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Gutenberg > Martin Greif >

Neue Lieder und Mären

Martin Greif: Neue Lieder und Mären - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
authorMartin Greif
titleNeue Lieder und Mären
publisherC. F. Amelangs Verlag
printrunErstes bis drittes Tausend
year1902
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151115
projectid536b49eb
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Stimmen und Gestalten.

Auf der Rast.

Als manches Wanderjahr verflogen,
Kam ich zu einem Brunnen klar,
Daran ich einst vorbeigezogen,
Noch nicht enttäuscht und nicht betrogen,
Noch da ich munt'rer Jüngling war. –
Wohl hielt ich eine lange Weil'
Im Wandern,
Zog aus der Seele einen Pfeil
Still um den andern,
Und hatt' im Weiterziehen keine Eil'.

Fern drüben um die Alpenspitzen
Die gold'ne Abendsonne lag;
Der ew'ge Schnee hing in den Ritzen
Den starren Firn sah ich erblitzen,
Ganz wie dereinst an jenem Tag.
Mir war zum Wandern wenig Mut
Und wieder,
Wo ich auch einst im Gras geruht,
Streckt' ich mich nieder
Und blickte nach der Berge Abendglut.

Mir war's, als sei kein Tag entschwunden,
Als sei's gewesen nur ein Traum,
Als hätt' ich jene Leidenswunden,
All jene Pfeile nicht empfunden,
Als blühten fort noch Strauch und Baum.
Bis ich allmählich mich besann,
Wie lange
Ich schon, ein müder Wandersmann,
Nach Ruh' verlange,
Und doch des Fahrens nie ein End' gewann.

Das Wasser sah ich weiter eilen
Wie vormals ohne Rast und Ruh',
Und nimmer konnt' ich länger weilen,
Mir dort die kranke Brust zu heilen:
Strebt' ich den weiten Bergen zu,
Das Brünnlein war schon übertäubt
Vom Tosen
Des Gießbachs, der im Sturz zerstäubt,
Im ruhelosen,
Und den dabei doch an kein Ziel es treibt.

Empfang in der Heimat.

Sonntagsglocken klangen
Feierlich und klar,
Dort mich zu empfangen,
Wo ich ausgegangen
Einst ins Leben war.

Aus den rauhen Stürmen
Kehrt' ich in den Port,
Doch was half sein Schirmen?
Von der Heimat Türmen
Mußt' ich wieder fort.

Gedenken an die Kindheit.

Ich kam nach langen Jahren
Zu jenem Ort zurück,
Wo ich als Kind erfahren
Das erste Leid und Glück.

Wohl konnt' ich mich an vieles
Kaum recht erinnern mehr,
Ja, manches frohen Spieles
Entsann ich mich nur schwer.

Ich fühlte mich erschrocken,
So fremd kam ich mir vor;
Da läuteten die Glocken,
Und alles stieg empor.

Alte Einkehr.

Da ist der Ort, da ist der Ort,
Da ist die Tafel rund,
Daran wir traut, daran wir traut
Verplaudert manche Stund'!

Wie lange Zeit, wie lange Zeit,
Seit ich gesessen hier,
Die Freunde lieb, die Freunde lieb,
Wohin sind alle mir?

Man meint wohl da, man meint wohl da,
Die Zeit müßt' stille stehn,
Doch ach, wer weiß, doch ach, wer weiß,
Wann wir uns wiedersehn?

Der Blick als Gruß.

Wandl' ich manchmal durch die Stadt,
Wann es erst will dunkeln,
Und noch kaum entzündet, matt
All die Lichter funkeln,

Da, wenn ich mich wie verbannt
Und verlassen fühle,
Trifft ein Blick, mir zugesandt,
Oft mich im Gewühle.

Daß ich nicht vergessen schon,
Werd' ich plötzlich inne,
Doch die grüßte, ist davon,
Eh' ich mich besinne.

Verkehr mit den Vergangenen.

In alten Gassen wandl' ich gern,
Wann schon der Tag im Sinken,
Und die Laternen, Stern an Stern,
Aus allen Ecken blinken.

Manch Fenster lockt den Blick empor,
Auch wenn sich dran nichts reget,
Gespannt schau ich durch manches Tor,
Was sich hervor beweget.

Trotz Stille fühl' ich allgemach
Von Stimmen mich umgeben:
Als würden alle wieder wach,
Die hier verbracht ihr Leben.

Am Grabe der Mutter.

Als verstummt ihr Grabgesang,
Da vernahm ich, wie von oben,
In der Ferne angehoben,
Noch ein Lied im Feierklang.

