich jetzt deutlich sah, waren nicht vom Staube getrübt, sondern aus grauem Milchglas. Die wenigen Kupferstiche an den Wänden konnte ich nur von ferne mustern, denn der Alte saß bewegungslos und ich wagte nicht, ihn zu beunruhigen. Viele Bücher lagen aufgeschlagen auf dem Tisch, den ein schwerer Teppich bedeckte. Der kostbare Stoff schien sehr alt, die Farben verschossen, wie denn überhaupt die ganze Einrichtung des Zimmers einer verschollenen Zeit angehörte. Langsam ging der Pendel einer schweren Wanduhr hin und her, und der Holzwurm pickte im Gebälk der weißgetünchten Decke. Ich fühlte mich beklommen und wußte nicht, ob ich bleiben oder gehen sollte. Endlich glaubte ich an den tiefen Athemzügen des Alten zu hören, daß er in Schlummer gerathen sei, und entschloß mich, ihn behutsam zu verlassen. Ich hatte schon den Thürgriff gefaßt, als er aufsah, ohne ein Wort zu sagen, eine Kerze ergriff und mir nachkam. Er öffnete selbst die Thür, leuchtete mir durch den Flur, und nachdem wir eine einsilbige Gutenacht und einen fremden Händedruck getauscht hatten, fand ich mich wieder allein draußen im Hof und hörte hinter mir zuschließen und den rätselhaften Mann langsam in sein Zimmer zurückschleichen.

Wäre nicht durch die matten Scheiben der Schein der Kerzen in die Nacht hinausgedrungen, ich hätte Alles für einen Spuk meiner eigenen Sinne gehalten. Es war wieder lautlos still im Haus. Von ferne aber hörte ich einzelne Klänge der munteren Tanzmusik herüberwehen, und ich gestehe, daß mir das Bewußtsein, fröhlichen Menschen nahe zu sein, jetzt eine Wohlthat war. Eilfertig machte ich mich auf den Heimweg, schlüpfte durch das Hofthor ins Freie und gewann die Fahrstraße. »Helene Morten,« sagte ich für mich selbst und mühte mich ab, das zerrissene Gewebe meiner Erinnerungen, die an diesem Namen hingen, wieder zusammenzufügen und zu verknüpfen. Vergebens. Ich wußte nur, daß damals in einer Gesellschaft hin und her über diese Frau gesprochen und gestritten worden war. Da sich Niemand fand, mir, dem einzigen Fremden, die Thatsachen selbst zu erzählen, hatte mich das Gespräch wenig angezogen. Eine meiner Nachbarinnen vertröstete mich darauf, daß sie mir von der unglücklichen Schönen das Weitere nächstens erzählen wolle. Leider mußte ich die Stadt früher, als ich gerechnet hatte, verlassen.

Die kleine Tochter des Wirths begegnete mir mitten auf der Straße. Wohin, Kind? frug ich sie. – Zum alten Herrn im Fährkrug, sagte das Mädchen. Ich bringe ihm alle Abend und Mittag das Essen hinüber, und heute von unserm Kuchen. Kennen Sie den alten Herrn? – Nicht viel, mein Kind. Fürchtest du dich nicht in den einsamen Hof zu gehen? – Es ist Niemand da, als der alte Herr. Was sollte mir geschehen?

Sie glitt an mir vorbei und verschwand hinter den Fichtenbäumchen. Ich aber langte in meinem Wirthshause an und trat in den Saal, wo man eine Art Kirchweih zu feiern schien. Bauernsöhne und junge Handwerker aus der Umgegend tanzten und stampften, daß die Fenster klirrten; die vornehme Welt aus dem Badeorte drüben hatte sich wohl schon lange zurückgezogen und die Lauben den ausruhenden Paaren überlassen. Das Gewühl und die ungebundene Lustigkeit erquickten mich nach dem seltsam gedämpften und verschleierten Bilde, das ich eben verlassen hatte. Hier die volle, übermüthige Freude und die derbe Jugendkraft, drüben ein still hinwelkendes Dasein, von der Welt zurückgeflüchtet hinter bleiche, undurchsichtige Scheiben.

Ich hatte dem Tanz eine Zeitlang zugesehen, als das kleine Mädchen hereinkam, und sich durch die wirbelnde Gesellschaft zu mir hin drängte. Der alte Herr läßt Sie fragen, sagte das Kind flüsternd, ob Sie nicht noch einmal zu ihm kommen wollten. –

Der alte Herr?

Ja, im Fährkrug. Sie müssen ihn doch gut kennen, denn er läßt sonst nie Jemand zu sich ins Haus. Der Vater sagt, Sie wären am Ende ein Pfarrer. Aber kommen Sie schnell.

Ist er krank geworden?

Er war sehr unruhig und ging immer auf und ab.

Das Kind führte mich hinaus, huschte dann von mir weg und ließ mich allein meinen Weg antreten. Die Nacht war kalt, aber windstill und sternenklar. Schwarz lag der Hügelrücken mit den Bäumen zur Rechten, die Ebene links wie ein zu Füßen einer waldigen Klippe erstarrtes Meer; denn die Heuschober tauchten wie Reihen plötzlich versteinerter Wellen aus dem Grunde auf. Nichts Lebendiges ringsum, als die Fledermäuse und der fallende Thau.

Ich klopfte bald wieder an der wohlbekannten Thür des Fährkrugs. Der Alte öffnete und führte mich hinein. Als er mir die Hand bot, fühlte ich an ihrem Druck, daß er aufgeregt war, wovon ich in seinem Gesicht freilich keine Spur zu entdecken vermochte. Ein Feuer war inzwischen im Ofen angezündet worden, und das Zimmer empfand bereits die Wohlthat der Flamme. Ich sah den Korb mit Eßwaaren, den die Kleine gebracht, unberührt unter einem Sessel stehn, sonst Alles, wie ich es kurz vorher verlassen hatte. Der Alte selbst, nachdem er mir stillschweigend den Platz am Tische angewiesen und die Bücher zurückgeschoben hatte, ging, die Hände in den Taschen seines langen Hausrocks, ein paarmal das Zimmer auf und ab und schien offenbar um das erste Wort verlegen. Endlich sagte er, ohne seinen Gang zu unterbrechen:

»Verzeihen Sie, daß ich Sie noch so spät belästigt habe. Ich bin noch nicht so lange von den Menschen entfernt, daß ich alle Höflichkeit verlernt haben dürfte. Aber Sie sind zum Theil selbst Schuld daran. Sie haben ein Wort fallen lassen, das mich um meine Nachtruhe zu bringen droht. Ich habe es in langen Jahren nicht wieder aussprechen hören und mir zuweilen eingebildet, es sei verschollen. Nun erkenne ich, daß die alte Lüge unsterblich ist.«

Ich sah ihn fragend an.

Sie sagten, fuhr er fort, und seine Stimme klang bewegt, daß Helene Morten nicht glücklich gewesen sei. Sie haben es Andern nachgesprochen. Es läge mir viel daran, Jemand zu wissen, der, wenn in Zukunft diese Rede wieder geht – und sprechen wird man von Helene Morten, so lange Menschen leben, die sie als Kinder nur einmal an sich vorübergehen sahen – der, sag' ich, dann auftreten kann und zeugen, daß diese Frau nicht unglücklich war. Oder halten Sie Jemand für unglücklich, der wie ein Held gestorben ist?

Antworten Sie noch nicht. Sie sollen erst urtheilen, wenn Sie Alles wissen.

Er ging an eines der Fenster, die nach dem Fluß lagen und öffnete es rasch. Was sehen Sie? sagte er.

Ich sehe in die Veranda hinaus, und die Malven im Gärtchen.

Der Anblick ist nicht schön, sagte er und nickte mit dem Kopf. Es hat auch Zeit gehabt, zu verwildern. Als ich vor dreißig Jahren da saß, wo jetzt Ihr Sessel steht, im Sommer, und durch die offenen Fenster hinaussah, standen die Pfeiler sauber und trugen stattlich das Dach, zu dem der wilde Wein hinaufgewuchert war. Der Garten dahinter war voller Blumen, der Fluß nicht so verschülft, wie heut; denn wo jetzt eine zähe Decke von Wasserlilien sich ausbreitet, ging die Fähre hin und her, und von ihrem Landungsplatz an der Insel führte ein reinlicher Weg gerade hinauf durch den Garten in dies Haus. Und eines Tages – ich war vom Bade herübergekommen – saß ich, wo Sie eben sitzen und mir war wohl, und ich sah gedankenlos in den Tag hinaus. Da tauchte plötzlich ein Mädchenkopf zwischen den beiden mittleren Pfeilern auf und nun die ganze Gestalt, und gleich darauf hörte ich die Stimme, die ich seitdem Tag und Nacht nicht vergessen habe. Das war sie, dort, wo ich mit dem Finger hindeute, und hier trat sie in die Thüre, und dort stand der Tisch, auf den sie ihren Strohhut legte – und hundert Schritte vom Hause unten am Flusse war's, wo sie mir drei Wochen später sagte, daß sie mein sein wolle. Keiner kann die Stelle mehr betreten; das Fleckchen Ufer ist eingesunken, und das Wasser geht jetzt darüber.

