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Gutenberg > Martin Greif >

Neue Lieder und Mären

Martin Greif: Neue Lieder und Mären - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
authorMartin Greif
titleNeue Lieder und Mären
publisherC. F. Amelangs Verlag
printrunErstes bis drittes Tausend
year1902
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151115
projectid536b49eb
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Sinngedichte.

Abschied der Jugend.

Hebt die Jugend sich von dir,
Kennt sie kein Verweilen,
Besser scheiden drum von ihr,
Als ihr nachzueilen.

Nimmer hieltest du sie auf,
Was du auch begännest,
Keinen Schritt vom Lebenslauf
Du zurückgewännest.

Jugend zählt den Blüten zu,
Die nur einmal prangen;
Tor, der nach ihr ohne Ruh'
Richtet sein Verlangen!

Alte Briefe.

Zuweilen nehm' ich mir allein die Muße
Zu einem stillen, wehmutvollen Gruße:
Die kleine Lade öffn' ich, wo verschwiegen,
Mir längst vergilbte, alte Briefe liegen,
Der Freundschaft und der Liebe traute Pfänder,
Geschieden nur durch morsche Seidenbänder.
Ein Bündel öffn' ich leise nach dem andern,
Und lasse sie durch meine Hände wandern,
Und die am teuersten mir einst gewesen,
Zieh' ich hervor, sie wiederum zu lesen.
Wohl fühl' ich, ohne daß ich mich besinne,
Des halb Vergessnen viel mir werden inne;
Doch kann ich mich an wenigem nur laben,
Denn die sie schrieben, ruhen längst begraben,
Und nicht, wie einst, als sie zu mir gesprochen,
Erweckt ihr Wort mir mehr des Herzens Pochen –
Vorbei ist, was sie sagen, was sie melden,
Und als Vergangner muß ich selbst mir gelten.
So macht Erinnerung mich trüb und trüber,
Und manchmal gehen mir die Augen über.

Rückerinnerung.

Wann die Sonne sinkend
Neigt zum Untergehn,
Läßt im Ost erblinkend
Sich ihr Abglanz sehn.

So statt müß'ger Klage
Um vergangnes Glück,
Goldner Jugend Tage,
Ruf' sie dir zurück!

Wandelbare Stimmung.

Wie bist du, o Menschenherz,
Leicht in deiner Ruh' zu stören!
Selbst dem Winde leihst du Schmerz,
Den du stöhnen glaubst zu hören.

Schon ein trüber Nebelduft
Ist im stand, dich zu bedrücken,
Und ein milder Hauch der Luft
Kann dich allem Leid entrücken.

Blick ins Tal.

Laß ich vom Berge dringen
Den Blick zu Tal,
Erhält die Seele Schwingen
Mit einem Mal!

Im Traum flieg' ich hernieder
Und trinke Glück,
Erst, wenn ich unten wieder,
Streb' ich zurück.

Am Wasserfall von Schaffhausen.

Redest du, Schicksal, mit mir, denn wer sonst rief mir im Donner
Als du selbst und die Macht, die mich ins Leben geführt?
Ja, du bist's, der zum Strom mich heran und zur Klippe geleitet,
Wo er dem Abgrund zu sausend vor Eile sich wälzt.
Doch du bist es zugleich, der über dem tosenden Sturze
Farbigen Bogen mir zeigt, tröstlicher Rettung Gewähr.
Sprachlos steh' ich gebannt und messe mit staunendem Blicke,
Was mich im Innersten auch mächtig erschüttert zugleich:
War ich der Jüngling nicht selbst, den der Wirbel der Jugend ergriffen,
Bis er unbändigen Muts alle Besinnung verlor?
Aber gemach doch vom Sturm erhob sich die Seele ihm wieder,
Und im geläuterten Drang zog er beruhigt dahin.

Stoßseufzer.

Ach was drängt sich nicht zusammen
Alles in der Menschenbrust!
Wonnen, die vom Himmel stammen,
Qualen aus der Hölle Flammen,
Und, je mehr sie uns bewußt,
Reue tränenvoller Lust.

Sehnsucht nach der Wirklichkeit.

Aus schweren Traumes Qual
Am frühen Tag erwacht,
Begrüß' ich seinen Strahl
Nach ausgestandner Nacht.

Nicht oft zeigt Wirklichkeit,
Verglichen ihrem Bild,
In holdem Widerstreit
So tröstlich sich und mild!

