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Gutenberg > Martin Greif >

Neue Lieder und Mären

Martin Greif: Neue Lieder und Mären - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
authorMartin Greif
titleNeue Lieder und Mären
publisherC. F. Amelangs Verlag
printrunErstes bis drittes Tausend
year1902
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151115
projectid536b49eb
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Balladen und Mären.

Der Fischerknabe auf dem Berge.

Warum jetzt der Fischerknabe
Gern im Wald den Vöglein lauscht,
Gerne mit dem Wanderstabe
Netz und Ruder hat vertauscht,

Da er sonst des Seees Breite
Hin und her gelassen zog,
Aber flink zur Heimatseite
Nach gesunk'ner Sonne flog?

Kann er rudern, kann er steuern
Neben ihr im gleichen Kahn,
Wenn in goldnen Abendfeuern
Welle rauscht zu ihm heran? –

Auf den Bergen fühlt sich leichter
Des verschmähten Knaben Herz,
Seine Augen werden feuchter,
Blicken sie dann niederwärts.

Der Ring.

Ich weiß ein Schloß am Meeresstrand,
Das stehet still und leer;
Nach ihm flog einst vom Morgenland
Ein klein Waldvöglein her.

»O treues Lieb, halt' deine Hand
Und fang' ein Ringlein schwer;
Sonst fällt es in den weißen Sand,
Du find'st es nimmermehr.«

Die Jungfrau hielt das güldne Pfand,
Sie klagt' und weinte sehr:
Geheim im Herzen sie verstand,
Daß er gestorben wär'.

Der Matrose.

Ein Matros' am Meere stand,
Mußte fort von Lieb und Land.
Und es rauscht' die Flut heran,
Gleich ob Donner rollte;
Und sein Liebchen sah ihn an,
Ihn nicht lassen wollte.

»Schau' nicht dorthinaus gewandt,
Folge mir und bleib' am Strand;
Geh' nicht in das Meer hinaus,
Wider dich verschworen!
Horch, es lacht das Sturmgebraus
Wild in meine Ohren.«

Aber wo der Mut'ge stand,
Nahm er's Ruder schnell zur Hand;
Heller zischte da der Schaum
Und es schwoll das Grollen –
Liebchen stand im tiefen Traum,
Im gedankenvollen.

Treue Liebe.

»Zwölf Ritter, lieb Töchterlein, weilen
Mit lustigen Knappen im Saal;
Nun sollst du dich selber entscheiden
Und wählen den Herzensgemahl.«

»»Da ist ja an Freiern kein Mangel,
Doch lieber wär' mir der Knab',
Der drunten im Meere angelt
Mit seinem goldlockigen Haar.««

»Der ist aus dem Schifflein ertrunken;
Ihn stießen die Zwölf in die See.«
»»So ist auch mein Glück versunken,
So endet auch nimmer mein Weh.

»»Lieb Mütterlein, hörst du die Glocken?
Sie rufen hinüber ins Tal.
So sagt, ich sei Nonne geworden,
Den Rittern und Knappen im Saal.««

Das Ritterfräulein.

Ein Kloster ward erbauet
Nächst einem stolzen Schloß.
Das Ritterfräulein schauet,
Wie's aus der Erden schoß.

Sie schaut vom frühen Morgen
Bis in die späte Nacht,
Wie man gar wohl verborgen
Die stillen Zellen macht.

»Für wen mit deiner Kelle,
O Maurer, mauerst du
Und bauest Zell' an Zelle
In tiefe Himmelsruh?«

»»Ich maure flink und baue
vom Früh- zum Abendschein;
Gar einer stillen Fraue
wird diese Zelle sein.««

Drei Jahre sind verronnen,
Die Jungfrau wuchs heran;
Dort stimmten einer Nonnen
Sie schon das Grablied an.

Nochmal drei Jahre drüber
Da war das Fräulein Braut;
Sie hat nicht mehr hinüber
Ins stille Haus geschaut.

Man hörte Hörner blasen
Und lustigen Gesang;
Man sah auf grünem Rasen,
wie sich das Brautpaar schwang.

Und wieder nach drei Jahren
Da ging das Fenster leis,
Da stand, ins Tal zu fahren,
Die Ritterfrau so weiß.

Sie trug ein Kränzlein wieder
In ihrem langen Haar;
Sie stieg zum Kloster nieder,
Die Glocken gingen klar.

Sie schritt nach der Kapelle,
Ein Schleier deckt' sie zu,
Sie führten sie zur Zelle
In tiefe Himmelsruh'.

Die singende Nonne.

Es sitzt eine Nonn' alleine
Und fingt mit frommer Stimm',
vorbei im Abendscheine
Jagt einer mit Ungestüm.

Es singt die weiße Nonne
von Jesus, dem Bräutigam,
Fern drüben scheidet die Sonne
Gar feurig und wundersam.

Und wie sie niedertauchet
Und sprüht noch ein einzig Mal,
Der Nonne Lied verhauchet
Sehnsüchtig ins stille Tal.

Der Reiter kehrt sein Gesichte
Zum schwindenden Kloster um,
Da glüht im Abendlichte
Das ferne Heiligtum.

Das Würfelspiel.

Wo bist du gewesen?
»Beim Würfelspiel?«
Was hast du verloren?
Du zitterst so viel.

»Ich habe verloren
viel Geld und Gut;
Ich habe verloren
Mein Herzeblut.«

Was tust du so wanken?
Und bist so bleich?
»O Weib, ich muß sterben
Wohl alsogleich.«

Schon stürzt aus der Wunde
Es purpurrot;
Er brach zusammen
In bitterem Tod.

Da ritt vorüber
Ein Reitersmann;
Von seinem Koffer
Es blutig rann.

Nonne und Äbtissin.

»Was ist dein Aug' so trüb' und hohl,
Wie bleich sind deine Wangen?«
»»Frau Äbtissin, ich bin heut' wohl
Zur Mittnachtmett' gegangen.««

»Und da zur Mett' du kommen bist,
was war dein Sinn im Herzen?«
»»Ich dachte an den lieben Christ
Und seine großen Schmerzen.««

»Ich sag's dir besser, Kind, anitzt,
Das kommt vom sünd'gen Lieben.
Du hast den Arm um Blut geritzt,
Ein Brieflein mit geschrieben.«

»»Ich schrieb auf Rosen, halb verdorrt.
Und hüllt' sie ein mit Laube,
Es kam und nahm die Botschaft fort
Wohl eine wilde Taube.««

»Dann küßte dich im Traum ein Knab',
Der um dein Herz geworben.«
»»Mir träumt', er läg' im tiefen Grab,
Und ich wär' auch gestorben.««

Venetianisches Gondellied.

(Aus »Marino Falieri«.)

Er.
Komm, Geliebte, komm zur Stelle,
Sieh', die Gondel liegt bereit,
Liebe hauchen Mond und Welle,
Alles atmet Seligkeit.

Sie.
Fern im funkenreichen Prangen
Leuchtet das verschwiegne Meer,
Sehnsucht trägt es und Verlangen
Warm mit jedem Hauche her.

Er.
Tiefe Ruhe! nur im Herzen
Ist die Seele auferwacht,
Schwebet Träume, wandelt Schmerzen,
Ziehet durch die stille Nacht!

Sie.
Haltet, wenn ihr ihn erblicket,
Haltet den Entfernten an:
Die ihm tausend Grüße schicket,
Zärtlich ruft sie ihn heran.

Er.
Komm, Geliebte, komm zur Stelle,
Sieh', die Gondel liegt bereit,
Liebe hauchen Mond und Welle,
Alles atmet Seligkeit.

Ratbod.

Ratbod, der Friesenkönig
Trug freien Mut im Sinn,
Er kümmerte sich wenig
Um das, was bringt Gewinn.

Hört, wie den Heldensprossen
Einst Reue überkam,
Da er schon fast entschlossen
Der Christen Taufe nahm.

Er hatte in das Becken
Den Fuß bereits gesetzt,
Da regte sich im Recken
Ein Zweifel noch zuletzt.

»Eh' ich mich überwinde,
Ihr Priester, sagt mir dies,
Ob ich die Väter finde
Dereinst im Paradies?«

Da sprach der Abt vom Orden:
»Gescheh'n wird dies wohl nie:
Bist Christ du selbst geworden,
Wirkt nicht das Heil auf sie!«

Ratbod vernahm die Kunde,
Er sprang vom Rand herab,
Und blieb nach dieser Stunde
Ein Heide bis ans Grab.

St. Goar.

St. Goar schuf die Klause
Sich an des Rheines Strand,
Und half durchs Stromgebrause
Den Pilgern an das Land.

Daß Tat war seine Lehre,
Bezeugt hat er's auch so:
Des Fergen auf der Fähre
Ward Christ und Heide froh.

Die Gräfin von Diessen.

Die Gräfin von Diessen
Trug langgoldnes Haar,
Auch als sie Äbtissin
Im Kloster schon war.

Die Gräfin von Diessen
Hielt strenge Klausur,
Nur bloß ihr lang' Goldhaar
Entzog sie der Schur.

Die Gräfin von Diessen
Lag tot im Habit,
Als erst ihr lang' Goldhaar
Herunter man schnitt.

Der Gräfin von Diessen
Ihr langgolden Haar
Tut Wunder noch wirken
In Wettersgefahr.

Was leuchtet im Blitze
Vom Turme so klar?
Der Gräfin von Diessen
Ihr langgoldnes Haar.

Der letzte Graf von Diessen.

Es wagt ein Ritter sich mutiglich
Heran zu Pavias Mauern;
Sein Roß im Harnische bäumt es sich,
Wo dicht ihn die Pfeile umschauern.

Jetzt in der Feinde nächstem Bereich
Hält er die Streitaxt erhoben,
Und gegen das Tor den wuchtigen Streich
Führt er, den Arm zu erproben.

Noch fliegen die Splitter umher im Kreis,
Da schallt es herab von der Zinne:
» Wer ist der Held, der wert, daß den Preis
Er aller Ehren gewinne?«

Der Degen, entbrennend vor Begier,
Daß sie den Lohn ihm bezahlen,
Antwortet: »Otto von Diessen, hier
Läßt Er seinen Ruhm erstrahlen!«

Doch eh' er den Kolben, stark und schwer,
Noch schwingt zu verstärktem Streiche,
Getroffen von einem sausenden Speer
Sinkt er zu Boden als Leiche.

