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Neue Geschichten aus dem Ghetto

Leopold Kompert: Neue Geschichten aus dem Ghetto - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleNeue Geschichten aus dem Ghetto
authorLeopold Kompert
yearca. 1905
firstpub1860
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleNeue Geschichten aus dem Ghetto
pages354
created20080608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Schweigerin.

Aus einem hell erleuchteten Hochzeitshause in der »Gasse« drang lauter Jubel in die Nacht hinaus. Frühlingswarm, aber finster und voll leiser Regenschauer war diese Nacht, 46 recht wie sie zu einer Feier paßt, die zwei sehnende Menschenleben einem Geschicke entgegengeführt, das sonnig ihnen aufgehen kann, wie ein schöner Tag, aber auch bewölkt und düster – für eine lange, lange Zeit! Was sie aber da oben lustig und wohlgemut waren, die Leute jener fröhlichen alten Zeit! Sie hatten Leid und Drangsal gleich uns, und wenn das Unglück sie heimsuchte, hatte es für sie keine weichen Unterlagen oder zärtliche Händedrücke. Rauh und hart, mit geballter Faust griff es sie an. Aber wenn ihnen das Herz in Lust aufging und sie sich freuen wollten, da waren sie wie Schwimmer in kühlender Wasserflut. Sie warfen sich frisch und mutig hinein, und ließen sich von dem Strome tragen, wohin er, nicht aber wohin sie verlangten. Darum drang ein solches Aufjauchzen, aber auch solch unbesonnen lautes Ausströmen aller Lust, deren die Seele nur mächtig ist, aus jenem Hochzeitshause. »Und wenn ich wüßt',« hatte der Brautvater gesagt, der reiche Ruben Klattauer, »daß der letzte Gulden aus der Tasche heraus muß – er muß heraus.« In der Tat hatte es ganz den Anschein, als habe wirklich der letzte Groschen Flügel bekommen und gehe in Gestalt hochaufgetürmter Schüsseln mit Gänsen und Torten herum. Seit zwei Uhr, also seitdem die Trauung auf offener Straße vollzogen ward, bis nahe an die Mitternacht dauerte bereits die Mahlzeit, und noch immer liefen die »Sarvers« oder Aufträger aus einer Stube in die andre. Es war, als sei ein doppelter Segen in all diese Fülle von Getränken und Speisen gekommen, zuerst, daß sie sich nicht zu erschöpfen schienen, dann, daß sie noch immer neuen Raum fanden, um sich unterzubringen. Freilich trug zu dieser merkwürdigen Eßlust ein winziges, ganz unbedeutendes Männlein bei, auf das man aber nichtsdestoweniger stark gerechnet hatte. Man hatte nämlich eigens aus Prag den bekannten »Leb Narr« verschrieben, und wann hatte eine noch so griesgrämige Miene, ein noch so verbittertes Herz sich dagegen gesträubt, 47 aufzutauen und aufzulachen, wenn Leb Narr seine Schnurren trieb? Du bist jetzt tot, guter Narr, deine Lippen sind geschlossen, die immer einen Witz in Bereitschaft hatten, dein Mund spricht nicht mehr, der niemals stille stand; aber wenn alle die herzlichen Lachtöne, die einst auf dein Geheiß mitten aus den Seelen hervorquollen, für dich als Fürbitter an Gottes Throne standen, so hattest du nichts zu befürchten, und die »Seligkeit« der »andern« Welt war dein, wie sie immerhin dem frömmsten »Landesrabbiner« gehörte!

In einer der Stuben hatte sich indes die junge Welt zu einem Tanze zusammengefunden, und eigentümlich war's, wie die Geigen- und Trompetentöne mit den Schnurren des Pragers zusammentrafen. Hier donnerähnliche Ausbrüche einer Heiterkeit, vor denen den Kerzenflammen auf den Tischen bange ward, dort aber anständiges Drehen und Wenden, verstohlenes Lächeln und Winken, das nur zuweilen in ein lautes Gekicher überging, wenn sich ein altes Mütterchen von drüben hereingeschlichen und in einem »Redowak« ihre Kunst versuchte, die die jungen Leute nicht mehr recht anerkannten. Mitten in dem dichten Knäuel der Tanzenden gewahrte man die Braut im schwerseidenen Hochzeitskleide und in der goldnen Haube, deren Spitzen ihr tief ins Angesicht herabhingen. Sie tanzte unausgesetzt fort, sie tanzte mit jedem, der sie aufforderte. Wer aber den Bewegungen des jungen Weibes mit aufmerksamem Auge folgte, dem mußten sie hastig, fliegend, beinahe wild vorkommen. Sie sah niemandem ins Angesicht, nicht einmal ihrem Bräutigame, der zumeist zwischen der Tür stand, und mehr an den Witzen des Narren Gefallen zu finden schien, als an Tanz und Tänzerinnen. Wer aber dachte darüber nach, warum dem jungen Weibe die Hand glühte, warum ihr Atem so heiß wehte, wenn man ihrem Munde nahe kam? . . . Wen hätte das wundernehmen sollen? Schon ging ein leises Zischeln durch die Gesellschaft, über manche Lippen flog ein verstohlenes Lächeln . . . Plötzlich sah 48 man eine Wolke von ältlichen Frauen im Saale erscheinen, die Musik ließ eines ihrer lärmendsten Stücke ertönen – und wie durch Zauberei war die Neuvermählte hinter dieser Wolke verschwunden. Noch war der Bräutigam auf der Schwelle mit blöde lächelnder Miene zu sehen; aber es dauerte nicht lange, so hatte auch er sich entzogen, man hätte fast nicht sagen können, wie es gekommen. Aber die Leute verstehen diese Art Künste aus alter Erfahrung, und werden sie verstehen, solange es Braut und Bräutigam geben wird.

