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Neue Novellen [2]

Paul Heyse: Neue Novellen [2] - Kapitel 3
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleNeue Novellen [2]
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1858
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180312
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Das Mädchen von Treppi.

(1855)

 

Auf der Höhe des Apennin, wo er sich zwischen Toskana und dem nördlichen Theil des Kirchenstaats hinzieht, liegt ein einsames Hirtendorf, Treppi genannt. Die Pfade, die hinaufführen, sind für Wagen unzugänglich. Viele Stunden weiter nach Süden in großem Umweg überschreitet die Straße der Posten und Vetturine das Gebirge. Treppi vorüber ziehen nur Bauern, die mit den Hirten zu handeln haben, selten ein Maler oder ein landstraßenscheuer Fußwanderer, und in den Nächten die Schmuggler mit ihren Saumtieren, die das öde Dorf, wo sie kurze Rast machen, auf noch viel rauheren Felswegen zu erreichen wissen, als alle Andern.

Es war erst gegen die Mitte Octobers, eine Zeit, wo die Nächte in dieser Höhe noch von großer Klarheit zu sein pflegen. Heute aber hatte sich nach dem sonnenheißen Tage ein feiner Nebel aus den Schluchten heraufgewälzt und breitete sich langsam über die edelgeformten nackten Felszüge des Hochlandes. Es mochte gegen neun Uhr Abends sein. In den zerstreuten niedrigen Steinhütten, die über Tag nur von den ältesten Weibern und jüngsten Kindern bewacht werden, glommen nur noch schwache Feuerscheine. Um die Herde, über denen die großen Kessel wankten, lagen die Hirten mit ihren Familien und schliefen; die Hunde hatten sich in die Asche gestreckt; eine schlaflose Großmutter saß wohl noch auf einem Haufen Felle und bewegte mechanisch die Spindel hin und her, Gebete murmelnd, oder ein unruhig schlafendes Kind im Korbe schaukelnd. Die Nachtluft zog feucht und herbstlich durch die handgroßen Lücken in der Mauer, und der Rauch der ruhig ausbrennenden Herdflamme, der jetzt vom Nebel gedrängt wurde, schlug schwerfällig zurück und floß an der Decke der Hütte hin, ohne daß es der Alten beschwerlich ward. Hernach schlief auch sie mit offenen Augen, so viel sie konnte.

Nur in einem Hause war noch Bewegung. Es hatte auch nur ein Stockwerk wie die andern; aber die Steine waren besser gefugt, die Thür breiter und höher, und an das weite Viereck, das die eigentliche Wohnung ausmachte, lehnten sich mancherlei Schuppen, angebaute Kammern, Ställe und ein gut gemauerter Backofen. Vor der Hausthür stand ein Trupp beladener Pferde, denen ein Bursch eben die geleerten Krippen wegriß, während sechs bis sieben bewaffnete Männer aus dem Hause traten, in den Nebel hinaus, und eilig ihre Thiere rüsteten. Ein uralter Hund, der neben der Thür lag, bewegte nur leicht den Schweif, als sie aufbrachen. Dann erhob er sich müde von der Erde und ging langsam in das Innere der Hütte, wo das Feuer noch hell brannte. Am Herde stand seine Herrin, dem Feuer zugewendet, die stattliche Gestalt regungslos, die Arme an den Hüften herabhangend. Als der Hund mit der Schnauze sanft gegen ihre Hand rührte, wandte sie sich, als schrecke sie aus Träumen auf. »Fuoco«, sagte sie, »mein armes Thier, geh schlafen, du bist krank!« – Der Hund winselte und bewegte den Schweif dankbar. Dann kroch er auf ein altes Fell neben dem Herd und streckte sich hustend und winselnd nieder.

Indessen waren auch einige Knechte hereingekommen und hatten sich um den großen Tisch an die Schüssel gesetzt, welche die abziehenden Schmuggler soeben verlassen hatten. Eine alte Magd füllte sie aus dem großen Kessel von neuem mit Polenta, und setzte sich nun ebenfalls mit ihrem Löffel zu den andern. Während sie aßen, wurde kein Wort laut; die Flamme knisterte, der Hund stöhnte heiser aus dem Schlaf, das ernsthafte Mädchen saß auf den Steinplatten des Herdes, ließ das Schüsselchen mit der Polenta, das ihr die Magd besonders hingestellt hatte, unberührt und sah in der Halle umher, ohne Gedanken in sich versunken. Vor der Thür stand der Nebel jetzt schon wie eine weiße Wand. Aber zugleich ging der halbe Mond eben hinter dem Rand des Felsens in die Höhe.

Da kam es wie Hufschlag und Menschentritte die Straße herauf. – »Pietro!« rief die junge Hausherrin mit ruhig erinnerndem Ton. Ein langer Bursch stand augenblicklich vom Tisch auf und verschwand im Nebel.

Man hörte jetzt die Schritte und Stimmen näher, endlich hielt das Pferd am Hause. Noch eine Weile, dann erschienen drei Männer unter der Thür und traten mit kurzem Gruß ein. Pietro näherte sich dem Mädchen, das theilnahmlos in die Flamme sah. »Es sind Zwei von Porretta«, sagte er ihr, »ohne Waren; sie führen einen Signore über die Berge, der seine Pässe nicht in Ordnung hat.«

»Nina!« rief das Mädchen. Die alte Magd stand auf und kam an den Herd.

»Das ist's nicht allein, daß sie essen wollen, Padrona«, fuhr der Bursch fort. »Ob der Herr ein Lager haben kann für die Nacht. Er will nicht weiter vor Tagesanbruch.«

»Mach' ihm eine Streu in der Kammer.« Pietro nickte und ging wieder an den Tisch.

Die drei hatten Platz genommen, ohne daß die Knechte sie einer besondern Aufmerksamkeit würdigten. Es waren zwei Contrabbandieri, wohlbewaffnet, die Jacken leicht übergeworfen, die Hüte tief über die Stirn gedrückt. Sie nickten den andern zu wie guten Bekannten, und nachdem sie ihrem Begleiter einen guten Platz eingeräumt hatten, schlugen sie das Kreuz und aßen.

Der Signore, der mit ihnen gekommen, aß nicht. Er nahm den Hut von der hohen Stirn, strich mit der Hand durchs Haar und ließ die Augen über den Ort und die Gesellschaft schweifen. An den Wänden las er die mit Kohle gemalten, frommen Sprüche, sah im Winkel das Madonnenbild mit dem Lämpchen, daneben die Hühner, die auf der Stange schliefen, dann die Maiskolben, die, auf Schnüre gereiht, an der Decke hingen, ein Brett mit Krügen und Korbflaschen, übereinandergeschichtete Felle und Körbe. Das Mädchen am Herd fesselte endlich seine unruhigen Augen. Das dunkle Profil zeichnete sich streng und schön gegen das flackernde Rot des Herdfeuers, ein großes Nest schwarzer Flechten lag tief auf dem Nacken, die Hände hatte sie ineinander verschränkt auf das eine Knie gelegt, während der andere Fuß auf dem Felsboden des Gemachs ruhte. Wie alt sie sein mochte, konnte er nicht erraten. Doch sah er an ihrem Gebahren, daß sie die Wirthin des Hauses war.

»Habt Ihr Wein im Hause, Padrona?« fragte er endlich. Er hatte diese Worte kaum gesagt, als das Mädchen wie vom Blitz gestreift emporfuhr und aufrecht neben dem Herde stand, mit beiden Armen sich auf die Platten stützend. In demselben Augenblick fuhr der Hund aus dem Schlafe auf. Ein wildes Murren brach aus seiner keuchenden Brust vor. Der Fremde sah plötzlich vier funkelnde Augen auf sich gerichtet.

»Darf man nicht fragen, ob Ihr Wein im Hause habt, Padrona?« wiederholte er jetzt. Noch aber hatte er das letzte Wort nicht geendet, als der Hund in unerklärlicher Wuth laut heulend auf ihn zusprang, ihm den Mantel mit den Zähnen von der Schulter riß und von neuem gegen ihn losgesprungen wäre, wenn nicht ein scharfer Ruf seiner Herrin ihn gebändigt hätte.

»Zurück, Fuoco, zurück! Friede, Friede!« – Der Hund stand mitten im Zimmer, heftig mit dem Schweife schlagend, den Fremden unverwandt im Auge. – »Schließ ihn in den Stall, Pietro!« sagte das Mädchen halblaut. Sie stand noch immer wie erstarrt am Herde und wiederholte den Befehl, als Pietro zauderte. Denn seit langen Jahren war der nächtliche Platz des alten Thiers neben dem Herde gewesen. Die Knechte flüsterten untereinander, der Hund folgte widerwillig, und sein Heulen und Winseln drang schauerlich von draußen herein, bis es vor Erschöpfung nachzulassen schien.

Indessen hatte die Magd auf einen Wink der Wirthin Wein gebracht. Der Fremde trank, reichte den Becher seinen Begleitern und sann im Stillen über den wunderlichen Aufruhr nach, den er unwissentlich angestiftet. Ein Knecht nach dem andern legte den Löffel nieder und ging mit einem »Gute Nacht, Padrona!« hinaus. Zuletzt waren die drei mit der Wirthin und der alten Magd allein.

»Die Sonne geht um vier Uhr auf«, sagte der eine Schmuggler halblaut zu dem Fremden. »Eccellenza braucht nicht früher aufzubrechen, um bei guter Zeit in Pistoja zu sein. Es ist auch wegen des Pferdes, das seine sechs Stunden stehen muß.«

»Es ist gut, meine Freunde. Geht und schlaft!«

»Wir werden Euch wecken, Eccellenza.«

»Auf alle Fälle«, erwiederte der Fremde. »Obwohl die Madonna weiß, daß ich nicht oft sechs Stunden in Einem Strich schlafe. Gute Nacht, Carlone; gute Nacht, Meister Giuseppe!«

Die Leute rückten ehrerbietig die Hüte und standen auf. Der eine ging nach dem Herd und sagte: »Ich habe einen Gruß, Padrona, vom Costanzo aus Bologna, und ob es bei Euch war, wo er sein Messer hat liegen lassen letzten Samstag.«

»Nein«, sagte sie kurz und ungeduldig.

»Ihr hättet's ihm wohl wieder mitgeschickt«, sagte ich ihm, »wenn's hier gewesen wäre. Und dann –«

»Nina«, unterbrach sie ihn, »zeige ihnen den Weg in die Kammer, wenn sie ihn vergessen haben.«

Die Magd stand auf. »Ich wollte nur noch sagen, Padrona«, fuhr der Mann mit großer Ruhe und leisem Zwinkern der Augen fort, »daß dieser Herr dort das Geld nicht ansähe, wenn Ihr ihm ein sanfteres Bett machtet, als unsereinem. Das wollt' ich Euch sagen, Padrona, und nun schenk' Euch die Madonna eine gute Nacht, Signora Fenice!«

Damit wandte er sich zu seinem Gesellen, neigte sich, wie dieser, vor dem Bilde in der Ecke, kreuzte sich und beide verließen mit der Magd das Gemach. »Gute Nacht, Nina!« rief das Mädchen. Die Alte wandte sich noch auf der Schwelle und machte ein fragendes Zeichen, zog dann aber rasch und gehorsam die Thür hinter sich zu.

Sie waren kaum allein, als Fenice eine Messinglampe, die seitwärts am Herde stand, ergriff und hastig anzündete. Das Herdfeuer erlosch mehr und mehr, die drei rothen Flämmchen der Lampe erhellten nur einen kleinen Theil des weiten Raumes. Es schien, als habe die Dunkelheit den Fremden schläfrig gemacht, denn er saß am Tische, den Kopf auf die Arme gelegt, den Mantel dicht um sich gezogen, als gedenke er so die Nacht zuzubringen. Da hörte er seinen Namen rufen und sah empor. Die Lampe brannte vor ihm auf dem Tisch, ihm gegenüber stand die junge Padrona, die ihn gerufen hatte. Ihr Blick traf den seinen mit großer Gewalt.