Die selige Edigna.

verehrt zu Puch bei Fürstenfeld.

Edigna, die holde Königsmaid,
War heimlich aus Frankreich gezogen:
Am Pilgerstabe gebogen,
Umhüllte sie rauh ihr här'nes Kleid.

Es hatte verschmähter Bewerber Macht
Vom Hof sie des Vaters vertrieben;
Nur den Erwählten zu lieben,
Entfloh sie der Welt und ihrer Pracht.

Einst hielt sie bei einem Kirchlein Rast,
Auf waldiger Höh' gelegen,
Dort drang ihr der Anruf entgegen:
»Nimm Herberge hier und sei mein Gast!«

Edigna gehorchte ungesäumt;
Daß sie ein Obdach noch finde
In einer gehöhlten Linde,
Das hatte ihr einst wohl nicht geträumt.

Sie schränkte sich ein im engen Raum
Und suchte sich Kräuter im Tale.
Wohl mehr als die dreißig Male
Belaubte sich über ihr der Baum.

Ein heilsam Öl, das ihm entquoll,
Bewährt an Blinden und Lahmen,
Trug weiter der Jungfrau Namen,
Bis daß er im ganzen Land erscholl.

Sie aber brachte in Demut hin
Ihr wundertätiges Leben,
Bis sich, von Engeln umgeben,
Entschwang die selige Helferin.

Der Jäger und die Magd.

Ein Mägdlein hat vertrauet
Zu sehr des Buhlen Wort,
Aus ihres Vaters Hause
Mußte sie heimlich fort.

Sie kommt zu einem Walde,
Ihr Bündel in der Hand,
Ihr Sinn, der ist zu wandern,
So weit man sieht ins Land.

Wo niemand ihren Namen
Und ihre Schande kennt,
In ihrer Not sie schreiet
Und Gott im Zweifel nennt.

Da streckt sich was im Holze,
Ein Jäger schwenkt heraus:
»Woher des Weges, Jungfer,
Sie ist wohl weit zu Haus?«

»»Ich geh', Verdienst mir suchen,
Mein Dorf, das liegt wohl weit«« –
Der Jäger drückt sich näher
Und spricht voll Heimlichkeit:

»Ein Städtlein wüßt' ich nahe,
Das liegt am tiefen Rhein,
Der Wirt braucht eine Schenkin,
Das könnt' Ihr Glück wohl sein.

»Den Bankert nimmt's hinunter
In einer finstern Nacht,
Die Wellen gehn darüber,
Und niemand hat es acht.«

Dem Mägdlein schlägt das Herze
So wild, als wie noch nie,
Jetzt tut der Wald sich öffnen,
Ein Kirchlein schaut auf sie.

Da setzt sie sich ins Laufen,
So hart ihr's auch geschah,
Am Weihbrunn hält sie betend:
Den Feind sie nimmer sah. –

Zu Laufenburg am Rheine
Da gehn die Wasser tief,
In seiner bangen Stunde
Zu Gott das Mägdlein rief.

Die Frauen von Berghausen.

Die Berghauser Frauen sind flinker Hand
Und haben dabei auch geweckten Verstand;
Dies hat die rettende Tat bewiesen,
Für die sie noch immer werden gepriesen.

Die Kälte war streng, der Winter hart,
Das Wasser in Bächen und Brunnen erstarrt,
Sie aber wollten sich's nicht ersparen,
Die tägliche Milch nach Speyer zu fahren.

Einst, als sie schon rollten nahe dem Tor,
Stieg qualmender Rauch vor ihnen empor:
»Es brennt im Gutleuthaus! Hin mit den Kübeln!
Die Kunden werden's uns nicht verübeln.«

Kaum, daß nur eine den Schrei getan,
So liefen schon alle beladen heran.
Und gossen die strömende Milch zusammen,
Um flink zu ersticken die fressenden Flammen.

Und wie zu löschen sie dachten den Brand,
So führten sie's aus mit der eigenen Hand:
Gar bald aus den vollen Eimern im Bogen
Kam rettend der Strahl zum Giebel geflogen.

Die Berghauser Frauen, sie sterben nicht aus,
Drum halten sie fest am jährlichen Schmaus Dieser wird den Berghauser Frauen an dem jährlichen Erinnerungsfest von der Stadt gespendet.
Und zeigen, daß denen sie nachgeraten,
Die einst sich verdienten den »Weiberbraten«.

Der tolle Geiger.

Ich kannt' einen alten Fiedler
Der spielte wunderlich;
Wo er sich ließ erblicken,
Rings alles vor ihm wich.

Wohl schien er den Bogen zu führen
Noch immer gleich gewandt,
Wie aber verstimmt die Saiten,
Das schien ihm nicht bekannt.

Die Menschen schrieen vor Ärger,
Sobald er ihn nur schwang,
Ihm aber rollten die Zähren
Auch bei dem schrillsten Klang.

So kam es, daß er im Volke
Der tolle Geiger hieß,
Und lärmend Kinder ihm folgten,
Wo er sich sehen ließ.

Er aber meinte zu spielen
Die rührendste Melodei,
War doch ihm das Lied geblieben
Von falscher Lieb und Treu'.

Das starke Schloß.

»»Herr Landgraf, Euer Schloß ist hehr,
Man möcht' Euch drum beneiden,
Nur etwas dran vermiss' ich sehr,
Daß es Mauern nicht umkleiden.««

Der Kaiser sprach's zum Fürsten wert,
Der lachte stolz dagegen:
»Herr, eh' der Morgen wiederkehrt,
Sollen Mauern Euch umhegen.«

Und Boten reiten ohne Rast
Zu Grafen und zu Mannen,
Noch lag in Ruh' der hohe Gast,
Als sie rings zu nah'n begannen.

Und dichter stets der Ring sich dehnt
Von Schwertern und von Schilden,
Die Helme scheinen goldgekrönt
Eine Mauerzinn' zu bilden.

Und als der Kaiser früh erwacht,
Drommeten rings erschallen:
Die Haufen stehen wie zur Schlacht,
Und die hohen Banner wallen.

Da sprach der Kaiser hochgemut:
»»Ihr habt das Wort erwahret, –
Wer in so sich'rer Veste ruht,
Die Mauern sich billig sparet.««

Kaiser Heinrichs V. Bekehrung. Lies dazu »Die Glocke von Speyer« in Martin Greifs Gedichten. VI. Auflage.

Zu Goslar auf einsamem Lager
Der junge König ruht,
Vor Sorgen bleich und hager,
Im Auge düstere Glut.

Er hat die Krone gerissen
Von seines Vaters Haupt,
Nun soll er die Treue missen,
An die er selbst nicht geglaubt.

Denn überall gährt's im Reiche,
Die Zwietracht schüret Rom: –
Des Vaters gebannte Leiche
Liegt fern zu Speyer im Dom.

Die ihn erhoben hatten,
Sie wollten ihm Diener nicht sein:
Als eines Herrschers Schatten
Ritt er zu Goslar ein.

Und da er Schlummer nun suchet,
Versammeln sich Wolken dicht,
Als wenn der Himmel ihm fluchet',
Als nahte das Weltgericht;

Dem König lehnt am Bette
Das Schwert mitsamt dem Schild,
Daß er zur Hand sie hätte,
Wenn sich's zu wehren gilt.

Da drohen eilende Blitze,
Da zucket ein Wetterstrahl
Und fährt in des Schwertes Spitze
Und trifft den Schild zumal.

Der König, gestreift von den Flammen,
Liegt lang des Schreckens Raub,
Dann rafft er sich zusammen
Und kniet sich in den Staub

Und faltet beide Hände
Und fleht demütiglich,
Daß sich das Herz ihm wende: –
Von Stund an bessert' er sich.

Die klagenden Königinnen.

Zu Speyer war's im Dome, wo einst das Wunder geschah,
Daß man am gleichen Tage drei römische Könige sah:
Der eine kraftvoll ragend in funkelnder Krone Schein,
Die andern leblos schlafend im aufgeschlagenen Schrein.

Doch auch von Königinnen erschien die gleiche Zahl,
Denn jeden der Gesalbten umgab auch sein Gemahl.
Die eine vor der andern die ärmste Witwe schien,
Und auch der Frauen reichste sah trauernd vor sich hin.

Wer aber waren die Herrscher, versammelt dort zugleich?
Es waren Albrecht und Adolf, die sich gefolgt im Reich.
Im Leben feindlich geschieden, im Tod jedoch vereint,
Und von dem siebenten Heinrich vor allem Volk beweint.

Doch aber auch die Hehren, sie galten für wohlbekannt:
Imagina, bis lange von grimmigem Haß gebannt,
Elisabeth nun selber, an Seele gebrochen und Leib,
Dazu auch Margarete, des thronenden Königs Weib.

Den Rhein heraufgefahren zur offenen Kaisergruft,
Begrüßt vom frommen Geläute aus abendlicher Luft,
Vom Herrscherpaar empfangen im wallenden Trauerstaat,
War mit des Teuren Hülle die Witwe Adolfs genaht.

Zehn Jahre kaum verstrichen noch waren seit dem Tag,
Da dort dem anderen Paare sie flehend zu Füßen lag,
Auf daß dem Besiegten werde die letzte Grabesruh',
Doch ward es ihr verweigert, und sie verwiesen dazu.

Wie aber in ihrer Bedrängnis der Stolzen sie geflucht,
So hatte Gott, der Vergelter, auch diese heimgesucht.
Der seinen Herrn erschlagen und ihm das Scepter entwand,
Er mußte selbst auch fallen von pflichtvergessener Hand.

Den Rhein herabgefahren mit ihm im düsteren Sarg,
Den, seine Schuld zu sühnen, an heiliger Stätte sie barg,
Begrüßt vom frommen Geläute aus abendlicher Luft,
Schritt Albrechts Witwe trauernd zur offenen Königsgruft.

Und als sie sich wiedersahen, die ärmsten Frau'n im Reich,
Da standen sie vor der Bahre und sah'n sich an zugleich.
Doch, als sie um sich schauten, im gleichen Augenblick,
Schon lagen sie sich in den Armen, beweinend ihr Geschick.