Dieses Verschwinden der zwei Hauptpersonen gab aber doch, wie wenig man es zu bemerken schien, das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. Der Tanz wurde schläfrig; mit einem Male hörte er wie auf ein verabredetes Zeichen auf. Jetzt begann jener wirre Lärm, der mit dem Aufbrechen so lustiger Hochzeitsgesellschaft verbunden ist; halbtrunkene Stimmen ließen sich nun vernehmen, während anderswo noch ein letztes helles Auflachen über eine Schnurre des Prager Narren über den Tisch hin donnerte. Hie und da suchte einer, der sich nicht ganz im Gleichgewichte fühlte, die Lehne eines Stuhls oder die Kante des Tisches, und schleuderte dafür eine übriggebliebene Schüssel oder ein Bierglas zu Boden, und während darüber neuer Lärm sich erhob, geschah es einem andern, der in würdevollem Ernste sich entfernen wollte, daß er über die umhergestreuten Trümmer einen schweren Fall tat. Wahrhaft betäubend ward aber dieses Gewirre, als sich alles zur Türe drängte und in diesem Augenblicke schrille Töne, Schmerzensrufe, von der Hausflur herausdrangen. Da drängte sich die ganze Wucht der Hinausströmenden mit aller Gewalt wieder in die Stuben zurück und es dauerte eine gute Weile, bis der Strom wieder zurückgedämmt war. Währenddem erschollen neue Schmerzensrufe von unten herauf, aber so durchdringend, daß sie selbst den trunkensten Sinn zur Besinnung brachten.

49 »Lebendiger Gott,« schrien sie durcheinander, »was geht da unten vor? Ist Feuer im Haus?«

»Fort, fort ist sie,« rief eine weibliche Stimme von der Hausflur.

»Wer? Wer?« murmelten die Hochzeitsgäste untereinander, und eisiger Schauer hatte die Herzen erfaßt.

»Fort, fort!« schrie das Weib von der Hausflur, und über die Treppe herauf kam Selde Klattauer, die Mutter der Braut, totblassen Antlitzes, die Augen wie aufgerissen vom furchtbarsten Entsetzen, einen Leuchter in der krampfhaft geschlossenen Hand.

»Um Gottes willen, Selde, was ist geschehen?« rief man ihr von allen Seiten zu.

Die vielen Leute, die sie um sich sah, und die wirren Stimmen, die alle auf sie eindrangen, schienen das arme Weib aus einer Art Erstarrung zu reißen. Sie blickte unsicher umher, dann als ob sie ein Gefühl von Scham überkommen hätte, das stärker war als ihr Entsetzen, sagte sie gepreßten Tones:

»Nichts, nichts, Leut'! Ich bitt' euch um Gottes willen! . . . Was soll vorgefallen sein?«

Die Verstellung war jedoch zu auffallend, als daß sie damit hätte täuschen können.

»Was schreist du also, Selde?« rief ihr einer aus den Gästen zu, »wenn nichts vorgefallen ist?«

»Sie ist ja fort,« schrie jetzt Selde mit herzzerschneidendem Tone, »und hat sich gewiß etwas zuleide getan.«

Nun erst erfuhr man den Anlaß dieser eigentümlichen Szene. Die Braut war aus der Hochzeitskammer entschwunden. Als der Bräutigam, kurz nachdem das ihm angetraute Weib auf so geheimnisvolle Weise entführt ward, hinabkam in das dämmerige Gemach, fand er sie nicht, die er suchte. Ihm erschien dies im ersten Augenblicke wie 50 verschämter Scherz – aber da er sie nicht fand, faßte ihn ein geheimnisvolles Ahnen; er rief nach der Mutter seines Weibes. Wehe! dieses Weib war verschwunden!

Nun erst fuhr neue Bewegung in die so seltsam zurückgehaltene Gesellschaft. Da sei nichts zu tun, hieß es von allen Seiten, als das Haus in allen Winkeln nachsuchen; man habe merkwürdige Beispiele von dergleichen Verschwinden einer Braut. Böse Geister lauerten in dieser Nacht auf, und spielten dem Menschen allerlei Zauberspuk vor. So eigentümlich diese Vermutung klang, von vielen ward sie in diesem Augenblicke geglaubt, am meisten von Selde Klattauer selbst; aber auch nur für einen Augenblick. Denn gleich darauf schrie sie: »Nein, nein, meine lieben Leut', sie ist fort, ich weiß, sie ist fort.« Den meisten ward es erst jetzt recht unheimlich zu Gemüte, namentlich den Müttern, die ängstlich nach ihren Töchtern riefen; nur wenige zeigten sich beherzt und meinten, man müsse suchen und suchen, und wenn man die Iser hundertmal umkehren müßte. Sie drängten sich gewaltsam hindurch, schrien um Fackeln und Laternen und liefen fort. Die Zaghaften eilten ihnen nach über die Treppe; ehe man sich's versah, war die Stube geleert. Unten auf der Hausflur stand Ruben Klattauer, und ließ die Leute an sich vorüber, ohne an irgend jemanden ein Wort zu richten. Die bittere Enttäuschung und der Schreck hatten ihn fast von Sinnen gebracht. Einer der letzten, der oben in der Stube bei Selde blieb, war merkwürdigerweise Leb Narr aus Prag. Als alles hinaus war, näherte er sich der unglücklichen Frau, und mit einem Tone, der seltsam zu seinem ganzen Wesen stimmte, fragte er sie:

»Sagen Sie mir, Frau Selde, hat sie ›ihn‹ denn nicht gern genommen?«

»Wen? wen?« schrie Selde mit neuem Entsetzen auf, da sie sich mit dem Narren allein sah.

»Ich mein',« sagte Leb mit ausdrucksvoller Gebärde, 51 indem er sich ganz nahe zu Selde neigte, »ob sich Ihre Tochter vielleicht hat zwingen lassen?«

»Zwingen? Haben wir sie denn gezwungen?« rief Selde und starrte den Narren mit unsicherm Blicke an.

»Dann muß man sie nicht suchen,« sagte der Narr mit mitleidigem Lächeln und trat zurück, »und besser ist's, man läßt sie dort, wo sie ist.«

Ohne Dank und Nachtgruß war er hinausgegangen.