»Filippo«, sagte sie, »kennt Ihr mich nicht mehr?«

Er sah eine Zeitlang forschend in das schöne Gesicht, das vom Schein der Lampe und mehr noch von der Angst zu glühen schien, welche Antwort ihrer Frage werden würde. Das Gesicht war wohl des Wiedererinnerns werth. Die weichen langen Augenwimpern sänftigten, wie sie langsam auf und nieder gingen, die Strenge der Stirn und der schmalgeformten Nase. Der Mund blühte in der röthesten Jugend; nur hatte er, wenn er schwieg, einen Zug von Entsagung, Schmerz und Wildheit, dem die schwarzen Augen nicht widersprachen. Jetzt erst, als sie am Tische stand, zeigte sich auch der herbe Reiz der Gestalt, besonders die Schönheit des Nackens und Halses. Und dennoch sprach Filippo nach einigem Besinnen:

»Ich kenne Euch wahrlich nicht, Padrona!«

»Es ist nicht möglich«, sagte sie mit einem wunderbar tiefen Ton der Gewißheit. »Ihr habt ja sieben Jahre Zeit gehabt, mich zu behalten. Das ist lang; da kann ein Bild sich schon einprägen.«

Das seltsame Wort schien ihn jetzt erst völlig aus seinen besondern Gedanken loszumachen. »Ja, Mädchen«, sagte er, »wer sieben Jahre zu nichts Anderm braucht, als einem schönen Mädchenkopf nachzudenken, der muß ihn wohl zuletzt auswendig wissen.«

»Ja«, sagte sie nachdenklich, »so ist es, so sagtet Ihr auch damals, daß Ihr an nichts anderes denken würdet.«

»Vor sieben Jahren? So war ich noch ein scherzhafter Mensch vor sieben Jahren. Und du hast das im Ernst geglaubt?«

Sie nickte dreimal sehr ernsthaft. »Warum sollte ich nicht? Ich habe es ja an mir selbst erfahren, daß Ihr recht hattet.«

»Kind«, sagte er mit einer gutmüthigen Miene, die seinen entschiedenen Zügen wohl stand, »das thut mir leid. Vor sieben Jahren dacht' ich wohl noch, es wüßten es alle Weiber, daß zärtliche Männerworte nicht viel mehr werth sind als Spielmarken, die man freilich gelegentlich gegen klingendes Geld umwechselt, wenn es ausdrücklich ausgemacht ist. Was dacht' ich nicht Alles vor sieben Jahren von euch Weibern! Jetzt denk' ich, ehrlich gesagt, selten an euch. Liebes Kind, man hat so viel Wichtigeres zu denken.«

Sie schwieg, als ob sie das Alles nicht verstünde und ruhig abwarten wollte, bis er etwas sagte, was sie wirklich anging.

»Es dämmert jetzt freilich in mir auf«, sagte er nach einigem Sinnen, »daß ich diesen Theil des Gebirges schon einmal durchwandert habe. Ich hätte auch vielleicht das Dorf und dieses Haus wieder erkannt, ohne den Nebel. Ja, ja, es war allerdings vor sieben Jahren, wo mich der Arzt in die Berge schickte, und ich wie ein Narr die steilsten Wege auf und ab stürmte.«

»Ich wußte es wohl«, sagte sie, und ein rührender Glanz der Freude erschien auf den Lippen, »ich wußte es wohl, Ihr könnt es nicht vergessen haben. Hat es doch der Hund, der Fuoco, nicht vergessen, auch nicht seinen alten Haß auf Euch von damals, – noch ich – meine alte Liebe.«

Das sagte sie mit so großer Festigkeit und Heiterkeit, daß er immer erstaunter zu ihr aufsah. »Ich besinne mich nun auch auf ein Mädchen«, sagte er, »das ich einmal auf der Höhe des Apennin traf, und das mich zu seinen Eltern nach Hause brachte. Ich hätte sonst die Nacht auf den Klippen zubringen müssen. Ich weiß auch, daß es mir gefiel –«

»Ja«, unterbrach sie ihn, »sehr!«

»Aber ich gefiel dem Mädchen nicht. Ich hatte ein langes Gespräch mit ihr, zu dem sie nicht viel über zehn Worte beisteuerte. Als ich ihr endlich das schlafende finstre Mündchen mit einem Kuß aufzuwecken dachte – ich sehe sie noch, wie sie von mir weg auf die Seite sprang und mit jeder Hand einen Stein aufhob, daß ich kaum ungesteinigt davonkam. Wenn du jenes Mädchen bist, wie kannst du von deiner alten Liebe zu mir reden?«

»Ich war funfzehn Jahr, Filippo, und schämte mich sehr. Ich war immer so trotzig gewesen und allein, und wußte mich nicht auszudrücken. Und dann hatte ich Furcht vor den Eltern, die lebten damals noch, wie Ihr wissen werdet. Mein Vater hatte die vielen Hirten und Herden, und hier die Schenke. Es ist seitdem nicht viel anders geworden. Nur, daß er nicht mehr hier schaltet und schilt – seine Seele sei im Paradiese! Und vor der Mutter schämte ich mich am meisten. Wißt Ihr noch, gerade an demselben Fleck saßet Ihr damals, Ihr lobtet noch den Wein, den wir von Pistoja hatten. Mehr hörte ich nicht, die Mutter sah mich scharf an, da ging ich hinaus und stellte mich hinter das Fenster, um Euch noch betrachten zu können. Ihr waret jünger, natürlich, aber nicht schöner. Ihr habt noch heut dieselben Augen, mit denen Ihr damals gewinnen konntet, wen Ihr wolltet; und dieselbe dunkle Stimme, die den Hund so aufbrachte vor Eifersucht, armes Thier! Bisher hatte ich ihn allein geliebt. Er merkte wohl, daß ich Euch mehr liebte, er merkte es besser als Ihr selbst.«

»Richtig«, sagte er, »er war in jener Nacht wie unsinnig. Eine wunderliche Nacht! Du hattest mir's doch sehr angethan, Fenice. Ich weiß, daß ich keine Ruhe hatte, als du gar nicht wieder ins Haus zurückkommen wolltest, daß ich aufstand und dich draußen suchte. Dein weißes Kopftuch sah ich, und dann nichts mehr von dir, denn du sprangst in die Kammer neben dem Stall.«

»Das war meine Schlafkammer, Filippo. Da durftet Ihr doch nicht hinein.«

»Aber ich wollt' es. Ich weiß noch, wie lange ich stand und pocht' und bettelte, der schlechte Gesell, der ich war, und meinte, der Kopf müsse mir springen, wenn ich dich nicht noch einmal sähe.«

»Der Kopf? Nein, das Herz, sagtet Ihr. Ich weiß sie noch alle wohl, die Worte, alle!«

»Und wolltest doch damals nichts von ihnen wissen.«

»Mir war zu Muth wie zum Sterben. Ich stand im hintersten Winkel und dachte, wenn ich mir nur das Herz fassen könnte, an die Thür zu schleichen, den Mund an die Spalte zu legen, durch die Ihr spracht, daß ich den Hauch empfunden hätte.«

»Törichte verliebte Jugend! Wäre deine Mutter nicht gekommen, ich stände wohl noch da; du hättest denn inzwischen aufgemacht. Ich schäme mich jetzt beinahe, wie ich im hellen Aerger und Grimm davonging und die Nacht hindurch einen langen Traum von dir hatte.«

»Ich habe im Finstern gesessen und gewacht«, sagte sie. »Gegen Morgen überfiel mich ein Schlaf, und als ich auffuhr und in die Sonne sah – wo wart Ihr? Es sagte mir's keiner und fragen konnt' ich nicht. Ich hatte einen solchen Haß, ein menschliches Gesicht zu sehen, als hätten sie Euch umgebracht, damit ich Euch nur nicht mehr sähe. Ich lief fort, wie ich ging und stand, die Berge auf und ab, zuweilen schrie ich nach Euch, zuweilen verwünschte ich Euch, denn um Euch konnte ich nun keinen Menschen mehr lieben. Am Ende kam ich unten in der Ebene an, da erschrak ich und kehrte wieder um. Zwei Tage war ich weg gewesen. Der Vater schlug mich, als ich wiederkam, und die Mutter sprach nicht mit mir. Sie wußten wohl, warum ich weggelaufen war. Nur der Hund war mit mir gewesen, der Fuoco; aber wenn ich Euern Namen rief in der Einsamkeit, heulte er.«

Es entstand eine Pause, in der die Blicke der beiden Menschen aufeinander ruhten. Dann sagte Filippo: »Wie lange sind deine Eltern nun tot?«

»Drei Jahr. Sie starben in derselben Woche – ihre Seelen seien im Paradiese! Dann bin ich nach Florenz gegangen.«

»Nach Florenz?«

»Ja, Ihr sagtet ja, Ihr wäret aus Florenz. Die Frau des Caffetiere draußen bei San Miniato, an die wiesen mich welche von den Contrabbandieri. Einen Monat hab ich da gelebt und sie alle Tage in die Stadt geschickt, nach Euch zu fragen. Abends ging ich selbst hinunter und suchte Euch. Am Ende hörten wir, daß Ihr längst fortgezogen, keiner wollte recht wissen, wohin.«

Filippo stand auf und ging mit starken Schritten durch das Gemach. Fenice wandte sich nach ihm, ihr Blick folgte ihm, doch verriet sie keine Spur einer ähnlichen Unruhe, wie sie ihn umhertrieb. Er kam endlich auf sie zu, sah sie eine Weile an und sagte dann: »Und wozu gestehst du mir das Alles, la Poveretta?«

»Ich habe sieben Jahre Zeit gehabt, mir einen Muth dazu zu fassen. Ach, wenn ich es Euch damals gestanden hätte, es hätte mich nicht so unglücklich gemacht, dieses feige Herz. Aber ich wußte, daß Ihr wiederkommen mußtet, Filippo; nur daß es so lange dauerte, das hatte ich nicht gedacht, das that mir weh. – Ein Kind bin ich, so zu sprechen. Was kümmert mich, was nun vorüber ist? Filippo, da seid ihr, und hier bin ich und bin Euer, ewig, ewig!« – –

»Liebes Kind!« sagte er leise, und verschwieg dann wieder, was er auf der Zunge hatte. Sie empfand es aber nicht, daß er so nachdenklich und schweigsam vor ihr stand und über ihre Stirn weg auf die Wand starrte. Sie sprach ruhig weiter; es war, als wären ihr ihre Worte seit lange bekannt, als habe sie sich tausendmal im Stillen vorgestellt: Er wird kommen, und das und das wirst du ihm sagen.

»Ich habe schon viele heirathen sollen, hier oben, und als ich in Florenz war. Ich wollte nur dich. Wenn mich einer bat und sagte mir süße Reden, gleich war deine Stimme da, aus jener Nacht, deine Reden, die süßer waren, als alle Worte unterm Monde. Seit manchem Jahr lassen sie mich in Ruh, obwohl ich noch nicht alt bin, und so schön wie ich immer war. Es ist als ob sie alle wüßten, daß du nun bald kommen würdest.« – Dann wieder:

»Wo willst du mich nun hinführen? Willst du hier oben bleiben? Nein, es taugt nicht für dich. Seit ich in Florenz war, weiß ich, daß es traurig auf dem Gebirge ist. Wir wollen das Haus und die Herden verkaufen, dann bin ich reich. Ich habe das wilde Wesen mit den Leuten hier satt. In Florenz mußten sie mich Alles lehren, was eine Städterin braucht, und sie verwunderten sich, wie rasch ich Jedes begriff. Freilich, ich hatte nicht viel Zeit, und alle Träume sagten mir, daß es hier oben sein würde, wo du mich zu suchen kämest. – Ich habe auch eine Zauberin gefragt, und auch das ist Alles eingetroffen.«

»Und wenn ich nun schon eine Frau hätte?«

Sie sah ihn groß an. »Du willst mich versuchen, Filippo! Du hast keine. Auch das hat mir die Strega gesagt. Aber wo du wohnest, das wußte sie nicht.«

»Sie hat Recht gehabt, Fenice, ich habe kein Weib. Aber woher weiß sie oder du, daß ich je eins haben will?«

»Wie könntest du mich nicht wollen?« sagte sie mit unerschütterlichem Vertrauen.