Nacht.

Wenn sich die Nacht zur Erde senkt
In sternenklarer Stille,
Und uns den Blick zur Höhe lenkt,
Als sei es so ihr Wille:

Wer kann da leugnen ihre Macht
Und sie dem Tod gesellen?
Es sei denn, daß selbst Grabesnacht
Im Licht sich muß erhellen.

In kühler Erde.

Macht dir ein Stich Beschwerde,
So nimm von kühler Erde
Und lege sie darauf;
Ist er zu tief gegangen,
Wirst du erst Ruh' erlangen,
Nimmt sie dich selber auf.

Nachtgedanke.

In des Tischlers Haus hinein
Dringt der helle Mondenschein –
Halte still, o Menschenkind!
Könnten das zu deinem Schrein
Nicht vielleicht die Bretter sein,
Die bereit für dich schon sind?

Letzter Liebesdienst.

Gleicht der Tod dem Schlummer bloß,
Wandelt sich das Grab zum Bette:
Tiefe Ruh' im Erdenschoß
Macht dir alle Sorgen wette.

Laßt sie rollen nur, die Schollen,
Kennt ihr nicht der Liebe Brauch? –
Eh' den Schlaf wir finden sollen,
Deckt sie zu den Müden auch.

Einsame Ruhe.

In diesen weltverborgnen Schattenwegen
Ist es so still, daß sich der Sinn gefällt,
Das letzte Ruhbett hierher zu verlegen,
Als wär' in uns're Wahl der Ort gestellt;
Wie wir denn gern, geschmeichelt, Träume hegen,
Und Schlaf uns süßer deucht, abseits der Welt,
Wo uns der Einsamkeit Gehalt und Nahrung
Zum Pfande wird trugloser Offenbarung.

Klage der Cypressen.

Was flüstern die dunklen Cypressen
Um Urnen, die längst bestaubt?
»Daß solche, die Liebe besessen,
So bald schon würden vergessen,
Das hätten wir nimmer geglaubt!«

In fremdem Friedhof.

Keinen kannt' ich von allen, die hier schlafen,
Keinen hatt' ich gesehen je im Leben,
Und doch fühl' ich, daß Brüder sie mir waren,
Und ich gönne den Schlummer ihrem Herzen.

Auf weiter Reise.

Eingehegte Kreuze ragen
Nahe bei der Schienenbahn:
Die man hier hinausgetragen,
Traten, wie sie oft getan,
Nochmals eine Reise an,
Doch wohin, wer kann es sagen?

Rückkehr zum Schöpfer.

Kein Mensch errät, was ihm geschieht,
Wenn er den Tod erleidet,
Und ihm der letzte Atem flieht,
Da aus der Welt er scheidet.

Doch mag zuvor schon jeder Hauch
Den Staubgebornen lehren,
Daß, der ihn schuf, ihn sterbend auch
Zu sich läßt wiederkehren.

Jupiter-Monde.

Jupiter, vier Monde gleich
Sind's, die dich umgeben!
Bist du so an allem reich,
Möcht' auf dir ich leben.

Zwar sie wechseln oft genug,
Die dich dort umkreisen,
Doch genießen wir im Flug
Nicht auch, was wir preisen?

Lichtmeß.

Wann wir dem Winter untertan
Zu werden erst beginnen,
Fängt schon die Sonne wieder an,
An Stärke zu gewinnen.

So nimmt in uns die Hoffnung zu
Inmitten aller Sorgen,
Bleibt auch ihr Wachsen sonder Ruh'
Der Seele fast verborgen.

Bestimmung.

Tob' aus dich, junger Bach,
Wo du im Niederwälzen
Erhältst das Echo wach:
Im Schoße deiner Felsen,
Hier oben darfst du drohn
Als freier Bergessohn,
Als Nachbar der Lawinen, –
Im Tale mußt du dienen.

Gehemmte Kraft.

Die Ache tost in fels'ger Schlucht,
Wo sie den Weg zur Tiefe sucht;
Und wie sie drangvoll ihn sich kürzt,
Sich selbst im Sausen überstürzt.

So schafft gehemmte Kraft sich Bahn,
Stellt sie auch ungefüg' es an;
Und wenn die Schranken sie durchbricht:
Was sie zerstört, sie achtet's nicht.

Frage an die Modernsten.