Indessen war die, von der alle diese Verwirrung kam, am Ziele ihrer Flucht angelangt.

Hart an die Synagoge ist das Haus des Rabbiners gebaut. Es lag in dem Winkel eines engen Gäßchens, von hohen, schattigen Bäumen umrahmt, schon am Tage unheimlich, bei Nacht für ein furchtsames Gemüt fast unzugänglich, das da fest überzeugt war, man könne aus dem düstern Gotteshause die leisen Gebete der Toten vernehmen, wenn sie des Nachts die »Thorarollen« aus der Lade nehmen, und bei ihren Namen sich »aufrufen«.

Durch dieses unbetretene Gäßchen schwebte oder lief vielmehr um diese Stunde eine scheue Gestalt. Als sie an der Rabbinerwohnung angelangt war, blickte sie sich um, ob ihr niemand folge; aber es war alles still und unheimlich um sie herum. Aus der Synagoge drang durch ein Fenster ein fahler Schein, der von der »ewigen Lampe« vor der Lade herrührte. Ihr aber mochte es in diesem Augenblicke sein, als leuchte sie ein überirdisches Auge an; heftig erschrocken griff sie an den kleinen eisernen Hammer, der an der Türe hing, und klopfte. Aber der Schlag ihres bewegten Herzens war doch stärker als dieser Schall; er hätte noch jeden lautern übertäubt. Nach einer Weile wurden schleichende Schritte auf der Hausflur hörbar.

Es war noch nicht lange, daß der Rabbiner in diesem stillen Hause wohnte; vor wenigen Monaten hatten sie den fast hundertjährigen Vorgänger begraben. Er war aus 52 weiter Ferne gekommen, ohne Weib und Kind in der Blüte männlicher Jugend, niemand hatte ihn früher gekannt: aber sein hohes Wesen und die Tiefe seines Wissens ergänzten, was ihm an Würde vieler Lebensjahre abging. Eine alte Mutter war mit ihm aus der Fremde gekommen, die ersetzte ihm Weib und Kind.

»Wer ist da draußen?« fragte der Rabbiner, der noch in so später Stunde an seinem Büchertische gesessen und den Schall des eisernen Hammers nicht überhört hatte.

»Ich bin's, Rabbi,« flüsterte die Gestalt draußen fast unvernehmbar.

»Red lauter, wenn ich dich verstehen soll,« rief der Rabbiner.

»Ich bin's . . . Ruben Klattauers Tochter,« entgegnete sie.

Dem Rabbi schien dieser Name fremdartig zu klingen; er kannte noch zu wenig die Mitglieder der Gemeinde, um sogleich zu wissen, daß er diejenige, die soeben ihren Namen genannt, am heutigen Tage auf offener Straße getraut hatte. Darum rief er nach einer Weile:

»Was willst du so spät in der Nacht?«

»Macht nur auf, Rabbi,« rief sie draußen bebend, »wenn ich nicht sogleich sterben soll.«

Da wurde der Riegel zurückgeschoben. Etwas Glänzendes, Rauschendes fuhr in der Dunkelheit der Hausflur an dem Rabbi vorbei; er konnte es bei dem Scheine der Kerze, die er in der Hand hielt, nicht gewahren. Noch ehe er sie anrufen konnte, war sie an ihm vorübergehuscht und durch die offenstehende Türe in der Stube verschwunden. Kopfschüttelnd schob der Rabbi wieder den Riegel vor.

Als er nun in die Stube trat, sah er auf dem Stuhle, den er gewöhnlich einnahm, eine weibliche Gestalt sitzen. Sie saß von ihm abgewandt, den Kopf tief auf die Brust geneigt, die goldne Hochzeitshaube mit den schattenden Spitzen tief herabgezogen. Da konnte der Rabbi, wie glaubensstark 53 sonst sein Gemüt war, sich eines leisen Schauers nicht erwehren.

»Wer bist du?« rief er mit lauter Stimme, als hätte ihr Klang allein die Anwesenheit des Wesens bannen können, das ihm in diesem Augenblicke angetan mit allen Zaubern der Nachtgeister erscheinen mußte.

Da erhob sie sich und rief in einem Tone, aus dem aller Jammer einer menschlichen Seele zu kommen schien:

»Kennst du mich denn nicht, die du heute, erst vor einigen Stunden unter der Chuppe (Trauhimmel) mit einem Manne verbunden hast?«

Dieser traulichen Anrede gegenüber war der Rabbi ganz sprachlos; er starrte die junge Frau an, und wohl mochte er sie nun für keinen Nachtgeist, aber für eine von zerstörtem Geiste halten.

»Wenn du also die bist,« sagte er nach einer Weile fast stammelnd, denn er hatte nur schwer die Antwort gefunden, »warum bist du denn hier, und warum nicht an dem Orte, wohin du gehörst?«

Heftig rief sie:

»Ich kenne keinen andern Ort, wohin ich gehöre, als den da, wo ich jetzt bin.«

Diese Worte verwirrten nun den Rabbi noch mehr. War das in der Tat eine Wahnsinnige, die da vor ihm saß? Er mußte sie dafür halten, denn mit jenem milden Tone, mit dem wir Kranken entgegentreten, um sie nicht zu reizen, sagte er:

»Der Ort, an den du gehörst, meine Tochter, ist das Haus deiner Eltern, und da du heute die Frau eines Mannes geworden bist, so gehörst du in dessen Haus.«

Da murmelte das junge Weib etwas, das unverstanden zu den Ohren des Rabbis gelangte. Nur so viel glaubte er noch immer, eine Unglückliche, deren Sinne zerstört waren, vor sich zu sehen. Noch milder sagte er nach einigen Augenblicken:

54 »Wie heißest du denn, mein Kind?«

»Gott! Gott!« rief sie hierauf im Tone des tiefsten Schmerzes. »Er kennt nicht einmal meinen Namen!«

»Wie sollt' ich dich kennen,« meinte er, sich entschuldigend, »da ich fremd in dieser Gegend bin?«

Dieser milde Ton schien auf das aufgeregte Gemüt des jungen Weibes doch vorteilhaft gewirkt zu haben.