Mit fast erstickter Stimme, jedwede zu klagen begann,
Indes aus aller Augen die Zähre des Mitleids rann.
Dem Könige zugewendet, stund sinnend die Königin,
Was mochten ihr für Gedanken wohl ziehen durch den Sinn?

Noch hielten sich jene umschlungen, wie Schwestern durch ihr Leid:
Aus ihren Herzen geschwunden war aller Haß und Neid.
Erst als den einstigen Gegnern sich schloß der Erde Schoß,
Brach, wie aus einem Munde, der Jammer von beiden los.

»Fahr' wohl, den ich erkoren als meines Lebens Stab!
Fahr' wohl, den ich verloren so frühe schon im Grab!
Wär' mir der Trost, im Himmel zu finden dich, verlieh'n,
Ich wollte barfuß und bettelnd die ganze Welt durchzieh'n!«

»»Fahr' wohl, der auserlesen vor allen Helden galt!
Fahr' wohl, der mir gewesen im Sturm der einz'ge Halt!
Mit Nähen und mit Spinnen ich gern mich nähren wollt',
Wenn ich nochmals hienieden dich wiederfinden sollt'!««

So drang es laut zum Gewölbe, ja höher noch hinan,
Und hallte länger wieder, als die Glocken schlugen an,
Doch Heinrichs Anvermählte sah nieder vor sich stumm,
Sie bat, daß erspart ihr bleibe solch schweres Witwentum.

Der neue Alexander.

(Bonaparte in Ägypten.)

»Iskender ist erschienen
Nach langer Tatenruh'!«
So raunen Beduinen
Mit wundergläubigen Mienen
Sich in der Wüste zu.

»Iskender ist erstanden,
Um morgenwärts zu zieh'n!«
Die ihn erschaut beim Landen,
Am Blick sie schon erfanden
Als Sohn Gott Amons ihn.

Und erst, als sie empfunden
Die Macht in seinem Arm!
Was da nicht sank an Wunden,
Nicht tot im Nil verschwunden,
Das floh in wirrem Schwarm.

So fuhr er, scheu gemieden,
Wie ein Phantom daher.
Seit Amons Sohn geschieden,
Sah'n dort die Pyramiden
Nicht solchen Helden mehr.

Hermen.

Themistokles in Olympia.

Themistokles, der Held von Salamis,
Als er vom Perserjoch sein Volk befreit
Und an Olympias geweihtem Sitz
Zum ersten Male nach vertobtem Krieg
Den heil'gen Spielen wieder zugeschaut,
Die stolzer Griechenland noch nie beging:
Erkannt von allen Gästen saß er da,
Und kein hellenisch Auge wandte sich
Den ganzen Tag hindurch von ihm hinweg
Den heißen Kämpfern in der Ringbahn zu,
So rühmlich um den Kranz auch jeder stritt.
Nur ihn als Sieger staunten rings sie an,
Denn Aller Beifall stieg zu ihm empor.
Er aber nahm ihn wohlgefällig auf
Und sprach vernehmbar laut das fromme Wort:
»Die Götter schenkten heut' als Ernte mir
Die Frucht der schweren Arbeit, die ich tat.«

Tod des Perikles.

Auf seinem Sterbebett lag Perikles,
Und das Bewußtsein schien ihm schon entfloh'n.
Die Freunde, die ihm übrig waren noch,
Umstanden ihn und sprachen unter sich,
Die Größe rühmend seiner Tugenden
Und seiner einst fast unbeschränkten Macht.
Bewegt auch zählten sie die Taten auf,
Die er vollbracht, wie jedes Siegesmal,
Das er Athen zu ew'gem Ruhm erschuf.
Doch er, im Scheiden noch, verstand sie wohl
Und plötzlich auch ergriff er selbst das Wort:
»Ich wundre mich, daß ihr an mir gelobt,
Was nur das wandelbare Glück verleiht,
Und was mit manchem andern ich geteilt,
Dagegen ihr verschwiegen unbedacht,
Was mich bedünkt allein des Neides wert:
Daß meinetwegen nie ein Bürger je,
Zum Tod verfolgt, in Trauer sich gehüllt.«

Buddha und das Pariamädchen.

Seine Lehre auszubreiten
Brüderlicher Nächstenliebe,
Zog, die Jünger im Gefolge,
Durch die Länder hin am Ganges
Buddha im bestaubten Kleide.
Einst auch so auf weiter Wandrung
Kam vorbei er einem Brunnen,
Wo ein dunkles Pariamädchen
Wasser schöpfend schweigsam weilte.
Ihr am Wege nahte Buddha,
Einen Trunk sich zu erbitten;
Sie jedoch in ihrer Demut,
Die den Fremdling nicht erkannte,
Und sich wußte tief verachtet,
Wies ihn ab erschrocknen Herzens:
»Eine Paria bin ich, nimmer
Darf ich jemals dich berühren.«
Doch nun mahnte Buddha dringend:
»Meine Schwester, nicht befragen
Wollt' ich dich nach deiner Herkunft,
Noch von welchem Stand du seiest.
Nein, ich wollte, da mich dürstet,
Einen Trunk mir nur erbitten.«
Dies vernehmend, hob die Scheue
Ihm mit beiden Händen knieend
Rasch den vollen Krug entgegen.
Buddha trank und dankte lächelnd.
»Ohne Lehre, aus dem Herzen
Tust du alles, wie ich sehe.«
Doch sich zu den Jüngern wendend,
Fuhr er fort mit ernster Miene:
»Die so sichtbar reinen Wandels,
Hat bekannt sich als Verworf'ne;
Daher dürfen wir sie sicher
Zu den Auserwählten zählen,
Denen alles Heil erschlossen.«

Indianertod.

Armem Mohawk wird nicht bang,
Wenn ihr ihm den Skalp durchschneidet,
Singt, so lang er Qualen leidet,
Seinen wilden Sterbgesang.

Singt dem grimmen Feind ins Ohr,
Der an seiner Qual sich weidet,
Bis er grausentstellt verscheidet
Und zum Lichte schwebt empor.

Leu zugleich und duldend Lamm,
Von den Würgern selbst beneidet,
Schwebt er, glorienumkleidet,
Heldenschön vor seinem Stamm.

Der Ungarn Schatz.

Aus Preßburgs thronendem Schlosse
Gepanzerte Reiter zieh'n:
Balassa führet die Krone
Des heiligen Stephan nach Wien.

In eiligem Zuge winden
Sich Wagen und Rosse zum Strand,
Trübt gleich kein Wölklein den Himmel,
Der über Ungarn sich spannt.

Balassa, was hast du so Eile?
Balassa, was ist dir geschehn?
Du blickest umher so ängstlich,
Als sähest ein Wetter du stehn!

Wohl, als nun die fliegende Brücke
Das scheidende Kleinod trägt,
Da plötzlich aus blauem Himmel
Ein Blitz in die Donau schlägt –

Und rollend folgt ihm der Donner
Und rufet weit in das Land,
Daß die heilige Krone von Ungarn,
Daß die Stephanskrone verschwand.

Petöfi.

Wo seines Grabes Stelle,
Erkundet keiner mehr,
Doch seines Ruhmes Helle
Sie leuchtet weit umher.

In seiner Lieder Worten
Der teure Held erstand,
Zu leben allerorten
Im freien Vaterland.

José Roumanille.

José Roumanille, heilig
Der Provence als ihr Dichter,
Schliff nach meisterlichem Muster,
Kaum der Schule noch entwachsen,
Verse in der Sprache Frankreichs;
Und es glückte ihm so trefflich;
Daß ihn alle Wohlverständ'gen
Drob mit reichem Lob bedachten.
Als zuletzt auch seine Mutter
Von des Sohnes Kunst vernommen,
Wollte sie in ihrem Stolze
Selbst auch seinen Versen lauschen,
Und er säumte nicht, ihr treulich
Wort für Wort sie vorzusprechen.
Doch, so achtsam sie auch horchte,
Konnte sie davon nichts fassen.
Da geriet er auf den Einfall,
In die Sprache seiner Kindheit,
In sein trautes Provençalisch
Sein Gedicht zu übertragen,
Das der Mutter, als sie's hörte,
Ihr in jedem Laut erschlossen,
So zu Herzen drang im Fluge,
Daß die Augen naß ihr wurden.
Aber José Roumanille
Nahm dies für ein Zeichen Gottes,
Ihm erteilt zu seiner Lehre;
Und die Sprache seiner Heimat,
Der Provence alte Sprache,
Fand in ihm den ersten Dichter,
Der sie hob zu neuer Blüte.

Heinrich Heines letzter Ausgang.

Als er zum letzten Male,
Schon krank, zum Louvre kam,
Den Weg er hin zum Saale
Der Venus von Milo nahm.

Und als er stillte sein Sehnen
Nach ihrer Schönheit Licht,
Da rannen ihm die Tränen
Vom blassen Angesicht.

Die Göttin seines Lebens,
Er sah sie vor sich stehn,
Doch war sein Traum vergebens,
Getröstet von ihr zu gehn.

Der französische Reitersmann.

Waterloo.

Sprengt ein Franke aus der Schlacht
Über Feld und Heide,
Sprengt entlang in Pulvernacht
Eine grüne Weide.

Ließe auf der Weide gern
Seinen Rappen grasen,
Doch er hört schon wieder fern
Deutsche Hörner blasen.

Blumen duften viel zur Stell',
Schlaf möcht' ihn beschleichen,
Doch im Rücken klingen hell
Deutsche Hörnerzeichen.

Winkt ihm nah' ein schönes Weib
An des Baches Wellen,
Ruft ihm zu: »O bleib, o bleib!«
Doch die Hörner gellen.

Tummeln viele Rosse da,
Möcht' sich eins erreiten,
Doch die Hörner rufen nah,
Nah von allen Seiten.

Fällt von Traumesfreuden so
Stets in andre Schrecken,
Bis ihn weit von Waterloo
Fremde Laute wecken.

Sieht im deutschen Lazarett
Sorgsam sich verbunden;
Feinde stehen um sein Bett,
Kühlen seine Wunden.