»Setz dich hier zu mir her, Fenice! Ich habe dir viel zu sagen. Gib mir deine Hand; versprich mir, daß du mich verständig anhören willst bis zu Ende, meine arme Freundin!« – Als sie nichts von dem allen that, fuhr er mit klopfendem Herzen fort, vor ihr stehenbleibend und das Auge traurig auf sie geheftet, während das ihrige wie in Ahnungen, die ihr ans Leben gingen, bald geschlossen war, bald am Boden hin irrte.

»Ich habe schon vor Jahren aus Florenz fliehen müssen«, erzählte er. »Du weißt, da waren jene politischen Tumulte, die so lange hin und her schwankten. Ich bin Advokat und kenne eine Menge Menschen, und schreibe und empfange einen großen Haufen Briefe das Jahr hindurch. Zudem war ich unabhängig, sagte meine Meinung, wo es noth that, und wurde verhaßt, obwohl ich die Hände bei ihrem heimlichen Spiel nie haben mochte. Am Ende mußte ich auswandern, wenn ich nicht in endloses Verhör und Gefängniß gehen wollte, ohne Nutz und Zweck. Ich bin nach Bologna gezogen und habe für mich gelebt, meine Prozesse geführt, und wenig Menschen gesehen, am wenigsten Weiber; denn von dem tollen Burschen, dem du vor sieben Jahren das Herz schwer machtest, ist nichts mehr an mir geblieben, als daß mir noch immer der Kopf, oder wenn du lieber willst, das Herz springen will, wenn ich irgend was nicht bezwingen kann, freilich heut zu Tage andere Dinge, als den Riegel an der Kammerthür eines schönen Mädchens. – Du hast vielleicht gehört, daß es auch in Bologna in der letzten Zeit unruhig geworden ist. Man hat angesehene Männer verhaftet, darunter einen, dessen Wege und Stege ich seit langem kenne, und weiß, daß seine Seele diesen Dingen sehr fern war. Denn eine schlechte Regierung bessern sie damit so wenig, als wenn eine Krankheit unter euern Schafen ist und ihr schicktet den Wolf in den Stall. Aber was soll das hier? Genug, mein Freund bat mich, sein Advokat zu sein und ich verhalf ihm zur Freiheit. Es war das kaum bekannt worden, als mich eines Tages ein elender Mensch auf der Straße anrannte und mich mit Beleidigungen überhäufte. Ich konnte mich nicht anders von ihm losmachen, als durch einen Stoß gegen die Brust, denn er war berauscht und keiner Erwiederung werth. Kaum hatte ich mich aus dem Menschenschwarm herausgewunden und war in ein Café getreten, so kam mir schon ein Verwandter jenes Menschen nach, nüchtern von Wein, aber trunken von Gift und Zorn, und stellte mich zur Rede, daß ich wie ein Ehrloser auf Worte mit Fäusten geantwortet hätte, statt zu thun, was jeder Galant'uomo gethan haben würde. Ich antwortete so gemäßigt, wie ich konnte, denn schon durchschaute ich's, daß Alles eine Veranstaltung der Regierung war, mich durch einen Zweikampf unschädlich zu machen. Doch gab ein Wort das andere und die Feinde hatten endlich das Spiel gewonnen. Der andere gab vor, daß er ins Toskanische hinüber müsse, und drang darauf, die Sache drüben auszumachen. Ich ging darauf ein, denn es war Zeit, daß einer von uns Besonnenen den unruhigen Köpfen bewies, nicht Mangel an Muth sei die Ursache unserer Zurückhaltung, sondern einzig die Hoffnungslosigkeit aller heimlichen Umtriebe, einer so überlegenen Macht gegenüber. Als ich aber vorgestern um einen Paß einkam, wurde er mir verweigert, ohne daß man sich herabließ, mir einen Grund dafür anzugeben; es hieß, so sei der Befehl der obersten Behörden. Es wurde mir klar, daß sie mir entweder den Schimpf zuziehen wollten, das Duell vermieden zu haben, oder mich dazu treiben, mich in irgendwelcher Verkleidung über die Grenze zu stehlen, wo ich dann sicher von einem Hinterhalt aufgefangen worden wäre. Dann hätten sie einen Vorwand gehabt, mir den Proceß zu machen, und ihn hinzuzerren, solange es ihnen nützlich erschienen wäre.«

»Die Elenden! die Gottlosen!« unterbrach ihn das Mädchen und ballte die Faust.

»So blieb nichts übrig, als mich in Porretta den Contrabbandieri anzuvertrauen. Wir werden morgen, wie sie mir sagen, noch früh Pistoja erreichen. Nachmittags ist das Duell verabredet, in einem Garten vor der Stadt.«

Sie ergriff plötzlich heftig seine Hand mit ihren beiden. »Geh nicht hinunter, Filippo«, sagte sie. »Sie wollen dich ermorden.«

»Gewiß, das wollen sie, Kind, nichts Geringeres. Woher weißt du das aber?«

»Ich sehe es hier und – hier!« Und sie deutete mit dem Finger auf Stirn und Herz.

»Du bist auch eine Zauberin, eine Strega«, fuhr er mit Lächeln fort. »Jawohl, Kind, sie wollen mich morden. Mein Gegner ist der beste Schütze in Toskana. Sie haben mir die Ehre angethan, einen stattlichen Feind gegen mich zu stellen. Nun, ich werde mir auch keine Schande machen. Wer weiß aber, ob Alles mit rechten Dingen zugeht? Wer weiß? Oder hast du auch Zauberkünste, das vorauszusehen? Was hülf' es, Kind! damit wäre nichts geändert.«

»Du mußt es dir also schon aus dem Sinn schlagen«, fuhr er nach einigem Schweigen fort, »deiner thörichten alten Liebe ihren Willen zu thun. Vielleicht hat Alles so kommen müssen, damit ich nicht aus der Welt ginge, ohne dich frei zu machen, frei von dir selbst und deiner unseligen Treue, armes Kind. Siehst du, wir hätten auch vielleicht schlecht für einander getaugt. Du warst einem andern Filippo treu, einem jungen Fant mit leichtsinnigen Lippen und außer Liebessorgen sorgenlos. Was hättest du mit dem Grübler, dem Einsiedler anfangen wollen?«

Nun trat er auf sie zu, da er das Letzte halb vor sich hin, auf und ab gehend, gesprochen hatte, und wollte eben ihre Hand fassen, als er vor dem Ausdruck ihres Gesichts sich entsetzte. Alle Weichheit war aus den Zügen gewichen, alle Röthe von den Lippen. »Du liebst mich nicht!« sagte sie langsam und tonlos, als spräche ein Andrer aus ihr und sie horchte hin, um zu erfahren, was eigentlich gemeint sei. Dann stieß sie seine Hand mit einem Schrei zurück, daß die Flämmchen der Lampe zu erlöschen drohten, und von draußen auf einmal ein wüthendes Wimmern und Toben des Hundes laut wurde. – »Du liebst mich nicht, nein, nein!« rief sie wie außer sich. »Kannst du lieber in den Tod wollen, als in meine Arme? Kannst du nach sieben Jahren kommen, um Abschied zu nehmen? Kannst du so ruhig von deinem Tode sprechen, als wäre er nicht auch meiner? So wäre mir besser, diese Augen wären erblindet, eh' sie dich wieder sahen, und diese Ohren taub geworden, ehe sie die grausame Stimme hören mußten, durch die ich lebe und sterbe. Warum hat der Hund dich nicht zerrissen, ehe ich wußte, daß du gekommen bist, mein Herz zu zerreißen? Warum ist dein Fuß nicht an den Abgründen ausgeglitten? Wehe, wehe! Siehe meinen Jammer, Madonna!«

Sie stürzte nieder vor dem Bilde, lag mit der Stirn gegen den Boden, die Hände weit von sich gestreckt, und schien zu beten. Der Mann hörte den Lärm des Hundes, dazwischen das Murmeln und Stöhnen des unglücklichen Mädchens, während der Mond nun schon Macht gewann und das Gemach durchleuchtete. Ehe er aber noch sich fassen und ein Wort aussprechen konnte, fühlte er schon wieder ihre Arme an seinem Nacken, ihren Mund an seinem Halse und heiße Thränen über sein Gesicht fließen. »Geh nicht in den Tod, Filippo!« schluchzte die Arme. »Wenn du bei mir bleibst, wer will dich finden? Laß sie reden, was sie wollen, das Mördergesindel, die heimtückischen Elenden, schlimmer als die Wölfe des Apennin. – Ja«, sagte sie und sah durch Thränen strahlend zu ihm auf, »du bleibst, die Madonna hat dich mir geschenkt, damit ich dich retten sollte. Filippo, ich weiß nicht, was für böse Worte ich gesprochen, aber daß sie böse waren, empfand ich an dem eisigen Krampf hier am Herzen, der sie mir entrissen. Vergieb mir das. Es bringt in die Hölle, zu denken, daß die Liebe vergessen und die Treue zertreten werden kann. Wir wollen uns nun hersetzen und das Alles beraten. Willst du ein neues Haus haben? Wir bauen eins. Andere Leute? Wir schicken alle fort, auch die Nina, auch der Hund soll fort. Und wenn du meinst, daß sie dich dann verrathen – so wollen wir selber fort, noch heut, jetzt, ich weiß alle Wege, und ehe die Sonne kommt, sind wir tief in den Schluchten nach Norden zu und wandern, wandern bis Genua, bis Venedig, wohin du willst.«

»Halt!« sagte er strenge. »Es ist genug der Thorheit. Du kannst mein Weib nicht werden, Fenice. Wenn es morgen nicht ist, daß sie mich umbringen, so ist es nicht lange, denn ich weiß, wie ich ihnen im Wege bin.« Er zog sanft, aber entschlossen seinen Hals aus ihren Armen.