»Ich heiße Veile,« sagte sie nach einer Pause ruhig.

Der Rabbi begriff es nun leicht, daß der Ton, den er dem rätselhaften Wesen seines Gastes gegenüber angeschlagen, der rechte sei.

»Veile,« sagte er und trat ihr näher, »was willst du von mir?«

»Rabbi, ich habe eine schwere Sünde auf meiner Seele,« rief sie dumpf; »ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Was kannst du begangen haben,« meinte der Rabbi mit seinem Lächeln, »über was sich nicht zu jeder andern Zeit reden ließe, als gerade jetzt? Du wirst dir etwas einreden, Veile!«

»Nein, nein,« rief sie wieder mit Heftigkeit, »ich rede mir nichts ein. Was mich drückt, das weiß ich, das sehe ich. Ich kann's ja mit der Hand greifen, so liegt es da vor mir. Heißt das sich etwas einreden?«

»Gut,« sagte der Rabbi, der wohl fühlte, daß es darauf ankomme, das junge Weib zum Reden zu bringen, »gut, ich sage, daß du dir nichts einbildest. Ich nehm' selbst an, du hast schwer gesündigt. Bist du denn hergekommen, mir diese Sünde anzuvertrauen? Wissen denn deine Eltern nichts davon oder dein Mann?«

»Wer ist mein Mann?« schrie sie heftig auf.

In der Seele des Rabbi wogten die Gedanken wie ein wildbewegtes Meer; Vermutungen widerstreitender Natur kreuzten sich darin. Sollte er mit ihr sprechen wie mit einer geständigen Sünderin?

55 »Bist du vielleicht zu deiner Heirat gezwungen worden?« fragte er nach einer Weile mit der ganzen Milde seiner Sprache.

Ein unterdrücktes Schluchzen, ein gewaltsam unterdrücktes Ringen, das sich im Zittern ihres Körpers offenbarte, war die Antwort auf diese Frage.

»Red, mein Kind,« mahnte der Rabbi.

In Lauten, wie sie der Rabbi noch nie im Leben vernommen hatte, so fremdartig, so über alles Menschliche hinausgehend klangen sie, begann nun das junge Weib:

»Ja, Rabbi, ich will reden, und wenn ich gleich wüßte, ich werde nicht mehr lebendig von hier fortgehen, was doch überhaupt für mich besser wäre. Nein, Rabbi, ich bin zu der Heirat nicht gezwungen worden. Meine Eltern haben nicht ein einziges Mal zu mir gesagt: du mußt! sondern mein eigener Wille, mein eigener Kopf hat alles entschieden. Mein Bräutigam ist des reichsten Mannes Sohn in der Gemeinde. In seinem Hause als die erste Frau in der Gasse umherzugehen, in Gold und Silber bis an den Hals zu sitzen, das hat mich an ihm verblendet, Rabbi, sonst gar nichts. Da hab' ich mich selbst gezwungen dazu, und hab' mein Herz und meinen Willen dazu genötigt, wie schwer es mir auch angekommen ist. Aber in der innersten Seele drin hab' ich ihn gehaßt, und je mehr Lieb' er mir gezeigt hat, desto mehr habe ich ihn gehaßt . . . Immer hat aber das Gold und das Silber recht gehabt, das hat mir immer zugeschrien: Du wirst die erste Frau in der Gasse sein!«

»Red weiter,« sagte der Rabbi, als sie nach diesen Worten erschöpft schwieg. Der Klang ihrer Stimme, das Seltsame ihres Geständnisses, alles überkam den Rabbiner mit so fremdartiger Gewalt, daß er wie festgebannt von einem Zauber ihr zuhörte.

»Was soll ich weiter reden, Rabbi?« begann sie wieder. »Ich bin niemals eine Lügnerin gewesen, weder als Kind, noch später, und doch ist's mir während meines ganzen 56 Brautstandes gewesen, als gehe mir eine große starke Lüge auf allen Schritten und Tritten nach; ich hab' sie überall um mich gesehn . . . Aber erst heute, Rabbi, wie ich unter der Chuppe gestanden bin, und er seinen Ring vom Finger genommen hat und hat ihn an meinen gegeben, und wie ich dann tanzen mußte auf meiner eignen Hochzeit mit dem, den ich erst jetzt recht als die Lüge erkannte und . . . wie sie mich dann fortgeführt haben –.«

Als dieses schamvolle Geständnis den Lippen der jungen Frau entglitten war, stöhnte sie laut auf und ließ dann den Kopf noch tiefer auf die Brust herabsinken. Der Rabbi betrachtete sie schweigend. So sprach keine, deren Sinne nicht klar waren, so klagte sich nur ein in seltsamer Befangenheit schwebendes, aber ein sich bewußtes Gemüt an!

Es war nicht Mitleid, das er mit ihr fühlte; weit eher war es ein Hineinleben in die Lage dieses Weibes; trotz der abgebrochenen undeutlichen Erzählung war dem Rabbi alles klar. Die Flucht aus dem väterlichen Hause, in dieser Stunde und um eines solchen Anlasses wegen, bedurfte auch keiner Erläuterung.

»Ich hab' dich verstanden, mein Kind,« wollte er sagen, aber er brachte dafür nur die Worte heraus: »Red weiter, Veile.«

Das junge Weib wandte sich jetzt um; noch hatte er ihr Antlitz nicht gesehen; die goldne Hochzeitshaube mit den schattenden Spitzen hing tief herab.

»Hab' ich denn nicht schon alles geredet?« rief sie mit einem Anfluge von Hohn.

»Alles?« wiederholte der Rabbi sich fragend. In der Tat sprach er nur so aus Verlegenheit.

»Red du jetzt!« rief sie mit einem Male leidenschaftlich wild, »was soll ich tun?«

»Veile!« schrie der Rabbi, den erst jetzt diese vertrauliche Ansprache mit Entsetzen erfüllte.