Näher drang es mehr und mehr,
Wie getragen durch die Lüfte
Über die geschloss'nen Grüfte,
Zu der Mutter Hügel her.

Und nun faßt ich auch den Sinn
Von dem Chor aus Engelsmitten:
»Ausgelitten, ausgestritten
Hat die sanfte Dulderin.«

*

Wie ich von fern gefahren
Nach ihrem Hügel kam,
Ihn nochmals zu gewahren,
Und wieder Abschied nahm,

Da war's, wie wenn sich rühre
Die Erde unter ihr,
Und es ihr Staub verspüre,
Wie schwer das Scheiden mir.

Die Stimme der Mutter.

Als ich kürzlich in der Nacht
Unverhofft war auferwacht,
Hört' ich einer Stimme Ton,
Die mir lang' verklungen schon.

Gleich auch hatt' ich sie erkannt,
Die beim Namen mich genannt:
»Rufst du abermals nach mir,
Mutter, dann gehorch' ich dir!«

Traum im Gebirge.

Geträumt hatte von der Mutter mir,
Von der Mutter, die längst ich verloren;
Ihre Stimme, deutlich hatt' ich sie wieder vernommen.
Da mit einmal fuhr ich, erwacht, empor,
Doch kein menschlicher Laut war rings zu hören.
Aus der Tiefe nur der gähnenden Bergschlucht
Drang des Wildbachs unaufhörlich Tosen
Dumpf herauf in meine einsame Kammer.

Der Christbaum im Traum.

Jüngst ist es mir im Traum geschehn,
Daß er mich ließ den Christbaum sehn.

Der stand daheim im Kämmerlein
Und gab von sich den goldnen Schein.

In seiner Helle lag verklärt,
Was uns der heil'ge Christ beschert.

Geblendet allen war der Blick,
Und faßbar schien uns kaum das Glück,

Bis uns die Eltern sprachen zu,
In ihren Mienen Himmelsruh'.

Doch eh' sie uns noch Mut gemacht,
War fort der Baum – und ich erwacht.

Weihnachten.

Ein Bäumlein grünt im tiefen Tann,
Das kaum das Aug' erspähen kann,
Dort wohnt es in der Wildnis Schoß
Und wird gar heimlich schmuck und groß.

Der Jäger achtet nicht darauf,
Das Reh springt ihm vorbei im Lauf;
Die Sterne nur, die alles sehn,
Erschauen auch das Bäumlein schön.

Da, mitten in des Winters Graus,
Erglänzt es fromm im Elternhaus,
Wer hat es hin mit einem Mal
Getragen über Berg und Tal?

Das hat der heil'ge Christ getan.
Sieh dir nur recht das Bäumlein an!
Der unsichtbar heut' eingekehrt,
Hat manches Liebe dir beschert.

Bild der Liebe.

Vom Wald umgeben,
Ein Blütenbaum –
So lacht ins Leben
Der Liebe Traum,
Ihm nah' verbunden
Und fern zugleich,
Bis er entschwunden,
An Zauber reich.

Ländliche Zufriedenheit.

Wer dem Geräusch der Stadt entflieht,
Den Drang zu ruhen im Gemüt,
Dem dünkt die bunte Wiese
Ein Stück vom Paradiese.

Er wandelt jeden Pfad beglückt,
Von jedem Blümlein schon entzückt,
Das blüht am grünen Hange –
Die Zeit wird nicht ihm lange.

Am Mühlbach.

Wie herrlich ist's zu träumen
Von ungehemmter Kraft,
Wo sich in Überschäumen
Der Gießbach Wege schafft.

Der, während seine Stärke
Dem ganzen Tale frommt,
Vom Mühl- und Hammerwerke
Im Schaume triefend kommt!

Heil ihm, wenn bis zum Ziele
Er also tätig bleibt,
Daß er noch manche Mühle
Auf seinem Wege treibt!

Das Häuschen an der Waldspitz.

Ein Eisstoß warf das Häuschen um,
Dort an der Waldspitz – weißt du?
Das grüne Eis starrt rings herum
Ums traute Plätzchen – weißt du?

Weit schaut man in den See hinaus,
Oft ging ein Flüstern – weißt du?
Aus alten Rinden war das Haus,
Eiskaltes Schätzchen – weißt du?

Vom Eis, vom Eis dahingerafft
Das Plauderstübchen – weißt du?
Die Sonne hat so wenig Kraft
Als Lieb' und Treue – weißt du?

Weißt du es noch, o Valentin?

Weißt du es noch, o Valentin,
Wie wir am Bach gestanden
Und uns den ersten Rosmarin
Auf seinen Wellen sandten?

