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Neue Geschichten aus dem Ghetto

Leopold Kompert: Neue Geschichten aus dem Ghetto - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleNeue Geschichten aus dem Ghetto
authorLeopold Kompert
yearca. 1905
firstpub1860
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleNeue Geschichten aus dem Ghetto
pages354
created20080608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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34 Roßhaar.

Mein Vetter Schmul – warum soll ich ihn »Rebb« Schmul nennen, wenn ich es nicht anders gewöhnt bin? – mein Vetter Schmul also, ist »auch einer von den Alten«. Er ist nun gerade so alt, daß der Lehnstuhl, worauf er mit Ausnahme der Nacht und des Morgengebetes den ganzen Tag verbringt, nur um einige Jahre etwas voraus hat, was übrigens nicht zum Nachteil jenes guten, alten, roßhaargepolsterten Sitzmöbels gedeutet werden darf. Die Mutter meines Vetters Schmul, die meine Großmutter war, erinnerte sich »als wenn es heute geschehen wär'«, daß dort, auf dem guten Lehnstuhl nämlich, schon ihr Vater saß, wenn er am Freitagabend aus der Synagoge heimgekommen, die Kinder zu sich berief, um sie zu segnen! Weitere biographische Notizen sind nicht vorhanden über diesen Familienhausrat, der bei uns zu Hause ehrwürdig und achtunggebietend ist, wie sonst etwas in der Welt, ja fast ebensosehr, als der langjährige Inhaber desselben – mein Vetter Schmul.

Dennoch kann ich es nicht verbergen, daß ich jenem guten alten Lehnstuhl etwas sehr Schlechtes nachzureden habe, was mir schon lange auf dem Herzen liegt!

Es war nämlich immer für eine ausgemachte Sache gehalten worden, daß die Füllung des Lehnstuhls (von der es doch unleugbar abhängt, ob man gut sitzt) vollständiges, auf einem Pferde gewachsenes »Roßhaar« sei, und ich sehe noch immer das spöttische Lächeln um die Mundwinkel meines Vetters Schmul, mit dem er einst ein neues Sofa betrachtete, 35 das sich sein Sohn, der soeben geheiratet, zur »Ausstattung« angeschafft hatte.

»Nicht wert, daß sich eine Katz' drauf setzt,« meinte der Vetter damals in seiner merkwürdig kurzen Ausdrucksweise. »Kuhhaar und nicht Roßhaar« setzte er dann mit einer Verachtung in Ton und Gebärde hinzu, die mir unvergeßlich bleiben wird.

Später wurde dieses Sofa ein förmlicher Gegenstand seines Hasses, und wenn er es zum Gegenstande seiner Betrachtung erhob, was jedesmal geschah, wenn sich irgend ein Besuch, namentlich am Sabbat und an Feiertagen darauf breit machte, so konnte er sogar gesprächig werden, wie ein altes Uhrwerk, das nach langer Zeit wieder einmal aufgezogen wird. So meinte er einmal in einer Anwandlung langverhaltenen Grimms auf das unglückselige Sofa:

»Alles verändert sich, und die Welt wird alle Tage schlechter und schlechter. Was heut' Kupfer ist, war in meiner Zeit Gold, und was heut' Roßhaar, das hat man in ›meiner Zeit‹ Kuhhaar geheißen. Aus meiner Urbabe (Urgroßmutter) ihrer goldenen Haube, da habe ich Anno neun, wie die schwarzen Bankozettel auf der Welt waren, neun Dukaten schweres Geld herausbekommen, und aus dem Hochzeitskleid meiner Mutter, da hab' ich erst vor zehn Jahren ein Mäntelchen für die ›Thora‹ machen lassen, und es sieht noch immer wie ›neu‹ aus . . . Nicht wert, daß sich eine Katz' drauf setzt,‹ schloß er dann mit einem plötzlichen Übergang auf das unglückliche Sofa, »Kuhhaar, nichts als Kuhhaar! Wenn in dem ganzen ›Gestell‹ nur ein halb Lot Roßhaar ist, will ich gar nicht Schmul heißen.«