Wechseln die Sterne dort
Über den Häuptern uns,
Steigen sie in anderem Bilde
Auf am nächtlichen Himmel,
Als äonenlang sie's taten?
Und die Sonne, der fruchtbaren Wärme
Tägliche Bringerin,
Ändert ihren Lauf sie sichtbar
Oder schwindet unsrer Erde
Treue je zur alten Mutter?
Auch der Mensch, bleibt er nicht der Gleiche stets,
Wirkt in ihm die Liebe anders als voreinst
Heut in dem pochenden Herzen
Der gereiften Geschlechter?
Und erzeugt sie andere Gefühle wohl
Als die immergleichen, alten?
Wurzeln auf ewigem Grunde nicht
Unvergängliche Triebe? –
Währt dies alles ohne Ende fort,
Sollte die Kunst allein nur,
Sie, die dem Ewigen strebt zu dienen,
Unterworfen dem Wandel, schwanken?

Abgefallen vom Vaterland.

I.

Wo sind uns're jungen Dichter?
Stets die alten hör' ich nur!
Will der Schwarm der neuen Lichter
Wandeln nicht auf teurer Spur?

Hat er sich das Recht erworben,
Zu entsagen jedem Band,
Oder ist ihm gar erstorben
Das Gefühl fürs Vaterland?

II.

Liebt ihr zu besingen
Nur noch fremden Tand?
Soll kein Lied erklingen
Mehr dem Vaterland?

Sank euch so im Preise,
Was den Vätern wert –
Weh' dem jungen Reise,
Dem das Mark versehrt!

III.

Statt in Buße sie zu nehmen,
Die kein Herz fürs Vaterland,
Drückt ihr ihnen die Tantièmen
Gar noch in die hohle Hand!

Einem Abgewiesenen.

Was klagst du, wenn im Vaterland
Sich keine Zuflucht für dich fand,
Ja, wenn es selbst den ärmsten Lohn
Verweigerte dem treuen Sohn?

Getrösten kann sich leicht der Mann,
Der sich im stillen sagen kann:
Ich steh' im Schatten meiner Zeit
Und warte auf Unsterblichkeit.

Deutsches Dichterlos.

An der Gruft bin ich gestanden,
Wo mein alter Vater ruht –
Viel der Jahre schon entschwanden,
Aber doch sank mir der Mut.

Deutscher Dichter wollt' ich werden,
Doch die Wahl gefiel ihm schlecht:
Guter Vater in der Erden,
Ja du hattest wahrlich recht!

Wahrlich recht mit deinem Worte:
»Für den Dichter gibt's kein Brot,
Eh' er an der Himmelspforte –
Endet nimmer ihm die Not.

»Was er bietet auch an Gaben,
Nicht wird ihm gedankt dafür,
Und er bleibt, bis er begraben,
Bettler an des Reichen Tür.«

Des Unansehnlichen Schicksal.

Ich sah des Stromes stolze Flut
Ins Meer sich müd' ergießen,
Und sah in ernster Berge Hut
Das sanfte Bächlein fließen.

Ich sah geschwellten Schaffensdrang
Im Tatendurst ersterben,
Und unbeachteten Gesang
Unsterblichkeit erwerben.

Gleichnis.

Wenn schon im schatt'gen Tal die Nacht begonnen,
Da scheint der Alpen Haupt mit schnee'ger Firne
Erglühend sich im vollsten Strahl zu sonnen.
So breitet sich als letzter Erdenschimmer
Der Kranz des Siegers um des Helden Stirne,
Doch sein erloschner Blick erschaut ihn nimmer.

Gedenkvers.

Wo ein Sänger uns entschwand,
Dessen Ruhm wird dauern,
Ehren wir das Vaterland,
Wenn wir um ihn trauern.

Der schöpferische Kritiker.

Wie Gott der Herr vom Anbeginn
Die Welt aus nichts erschaffen,
So läßt ein Nichts sein günst'ger Sinn
Als Wunder uns begaffen.

Doch wenn ein Werk ihm nicht genehm,
So macht er es zu schanden,
Und was ihm irgend unbequem,
Ist nicht für ihn vorhanden.

Priamel.