»Siehe Kind«, fuhr er fort, »das ist nun unglücklich genug und wir brauchen es uns nicht noch schwerer zu machen durch Unvernunft. Vielleicht, wenn du später einmal von meinem Tode hörst, wirst du einen Mann und schöne Kinder ansehen und dich segnen, daß der Todte in dieser Nacht mehr Vernunft hatte, als du, wenn es auch in jener ersten umgekehrt war. Laß mich nun schlafen gehn, geh du auch und schaffe, daß wir uns morgen nicht wiedersehn. Du hast einen guten Ruf, wie ich unterwegs von meinen Contrabbandieri erfuhr. Wenn wir uns etwa umhalsten, morgen, und du machtest ein Schauspiel – nicht wahr, Kind? Und nun – gute Nacht, gute Nacht, Fenice!«

Da bot er ihr noch einmal herzlich die Hand. Aber sie nahm sie nicht. Sie sah ganz bleich aus im Mondschein, die Brauen und niedergeschlagenen Wimpern um so finsterer. »Hab ich nicht genug gebüßt«, sprach sie halblaut, »daß ich vor sieben Jahren eine Nacht lang zu viel Vernunft hatte? Und nun will er, daß diese tausendmal verwünschte Vernunft mich wieder elend machen soll, und diesmal eine Ewigkeit lang? Nein, nein, nein! Ich lasse ihn nicht mehr aus den Händen – ich müßte mich vor allen Menschen schämen, wenn er ginge und stürbe.«

»Hörst du nicht, daß es mein Wille ist?« unterbrach er sie mit Heftigkeit, »daß ich jetzt schlafen will, Mädchen, und allein? Was redest du irre und machst dich kränker? Wenn du nicht fühlst, daß meine Ehre mich von dir reißt, so hättest du nie für mich getaugt. Ich bin keine Puppe auf deinem Schoß, zum Hätscheln und Possentreiben. Ich habe meine Wege vor mir gezeichnet, und sie sind zu enge für Zwei. Zeige mir das Fell, auf dem ich die Nacht zubringen soll, und dann – laß uns einander vergessen!«

»Und wenn du mich mit Schlägen von dir triebest, ich ginge nicht! Wenn sich der Tod zwischen uns stellte, ich jagte dich ihm ab mit diesen guten Armen. Auf Tod und Leben – du bist mein, Filippo!«

»Still!« rief er überlaut. Die Röthe stieg ihm jählings in die Stirn, indem er mit beiden Armen die heftige Gestalt von sich drängte. »Still! Und nun ist's aus für heut und immer. Bin ich ein Ding, das an sich reißen kann, wer will, und wem es in die Augen sticht? Ein Mensch bin ich, und wer mich haben soll, dem muß ich mich geschenkt haben. Du hast sieben Jahre nach mir geseufzt – hast du darum ein Recht, mich im achten ehrlos vor mir selbst zu machen? Wenn du mich bestechen willst, so war das Mittel schlecht gewählt. Vor sieben Jahren liebt' ich dich, weil du anders warst als heut. Wärst du mir damals an den Hals geflogen und hättest mein Herz mir abtrotzen wollen, ich hätte Trotz gegen Trotz gesetzt, wie heut. Nun ist Alles aus zwischen uns und ich weiß, daß das Mitleid, das mich vorhin anwandelte, nicht Liebe war. Zum letztenmal, wo ist die Kammer?«

Das hatte er hart und schneidend gesagt, und wie er nun schwieg, schien ihm der Ton der eignen Stimme weh zu thun. Doch fügte er kein Wort hinzu, sich im Stillen verwundernd, daß sie es ruhiger hinnahm, als er selber gefürchtet hatte. Er hätte nun gern einen stürmischen Ausbruch ihres Schmerzes mit gütigeren Worten beschwichtigt. Sie ging aber kalt an ihm vorbei, öffnete eine schwere Holzthür nicht weit vom Herde, deutete stumm auf die Eisenriegel an derselben und trat dann an den Herd zurück.

Er schritt denn auch hinein und riegelte hinter sich zu. Doch blieb er eine Zeitlang dicht neben der Thür stehen, um zu horchen, was sie beginne. Es wurde keine Bewegung im Gemache laut, und im ganzen Hause hörte man nichts als die Unruhe des Hundes, das Scharren des Pferdes im Stall und das Singen des Windes, der draußen die letzten Nebelstreifen verwehte. Denn der Mond war in aller Pracht am Himmel, und die Kammer hell, nachdem Filippo einen großen Büschel Heidekraut aus dem Mauerloch gezogen hatte, das als Fenster diente. Er sah nun, daß er offenbar in Fenicens Kammer war. Da stand ihr schmales, sauberes Bett an der Wand, eine Lade unverschlossen daneben, ein Tischchen, eine kleine Holzbank, die Wände waren mit Bildern behangen, Heiligen und Madonnen, ein Weihkesselchen unter dem Kruzifix neben der Thür.

Er setzte sich jetzt auf das harte Bett und fühlte, wie es in ihm stürmte. Ein paarmal hob er schon den Fuß, um wieder hinaus zu eilen und ihr zu sagen, daß er ihr nur weh gethan habe, um sie zu heilen. Dann stampfte er gegen den Boden, unmuthig über seine weichherzige Regung. »Es ist das einzige, was bleibt«, sprach er für sich, »wenn Schuld und Fluch nicht noch wachsen sollen. Sieben Jahre, armes Kind!« – – Ein starker Kamm, mit kleinen Metallstückchen verziert, lag auf dem Tischchen, den nahm er mechanisch in die Hand. Das volle Haar kam ihm dabei wieder in den Sinn, der stolze Nacken, auf dem es lag, die edle Stirn, um die es sich ringelte, und die bräunliche Wange. Er warf endlich den Versucher in die Lade, worin er saubere Röcke, Kopftücher und allerlei kleine Schmuckstücke ordentlich zusammen verwahrt sah. Langsam ließ er den Deckel wieder fallen, und ging nun an die Mauerlücke und sah hinaus.

Die Kammer lag an der hintern Seite des Hauses, und keine der andern Hütten von Treppi wehrte ihm die Aussicht über das zerklüftete Hochland. Gegenüber, hinter der Schlucht aufsteigend, der nackte Felsrücken, vom Monde angeschienen, der jetzt über dem Hause stehen mußte. Seitwärts sah er einige Schuppen, an denen der Weg vorüber in die Tiefe führte. Eine verlorene kleine Fichte mit kahlen Zweigen wurzelte zwischen dem Gestein, sonst bedeckte den Boden nur Heidekraut und hie und da ein kümmerlicher Busch. – »Hier ist freilich kein Ort«, sagte er im Stillen, »zu vergessen, was man geliebt hat. – Ich wollte, es wäre anders! Ja ja, sie wäre am Ende die rechte Frau für mich gewesen, die mich mehr geliebt hätte, als Putz und Spazierengehen und das Geflüster der Stutzer. Was für Augen mein alter Marco machen würde, wenn ich plötzlich mit einer schönen Frau von der Reise zurückkäme! Man brauchte nicht einmal die Wohnung zu ändern, die vielen öden Winkel waren ohnehin unheimlich. Und mir altem Grämler würde es zuweilen gut sein, ein lachendes Kind – aber Thorheit, Thorheit, Filippo! Was soll das arme Ding als Witwe in Bologna! Nein, nein! nichts davon! Keine neue Sünde auf die alte häufen! Ich will eine Stunde früher die Leute wecken und mich fortstehlen, ehe ein Mensch in Treppi wacht.«

Eben wollte er das Fenster verlassen, und die vom langen Ritt ermüdeten Glieder aufs Lager strecken, als er eine weibliche Gestalt aus dem Schatten des Hauses in den Mondschein vortreten sah. Sie blickte nicht um, aber es blieb ihm kein Zweifel, daß es Fenice war. Sie entfernte sich vom Hause auf dem Wege, der in die Schlucht hinunterführte, mit ruhigen großen Schritten. Ein Schauder überlief ihm die Haut, denn im selben Augenblick fuhr ihm der Gedanke in den Kopf: sie will sich ein Leid anthun. Ohne Besinnung sprang er nach der Thür und zerrte gewaltsam an dem Riegel. Aber das alte rostige Eisen hatte sich so eigensinnig in die Klammer vertieft, daß er vergebens alle Kraft aufbot. Ein kalter Schweiß trat ihm vor die Stirn, er schrie, rüttelte und stieß mit Fäusten und Füßen gegen die Thür und bezwang sie nicht. Endlich ließ er ab und stürzte wieder an die Fensterlücke. Schon gab der eine Stein seinem Wüthen nach, da plötzlich sah er die Gestalt des Mädchens wieder auftauchen auf dem Wege und sich der Hütte zuwenden. Sie trug etwas in der Hand, das er bei dem unsichern Licht nicht erkennen konnte, nur ihr Gesicht sah er deutlich, das war ernsthaft und gedankenvoll, aber ohne Leidenschaft. Keinen Blick warf sie auf sein Fenster und verschwand wieder im Schatten.

Noch stand er und athmete tief nach der Angst und Anstrengung, da vernahm er großen Lärm, der von dem alten Hunde herzurühren schien, doch kein Bellen oder Winseln. Das Rätsel beklemmte ihn immer unheimlicher; er bog den Kopf weit zu der Oeffnung hinaus, konnte aber nichts sehen als die regungslose Nacht im Gebirge. Auf einmal erscholl ein kurzes scharfes Heulen, darauf ein tieferschütterndes Stöhnen des Hundes und dann, solange und ängstlich er hinhorchte, kein Laut mehr die ganze Nacht, als daß noch einmal die Thür des Gemachs nebenan klappte und Fenices Schritte über den Steinboden sich vernehmen ließen. Umsonst stand er lange an der verriegelten Thür, horchte erst, bat und fragte dann und beschwor das Mädchen nur um ein kurzes Wort – es blieb still nebenan. Er warf sich nun auf das Bett, wie im Fieber und lag wachend und sinnend, bis endlich eine Stunde nach Mitternacht der Mond unterging, und die Ermüdung über seine tausend wogenden Gedanken Herr wurde. –

Eine Dämmerung war um Filippo, als ihn der Schlaf verließ; doch als er seine Sinne völlig ermuntert und sich vom Bett aufgerichtet hatte, ward er wohl inne, daß es nicht ein Zwielicht wie vor Sonnenaufgang war. Von einer Seite her traf ihn ein schwacher Sonnenstrahl und bald sah er, daß die Mauerlücke, die er vor dem Einschlafen offengelassen, dennoch fest mit Gestrüpp verstopft worden war. Er stieß es hinaus, und die volle Morgensonne blendete ihn. Im höchsten Zorn auf die Contrabbandieri, seinen Schlaf und vor allem auf das Mädchen, dem er diese Hinterlist zuschreiben mußte, ging er augenblicklich nach der Thür, deren Riegel jetzt einem besonnenen Druck leicht nachgab, und trat in das Nebengemach.

Er traf Fenice allein, gelassen am Herde sitzend, als habe sie ihn längst erwartet. Aus ihrem Gesicht war jede Spur der gestrigen Stürme verschwunden, ja sogar keine Regung der Trauer und kein Zug einer gewaltsamen Fassung begegnete seinem finstern Auge.

»Du hast es veranstaltet, daß ich die Stunde verschlafen mußte«, herrschte er sie an.

»Ja«, sagte sie gleichgültig. »Ihr waret müde. Ihr kommt immer noch früh genug nach Pistoja, wenn Ihr am Nachmittag erst den Mördern begegnen müßt.«

»Ich hatte dich nicht geheißen, um meine Müdigkeit besorgt zu sein. Drängst du dich noch immer an mich an? Es soll dir nichts helfen, Mädchen. Wo sind meine Leute?«

»Fort.«

»Fort? willst du mich narren? Wo sind sie? Thörin, als ob sie fortgingen, ehe ich sie bezahlt habe!« Und er schritt rasch auf die Thür zu, um hinauszugehn.

