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Neue Lieder und Mären

Martin Greif: Neue Lieder und Mären - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
authorMartin Greif
titleNeue Lieder und Mären
publisherC. F. Amelangs Verlag
printrunErstes bis drittes Tausend
year1902
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151115
projectid536b49eb
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Widmungen.

Mont Cenis.

Siehe die hohe
Himmlische Bergwand,
Wolkigen Hauptes
Steigt sie empor;
Aber ihr wilder,
Schrecklicher Gipfel
Reicht in den heitern
Äther hinein.

Rings ist es stille;
Nur aus dem Abgrund
Sprechen die lauten
Bäche herauf.
Manchmal erwidert
Ihnen von oben
Einer Lawine
Rasender Fall.

Wehe dem Wand'rer,
Der auf der Straße
Einsam des Weges
Spuren verliert.
Jäh in der Tiefe
Liegt er zerschmettert,
Ewig begraben
Unter dem Schnee.

Aber die Menschen
Wandeln gesellig,
Und sie verbrüdert
Eng die Gefahr.
Rüstige Treiber
Hinter dem Maultier
Klimmen zusammen
Kräftig hinan.

Güter und Waren
Führen sie kundig
Über des Joches
Schaurigen Kamm,
Heute wie gestern
Üben sie wahllos
Immer das gleiche
Harte Gewerb'.

Freilich auch manchmal
Füllten den Bergpaß
Stockende Scharen
Reisigen Volks,
Aber mit allen
Drohenden Häuptern
Ragender Führer
Schwanden sie hin. –

Alles verweht hier;
Starr in die Traumwelt
Blickt nur das stumme,
Öde Gebirg.
Nimmer erschüttert
wird ihm der alte
Steinerne Busen,
Nimmer bewegt. –

Aber, o Wunder,
Heute bewölkt sich
Qualmig des Ferners
Finsterer Fuß!
Horch, es erdonnert
Schon in den Klüften,
Horch, in des Berges
Innerstem Grund! –

Jauchzend im Chore
Stehen die Bergreih'n,
Herrlicher Jugend
Wieder gedenk.
Selbst von der Firnen
Ewigem Schneekranz
Kommen des Echos
Stimmen herab.

Wand aus den Fesseln
Sich der Titanen
Götterverwandtes
Riesengeschlecht?
Künden die Stöße
Wieder den Anbruch
Einer gewaltig
Schaffenden Zeit?

Ja, sie bedeuten
Siege der Urkraft,
Aber gebändigt
Ward sie zugleich:
Riesige Lasten
Schleppt sie geduldig
Mitten den Berg durch
Keuchend ans Ziel.

Nimmer erfreue
Herrschender Obmacht
Über den Menschen
Sich die Natur!
Aber sie ringe,
Dienend dem Starken,
Kühn aus den eig'nen
Banden sich los!

Der Kanal von Suez.

Heil dem Meere!
Heil dem gewaltigen,
Denn es verbreitet
Endlosen Segen
Tief in die Länder,
Wo in Gebirgen
Oder auf Ebenen
Tätig der Mensch wohnt.

Dankbar im Geiste
Denkt er der Brüder,
Denen die Woge
Täglich ihr Brot gibt,
Die nicht ermüden,
Fern aus den Ländern
Schätze zu holen,
Deren fürs Leben
Jeder begehrt.
Kundig der Pfade
Steuern sie draußen,
Selbst wenn die Sterne
Schwinden im Nachtsturm.
Jegliche Brandung,
Jegliche Klippe
Kennen sie ja,
Und sie erraten,
Wo sie zur Stunde
Segeln im Weltmeer.

Selten nur einem
Festlandbewohner
Ist es beschieden,
Daß sein staunendes Auge froh wird
Deiner Betrachtung,
Rollender Ozean, weitbusiger,
Hochwogiger Wieger der Masten,
Abgründiger, furchtbarer Herrscher!
Doch wer dich einmal
Glanzvoll erblickte,
Rühmt dich für immer.