57 »Red du jetzt!« rief sie, und ehe der Rabbi es hindern konnte, hatte sich das junge Weib zu seinen Füßen geworfen und umfaßte seine Knie. Bei der heftigen Bewegung war die goldne Hochzeitshaube von ihrem Kopfe gefallen, und ihr Antlitz ward dadurch frei, ein Antlitz von merkwürdiger Schönheit.

So blendend wirkte dieser Anblick auf den jungen Rabbi, daß er die Augen, wie von einem jähen Blitzscheine getroffen, mit den Händen bedecken mußte.

»Red jetzt,« rief sie, »was soll ich tun? Meinst du, ich bin fortgegangen aus dem Haus meiner Eltern, um ohne Rat wieder dahin zurückzugehen? Du mußt mit mir reden und kein andrer auf der Welt. Sieh mich an! Ich habe noch mein ganzes Haar behalten, wie es mir Gott gegeben hat, es hat keine Schere darauf kommen dürfen. Meinem Manne hätte ich den Gefallen tun sollen? Ich bin nicht sein Weib, ich will nicht sein Weib sein! Red, red, was soll ich tun?«

»Steh auf, steh auf!« rief der Rabbi, aber sein Ton war gebrochen, er klang fast schmerzlich.

»Erst rede!« schrie sie, »ich steh' nicht eher auf!«

»Wie kann ich reden?« rief er fast unhörbar.

»Naphtali!« schrie das junge Weib auf.

Da taumelte aber der Rabbi hinweg, es flammte wie lauter Licht in der Stube und vor seinen Augen. Ein schriller Ton, wie wenn ein an schmerzhafter Wunde Leidender von rauher Hand daran gefaßt wird, entrang sich seiner Brust. In der hastigen Bewegung nun, mit der sich der Rabbi von dem jungen Weibe losriß, das seine Knie umfaßt hielt, geschah es, daß sie mit dem Kopfe schwer auf den Boden fiel.

»Naphtali!« rief sie noch einmal.

»Schweig, schweig!« stöhnte der Rabbi und hielt beide Hände in das Gesicht gepreßt.

Und noch einmal rief sie diesen Namen, aber nicht im Tone des Schmerzes; es klang etwas hindurch, was zugleich 58 jauchzte und weinte, und wieder rief er entgegen: »Schweig, schweig,« aber diesmal so gebieterisch und bezwingend, daß das junge Weib wie gebannt am Boden lag und mit keinem Laut sich zu verraten wagte.

Da ging der Rabbi in heftiger Bewegung in der Stube auf und ab. Es mochte ein Schweres und Furchtbares sein, das in seiner Brust stritt. Oft war es der am Boden Liegenden, als hörte sie ihn aus tiefster Seele seufzen! – dann mäßigte sich sein Schritt. Aber es währte nicht lange, so mochte ihn der schwere Kampf wieder überwältigt haben; – sein Schritt behastete sich dann, und hörbar scholl er durch die nächtlich stille Stube. – Mit einem Male näherte er sich dem jungen Weibe, das in seiner Lage noch kaum zu atmen schien. Er blieb vor ihr stehen – und wer in diesem Augenblicke in das Antlitz des Rabbi hätte blicken können, würde vor dessen Ausdruck von Schauer erfaßt worden sein. Es lag eine merkwürdige Ruhe darauf – die Ruhe eines niedergeworfenen Kampfes.

»Hör mich jetzt an, Veile,« begann er langsam, »ich will mit dir reden.«

»Ich höre, Rabbi,« flüsterte sie.

»Hörst du mich aber gut?«

»Rede nur,« sprach sie.

»Willst du aber auch tun, was ich dir vorschlagen werde? Wirst du dich dagegen nicht auflehnen? Denn ich werde dir etwas sagen, was dich sehr erschrecken wird.«

»Alles, was du redest, Rabbi, will ich tun! Nur rede!« rief sie.

»Willst du schwören?«

»Ich will!« stöhnte sie.

»Schwöre noch nicht,« rief er, »bis du mich angehört hast. Ich will dich nicht gezwungen haben.«

Diesmal antwortete sie nicht.

»Hör mich also an, Veile, Tochter Ruben Klattauers,« 59 begann er nach einer langen Pause, »du hast eine doppelte Sünde auf deiner Seele, und jede ist groß und stark genug, daß sie nur durch schwere Buße ausgelöscht werden kann. Zuerst hast du dich von Gold und Silber lassen blenden, und hast dein Herz zu einer Lüge gezwungen. Mit der Lüge hast du einen Mann betrügen wollen, und er hat dir doch sein Alles anvertraut, indem er dich zu seinem Weibe genommen hat. Eine Lüge ist aber eine große Sünde . . . Ströme Wassers können sie nicht ertränken; denn sie macht den Menschen falsch und niedrig vor sich selbst, und das Schlechteste, was auf der Welt jemals gelebt hat, ist durch eine Lüge entstanden. Das ist die eine Sünde!«

»Ich weiß, ich weiß,« schluchzte das junge Weib.

»Hör mich jetzt weiter an,« begann der Rabbi wieder nach einer Weile mit unsicherer Stimme, »du hast noch eine zweite Sünde begangen, und die ist größer als die erste . . . Du hast nicht nur deinen Mann belogen, du hast noch einen zweiten Menschen unglücklich gemacht. Du hättest reden können und hast nicht geredet . . . Sein Lebensglück, sein Licht und seine Freude hast du einem Menschen genommen und hast nicht geredet. Was kann derjenige jetzt tun, nachdem er weiß, was ihm verloren gegangen ist?«

»Naphtali!« rief das junge Weib.