Fenice blieb unbeweglich sitzen und sagte in demselben harmlosen Ton: »Ich habe sie bezahlt. Ich sagte ihnen, daß Ihr Schlaf brauchtet und dann, daß ich selbst Euch hinunterbegleiten würde; denn der Weinvorrath ist zu Ende und ich muß neuen kaufen, eine Stunde vor Pistoja.«

Der Zorn verwehrte ihm einen Augenblick zu sprechen. »Nein«, brach er endlich heraus, »mit dir nicht, mit dir nimmermehr! Heimtückische Schlange! Es ist lächerlich, daß du noch immer denkst, mit deinen glatten Windungen mich umstricken zu können. Nun sind wir völliger geschieden als je. Ich verachte dich, daß du mich für blöde und armselig genug hältst, mit diesen kleinen Künsten es mir abgewinnen zu können. Mit dir geh ich nicht! Gib mir einen deiner Knechte mit und da – mache dich bezahlt für deine Auslagen an die Contrabbandieri.«

Er warf ihr eine Börse hin und öffnete die Thür, selbst jemand zu suchen, der ihn hinunterführte. »Macht Euch keine Mühe«, sagte sie, »Ihr findet von den Knechten keinen, sie sind alle in die Berge. Auch sonst ist in Treppi niemand, der Euch dienen könnte. Arme gebrechliche Mütterchen, Greise und Kinder, die noch gehütet werden. Wenn Ihr mir nicht glaubt – seht nach!«

»Und überhaupt«, fuhr sie fort, als er unentschlossen in Grimm und Aerger auf der Schwelle stand und ihr den Rücken zugekehrt hatte, »warum dünkt es Euch so unmöglich und gefährlich, wenn ich Euch führe? Ich habe die Nacht Träume gehabt, aus denen ich sehe, daß Ihr nicht für mich seid. Es ist wahr, ich habe Euch noch immer ein wenig gern und es wird mir Freude machen, noch ein paar Stunden mit Euch zu plaudern. Muß ich Euch darum nachstellen? Ihr seid frei, von mir zu gehn auf immer, wohin Ihr wollt, in den Tod oder ins Leben. Nur, daß ich es so eingerichtet habe, daß ich noch eine Strecke neben Euch hergehe. Ich will Euch zuschwören, wenn Euch das beruhigen kann, daß es nur eine Strecke sein wird, beileibe nicht bis Pistoja. Nur so lange, bis Ihr den rechten Weg habt. Denn wenn Ihr auf Eure eigne Hand fortginget, verstieget Ihr Euch bald, daß Ihr weder vor noch zurück könntet. Ihr müßt das ja noch wissen von Eurer ersten Reise durch die Berge.«

»Pest!« murmelte er und biß sich die Lippen. Er sah indes, wie die Sonne stieg, und Alles wohl erwogen, – was hatte er im Grunde Ernstliches zu besorgen? Das Ernstlichste wollte er sich nicht gestehen. Er wandte sich zu ihr um und glaubte von dem gleichmüthigen Blick ihrer großen Augen Zeugniß annehmen zu dürfen, daß keinerlei Falsch hinter ihren Worten sei. Sie schien ihm wirklich seit gestern eine ganz andere geworden zu sein, und fast mischte sich ein Gefühl von Unzufriedenheit in sein Staunen, da er sich sagen mußte, daß der gestrige Anfall von schmerzlicher Leidenschaft so bald und spurlos vorübergegangen sei. Er sah sie länger an, aber sie gab schlechterdings zu keinem Argwohn Anlaß.

»Wenn du denn so vernünftig geworden bist«, sagte er jetzt trocken, »so mag es sein, so komm!«

Ohne eine sonderliche Aeußerung der Freude stand sie auf und sagte: »Wir wollen erst essen; auf Stunden finden wir nichts.« Sie stellte ihm eine Schüssel hin und einen Krug und aß dann selbst, am Herde stehend, aber von dem Wein genoß sie keinen Tropfen. Er dagegen, um es abzumachen, aß einige Löffel voll, stürzte den Wein hinunter und zündete an den Kohlen des Herdes seine Zigarre an. Während dessen hatte er ihr keinen Blick gegönnt und als er nun zufällig, da er ihr nahe stand, sie ansah, war eine wunderliche Röthe auf ihren Wangen und etwas wie Triumph in den Augen. Sie stand rasch auf, ergriff den Krug und zerschellte ihn mit einem Wurf gegen den Steinboden. »Es soll keiner mehr daraus trinken«, sagte sie, »seit Eure Lippen daran gehangen!«

Betroffen fuhr er auf, ein Argwohn stand eine Sekunde lang vor seinem Geist: »Ob sie dir Gift gegeben?« dann zog er es vor zu glauben, daß es noch ein Rest des verliebten Götzendienstes sei, den sie abgeschworen, und ohne weitere Worte ging er ihr nach zum Hause hinaus.

»Das Pferd haben sie wieder nach Porretta mitgenommen«, sagte sie draußen zu ihm, als er es mit den Augen zu suchen schien. »Ihr hättet auch nicht hinabreiten können ohne Gefahr. Die Wege sind steiler als gestern.«

Sie ging ihm nun voran und bald hatten sie die Hütten hinter sich, die todt und selbst ohne ein Wölkchen Rauch aus den Schornsteinen in der scharfen Sonne standen. Jetzt erst sah Filippo die ganze Majestät dieser Einöde, über der ein reiner, durchsichtiger Himmel hing. Der Weg, kaum in dem harten Felsen durch eine dunklere Spur erkennbar, lief auf dem breiten Rücken nordwärts, und dann und wann, wenn der gegenüberliegende parallele Zug sich senkte, blitzte am fernen Horizont zur Linken ein Streif des Meeres herauf. Noch war von Vegetation weit und breit keine Spur, außer den harten, niederen Bergkräutern und Flechtengestrüpp. Nun aber verließen sie die Höhe und vertieften sich in die Schlucht, die zu durchwandern war, um auch den Felsrücken gegenüber zu ersteigen. Hier begegneten sie bald Nadelholz und Quellen, die in die Schlucht sprangen, und hörten in der Tiefe das Toben des Wassers. Fenice ging jetzt voran, mit sicherm Fuß auf die sichersten Steine tretend, ohne umzublicken oder ein Wort zu sagen. Er konnte nicht anders, als die Augen dicht an ihr hängen lassen, und die schlanke Kraft der Glieder bewundern. Das Gesicht verdeckte ihm gänzlich ihr großes, weißes Kopftuch, aber wenn es sich fügte, daß sie wieder nebeneinander gehen konnten, mußte er sich zwingen, vor sich hin und von ihr weg zu sehen, so sehr fesselte ihn die großartige Bildung der Züge. Er bemerkte jetzt erst im vollen Sonnenlicht einen seltsam kindlichen Ausdruck, ohne sich sagen zu können, worin er besonders liege. Als sei etwas in diesem Gesicht seit sieben Jahren stehengeblieben, während Alles andere sich entwickelte.

Endlich fing er von selbst zu sprechen an, und sie gab unbefangen verständige Antworten. Nur daß ihre Stimme, die sonst nicht so hart und dumpf war, wie den Weibern im Gebirg eigen zu sein pflegt, heute eintönig und bei den gleichgültigsten Dingen am traurigsten klang. Diese Wege, die sie jetzt gingen, waren in den letzten Jahren vielfach von politischen Flüchtlingen betreten worden, von denen die meisten gewiß in Treppi gerastet hatten. Filippo fragte das Mädchen nach diesem und jenem seiner Bekannten, die er beschrieb; aber sie entsann sich ihrer selten, obwohl sie wußte, daß die Contrabbandieri viele Fremde in ihrem Hause hatten übernachten lassen. Nur auf einen besann sie sich nur zu klar. Bei der Beschreibung stieg ihr das Blut ins Gesicht und sie blieb stehn. »Der ist schlecht!« sagte sie finster. »Ich habe die Knechte in der Nacht wecken und ihm das Haus verschließen müssen.«

Unter diesen Gesprächen merkte der Advokat nicht, wie die Sonne stieg und noch immer kein Blick in die toskanische Flur sich aufthat. Auch dachte er mit keinem Gedanken an das bevorstehende Ende dieses Tages. Es war so erquickend, funfzig Schritt über dem Gießbach auf dem ganz überbuschten Wege hinzugehn, zuweilen den Staub des Sturzes heraufwehen zu fühlen, die Eidechsen über die Steine schlüpfen und die behenden Schmetterlinge den verstohlenen Sonnenlichtern nachjagen zu sehn, daß er nicht einmal inne wurde, wie sie dem Bach entgegen wanderten, und noch immer nicht westlich einlenkten. Es war eine Magie in der Stimme seiner Begleiterin, die ihn Alles vergessen machte, was gestern in Gesellschaft der Contrabbandieri ihn unaufhörlich beschäftigt hatte. Als sie nun aber aus der Schlucht heraustraten und jetzt ein unabsehbares wildfremdes Bergland mit neuen Höhen und Klüften wüst und versengt vor ihnen lag, erwachte er auf einmal aus dem Zauberschlaf, blieb stehen und blickte gen Himmel. Er erkannte klar, daß sie in der völlig entgegengesetzten Richtung gewandert und wohl zwei Stunden von seinem Ziele ferner waren, als da sie ausgingen.

»Halt!« sagte Filippo. »Ich sehe es noch beizeiten, daß du mich dennoch betrügst. Ist das der Weg nach Pistoja, du Heimtückische?«

»Nein«, sagte sie furchtlos, aber den Blick zu Boden gesenkt.

»Nun denn, bei allen Mächten der Hölle, so können die Teufel bei dir in die Schule gehn und Heucheln von dir lernen. Fluch über meine Verblendung!«

»Man kann Alles, man ist mächtiger als Teufel und Engel, wenn man liebt«, sagte sie mit tiefem, traurigem Ton.

»Nein!« schrie er in hellem Jähzorn, »noch frohlocke nicht, Uebermüthige, noch nicht! den Willen eines Mannes kann das nicht brechen, was eine verrückte Dirne Liebe nennt. Kehre um mit mir, auf der Stelle und weise mir die kürzesten Wege – oder ich erdroßle dich mit diesen Händen, – du Thörin, die nicht einsieht, daß ich die hassen muß, die mich vor der Welt zu einem Nichtswürdigen machen will.«

Er trat mit geballten Fäusten dicht vor sie hin, er kannte sich nicht mehr. »Erwürge mich nur!« sprach sie mit zitternder, lauter Stimme, »tu's nur, Filippo. Aber wenn du es gethan hast, wirst du dich über meinen Leichnam werfen und Blut aus deinen Augen weinen, daß du mich nicht wieder lebendig machen kannst. Dein Lager wird hier neben mir sein, mit den Geiern wirst du kämpfen, die mich zerfleischen wollen, die Sonne des Tags wird dich dörren, der Thau der Nacht dich feuchten, bis du hinfällst gleich mir – denn von mir lassen kannst du nun nicht mehr. Meinst du, das arme, thörichte Ding, das auf den Bergen aufgewachsen ist, werde sieben Jahre wegwerfen wie einen Tag? Ich weiß, was sie mich gekostet haben, wie theuer sie waren, und daß ich einen ehrlichen Preis zahle, wenn ich dich mit ihnen kaufen will. Dich in den Tod lassen? Es wäre zum Lachen. Wende dich nur weg von mir, du wirst es schon innewerden, daß ich dich zu mir zurückzwinge auf ewig. Denn in den Wein, den du heute getrunken, war ein Liebeszauber gemischt, dem noch kein Mensch unter der Sonne widerstanden hat!«

Sie sah königlich aus, als sie diese Worte rief, den Arm nach ihm ausgestreckt, als hielte ihre Hand ein Szepter über einem, der ihr verfallen sei. Er aber lachte trotzig auf und rief: »Dein Liebeszauber leistet dir schlechte Dienste, denn ich habe dich nie mehr gehaßt, als in diesem Augenblick. Aber ich bin ein Narr, eine Närrin zu hassen. Möge es dich, wie von dem Wahn, so auch von der Liebe heilen, wenn du mich nicht wieder siehst. Ich brauche deine Führung nicht. Ich sehe da drüben am Abhang eine Hirtenhütte und die Herde umher. Ein Feuer blinkt herauf. Man wird mich dort wohl zurechtweisen. Lebe wohl, arme Schlange, lebe wohl!«

Sie antwortete nichts, als er ging, und setzte sich ruhig in den Schatten eines Felsens neben der Schlucht, in das dunkle Grün der Tannen, die unten am Bach wurzelten, ihre großen Augen versenkend.