Heil dem Meere!
Heil den Nationen,
Die es befahren,
Heil auch den Völkern,
Die es ernährt!

Nordische Söhne
Dringen zur Zone
Glühender Sonne
Und mit gebräuntem
Antlitze kehren
Kühner sie wieder.
Palmen erblickten sie,
Sahen den Lotos erblühen
Und die Banane
Längs des altheiligen Indus,
Der im Gesange daherrauscht,
Brahma verkündend und Wischnu und Schiwa
Und die geheime Kunde uralter Veden.
Seltsame Städte,
Drachen und Halbmond
Über den Zinnen,
Fürstliche Burgen
Luftigen Baustils
Schritten sie durch,
Vielbestaunt von der gaffenden Menge,
Der die fremde Bildung
Ausruf entlockte und Lächeln.

Ruhloses Leben,
Leben des Schiffers,
Leben des segelnden Mannes im Boot!

Goldlast in Tonnen,
Silber in Barren
Führt er hinaus;
Ganze zersprengte
Adern der Heimat,
Wie auch die Werke
Regerer Hände
Und der Maschinen
Schaffenden Fleiß.
Seiden und Purpur,
Perlen und Elfenbein,
Kostbaren Farbstoff,
Würzige Pflanzen,
Ambra und Myrrhen,
Zucker und Südfrucht,
Thee auch und Tabak
Tauscht er dafür.

Doch der Weg ist lang und weit,
Lang für die Ungeduld:
Wasser und Himmel
Dehnen sich endlos,
Bis ihm nach Monden
Winkt des ersehnten
Blühenden Weltteils
Fremdes Gestade.

Aber der Schiffer,
Draußen im Weltmeer
Müßig die langen
Tage verbringend,
Schweift mit den Augen
Über der Karten
Seltsamen Umriß,
Über der Länder
Wundergestalt.
Siehe den schmalen Landstrich dort!
Länderverbindend
Strebt er durchs Meer hin,
Von der geschiedenen,
Wogenden Salzflut
Nahe bespült.
Wollte sich öffnen
Dort eine Pforte,
Endlos nachstürzender Wogen
Gähnendes Bette,
Freudig hinüber
Zöge der Kiel!

Und wohl, der Menschheit
Rastloser Genius
Faßt den Gedanken!
Mächtigen Willens
Geht er ans Werk.

Durch!
Hacken und Schaufeln
Wühlen und graben,
Wagen an Wagen
Häufen den Grund auf,
Und es vertieft sich
Sichtbar die Rinne,
Wachsend erstreckt sich
Wie ein Gebirg fast
Langhin der Damm.
Schleusen nur trennen,
Wehrend dem Andrang,
Meer noch und Meer.

Los!
Und es rollet Meer zu Meer,
Und es gehen königliche Wogen
In das bereitete Bette,
Und sie nahen einander,
Die Jahrtausende durch getrennten,
Und sie vermischen sich.
Und es verbinden
Kreuzende Schiffe
Länder und Länder,
Fernen und Fernen,
Völker und Völker,
Geister und Geister,
Weithin das rege
Menschengeschlecht.

Heil dem Meere!
Heil seinen hochrollenden Wogen!
Heil dem gewaltigen,
Länderumgürtenden,
Allumfassenden Ozean!

1900.

Herrschend, eh' es noch begonnen
Seinen schicksalsvollen Lauf,
Mit den Ringen seiner Sonnen
Steigt ein neu' Jahrhundert auf.

Doch wer sieht die Menschenlose,
Die ihr Wandel streng umkreist?
Was es birgt in seinem Schoße,
Ahnt noch kein geborner Geist.

Aber mag mit ernstem Grauen
Uns erfüllen auch sein Nahn,
Auf den Lenker voll Vertrauen
Wollen wir's getrost empfahn.

Petrarca.

(Zum 18. Juli 1874.)