Du hieltest mit den Freunden dort,
Ich an des Steges Ende,
Da schwamm das Sträußlein von mir fort
Gerad' in deine Hände.

Just fand es dich und blieb bei dir,
Wie du es aufgefangen –
Kam ich zu dir, kamst du zu mir,
O sprich, wie ist's gegangen?

Das bedrohte Bergdorf.

Die Alpenwand, die starre,
Webt nur in sich allein;
Es scheint die kleine Pfarre
Für sie nicht da zu sein.

Ja, längst läg' sie verschüttet,
Säh Er nicht an ihr Flehn,
Von dem sie fromm erbittet
Ihr täglich Wohlergehn.

Das alte Lustschloß.

Noch ist in vollem Prunk vorhanden
Wie ehedem das alte Schloß,
Als sei die Zeit hier still gestanden,
Die merklich allumher verfloß.

Noch dehnt es sich mit beiden Flügeln,
Im Parke schimmernd aufgeführt,
Sich träumend dort im Teich zu spiegeln,
Darin sich keine Welle rührt.

Reiseschicksal.

Wir dampften schon manche Weile
Und schliefen auch allgemach,
Da pfiff es mit ängstender Eile,
Und alle gleich waren wir wach.

Ein Zug mit grellem Gefunkel
Schoß rasend an uns vorbei,
Und schwand in das nächtliche Dunkel,
Als ob er ein Blendwerk sei.

Bald nickten die anderen wieder,
Ich schlummerte nimmer ein –
Kann nicht ein Herz, das ich liebe,
Vorübergeflogen mir sein?

Großstädters Sonntag.

Vom Bahngeleis der Halde
Hinab den grünen Hang
Zum schattendunklen Walde,
Den wir ersehnt so lang'!

Ein Säuseln in den Blättern
Trägt seinen Hauch uns zu,
Die Vöglein jubelnd schmettern,
Und doch herrscht tiefe Ruh'.

O friedlich Waldesweben
In traumgebor'ner Lust,
Vom lauten, wirren Leben
Befreist du uns die Brust!

Albusina.

Rauschend fließt die Donauwelle
Am bebuschten Ufer hin,
Wo an abgeschied'ner Stelle
Albusinas Wälle ziehn.

Aber auch von seinen Mauern
Schwand noch nicht die letzte Spur,
Konnten sie auch überdauern
Spät erbroch'ne Gräber nur.

Münzen, die vom Rost zerfressen,
Waffen, reich geziert und schlicht,
Schmuck, und was Gewalt besessen,
Kehren wieder an das Licht.

Doch auch was zu Staub zerfallen,
Richtet sich bei Nacht empor,
Und in geisterhaftem Wallen
Ziehen Krieger durch das Tor.

Jene scheiden, diese kommen,
Alle scheinen zu erstehn,
Bis, von ferne her vernommen,
Morgenglocken sie verwehn.

Wanderung im Geiste.

Sinnend zieh' ich durch die Wälder
Und ihr Rauschen hör' ich kaum –
Meerumspülte Trümmerfelder
Winken mir in meinem Traum.

Ferne sind es die Gefilde,
Die mir alte Sehnsucht malt,
Und mich lockt des Himmels Milde,
Der dort ewig niederstrahlt.

Der Abend und der Wanderer.

Wandrer folgt im Abendlichte
Ruhesam der Sonne Lauf,
Da, im hehren Ferngesichte,
Steigt die Heimat vor ihm auf,
Wie er einstmals sie verlassen
Noch zum Mann erwachsen kaum.
Wie ihm, ohne zu verblassen,
Oft ihr Bild erschien im Traum.

Der Pilger zur Madonna.

Von Reue tief durchdrungen,
Flücht' ich mich her zu dir;
So oft ich dich umschlungen,
Hast Du geholfen mir.

Den Banden ird'scher Triebe
Entrissest du das Herz
Und zogst in deiner Liebe
Mit Dir es himmelwärts.

Abtei Limburg.

Orgelschall und Chorgesang
Sind hier längst verklungen,
Längst auch schweigt der Glockenklang,
Der zu Tal gedrungen
Manch ein fern Jahrhundert lang.

Aber Gottes Herrlichkeit
Wandelloser Dauer
Kündet trotz Verlassenheit
Jedes Stück der Mauer,
Wie ein Hall aus alter Zeit.

Erscheinung im Walde.

Dem Frieden einer Kapelle
Kehrt' ich im Wandern zu;
Sie lag am murmelnden Quelle
In tiefer Waldesruh'.