Der alte Burenfreund.

Der Alte vom Edlbacherhof
War im Hinübergehn;
Ihn hatte von Karneid daher
Just der Kurat versehn,
Dem Sterbenden den letzten Trost
Im Wintersturm gebracht;
Kein andrer hätte wohl so leicht
Den Gang hinauf gemacht.

Doch als vom Heimweg hinter ihm
Schon lag das schwerste Stück,
Rief, nachgesprungen, ihn ein Bub'
Durch Nacht und Schnee zurück.
Der Priester dachte anders nicht,
Als daß der Bauer tot,
Und kehrte wieder nach dem Hof,
Wie seine Pflicht gebot.

Den er verschieden wähnte, blickt,
Der Greis ihn bittend an:
»Noch eine Frage hätt' ich gern
Geschwind an Euch getan:
Möcht wissen, wie's in Afrika
Jetzt mit den Buren steht,
Und ob halt keine Hoffnung wär',
Daß alles recht noch geht?«

Die Bergmannstochter.

Des Bergmanns Tochter im Kämmerlein
Sitzt einsam und spinnt beim Lampenschein;
Wohl manchmal hält sie inne,
Den fernen Schatz im Sinne,
Und denkt voll Sehnsucht sich dabei,
Wie lang es noch zur Hochzeit sei.

Wie so die Tage sie wiederzählt
Und heimliche Ungeduld sie quält,
Mehrt sich in gleicher Weile
Der Schnee in droh'nder Eile,
Und wirr sich kreuzend mehr und mehr,
Stürmt dicht heran der Flocken Heer.

Sie richtet sich auf, um auszuschaun,
Da faßt sie im Herzen jäh ein Grau'n:
Die Tannen vor dem Fenster
Sehn weiß wie Grabgespenster.
Schon mannshoch liegt im Wald der Schnee
Und wächst hinan zur Riesenhöh'.

Gemach sie Ruhe wieder gewinnt
Und fort am schnurrenden Rädchen spinnt,
Bis sich die Uhr tut regen
Mit zwölf gemess'nen Schlägen –
Jetzt macht sie auf ihr Bibelbuch,
Zu wählen einen frommen Spruch.

Ihr Blick auf den Vers Sankt Lucae fällt:
»Die eingegangen in jene Welt,
Wann sie, vom Herrn entboten,
Erstehen von den Toten,
Sie werden dort nicht mehr gefreit« –
Da sinnt sie eine lange Zeit.

Jetzt wird sie gewahr den Hochzeitskranz,
Und angelächelt von seinem Glanz,
Läßt sie ihr Herz berücken,
Sich just damit zu schmücken;
Schon rührt sie an das seidne Band,
Doch rasch entsinkt es ihrer Hand:

Ein Mond nicht ganz noch vergangen war
Seit sie hier stand an des Vaters Bahr'!
Wie wollte sie es wagen,
Den Brautschmuck schon zu tragen?
Wenn er's dort oben angesehn,
Wie wird vor ihm sein Kind bestehn!

Sie schickt einen fleh'nden Blick hinauf,
Dann aber sucht sie das Lager auf,
Von neuem tief erschrocken
Vom tollen Flug der Flocken,
Die wirbeln nieder ohne Ruh'
Und decken alles spurlos zu.

Nur zag verlöscht sie der Lampe Schein
Und tritt in das stille Kämmerlein.
Zu Mut wird ihr so eigen,
Als sollt' zu Grab sie steigen:
Verlassen in der öden Nacht,
Empfiehlt sie sich in Gottes Macht.

– – – – – – – –
– – – – – – – –
Die Sonne brachte den Tag herauf
Und weckte im Bergdorf alle auf,
Doch Eine wach zu bringen,
Konnt' ihr nicht mehr gelingen:
Die Jungfrau war's, die eingeschneit
Entgegenschlief der Ewigkeit.

Der Wildschütz.

I.

Das war der Jäger von Lenggries,
Den man den wilden Franzl hieß,
Denn weit umher im Oberland
Kein toll'rer Bursche war bekannt:
So breit der Bach, so steil das Joch,
Der Jägerfranzl zwang sie doch,
Mit Burschen froh, mit Dirnen keck,
Des Holzdiebs und des Wildrers Schreck.
Jedoch in Einem war er mild:
Sein treues Herz war ganz erfüllt
Von seinem trauten Mütterlein,
Das mit ihm hauste im Verein.
Sie lebten manches Jahr schon so
In Armut, doch bescheiden froh.
Wenn er, gestiegen in das Kar
Den höchsten Wänden nahe war,
Und nach dem Tal dort sah hinaus,
Sucht' er im Dorf der Mutter Haus
Und sandte mit dem scharfen Blick
Den Jubelschrei dahin zurück.
Sie aber strahlte allemal,
Wann mit dem späten Abendstrahl
Er heim aus seinen Bergen kam
Und traut sie bei den Händen nahm.
Doch oft auch schlug das Herz ihr bang,
Blieb einmal aus er allzulang:
Wenn er der Gemse gar zu weit
Auf Klippen folgte, dicht beschneit,
Und er dort einen Fehltritt tat,
Der fort ihn riß vom steilen Grat!
Voll Angst bedeckt sie ihr Gesicht
Und lang die Ruhe ihr gebricht.
So quälte sie sich fern um ihn,
Bis er mit frischem Blick erschien.
Auch heute tritt sie hin zur Uhr:
Wo mag er draußen bleiben nur?
Mit inner'm Beben denkt sie sein,
Er fehlt, und Nacht schon bricht herein.
Und plötzlich ihr im Geist erwacht
Der Traum aus der vergangnen Nacht:
Sie sah zu ihrer größten Not
Mit an des lieben Knaben Tod.
Wo üb er's Joch durch finst'ren Tann
Des Weges zieht der Wandersmann,
Traf ihn, der arglos schritt vorbei,
Aus feigem Hinterhalt das Blei. –
Wie sie noch sinnend vor sich schaut,
Wird es im Dorf auf einmal laut.
Sie horcht mit hingeneigtem Ohr:
Sie bringen ihn, so kommt's ihr vor.
Vom Fenster wankt sie nach der Tür
Und tritt mit schwankem Schritt herfür.
Jetzt taumelt sie entsetzt zurück,
Die Welt vergeht ihr vor dem Blick,
Sie sinkt mit leisem Klageton
Ins Knie vor ihrem toten Sohn.
Da, wie der Ruf der Menge schwillt,
Die auf den blut'gen Mörder schilt,
Noch ehe ihr die Träne rann,
Und vor dem Kreuz sie Trost gewann,
Verflucht sie den, der vorbedacht
Sie um ihr Mutterglück gebracht:
»Verflucht sei, feiger Mörder, du!
Das Grab selbst weig're dir die Ruh'!«

II.

Die Mutter kam vom Grab zurück,
In das voll Gram gestarrt ihr Blick;
Von Tränen matt und sterbenskrank,
Sie auf das Lager niedersank,
Und lange Zeit besinnungslos
Schien irre sie zu reden blos,
Kaum aber konnte sie noch stehn,
Verlangte sie das Grab zu sehn.
Mühselig schleppte sie sich hin,
Gestützt auf die Gevatterin.
Die Sonne neigte sich bereits,
Als sie noch lehnte dort am Kreuz.
Dem Aug' die Träne still entfloß,
Der Mund der Klage sich verschloß:
Sie hatte ihn des Himmels Macht
Empfohlen, ihr, die richtend wacht.
Spät trat sie wieder aus dem Tor,
Durch ihr Gebet gestärkt, hervor,
Da schwenkte einer keck heran –
Doch sie erblickend, hielt er an,
Und wie sie ihn tat mustern scharf,
Den Blick er scheu zu Boden warf,
Die Wange ihm, wie ihr, verblich –
So standen sie genüber sich:
Der Bursche, hager von Gestalt,
Der gleich schon als der Täter galt,
Und sie, der es im Herzen klar,
Daß er des Sohnes Mörder war.
Doch was ihr aufstieg im Gemüt,
Sie ihm durch keinen Laut verriet.
Sie schwieg auch, da er zu ihr sprach,
Nur sah sie ihm noch lange nach,
Wie er, das bärt'ge Haupt gesenkt,
Zum Walde hin den Schritt gelenkt:
»Geh' deinen Weg nur immer zu,
Du neidest noch des Toten Ruh'!«

III.

Noch immer wollte das Gerücht
Im ganzen Dorf verstummen nicht,
Wie es einmütig gleich entstand,
Als man den toten Jäger fand:
Der lange Flößerbartl war
Im Dorf bekannt schon manches Jahr
Als keckster Wildrer weit und breit,
Der nie des Försters Zorn gescheut.
Den Jägerfranz nur mied er gern,
Und wich ihm grollend aus von fern,
Er hatte jüngst im Rausch gedroht:
Es gälte noch des andern Tod.
So war Verdacht genug erweckt,
Die Schuld jedoch blieb unentdeckt.
Jetzt aber lief von Haus zu Haus,
Was durch die Alte drang hinaus,
An deren Arm die Mutter hing,
Als spät sie heim vom Kirchhof ging.
Doch was dem Mutterherzen kund,
Verraten hat es nicht ihr Mund,
Und also kam es, daß er nicht
Verfiel dem irdischen Gericht.
Doch vom Gewissen angeklagt,
Das wie ein Wurm an ihm genagt,
Floh er die Menschen um sich her
Und unstet ward er mehr und mehr.
Oft blieb er ganze Tage aus
Und kam in später Nacht nach Haus.
Doch was er im Gebirge trieb,
Für alle gleich verborgen blieb:
Die meinten, daß er wild're dort,
Und die, es jag' ihn Unruh' fort.
So wunderten sich wen'ge nur,
Als er verschwunden ohne Spur.
Es gingen Wochen, Monde hin,
Das Volk schlug sich ihn aus dem Sinn;
Schon war verflossen manches Jahr,
Verschollen schien er ganz und gar.
Da stieß ein Gaisbub im Gestrüpp
Beim Hüten auf sein nackt' Geripp.
Dort, wo das wilde Bergrevier
Karwendels unersteiglich schier,
Wo einsam nur der Adler haust
Am Felsenhorn, vom Föhn umsaust,
Lag er zerschmettert im Gestein.
Gebleicht war längst schon sein Gebein;
Nur weil man auch den Stutzen fand,
Ward der Verscholl'ne gleich erkannt.
Ob er beim Steigen abgestürzt,
Ob er sein Leben selbst gekürzt,
Nahm als Geheimnis er ins Grab
Mit sich und seiner Schuld hinab.
Zum Kirchhof in derselben Nacht
In aller Stille hinverbracht,
Ward er bestattet fern dem Tor,
Wo wild das Unkraut schießt empor.
Doch kurze Zeit er dort nur schlief,
Als durch das Dorf die Kunde lief,
Daß sein Gerippe nahebei
Im Beinhaus zu erblicken sei;
Und als die Menge drängte hin,
Lag's ausgestreckt im Moder drinn'.
Wie es geraten an den Ort,
Darüber stritt man lange fort.
Doch kaum lag wieder Erde drauf,
Stieg's ruhelos von neuem auf,
Und bald genug zum drittenmal
Es aus dem Grab ans Licht sich stahl.
So blieb's im Beinhaus denn zuletzt
Zu aller Grausen beigesetzt.