——————

Er war noch nicht lange von ihr gegangen, als er sich pfadlos zwischen Klippen und Gebüsch befand; denn wie sehr er sich's verleugnen mochte, hatten doch die Worte des wunderbaren Mädchens eine beunruhigende Wirkung auf sein Herz ausgeübt, die all seine Gedanken nach innen kehrte. Indessen sah er gegenüber auf der Matte noch immer das Hirtenfeuer und arbeitete sich rüstig durch, damit er nur erst die Tiefe erreichte. Er rechnete nach dem Stande der Sonne, daß es gegen die zehnte Stunde sein mußte. Wie er aber die Bergsteile hinabgeklettert war, fand er unten einen sonnenlosen Weg und bald auch einen Steg über einen neuen Wildbach, der auf der andern Seite hinaufzuführen und endlich an der Matte auszumünden versprach. Er verfolgte ihn, und der Weg lief anfangs steil hinan, dann aber in großer Windung eben am Berge hin. Er sah wohl, daß er ihn nicht zunächst zu seinem Ziele bringen würde; aber in geraderer Richtung hingen unüberwindlich jähe Felsstücke vor, und wollte er nicht zurück, mußte er sich schon seinem Wege vertrauen. Nun schritt er rasch und anfangs wie aus Banden erlös't dahin, und spähte zuweilen nach der Hütte aus, die sich immer noch zurückzog. Nach und nach, wie sein Blut gelinder floß, fielen ihm alle Einzelheiten des eben erlebten Auftrittes wieder ein. Das schöne Mädchenbild sah er leibhaftig vor sich, und nicht wie zuvor durch den Nebel seines Jähzorns. Er konnte sich eines tiefen Mitleidens nicht erwehren. »Nun sitzt sie droben«, sagte er vor sich hin, »die arme Irre, und baut auf ihre Zauberkünste. Darum also verließ sie in Nacht und Mondschein gestern die Hütte, um wer weiß welch ein harmloses Kraut zu pflücken. Jawohl; wiesen mir nicht auch meine braven Contrabbandieri die sonderbaren weißen Blüthen zwischen den Felsen und sagten, das sei mächtig für Gegenliebe? Unschuldiges Gewächs, was sie dir nachsagen! – Und darum zerschellte sie den Krug, und darum war mir der Wein so bitter auf der Zunge. Wird doch das Kindische je älter desto stärker und ehrwürdiger. – Wie eine Sibylle stand sie vor mir, so wahrheitsgewiß, wie schwerlich jene römische, die ihre Bücher ins Feuer warf. Armes Weiberherz, wie schön und elend macht dich dein Wahn!«

Je weiter er ging, um so stärker fühlte er die rührende Herrlichkeit ihrer Liebe und die Gewalt ihrer Schönheit, die ihm die Trennung nur noch verklärte. »Ich hätte es sie nicht entgelten lassen sollen, daß sie mich im besten Glauben, mich zu retten, von meinen unabwendbaren Pflichten losmachen will. Ich hätte ihr die Hand geben sollen und sagen: Ich habe dich lieb, Fenice, und wenn ich leben bleibe, komme ich zu dir zurück und hole dich heim. Wie blind war ich, daß mir diese Auskunft nicht einfiel! eine Schande für den Advokaten! Ich hätte mit Küssen wie ein Bräutigam Abschied nehmen sollen, so hätte sie kein Arg gehabt, daß ich sie täuschte. Statt dessen hab ich gerade durch gewollt mit dem Trotzkopf und Alles verschlimmert.«

Nun vertiefte er sich in das Bild eines solchen Abschiedes und meinte ihren Athem zu fühlen und den Druck der frischen Lippen auf den seinen. Es war ihm, als höre er seinen Namen rufen. »Fenice!« antwortete er inbrünstig und stand mit heftig klopfendem Herzen still. Der Bach rauschte unter ihm, die Zweige der Tannen hingen ohne Bewegung, weit und breit schattige Wildniß .

Schon war ihm der Name wieder auf den Lippen, als ihm noch zur rechten Zeit die Scham den Mund versiegelte. Scham und ein Grauen zugleich. Er schlug sich vor die Stirn. »Ist es schon so weit mit mir, daß ich im Wachen von ihr träume?« rief er. »Soll sie recht behalten, daß diesem Zauber kein Mensch unter der Sonne widerstehen kann? So wäre ich nichts Besseres, als sie aus mir zu machen gedachte, werth, ein Weiberknecht zu heißen mein Leben lang. Nein, in die Hölle mit dir, schöne betrogene Teufelin!«

Er hatte für den Augenblick seine Fassung wieder, aber er sah nun auch, daß er von dem Wege völlig in der Irre herumgeführt war. Zurück konnte er nicht, wenn er der Gefahr nicht in die Arme laufen wollte. So beschloß er, jetzt um jeden Preis wieder eine Höhe zu erreichen, von der er sich nach der verlornen Hirtenstelle umschauen könnte. Das eine Ufer des tief unten rauschenden Bachs, an dem er ging, war allzu jäh. Also schlang er den Mantel über den Nacken, wählte eine sichere Stelle und war mit einem Sprung an der andern Seite der Kluft, deren Wände hier dicht zusammentraten. Mit besserem Muth erklomm er den Abhang drüben, und erreichte bald die Sonne.

Sie sengte schwer sein Haupt, und die Zunge lechzte ihm, als er sich mit großer Anstrengung emporarbeitete. Jetzt überfiel ihn auf einmal die Angst, daß er dennoch mit allen Mühen das Ziel nicht mehr erreichen möchte. Das Blut stieg ihm mehr und mehr zu Kopf, er schalt auf den Teufelswein, den er am Morgen hinuntergestürzt, und wieder mußte er an die weißen Blüthen denken, die man ihm gestern unterwegs gezeigt. Hier wuchsen sie wieder – ihm schauderte die Haut. Wenn es doch wahr wäre, dachte er, wenn es Kräfte gäbe, die unser Herz und unsre Sinne bemeistern und einen Manneswillen unter die Laune eines Mädchens beugen könnten – lieber das Aeußerste als diesen Schimpf! lieber Tod als Knechtschaft! Aber nein, nein, nur den bezwingt die Lüge, der an sie glaubt. Sei ein Mann, Filippo, vorwärts, da ist die Höhe vor dir; noch eine kurze Frist – und dies maledeite Gebirge mit seinem Spuk liegt für immer hinter dir!

Und dennoch konnte er das Fieber in seinem Blut nicht besänftigen. Jeder Stein, jede schlüpfrige Stelle, jeder vor ihm hängende starre Tannenzweig war ihm ein Widerstand, den er mit unverhältnismäßigem Aufbieten des Willens gewaltsam besiegte. Als er endlich oben, sich an den letzten Büschen haltend, ankam und mit einem Schwung die Höhe gewann, konnte er erst nicht um sich sehen, so war ihm das Blut in die Augen geschossen, und so plötzlich blendete ihn die Sonne von den gelben Felsen ringsum. Wüthend rieb er sich die Stirn und fuhr sich durch das verworrene Haar, den Hut lüftend. Da aber hörte er wahrlich wieder seinen Namen und starrte entsetzt nach der Stelle, von wo man rief. Und wenige Schritte ihm gegenüber, am Felsen, wie er sie verlassen, saß Fenice und sah ihn mit stillen, glücklichen Augen an.

»Kommst du endlich, Filippo!« sagte sie innig. »Ich habe dich schon früher erwartet.«

»Gespenst der Hölle«, schrie er außer sich, während Grausen und alle Leidenschaften der Sehnsucht sich in ihm bekämpften, »höhnst du mich noch, da ich mit Qualen in der Irre laufe und die Sonne mir alles Hirn schmilzt? Triumphierst du, daß ich dich noch einmal sehen muß, um dich noch einmal zu verfluchen? Wenn ich dich gefunden habe, beim allmächtigen Gott, so hab ich dich doch nicht gesucht, und du sollst mich dennoch verlieren.«

Sie schüttelte seltsam lächelnd den Kopf. »Es zieht dich, ohne daß du's weißt«, sagte sie. »Du fändest mich, wenn alle Berge der Welt zwischen uns wären, denn ich mischte sieben Tropfen von dem Herzblut des Hundes in deinen Wein. Armer Fuoco! Er liebte mich und haßte dich. So wirst du den Filippo hassen, der du früher warst, als du mich verstießest, und nur ruhig sein in dir, wenn du mich liebst. Filippo, siehst du nun, daß ich endlich dich erobert habe? Komm, nun will ich dir wieder die Wege zeigen, nach Genua zu, mein Geliebter, mein Mann, mein Holder!«

Damit stand sie auf und wollte mit beiden Armen ihn umfangen, als sie plötzlich vor seinem Gesicht erschrak. Er war wie mit einem Schlage todtenblaß geworden, nur das Weiße in seinen Augen roth, seine Lippen bewegten sich lautlos, der Hut war vom Haupt gefallen, mit den Händen wehrte er heftig jede Annäherung ab.

»Ein Hund! ein Hund!« waren die ersten mühsam vorbrechenden Worte. »Nein, nein, nein! du sollst nicht siegen – Dämon! Besser ein todter Mann, als ein lebendiger Hund!« – Darauf erscholl ein furchtbares Lachen von seinen Lippen, und langsam, wie wenn er sich gewaltsam jeden Schritt erkämpfte, die Augen stier auf das Mädchen geheftet, wich er taumelnd zurück und stürzte rücklings in die Schlucht hinab, die er eben verlassen hatte. –

Vor ihren Augen wurde es Nacht, mit beiden Händen fuhr sie sich ans Herz und stieß einen Schrei aus, der wie ein Falkenschrei über die Schlucht klang, als sie die hohe Gestalt hinter dem Rande des Felsens verschwinden sah. Ein paar wankende Schritte that sie, dann stand sie fest und aufrecht, immer die Hände gegen das Herz gepreßt. »Madonna!«, sagte sie, ohne etwas zu denken. Immer vor sich niedersehend, näherte sie sich jetzt rasch der Schlucht und begann die steinige Wand zwischen den Tannen hinabzuklimmen. Worte ohne Sinn murmelten ihre heftig athmenden Lippen, mit der einen Hand hielt sie das Herz fest, mit der andern half sie sich an den Steinen und Zweigen hinab. So kam sie bis an die Wurzeln der Tannen – da lag er. Er hatte die Augen geschlossen, Stirn und Haar von Blut überströmt, den Rücken wider einen Stamm gelehnt. Der Rock war zerrissen und das rechte Bein schien auch verwundet. Ob er lebe, konnte sie nicht unterscheiden. Sie lud ihn auf ihre beiden Arme, da empfand sie, daß er sich noch regte. Der Mantel, den er über den Schultern dicht gefaltet trug, schien die Gewalt des Falles gebrochen zu haben. »Gelobt sei Jesus!« sagte sie aufatmend. Es war, als wüchsen ihr Riesenkräfte, wie sie, den hülflosen Mann an ihrer Brust, die Steile wieder hinaufzuklimmen begann. Es dauerte lange, viermal legte sie ihn nieder zwischen Moos und Felsen, noch immer schlief das Leben in ihm.

Als sie endlich auf der Höhe war mit ihrer unseligen Last, brach sie selber in die Kniee und lag einen Moment in völliger Vergessenheit und Ohnmacht. Dann stand sie auf und entfernte sich nach der Richtung, in der die Hütte des Hirten lag. Als sie hinlänglich nahe war, ließ sie einen gellenden Ruf über die Weite des Tals erschallen. Das Echo antwortete zuerst, bald eine Menschenstimme. Sie rief zum zweiten Mal und wandte sich dann, ohne die Antwort abzuwarten. Als sie wieder bei dem leblosen Mann anlangte, stöhnte sie heftig auf und trug ihn dann in den Schatten des Felsens, wo sie selbst vorher gesessen und ihn erwartet hatte.