Doch als ich hereingetreten
Nun vor den Altar kam,
Ergriff mich mitten im Beten
Ein Schauder wundersam.

Umstarrt von glitzernden Steinen
Ein Schädel blickte mich an:
Die Inschrift nannte mir einen
Heiligen lobesan.

O armer Heiliger, dacht' ich,
Mich faßt vor dir ein Graus;
Das Zeichen des Kreuzes macht' ich
Und lief in den Wald hinaus.

Da sangen von allen Bäumen
Die Vöglein froh und hell,
Da überkam mich ein Träumen
Am lauten, murmelnden Quell.

Ich wußt' nicht, wie mir geschehen:
Im Walde tief allein
Sah ich den Heiligen gehen,
Ums Haupt den lichten Schein.

Schön Holderchen.

Wo leise sich bewegt im Wind
Der wilde Fliederbaum,
Ruht dort im Wald ein lockig Kind
Und lächelt froh im Traum;
Schön Holderchen, es schläft.

Wie sie so liegt in tiefer Ruh',
Vom Fliederduft umhaucht,
Fliegt eine ihr der Elfen zu,
Urplötzlich aufgetaucht:
Schön Holderchen, es schläft.

Sie pflückt sich von des Baumes Pracht,
Was ihr am nächsten blüht,
Und flicht ins Haar dem Liebling sacht
Den Flieder, taubesprüht;
Schön Holderchen, es schläft.

Im Schloßpark.

Hier läßt sich's stille träumen,
Umschattet von den Bäumen,
Die moosumkleidet stehn,
Von Herzen, die geschlagen
Schon längst vor diesen Tagen
Zum Ruhen ausersehn.

Hier läßt sich's stille träumen,
Vom Tosen und vom Schäumen
Des Springquells eingewiegt;
Wo, wie in jenen Tagen,
Der Strahl, emporgetragen,
Rückflutend nie versiegt.

Meeresleuchten.

(Zu einem Bilde von Otto Heinrich Engel.)

Nur leise geht des Bootes Lauf,
Das beide aufgenommen;
Was ihnen glüht im Herzen auf,
Zu Worte will es kommen.

Wohl sagt's auch schon der Blick allein,
Im Aug', dem schimmernd feuchten,
Als flamme drin im Wiederschein
Des dunklen Meeres Leuchten.

Ein Maitag.

(Zu einem Bilde von Fritz August Kaulbach.)

Der Mai ist erschienen, –
Es blühen die Bäume,
Die Vöglein, im Grünen,
Sie schmettern vor Lust,
Und liebliche Träume
Erfüllen die Brust.

Der Mai ist erschienen, –
Es leuchtet die Sonne,
Aus sehnenden Mienen
Verrät sich das Herz,
Das hanget mit Wonne
Am kindlichen Scherz.

Der Ernte-Bittgang.

Ich sah viel Beter wallen
Durch eine weite Flur,
Die Glocken hört' ich schallen,
Ob auch von ferne nur.

Teil an dem Bittgang nahmen
Vom Dorfe jung und alt,
Im langen Zuge kamen
Dem Kreuz sie nachgewallt.

Ein jedes Wort der Bitte,
Klar drang es zu mir her,
Bis sie nach jedem Schritte
Verhallte mehr und mehr.

Doch eh' verweht noch wieder
Das einige Gebet,
War's schon, als steige nieder
Der Segen, laut erfleht:

Es schien sich zu verklären
Der Greise Silberhaar,
Und rings am Gold der Ähren
Nahm ich ein Leuchten wahr.

Bitte an das Brünnlein.

Heimliches plaudert mein Mädchen mir vor –
Schweige, lieb Brünnlein doch, schweige! –
Kann euch zusammen nicht leihen mein Ohr,
Wenn ich bereit auch mich zeige.

Lacht sie mich an mit verheißendem Mund
Hier als die Schönste von allen,
Nennst du zwei Wänglein, die einstmals so rund,
Nun so verfärbt und verfallen.

Frägt sie und dringt sie mir bittend ans Herz,
Alles ihr frei zu gestehen,
Lässest du ach! der Verlassenen Schmerz
Wieder mich hören und sehen.

Ahnungsloser Abschied.

Das Schicksal kennt kein Mahnen,
Wie schnell die Zeit auch flieht,
Nur selten läßt es ahnen,
Daß man sich nicht mehr sieht.

Leicht reißt sich Arm von Arme
Und scheidet wohlgemut,
Noch fühlt sich ja so warme,
Der bald im Grabe ruht.