Die freien Hände stolz nach ihm erhoben,
Naht sich Italia dem stolzen Sohne,
Und reicht ihm dankend der Erinn'rung Krone
Aus Lorbeer, dem nie welkenden, gewoben.

Sie lächelt: »Sieh, die Ketten sind zerstoben,
Nach langem Hoffen kam der Sieg zum Lohne;
Doch daß ich nicht erdrückt im Staub mehr wohne,
Euch schuld ich's in den Ruhmeshöhen droben!

Der Liebe Macht, der allem Leid vertrauten,
Hast du in ewigem Gesang verkündet
In deiner Sprache süß'ten Mutterlauten

Und hast die reinen Flammen fort entzündet,
Bis wir erfüllt den Traum der Sehnsucht schauten:
Der Größe Romas mein Geschick verbündet.«

Festgruß an Franz Schubert.

(Zur Enthüllungsfeier des Schubert-Denkmals durch den Wiener Männergesangverein.)

Wien, 15. Mai 1872.

Schöpfer goldner Harmonieen,
Freundlich Bild in unsrer Brust,
Tief im heiligen Erglühen,
Quelle hoher Liederlust,
Der vom Himmel ausgegangen
Gnadenvoll und jugendrein,
Von der Freude Chor empfangen:
Sei gegrüßt in unserm Hain!

Sei willkommen hier im Grünen,
Zwischen Vogel-Sang und -Flug,
Aus den Fernen nah erschienen,
Lenke du der Herzen Zug!
Wie uns auch das Los geschieden,
Dir in Eintracht folgen wir:
Jeder fühlet Trost und Frieden,
Jeder neuen Mut bei dir.

Zum Vertrauten wählt dich Liebe,
Du ja kennst ihr Glück und Weh',
Und es suchen Flammentriebe
Stille Ruh' in deiner Näh'.
Deines Hochgesanges trunken,
Nährt der Jüngling frohen Traum,
In Erinnerung versunken,
Weilt der Greis bei deinem Baum.

Leicht und heiter im Verwandeln
Fließt dir Scherz und Laune hin,
Wechselvoll Gefühl und Handeln
Lässest du in Stürmen ziehn,
Doch gestillt ist alles Wogen,
Wenn dein ernster Psalter rauscht:
Ganz das Herz, emporgezogen,
Deinen hehren Klängen lauscht.

Schöpfer goldner Harmonieen,
Freundlich Bild in unsrer Brust,
Tief im heiligen Erglühen,
Quelle hoher Liederlust,
Der vom Fimmel ausgegangen
Gnadenvoll und jugendrein,
Von der Freude Chor empfangen:
Sei gegrüßt in unserm Hain!

An die grüne Steiermark.

(Albumblatt.)

Die Täler mild, die Berge kühn,
Die Herzen treu und stark –
Gott lasse stets in Freuden blühn
Die grüne Steiermark!

An Friedrich von Bodelschwingh.

Vater der Schwachen, so hörst du mit freudiger Seele dich rufen,
Dich, der zu helfen bereit, wo dir begegnet die Not.
Daß du gelindert sie hast, darüber verbreitest du Stille,
Doch die verborgene Tat dringt wie ein Wunder ans Licht:
Die du mit liebender Hand getrocknet, die Tränen der Armut,
Ob sie auch niemand gesehn, Einer doch hat sie gezählt.

Weihegesang zur Enthüllung des Dr. Matth. Hoerfarter-Denkmals in Kufstein

am 10. September 1899.

(Komponiert von Friedrich Seitz.)

Vater, der, zu früh geschieden
Und von jedem Aug' beweint,
Eingegangen in den Frieden,
Über uns verklärt erscheint:
Neige dich dem Dank gewogen,
Den wir dir voll Liebe weihn,
Die wir, freudig hergezogen,
Stolz uns um dein Denkmal reihn.