»Schweig, schweig, und laß den Namen nicht mehr über deine Lippen kommen,« schrie er heftig, »deine Sünde wächst und schwillt an, je mehr du ihn aussprichst . . . Warum hast du nicht geredet, als du hättest reden können? Das kann dir Gott so leicht nicht verzeihen! Verschweigen, ersticken in sich, was einen Menschen glücklicher gemacht hätte, als den mächtigsten König! . . . Damit hast du ihn mehr als bloß unglücklich gemacht! Der Mensch wird nie mehr die Lust in sich tragen, glücklich zu werden. Veile, das kann dir Gott im Himmel nicht verzeihen!«

»Schweig, schweig,« wimmerte das unglückliche Weib.

60 »Nein, Veile,« sagte er mit tönender Stimme, »laß mich jetzt reden. Du willst ja, daß ich reden soll! Hör mich an! Für die Sünde, für die doppelte Sünde, die du auf deiner Seele trägst, mußt du eine starke Buße über dich nehmen. Gott ist langmütig und gnädig; er wird vielleicht auf dein Elend herabsehen, und wird dann die Sünden aus dem großen Schuldbuch streichen. Aber eine Buße mußt du über dich nehmen. Hör mich an, worin sie bestehen soll.«

Der Rabbi hielt inne; er wollte das Schwerste aussprechen, das je über seine Lippen gekommen war.

»Du hast geschwiegen, Veile,« rief er dann, »als du hättest reden sollen. Sei von nun an stumm für alle Menschen, und für dich selbst. Von dem Augenblicke an, wenn du aus diesem Hause heraustrittst, bis daß ich dir es erlauben werde, mußt du stumm sein, darf kein lautes Wort aus deinem Munde kommen! Willst du diese Buße über dich nehmen?«

»Alles, was du sagst, will ich tun!« schluchzte das junge Weib.

»Wirst du die Kraft dazu haben?« fragte er milde.

»Ich werde stumm sein wie eine Tote,« rief sie.

»Und noch eins habe ich dir zu sagen,« begann er wieder. »Du bist jetzt das Weib deines Mannes! Gehe nach Hause und sei ein jüdisch Weib!«

»Ich versteh' dich,« rief sie weinend.

»Geh nach deinem Hause und bringe Ruhe deinen Eltern und deinem Manne. Es wird eine Zeit kommen, da wirst du reden dürfen, da wird die Sünde von dir weggenommen sein! Bis dahin trage, was dir ist auferlegt worden.«

»Darf ich eins noch reden?« rief sie und hob den Kopf auf.

»Rede!« sagte er.

»Naphtali!«

Der Rabbi fuhr mit der einen Hand nach den Augen, mit der andern winkte er ihr, daß sie einhalten solle. Sie 61 aber ergriff diese Hand und zog sie an ihren Mund, heiße Tränen fielen darüber.

»Geh jetzt,« rief er gebrochen in seinem innersten Wesen.

Sie ließ nun diese Hand los. Der Rabbi hatte den Leuchter ergriffen, sie aber war ihm rasch vorübergegangen und glitt durch die dunkle Hausflur. Die Tür war unverschlossen geblieben. Der Rabbi schob den Riegel vor.


Unbemerkt, wie sie entkommen war, gelangte Veile wieder in das väterliche Haus zurück. Die Gasse war leer und todöde; die sie suchten, waren überall zu finden, nur nicht da, wo sie die Entwichene zuerst hätten suchen sollen. Ihre Mutter Selde saß noch immer auf demselben Stuhle, in den sie vor einer Stunde gesunken war; das Entsetzen hatte sie wie gelähmt, und sie vermochte sich nicht zu erheben. Welch einen merkwürdigen Gegensatz zu der Freude, die hier geherrscht, bildete nun diese Hochzeitsstube in ihrer Dunkelheit und diese Mutter darin! Als nun Veile jetzt eintrat, schrie die Mutter nicht auf, es fehlte ihr die Kraft hierzu. Sie sagte nur: »Kommst du endlich, meine Tochter!« als wenn Veile von einem etwas zu langen Spaziergange heimgekehrt wäre. Aber als das junge Weib auf diese und ähnliche Fragen nicht antwortete, und endlich durch eine Gebärde bemerkbar machte, sie könne nicht reden, da gewann das Entsetzen in dieser unglückseligen Mutter neue Kraft, und ihr Jammer durchtönte das ganze Haus. Ruben Klattauer und der Mann Veiles, die jetzt von nutzlosem Suchen heimkamen, erfuhren mit Grauen die Veränderung, die mit Veile vorgegangen. Sie, als Männer, jammerten nicht; sie starrten das junge stumme Weib mit weit aufgerissenen Augen an und sahen da eine Erscheinung, über die Gottes Heimsuchung in unbegreiflicher Weise ergangen war . . .

62 Von dieser Stunde begann die schreckliche Buße des jungen Weibes.

Wunderbar war der Eindruck, den der schreckliche Zustand Veiles auf die Leute in der Gasse hervorbrachte. Die mit ihr am Hochzeitsabend getanzt hatten, erinnerten sich erst jetzt ihrer Aufregung; vielen kam erst im Nachdenken ihr verstört wildes Wesen in den Sinn. Das müsse ein »böses Auge« gewesen sein, folgerte man, ein neidisches böses Auge, dem ihre Schönheit verhaßt war; dies allein hatte den Geist der Unruhe in sie geworfen. Sie war durch die böse Macht in die Nacht getrieben worden, ein Spiel tückischer Gewalten, die auf Schritt und Tritt dem Menschen, namentlich bei solchen Gelegenheiten nachgingen! Gott der Lebendige wisse, was sie in jener Nacht »gesehen« haben müsse, Gutes nicht, denn davon werde man nicht stumm! Alte Sagen und Geschichten tauchten auf, eine grauenhafter als die andre, und Beispiele, daß solche Dinge nicht neu waren in der Gasse, kamen zu Hunderten auf. Trotz dieser Deutung blieb es merkwürdig, daß die Leute das junge Weib nicht für stumm hielten; man glaubte allgemein, ihre Sprache sei nur infolge eines ungeheuren Schreckens gelähmt worden, aber es werde eine Zeit kommen, da werde sie mit einem Male wieder zu reden anfangen. In dieser Voraussetzung nannte man sie: Veile, die Schweigerin.