Könnt' uns das Herz belehren,
Daß es der letzte Blick,
Wir würden beide kehren
Und schauen lang zurück,

Und würden uns umfassen
Und küssen noch einmal
Und nimmer von uns lassen
In diesem Scheidetal.

Doch Abschied wird genommen
Auf baldig Wiedersehn,
Und wann wir wieder kommen,
Vor einem Grab wir stehn.

Allerseelen in der Fremde.

Allerseelentag ist heute,
Kränze spendet jede Hand,
Die sie teuern Gräbern weihte.
Doch die mir der Tod entwand,
Liegen fern, und niemand streute
Blumen ihrem Hügelrand.

Der Zweifler. Schlußgedicht zum Zyklus »Der Zweifler«. Siehe Martin Greifs Gedichte, VI. Auflage. C. F. Amelangs Verlag in Leipzig

Der du herab vom Himmel kamst,
All unsre Sünden auf dich nahmst,

Als unser Herr und unser Gott
Erfahren hast der Menschen Spott;

Wie du die Wunden tief empfingst,
Als du am bittren Kreuze hingst,

Durchstochen von des Speeres Stoß,
Liegst du in deiner Mutter Schoß,

Die über dich sich liebend neigt
Im Schmerz, der ihrer Brust entsteigt:

Erbarmer, des Erbarmens wert –
O hilf, daß sich mein Sinn bekehrt!

Das Kreuz auf Golgatha.

Nach einer chaldäischen Sage.

Es stund das Kreuz auf Golgatha,
Auf wüster Schädelstätte da.

Sie war es, die das Blut empfing
Von Ihm, der dort am Kreuze hing.

Das Blut, das Er für uns vergoß,
Das aus des Heilands Wunden floß.

Ein Haupt vor andern fing es auf
In seinem gnadenvollen Lauf:

Der Schädel Adams sog es ein,
So ward er selbst der Sünden rein,

Ward, von dem teuren Blut benetzt,
Ins Paradies zurückversetzt.

Abschied.

Da stehen wir,
Da stehen wir,
Wo wir nun müssen scheiden,
Wie gern von dir,
Mein Schatz, von dir
Würd' ich den Abschied meiden!

Doch soll's nicht sein,
Doch soll's nicht sein,
Wie auch die Wunden schmerzen;
Muß ziehn allein
In stummer Pein,
Dein Bild in meinem Herzen.

Mein nicht vergiß,
Mein nicht vergiß,
Doch sei um mich nicht bange!
Ich kehr' gewiß,
Will's Gott, gewiß,
Und dauert es auch lange.

In die Welt hinaus.

Sie hatten sich keines Glücks erfreut,
Der Arbeit fehlte der Segen;
Es lagen nirgends Rosen gestreut
Auf ihren dornigen Wegen.

Da faßten sie Mut zum schweren Entschluß,
Der Heimat Valet zu sagen;
Sie wanden sich los mit stummem Kuß
Und unterdrückten ihr Klagen.

Sie rafften zusammen Stück für Stück
Der letzten übrigen Habe,
Wohl blickten sie oft und oft zurück,
Als ging' es von einem Grabe.

Und da nun am langen Schienenstrang
Den Zug sie erwartend saßen,
Und die verschleierte Ferne lang
Mit träumendem Auge maßen,

Da meinten sie, in den Lüften der Draht
Beginne auf einmal zu singen
Und ihnen mit manchem guten Rat
Einen Abschiedsgruß zu bringen:

»Wohl habt ihr gestritten, gelitten viel,
Doch lebt noch die Hoffnung im Herzen,
Ihr werdet erschauen der Reise Ziel
Und eure Wunden verschmerzen.

»Doch wenn ihr gegründet ein eignes Haus,
Vergeßt nicht des Stübleins, des fernen!
Ihr wandert ja nur in die Welt hinaus,
Die Heimat erst lieben zu lernen.«

Spielmanns Gesang.

Als ein Spielmann komm' ich her,
Ob ich euch willkommen wär'.
Wie die Blumen, immer wieder
Kehren auch die alten Lieder,
Ganz die gleiche Herzensmäre,
Ohne die kein Sänger wäre,
Die so bang und oft so trübe
Euch erzählt vom Leid der Liebe,
Von dem Weh bei aller Wonne,
Von den Wolken um die Sonne,
Auch die Vöglein und der Mai –
Kurz das Alte kommt herbei.

Fragt mich nicht, woher ich bin,
Lieber fragt ihr mich, wohin?
Gerne will ich Antwort sagen:
Dorthin, wo die Jäger jagen,
Wo die weißen Lämmlein grasen,
Und dazu die Hirten blasen,
Wo die Wanderbursche wandern,
Eine küssen nach der andern –
Wenn sie gleich nach Hause schreiben,
Liebchen möge treu verbleiben –
Fang' mich als ein Blatt vom Wind,
Liebes deutsches Bruderkind.