Hast du doch als treuer Hirte
Bis ins Alter uns gelenkt,
Das sich schneeig, gleich der Myrthe,
Auf dein würdig Haupt gesenkt.
Fromm der Pflicht nur hingegeben,
Fühltest kaum du seine Last,
Hielt dir vor auch stets dein Leben,
Daß du nur ein Erdengast.

Jenes Kirchlein in der Wildnis,
Wohin du den Weg gebahnt,
Birgt der Gnadenmutter Bildnis,
An die laut ihr Glöcklein mahnt.
Aber aus dem sonn'gen Leben
Lehrtest du nicht scheue Flucht:
Wirtlich führt dein Pfad und eben
Nach des Kienbachs Felsenschlucht.

Wie du deine Zeit erfülltest,
Nie vergeht davon die Spur,
Von den Tränen, die du stilltest,
Wissen die Beglückten nur.
Jene Kraft war dir verliehen,
Die sich ihres Ziels bewußt,
Und die Jugend zu erziehen,
War dir noch im Alter Lust.

Alles galt dir für erlesen,
Was des Schöpfers Hauch erschuf,
Und du sahst in jedem Wesen
Seinen göttlichen Beruf.
Zeugnis gab von Seinem Ruhme
Dir, was fern und nah zu schaun.
An der kleinsten Wiesenblume
Konntest du dein Herz erbaun.

Gern nach deinen Bergen wandtest
Früh am Morgen du den Fuß,
Und zur trauten Heimat sandtest
Du gelabt den stillen Gruß.
Ihr gedenk in jenen Höhen,
Bist fortan und immer du,
Und ein jedes leise Wehen
Trägt uns deinen Segen zu.

Königin Luise.

(Zum 22. März 1897.)

Laßt uns an sie auch heute dankbar denken,
Die uns des Reiches Gründer durfte schenken,
An Wilhelms Mutter, Königin Luise!

Fürwahr, von Deutschlands edlen Frauen allen,
War ihr ein Los so leuchtend zugefallen,
Daß keine dasteht mehr verklärt als diese.

Blieb auch erspart nicht ihrem Erdenwallen,
Was eine Seele kann in Gram versenken,
Den nur gekränkter Stolz so tief empfindet:

Ergeben, was der Himmel auch beschließe,
Trug sie die Kraft in sich, die überwindet,
Und Trost im Glauben an die Allmacht findet.

Kaiser Wilhelm I.

(An seinem hundertsten Geburtstag.)

Das ist es, was ihm vor des Schöpfers Thron
Vergolten werden mag durch reichsten Lohn,
Daß er, zum höchsten ird'schen Ruhm erlesen,
Demütig ist als Mensch vor Gott gewesen.

Goethe.

(Zum hundertfünfzigsten Geburtstag.)

Der Tag, der ihn hat einst der Welt geboren,
Er gilt dem Erdenrunde für geweiht,
Drum schätzt ihn jedes Volk auch als erkoren,
Der ein Verkünder reiner Menschlichkeit.
In liebender Bewunderung verloren,
Schaun wir den Genien dort ihn angereiht,
Und, lauschend seinen ewigen Akkorden,
Empfinden wir, was wir durch ihn geworden.

An Ferdinand von Miller.

(Zu seinem sechzigsten Geburtstage am 8. Juni 1902.)

Des Künstlers Leben reihet Tat an Taten,
Verfließt es gleich in der gewohnten Stille:
Hier wirkt verborgen zielbewußter Wille,
Den seine Werke nur der Welt verraten.

So streut er unermüdlich seine Saaten
Und sorgt getreu, daß reiche Segensfülle
Auch fruchtbar in den Jüngern sich enthülle,
Die in des teuren Meisters Spuren traten.

Die Kräfte, welche ihm vom Vater stammen,
Und ihn beleben aus so tiefer Quelle,
Begeisternd wirken sie in ihm zusammen.

Im Herzen jung, naht er des Alters Schwelle,
Da immer noch, wie einst, die Blicke flammen –
Sein Abend währe lang' und sonnig helle!