Eine dunkle Sage, die sich geheimnisvoll wie ein echtes Märchen in unsrer Familie erhalten hat, will wissen, man habe den Vetter Schmul eines Abends, als die Lichter in der Stube noch nicht angezündet waren, so also in der Dämmerung, mit einem blinkend scharfen Messer vor dem 36 Sofa stehen gesehen. Es sei ein fürchterlicher Anblick gewesen, wie der Vetter dagestanden sei in der ungewissen Helle des Abends und mit dem Messer hin und her gefahren habe, nicht anders, als wollte er es mitten in ein rotes Leben hineinstoßen . . . und wie seine »Schnur«, die gerade ihr Kind säugte, einen so schrillen Schrei ausgestoßen, daß ihr fast der Säugling entsunken sei. Drauf habe der Vetter Schmul freilich das Messer weggelegt; durch die geschlossenen Lippen habe man aber deutlich die Worte durchgrollen gehört:

»Kuhhaar, nichts als Kuhhaar! Nicht ein halb Lot Roßhaar dabei.«

Guter Vetter Schmul! Du liebgewordene Erinnerungssäule aus dem Schutte längst verklungener und begrabener Tage! Warum mußte ich eines Tages, nach neugieriger Kinder Art, wissen wollen, was den Inhalt deines hundertjährigen Freundes, des guten alten Lehnstuhls ausmachte? Welcher böse Geist leitete den kleinsten meiner Finger, daß er sich durch die durchscheinend schwache Lederbedeckung mit merkwürdiger Kühnheit bohrte, bis er auf den Grund der Sache und ein kleines Büschel der roßhaarenen Füllung triumphierend zum Vorschein kam?

»Vetter!« rief ich, »sieht Roßhaar so aus?«

Und ich sehe ihn noch, den Vetter Schmul, wie er mir hastig das Büschel »Roßhaar« aus der Hand reißt, es hinter sich wirft, als sei es brennender Schwefel, und mit einer Stimme, die mir noch in den Ohren klingt, zornig ruft:

»Marsch, marsch fort von mir, und untersteh dich nicht, den Stuhl da nur anzurühren. Du bist dann keine Stunde deines Lebens sicher vor mir.«

Als ich nun erschrocken und zerschmettert von der Wucht seiner, zum ersten Male hart gewordenen Worte bebend und mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stand, wendete er sich von mir ab, und ich höre ihn deutlich, als wenn es heute geschehen wäre, durch die Lippen murmeln:

37 »Das bissele Kuhhaar! Gott der Lebendige weiß, wie das nur hineingekommen ist. Es ist doch lauter Roßhaar!«

Aber noch am selben Tage mußte »Hirsch Schneider«, da es keinen Tapezierer im Umkreise von acht Meilen gab, einen großen ledernen »Fleck« (er gab dem Stuhle eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Pflaster auf dem Gesichte eines Invaliden), auf die durchbohrte Stelle nähen, und nie sah man den Vetter Schmul seit jenem Tage anders, als mit dem Rücken die freilich geheilte Wunde seines Lieblings bedecken. – –

Das Sofa hatte nun freilich von da an »Ruhe« vor den üblen Nachreden und Verleumdungen des Vetters Schmul; es war nun kein Gegenstand seiner stillen Verachtung mehr, und ich glaube sogar, er hätte die schwarze Katze nicht fortgejagt, wenn sie darauf sich niedergelassen hätte – aber ob der geoffenbarte Inhalt seines Sitzes nicht einen merkwürdigen Abschnitt in seinem Leben bildet, ob ihm von da an nicht mancher andre Inhalt »seinerzeit« als »Kuhhaar« erschien? Es hat fast den Anschein, als ob diese Wendung eingetreten wäre; bestimmt kann ich es nicht versichern, denn mir stehen nur schwache Vermutungen zu Gebote.