Er schloß das Fenster wieder und trat seinen Gang von Neuem an. Dann fuhr er fort mit ruhiger Stimme, und ich sah, daß es ihm keine Ueberwindung kostete, das Vergangene heraufzubeschwören, daß es ihm eher wohlthat, einmal wieder den Namen zu nennen; denn er nannte ihn geflissentlich oft, und seltsam, meist mit dem seinigen zusammen.

Damals war sie sehr jung, sagte er. Wie ihr Gesicht war, kann ich Ihnen nicht beschreiben. Ich weiß nicht, ob man es schön fand. Es waren die lachenden Züge eines Kindes, und die Augen eines ernsthaften Knaben, Augen, die schon Alles ahnten, was das Ohr noch nie gehört und der Kopf noch nie begriffen hatte. Ihre Gestalt war nicht groß, sie schwebte, wenn sie ging, sie stützte gern die Stirn mit der Hand, wenn sie saß. Wenn sie sprach, war es rasch und heimlich, und oft lachte sie, wenn ihr Geist seine Funken warf; aber saß sie am Clavier und sang, so war es immer langsam und ernsthafte Melodieen, und oft brach sie mitten im Singen ab und stand auf mit nassen Augen. Sie schalt dann, es sei eine körperliche Schwäche, und nie sang sie vor mehr als Zweien. Wer es je gehört hatte, vergaß es nicht wieder.

Sie wußte viel und lernte noch immer, aber man erfuhr es nicht, außer daß sie Alles verstand, was gesprochen wurde, entlegene Dinge, hie mir gänzlich fremd waren. Sprach sie selber, so war es mehr wie ein Spiel, ein Geplauder, um Jeden heiter zu machen, der um sie war, ohne mit einer Silbe zu verrathen, was sie Alles gelesen und gelernt hatte. Aber die gelehrtesten Männer sah ich alle anderen Gespräche im Stiche lassen, um mit ihr zu plaudern; und alle Schönheiten in einem Saale verblaßten plötzlich, wenn sie hereintrat. Man sah immer nur auf sie; aber sie wußte, die Frauen eben so zu gewinnen, wie die Männer, und keine blieb ihr unversöhnt, der sie Anfangs im Wege zu stehn geschienen hatte.

Glauben Sie nicht, daß ich so bald wußte, was ich an ihr besaß. Ich war damals schon an der Grenze der Vierziger und ein leidenschaftlicher Kaufmann. Mein Comptoir, meine Schiffe, meine überseeischen Verbindungen – das war all mein Leben, und war es gewesen, seit ich selbstständig geworden. Ich galt in meiner Stadt für einen der Gebildetsten, obwohl es auf einige armselige Weltkenntniß hinauslief, die ich mir auf Reisen erworben hatte. Doch war ich für den Schein der Bildung nicht unempfindlich , und als ich meine junge Frau heimgeführt hatte und mein Haus bald Alles versammelte, was ein wenig Geist oder Geschmack vorweisen konnte, wiegte ich mich bequem in dem Lichte, das von alle dem auf mich zurück fiel. Aber seltsam, während sich Jedermann bemühte, Helene Morten die Kreise ihrer Vaterstadt vergessen zu machen, verlor sie mehr und mehr den Geschmack an den neuen Menschen. Wir wollen für uns bleiben, sagte sie zu mir; sie betäuben mich, diese klugen Leute; ist das Geist, was so viel Lärm macht? Und wer das Schöne liebt, kann der es in Worte fassen wollen? Wer hat sie nur zu dem Glauben gebracht, daß ich eine gelehrte Frau sei?

Es war mir nicht unlieb, daß wir uns nun zurückzogen. Denn obwohl mir kein Schatten von Eifersucht je über die Seele gefallen war, war ich doch klar genug, zu sehen, daß ich neben Helene Morten völlig verschwand. Sie wissen, was das heißt, der Mann seiner Frau zu sein. Es hätte mich zuweilen empfindlicher gewurmt, wäre ich nicht ihres Herzens sicher gewesen. Nicht daß ich Zeichen heftiger Leidenschaft bemerkt hätte; doch vermißte ich sie auch nicht. Ich hatte sie zu meiner Abgöttin gemacht und wußte wohl, daß ich ein lächerlicher Narr gewesen wäre, eine Erwiederung dieser Empfindung auch nur für möglich zu halten. Sie war ein unvergleichliches, einziges, unergründliches Wesen; und ich, so geneigt ich war, mich für ganz leidlich zu halten, blieb doch ein gewöhnlicher Mensch, der nur verdiente sie zu besitzen, weil er sich ihr auf Gnade und Ungnade überliefert hatte und jeden Augenblick bereit war, sein Leben für sie zu opfern.

Und es war kein bloßer Vorwand, daß die Gesundheit Helenens sie auf ein stilleres Leben anwies. Sie hatte sich nie geschont, an Alles, was ihr nöthig und wichtig schien, ihre volle Kraft gesetzt. Nun empfand sie es an langen Schlaflosigkeiten, daß sie sich zu hüten habe. Eine Zeitlang sang sie keinen Ton und ließ ihre Staffelei leer an der Wand lehnen. Nur ihre Bücher konnte ich ihr nicht versagen; jedesmal, wenn ich davon anfangen wollte, schlug sie die Augen so kindlich rührend zu mir auf, daß ich schwieg und sie umarmte und sie gewähren ließ. Ich mußte es wohl: welchen Ersatz hatte ich ihr zu bieten? aber mir ahnte es nicht, daß es die reichere Hälfte ihres Lebens war, die sie mit jenem Blick behalten zu dürfen bat.

Sie hatte sonst wenig Wünsche. Diese einfachen Möbel, die Sie hier sehen, standen in ihrem Zimmer. Sie selbst hatte sie ausgesucht und wehrte immer ab, wenn ich sie mit Schmuck und Luxus überschütten wollte. Nichts war mir gut genug für sie, Nichts reich genug. Die Sterne hätte ich ihr vom Himmel reißen und in den Teppich unter ihren Füßen einsetzen mögen. Aber was ich ihr auch Kostbares bringen mochte, sie nahm es freundlich hin, dankte, weil sie meinen guten Willen sah, lobte es und that es beiseit in andere Zimmer, die sie selten betrat. Ich unseliger Thor! Mit solchem Tand wagte ich ihr zu nahen, in solchem fremden Nichts ihr einen Ersatz zu bieten für Alles, was mir fehlte, um dieses Leben würdig zu schmücken!

Denn ich fühlte es immer erschreckender von Tag zu Tage, daß sie ihr bestes Leben für sich lebte. Wenn ich abgespannt, spät und zerstreut aus dem Comptoir kam und mich ihr gegenüber setzte, nachdem sie die langen Stunden einsam gewesen war – was hätte ich darum gegeben, ihr etwas sagen zu können, was mit ihren Gedanken zusammenklang! Sie selbst fing von Diesem und Jenem an, aber sie kam nicht weit. Sie kannte endlich den ganzen Umfang meiner Unwissenheit und Trägheit und vermied es, mir wie Allen gegenüber, sich irgend überlegen zu zeigen. So verbrachten wir – fast verlegen Beide – die Abende einsilbig mit einander. Ich hatte versucht, sie in meine Interessen einzuführen, und mit wie gutem Willen hörte sie mir zu! Aber sie war Besseres gewöhnt als Getreidehandel, Droguen und Gewürze. Ich sah, wie ihre Augen, die fest auf mich gerichtet waren, müde wurden, und brach ab, um sie nicht zu quälen. Nach meinen Reisen frug sie mich. Was aber hatte ich von ihnen heimgebracht? Die Theater kannte ich ein wenig, die Frauen mehr, als ich ihr sagen mochte, von den Zuständen der Länder nur diejenigen, die den Kreis meiner Geschäfte berührten, alle Schätze der Kunst, die die Fremde besitzt, nur sofern eine kühle Neugier danach fragt. Es entging mir nicht, daß sie nachdenklich, fast traurig wurde, als sie auch an diesen Felsen geschlagen hatte, ohne daß eine frische Quelle ihr entgegensprang. Nun verfiel sie darauf, mir vorzulesen, historische Werke. Ich erkannte ihre unerschütterliche Güte, mit der sie jedes Mittel ergriff, unsere Geister einander zu nähern. Und doch – lassen Sie mich's zu meiner Scham gestehen – einmal überfiel mich der Schlaf, mit dem ich oft gekämpft hatte, wirklich. Als ich endlich aufsah, hatte sie, wohl ohne den Blick von dem Buch zu wenden, weiter gelesen, aber ihre Augenlieder waren feucht.