Wo mehr als Leser Dichter sind,
Da oft schon reimt ein lallend Kind,
Wo, wer den Pinsel führen kann,
Sich sieht für einen Maler an,
Wo, der zum Hafner es gebracht,
Sich zum Bildhauer dünkt gemacht,
Wo, wer ein Blatt voll Noten setzt,
Sich stolz als Komponisten schätzt,
Wo, wer sich einen Stall erbaut,
Als Architekten sich vertraut –
Da wuchert wohl die Kunst gar sehr,
Doch gibt es keine Künstler mehr.

Erinnerung an die Kindheit.

Mir ist so sanft und still zu Mut
Wie nicht seit vielen Jahren,
Die Brust ist mir so ausgeruht,
Als hätt' ich nichts erfahren.

Woher das Glück mir zu Besuch,
Und alles Leid vergessen? –
Durchblättert hab' ich heut' ein Buch,
Das ich als Kind besessen.

Nähe der Heimat.

Führ' ich, ohne daß mir's kund,
An der Heimat je vorbei,
Fühlt' ich's wohl am Hauch der Luft,
Daß ich nah' der teuren sei.

Täte, was als Kind ich tat,
Einstmals an der Mutter Brust:
Traulich schmiegt' ich mich an sie,
War es mir auch unbewußt.

Alter Efeu.

Wuchert Efeu allzulang
Und in ungehemmtem Drang,
Will er nicht mehr biegsam steigen,
Und sich nicht mehr schmiegsam neigen,
Will verwachsen mit dem Stamm,
Der ihn aufnahm fördersam,
Will zum Gipfel klettern fort
Und selbst Krone werden dort.

Besiegt.

O Mai, an tausend Wonnen reich,
Was käme dir auf Erden gleich?
Und dennoch: vor der Liebe Glück
Wie weit stehst du an Macht zurück!

Himmel und Berge.

Der Himmel und die Berge
Blau sind sie angetan,
Verschwistert aus der Ferne
Schaut ihre Pracht uns an.

Ersehnter Friede winket
Im Bild der Himmelsruh'
Und Drang nach sel'ger Stille
Zieht uns den Bergen zu.

Tausendschön.

Die ziere Blume, die du liebst,
Die Heimat schenkte ihr den Namen,
Den du ihr aus Gewohnheit giebst,
Nicht um dein Wissen auszukramen.

Es würde sie auch nicht erhöhn
Ein allzulautes Wohlgefallen,
Bescheiden ist ja Tausendschön,
Drum sie die Schönste stets von allen.

Bitte an den Frühling.

Holder, alles beglückender Frühling,
Du des Jahres wiederkehrende Jugend,
Bringe zurück auch mir im täuschenden Bilde
Meines entschwundenen Glückes fernen Himmel!

Die Sonne und das Schicksal.

Die Sonne achtet völlig gleich,
Was sie bescheint auf Erden;
Durch nichts vermag in ihrem Reich
Sie dort bewegt zu werden.

Gewohnt an ihren alten Lauf
Von einem Tag zum andern,
Geht sie am Himmel leuchtend auf,
Um leuchtend zu entwandern.

So legt sie ihre Bahn zurück,
Ums Schicksal unbekümmert,
Das heute schafft ein Menschenglück –
Und morgen es zertrümmert.

Die Grenzpfähle.

Was kümmert's die eilende Wolke,
Die über die Länder zieht,
Ob der Grenze von einem Volke
Sie eilend vorüberflieht?

Der Mensch nur allein im Wandern,
Er macht vor den Pfählen Halt,
Die ein Reich scheiden vom andern
Mit schicksalsvoller Gewalt.

Wenn hüben das Volk im Frieden,
Herrscht drüben im anderen Krieg –
Was diesem zum Heil beschieden,
Gilt jenem als fremder Sieg.

Wie aber, wenn gar sich befehden,
Von sinnlosem Hasse blind,
Die einerlei Sprache reden,
Weil eines Blutes sie sind?

Hilf, Gott, daß die so Getrennten
Sich scharen zu einem Reich:
Was gleich ist den Elementen,
Nicht ist's den Menschen auch gleich!

Entfaltete Menschlichkeit.

(Zum letzten großen Erdbeben in Spanien.)