IV.

Es häufte Jahr auf Jahr die Zeit. –
Ob neuer Freude, neuem Leid
Entschwand im Dorfe jung und alt
Das düst're Abenteuer bald.
Was erst sie furchtsam angeschaut,
Ward ihnen allgemach vertraut.
Dann mengte sich der Spott darein,
Und sonder Scheu ward das Gebein
Nur noch der Klapperhans genannt,
Im Kirchspiel jedem Kind bekannt.
Doch keiner dachte mehr dabei,
Welch' Rätsel hier im Spiele sei,
Sie ausgenommen nur allein,
Der stets sein Anblick weckte Pein,
Drum sie sich immer wandte ab,
Stand sie an ihres Sohnes Grab.
Doch ging es gleich ihr heimlich nach,
Vor andern nie davon sie sprach,
Zog ja auch nur an ihrem Blick
Allein vorüber ihr Geschick. –
Einst hatte in der Kunkelstub'
So manche Dirn' und mancher Bub'
Sich zum Heimgarten eingestellt
Traut unter sich am Herd gesellt.
Die Häuslerin am Fenster spann,
Da draußen schon die Nacht begann.
Noch eine auch zugegen war,
Ein Mütterlein mit weißem Haar,
Das träumend hinter'm Ofen saß
Und alles um sich her vergaß. –
Zuerst erscholl manch' Lied im Kreis,
Darauf nach altgewohnter Weis'
Erzählten sie sich mancherlei
Von Geisterspuk und Zauberei.
Bei solchen Mären wundersam
Aufs Fürchten auch die Rede kam.
Da schaute eine frische Dirn'
Die Burschen an mit kecker Stirn
Und warf die leichte Rede hin,
Ihr wohne keine Furcht im Sinn:
Vom Beinhaus her, so wie sie sei,
Hol' sie den Klapperhans herbei!
Die Lust'gen nahmen sie beim Wort,
Und ihr Gelächter währte fort,
Als sie schon eilte aus dem Haus
Zum Kirchhof in die Nacht hinaus,
Denn allen schien es ausgemacht,
Daß sie sich einen Scherz erdacht.
Da, ehe man noch glaubte dran,
Kam sie mit dem Geripp' heran.
Jetzt schwiegen, die zuvor gehöhnt,
Der Spott war ihnen abgewöhnt,
Und als die nächsten sich gefaßt,
Verwünschten sie den stummen Gast.
Gelassen an den alten Ort
Trug das Gebein die Mut'ge fort.
Laut priesen sie die tapfre Magd,
Die sich bewährt so unverzagt,
Und harrten ihrer Wiederkehr.
Da kam Geräusch vom Flure her,
Die Tür ging auf und – das Gebein
Schob langsam, klappernd sich herein,
Und starr vor Schrecken alles sah
Den bleichen Fremdling wieder da.
Zum ersten Male trug man ihn,
Nun fand den Weg er selber hin.
Die Dirnen drängten sich ins Eck,
Die Bursche standen bleich vor Schreck.
Das kühne Moidl kehrte jetzt
Und blickte nieder schier entsetzt
Auf ihn, den her sie sorglos trug;
Erbebend schnell ein Kreuz sie schlug.
Nun brach ein wirres Toben aus:
Die Mädchen kreischten voller Graus,
Laut scheltend drohte manch' Gesell
Der blassen Törin auf der Schwell',
Die schuld an all' dem Unheil war,
Und ratlos schien die ganze Schar:
»Wie endet's noch? Was mag geschehn!
Laßt eilig uns zum Pfarrer gehn!«
Den Ruf die Greisin auch vernahm;
Gebückt und müd' heran sie kam.
Da sie herzutrat, allsobald
War auch der wüste Lärm verhallt,
Und schweigend voll Erwartung sah'n
Des Jägers Mutter alle nah'n.
Als diese das Geripp' erschaut,
Es ihr im tiefsten Herzen graut:
Des Sohnes Mörder ist's fürwahr,
Den sie verflucht vor manchem Jahr.
Und auf's Gewissen fällt's ihr schwer:
»Dein Fluch hat ihn gebannt hieher!«
Erweicht dem Toten sie verzeiht
Ihr langes bitt'res Herzeleid.
Sie kniet sich nieder zum Gebet
Und fromm ihm ew'ge Ruh' erfleht –
Das Amen sprachen alle nach,
Und eh' noch an der Morgen brach,
Bedeckte ihn, der friedlos war,
Der Erde Schoß für immerdar.

Die Brautkrone.

I.

Verlassen eine Kirche steht am öden Nordseestrand;
Das Dorf, das einst zu ihr gehört, begrub schon längst der Sand.
Sie aber und ihr grauer Turm seh'n noch ins Meer hinaus,
Und an den Friedhof lehnt sich fromm das stille Predigerhaus.

Wohl zählt die Pfarre lange schon der Seelen nicht mehr viel,
Doch Sonntags, wann die Glocke lädt, naht sich noch mancher Kiel.
Der Fischer seinem Boot entsteigt zugleich mit Weib und Kind,
Wie alle von den Inseln rings herangesteuert sind.

Kaum aber schweigt der Orgel Ton, herrscht Ruhe wieder dort,
Der Brandung Stimme dringt allein zur Düne fort und fort.
Nur wenn ein Paar zur Kirche fährt nach altem Väterbrauch,
Und wenn zu Grab ein Müder geht, belebt der Strand sich auch.

II.

Die See rollt ihre Wogen her
Zum Strand, der einsam ruht,
Kein Segel läßt sich sehen mehr,
So weit sich dehnt die Flut.

Daheim sind wieder, die geschart
Vernahmen Gottes Wort,
Um weiter auf der Lebensfahrt
Daran zu zehren fort.

Doch der es laut verkündet', steht
Allein am öden Meer:
Der Abendwind in Flocken weht
Den Wogenschaum daher.

Der Salzflut Atmen spürt er nicht,
Hört nicht der Möve Schrei,
Denn seines Amtes ernste Pflicht
Läßt ihn auch hier nicht frei.

Und wär' es nur die Pflicht allein,
Die ihn so dringend mahnt!
Ihn martert noch in dumpfer Pein
Ein Unheil, das er ahnt.

Schon in der Kirche stieg ihm auf
Was ihn so schwer bedrückt,
Als sei es durch des Schicksals Lauf
Ihm fühlbar nah' gerückt.

Die Furcht, bis zu gespenst'gem Graus
Wächst sie in ihm empor,
Es drohe seinem Gotteshaus
Ein Schlag, wie nie zuvor. –

Doch, wie wenn ihm die Angst genaht
Nur um die junge Braut,
Die heute hier im Feierstaat
Besorgt sein Blick geschaut!

Im Geist stellt sich ihr Bild ihm dar:
Treibt sie kein frevelnd Spiel?
Nahm er doch manches an ihr wahr,
Was ihm nicht wohlgefiel.

Kein Zweifel, daß sie allzu leicht
Sich hin dem Scherze gibt,
Und jedem gern die Rechte reicht,
Nicht dem nur, den sie liebt.

Ist wert sie drum der Krone auch,
Die in der Kirche hier
Verwahrt wird nach vererbtem Brauch
Als reiner Jungfrau Zier?

Wohl sah er sie nur selten noch,
Als Hirte neu im Amt;
Wie leicht könnt' es geschehen doch,
Daß Schein sie falsch verdammt!

Auch hat, der ihr die Hand versprach,
Ihr nichts seither verdacht –
Soll ihr ein andrer reden nach,
Was ihn nicht irr' gemacht?

Und sollte in Verruf wohl gar
Der Priester bringen sie?
Er könnte solche Schuld fürwahr
Sich selbst vergeben nie!

Doch wenn es ihm nicht mehr gefällt,
Wer wär's, der daran dächt',
Daß sich der alte Brauch erhält
Im Anseh'n ungeschwächt?

Die Krone in ehrwürd'gem Schein
Ersteht vor seinem Blick,
Als müßte herrschend sie auch sein
Ob dieser Braut Geschick.

Daß ihr ein Segen innewohnt,
Bezeugt ihr alter Ruf,
Der daran, daß sie Tugend lohnt,
Im Volk den Glauben schuf.

So kämpft Erbarmen in der Brust
Mit der gelobten Pflicht,
Bis seiner Würde sich bewußt,
Er zuversichtlich spricht:

»Die Krone wird ihr nur zu teil,
Wenn sie, zuvor belehrt,
Mir schwört bei ihrer Seele Heil,
Daß sie des Preises wert!«

III.

Indessen so der Prediger mit seinem Innern rang,
War er schon weit geschritten den Dünenstrand entlang,
Viel weiter, als er früher gewandert je einmal:
Schräg übers Meer hin sandte die Sonne ihren späten Strahl.

Da, während er noch folgte der öden Küste Lauf,
Sah nah' den Rauch er steigen von einer Hütte auf;
Umgrünt vom Dünenhalme, lag sie zur Bucht gewandt,
Und um sie hingen blinkend die Fischernetze ausgespannt.