Meine schönen Schiffe waren mein Stolz. Ich überredete sie, das schönste, das eben von einer glücklichen Fahrt wieder eingelaufen war, mit mir zu besehen, und sie schien es gern zu thun, obwohl, als sie im Hafen in das kleine Boot stieg, eine seltsame Blässe ihr Gesicht überflog. Da sie lächelte und scherzte, achtete ich es nicht. Aber noch hatten wir die kleine Strecke auf dem ruhigen Hafenwasser nicht ganz zurückgelegt, so verfärbte sie sich vollends und ich mußte eilig umwenden lassen, um wieder zu landen. Sie war mehrere Tage noch krank davon und gestand mir jetzt erst, daß sie von Kind an jede noch so ruhige Fahrt auf dem Wasser, selbst auf den stillsten Flüssen oder Landseen, mit Unwohlsein habe büßen müssen.

Mit jedem Monat, der nun verging, wurde sie stiller. Ihr Lachen klang nicht mehr wie sonst, es war, als würden ihre Augen immer größer, ihre Stimme dunkler, ihre Bewegungen leiser. Ich sah das Alles um so trauriger mit an, als ihre Innigkeit mir gegenüber sich fast zu steigern schien. Wenn ich sie aufs Aengstlichste, zuweilen in völliger Trostlosigkeit fragte, ob sie leide, schüttelte sie den Kopf und umarmte mich. Auch dem Arzt gelang es nicht, mehr von ihr zu erfahren. Ich glaubte es zu wissen, was ihr Kummer mache. Sie war im dritten Jahre mein Weib, und wir hatten kein Kind. Der Arzt rieth, im nächsten Sommer – denn dieser war schon zu weit vorgeschritten – ein Bad zu besuchen, und versprach den besten Erfolg. Sie willigte gern darein, wie in Alles, was ich ihr vorschlug.

Das war in den letzten Tagen des August. Gerade in dieser Zeit beschäftigte mich ein verdrießlicher Proceß, der sich eben entsponnen hatte und wohl mit den Ausschlag gab, die Reise ins Bad noch ein Jahr hinauszuschieben. Nach der ersten Besprechung mit meinem Advokaten lud ich ihn zu Tisch. Er war ein ernsthafter Mann von wenig gewinnendem Aeußern, einige Jahre jünger als ich, schweigsam im Umgang, vor den Richtern höchst beredt, in der Stadt für einen Sonderling bekannt, da er die Gesellschaften vermied. Auch in unserm Kreise hatte er sich nie blicken lassen. Als ich ihn zu Tische zu meiner Frau brachte, bewegte er sich trocken und höflich ihr gegenüber, ja fast glaubte ich zu bemerken, daß er etwas zu überwinden hatte, in ihr Gespräch einzugehen. Der Zwang, wenn er ihn fühlte, gab ihn schon nach wenigen Worten frei. Seine Stirne klärte sich am, seine Augen wurden lebhaft, das scharfe und eckige Gesicht bekam einen harmloseren Ausdruck. Mir war es nichts Neues, daß Helene Morten das Beste und Menschlichste aus allen Menschen an den Tag lockte. Wir verplauderten ein paar heitere Stunden, und vollends sprang die Rinde von unserm Gast und ließ den verheimlichten hellen Kern erblicken, als wir nach Tische in Helenens eigenes Zimmer gingen, er die Bücher sah, in denen sie den Morgen über gelesen hatte, das lange verschlossene Instrument öffnete und ohne jede Vorrede sich setzte, um zu spielen. Wie verabredet traf er gerade die Sonate, die Helene in ihren liebsten Stunden zu wählen pflegte. Ich beobachtete mein Weib. Sie saß still in der Ecke des Sophas neben mir, ihre Augen lächelten und umflorten sich leise, sie drückte mir unter dem Tische die Hand, ich war lange nicht so glücklich, so beruhigt gewesen, und sie kam mir schöner vor, als je.

Als der Gast aufbrach, bat ich ihn, bald und oft wiederzukommen, und wenn ich noch Geschäfte hätte, mich bei meiner Frau zu erwarten. Er verneigte sich stumm. Wohl zehn Tage vergingen, ehe er sich wieder blicken ließ. Er hatte inzwischen alle Papiere, die ich ihm mitgetheilt, durchgearbeitet und kam zunächst in Angelegenheiten des Prozesses. –

Ich bat ihn zu Helenen zu gehen, bis ich meine Post geschlossen hätte. Als ich dann selbst hinüberging, fand ich meine Frau in lebhaftem Gespräch mit dem Doctor – wie er kurzweg im Hause genannt wurde. Das Gespräch nicht zu unterbrechen, trat ich an einen andern Tisch, nahm die Zeitungen, blätterte darin, und hörte daneben – mit welcher Freude! – jenes alte Lachen aus Helenens Munde, das über Jahr und Tag geschwiegen hatte. Sie stritten mit einander und schlossen endlich einen witzigen Vergleich, worauf meine Frau aufstand, mir die Zeitungen wegnahm und mit den heitersten Worten mich auf meinen alten Platz neben sich zog. Des Prozesses wurde kaum gedacht, ich hatte das vollste Zutrauen in meinen Anwalt und wollte mir die Freude, Helene lachen zu hören, nicht durch das armselige Geschäft verderben lassen.

O diese Freude, sie blieb nicht lange ohne einen trüben Beigeschmack! Was mich anfangs glücklich gemacht hatte, schnitt mir zuletzt ins Herz. So klein, so schlecht, so unglücklich wurde ich im Verlauf weniger Monate, daß ich meine früheren Sorgen um Helenens Stille und Blässe zurückwünschte, nur um dieß Lachen nicht mehr zu hören, das durch die Macht eines Dritten wieder geweckt worden war.

Denn man gewöhnt sich an Alles, sogar an die eigene Unbedeutenheit. Als sie den Schwarm kluger Schwätzer aus unserm Hause verbannte, triumphirte ich im Stillen und sagte mir: Du bist ihr mehr Werth h, als die Geistreichen! Dann, in unserm Stillleben, nachdem die erste Selbstkränkung überwunden war, ihr in nichts merkwürdig oder ebenbürtig sein zu können, hatte ich mich auch hierin wie in ein Schicksal gefunden, bis ich mich dann begierig selbst verblendete, den Grund ihrer gedrückten Stimmung in körperlichen Zuständen zu suchen. Sie hat immer die Muße gehabt, sagt' ich mir, zu lesen und sich Gedanken auszuspinnen. Ich hatte zu thun und bin darum nicht schlechter. Und liebt sie mich nicht? Und bete ich sie nicht an?

Armselige Ausflüchte! Ein unscheinbarer Mensch, der ein paarmal mit ihr spricht, kann alle versiegenden Lebensquellen in ihr wieder entfesseln, und du stehst dabei, und eine Bitterkeit im Herzen wehrt dir, den Segen mit zu genießen!

Empfand sie es selbst? Ich weiß es nicht. Nur das weiß ich, daß sie herzlich, offen und rein mir begegnete, wie nur je. Sie verbarg es gar nicht, daß ihr der Doctor werth war. Sie sprach oft von ihm und lobte seine guten Eigenschaften, die zu Tage lagen. Er ist recht ein Freund auf die Dauer, sagte sie. Auch was er spricht, hat nichts Bestechendes, aber es wirkt nach im Hörer, und das Herz wird nicht kalt dabei. Und er hat viel Musik. Aber von Malerei versteht er nichts. Wenn er eine gute Frau fände und sich hier in der Stadt für immer niederließe, es wäre doch ein Gewinn für uns. – Er denkt nicht ans Heirathen, sagte ich darauf. – Er sollte aber. Er hat noch zu viel Scharfes, um die Einsamkeit zu genießen und zu ertragen. Ich hoffe auch, er bekehrt sich, wenn er längere Zeit mitansieht, wie wir glücklich sind.