Es gibt eine menschliche Beredsamkeit, die stärker und bezwingender ist, als die lautesten Worte und als wohlgefügte Rede – das Schweigen der Frauen! Das Kleinste, Geringste können sie oft nicht verwinden, aber den großen, nagenden Schmerz ihrer Seelen, das wühlende Siechtum beständigen Entsagens und Opferns verhalten sie in sich mit stummen Lippen, – nicht anders, als wären sie mit eisernen Reifen umschlossen.

Es wäre schwer, das ganze »schweigende« Leben des jungen Weibes in seinem Verlaufe zu erzählen, es ist beinahe 63 unmöglich, mehr als einen Zug davon aufzuzeichnen. Veile folgte ihrem Manne ins Haus, in jenes glänzende, von Gold und Silber strotzende Haus, um dessentwillen sie geblendet worden war. Sie war wirklich die »erste« Frau in der Gasse, sie hatte alles in Hülle und Fülle, und die Leute fanden sogar ihren Zustand minder beklagenswert. »Muß man denn alles beisammen haben?« hieß es zuweilen in der »Gasse«, – »der eine hat dies, der andere jenes.« Dem Anscheine nach hatten die Leute auch recht: Veile blieb das schöne, blühende Weib; keinen einzigen Reiz hatte die Buße des Schweigens von ihr genommen. Ja, so glücklich war das junge Weib, daß es die Schwere dieser Buße gar nicht zu empfinden schien. Veile konnte lachen und sich freuen – dennoch vergaß sie nie zu schweigen! Aber diese anscheinend glücklichen Tage waren nur geschickt, um die rechte Zeit der Prüfungen und Versuchungen herbeizuführen. Leicht war es ihr am Anfang gemacht worden, schwer sollte die Mitte und das Ende sein. Ihre Ehe war in den ersten Jahren kinderlos. »Es ist gut,« sagten die Leute in der Gasse, »daß sie keine Kinder hat, und Gott hat das ganz fein eingerichtet. Eine Mutter, die mit ihrem Kinde nicht reden kann, – wäre das nicht zu schrecklich?« Da genas sie eines Tages, allen unerwartet, eines Mädchens. Und als das holde neue Leben, das sie in ihrem Schooße getragen, an ihre Brust gelegt wurde, und die ersten Laute aus seinem Munde ihr entgegendrangen, – jene namenlos beredte Sprache eines Unmündigen – sie vergaß sich nicht und – schwieg!

Sie schwieg auch, als das Kind in immer freudigerer Schönheit vor ihren Augen aufblühte, und hatte keine Sprache für dasselbe, mochte es in überquellender Zärtlichkeit die zarten Arme ihr entgegenstrecken, – mochte es im brennenden Fieber nach der Hand der Mutter suchen. An seinem Bette wachte sie tage-, ja wochenlang, – der Schlaf kam nicht über sie, – aber ihrer Buße blieb sie stets eingedenk.

64 Jahre waren verflossen. In ihren Armen trug sie ein andres Kind, einen Knaben! Groß war die Freude des Vaters gewesen; das Kind trug den Stempel der Schönheit seiner Mutter. Blühend wuchs es heran, gleich seiner Schwester, – die mächtigste, reichste Frau, meinten die Leute, könnte stolz auf solche Kinder sein. Veile war auch gewiß stolz; aber niemals gewann dies auf ihren Lippen einen Ausdruck, und wofür Mütter in ihrer Freude oft nicht Worte genug finden, dafür blieb sie stumm, und wie auch manchmal ihr Antlitz leuchtete und glänzte, . . . niemals verlor sie die Gewohnheit des auferlegten Schweigens.

In ihrem Geiste mochte sich der Gedanke gefestigt haben, daß das kleinste Übertreten ihrer Buße von Fluch für ihre Kinder begleitet sei. Mütter werden es begreifen, – besser als jeder andre es kann, – was diese Mutter unter dem Opfer ihres Schweigens litt!

So war ihr ein Teil jener Jahre entschwunden, die wir als die besten zu bezeichnen pflegen. Noch blühte sie in ihrer merkwürdigen Schönheit, ihre jungfräuliche Tochter war neben ihr nur wie die Knospe neben der reifen Rose. Schon fanden sich auch aus Nah und Fern Bewerber ein, die zu dem schönen Mädchen auf die »Beschau« kamen. Es waren meist treffliche junge Männer, und jede Mutter konnte sich rühmen, wenn sie gerade ihrer Tochter sich genaht hätten. Auch damals brach Veile ihre Buße nicht; ihr war jene gesprächige Geschäftigkeit nicht gestattet, mit der Mütter bei solchen Gelegenheiten die Vorzüge ihrer Töchter ins hellste Licht zu setzen wissen. Auf einen der trefflichsten Bewerber war die Wahl gefallen; es war ein Paar, wie man es in solcher Schönheit und Anmut niemals in der Gasse gesehen hatte. Da schlich, wenige Wochen vor der bereits anberaumten Hochzeit, eine tückische Krankheit herbei, die damals über den größten Teil des Landes Trauer und Angst verbreitete. Namentlich junge Mädchen fielen ihr als Opfer, an dem 65 alten und schwachen Leben ging sie zumeist höhnend vorüber. Auch Veiles Tochter ward davon ergriffen; – noch ehe drei Tage vergingen war eine Leiche im Hause – die Braut!

Auch damals brach Veile ihre Buße nicht. Wohl stieß sie, als man die Leiche auf den »guten Ort« hinaustrug, einen Schmerzensschrei aus, der den Leuten noch lange hernach in der Seele nachklang – wohl rang sie verzweiflungsvoll die Hände – aber niemand vernahm eine gesprochene Klage; ihre Lippen schienen für immer verstummt. Damals war es auch, daß der Rabbi in den sieben Tagen der Trauer, die sie sitzend auf einem niederen Schemel zubrachte, zu ihr kam, um ihr den üblichen »Trost der Toten« zu bringen. Aber er sprach nicht zu ihr; nur an ihren Mann wandte er seine Rede. Sie selbst wagte nicht aufzublicken . . . nur als er sich zum Fortgehen anließ, schaute sie auf. Da begegnete sie dem Blicke des Rabbi . . . aber er ging ohne Gruß hinfort.