Der Frau Prinzessin Ludwig Ferdinand von Bayern.

(Maienkönigin der Kölner Blumenspiele von 1901.)

Zum Frühlingsfest und Wettgesang der Lieder
Hat uns die Maienkönigin geladen,
Doch eh' ihr Preis die Sieger wird begnaden,
Leg' ich im stillen einen Kranz ihr nieder.

Geflochten ist er aus Jasmin und Flieder,
Wie fern an Kataloniens Gestaden
Sie eben jetzt erblühn auf wonn'gen Pfaden:
Ihr Duft erwecke ihr die Kindheit wieder!

Doch was mich trieb, daß ich den Kranz ihr weihe,
Ich will es, wenn auch leise nur, bekennen,
Daß ihre Huld die Kühnheit mir verzeihe:

Für stilles Wohltun sehn wir stets entbrennen
Der Milden Herz; Gott ihr den Lohn verleihe,
Die wir mit Stolz der Waisen Mutter nennen.

Tusseinen.

(Freiherrn Hans von Sanden und dessen Gemahlin.)

Ort, der abgeschieden
Ruht im tiefen Frieden,
Stiller, trauter Ort!
Deiner werd' ich gerne
Denken in der Ferne,
Lieb dich haben fort und fort.

Daß ich dich verlassen,
Kann ich kaum noch fassen,
So warst du mir wert.
Ja, dir bleib' ich immer,
Seh' ich dich auch nimmer,
Still im Herzen zugekehrt.

Freundliche Gestalten,
Leuchtend wird sie halten
Mir Erinn'rung fest:
Treue Gattenseelen,
Die mir üb'rall fehlen,
Deren Bild mich nie verläßt.

Zur Hochzeit von Dr. Oskar Eisenmann und Marie, geb. Zobel.

(1872.)

Da in das Joch du dich begeben,
Das noch kein freier Mann verschmäht,
Den Vorwurf sollst du nicht erheben,
Mein Glückwunsch treffe dich zu spät,
Zumal in diesen Frühlingstagen
Auch mich die Sehnsucht oft beschleicht,
Das gleiche süße Joch zu tragen
Geduldig, wie du selbst vielleicht.

Entsagt hast du in dieser Stunde
Dem einsam öden Lebenslauf:
So sprieße bald auch eurem Bunde
Die Saat der ros'gen Kinder auf.
Dann strebt dein Geist zu ernsten Zielen
Mit immer frohem Mut hinan,
Und wenn sie sorglos euch umspielen,
Fängt eure Jugend wieder an.

So mögt ihr lieblich es erneuern
Und fristen eures Daseins Spur,
Durch holdgespartes Glück befeuern
Die hohen Kräfte der Natur!
Dann ist dir vor dem Enkelkinde
Die Greisenlocke einst geweiht,
Dann wirket, was ich heut' verkünde,
Als Nachhall dieser großen Zeit.

An Frau Franziska Barfus.

(Mit einem Blumenstrauß.)

Zarten Blumen ist es eigen,
Daß sie reden, wenn wir schweigen,
Und so geben leicht sie kund
Wünsche aus dem Herzensgrund.

An meine drei Gönnerinnen in Leipzig.

Der Kindheit froher Glaube
An güt'ger Feen Huld,
Er wird uns früh zum Raube –
Verlorner Reinheit Schuld.

Doch bleibt ein letzter Schimmer
Von ihm in uns zurück,
Und Feen streu'n noch immer
Uns jedes holde Glück.

Heinrich Noë †.

Der nur dem Preise seiner Alpen lebte,
Die ruhelos er zu durchmessen strebte,
Er hat in ihnen letzte Rast gefunden,
Wir aber, die auf allen seinen Fahrten,
Im Geist gefolgt, ihn stets voran gewahrten,
Wir trauern, daß der Führer uns entschwunden.