Ein Engel der Güte sprach aus ihr. Aber das gerade marterte mich. Es klang mir wie Mitleiden. Auch in seinem Benehmen glaubte ich das stille Einverständniß zu spüren, mich meinen Mangel nicht empfinden zu lassen. Er kam immer öfter, zuletzt täglich, in den Abendstunden, doch nicht früher, als das Comptoir geschlossen ward. Und geflissentlich sog ich auch aus diesem Umstand neues Gift der Kränkung. Sie können doch sprechen, was sie wollen, wenn auch der Platz im Sopha besetzt ist, sagt' ich mir. Ich bin durchaus nicht im Wege, wenn ihre Geister sich die Hände reichen.

Aber es war auf die Länge nicht möglich, diesem Herzen Unrecht zu thun. Und so kam es in einer Nacht, da ich keinen Schlaf fand, daß sich all mein verhaltener Groll plötzlich gegen mich selbst wandte. Die tiefste Selbstgeringschätzung, ein wahres Grauen über die Art, wie ich neben einem solchen Weibe stumpf und leer dahinlebte, bemächtigte sich meiner; dazu die helle Verzweiflung, daß es noch irgend anders mit mir werden könne, und eine völlige Resignation. Ich sagte es mir mit dürren Worten: sie liebt dich nicht, sie kann dich nicht lieben; sie duldet dich nur, weil sie zu stolz ist, den Irrthum ihrer unerfahrenen Jugend sich selbst einzugestehen, zu stark und edel, um nicht auszuharren in diesem Geschick, und zu gütig, um deine grenzenlose Liebe von sich zu stoßen. Zeige ihr nun, daß du nicht schwach genug bist, ein solches Opfer anzunehmen.

Als ich am andern Morgen aufstand, war mein Entschluß gefaßt. Ich gab meinem ersten Buchhalter alle nöthigen Vollmachten und kam dann zu Helenen. Sie erschrak sichtlich, als ich ihr ankündigte, daß ich in Geschäften eine Reise machen müsse. Wie lange? fragte sie hastig. – Ich kann es aus der Ferne nicht berechnen, erwiederte ich, und wahrlich, ich wußte es selbst nicht. Ich wollte fort, sie von mir befreien, mich ihren Augen entrücken, wie ich ihren Gedanken längst fern zu stehen glaubte. Was weiter aus mir, aus ihr werden sollte, das zu bedenken, fehlte mir noch Besinnung und Kraft. – Und jetzt willst du reisen, in dieser Jahreszeit (wir waren im November), und gerade da der Proceß sich entscheiden soll? Du hast Etwas, das du mir verbirgst. Sei offen, es sind nicht Geschäfte, die dich wegrufen.

Ich konnte ihr in aller Wahrheit betheuern, daß meine Zukunft an dieser Reise hange. Der Proceß sei wohl aufgehoben in den Händen des Doctors. Ich hoffte, daß dieser ihr inzwischen die einsamen Stunden zerstreuen werde. – Sie sah mich still und ernsthaft an, als ich diese Worte sagte; aber kein Zug von Bitterkeit konnte ihr meine Schmerzen verrathen; denn auch den Unmuth gegen den Doctor hatte die vergangene Nacht völlig in mir ausgelöscht. Und so entfloh ich ihr, da ich mir selbst nicht zu entfliehen vermochte, und reis'te, innerlich zerstört und hoffnungslos, bis ich nach einigen Tagen und Nächten unablässigen Fahrens vor Erschöpfung Halt machen mußte.

Die körperliche Anstrengung war mir willkommen gewesen und hatte mich für jedes Leiden des Gemüths abgestumpft, so lange sie dauerte. Nun ich ruhte, fingen die Schmerzen ihr altes Spiel wieder an. Wenn ich auch meinen Unwerth tief genug erkannt hatte und mehr als Einer es ihr nachempfand, daß ich ihr Nichts sein konnte, so war doch Leidenschaft und Mannesstolz zu mächtig in mir, um den Gedanken einer Theilung zu ertragen. Er nehme sie hin, sagte ich bei mir selbst, er mache sie glücklich und gebe ihr die Jugend zurück, die neben mir verwelkte. Nur sehen will ich es nicht müssen, und wenn ich mich in meiner Armuth unverhohlen verachte, keinen Zeugen dabei dulden.

Und doch, glaubte ich dergestalt mit mir fertig zu sein, so rissen mich ihre Briefe, die ich jeden zweiten Tag empfing, wieder mitten in den Strudel der Qualen und Zweifel hinein. Ich hatte gesorgt, daß sie mir schreiben konnte, und Auftrag gegeben, mir die Briefe nachzuschicken; es sollte das die letzte Probe sein, wie sie schreiben würde. Und wie gesagt, sie schrieb einen um den andern Tag, Briefe voll der herzlichsten Hingabe, voll des reinsten Vertrauens. Ich las sie unzählige Mal, ich spürte in jeder Zeile nach einer Falte, die eine heimliche Absage enthielte. Und wenn ich eben frohlockte, die gewohnte, trauliche, liebe Sprache zu vernehmen, nur von Betrübniß der Trennung dunkler gefärbt, warf ich die Blätter wieder von mir und verhöhnte meine Blindheit. So spricht das Mitleiden, die himmlische Güte! Klingt ein Ton jenes Lachens, das sie ihm schenkt, durch all diese Worte hindurch? Nein, ich will wenigstens nicht schwach sein, wenn ich denn unselig sein soll!

Vierzehn Tage dauerte dieser Zustand zwischen Leben und Tod. Ich selbst antwortete keine Zeile. Sie stand zu hoch für die Lüge, für die Beschönigung. Ich erfuhr aus ihren Briefen, die immer dringender um Erwiederung baten, daß der Doctor nach wie vor bei ihr ein- und ausging. Jeder Brief brachte Grüße von ihm; die meisten erzählten von den Liedern, die sie ihm vorgesungen, und wie ihr mein Beifall, den ich verschwenderisch zu spenden pflegte, dabei gefehlt habe. Ich konnte es nicht mehr lange so ertragen, sie in dem Zwang zu wissen, den sie sich, wie ich meinte, beim Schreiben auferlegte. Ich wollte endlich offen zu ihr reden und ihr die Freiheit zurückgeben. Aber so oft ich ansetzte, immer zog mir ein Schauder, der mich faßte, wenn ich an meinen Verlust dachte, die Feder wieder aus der Hand. Wie oft bat ich den Himmel inbrünstig um meinen Tod. Ja, ich war gottlos genug, ihn zu suchen. Auf den wildesten Pferden, die am Orte aufzutreiben waren, machte ich in Dämmerung und Nacht die halsbrechendsten Ritte in der unbekannten Gegend. Sie brachten mich alle heil und sicher wieder an die Thür meiner Wohnung, wo ich in völliger Abgeschiedenheit, ohne einen Diener, für Jedermann unzugänglich mein Inneres zernagte.

Da blieben plötzlich ihre Briefe aus, einen – zwei – drei Tage. Auch aus dem Comptoir erhielt ich keine Zeile. Ich hatte oft gewünscht, sie möchte ermüden und damit das Zeichen geben, daß sie mich verstieße. Und jetzt, wo das zuweilen sicher Geweissagte eintrat, gerieth ich in die furchtbarste Aufregung,

Am Morgen des vierten Tages, als ich wieder ohne Nachricht geblieben, nahm ich Courierpferde und reis'te unaufhaltsam zurück, Tag und Nacht die Augen nicht schließend. Als ich spät am Abend des dritten Reisetags wieder in meine Stadt kam und absichtlich nicht vor meinem Hause, sondern an der Post aus dem Wagen stieg, trugen mich meine Füße kaum. Die Postmeisterin hielt mich für einen Todkranken und erkannte mich nicht wieder. Ich that einen Zug aus der Schale mit Thee, die sie mir hülfreich an den Wagenschlag brachte, und wankte dann von dannen, meinem Hause zu. Eine feige Stimme in mir wollte mich abhalten, sogleich der Wahrheit ins Auge zu sehen. Aber mit letzter Kraft raffte ich mich auf und erreichte die Straße, wo wir wohnten. Alle Fenster waren dunkel, der letzte Zweifel erlosch in mir. Die Geschichte, die ich mir hundert Mal vorgesagt hatte, daß ich sie nicht mehr finden würde, so unglaublich sie war, wenn man Helene Morten gekannt hatte, – jetzt war sie mir unumstößliche Gewißheit.