Das ist aber auch alles, was ich dem guten alten Lehnstuhl meines Vetters Schmul Schlechtes nachzureden habe, und es ist mir fast, als hätte ich nicht nur etwas Schlechtes »nachgesagt«, was sonst nicht in meiner Natur liegt, sondern auch getan. Ich habe das Geheimnis jenes großen ledernen »Flecks« verraten, und die ganze lebende Welt weiß es nun, daß der Vetter Schmul auf – Kuhhaar statt auf Roßhaar sitzt! Sonst liebe und verehre ich den alten Lehnstuhl, wie ich ihn immer geliebt und geehrt habe, und bei den Geistern meiner Jugend! könnte der Vetter sich nur einen Tag lang entschließen, seinen Sitz auf dem still verachteten Sofa zu nehmen – der »Inhalt« seines Lehnstuhles sollte dann eine 38 Wahrheit werden, die er während seiner hundertjährigen Existenz nicht hatte – nämlich Roßhaar!

Der lederne Fleck! Ich weiß es nun, warum ich da, statt von meinem Vetter Schmul zu reden, vom Hundertsten ins Tausendste hineingeraten und gerannt bin, daß ich aus dem Gewirre fast nicht herauskam. Der lederne Fleck! Er steht vor meiner Erinnerung noch so frisch ledern da, wie ihn Hirsch Schneider in unglückseliger Stunde damals auf die Wunde des Lieblings genäht; er gleißt mich so verlockend an, daß ich aus seinem Banne schier nicht herauszukommen vermeine! O! du kleinster meiner Finger! welch schweres Unheil hast du angerichtet!

Ich nannte meinen Vetter Schmul auch »einen von den Alten«.

Das ist er denn auch und so recht aus voller Seele, wenn auch vielleicht nicht ganz in der Bedeutung, wie sie den meisten vorschweben mag.

Ihr stellt euch einen schwachen, gebrechlichen Greis vor, der sich nur mühsam auf den alten Knochen aufrecht erhält; – aber fragt euch selbst, unparteiisch und gewissenhaft, ob ihr jemals es dahin bringen werdet, eine ganze Stunde lang im Gebete der »achtzehn Segnungen« auf euern Füßen zu stehen? Ihr meint, mürrisch sei sein Antlitz, trocken und dürre sein Wort, strenge sein Auge – aber ihr habt ihn nie mit seinen Enkeln spielen gesehen! Ihr meint dunkle Flüche über seine Lippen gleiten zu hören, wenn irgend etwas im Hause aus dem alten Geleise gerät, wenn der kleine Enkel etwa mehr als drei Ellen weit barhaupt läuft, oder wenn das Kind einmal vergißt, auf das zugeklappte Gebetbuch einen Kuß zu drücken, oder am Sabbat es sich beikommen läßt, den Duft einer frisch gebrochenen Blume zu riechen? Und ihr habt es nie gehört, wie er am Abend, wenn das Kind vor lauter Schlaf sein Nachtgebet »überschluppert«, ihm leise und fast unmerklich das Buch aus der 39 Hand zieht und mitleidig sagt: »Geh lieber in dein Bett, Schimmele.« Ihr habt es nicht vernommen, was er zu mir selbst sagte, als ich ein achtjähriger Knabe, am heiligen Jom Kipur vor lauter Fasten und Hunger schon in aller Frühe es nicht »aushalten« konnte, daß er mir nämlich in die Ohren raunte:

»Geh in meine große Stube und mach die Schublad' vom Tisch auf, da find'st du etwas drin« – und daß es ein tüchtiges Stück Kuchen war, worin wundervolle Rosinen staken.