Achtlos wandeln wir hin auf der sicher gegründeten Erde
Und wir sind es gewohnt, daß sie getreulich uns trägt.
Darum, wenn plötzlich sie wankt und ihr Schoß verschlingend sich auftut,
Grausen erfaßt uns und Furcht, wie sie der Wahnsinn gebiert.
Aber auch jenen, die fern dem verwüsteten Lande sich nähren,
Rührt sich ein ähnlich' Gefühl in der erschütterten Brust.
Alle vernehmen gebeugt das Verhängnis und werben um Hilfe:
Zwischen den Völkern die Kluft nimmer bestehet sie mehr.
Mensch in dem Menschen erblickt nur den Bruder, und jeder empfindet,
Daß ihm die Achse der Welt mitten auch gehe durchs Herz.

Die Blume der Menschlichkeit.

Es sprießt zu Gottes Ruhme
Auf blut'gem Schlachtenplan
Gar eine schöne Blume
Und wächst zum Licht hinan:

Umtobt von wilden Wettern,
Erscheint sie friedlich mild
Und trägt auf ihren Blättern
Ein rotes Kreuz als Bild.

Gipfel der Liebe.

Der vom Kreuzestod erstanden,
Hingenommen jede Schuld,
Wird verehrt in allen Landen
Für die grenzenlose Huld:
Liebe gipfelt in Geduld.

Die Kunst.

Wir bringen alles dar dem Vaterlande,
Doch darf ein Rauchwerk fehlen nicht im Brande:
Die Kunst, die heiligste von allen Gaben,
Die uns vom wirren Drang den Geist befreiet,
Die erst dem Dasein Würdigkeit verleihet,
Statt der wir reiner ihm kein Opfer haben.

Sie einigt, was der Widerspruch entzweiet,
Sie weiß Gesittung menschlich zu verbreiten,
Sie schlingt um alle Herzen ihre Bande.
Sie ist das Denkmal aller, die begraben,
Sie sichert jed' Geschlecht für alle Zeiten.
Auf! laßt das höchste Opfer uns bereiten!

Überschätzung der Form.

Von allen angebornen Künstlergaben
Soll keine Vorzug vor der andern haben,
Da sie gemeinsam nur im Bund erscheinen.
Doch mancher will es heute besser wissen,
Er glaubt der Reime Zauber zu vermissen,
Sieht er bescheiden sie dem Zweck sich einen.

Als glichen sie den schweren Edelsteinen,
Wodurch ein Schaustück selt'nen Prunk entfaltet,
Da sie als Beiwerk doch nur gelten müssen,

Als Hülle nur des Kerns, dran wir uns laben,
Der in sich selbst vollkommen herrscht und waltet:
Wann sah man Schönes jemals mißgestaltet?

An die Musik.

Musik! Du machst uns irdisch offenbar
Den ordnungsvollen Sinn der Sternenbahnen,
Und stellst die Welt in ihrem Einklang dar,
Den wir geheim im tiefsten Innern ahnen,
Daher ein jedes ruh'bedürft'ge Herz
Nach dir sich sehnt in Freuden und im Schmerz.

An die Muttersprache.

O Muttersprache, Mutterlaut,
Du Born aus rätselhaftem Grunde,
Und doch so innig und so traut –
Du führst der Wahrheit Gold im Munde,
Und hältst lebendig jede Kunde,
Die deines Volkes Geist erbaut!

Moltkes Hand.

(Als Briefbeschwerer.)

Das ist des Feldherrn Hand,
Die, stählern bis ins Mark,
Gedankenschnell und stark
Der Feinde Heer umspannt.

Das ist das Bild der Kraft,
Die Mut mit Weisheit eint,
Im Frieden mild erscheint,
Im Krieg den Sieg erschafft.

Der neue Epimetheus.

Während im Bett sich dehnt der entschiedene Kolonialfeind,
Steuert im stürmischen Meer eine Korvette ans Ziel.
Eben votiert er im Schlaf für der luftigen Pläne Verwerfung;
Doch das beorderte Schiff hat schon die Küste in Sicht –
Und da er jetzo erwacht, die erträumten Bedenken sich einlernt,
Weht schon die Flagge des Reichs über ein weites Gebiet!

Auf ein altes Kunstwerk.

Wo sind die Hände, die dies Werk erschufen?
Wo sind die Lippen, die's hervorgerufen?
Wo sind die Augen, die sich dran ergötzten?
Wo die, die stolz sich als Besitzer schätzten?

In der Blütezeit.

Schön ist die Zeit erblühender Hoffnung stets.
Die stillen Bäume selber schmücken sich,
Wenn solcher Stunde sie gewärtig sind.

Unzertrennlich.