Ich klopfte den Portier heraus, er öffnete, und wie er mich sah, fuhr er verstört und ohne ein Wort zu sagen mit dem Licht in der Hand zurück. Sage mir nichts, Valentin, sprach ich mit mühsamer Ruhe, ich weiß Alles! – Ich nahm ihm das Licht ab und stieg die Treppe hinan. Die Diener und Mägde schliefen schon. Oben fand ich alle Thüren verschlossen und öffnete mit dem Schlüssel, den ich bei mir trug. Von Zimmer zu Zimmer ging ich, langsam, ohne alle Hoffnung. In den hohen Spiegeln sah ich mein Bild – das war kein Lebender mehr. Zuletzt kam ich in ihr Gemach. Es war, wie ich es verlassen hatte, das Clavier noch offen, auf der Staffelei ein halbvollendetes Aquarellbild. Und dort stand der Lehnstuhl vor ihrem Schreibtisch, ihre Mappe lag aufgeschlagen – und auf der Mappe ein Brief. Ich hatte auch das erwartet.

In tödtlicher Lähmung all meiner Glieder und Gedanken stellte ich das Licht auf den Schreibtisch und warf mich selbst in den Sessel. Nur einmal versuchte ich, den Brief in die Hand zu nehmen. Er war versiegelt, aber statt der Aufschrift stand nichts auf dem Couvert, als hastig hingeworfen »An.« Ich ließ ihn wieder fallen, denn was sollte er mir Neues sagen?

So war es denn entschieden, und ich hatte sie verloren. Kein Gedanke stieg mehr in mir auf, daß hier ein Räthsel walten könne, keine Ueberlegung, ob sie, die ich so hoch hielt, fähig sein mochte – und wenn sie noch so klar eingesehen hätte, daß sie mir nur nahm, wessen ich nicht würdig war, – einen solchen Schritt zu thun, heimlich, da ich fern war. Sie wird ihrer Leidenschaft zu dem Andern inne geworden sein, dachte ich, und zu welchen Entschlüssen der Verzweiflung Leidenschaft fortzureißen Macht habe, wußte ich nur zu gut.

Es senkte sich immer bleierner und eisiger über mein Hirn herab, alles Fühlen und Sinnen ward wie erwürgt in mir, und ich dachte, das sei mein Ende. Es war nur ein Schlaf, der die Aufregung in mir völlig zur Ruhe brachte. – –

Ein Klopfen an der Thür weckte mich; da war es heller Morgen, und mich schüttelte der Frost, denn ich hatte leicht in den Kleidern geruht, und die Novembernacht war kalt gewesen. Kaum vermochte ich das Haupt zu regen und hing so im Stuhl und starrte zuerst wieder auf den Brief. Es klopfte inzwischen wieder, und endlich ging die Thür auf und Mannsfeld, mein erster Buchhalter, trat langsam herein. Er war alt geworden im Hause und liebte mich und verehrte die Frau wie eine Heilige.

Herr Morten, sagte er mit stockender Stimme, Sie sind lange ausgeblieben – Sie finden es hier traurig. –

Ich winkte ihm mit der Hand, daß er gehen solle. Der treue Mensch that, als verstünde er mich nicht.

Madame ist fort! fing er wieder an.

Ich weiß, ich weiß, – unterbrach ich ihn.

Gehen Sie, Mannsfeld, ich bin müde. Lassen Sie mich allein.

Sie wissen es, Herr Morten? Auch daß sie zu Schiffe fort ist?

Jetzt erst sah ich zu ihm auf. Er hatte die Thränen in den Augen.

Sehen Sie, sagte er, das wissen Sie nicht. Sie hätten es nicht gelitten, wenn Sie es gewußt hätten. Und so sagte ich auch zu Madame, aber sie hörte mich nicht und verbot mir, Ihnen ein Wort davon zu schreiben. Sie ließ sich nicht halten, obwohl ich noch am Hafen, ehe sie einstieg, sie fast auf den Knieen bat, zurückzubleiben, denn ich wußte ja, daß sie das Wasser nicht verträgt, und nun obendrein in diesen Novemberstürmen, wo ausgewettertes Seevolk selbst sich nicht hinaus getraute. Es wird mir nichts geschehen, sagte sie, und ich verlasse mich auf dich, guter Mannsfeld, daß du meinem Manne nichts schreibst. Er würde sich nur ängstigen, und es hülfe doch nichts. Und damit sah ich sie abfahren. Ich sprang, wie ich zur Besinnung kam, in ein Boot und dachte mir, ich wollte sie wenigstens begleiten, aber sie litt es nicht; der Schiffer lichtete eilig die Anker und fuhr aus dem Hafen, und so hatte ich das Nachsehen, bis mir der nasse Nebel vor die Augen trat und ich nichts mehr sehen konnte.

Er fuhr sich mit der Hand über die Wimpern und schwieg eine Weile. Ich lag noch immer und legte Alles, was ich hörte, nach meinem Wahn aus.

Wer war der Schiffer, mit dem sie fuhr? fragte ich endlich.

John Meier, derselbe, der die Nachricht aus Kopenhagen gebracht hatte. Die Nachricht?

Auch davon sollte ich Ihnen nichts schreiben, oder sie wolle mich nie mehr freundlich ansehen. Lieber Himmel, mit der Drohung hätte sie mich zu Allem gebracht! Aber warum mußte ich ihr ein Wort davon sagen! Wäre ich alter Esel nur das Eine Mal in meinem Leben gescheit gewesen, so stünde es jetzt nicht so, Herr Morten, werden Sie mir's je verzeihen? Ach, wenn auch Alles gut abläuft, die Angst werde ich mein Lebtag nicht aus den Gliedern los werden, die ich diese Woche ausgestanden habe.

Ich sprang auf, faßte ihn bei der Hand, um mich aufrecht zu erhalten, und rief: Was ist geschehen, Mann? Rede, sprich – Alles muß ich wissen – wo ist sie hin?

Ich will reden, sagte er, während ich kraftlos wieder in den Sessel zurücksank; Alles will ich sagen, und wenn Sie dann sprechen: Mannsfeld, du kannst die Bücher von Morten und Compagnie nicht mehr führen, so werde ich meine paar Sachen packen und sagen, ich habe Schlimmeres verdient. Sehen Sie, es war etwa um diese Tageszeit, und wir waren eben Alle ins Comptoir gekommen. Da trat der John Meier bei mir ein und legt einen Brief von Christian Mölderups Erben auf meinen Pult. Er selbst war eben verwichene Nacht mit seinem Schnellsegler in den Hafen eingelaufen, nach einer harten Fahrt. Seid Ihr unsern Schiffen begegnet, John Meier? frag' ich ihn, indem ich den Brief aufmache. Denn Tags zuvor, wie Sie wissen, Herr Morten, war die Africa, der Phönix und die Hansa endlich ausgelaufen und hatten Weisung, gerade auf Kopenhagen den Curs zu setzen. Der Weizen, der Hanf und die Farbekräuter, die Hansen und Compagnie gekauft hatten, waren wohl verstaut, Alles, wie ich Ihnen geschrieben habe, und wie gesagt, gestern waren die drei wackeren Schiffe in See gegangen. John Meier war ihnen vorbeigekommen, und lobte sie noch. Aber, sagte er, die See ist schlecht, und ich wollte, Herr Mannsfeld, ich wär' ihnen auf der Höhe von Kopenhagen begegnet, statt so nahe diesseits. Denn wir haben November.