Seit dem Tode der Tochter war Veiles Wesen innerlich gebrochen. Was man selbst in ihren Jahren noch Schönheit nennen konnte, das war binnen wenigen Tagen verblichen. Ihre Wangen waren hohl geworden, ihre Haare ergraut. Die Leute, die zu ihr kamen, wunderten sich, wie sie nach einem solchen Schlage noch bestehen, wie ihr Leben noch zusammenhalten konnte. Sie wußten nicht, daß jenes Schweigen ein eisernes Band war, das die erschlafften Geister gewaltig umfaßt hielt. Dazu hatte sie noch einen Sohn, an den sich ihr ganzes Sein, wie an ein Letztes und Teuerstes klammerte.

Der Knabe war dreizehn Jahre alt. Schon jetzt sprach man auf Meilen weit von seiner Gelehrsamkeit in den heiligen Schriften; er war der Schüler des Rabbi gewesen, der ihn mit einer Liebe und Zartheit behandelte, als wäre er dessen eigen Kind. Der Rabbi hatte dem Knaben eine große Zukunft vorausgesagt; er sei ein merkwürdiges Kind von so großen Anlagen, wie sie noch selten dagewesen. Nun sollte der Knabe nach Ungarn zu einem der berühmtesten Lehrer 66 seiner Zeit, um unter dessen Leitung und Unterricht das Tiefste der heiligen Wissenschaft zu ergründen. Jahre konnten vergehen, bis sie ihn wiedersah, vielleicht auch, daß sie ihn niemals wiedersah; aber Veile entließ den Knaben aus ihren Armen; – sie sprach keinen Segensspruch über ihn, als er ging; – nur ihre Lippen zuckten vor stummem Schmerze.

Lange Jahre waren vergangen, da war der Knabe aus der Fremde zurückgekehrt, – ein hochgewachsener, herrlicher Jüngling. Als Veile ihren Sohn wieder um sich hatte, blühte ein Lächeln an ihrem Munde auf, und für Augenblicke war es zuweilen, als habe ihre ehemalige Schönheit einen zweiten Frühling erlebt. Groß war der Ruf, der von der außerordentlichen Begabung ihres Sohnes vorausgeeilt war; wo er sich zeigte, hing man mit Wohlgefallen an der edlen Gestalt und bewunderte das bescheidene Wesen neben so großem Wissen.

Am nächsten Sabbat sollte der kaum zwanzigjährige Talmudjünger in der Synagoge die ersten Proben dieser hohen Begabung ablegen.

Kopf an Kopf standen die Leute in dem weiten Gotteshause; durch die Gitter der »Weiberschul« blickten die Frauen mit neugierigen Augen hinab in das dichte Gewühl. Veile saß auf einem der vordersten Plätze; sie konnte alles sehen, was da unten vorging. Tiefe Blässe lag auf ihrem Antlitz; aller Augen waren auf sie gerichtet, – die Mutter, die einen solchen Tag ihres Sohnes erleben konnte! Veile schien aber nichts zu bemerken, was vor ihr sich ereignete; eine Mattigkeit, wie sie in ihren größten Leiden sie nicht empfunden hatte, lag in ihren Gliedern: es war, als müßte sie während der Rede ihres Sohnes schlafen. Doch kaum hatte dieser die Treppe vor der Thoralade betreten, kaum waren seine ersten Worte ertönt, als eine merkwürdige Veränderung in ihren Gesichtszügen vorging. Ihre Wangen färbten sich; sie richtete sich auf; alle ihre Lebensgeister schienen im Aufruhr. 67 Ihr Sohn sprach indessen da unten; sie hätte nicht sagen können, was er gesprochen. Sie hörte nicht ihn, – sie vernahm nur das bald leise, bald laute Beifallsgemurmel, das aus der »Männerschule« zu ihr hinaufdrang. Die Leute staunten das hohe Wesen des Redners, seine klangvolle Sprache und sein mächtiges Wesen an; – wenn er in einzelnen Pausen inne hielt, um zu ruhen, war es, als ob man in einem vom Sturme erfaßten Walde sich befände. Sie konnte dann einzelne Stimmen vernehmen, die laut verkündigten, so einen habe man noch nie gehört. Ihr zur Seite weinten die Frauen, nur sie selbst vermochte es nicht. Ein stechender Schmerz drang ihr aus der Brust zu den Lippen, – Gewalten wurden in ihr rege, die mit Kraft nach einem Ausgang suchten. Die ganze Synagoge erscholl von brausenden Stimmen; ihr aber war es, als müßte sie alle diese Stimmen übertönen. Da, ihr selbst unbewußt, schrie sie in dem Augenblicke, wo ihr Sohn geendigt hatte, indem sie sich heftig gegen das Gitter warf:

»Gott! Lebendiger! soll ich denn noch nicht reden!«.

Totenstille folgte auf diesen Aufschrei; – man hatte allgemein die Stimme als die der»Schweigerin« erkannt. Es war ein Wunder geschehen!

»Red, red,« erscholl jetzt die laute Gegenrede des Rabbi unten in der Männerschule, – »du darfst jetzt reden.«

Aber es erfolgte keine Antwort. Veile war in ihren Sitz zurückgesunken, beide Hände gegen die Brust gepreßt . . . Als die Frauen, die ihr zur Seite saßen, sich erschrocken umsahen, fanden sie die Schweigerin ohnmächtig. – Sie war aber tot. – Die Entsiegelung ihrer Lippen war ihr letzter Augenblick.

Lange Jahre darauf starb der Rabbi. Auf seinem Totenbette erzählte er den Leuten, die um ihn standen, die seltsame Buße Veiles. – Jedes Mädchen in der »Gasse« kennt die Geschichte von der »Schweigerin«.

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