Also so »einer von den Alten«, wie ihr etwa meint, ist mein Vetter Schmul nicht. Er ist kein »Finsterling«, wie sie in neuerer Zeit die Leute nennen, die gern alle Fenster verhängt haben, nur damit ihnen die »Sonne des Fortschritts« nicht gar zu grell in die Augen steche, aber er ist auch kein »Min« oder Heuchler! Ihm ist im Gegenteile die Welt nicht licht, nicht duldsam und freundlich genug. Nicht was die Leute um ihn herum tun oder unterlassen, regt ihn auf, macht ihn verdrossen oder läßt ihn nach abgestorbener Männer Art, dem jüngern Nachwuchs hindernd in den Weg treten. Nur mit der Zeit, die solche Menschen hervorgebracht, nur mit jenem Geiste unsrer Tage, der ihm unsichtbar und sichtbar überall entgegentritt, steht er in immerwährender Opposition. Er kann sich die Zerstörungslust dieses Geistes nicht erklären; er begreift nicht, warum die Menschen dieser Zeit beständig die scharfe Axt in ihren Händen schwingen. Aber keiner ahnt es auch besser als er, daß wir, die Jüngern, unter dem überwältigenden Einflusse einer Macht stehen, die uns die zerstörende Waffe aufdrängt. Er hat einen Ausdruck für unsre Zeit, der mir nicht besser seine Stimmung zu bezeichnen scheint. Wenn er auf die »jetzige Welt« zu sprechen kommt, meint er kurz und gedrängt: »Kuhhaar, nichts als Kuhhaar,« und wirft dabei einen Blick auf das unglückselige Sofa, den man studiert haben muß, um alle unsre Zeitungen und Bücher gründlich verachten zu lernen.

40 »Kuhhaar, nichts als Kuhhaar!«

Wenn ich klug sein wollte, brauchte ich nun eigentlich gar nichts mehr über meinen Vetter Schmul zu reden; denn in diesen wenigen Worten, namentlich wenn er sie auf seinem Lehnstuhl spricht (der lederne »Fleck« Hirsch Schneiders darf aber dabei nicht sichtbar sein), erschöpft sich seine ganze »Philosophie«, seine »Opposition«, sein Groll. Sie sind die Aufschrift seines Lebens; sie wird nur verlöschen, wenn er selbst erlischt . . .

Guter Vetter Schmul! Es durchzuckt mich schon in diesem Augenblick eine schmerzliche Empfindung, und ich fühle, wie sich etwas in mein Auge drängt, wenn ich daran denke, wie sie eines Tages deinen hundertjährigen Liebling zerreißen, durchbohren, zerstücken und zerfleischen, und welche Offenbarungen dann zum Vorschein kommen werden. Aber du wirst dann den Schlaf der Gerechten schlafen, du wirst dann neben deiner Channa ausruhen, neben deren Grab du schon bei deinen Lebzeiten einen Pflock eingeschlagen hast, damit sie ja nicht vergessen, dich dorthin zu legen – und es wird alles gut sein!

Ich will jetzt einen Zug aus dem Leben meines Vetters Schmul anführen, damit der freundliche Leser doch erfahre, was meinem Vetter eigentlich am meisten »Kuhhaar« in unsrer Zeit ist. Denn bis jetzt habe ich, durch mannigfache Erinnerungen und Gefühle festgehalten, noch nicht Zeit gehabt, die eigentliche Natur dieses »Kuhhaars« gründlich darzutun.

Mein Vetter Schmul ist namentlich mit der Erziehung der »jetzigen Welt« sehr unzufrieden, trotzdem er, im Vertrauen gesagt, seine kleinen Enkelchen – noch einmal im tiefsten Vertrauen – fast »verzieht«. Klein Schimmele springt ihm, wie das längst kein Geheimnis mehr ist, »auf dem Kopf herum«, und könnte durch ihn, wenn es einmal den Einfall haben wollte, die goldne, am Himmel so fest 41 stehende Sonne in die Stube hereinbekommen. Vetter Schmul trägt es besonders der jetzigen Welt nach, daß sie nicht genug zum »Plagen« erzogen werde, daß man den Kindern das Leben zu sehr erleichtere und die Eltern sich ihr Herzblut abzapfen, damit die Kinder nicht durstig werden. In dieser Beziehung ist er unerbittlich – bis auf das kleine Schimmele, das er, ein siebzigjähriger Greis, durch alle Stuben bis in das Kämmerlein trägt, um es zu Bett zu legen.