Wie er noch spricht, habe ich den Brief von Christian Mölderups Erben überflogen und denke, es schlägt hart neben meinem Pult ein, so entsetz' ich mich. Sie wissen, Herr Morten, daß Mölderups immer reell gegen uns waren. Die Verbindung ist auch so alt. Und so schreiben sie denn, daß die Firma Hansen und Compagnie sicherem Vernehmen nach binnen Kurzem falliren müsse, und hielten es daher für angezeigt, der alten Handelsfreundschaft wegen, das Haus Morten und Compagnie bei Zeiten zu warnen, vorläufig keine Geschäfte mehr mit Hansen und Compagnie zu contrahiren, oder schwebende abzubrechen. Das las ich, und augenblicklich dacht' ich an unsere drei Schiffe, für die wir keinen Schilling sicher haben. Wenn sie in den Hafen von Kopenhagen einlaufen und Tags drauf wird das Falliment erklärt, so gehört die Ladung natürlich zur Masse, und wir haben keine Rechte mehr daran. Das Einzige war, ihnen eilig nachzusegeln und sie zurückzuholen. Wollt Ihr gegen doppelte Provision gleich jetzt wieder in See stechen, John Meier? fragt' ich ihn. Er besann sich und schüttelte dann den Kopf. Mich wundert, sagt er, daß ich meine »Seeschlange« dasmal noch sicher ins Winterquartier geloots't habe. Nein, Herr Mannsfeld, das hieße den Herrgott lästerlich versuchen. Geht selbst an den Hafen und seht euch das Sturmwesen an und fragt, ob einem Fahrer seine Knochen feil sind. Was ein Andrer thut, thu' ich auch. So nahm er seine Mütze und ging kopfschüttelnd weg, und ich wußte, daß er Recht hatte. Hätte ich einen Tag früher die Nachrichten von der See in der Zeitung gelesen, so hätte ich's nicht verantworten mögen, unsere drei guten Schiffe auslaufen zu lassen. In tausend Nöthen stand ich am Pult und wußte nicht aus noch ein. Da bringt mir der erste Commis die übrigen Briefe, die wir Ihnen zu schicken hatten, und fragt, ob Madame den ihrigen schon fertig habe; denn es war ihr Tag. Ich, noch ganz in meinen Gedanken, stecke den Brief von Christian Mölderup's Erben zu mir und gehe selbst hinüber zu Madame. Sie saß, gerade wie Sie hier, vor dem Schreibtisch und war im Begriff, auf den Brief da die Adresse zu schreiben. Als sie mich so verstört eintreten sieht, hört sie auf mit dem Schreiben und fragt, gut wie sie immer zu mir war: Was fehlt Ihnen, Mannsfeld? Sie sind krank oder haben Kummer. – Das Letztere, Madame Morten, fahr' ich elender Tropf heraus. Und ich wußte doch, daß sie nicht ruhte, bis sie Einem eine Last abgewälzt oder wenigstens einen Theil davon auf ihre eigenen Schultern genommen hatte. So fragt sie mir denn richtig die ganze Calamität ab, und ich muß ihr den Brief vorlesen und die Sache erklären. Sie hatte kaum begriffen, worauf es ankam, als sie aufsprang und sich von der Jungfer ihren Hut und Pelz bringen ließ. Wo wollen Sie hin, Madame Morten? sag' ich noch ohne alle Angst, denn ich wußte, daß sie die See scheute, und so was konnt' ich überhaupt nicht ahnen. – Bringen Sie mich an den Hafen zu dem John Meier, sagte sie. Ich will noch einmal mit ihm sprechen. – Das war so weit unverfänglich, und so begleitete ich sie hin. Aber es war mir schon wunderlich unterwegs, daß sie kein Wort zu mir sprach, und sie war sehr bleich. Nun, wir finden den John Meier, und Madame spricht mit ihm, und was kein Geld und Gold zu Stande gebracht hätte, ihr gelingt es, und er verspricht zu fahren. O sie hat eine Art, der Niemand was abschlagen kann. Ich fahre mit Euch, John Meier, sagte sie, denn Ihr habt doch nicht so viel Muth, wie ich, und am Ende auch nicht so viel Glück. – Wie ich das höre, steht mir's Haar zu Berge. Um Gotteswillen, sag' ich, Sie können, Sie werden doch nicht sich auf die See wagen? Sie halten es nicht aus, beste, gnädige, gütige Madame, lassen Sie mich ins Schiff, ich verspreche Ihnen, ich hole unsere drei Kauffahrer zurück, und wo nicht, und wenn's zum Aergsten kommt – was ist an mir viel verloren! Aber Sie – Herr Morten überlebt es nicht, Sie machen ihn und uns Alle unglücklich, denken Sie an unsern Herrn und stehen Sie ab von dieser Fahrt. – Gerade weil ich an meinen Mann denke, sagte sie darauf sehr fest und herrlich, will ich kein anderes Leben als meines aufs Spiel setzen, ihm sein Gut zu retten. – Sie sah gar nicht mehr aus wie ein Mensch, und selbst John Meier stand wie außer sich dabei und rief einmal über das andere: Kommen Sie, Madame, was soll uns Böses geschehen, wenn Sie bei uns sind? Dem Teufel wollt' ich die drei Schiffe abjagen, sobald ich Sie an Bord habe. – Sie ließ mich gar nicht mehr zu Worte kommen, und nur das befahl sie mir noch, Ihnen Alles zu verschweigen; und dann winkte sie mit der kleinen Hand nach dem Hafendamm herüber, wo ich stand, als hätt' ich einen Mord begangen, und John Meiers leichtes Schiff lös'te die Taue und steuerte weg. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich nachfuhr und nicht an Bord gelassen wurde. Und als ich endlich mehr todt als lebendig wieder im Comptoir saß, war's, als hätte ich nur geträumt. Aber da lag Christian Mölderup's Brief, und im ganzen Hans war ein Lamento, als wäre Madame Morten gestorben, und ich wagte Keinem ins Gesicht zu sehen. Es ward mir nicht schwer, es Ihnen zu verschweigen; denn was hätte es geholfen? Und wenn ich an Ihren Zorn und Jammer dachte, Herr Morten, hätte ich mir am liebsten einen Stein an den Hals gebunden und mich irgendwo im Hafen sicher untergebracht.

Als er geendet hatte, stand er lange vor mir und sah zu Boden. Ich vergaß ganz seine Gegenwart, hatte die Augen geschlossen und empfand nichts als mein Glück und Elend zugleich, nicht einmal Angst um die Geliebte: nur den Triumph, so geliebt zu werden, und die Zerknirschung, so niedrig an ihr verzweifelt zu haben. Aber auch dieses Gefühl gab endlich dem reinen Schwindel des Entzückens Raum. Ich sah auf. Sind Sie noch hier, Mannsfeld? sagte ich. Gehen Sie, es ist gut. – Der ehrliche Mensch verließ mich zögernd mit bedenklichen Blicken. Er mochte glauben, der Schlag habe mir den Verstand zerrüttet, und ich hörte, daß er draußen auf dem Flur in der Nähe blieb, um bei der Hand zu sein, wenn ich außer mir geriethe. Ich aber, als ich allein war, brach in Thränen aus, warf mich auf den Boden und küßte die Stelle, wo ihr Fuß gestanden, und die Tasten des Claviers, auf denen ihre Finger geruht hatten.

Der Wahnsinn der Freude verloderte bald, und da ich durch das Fenster die Jagd der Wolken sah und die Kälte empfand, die durch den Kamin stoßweise hereinfuhr, wurde ich plötzlich von Schrecken und Schauder erfüllt und sah mein Kleinod, mein Weib, mein Leben auf der furchtbaren See verloren dahinschwanken. Nein, rief ich aus, das kannst du nicht wollen, gütiger Gott, der den Stürmen und Wellen gebietet, daß das Ungeheure geschehe! Zerbrich meine Schiffe, versenke die Ladung, mache mich zum Bettler, aber rette mir mein Weib!

In der entsetzlichen Unruhe, die von Minute zu Minute stieg, litt es mich nicht mehr im Zimmer.

Ich steckte ihren Brief zu mir, den ich an mich gerichtet glaubte, und ging allein aus dem Haus, dem Hafen zu. Unterwegs erbrach ich das Siegel und las. – –

Lesen Sie selbst, sagte der Alte nach kurzem Schweigen zu mir. Er ging an den Schreibtisch, schloß ein Fach auf und reichte mir den Brief im Couvert, auf dem ich die angefangene Aufschrift erkannte. Sie martern mich, wenn Sie mir das Ende vorenthalten, sagte ich. Um Gotteswillen, wie war der Ausgang? – Lesen Sie, erwiederte er. Sie würden das Ende ohne den Brief nur halb verstehen. Damit trat er an das Fenster und ich las:

»Lieber Freund! ich schreibe Ihnen, weil mir ist, als sollten wir uns so bald nicht wieder sehen. Sie haben gestern Abend eine Frage an mich gerichtet, auf die ich die Antwort schuldig blieb. Es wäre besser gewesen, Sie hätten nicht gefragt, oder ich hätte gleich Klarheit und Ruhe genug gehabt, Ihnen zu antworten, wie ich es jetzt thun will. Hätte ich die Frage früher schon mir selbst gestellt, so wäre die Antwort bereit gewesen.

›Ob ich glücklich bin?‹ – Ich schwieg darauf, und was mögen Sie aus meinem Verstummen herausgehört haben? Sie kamen in einer Aufregung, die mir schmerzlich war, und gingen aufgeregter, als Sie gekommen waren. Sie sind mir zu werth, als daß mir dies gleichgültig sein könnte. Die Frage, die mir meine aufrichtige Freundschaft für Sie nahe legte: ob Sie nicht glücklich seien – wurde mir durch Ihren Anblick erspart.

Ich will es nicht wissen, was Sie unglücklich macht. Ich habe das Vertrauen zu Ihnen, daß Sie in keinem Kampf des Lebens unmännlich die Waffen strecken werden, ehe Sie sie ritterlich geführt haben.