Legt es in das Wanderbuch –
Angenehm ist Waldgeruch!
Mögt einmal erinnert werden,
Wie es war so schön auf Erden,
Da wir noch, die kräftig Jungen,
Unser Lied hinausgesungen.
Könnt es auch auf euren Reisen
Jung und alten Mägdlein weisen,
Nur behutsam gegen jene;
Eine um die andre Träne
Fällt auch so beim Abschiedswein
In das Wanderbuch hinein.

Vorerst fahr' ich nicht zur Stadt,
Wo man Lieder kunstvoll hat
In Oktaven und Sonetten,
In Terzinen, Trioletten;
Wo die hohen Dichternamen
Tönen aus dem Mund der Damen,
Was ich auch zumeist erfunden,
Hab' ich draus im Wald empfunden,
Wo die frühen Drosseln singen
Und die klaren Bächlein springen:
In der Stille der Natur
Fühlst du deine Seele nur.

Komm heraus, du Sängerchor,
Aus dem morgenstillen Tor!
Unter grünen Blütenästen
Singt es sich am allerbesten.
Früh beim Sang der Nachtigallen
Laßt den Strom hinauf uns wallen,
Wenn die ersten Strahlen schimmern
Von den roten Burggetrümmern,
Bis wir bei dem Klang der Saiten
Nachts im Kahn zu Tale gleiten;
Denn dem Leben nur gesellt,
Lebt des Sängers Wunderwelt.

Bring' auch euch, die fern hinaus
Zogen aus dem Vaterhaus,
Braunem Kriegsvolk und Matrosen,
Meine rot und weißen Rosen.
Die auf Schulen sind gewesen,
Mögen es den andern lesen.
Und von diesen aufgefangen,
Mag's an andre hingelangen.
Denn auch rauhe Männerherzen
Haben ihre tiefen Schmerzen,
Fassen gern im fremden Land
Traut die Muse bei der Hand.

Besten Gruß euch allzumal,
Schöne Mägdlein ohne Zahl.
Geht ein Lied zur Winterstunde
Emsig erst von Mund zu Munde,
Wird es bald zu Lust und Klage,
Treuer Liebe Herzenssprache.
Doch dem Gruß der höchsten Minne
Liegt nur Einsamkeit im Sinne.
Singt es heimlich, halbverstohlen,
Bis euch nachts die Träume holen;
Singt es, bis das Herz in Ruh',
Und die Augen sinken zu.

Jede Werkstatt, jede Schmied'
Braucht ihr frisches deutsches Lied.
In dem Walde, auf der Halde
Sing' es Hirt und Jäger balde.
Singt, Soldaten, wenn ihr reitet,
Schiffer, wenn ihr Segel breitet,
Nimm dir, deutsches Hochgemüte,
Eine wilde Waldesblüte!
Hat der Spielmann das vernommen,
Wird er einmal wiederkommen.
Aber fragt ihn nicht, woher?
Könnte sonst nicht spielen mehr.

Frau Holles Umzug.

Neujahr ist heut, Neujahr,
Das alte Jahr ist um.
Ihr Mägdlein, macht das Haar!
Frau Holle geht herum.

Sieht sie zerzaust wo einen Kopf,
Macht draus sie einen Weichselzopf.
Ob kurz die Flechten oder lang,
Es macht nichts aus bei ihrem Fang.

Drum seht euch vor und laßt euch Weile,
Daß sie euch nicht ertappt in Eile:
Das alte Jahr ist um,
Frau Holle geht herum

Der Storch ist da.

Juchheirasa,
Der Storch ist da!
Er steht vergnügt im Neste
Und klappert auf das beste;
Er bückt sich vor der Störchin sein
Und dreht sich auf dem langen Bein.

Juchheirasa,
Der Storch ist da!
Was er im Wickelkissen
Mitbringt, wer kann es wissen?
Ein Schwesterlein? Ein Brüderlein?
Es wird doch nicht ein Pärchen sein?

Gänsemarsch.

Wo jüngst die blauen Husaren
Ihre flinken Rößlein geschwenkt,
Da treiben jetzt wieder die Gänse,
Wohin die Gerte sie lenkt.

Als hätten sie Fühlung gelernet
So trotten sie schnatternd im Chor,
Nur sie, die die Truppe befehligt,
Geht schweigender als zuvor.

Die drei Kellerjungfern.