Wie seinem Aug' sich leuchtend offenbarten
Der Bergwelt Wunder, die ihm eng' vertrauten,
In denen er mit allem Fühlen webte:

So bleiben wir ihm dankbar fort verbunden
Dafür, daß er das seelenvoll Geschaute
Zu dauerndem Genuß uns auferbaute.

An Karl Freiherrn du Prel.

(Zu dessen sechzigstem Geburtstag.)

Noch hallt im Ohr uns österlich' Geläute,
Da wir dein Jubelfest begehen heute,
Und ernst stimmt uns des Auferstandnen Mahnen.
Nicht werden vollste Seligkeit genießen,
Die sehend nur zum Glauben sich entschließen,
Und nicht das höchste aller Wunder ahnen.

Doch eh' das Gift des Hohns sich soll ergießen
In Herzen, die zum Heile sind erschaffen,
Ziemt's, daß der Denker, was beweisbar, deute:

Und du durchmaßest kühn des Forschens Bahnen,
Mit deines lichten Geistes starken Waffen
Unsterbliches dem Staube zu entraffen.

Nachruf an meinen teuren Freund Karl du Prel †.

Wenn wir den Drang der Tränen nicht bezwingen
An diesem offnen Grab, das wir umstehn,
Den letzten Gruß dem Freunde darzubringen,
Des Trostes sicher auf ein Wiedersehn – –
Nicht daher rührt's, weil wir nach Fassung ringen,
Verschlossen seines Geistes nahem Wehn:
Erhebung muß sich unserm Schmerz gesellen,
Den sie zu lindern sanft hervor uns quellen.

Adolf Bayersdorfer †.

Verlassen steht das Lager da,
Wo Liebe ihn umgeben nah,
Wir suchen ihn und sind erschreckt,
Daß ihn der Blick nicht mehr entdeckt.

Doch allgemach hebt sich das Herz,
Und mählich wandelt sich der Schmerz –
Es ist um ihn uns nimmer bang,
Der auf zum Lichte sich entschwang.

Hienieden sah er schon die Welt
Vom Strahl der Schönheit mild erhellt:
Es wird im hehren Morgenschein
Der ew'gen Heimat wohl ihm sein.

Nikolaus Lenau.

(Zu seinem fünfzigsten Todestage.)

Heran auf schattig dunklem Waldespfade,
Gelangten wir zu seinem stillen Hügel;
Ein Falter schwang darüber seinen Flügel,
Der eingestellt sich zum Besuch gerade.

Wie wenn der Ort das Herz zum Sinnen lade,
Lag auf den Lippen uns des Schweigens Siegel:
Schloß sich ihm früh auch schon der starre Riegel,
Zu teil ward ihm der Trost geheimer Gnade.

Den er bedeckt sah von der Schwermut Schleier,
Der Tod blieb ihm in seinem Ernst gewogen,
Denn seiner Seele ward er zum Befreier.

Die Spur von seinem Leid ist längst verflogen,
Die ew'gen Klänge aber seiner Leier,
Sie hatten uns nach seiner Gruft gezogen.

An Hugo Wittmann.

(Bei der Nachricht vom Tode seiner geliebten Mutter.)

Als ihr die Pulse sanken,
Hat fern dein Herz gebebt –
Es waren der Mutter Gedanken,
Die zu dem Sohn gestrebt.

Sie hat bei ihm verweilet
Bis zu dem letzten Hauch:
Er hat ihr Trost erteilet,
war er ihr ferne auch.

An Ludwig Speidel.

(Zu dessen siebenzigstem Geburtstag am 11. April 1900.)

Es waren goldne Tage, reich an Hoffen,
Wenn froh zu dir zurück ich wieder kam;
In deine Arme flog ich, die mir offen,
Und zögernd schied ich, wenn ich Abschied nahm,
Den Freund ja hatt' ich in dir angetroffen,
Der nie mir ward um meine Mängel gram.
Drum, was auch fliehend mir seitdem geschwunden,
Für immer fühl' ich mich mit dir verbunden.