Ohne Regen gibt es keine Blumen,
Ohne Blumen keinen Mai,
Ohne Tränen weiß ich keine Liebe,
Ohne Liebe keinen Jubelschrei.

Verdoppelte Kraft.

Du fragst, wie sich dein Vöglein bei mir just
Anlasse wohl, und ich antworte dir:
So herrlich ist die Stimme seiner Brust,
So tönereich und voll von Melodie,
So übertreffend alle Wirklichkeit,
Daß, als ich jüngst es früh am Tag vernahm
Sich wunderbar verdoppeln im Gesang:
Ich eingeflogen zu ihm glaubte, traun,
Ein Brudersängerherz vom Walde her,
Und zu belauschen beide trat ich zu
Mit leisem Schritt – da sang der Eine nur.

Die gefangene Sängerin.

Buben fingen die Nachtigall,
Stachen ihr die Augen aus,
Beide helle Augen,
Sperrten drauf sie in den Käfig,
In den dumpfen Käfig ein,
Half sie nichts ihr Flattern –
Vogel, jetzt singe!

Und so tat es die Nachtigall;
Hundert Nächte sang sie durch,
Hundert volle Tage,
Die ihr lauter Nächte waren,
Sehnsuchtsvoller sang sie stets –
Als sie ausgeschluchzet,
Schwieg sie für immer.

Sprüche.

1.

Über dir an jedem Orte
Fängt das Unbegrenzte an,
Und zur Ewigkeit die Pforte
Ist dir üb'rall aufgetan.

2.

Lasse nicht die Hoffnung sinken!
Siehst du keinen Stern mehr blinken,
Kann es doch wohl immer sein,
Daß dein Auge blind allein.

3.

Wenn die Zukunft kund uns wäre,
Kämen wir nicht mehr zur Ruh';
Doch geduldig, wie die Ähre,
Reifen wir der Ernte zu.

4.

Kein Anblick tiefer zu Herzen dringt,
Als blauer Himmel, von Wolken umringt;
Es ist wie heiligen Trostes Macht,
Von Engeln selber uns dargebracht.

5.

Ob ich lebe, ob ich sterbe –
Stets bin ich in Gottes Hand,
Und ich weiß, durch Gott erwerbe
Ich mir dort ein Heimatland.

6.

Wer durchs Leben weiß zu gehen
Schuldlos und doch wohl erfahren,
Manchen Greuel wird er sehen,
Und sein Herz doch rein bewahren.

7.

Der Wunder Gottes ist die Erde voll,
Der Mensch ist da, daß er sie rühmen soll.
Nicht größ're Ehre kann er Ihm erweisen,
Als wandernd ihre Herrlichkeit zu preisen.

8.

Bewahre dir ein reines Herz,
Rein wie der Unschuld Kleid,
Und blicke hoffend himmelwärts,
Bedrängt dich irdisch Leid!

9.

Wir reden nur immer
Vom kommenden Glück –
Vom alten ein Schimmer
O käm' er zurück!

10.

Wenn nichts sonst hält,
Fest steht die Welt;
Wer an ihr rückt
Sich selbst zerstückt.

11.

Natur, die sich enthüllt bescheidentlich,
In ihrer eignen Helle spiegelnd sich
Als von dem Wesen selbst erfüllter Schein,
Sie wird bedeutungsvoll zur Kunst allein.

12.

Mögen, die nach uns geboren,
Für das Schone rein erglühn –
Und aus Keimen, unverloren,
Was der Dauer wert, erblühn!

13.

Wie soll Nachruhm nicht verhallen,
Wie soll Stärke nicht verwehn,
Da selbst Sterne, wenn sie fallen,
Ohne Spur in Nacht vergehn?

14.

Ob auf dem Spiel
Nichts steht, ob viel,
Wahr sei dein Wort:
Gott hilft dir fort!

15.

Erst wenn die Schatten der Nacht
Umbreiten dich auf Erden,
Kann dort die himmlische Macht
Dir offenkundig werden.

16.

Liebe wirkt als Element,
Das aus Gott muß stammen,
Drum, ob auch im Raum getrennt,
Herzen sind beisammen.

17.

Des Glücks auch der sich freuen mag,
Dem mehr als karg es zugemessen:
Ein einziger schöner Sonnentag
Läßt Regenwochen uns vergessen.

18.