»Aber, Vetter,« entgegnet man ihm zuweilen, wenn er auf dieses Thema zu sprechen kommt, »die Welt ist heutzutage gescheiter geworden. Warum soll sie sich plagen und ›sich das Leben herunterreißen‹, wenn es ›so‹ auch geht? Bist du vielleicht fett und dick davon geworden, daß du in deiner Jugend dich geplagt und dir das Leben heruntergerissen hast? Die Welt ist gescheiter worden, Vetter, du willst's nur nicht glauben.«

»Kuhhaar,« entgegnete er stets darauf mit ärgerlichem Achselzucken. »Meine Zeit hat auch zugebissen, wenn man ihr den Finger ins Maul gesteckt hat. Bin ich vielleicht darum ein schlechter und verdorbner Mensch geworden, weil mich mein Vater (sein Andenken sei gelobt!) zweimal hintereinander nach Prag geschickt hat, weil ich zwei Eisenstangen weniger habe eingekauft?«

»Vetter, was ist's mit den zwei Eisenstangen?« mußte man ihn dann jedesmal fragen, wenn man ihn im Zuge erhalten wollte, trotzdem die Geschichte uns schon so geläufig war, wie das Nachtgebet, und dann erzählte er gewöhnlich:

»Zu derjenigen Zeit, wo das geschehen ist, war ich erst fünfzehn Jahr alt und hab' mich schon plagen müssen in meines Vaters Dienst. Meint ihr, er ist alt und schwach gewesen, hat sich nicht rühren können vom Fleck und hat keine Kraft in seinem Leib gehabt? Da irrt ihr euch gewaltig. Er hätte können einen Ochsen aufheben mit einer Hand, und er hätt' es auch nicht gespürt, so stark ist er gewesen. Aber 42 auf denselben Stuhl, wo ich jetzt sitze, da hat er sich schon in seinem vierzigsten Lebensjahr hingesetzt, und hat sich von dort nicht weggerührt, es hätte können die Welt seinetwegen zusammenbrechen! . . . Er hat gut gegessen und gut getrunken, und die Kinder haben indessen für ihn zu sorgen gehabt. ›Umsonst sind sie vielleicht auf der Welt?‹ pflegte er gewöhnlich zu sagen, ›ihr Vater hat sich vielleicht nicht für sie geplagt, wie sie jung waren? Jetzt ist die Reih' an sie gekommen.‹ Ich, als der älteste, bin auch der vorderste in der Reih' gewesen, und weil die andern Brüder, eure Väter, noch zu nichts haben gebraucht werden können, habe ich das ganze Haus erhalten müssen, und war doch noch selbst ein Kind.

In derselben Zeit, von der ich rede, hat mich mein Vater (dem der Friede sei!) zum ersten Male um Eisen nach Prag geschickt. Wißt ihr denn, was damals geheißen hat, nach Prag um Eisen geschickt werden? Mein Ephraim, der setzt sich heutzutage auf die Eisenbahn und ist am andern Tag gesund und wohlbehalten wieder zurück. Zu meiner Zeit, da hat man eine ganze Woche dazu gebraucht, und hat erst recht nicht gewußt, ob man lebendig nach Hause kommt. Im Brandeiser Wald, den man passieren mußte, da haben drin Räuber gesteckt mit langen Messern und Flinten, und Gott der Lebendige allein weiß, wie viel Blut dort an den Bäumen klebt. In Brandeis auf dem ›guten Ort‹, gleich neben der Mauer, da liegt Koppel Winterberg aus Bunzlau, den haben sie dort im Walde tot gefunden und war keine Geldkatz' mehr umgeschnallt. Drum haben die Leute, die damals nach Prag gegangen sind, früher ihre Kinder versorgt, haben Testament gemacht und gefastet, und haben sich auf den Tod vorbereitet.