Wohl war es Täuschung, daß ich dauernd wähnte,
Was schwankend hing an blinden Glückes Gunst;
Die sich erst sonnig vor dem Blick mir dehnte,
Die Welt umflorte bald ein grauer Dunst,
Doch fehlt mir auch, was einstmals ich ersehnte,
Das Höchste blieb erhalten mir: die Kunst;
Du aber, dessen Nähe ich genossen,
Du hast ihr ewig Reich mir auferschlossen.

O könnt' auch ich dir heut' die Hände reichen
Im Kreis der Deinen, der dich stolz umgibt,
Und dir bekundet mit beredten Zeichen,
Was er in dir verehrt und innig liebt.
Wenn auch mich Wehmut müßte trüb beschleichen,
Wie wenn verwehter Blütenschnee zerstiebt –
Doch sollte dir's mein Auge offenbaren,
was ich an innerm Glück durch dich erfahren.

An Hans Thoma.

(Zu seinem sechzigsten Geburtstag.)

Gar mancher hat den Ruhm voraus genossen,
Den erst die späte Zeit gefestet bietet,
Und während er ihn glaubte wohl behütet,
War er wie ein Phantom der Luft zerflossen.

Wie anders du, der ringend unverdrossen,
Nie über solchem eitlen Wahn gebrütet,
Dem Sehnsucht alle Mühen reich vergütet,
Da sie der Kunst Geheimstes ihm erschlossen.

So wirkst du nun, aus eigner Kraft entfaltet,
Gediegen und bewährt, ein voller Meister,
Der, was ihn innerlich erfüllt, gestaltet.

Wenn andre sich geberden immer dreister,
In deinem Schaffen kindlich Fühlen waltet,
Und, wie ein Quell, erquickest du die Geister.

An Wilhelm Trübner.

(Zu dessen fünfzigstem Geburtstage am 3. Februar 1901.)

Des Lebens Mittagshöh' hast du erstiegen:
Zu Füßen breitet sich die Welt dir aus,
In Klarheit siehst du vor dem Blick sie liegen,
Befreit von der Verkennung Wolkengraus;
Siehst wie ein Nest sich traulich an sie schmiegen
Im Schoß der Liebe dein verborgen Haus,
In dem du wohnst im Schutze guter Geister
Voll stolzer Schaffenslust als kühner Meister.

An Aloys Hauser.

Zu seinem siebenzigsten Geburtstag. (17. Februar 1901.)

Für das Schöne zu entbrennen,
Stets die Lust der Edlen blieb,
Doch noch höher möcht' ich nennen
Den in dich gelegten Trieb:

Was durch unerreicht' Gestalten
Meisterliche Kunst erschuf,
Treu der Nachwelt zu erhalten,
Du erkorst dir's zum Beruf.

Und du warst ein langes Leben
Ruhlos Tag um Tag bemüht,
All dein Können hinzugeben
Dem, wofür dein Herz erglüht.

An seinen Freund Gustav Weisbrodt.

Was der bloße Blick gesteht,
Brauchen Worte nicht zu sagen:
Stummer Glückwunsch wird beredt,
Wenn wir ihn im Herzen tragen.

An Klaus Groth.

(Zu seinem siebenzigsten Geburtstag am 24. April 1889.)

Traure nicht, geliebter Sänger,
Um die hingeschwundne Zeit!
Deine Tage währen länger
Als die Frist der Endlichkeit.

Dem Andenken Karl Seyffers.

(† den 27. Mai 1896.)

Die Mutter, die das Dasein dir gegeben,
Und die an deiner Wiege wachsam stand,
Sie ahnte nicht, daß du einmal dein Leben
Dir nehmen würdest mit der eignen Hand.

Und wie war diese Hand so wohl beschaffen,
Zum Bilden tauglich und wie vielgeübt!
Doch nicht erwählt zu solchem Brauch der Waffen
Wer kannte dich, den nicht dein Schritt betrübt?