Kraft dringt allzusehr zum Ziel,
Armut denkt allein ans Spiel:
Laß uns beide Triebe einen,
Und es wird die Kunst erscheinen.

19.

Was verleiht dem Ird'schen Dauer,
Hier, wo alles wandelbar? –
Was mich mit der Andacht Schauer
Wird erfüllen immerdar.

20.

Nichts währt stets und immerdar
Als des Herren Güte:
Bete, daß er Jahr für Jahr
Treulich dich behüte!

21.

Das Hohe zu erniedern
Versucht der Neid,
Der tauschte doch viel lieber
Mit ihm das Kleid!

22.

Modern sein heißt am Tage hangen,
Aus dem wir selbst hervorgegangen.
Was aber hat der Mensch erreicht,
Wenn er der Eintagsfliege gleicht?

23.

Jugendsinn, der dünkelhaft
Läßt sein Selbstlob laut erschallen,
Zeigt als Frucht erworbner Kraft,
Was ihm in den Schoß gefallen.

24.

Wer ohne Dünkel solche Werke schuf,
Die, wie ihm ahnt, sein Leben überdauern,
Der neidet Stümper nicht um ihren Ruf,
Und schwindet in das Dunkel ohne Trauern.

25.

Lest die Dichter, dann könnt ihr sie
Auch nach Gefallen schätzen:
Autographen werden nie
Ihren Besitz ersetzen.

26.

Was du erschaust an Bildern
In einem Traum,
Das reichte hin, zu schildern
Dein Leben kaum!

27.

Bleibt dir Gerechtigkeit versagt,
Gib dich doch nicht dem Unmut hin:
Wer an der Wahrheit Macht verzagt,
Bestärkt der Ungerechten Sinn.

28.

Vom Haß gewinnst du keine Frucht,
Das Herz vereinsamt nur:
Wer nicht den Blick der Liebe sucht,
Verliert auch ihre Spur.

29.

Halte wahrhaft Echtes teuer,
Das der schnöde Neid verkennt,
Nähre der Begeist'rung Feuer,
Das in edlen Herzen brennt!

30.

Der Tod hat einen stummen Mund,
Und macht doch das Verborgne kund,
Denn wenn wir einstmals nicht mehr sind,
Zeigt, was wir waren, sich geschwind.

31.

Der Maler bildet mit der Hand,
Und teil drum nimmt sie am Verstand;
Dagegen der Poet am End'
Auch könnte malen unbehend.

32.

Triumph ist's, durch Maschinenkraft
Das Tier erlöst zu sehn,
Doch darf der Mensch, der sie erschafft,
Durch sie nicht untergehn.

33.

Jeder will als volle Wahrheit nehmen,
Was an ihr ihm wohlgefällt,
Aber nie sich dem bequemen,
Was darüber sie enthält.

34.

Das höchste Streben, dem der Mann
In jedem Stand sich weihen kann,
Es ist: zu trachten jederzeit
Nach Wahrheit und Gerechtigkeit.

35.

Vom Leid zum Glücke
Gibt's keine Brücke.

36.

Gern wollt' ich dreimal sterben,
Den Himmel zu erwerben.

37.

Das ist kein Mann, der mir gefällt,
Der sich nicht Irrtums fähig hält.

38.

Lern' der Freunde Rat verstehn
Und mit der Feinde Blick dich sehn.

39.

Gold ist kalt und macht uns kalt,
Gleichviel, ob wir jung, ob alt.

40.

Betrug strebt nach der Wahrheit Schein
Weil er sie weiß im Recht allein.

41.

Das Veilchen liebt den Schatten,
Im Duft nicht zu ermatten.

42.

Wenn Kinder sterben, muß man immer sagen,
Beklagt sein besser, als wie selber klagen.

43.

Mein Freund muß meines Feindes Feind sich heißen,
Mag auch der Klugheit er sich sonst befleißen.

44.

Am schwersten ist's mit Menschen umzugehn,
Die einen lieben und doch nicht verstehn.

45.

Trotz Talents sei der verbannt,
Der als Künstler Spekulant!

46.

Es läßt sich alles doppelt deuten
Und Zweifel gibt's bei allen Leuten.

47.

Von deinem Unglück ziehe ab die Schuld,
Und was der Rest, das trage mit Geduld!

48.

Wir hegen uns're kleinen Sorgen,
Weil uns die großen oft verborgen.

49.