Dort fand er sich noch, als ihm das Bewußtsein schwach zurückkehrte und er die Augen zuerst wieder aufschlug. Er sah zwei Hirten neben sich, einen Alten und einen Burschen von siebzehn Jahren. Sie sprengten ihm Wasser ins Gesicht und rieben ihm die Schläfe. Sein Kopf ruhte weich, er wußte nicht, daß er auf dem Schoß des Mädchens lag.

Er schien sie überhaupt ganz vergessen zu haben. Er that einen Athemzug, der ihn bis in die Fußspitzen erschütterte und schloß dann wieder die Augen. Endlich bat er mit stockender Stimme: »Einer von euch, brave Leute, möge hinuntergehen – rasch, nach Pistoja. Man wartet auf mich. Gottes Barmherzigkeit lohne es dem, der dem Wirth zur Fortuna sagt – wie es um mich steht. Ich heiße –« da schwanden ihm wieder Stimme und Bewußtsein.

»Ich werde gehen«, sagte das Mädchen, »ihr tragt den Herrn indessen nach Treppi und legt ihn in das Bett, das die Nina euch zeigen wird. Sie soll die Chiaruccia rufen, die Alte, und den Herrn von ihr heilen und verbinden lassen. Hebt ihn auf, du an den Schultern, Tommaso, du, Bippo, an den Beinen. Wenn ihr bergan geht, mußt du voran, Tommaso. So, hebt ihn! Sanft, sanft! Und halt – das taucht ihr in Wasser und legt es auf seine Stirn, und netzt es wieder an jeder Quelle. Habt ihr verstanden?«

Sie riß ein großes Stück von ihrem leinenen Kopftuch herunter, tauchte es ein und wand es um die blutigen Haare Filippos. Dann ward er aufgehoben, die Männer trugen ihn nach Treppi zu, und das Mädchen, nachdem es ihnen mit völlig erloschenen Blicken nachgesehen, schürzte sich hastig und stieg auf rauhen Pfaden das Gebirg hinab.

——————

Es war gegen drei Uhr nachmittags, als sie Pistoja erreichte. Die Schenke zur Fortuna lag einige hundert Schritte vor der Stadt und zu dieser Stunde der Siesta war wenig Leben in ihr. Im Schatten des weiten Vordachs standen ausgeschirrte Wagen, die Fuhrleute schliefen auf den Polstern, in der großen Schmiede gegenüber ruhte die Arbeit und durch die dickbestaubten Bäume längs der Landstraße rührte sich kein Luftzug. Fenice trat an den Brunnen vor dem Hause, dessen Strahl, allein geschäftig, in den großen Steintrog niederrauschte, und erfrischte sich Hände und Gesicht. Dann trank sie langsam und lange, um Durst und Hunger zugleich zu stillen, und trat in die Schenke.

Der Wirth erhob sich schläfrig von der Bank in der Schenkstube und legte sich wieder hin, als er sah, daß es ein Mädchen von den Bergen war, die seine Ruhe störte.

»Was willst du?« fuhr er sie an. »Wenn du zu essen haben willst oder Wein, geh in die Küche.«

»Ihr seid der Wirt?« fragte sie ruhig.

»Wer anders als ich? Man kennt mich, sollt' ich denken, Baldassare Tizzi von der Fortuna. Was bringst du mir, schöne Tochter?«

»Eine Botschaft vom Signor Avvocato Filippo Mannini.«

»Eh, eh, ist's das? Ja, das ist freilich was anders«, und er stand eilig auf. »Kommt er nicht selber, Kind? Es sind Herren da, die ihn erwarten.«

»So bringt mich zu ihnen.«

»Ei ei, die Heimliche! darf man nicht wissen, was er den Herren sagen läßt?«

»Nein.«

»Nun nun, schon gut Kind, schon gut. Es hat jeder seine eignen Geheimnisse, dieser hübsche Trotzkopf da so gut wie der harte Schädel des alten Baldassare. Eh, eh, er kommt also nicht; das wird den Herren sehr unangenehm sein; sie scheinen wichtige Geschäfte mit ihm zu haben.«

Er schwieg und sah das Mädchen blinzelnd von der Seite an. Als sie aber nicht Miene machte, ihn weiter ins Vertrauen zu ziehn, sondern die Thür öffnete, stülpte er den Strohhut auf und ging kopfschüttelnd mit ihr.

Ein kleiner Weingarten lag hinter dem Hofe, den durchschritten sie, der Alte in fortwährenden Fragen und Ausrufungen, auf die das Mädchen keine Silbe erwiederte. Am Ende des mittelsten Laubenganges lag ein unscheinbares Gartenhaus, die Läden waren verschlossen und innen hinter der Glasthür hing ein dichter Vorhang herab. Einige Schritte vor diesem Pavillon hieß der Wirth Fenice stehenbleiben und ging allein nach der Thür, die auf sein Klopfen geöffnet wurde. Fenice sah, wie der Vorhang dann zurückgeschoben wurde und ein Paar Augen nach ihr heraussahen. Dann kam der Alte wieder zu ihr und sagte, daß die Herren sie sprechen wollten.

Als Fenice in den Pavillon trat, erhob sich ein Mann, der am Tisch mit dem Rücken nach der Thür gesessen hatte, und richtete einen durchdringenden kurzen Blick auf sie. Zwei andere blieben auf den Stühlen sitzen. Auf dem Tische sah sie Weinflaschen und Gläser.

»Der Signor Avvocato kommt nicht, wie er versprochen?« – sagte der Mann, vor dem sie stand. »Wer bist du und was hast du zur Beglaubigung deiner Botschaft?«

»Eine Jungfrau aus Treppi bin ich, Fenice Cattaneo, Herr. Beglaubigung? Ich habe keine, als daß ich die Wahrheit sage.«

»Warum kommt der Signor Avvocato nicht? Wir dachten, er sei ein Ehrenmann.«

»Er ist es nicht minder, weil er einen Sturz vom Felsen gethan und sich Stirn und Bein verwundet hat, daß er das Bewußtsein verloren.«

Der Frager wechselte Blicke mit den andern Männern und sagte dann wieder:

»Du sagst allerdings die Wahrheit, Fenice Cattaneo, weil du schlecht zu lügen verstehst. Wenn er das Bewußtsein verlor, wie kann er dich hieherschicken, es uns ansagen zu lassen?«

»Die Sprache kam ihm wieder auf Augenblicke. Da sagte er, daß er in der Fortuna erwartet werde; man solle es dort zu wissen thun, was ihm begegnet.«

Ein trocknes Lachen ward von einem der andern Männer hörbar. »Du siehst«, sagte der Sprecher, »auch diese Herren hier glauben nicht sonderlich an dein Märchen. Es ist freilich bequemer, den Poeten zu machen als den Ehrenmann.«

»Wenn das heißen soll, Signor, daß Signor Filippo aus Feigheit nicht hergekommen ist, so ist dies eine abscheuliche Lüge, die Euch der Himmel anrechnen möge«, sagte sie fest und sah alle drei nach der Reihe an.

»Du wirst warm, Kleine«, höhnte der Mann. »Du bist wohl die gute Freundin des Herrn Avvocato, he?«

»Nein, die Madonna weiß es!« sagte sie mit ihrer tiefsten Stimme. Die Männer flüsterten untereinander und sie hörte, wie einer sagte: »Das Nest ist noch toskanisch.« – »Ihr glaubt doch nicht im Ernst an diese Schliche?« fiel ihm der dritte ein. »Der liegt sowenig in Treppi, wie –«

»Kommt und seht ihn selbst!« unterbrach Fenice das Geflüster. »Aber Waffen dürft ihr nicht tragen, wenn ich euch führen soll.«

»Närrchen«, sagte der erste Sprecher, »meinst du, daß wir einer so schmucken Kreatur, wie du bist, ans Leben wollen?«

»Nein, aber ihm; ich weiß es.«

»Hast du sonst noch etwas dir auszubedingen, Fenice Cattaneo?«

»Ja, daß ein Wundarzt mitgehe. Ist er schon unter euch, Signori?«

Sie erhielt keine Antwort. Statt dessen steckten die drei Männer die Köpfe zusammen. »Als wir kamen, sah ich ihn zufällig vorn im Hause; hoffentlich ist er noch nicht nach der Stadt zurück«, sagte der eine und verließ dann den Pavillon. Er kam nach kurzer Zeit mit einem vierten wieder, der die Gesellschaft nicht zu kennen schien.

»Ihr erweist uns wohl die Gefälligkeit, mit uns nach Treppi hinaufzugehen?« redete ihn der Sprecher an. »Man wird Euch inzwischen unterrichtet haben, um was es sich handelt.«

Der andere verneigte sich schweigend, und alle verließen den Pavillon. Als sie an der Küche vorbeigingen, ließ sich Fenice ein Brod geben und nahm einige Bissen davon. Dann ging sie wieder der Gesellschaft voran und schlug den Weg in die Berge ein. Sie gab unterwegs nicht acht auf ihre Begleiter, die eifrig miteinander redeten, sondern eilte, so viel sie konnte, und mußte zuweilen angerufen werden, damit man sie nicht aus den Augen verlor. Dann stand sie und wartete, und sah in hoffnungslosem Brüten ins Leere hinaus, die Hand fest ans Herz gepreßt. So ward es Abend, bis sie die Höhen erreichten.

Das Dorf Treppi sah nicht lebendiger aus, als gewöhnlich. Nur einige Kindergesichter fuhren neugierig an die offnen Fenster, und einige Weiber traten unter die Thüren, als Fenice mit ihrer Begleitung vorüberging. Sie sprach mit niemand, sondern näherte sich, den Nachbarn ihren Gruß mit kurzem Händewinken erwiedernd, ihrem Hause. Hier stand eine Gruppe von Männern im Gespräch vor der Thür, Knechte waren mit bepackten Pferden beschäftigt, und Contrabbandieri gingen ab und zu. Als man die Fremden kommen sah, wurde es still unter den Leuten. Sie traten beiseit und ließen die Gesellschaft vorüber. Fenice wechselte einige Worte mit Nina in dem großen Gemach und öffnete dann die Thür ihrer Kammer.

Man sah drin in der Dämmerung den Verwundeten auf dem Bett ausgestreckt, neben ihm auf der Erde hockend ein uraltes Weib aus Treppi.

»Wie steht's, Chiaruccia?« fragte Fenice.

»Nicht schlecht, die Madonna sei gepriesen!« antwortete die Alte und musterte mit raschen Blicken die Herren, die hinter dem Mädchen eintraten.

Filippo fuhr aus einem Halbschlaf auf und sein blasses Gesicht glühte plötzlich. »Du bist's!« sagte er.

»Ja, ich bringe den Herrn, mit dem Ihr den Kampf vorhattet, damit er selbst sehe, daß Ihr nicht kommen konntet. Und da ist auch ein Wundarzt.«

Das matte Auge des Liegenden glitt langsam über die vier fremden Gesichter. »Er ist nicht darunter«, sagte er. »Ich kenne keinen von diesen Herren.«

Als er das gesprochen und schon wieder das Auge schließen wollte, trat der Sprecher unter den dreien vor und sagte: »Es genügt, daß man Euch kennt, Signor Filippo Mannini. Wir hatten Befehl, Euch zu erwarten und zu verhaften. Es sind Briefe von Euch aufgefangen, aus denen hervorgeht, daß Ihr nicht allein um das Duell auszumachen Toskana wieder betreten habt, sondern um gewisse Verbindungen wieder anzuknüpfen, die Eurer Partei in Bologna Vorschub leisten sollen. Ihr seht den Kommissär der Polizei vor Euch und hier meine Instruktion.«

Er zog ein Blatt aus der Tasche und hielt es Filippo vors Gesicht. Der aber starrte darauf, als habe er von allem nichts verstanden, und fiel wieder in seine schlafähnliche Betäubung zurück.