Wer aber wollte dir darob auch zürnen?
Wer zeihen dich verdammenswerter Schuld?
Da eine von den unentweihten Stirnen
Die deine war, nur bar des Glückes Huld.

An Oskar Eisenmann.

(Zu seinem fünfzigsten Geburtstag am 14. Januar 1892.)

Wir kennen uns schon manches Jahr,
Fast seit den Jugendtagen,
Und haben jed' Geschick fürwahr
Gemeinsam auch getragen.

Und ist an uns des Lebens Lauf
Ganz spurlos nicht geblieben,
So hörten wir doch niemals auf,
Uns brüderlich zu lieben.

An den Kupferstecher Paul Barfus.

(Zu seinem siebzigsten Geburtstag.)

Dem arbeitsamen Meister
Ist heute Feiertag,
Der zum Gefild' der Geister
Den Blick ihm heben mag.

Dort lächeln ihm hernieder,
Die er zu früh verlor,
Und ihre Stimmen wieder
Auch dringen ihm ans Ohr.

Doch während er noch sinnet,
Naht die lebend'ge Schar:
Heil ihm, der frisch beginnet
Sein einundsiebzigst Jahr!

An einen greisen Dichter.

(Egon Ebert.)

Zu dessen achtzigstem Geburtstag.

Altern ohne zu veraltern,
Wen'gen ist dies Glück beschert;
Weisen Dichtern und Gestaltern
Bleibt die Jugend unversehrt.

An Gustav Eggena.

(Zu seinem fünfzigsten Geburtstag.)

Auf ein Leben voller Ringen
Blickst du heut' zurück,
Möge dir ein Tag noch bringen
Das verdiente Glück!

An Maximilian Schmidt.

(Zu seinem siebzigsten Geburtstag.)

Du wußtest zu belauschen
Dein Volk in seiner Art,
Als hätte dir's beim Rauschen
Dein Wald geoffenbart.

An Dora Z...

Die ihr Herz bewahren rein,
Gehen in den Himmel ein,
Und er soll das Ziel dir sein.

An Gertrud B...

Wo du ziehst: auf allen Wegen
Kannst du streben Gott entgegen.

In ein Stammbuch.

Es braucht der Dichter Kerzen, die ihn wohl verstehn,
Da seine Lieder sonst mit seinem Hauch verwehn.

An Luise und Karl von Landmann.

Erinn'rung weilt am liebgewordnen Orte,
wann längst verklungen auch die Abschiedsworte.

An Karl und Paula Werner.

(Zur Verlobung.)

Wo sich zum Blick das Wort gefunden,
Bleibt Herz dem Herzen treu verbunden.

An meinem fünfzigsten Geburtstag.

Kaum wach, zog ich zu Walde
Und kam zu einem Hag,
Da stieg mir auf gar balde,
Was wolle dieser Tag.

Ich stand in mich verloren:
»Ihr wilden Röslein fein,
Könnt' ich, heut' auch geboren,
So jung noch einmal sein!«

Dem Vater Rhein.

Erhebt das Glas zum Sange
Und laßt den Jubel los!
Wir weih'n mit stolzem Klange
Dem Rhein den Becherstoß.

Dem Rhein, dem deutschen Rheine,
An dem die Rebe reift,
Aus deren Feuerweine
Ein Gott uns Freude träuft.

Der wirtlich seine Bütten
Ergießt durchs Vaterland
Bis zu der Alpe Hütten,
Bis zu des Meeres Strand.

Dem Rhein, dem freien Rheine,
Dem huldigt jed' Geschlecht,
Wo traut bei seinem Weine
Ein Kreis von Deutschen zecht:

So lang', bis seinen Burgen
Der letzte Stein zerfällt,
So lang' ihn Schiffe furchen,
So lang' ein Faß noch hält –

Wohlan und trinkt, es lebe
Der alte Vater Rhein,
Mit seiner eignen Rebe
Soll er gefeiert sein!

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