Wer nicht des Meisters Weg erkennt,
Sich nie vom Schülerhaufen trennt.

50.

Bleibst du dir treu, so ist gesorgt für dich,
Und mag das Glück von dir auch wenden sich.

51.

Nenne mir, was schneller als ein Lied vergeht,
Nenne mir, was länger als ein Lied besteht!

Feile oder Raspel.

Fein ist grob
Und grob ist fein,
Man kann gottlob
Auch beides sein.

An einen Wortfechter.

Du nahmst mich nur in Schutz
Aus Eigennutz,
Und würdest mich um solchen
Wohl auch erdolchen.

An einen modernen Reim-Puristen.

Auf Himmesbläue
Reimt Herzenstreue;
Doch wer will rein
Im Reime sein,
Setzt Herzensschläue.

Grabschrift für jedermann.

Ob reich ich war, ob arm,
Ob mir die Jahre schwanden
Im Gleichmut oder Harm –
Frag', wenn ich auferstanden!

Zwiespalt im Herzen.

Bin ich daheim, so treibt mich's fort
Und draußen hält mich fest kein Ort.
Soll ich denn wandern oder weilen,
Da ich mein Herz kann doch nicht teilen?

Traum im Frührot.

Indes von banger Erdennot
Mir unbewußt geträumt,
Hielt dort das frühe Morgenrot
Den Himmel licht umsäumt.

Immer noch.

Immer noch die Hoffnung spricht:
Gib nicht auf die Zuversicht!
Und so bin ich schon seit Jahren
Müd' dem Glücke nachgefahren –
Doch gefunden hab' ich's nicht.

Ende der Kunst.

Müssen streiten,
Die verbreiten
Frieden sollen –
Nimmer länger
Wird der Sänger
Singen wollen!

Mit einem Blumenstrauß.

(An Frau Leontine Speidel.)

Rosen erblassen
Und das Veilchen stirbt,
Doch ihr zart Geheimnis
Blüht lebendig fort
Und es knospt in der Stille
Emsig weiter. –
Bald sind Blumen Bittende,
Bald bekunden sie
Stillen Dank.

Epigramme.

Schlummer und Tod.

Schlummer und Tod in den Armen der Nacht sanft ruhen sie beide:
Wer ist der Träumende wohl, wer ist der Sinnende nur?

Ernste Bereitschaft.

Den du herangewünscht in so mancher Stunde des Lebens,
Sei er, wenn nahend, der Tod, freundlich empfangen von dir.

An eine Heilquelle.

Wallend verkündest du dich und wahrst doch den heimlichen Ursprung:
Eifer belebt dich ja nur, Gutes im stillen zu tun.

Gleichzeitiges Erscheinen.

Daß sich der Lilie Kelch im Monde der Rosen erschließet,
Macht den Gedanken an sie reiner und köstlicher noch.

Sonnenblume.

Lange zur Erde gekehrt war liebend das Antlitz der Sonne,
Bis du der Mutter zurück gabst das beglückende Bild.

Ring der Schöpfung.

Palmen und Fichten, zugleich an das fremde Gestade geworfen,
Zeigen die Enden der Welt, wie durch das Schicksal vereint.

Signatur der Kunst.

Regel und Spielraum zugleich für des Künstlers besonderes Schaffen:
Dies ist die hohe Gewähr einer vollkommenen Kunst.

Die Freiheit des Künstlers.

Wahrheit erstrebst du mit Recht, doch verschmähe die ängstliche Treue,
Halte dir immer nur vor, Kunst ist nicht eins mit Natur.

Die Wartburg.

Jeglichem Stamme gehört sie durchaus; wo immer er wohnet,
Zieht zu dem fernsten als Band irgend ein altes Geschick.

Fluch des Epigonentums.

Epigone zu sein, dem Fluch kann keiner entrinnen:
Goethe und Schiller sogar lernten erst, was sie geübt.

Einer Braut.

Nichts auf Erden vergleicht sich dem Glücke der bräutlichen Jungfrau,
Wohnt der Himmel doch selbst ihr in der liebenden Brust.

Sängergrab.

Wanderer, kommst du daher zu meinem verborgenen Hügel,
Pflück' ein Blümlein dir ab, leg' es in Stille darauf.
Von der Natur empfing ich die Gabe des tröstlichen Liedes,
Und nun ruh' ich verstummt, freundlich gebettet in ihr.

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