Jetzt stand er auf der Heide, die träumte ruhevoll,
Nur dumpf drang ans Gestade der Brandung fern Geroll.
Gesichert vor den Fluten erhob die Hütte sich,
Doch auch geneigt zur Welle, die schäumend dort das Boot umstrich.

Kaum lag sie ihm vor Augen, als Stimmen er vernahm:
Mit Weib und Kind der Fischer ihm traut entgegenkam.
Nach dargebrachtem Gruße sie luden ihn zu Gast:
Er wolle sich vergönnen so spät doch eine kurze Rast.

Schon pflogen sie der Rede auf naher Ruhebank,
Da sah er hin zum Fenster, das glänzte spiegelblank,
Und farbenreich im Prangen stund wohlgepflegt davor
In glitzernd reinen Töpfen der sommerliche Blumenflor.

Ein Topf erschien darunter, der funkelte so licht,
Wie er sich eines gleichen entsinnen konnte nicht.
Er frug, zum Paar gewendet: »Was blinkt so hell dort her?
Das Ding, das sprüht ja Flammen, als wenn's die Sonne selber wär'!«

Da sahen sich verwundert die beiden Gatten an;
Sie staunten ob der Frage, die keiner noch getan.
Die Frau lief hin zum Fenster und trug den Topf herbei:
Jetzt konnt' er nimmer zweifeln, daß er von laut'rem Golde sei.

Er wog ihn mit den Händen, umspannend ihn zugleich:
»Ein solches Kleinod,« rief er, »macht den Besitzer reich!«
Da blickten, wie verlegen, die biedern Leute drein;
Sie ließen sich nicht träumen, daß hohen Wert's er könnte sein.

»Es ist ein altes Strandgut, das einst ein Ahn gewann,
Drum niemand seinen Erben es mehr bestreiten kann.
So lang zurück wir denken, es mit zum Haus gehört,
Gott sei davor, daß jemals uns Gier nach eitlem Gold betört!«

Der Gast sann nach der Rede, so schlicht sie vorgebracht;
Gern hätt' er drauf erwidert, doch zog's ihn heim vor Nacht.
Da, aus der Tür getreten, die leis sich aufgetan,
Sah er im Silberhaare den frommen Ältervater nah'n.

Verstanden hatte dieser, was draußen sich begab.
So trieb es ihn, zu legen selbst auch sein Zeugnis ab.
Er nahm den Topf und hob ihn zum abendlichen Strahl,
Der schien ihn zu verwandeln in einen leuchtenden Pokal.

Nun wies er auf die Runen, wie sie um seinen Rand
In wirrer Schrift sich zogen, die niemand mehr verstand,
Und ließ dabei erklingen die goldne Wandung hohl:
»Wenn der da reden könnte, zu künden hätt' er vieles wohl!«

Er schwieg und stand versunken, als sinn' er Fernem nach,
Bis er, wie jäherwachend, das tiefe Schweigen brach:
»Wohlan, seid Ihr begierig, von mir zu hören mehr,
So will ich Euch vermelden, von wo er stammt erbeutet her.

»Es war in alten Tagen, wie manche Mär' enthüllt,
Da sah von Räuberschiffen man rings die See erfüllt.
Die längs der Küste wohnten, erlagen grimmer Wut,
Bis durch Gewalt gesäubert von diesen Gästen ward die Flut.

»Einst zeigte sich da draußen ein solch' Piratenschiff,
Und alle, die es sahen, die gleiche Furcht ergriff,
Doch lief es nicht, zu heeren, wie früher, in die Bucht:
Zu and'rem Anschlag hatte der Wikinger sie ausgesucht.

»Er wollte nächtiger Weile und nur vom Mond erschaut,
Hier heimlich Hochzeit halten mit der entführten Braut.
Voll Hast strich er die Segel, da die Gefahr ihm kund,
Und ließ eilfertig fallen den Anker in den Meeresgrund.

»Nun ward es laut am Borde, das Freudenmahl begann,
Das alles Volk vereinte bis auf den letzten Mann.
Ein sinnbetäubend Zechen beschloß den üppigen Schmaus –
Bald tobte das Gelage in einen wüsten Taumel aus.

»Der Jungfrau saß zur Seite gebietend der Pirat.
Trotz seiner Macht vergeblich er um ein Lächeln bat,
Und da in sie zu dringen, ihm deucht' unmöglich schier,
Ließ er den Becher füllen, zu leeren ihn allein mit ihr.

»Sie hob ihn an die Lippen, als nippe sie daran,
Doch daß sie ihn nur täusche, er sah es wohl ihr an.
Da trieb er sie, zu reichen das Trinkhorn rings herum;
Sie tat nach seinem Willen, doch blieb dabei sie völlig stumm.

»Jetzt schwoll zu heißem Zorne sein tiefverletzter Stolz,
Er frug nichts nach der Träne, die ihr im Auge schmolz,
Und hieß sie mit ihm tauschen den goldnen Fingerring,
Doch sollt' er's nicht erleben, daß sie den Seinigen empfing.

»Es hatte sich im Dämmer der matten Sternennacht
Verstohlen und verwegen ein Schiff herangemacht.
Mit jedem Ruderschlage wuchs seine Eile mehr:
Der Schwester Schmach zu tilgen, die Brüder drangen mächtig her.

»Ihr Steuer stand gerichtet schon längst nach diesem Ziel.
Nicht ahnten die Verfolgten, daß Unheil sie befiel:
Vom Trinken überwältigt, lag mancher hingestreckt,
Da fuhren an die Kämpen, die unsanft sie gar bald erweckt!

»Sie warfen die Enterhaken und stürmten über Bord;
Mit scharfen Schwerterstreichen hub an der wilde Mord,
Bis vom Verdecke nieder das Blut in Bächen rann,
Gar mancher im Verscheiden noch eine Wunde mehr gewann.

»Der Hauptmann, grimmig fechtend, am längsten widerstund;
Erst als er festgebunden, verzog er seinen Mund:
»»Den Ring an meinem Finger hat diese mir geschenkt!««
Er ward am Mast erhangen, die Jungfrau ward im Meer ertränkt.

»Kaum aber war geschehen die blinde Rachetat,
Als hinter schwarze Wolken der Mond am Himmel trat:
Nach banger Totenstille brach los der Wettersturm
Und peitschte auf die Wogen, so hoch wie einer Kirche Turm.

»Unheimlich fuhr die Lohe aus schwarzer Wolken Sitz,
Der Donner furchtbar rollte, es flammte Blitz auf Blitz;
Da krachte in den Planken der beiden Schiffe Bau,
Und mit der Ankerkette zugleich auch riß das letzte Tau.

»Entmastet preisgegeben der wilden Wogen Schwall,
Ihr Rumpf ward hingeschleudert wie ein geschnellter Ball.
Die Brandung warf das eine dort auf die nahe Bank,
Vom Donnerkeil getroffen, das andre ohne Spur versank. –

»Die Springflut hatte einstens die See tief aufgewühlt
Und manches von der Beute zum Strande hergespült,
Und da es angetrieben als herrenloses Gut,
Verlosten es die Fischer; der Becher kam in unsre Hut.

»Das Trinkhorn, das im Sande sie aufgelesen hier,
Sie schenkten es der Kirche zu einer Krone Zier:
Ihr werdet das Geschmeide im Schmuck der Perlen seh'n,
Wenn morgen die Verlobte mit ihr am Traualtar wird stehn.«

Der Priester fuhr zusammen, so traf ihn dieses Wort,
Nach einem stummen Gruße zog er zum Strande fort.
Ein Zweifel im Gemüte war plötzlich ihm erwacht,
Als ahnt' er dieser Krone verhängnisvolle Macht.

IV.

Der Prediger war heimgekehrt vom finstern Meeresstrand,
Doch wie er auch den Schlaf gesucht, sein Herz nicht Ruhe fand:
Die allzuschnell gerichtet ward, steht da vor seinem Blick,
Und immer wieder jammert ihn ihr unverdient' Geschick.

Wohl schweifen die Gedanken auch ihm nach der jungen Braut,
Die morgen hier dem Bräutigam durch ihn wird angetraut:
Er sieht, wie sich am Hochzeitstag ihr Aug' mit Tränen füllt,
Wenn er den Eid ihr auferlegt, der sie vor ihm enthüllt.

So sinnt er weiter und vergißt den Schlag der Mitternacht,
Wie ihm entschwindet, ob er träumt, ob in Gedanken wacht.
Da schlägt es an den Laden jäh, so dröhnend wie ein Schuß:
Zwei drängen zu der Tür herein, die selbst er öffnen muß.

Zur Kirche hin weist stumm ihr Wink, dem er nicht widerspricht,
Doch erst nach wiederholtem Droh'n folgt ihrer Spur er dicht.
Des Chores Fenster hell erglänzt, als füll' ihn Kerzenschein,
Verworren her zur Pforte dringt ein Murmeln auf ihn ein.

Ein fremdes Volk, gelandet kühn, in Waffen steht es dicht,
Vergebens sucht er im Gewühl ein ihm gewohnt Gesicht.
Auch klingt die Sprache, die er hört, ihm völlig unbekannt –
Bestürzung faßt ihn, und er flieht, dem Altar zugewandt.

Doch eh' er dort sich sammeln kann zu brünstigem Gebet,
Gebietend der verwegene Seekönig vor ihm steht:
Das Tosen, das sich da erhebt, es gleicht der Brandung schier,
Und plötzlich wird ihm grausig klar, was ihn erwartet hier.

Herangeführt in Fesseln kniet vor ihm ein bleiches Paar;
Dem Bräutigam das Schwert gebricht, der Braut die Myrth' im Haar.
Wirft trotzig er das Haupt empor, hält sie den Blick gesenkt,
Wie wenn nach einer andern Welt sie schon den Sinn gelenkt.

Und was vollbringen jene dort, das ihm den Atem nimmt?
Ein Grab wird wühlend aufgetan, ein Grab für zwei bestimmt!
Weh' ihm, läßt ohne Widerstand er frevlen Mord geschehn!
Zum Kreuz hin sendet er den Blick, sich Stärke zu erflehn.

Und schon erfüllt ihn auch das Wort, das tilgen allen Groll
Und, die verfolgt vom eigenen Stamm, vom Tod erretten soll –
Da fordern die Bedränger laut ihm ab den Sündenschwur,
Geheim zu halten, was allein er melden könnte nur.