Aber vielleicht wird es Ihren Muth erneuen, wenn Ihnen Ihre Freundin sagt, daß sie Nichts so herzlich wünscht, als Ihren Sieg in jeder Gefahr. Und beruhigen wird es Sie, zu wissen, daß die Sorge um mich und mein Glück Ihnen gespart sein soll. Denn ja! ich bin glücklich, lieber Freund, und was mir zur vollen Dankbarkeit gegen den Himmel gebricht, das hoffe ich mir zu erwerben.

Sie haben mich, seit mein Mann fern ist, oft unruhig und nachdenklich gefunden. Warum verhehle ich Ihnen die Ursache? Es ist Eins, was mich bekümmert: das Gefühl, meinen Mann nicht so glücklich zu machen, als ich wollte.

Sie kennen ihn, denn Sie sind sein Freund. Und so wissen Sie, ein edlerer Mann lebt nicht unter der Sonne. Und dieser Mann gehört mir an, und jeder Tag zeigt mir seine Liebe, und doch finde ich den Weg nicht, ihm Alles zu sein, was er zum Leben bedarf.

Ich habe Ihnen verschwiegen, daß er mir auf all meine Briefe keine Zeile geantwortet. Und noch heute ist mir seine plötzliche Abreise unerklärlich. Ich habe ihm mit Wissen Nichts zu Leide gethan; aber daß ich unterlassen haben muß, ihm etwas zu Liebe zu thun, worauf er gehofft hatte, das wird mir jeden Tag einleuchtender.

Er wird wieder kommen, und ich werde offen mit ihm reden, und wenn er die Schmerzen sieht, die mir seine Entfernung gemacht hat, wird er mir Alles sagen und die letzten Schatten verscheuchen, die mein Glück trüben.

Bis das geschehen ist, lieber Freund, lassen Sie mich auf die Freude verzichten, die Stunden, wie ich gewohnt war, mir durch Ihr Gespräch zu verkürzen. In der Spannung, mit der ich einem Brief meines Mannes oder seiner Rückkehr entgegen sehe, wäre ich wenig fähig, unsere Lectüre fortzusetzen oder so ruhig dem Flug Ihrer Gedanken zu folgen, wie man muß, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Seien Sie getrost und siegreich und heiter, wenn wir uns nach dieser gewiß nur kurzen Pause wiedersehen.

Ihre Freundin

Helene Morten.«

Ich hatte den Brief längst ausgelesen und konnte die Augen doch noch nicht von der verblaßten, zarten und zugleich festen Handschrift trennen. Auch störte mich der Alte lange Zeit gar nicht in meiner stillen Feier. Die Uhr tickte müde und hart dazwischen und schlug endlich mit vollem Klang die elfte Stunde. Da wandte er sich um von seinem Fenster, ging auf mich zu und sagte, mir die Hand sanft auf die Schulter legend: Werden Sie nun hintreten können, wenn die Welt sagt, Helene Worten starb unglücklich, und zeugen, daß sie zu hoch gestanden für das Unglück?

Ich ergriff seine Hand und drückte sie, die Stimme versagte mir.

Er nahm den Brief, faltete ihn wieder mit sorgsamer Hand zusammen und verschloß ihn; dann ging er wieder ans Fenster zurück und erzählte das Letzte halb in die Nacht hinaus:

Es war heller Tag und ich sah nichts um mich her und hörte nichts vom Lärm der Straßen, durch die ich mich hindurch wand, ich weiß nicht wie. Sobald ich den Brief gelesen hatte, überfiel mich eine tiefe Traurigkeit. O, war ich dieser Worte der Liebe und Treue jemals werth gewesen, – durch meine wahnwitzigen Zweifel hatte ich jeden leisesten Anspruch verscherzt. Ich hatte mein Urtheil gelesen. Wie ein Verbrecher mied ich den Blick aller Menschen und zitterte vor dem ihrigen. Mir etwas zu Liebe zu thun, mir! – Was war ich? Ein selbstsüchtiger blöder Mensch, ein enger Kopf, ein unersättliches Herz, ein Frevler, aus Selbstgenügsamkeit und Selbstverachtung jämmerlich zusammengepfuscht, unwürdig, ihr je im Leben begegnet zu seyn. Und diesem Menschen etwas zu Liebe zu thun, hatte sie sich allem Drangsal der winterlichen See preisgegeben! O freilich, sie mußte ja glauben, meine Schiffe seien meine Götzen, da mich die Sorge für sie drei Jahre hindurch den besten Theil des Tages abgehalten hatte, den Himmel neben mir zu verdienen.

Und so trat ich auf den Platz vor dem Hafen hinaus, und mein Blick fällt übers Meer. In demselben Moment tönt die Hafenglocke, die das Einlaufen der Schiffe anzeigt, ich schrecke zusammen und sehe an der Hafenpforte eines hinter dem andern meine drei Schiffe, voran das Fahrzeug John Meiers. Sie liefen langsam ein, die beiden ersten die Flagge an der Gaffel führend, und jetzt bog das dritte, der »Phönix,« ins Bassin ein, die Hafenglocke verstummte und ich sah vom Maste das Trauerzeichen, eine Flagge auf halber Stange, wehen und dann nichts mehr, denn ich sank um und lag bewußtlos auf den Steinen des Quais. – –

Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich noch auf derselben Stelle, von Hunderten umgeben. Alle kannten mich, Allen sagte ein Blick aufs Meer, was es war, das mich zu Boden geworfen. Den treuen Mannsfeld sah ich neben mir, der mir nachgefolgt war, und eben stieg John Meier die Hafentreppe herauf und kam langsam auf mich zu. Als er sich durch die Menge durchgedrängt hatte und nun die Mütze zog und mir seine derbe Hand hinreichte, übermannte es den alten Seemann und er schluchzte wie ein Kind. Ich hatte mich aufgerichtet und faßte seine Hand und zog ihn fort nach dem Bassin. Wir stiegen, nur von Mannsfeld begleitet, ins Boot und ruderten nach dem »Phönix.«

Da lag sie auf dem Verdeck, in den Pelz gehüllt, bleich und schön, das Gesicht nach dem Himmel gewendet, der seine Wolken über ihr zerstreute und die reine Bläue zeigte. Im Kreis standen die Schiffsleute, alle barhaupt, starr und lautlos. Nur die Wellen schlugen gegen die Planken des hohen Katafalks. – –

Sie hatten die drei Schiffe erst einige Meilen vor Kopenhagen eingeholt mit unsäglichen Mühen. So lange noch keines in Sicht war, schien die Fahrt ohne alle Spur jener bösen Wirkung auf Helenens zarte Natur von Statten zu gehen. Sie saß auf dem Verdeck unablässig, ein Fernrohr in der Hand, das Auge vorwärts gerichtet. Als der Mann auf dem Ausguck meldete, daß drei Segler am Horizont auftauchten, stand sie auf und ihr Gesicht röthete sich plötzlich. Sie ließ das Fernrohr fallen, hielt sich mit dem einen Arm fest am Mast und drückte die andere Hand gegen die Brust. Als John Meier zu ihr trat, um voller Freude Glück zu wünschen, sah er sie wanken, fing sie in seinen Armen auf und trug sie, der alle Pulse im hitzigsten Fieber flogen, hinab in die Cajüte. Sobald sie beim »Phönix« angelegt und sich verständigt hatten, wurde sie auf das größere Schiff hinübergetragen, dessen Bewegung ruhiger war. Zu spät! Die heftigsten Fieberstürme lös'ten die Anfälle der Seekrankheit ab, und am zweiten Tage war sie verschieden.

Ich wollte, ich könnte Ihnen das Alles mit den Worten des braven John Meier sagen. Das erste mildere Gefühl des Lebens kehrte mir zurück, als ich ihn wieder und wieder wie einen begeisterten Dichter von ihrem Ende sprechen hörte. Einmal über das andere klagte er sich an, daß er ihr nachgegeben und die Fahrt unternommen, und in demselben Athem, weinend, zähneknirschend rief er aus: Ich mußte es thun, Herr Morten, und hätte sie mir befohlen, meinen eigenen einzigen Sohn umzubringen, ich hätte sie angesehen und wäre ein Unmensch geworden! –

Am dritten Tage darauf begruben wir sie. Ich war eben vom Friedhofe in mein Haus zurückgekehrt und lag allein, thränenlos, selbst wie ein Begrabener, auf dem Sopha. Da geht die Thür auf, und der Doctor tritt herein. Bis dahin hatten meine Leute Niemand zu mir lassen dürfen, als Mannsfeld und John Meier. Nun erzwang er sich den Eingang. Wie er mich liegen sah, stürzte er mit unterdrücktem Aufschrei neben mich hin auf die Kniee und weinte auf meine Hand strömende Thränen. Ich fand sie auch endlich wieder; ich neigte mich über ihn hin und umarmte ihn. Dann erhob ich mich und gab ihm den Brief, und der starke Mensch bebte bis in die Fußspitzen, während er las. Er wollte sprechen, aber wie er mich ansah, mußte er wissen, daß Alles gesagt war. Er stürzte an meinen Hals, ich küßte ihn auf den Mund und setzte mich dann neben ihn vor ihre Staffelei. So verbrachten wir zusammen, ohne Jemand sonst hereinzulassen, den übrigen Tag in ihrem Zimmer. Als er Abends ging, bat ich ihn, den Brief behalten zu dürfen, und behielt ihn. Den Freund habe ich verloren. Er war am andern Morgen abgereis't, nachdem er alle Acten und Papiere meines in letzter Instanz schwebenden und nicht mehr zu verlierenden Prozesses mir mit wenigen Abschiedszeilen ins Haus geschickt hatte. Ich sah ihn nicht wieder und hörte nur später, daß er sich in England niedergelassen habe.