»Untersucht die Wunden, Herr Dottore«, wandte sich nun der Kommissär an den Arzt. »Wenn der Zustand es irgend erlaubt, müssen wir diesen Herrn unverzüglich hinunterschaffen. Ich habe draußen Pferde gesehn. Wir thun zwei gesetzliche Thaten auf einmal, wenn wir uns derselben bemächtigen, denn sie sind mit Schleichwaren beladen. Es ist gut, daß man weiß, welches Volk dies Treppi besucht, wenn man es einmal wissen will

Während er dies sagte und der Arzt sich Filippo näherte, war Fenice aus der Kammer verschwunden. Die alte Chiaruccia blieb ruhig sitzen und murmelte vor sich hin. Man hörte Stimmen draußen und eine seltsame Unruhe von Kommenden und Gehenden, und zu dem Mauerloch sahen Gesichter herein, die rasch wieder verschwanden. – »Es ist möglich«, sagte jetzt der Wundarzt, »daß wir ihn hinunterschaffen, wenn er fest und doppelt verbunden ist. Schneller würde er freilich wieder aufkommen, ließe man ihn hier in der Ruhe, und in der Pflege dieser alten Hexe, deren Wundkräuter den besten gelernten Arzt zuschanden machen. Es kann das Wundfieber unterwegs ihm ans Leben treten, und eine Verantwortung übernehme ich keinesfalls, Signor Commissario.«

»Unnöthig, unnöthig«, erwiederte der andere. » Wie man ihn los wird, kann nicht in Betracht kommen. Legt ihm Euern Verband an, so fest Ihr vermögt, damit nichts versäumt werde, und dann vorwärts. Wir haben Mondschein und nehmen einen Burschen mit. Geht indessen hinaus, Molza, und versichert Euch der Pferde.«

Der eine der Sbirren, dem dieser Befehl galt, öffnete rasch die Kammerthür und wollte hinaus, als ein unerwarteter Anblick ihn versteinerte. Das Gemach nebenan war mit einer Schar von Dorfleuten besetzt, an deren Spitze zwei Contrabbandieri standen. Fenice hatte noch mit ihnen gesprochen, als die Thür sich öffnete. Nun trat sie an die Schwelle der Kammer und sagte mit großem Nachdruck:

»Ihr verlaßt diese Kammer unverzüglich, Signori, und ohne den Verwundeten, oder ihr seht Pistoja nicht wieder. In diesem Hause ist noch kein Blut geflossen, solange Fenice Cattaneo seine Herrin ist, und die Madonna verhüte solchen Greuel in alle Zukunft. Versucht auch nicht wiederzukommen, etwa mit mehreren. Ihr habt die Stelle noch im Sinn, wo man einzeln die Felstreppe zwischen den Wänden hinaufklimmt. Ein Kind kann diesen Paß vertheidigen, wenn es die Steine den Abhang herabrollt, die droben wie gesät liegen. Wir werden dort eine Wache stellen, bis dieser Herr in Sicherheit ist. Nun geht und rühmt euch der Heldenthat, daß ihr ein Mädchen betrogen habt und einen verwundeten Mann ermorden wolltet.«

Die Gesichter der Sbirren entfärbten sich mehr und mehr und es entstand eine Pause nach den letzten Worten. Dann zogen alle drei wie auf Kommando bisher verborgene Pistolen aus der Tasche, und der Kommissär sagte kaltblütig: »Wir kommen im Namen des Gesetzes. Wenn ihr selbst es nicht respectirt, wollt ihr auch noch andere hindern, es zu vollziehn? Es kann sechsen von euch das Leben kosten, wenn ihr uns zwingt, dem Gesetz mit Gewalt Achtung zu verschaffen.«

Ein Murren durchlief die Schar der andern. »Still, Freunde!« rief das entschlossene Mädchen. »Sie wagen es nicht. Sie wissen, daß jeder, den sie erschießen, dem Mörder einen sechsfachen Tod einbringt. Ihr redet wie ein Thor«, wandte sie sich wieder an den Kommissär. »Die Furcht, die auf euern Stirnen sitzt, redet wenigstens klüger. Thut, was sie euch anrät. Der Weg ist offen, Signori!«

Sie trat zurück und wies mit der Linken nach der Thür des Hauses. Die in der Kammer flüsterten wenige Worte zusammen, dann schritten sie mit leidlicher Haltung durch die aufgeregte Schar, die ihnen immer lautere und lautere Verwünschungen mit auf den Weg gab. Der Wundarzt war unschlüssig, ob er folgen dürfe; aber auf einen gebieterischen Wink des Mädchens schloß er sich seinen Begleitern eilfertig an.

Diese ganze Scene hatte der Kranke in der Kammer halb aufgerichtet mit großen Augen mitangesehn. Jetzt trat die Alte wieder zu ihm und rückte ihm das Kissen. »Still liegen, mein Sohn!« sagte sie. »Es ist keine Gefahr. Schlafen, schlafen, armer Sohn! die alte Chiaruccia wacht, und daß Ihr sicher seid, dafür sorgt unsre Fenice, das benedeite Kind! Schlaft, schlaft!«

Sie summte ihn dann mit eintönigen Liedern ein wie ein Kind. Er aber nahm den Namen Fenice mit in seine Träume.

——————

Filippo war zehn Tage droben im Gebirg und in der Pflege der Alten, schlief viel in den Nächten und genoß am Tage, vor der Thür sitzend, die reine Luft und die Einsamkeit. Sobald er wieder schreiben konnte, schickte er einen Boten mit einem Brief nach Bologna und erhielt am andern Tage Antwort, ob erwünscht oder unerwünscht, war auf seinem blassen Gesicht nicht zu lesen. Außer mit seiner Pflegerin und den Kindern von Treppi sprach er mit niemand, und Fenice sah er nur des Abends, wenn sie am Herde schaltete. Denn sie verließ das Haus mit Sonnenaufgang und blieb über Tag im Gebirg. Das war sonst anders gewesen, wie er aus zufälligen Aeußerungen entnahm. Aber auch wenn sie zu Hause war, fand sich nie eine Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. Sie that überhaupt, als merke sie seine Anwesenheit gar nicht, und schien das Leben wie früher zu tragen. Doch war ihr Gesicht wie steinern geworden und ihre Augen wie erstorben.

Als Filippo eines Tages, von dem herrlichen Wetter gelockt, weiter als sonst sich vom Hause entfernte und zum erstenmal wieder im Gefühl neuer Kraft eine sanfte Höhe hinabstieg, erschrak er, als er um einen Felsen bog und unerwartet Fenice im Moos neben einer Quelle sitzen sah. Sie hatte Wocken und Spindel in Händen und schien während des Spinnens sehr in sich vertieft. Bei Filippos Schritten sah sie auf, sprach aber kein Wort, noch veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts, und rasch erhob sie sich samt ihrem Geräth. Dann ging sie, ohne auf seinen Ruf zu achten, davon und war ihm bald aus den Augen.

Am Morgen nach dieser Begegnung war er eben aufgestanden und seine ersten Gedanken gingen wieder zu ihr, als die Thür seiner Kammer geöffnet wurde und das Mädchen ruhig zu ihm eintrat. Sie blieb an der Schwelle stehen und winkte ihm gebieterisch mit der Hand, als er vom Fenster ihr näher eilen wollte.

»Ihr seid wieder geheilt«, sagte sie kalt. »Ich habe mit der Alten gesprochen. Sie meint, Ihr hättet wieder die Kraft zu reisen, in kleinen Tagereisen und zu Pferde. Ihr werdet morgen früh Treppi verlassen und nie dahin zurückkehren. Dies Versprechen fordre ich von Euch.«

»Ich verspreche es, Fenice, unter einer Bedingung.«

Sie schwieg.

»Daß du mit mir gehst, Fenice!« sprach er in großer, unverhaltener Bewegung.

Ein dunkler Zorn überflog ihre Brauen. Doch hielt sie an sich und sagte, den Thürgriff fassend: »Womit habe ich Spott verdient? Ihr versprecht es ohne Bedingung, von Eurer Ehre erwarte ich's, Signor.«

»Willst du mich so verstoßen, nachdem du mir den Liebestrank bis ins innerste Mark geflößt und mich für immer dir zu eigen gemacht hast, Fenice?«

Sie schüttelte ruhig das Haupt. »Es ist hinfort kein Zauber mehr zwischen uns«, sagte sie dumpf. »Ihr habt Blut verloren, ehe der Trank gewirkt hatte, der Bann ist gelös't. Und es ist gut so, denn ich habe Unrecht gethan. Laßt uns nicht mehr davon reden und sagt nur, daß Ihr gehen werdet. Ein Pferd wird bereit sein und ein Führer, wohin Ihr wollt.«

»Wenn es denn dieser Zauber nicht mehr sein kann, der mich an dich bindet, so muß es wohl ein anderer sein, für den du nicht kannst, Mädchen. So wahr mir Gott gnade –«

»Still!« unterbrach sie ihn und schürzte finster die Lippe. »Ich bin taub für solche Worte, wie Ihr sie sagen wollt. Wenn Ihr meint, mir etwas schuldig zu sein, und Euch mein erbarmen möchtet – so geht, und die Rechnung ist damit ausgeglichen. Ihr sollt nicht denken, daß dieser mein armer Kopf nichts lernen kann. Ich weiß jetzt, daß man einen Menschen nicht erkaufen kann, sowenig mit armseligen Diensten, die sich von selbst verstehen, als mit sieben Jahren des Wartens – die sich auch von selbst verstehen vor Gott. Ihr sollt nicht denken, daß Ihr mich elend gemacht habt – Ihr habt mich geheilt! Geht! und nehmt meinen Dank mit Euch!«

»Antworte mir vor Gott!« rief er außer sich und trat ihr näher, »habe ich dich auch geheilt von deiner Liebe

»Nein«, sagte sie fest. »Was fragt Ihr danach? Sie ist mein, Ihr habt kein Recht und keine Macht über sie. Geht!«

Damit trat sie zurück und über die Schwelle. Im nächsten Augenblick lag er hingestürzt auf den Steinen zu ihren Füßen und umfaßte ihre Kniee.

»Wenn es wahr ist, was du sagst«, rief er im höchsten Schmerz, »so rette mich, so nimm mich an, nimm mich auf zu dir, oder dieser Kopf, den ein Wunder in seinen Fugen erhalten hat, wird in Scherben gehen samt diesem Herzen, das du verstoßen willst. Meine Welt ist leer, mein Leben eine Beute des Hasses, meine alte und meine neue Heimath verbannt mich, was soll ich noch leben, wenn ich auch dich verlieren muß!«

Da sah er auf zu ihr und sah aus den geschlossenen Augen helle Ströme brechen. Noch war ihr Antlitz regungslos, dann athmete sie tief auf, ihre Augen öffneten sich, ihre Lippen bewegten sich, noch ohne Worte; das Leben blühte wie auf einen Schlag in ihr auf. Sie beugte sich herab zu ihm, ihre kräftigen Arme hoben ihn auf – »du bist mein!« sagte sie bebend. »So will ich dein sein!« – –

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Als die Sonne des andern Tages aufging, sah sie das Paar auf dem Wege nach Genua, wohin Filippo vor den Nachstellungen seiner Feinde sich zurückzuziehen beschlossen hatte. Der hohe blasse Mann ritt auf einem sicheren Pferde, das seine Braut am Zügel führte. Zu beiden Seiten zogen sich Höhen und Gründe des schönen Apennin in der Klarheit des Herbstes, die Adler kreisten über den Schluchten und fern blitzte das Meer. Und still und leuchtend wie dort das Meer, lag vor den Wanderern die Zukunft.

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