Entblößte Schwerter ihn bedrohn, er hört manch' wilden Fluch,
Doch unerschüttert blickt er hin aufs offene Bibelbuch:
Ist es für ihn als Priester nicht am Heiligsten Verrat,
Wenn er sein Leben sich erkauft durch eine Missetat?

Schon auch durchdringt ihn der Entschluß, zu weigern diesen Eid,
Da steht der Wiking neben ihm im blanken Eisenkleid;
Der preßt der todgeweihten Braut aufs Haar im wilden Hohn
Mit beiden Händen ungestüm die lichte Tugendkron'.

Kaum sieht er die, so blendet ihn ihr trughaft goldner Schein –
Er schwört – und zögert drauf nicht mehr, den Bund zu segnen ein.
Doch als er dem vermählten Paar zum Abschied schmerzlich winkt,
Hinausgestoßen in die Nacht, wie tot er niedersinkt.

V.

Die Tür springt auf, der Küster ruft laut dem Prediger zu:
»Es ist ein Schuß gefallen ganz nah der Kirche Ruh!
Wir müssen gleich hinüber, vielleicht tut Hilfe not!«
Vom Schlaf emporgefahren, die Hand ihm fiebernd jener bot.

Noch schweben alle Schrecken des wilden Traums ihm vor,
Wie das Gebot nicht minder, das er entsetzt beschwor,
Den beispiellosen Frevel zu hehlen vor der Welt,
Statt nimmer zu ermüden, bis alle Schuld durch ihn erhellt.

So zeigt ihm seine Schwachheit das ernste Traumgesicht.
Wie möcht' er da noch gehen mit Schwachen ins Gericht?
Hoch über starrem Rechte herrscht Liebe, schonend mild,
Hoch über Menschensatzung schwebt des Erlösers göttlich Bild!

Sie nahen sich der Kirche, weit steht sie aufgetan,
Fängt innen auch das Dunkel sich erst zu lichten an.
Am Altar eine Kerze auf hohem Leuchter brennt,
Ihr Schein umflirrt die Krone, die schaudernd jetzt der Blick erkennt.

Dem nahen Schrein entnommen von unbekannter Hand,
Zeigt sich, mit Blut beronnen, ihr weißes Perlenband;
Sonst hat sie nichts verloren von ihrer alten Pracht:
Geheimnisvoll durchglühet ihr rotes Gold die Dämmernacht.

Und sieh! dort auf den Stufen den hingestreckten Leib,
Mit aufgelöstem Haare ein vollerblühtes Weib!
Gedrungen war die Kugel ihr mitten durch die Brust –
Sie starb, ihr Antlitz sagt es, sich ihres Schicksals klar bewußt.

Daß sie von weither stamme, schon ihre Tracht verrät,
Wie dort auch auf der Bibel, von ihnen bald erspäht,
Ein redend Blatt, das löset des Rätsels blutigen Graus,
Warum die Tat geschehen hier im verlassenen Gotteshaus.

»Viel falscher als die Wogen ist eine falsche Braut!
Sie spottet des Verlobten, der arglos ihr vertraut.
Und diese gar war eine, die sich soweit vergaß,
Daß sie geheim zu fliehen mit ihrem Buhlen sich vermaß.

»Den ihr zum schützenden Gatten die Brüder zugedacht,
Verschmähte sie, von Liebe zum Schmeichler blind gemacht.
Wohl büßte der Entführer sein frevles Werben schwer:
Statt in dem Brautgemache fand er sein Bett im tiefen Meer.

»Und sie, die so verwirkte der Tugendkrone Zier,
Empfing, was sie verdiente, an eurem Altar hier.
Doch gönnt nun auch der Toten bei euch ein stilles Grab!
Der uns wird alle richten, ihr wohl die schwere Schuld vergab.«

Der Prediger die Worte mit leiser Stimme las –
Vom Wahn, der ihn umfangen, sein krankes Herz genas,
Vom Wahn, daß solcher Krone ein Segen innewohnt:
Haß zeugt sie statt der Liebe, geschweige, daß sie Tugend lohnt!

War's doch, der in die Ferne gedrungen weit, ihr Ruf,
Der durch sein falsches Locken den Plan der Sühne schuf,
Mit des Erbarmers Namen zu heiligen ein Gericht,
Das seiner milden Lehre nur Hohn in wilder Härte spricht.

Und war nicht fast verfallen auch er dem alten Trug?
Die Augen vor der Toten beschämt er niederschlug;
Den Küster hieß er gehen, ein Grab zu schaufeln ihr:
Er konnte sich der Tränen vor ihm nicht mehr erwehren schier.

VI.

Es lag die Morgensonne
Noch auf der glatten See –
Der Tag mit seiner Wonne
Verbarg manch' Menschenweh.

Mit lichten Silberflossen
Die Fische schwammen hin,
Und tanzend kam geschossen
Der springende Delphin.

Nicht eine trübe Wolke
Am weiten Himmel zog, –
Die Fahrt dem Schiffervolke
Fast wie ein Traum verflog.

Noch war vom Morgenrote
Nicht ganz die Spur entflohn,
Da nahten sich die Boote
Von allen Seiten schon.

Die lust'gen Wimpel wehten
Und flatterten zum Belt,
Die Segel straff sich blähten,
Vom frischen Wind geschwellt.

Vom reichbekränzten Borde
Ein heit'res Lied erklang,
Und schmetternde Akkorde
Verbanden sich dem Sang.

So kamen sie gefahren
Zur Hochzeit froh heran,
Wie dies seit manchen Jahren
Die Väter schon getan.

Die Kirche, halb verfallen,
Sah solcher Tage viel,
Doch keiner noch von allen
Ein solches Schicksalsspiel.

Dort fröhlich aus dem Boote
Stieg die beglückte Braut,
Hier schlummerte die Tote
Der Bahre anvertraut.

Und bald in dichtem Kreise
Das Grab umstanden sie!
Da wurde Trauerweise
Aus Hochzeitsmelodie.

Doch keine so in Tränen
Vor der Entseelten stand,
Als die sich könnte wähnen
Die Glücklichste am Strand.

Auf ihren bleichen Mienen
Der Ernst des Weibes lag,
Wie er noch nie erschienen
An ihr vor diesem Tag.

Nun kam auch stumm geschritten
Der Prediger heran:
Wie er geheim gelitten,
Sah manches Aug' ihm an.

Vom inneren Gesichte
Erfüllt, begann der Hirt':
»Daß niemand einen richte,
Sonst er gerichtet wird!«

Er rief's und fuhr nicht weiter,
Von Zittern übermannt,
Der sonst als Gottes Streiter
Ein Zagen nie gekannt.

Die Braut, vom Schmerz bezwungen,
Stand ihm zur Seite nah;
Wie er mit sich gerungen,
Ihr Blick allein nicht sah.

Sie nahm den Strauß von Rosen,
Den ihr die Mutter band,
Und gab der Freudelosen
Ihn in die kalte Hand.

Nun erst, vom Zug begleitet
Das Paar zur Kirche wallt,
Der Pred'ger sie geleitet,
Die Orgel brausend schallt.

Er setzt aufs Haupt ihr nieder
Die goldne Krone schwer, –
Doch ward von Keiner wieder
Sie je getragen mehr.

Die Kristall-Königin.

I.

Ein Ritter jung in Ehren
Gar treuer Liebe pflag;
Zur Minniglichen kehren
Sah man ihn jeden Tag.

Nie trug zurück vom Jagen
Zur Burg ihn heim sein Roß,
Eh' er nicht eingeschlagen
Den Weg nach ihrem Schloß.

Dort an der Mutter Seite
Empfing ihn stolz die Braut,
Die sehnsuchtsvoll zur Weite
Nach ihm schon ausgeschaut.

Den Gruß von seinem Munde
Gab sie ihm traut zurück,
Wie bald entfloh die Stunde
Dem jungen Paar im Glück!

Erst wann es ging ans Scheiden,
Schwand ihrer Herzen Ruh':
Es winkten sich die beiden
Noch oft einander zu.

Indessen lenkte nieder
Die Sonne ihren Lauf,
Er aber wünschte wieder
Von neuem sie herauf,

Daß frisch für ihn beginne
Des kühnen Weidwerks Lust
Und er den Trost gewinne,
Zu ruh'n an ihrer Brust.

II.

Es war zur Sonnenwende ein heißer Sommertag,
Der strahlend ausgebreitet auf Wald und Wiesen lag,
Als durch den Forst der Junker mit seinen Rüden strich,
Doch keines Wildes Fährte ließ rings entdecken sich.

Den Tieren bot das Dickicht Schutz vor der Sonne Glut,
Und gern auch hätte selber im Schatten er geruht,
Allein da Durst ihn quälte im stechenden Sonnenbrand,
Wollt' er nicht eher rasten, bis einen Quell er fand.

Da winkte ihm ein Felsen vom nahen Bergeshang
Mit eines Bächleins Falle, das rauschend dort entsprang;
Am kühlen Ort zu rasten, besann er sich nicht mehr:
Froh drang der Hunde Bellen von weitem schon daher.

Er kam mit seinem Rappen, dem müden, angetrabt;
Bald hatte dort am Sprudel der Durstige sich gelabt.
Nicht fern stund auf dem Anger ein Lindenbaum allein,
Bedeckt von seinem Schatten schlief er darunter ein.

Da kam es ihm auf einmal im halben Traume vor,
Es öffne sich der Felsen gleich einem weiten Tor,
Und wo sich leis erschlossen sein unsichtbarer Spalt,
Sah er hervorgetreten die herrlichste Gestalt.

Aus Bergflachs schien gewoben ihr silberhelles Kleid,
Die gold'nen Locken zierte ein schimmerndes Geschmeid:
Neunzackig war's, ein Krönlein aus blitzendem Kristall,
Von tausend spielenden Farben umleuchtet überall.