Warum mußte er auch so eilig die Stadt verlasse? Ich weiß, was darüber gesprochen wurde, Alles erfuhr ich. Es finden sich immer gutherzige Freunde, einem die Verleumdung ins Hans zu tragen. Den Ersten, der mich so theilnehmend dabei ansah, daß mir alles Blut ins Sieden kam, ließ ich ausreden, und wies ihm dann ohne ein Wort die Thür. Er ging mit Achselzucken und überließ mich meiner Empörung. Ein Anderer machte Miene, dieselbe elende Rolle zu spielen. Von der Tobten schwieg er, aber gegen den Doctor zog er los und lauerte, wie ich sah, auf jede Silbe, mit der ich einstimmen würde. Wer von meinem Freunde unwürdig spricht, sagt' ich trocken, hat die Wahl, für einen schlechten oder dummen Menschen von mir gehalten zu werden. – So hatte ich Ruhe; aber der Ort war mir verhaßt, wo die Lüge wie ein Feuer um sich fraß und selbst Helene Mortens Grab nicht verschonte.

Ich betrat mein Comptoir nur noch, um mein Geschäft aufzulösen. Dann verschloß ich mein Haus, nahm eine Anzahl von Helenens Büchern mit und reis'te ziellos in die Welt hinaus. Meinen Geist in die Nähe des ihrigen aufzuschwingen, das war der einzige Gedanke, um den mir das Leben noch der Mühe werth schien. Ich las all ihre Bücher und lernte die Sprachen, deren sie mächtig war, und in denen ich bisher nur Phrasen zu machen gewußt hatte. Auch das Zeichnen fing ich an. Nur für die Musik waren meine Finger nicht mehr jung genug. Nach Hause kam ich nur wenn mein Büchervorrath erschöpft war; dann betrat ich das verlassene Zimmer, öffnete diese Schränke und nahm neuen Trost für meine Einsamkeit heraus. So trieb ich es viele Jahre.

Als ich endlich alt genug war, um meinem Körper Ruhe zu gönnen, führte mich der gute Stern meiner Liebe, der immer reiner über mir aufging, in diese Gegend, wo er zuerst über meinem Horizont emporgestiegen war. Ich fand dies Haus leer und kaufte es, um hier die letzten Tage zuzubringen. Alles, was mir noch theuer war, ließ ich in dies Zimmer zusammenstellen. Und so fahre ich hier fort, von ihrem Vermächtniß zu leben. Es sind nur noch wenige Bücher in diesen Schränken, die ich nicht gelesen habe. Wenn das letzte Blatt des letzten von ihnen umgewendet sein wird, dann ist auch meine Geschichte zu Ende.

——————

Die Lichter auf dem Tisch waren dem Erlöschen nahe und die Uhr schlug Mitternacht. Es ist spät geworden, sagte der Alte, der ruhig und wie verklärt vor mir stand. Ich habe Sie um viel Schlaf gebracht. Nehmen Sie zum Dank für die Thräne, die ich in Ihrem Auge sehe, ein Andenken mit an Helene Morten.

Er blätterte in einer Mappe, nahm eine Zeichnung heraus, rollte sie sorglich auf und legte sie in meine Hand, die er zum letztenmale drückte. Der Zugwind, der durch die geöffnete Hausthür hereinfuhr, verlöschte ihm das Licht. Aber schon hörte ich das Schloß hinter mir verschließen und stand draußen unter den Sternen in dem weiten Hof des Fährkrugs. –

In meiner Kammer angelangt, war es mein Erstes, das Blatt zu entrollen. Es war eine Ansicht des Meeres, über Wipfeln schöner Buchenwälder, die am Ufer standen, hinausdunkelnd, der Himmel in Sturmwolken gehüllt, und vorn auf einer Lichtung spielten Streiflichter der Sonne. Wenige Farben gaben die schlagendste Wirkung und eine Meisterhand hatte den Pinsel geführt. In der Ecke vorn stand der Name: Helene Morten, September 1819.

——————

Es war zwei Jahre später, daß ich wieder auf dem Damm über das Bruch nach der Waldinsel hinwanderte. Das Herz schlug mir, als ich endlich aus der Weidenallee vortretend an der Brücke stand und über den noch immer grünverwachsenen Strom hinübersah nach der wohlbekannten Veranda. Ich erschrak, denn an ihrer Stelle ragten nur noch zwei oder drei halb zertrümmerte Pfeiler auf, der ganze Platz war gelichtet, das verwilderte Gärtchen niedergetreten, das Haus des Fährkrugs verschwunden. Aus der Entfernung konnte ich mehr nicht unterscheiden. Was war geschehen? Nur das erkannte ich, der Alte war nicht mehr unter den Lebenden.

Man hatte mich drüben im Wirthshaus nicht vergessen; denn als der Einzige, der von dem alten Herrn im Fährkrug in sein Haus gelassen worden, war ich ihnen in der Erinnerung geblieben. Sie finden ihn nicht mehr, sagte mir der Wirth. Er hat noch so fortgelebt bis in den November verwichenen Jahres. Da lieg' ich einmal Nachts im Bett und wache gegen meine Gewohnheit auf. Das Fenster ging gerade nach dem Fährkrug, und beim Element! es war roth wie von der Morgensonne. Ich aufgesprungen und mir die Augen gerieben und ans Fenster hin, und da sah ich's: nicht der Morgen war's, Feuer war's, Feuer im Fährkrug. Wie ich das Haus in Allarm brachte und Alle, groß und klein, aus den Betten jagte und hinstürzte, können Sie denken; denn der alte Herr, so wunderlich er war, ein Ehrenmann war er, und wir hingen Alle an ihm. Aber eh' wir hinkamen und die Spritze aus dem Schuppen war, brach schon das Dach ein und die Lohe knisterte hoch auf. Es mußte schon eine reichliche Stunde so fort gebrannt haben, ehe wir's inne wurden. Mein Kind, die Dorothee, schrie hellauf: der alte Herr ist verbrannt! und fiel schier in Krämpfe, denn er war allezeit wie ein Vater zu ihr gewesen. Wir dachten auch nicht anders, als er sei im Schlaf von den Flammen ergriffen und elendig vom Rauch erwürgt worden. Was aber fanden wir? Andern Tags, als die letzte Glut zusammensank und ich in traurigen Gedanken um das Gehöft herumschlenderte, sehe ich unweit hinter der letzten Scheune den alten Herrn ganz still und steif an eine Kiefer gelehnt auf der Erde sitzen und hinüberschauen, wo die Trümmer seines Fährkrugs noch rauchten. Ich schlage schon einen Freudenspectakel auf, laufe zu ihm und sage: Gott sei Lob und Dank – da sehe ich, daß er ganz weiß ist im Gesicht und den Blick eines Todten hat. Ja, ja, Herr, er war todt; er hatte sein Stündlein kommen gefühlt und sein Hab' und Gut selbst angezündet und war mit den letzten Kräften hinausgeschlichen, es noch brennen zu sehen. Denn seine Sachen und Möbel und Bücher – so gern er sonst gab – die gönnte er Keinem. In der Nacht selbst war Niemand von uns an jenen Platz gekommen, denn die Scheune stand außer Gefahr, und wir hatten die Hände voll zu thun, wo es brannte. Man fand Nichts bei ihm als Geld und ein Blatt, worin er sagte, man solle auf Niemand den Verdacht werfen, er habe es gethan. Man solle ihn begraben unten am Ufer, hundert Schritt vom Gehöft, an jener Stelle, wo er ein Kreuz in den Sand gestoßen. – Meine Dorothee wird mit Ihnen gehen, wenn Sie das Grab zu sehen wünschen. – Friede sei mit ihm!

——————

 << Kapitel 5 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.