Beim Forsterbauer im Grunewald,
Da spuken drei Jungfern im Keller,
Sie rühren zu Nacht die Butter im Faß
Und glätten sie auf dem Teller.

Frühtags, wenn die Dirn' hinuntergeht,
Ist alle Arbeit schon fertig,
Das Geschirr ist sauber und blank gefegt,
Keine Seele doch gegenwärtig.

Die fleißige Böhmin.

(Nach einer böhmischen Sage.)

Gestern sah ich meinen Liebsten
Den vielmehr, der so sich nannte,
Sah ihn nach dem See sich schleichen,
Den sie heißen nach dem Teufel,
Und mit einem Stein ihn werfen:
Flugs im See war der verschwunden.

Dazu hört ich so ihn sprechen:
»Sende deinen Dampf zur Höhe,
Lasse Wolken daraus werden,
Und aus diesen laß es regnen,
Heut' und morgen, alle Tage,
Bis die Erntezeit vorüber
Und das Korn im Feld verdorben!«

»Denn das wisse,« sprach er weiter,
»Daß mich reut das frühe Aufstehn,
Mag mich nicht mit Arbeit plagen.«
Ich vernahm's und zu mir sagt ich:
Will er's, mag er sich's erbitten,
Doch mein Mann wird dieser nimmer!

Soldatenlied.

Nichts steht so hoch zu dieser Frist,
Als was ein rechter Kriegsmann ist,
Der seine Fahn' läßt wehn voran
Und bleibt bei ihr im Tod noch stahn:
Wie Blitz und Knall und Donnerschall,
So fahren wir dahin, dahin.

Wie tönet das Kommandowort,
Sind heut' wir da und morgen dort,
Und übermorgen und übers Jahr,
Da sind wir wohl begraben gar:
Wie Blitz und Knall und Donnerschall,
So fahren wir dahin, dahin.

Vor der Schlacht.

Auf! auf! so ruft der Morgen –
Auch sie daheim ist nun erwacht
Und hat bereits an mich gedacht.
Doch daß wir stehen vor der Schlacht,
Ist ihr gottlob! verborgen.

Was ich an ihr besessen,
Ruft jede Stund' mir in den Sinn,
Seit ich ins Feld gezogen bin.
Riß auch mich heut die Kugel hin,
Nie wird sie mich vergessen.

Gern pflückt' ich ihr vom Rasen
Ein Blümlein ab zum fernen Gruß,
Das willenlos ich mit dem Fuß
In seiner Pracht zertreten muß,
Dieweil die Hörner blasen.

Mannstreu.

Ich wollt' mir in das Gärtlein
Jelänger-Jelieber sä'n,
Doch als es aufgegangen,
Nur Mannstreu sah ich stehn.

Mannstreu ist eine Distel
Und ich bereu' es schwer:
Ich trag' den Ring am Finger,
Er fährt schon weit im Meer.

Das Lied der Waise.

Als ich noch Vater und Mutter hatt',
War schön die Welt;
Nun bin ich Fremden an ihrer Statt
Ach, unterstellt!

Und wie ich mich auch betragen mag,
Gefall' ich nie:
Die Eltern mehr mit jedem Tag
Vermiss' ich sie.

Erscheint mir mein Leid auch manchmal still,
Wie abgetan;
Sobald es nur dunkel werden will,
Faßt mich es an.

Mutterherz.

(Nach einem oberpfälzischen Brauch.)

Die Mutter mußt' zu Grabe gehn,
So glücklich sie auch war,
Kaum hatte sie ihr Kind gesehn,
So lag sie auf der Bahr'.

Doch immer wird der Bäuerin
Das Bett noch aufgemacht,
Als wollt' sie, statt im Grab, darin
Verbringen ihre Nacht.

Und immer stehn die Schuh' bereit
Ihr unterm Lager dort,
Daß, wenn ihr Liebling nach ihr schreit,
Sie gleich am rechten Ort.

Läßt sich auch nichts mehr von ihr sehn,
Wann früh der Morgen graut,
Mag doch wohl keine Nacht vergehn,
Wo sie nach ihm nicht schaut.

Mutterstimme.

»O dürft' ich sein noch warten,
Den mir der Himmel nahm –
Oft eil' ich nach dem Garten,
Ob er nicht wieder kam.

»Wo sich auf ihrem Stengel
Die reine Lilie wiegt,
Da mein' ich, daß mein Engel
Mir hold entgegenfliegt.«

Grabröslein.

Auf einem Grabfeld prangen
Der weißen Röslein viel,
Gott rief, die Kindlein sprangen
Hinweg von ihrem Spiel.