Verführerisches Lächeln umfloß den weichen Mund,
Und jeder ihrer Blicke gab gleich' Verlangen kund.
Genaht ließ sie zur Seite sich bei ihm nieder traut
Und strich ihm über die Stirne; süß klang der Stimme Laut:

»Sei ohne Furcht und folge nach meinem Reiche mir!
In meinem lauschigen Schlosse wird es gefallen dir.«
Sie sprach es und sie nahm ihn mit sich an ihrer Hand;
Entrückt zur Bergestiefe, die Welt vor ihm entschwand.

Da lag umher ein Garten voll lichter Blumenpracht;
Es waren Edelsteine, gewachsen in tiefem Schacht;
Sie hatten nie getrunken der Sonne golden Licht,
Doch standen ihre Strahlen zurück an Helle nicht.

Noch ließ sie an den Schätzen die Blicke werden ihn,
Als ihr bereit' Gefolge auf einen Wink erschien:
Berggeister, Feen und Gnomen umgaben ihren Thron,
Und ihre Stimme klang ihm wie Silberglockenton.

»Was du allum erblickest, es ist mir untertan,
Und wenn du willst, gehört es dir auch zugleich mit an.
Ja, willst du mir gebieten, so werde mein Gemahl!
Mir als der Königinne steht zu allein die Wahl.«

Der Jüngling stand geblendet von ihrer Schönheit Glanz,
Und ihre Huld nicht minder bezauberte ihn ganz;
Bestrickt von ihrer Stimme, gab er dem Locken nach;
Nicht schlug ihm sein Gewissen, da laut sein Ja er sprach.

Jetzt neigte sich die Stolze von ihrem Thron herab,
Und zärtlich ihn umfangend, die Wange sie ihm gab.
Ein Ring mit blauem Steine, von ihrer weißen Hand,
Er sollte ihn begleiten als ihrer Treue Pfand.

Doch, eh' das Abenteuer er noch bei sich bedacht,
Zurückversetzt zur Linde, war er dort aufgewacht.
Erstaunt rieb er die Augen, und wie er sich besann,
An der Erscheinung Wahrheit zu zweifeln er begann.

Da hob er auf den Finger, und wie er ihn besah,
Mit seinem blauen Steine der Ring war wirklich da.
Doch hätte auch das Kleinod gemahnt ihn nicht genug,
In seinem Herzen lebte, die ihn in Bande schlug.

III.

Noch weilte voller Sehnen er dort am Lindenbaum,
Wo ihm das holde Rätsel erschienen war im Traum,
Als ihn daheim im Erker erharrte bang die Braut:
Noch nie so lange hatte sie vorher nach ihm ausgeschaut.

Es stand bereits die Sonne der Erde zugeneigt,
Die sich am Sonnwendtage nur träg' im Wandern zeigt;
Im dunklen Blau zu leuchten begann schon mancher Stern –
Sie konnte nicht verstehen, warum er bleiben könne fern.

Die Nacht mit ihrem Schleier bedeckte Berg und Tal,
Als sie dem Schutz des Himmels ihn und sich selbst empfahl.
Sie suchte auf das Lager, doch stärkte sie kein Schlaf;
Die frühe Morgensonne sie wach in ihrer Kammer traf.

Wohl schickte sie nun eilig ihm einen Boten zu;
Doch was der dort erfahren, nahm ihr die letzte Ruh':
Er sei zurückgekommen erst in der tiefen Nacht,
Und habe nach dem Walde sich bald schon wieder aufgemacht.

Ihr Aug' erfüllten Tränen, als sie dies Wort vernahm,
An seiner Liebe zweifelnd, gab sie sich hin dem Gram.
Wohl heimlich sie auch wieder zur Hoffnung sich erschwang –
Sehnsüchtig manche Stunde ihr Blick nach ihm zur Ferne drang.

Nie aber ward sie seiner nach diesem Tage gewahr,
Ja, ihres Schlosses Nähe selbst floh er offenbar.
So hatte sie mit Jammer bald im Gemüt erkannt,
Daß er, durch List betrogen, sich treulos von ihr abgewandt.

Erst als das Laub sich färbte, kam einst er hergejagt,
Mit scheuem Gruß ihr nahend, stand er vor ihr verzagt;
Es blieb ihm nicht verborgen, wie wehe ihr geschah,
Als sie an seinem Finger den Ring mit blauem Steine sah.

Den Blick gesenkt zu Boden, er stumm von dannen schied;
Von Stund' an er für immer das Aug' der Reinen mied.
Sie aber war entschlossen in ihrem mutigen Sinn,
Ihm auf der Spur zu folgen zur Feindin seiner Ruhe hin.

IV.

Der Junker wieder am Felsen stand
Und pochte daran mit kühner Hand,
Doch mit geheimem Beben;
»Holdsel'ge Königin, komm heraus
Und führ' mich in dein kristall'nes Haus!
Vor Sehnsucht halt' ich es nimmer aus,
Allein ohne dich zu leben!«

Er rief es in seines Herzens Qual,
Die ihn befallen noch allemal
Am Ort, wo sie ihm erschienen;
Auch heute ließ sie ihn unerhört,
Und über den harten Sinn empört,
Der ihm der Seele Frieden gestört,
Verzog er im Unmut die Mienen.

Da, wie die Geduld ihm jetzt verging,
Stieß gegen die Wand er mit dem Ring,
Und just zu der rechten Stunde;
Denn kaum, daß er sie damit berührt,
Und seine Rechte den Schlag vollführt,
Er unter sich ein Zittern verspürt
Im innersten Bergesgrunde.

Ein mächtiger Donner hallt herauf,
Und krachend tut der Felsen sich auf,
Der lautlos sich einst erschlossen,
Und wie er hinein in das Dunkel sah,
Da stand vor ihm die Ersehnte da,
Mit schwebendem Schritt erschienen nah',
Von lockendem Glanz umflossen.

Sie grüßte ihn mit entzückender Huld
Und zieh' den Getreuen sanft der Schuld:
»Du ließest mich lange warten!
Und war zu erraten es so schwer,
Daß ich dir dürfe nicht nahen mehr,
Eh' du mit dem Ring mich riefest her
Aus meinem kristallenen Garten?«

Wohl, als sie gesprochen zu ihm so,
Ward das erleichterte Herz ihm froh.
Sie ließen zusammen sich nieder;
Die volle Trautheit kehrte zurück,
Gar viel erzählten sie sich im Glück,
Und träumend versunken Blick in Blick,
Gewannen sie Ruhe wieder.

Auf einmal wurde sie traurig stumm,
Bis seufzend sie sprach: »Die Zeit ist um,
Ich muß dich auf immer verlassen!«
»»O Königin««, er zu fleh'n begann,
»»Weißt du kein Mittel, daß ich fortan
Bei dir für immerdar weilen kann
Und dich als Gemahl umfassen?««

Da lächelte sie geheimnisvoll:
»Wenn sich der Wunsch dir erfüllen soll,
Mußt unsersgleichen du werden.
Komm, wenn auf den Stein, von Moos geschwellt,
Der Schatten der Linde morgen fällt,
Entzünd' ein Feuer, das ihn erhellt,
Und hebe den Stein von der Erden!

»Es wird kein Augenblick noch vergehn,
Und eine Schlange dort wirst du sehn,
Grünschillernd hervorgekrochen.
Sie fange und laß sie nimmer los!
Durch sie kannst du es erlangen bloß,
Was ich dir unten im Bergesschoß
An Glück und Wonne versprochen.

Drum ob dir auch selber vor ihr graut,
Beschwöre sie mutig dreimal laut,
Als wären wir zwei beisammen.
Sprich: »»Königin vom kristall'nen Stein,
O mache mich los von Fleisch und Bein
Und lasse mich deinesgleichen sein!«« –
Drauf wirf sie hinein in die Flammen!

»Sobald du riefest das letzte Wort,
Wird wieder der Berg sich öffnen dort,
Als würd' ihn dein Ring berühren,
Frohlockend erscheinen werd' ich hier
Mit allen, die untertänig mir,
Und schneller, als ich mich schied von dir,
Nach meinem Reiche dich führen.«

V.

Die Linde warf ihren Schatten aus,
Den immer weiter wachsen hinaus
Der Junker sah mit geheimem Graus.
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Als hinge daran sein treulos Spiel,
Verfolgte sein Blick ihn nach dem Ziel,
Bis auf den bemoosten Stein er fiel.
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Jetzt sprang er auf mit entschloss'nem Mut,
Und wo er zuvor am Fels geruht,
Stand bald das Feuer in heller Glut.
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Er faßte den Stein und hob ihn empor,
Da drang ein Wispern zu seinem Ohr,
Grünschillernd kroch eine Schlang' hervor.
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Schnell fing er sie ein mit bereiter Hand,
Ob auch ein Grau'n er vor ihr empfand,
Und schwenkte sie hin zum Flammenbrand.
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Sprach: »Königin vom kristall'nen Stein,
O mache mich los von Fleisch und Bein,
Und lasse mich deinesgleichen sein!«
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Da ist's ihm, wie er ins Feuer schaut,
Als säh' er den Schatten seiner Braut,
Doch wiederholt er die Bitte laut.
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Sprach: »Königin vom kristall'nen Stein,
O mache mich los von Fleisch und Bein,
Und lasse mich deinesgleichen sein!«
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Und eben wollt' er zum drittenmal
Beginnen, wie sie ihm anbefahl,
Und opfern die Schlang' der Flammenqual;
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Da drang ein Ruf in die Schlucht hinein:
»Im Namen Gottes! halt ein! halt ein!« –
Jetzt sprang der Ring mit dem blauen Stein.
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Und aus dem berstenden Felsen schoß
Die Lohe, die wild den Berg umfloß,
Wo stand der verwünschten Zauberschloß.
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Auch aus der Erde das Feuer schlug,
Und Wolken sammelten sich genug,
Die wirbelnd der Sturm zusammentrug.
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Und wie getroffen vom Wetterstrahl
Unter der Linde, versengt und kahl,
Stürzt er zusammen, totenfahl.
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Doch bald schon, als wäre nichts geschehn,
Blaute der Himmel in sanftem Wehn,
Die Sonn' schien freundlich herabzusehn.
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

Der Junker, wie leblos hingestreckt,
Schlief, von den Armen der Braut bedeckt,
Durch ihren Kuß zum Leben erweckt:
– Verbotene Liebe bringt Leiden.

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