Wohl ward bei ihrem Schwinden
Das Herz den Eltern schwer,
Doch wird das Wiederfinden
Sie freuen um so mehr.

Seufzer der Nonne.

Oft wann verlöscht die Kerzen,
Knie' ich zum ew'gen Licht:
O heiße Flamm' im Herzen,
Kannst du vergehen nicht?

Wie soll ich glüh'n der Liebe,
Der ich doch bin geweiht,
Wenn Erd- und Himmelstriebe
Noch in mir führen Streit?

Traum der Verlassenen.

Mir hat geträumt vergangne Nacht,
Er käm' mich abzuholen:
Das Kränzlein hat mich angelacht,
Das ich mir wand verstohlen.

Doch wie ich's eben aufgesetzt,
Als Braut ihn zu erwarten,
Da grad' mit einem Male jetzt
Stand ich im Kirchhofsgarten.

Zwei Straßen.

Zwei Straßen aus dem Orte ziehn,
Wo wir so nah' uns waren,
Wie weit sie auseinanderfliehn,
Das hab' ich wohl erfahren.

Den Lauf der einen hattest du,
Den andern ich genommen:
Du wanderst noch, und nicht zur Ruh
Bin ich auch selbst gekommen.

Zuversicht.

»Wenn ihr sagt, er sei gestorben,
Sag' ich euch, daß er noch lebt,
Wenn ihr sagt, er sei verdorben,
Künd' ich euch, daß er noch strebt.

»Woher ich's vermag zu wissen?
Durch des Herzens eigne Kraft,
Die in andern Finsternissen,
Als ihr ahnt, mir Licht verschafft.

»Was sind Berge, Wassersweiten,
Länder, menschenreich und -leer,
Was sind Erd- und Himmelsbreiten? –
Liebe trennt nicht Land noch Meer.«

Getrennte Herzen.

Wenn zwei sich lassen sollen,
Da wird die Sonne trüb:
Der Knab' ist fern verschollen,
Ins Kloster ging sein Lieb.

Zur Mette läutet's helle
Um jede Mitternacht –
Die Nonn' in ihrer Zelle
Ist längst zuvor erwacht.

Trauernder Flieder.

»Am Friedhof blüht der Fliederbaum
Just eben,
Steh' ich vor ihm, kommt mir im Traum
Mein Leben –

»Mein Leben, das ich nur zum Schein
Noch habe,
Seit sie ihn trugen dort hinein
Zu Grabe.«

An der Schneidemühle.

Bei einer Schneidemühle
Halt' allemal ich still:
Die Säge, wie ich fühle,
Zur Ruh' nicht kommen will.

Kaum ist ein Baum zerschnitten,
Kommt schon ein andrer dran,
Es geht durch's Herz mir mitten,
Als sei's mir angetan.

Vor Augen mein Geschicke,
Wird mir zu Mute schwer –
Ich folg' ihr mit dem Blicke
Und weiß von mir nichts mehr.

Ansage.

Ein Käuzlein rief vergangne Nacht
Vom Berg ins Dorf hinein: Komm' mit!
Lang horcht' ich hin, als ich erwacht,
Und immer rief es noch: Komm' mit!

Wie dann vom Turm die Zwölfe schlug,
Ins Läuten kam die Glock': Komm' mit!
Als käm's zum letzten Atemzug
Von Einem bald, so rief's: Komm' mit!

Der zerbrochene Ring.

Mir brach entzwei am Finger
Sein gülden Ringelein:
Bisher hofft' ich noch immer.
Nun aber laß ich's sein.

Der Falsche hat gewendet
Zu einer andern sich,
Doch wollt' nicht hintergehen,
Wie er, das Ringlein mich.

Sehnsucht nach der Alm.

Der Himmel und die Berge
Sie tragen gleiches Kleid,
Mir liegt in beider Ferne
All meine Seligkeit:

Im Himmel wohnt die Mutter
Und blickt auf mich herab,
Auf jenem Berge hütet
Mein lieber treuer Knab'.

Der Dengelmann von Briel.

Am Sonntag, wenn zum Dorf hinaus
Den Flug der Taubenschwarm nur tut,
Das ganze Dorf in Kirch' und Haus
In Andacht rings versunken ruht,

Hört man's zu Briel auf stiller Flur
Oft fern wie eine Sichel gehn,
Sucht aber wer des Mähders Spur,
Ist weit und breit kein Mensch zu sehn.

Ein Bauer lebte einst im Ort,
Der Sonntags nie zu feiern pflag:
Nun muß er dengeln fort und fort
Bis Sonntag vor dem jüngsten Tag.

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