Am Abend eines Sabbats, kurz vor dem Schlafengehen, sagt' mein Vater: ›Schmul, mach dich fertig, du mußt morgen in der Frühe nach Prag um Eisen fahren; ich will diesmal daheim bleiben.‹

43 Wie meine gute Mutter das hört, tut sie einen Schrei, daß das Haus davon erzittert. ›Bist du sinnedig,‹ ruft sie zu meinem Vater, ›oder hast du deinen Verstand verloren, Zender? Das Jüngel willst du mitten durch den Brandeiser Wald schicken und fürcht'st nicht, daß du dich an Gott versündigst?‹

›Schmul,‹ sagt mein Vater ruhig darauf, »mach dich fertig, morgen in aller Frühe fährst du nach Prag.‹

Meine gute Mutter hat's aber nicht zugeben wollen und hat geweint und gejammert, aber der Vater ist hart wie ein Stein geblieben, und nur, wenn es zu arg geworden ist, hat er gemeint:

›Ist das Kind für nichts da auf der Welt? Ich hab' mich vielleicht noch nicht genug geplagt? Hab' mir's noch nicht sauer lassen werden? Schmul, du mußt nach Prag.‹

Meine gute Mutter hat nichts ausgerichtet, als daß der Vater (mit dem der Friede sei!) geschworen hat bei seinem Leben, ich muß nach Prag. Da hat sie geschwiegen. Hätt' sie ihn denn sollen schwören lassen bei seinem Leben? Aber in der Nacht, wie ich schon im Bette gelegen, ist sie zu mir gekommen, hat sich heruntergebückt zu mir und mich geküßt und dabei geweint.

›Schmul,‹ hat sie gesagt, ›mit dir wird Gott sein, leg nur alle Tage fleißig ’Tephilin‘, und wenn dir etwas, Gott sei davor, zustößt, so sag nur, ’Schmah Jisroel‘, und verlaß dich auf den einzigen im siebenten Himmel.‹

Am frühen Morgen fahr' ich richtig nach Prag. Gott hat mich geschützt und geschirmt mit seiner starken Hand und mit der Gewalt seiner Wunder, und ich bin glücklich durch den Brandeiser Wald hindurchgekommen, und ist mir kein Haar auf dem Kopf gekrümmt worden. So hab' ich nach fünf Tagen Prag gesehn, allwo ich den Einkauf von Eisen besorgte. Dann bin ich wieder fort, und Gott hat aufs neue mich beschützt und geschirmt, daß ich ohne Räuber mit Messern 44 und Flinten nach Hause gekommen bin. Wie hat die gute Mutter aufgeschrien! Wie hat sie geweint und gelacht, daß man schier meinte, sie hätte den Verstand verloren! Mein Vater aber hat gesagt: ›S'Gotts willkumm, Schmul, hast du alles gut bestellt?‹

›Ja,‹ sag' ich.

›Ich werd' sehen,‹ meinte er drauf. Der Wagen wird abgepackt, und wie der Vater (mit dem der Friede sei) die Stangen Eisen nachzählt, sagt er: ›Da fehlen zwei Stangen, Schmul, wo sind die?‹

›Ich muß sie vergessen haben, Vater,‹ sag' ich drauf.

›Vergessen?‹ schreit der Vater, ›hab' ich vergessen dir Essen und Trinken zu geben bis zu deinem fünfzehnten Jahr? Augenblicklich setzest du dich wieder auf und fährst nach Prag und bringst mir die zwei Stangen Eisen.‹

Am Jom Kippur ist nicht so geweint und geschrien worden, wie meine gute Mutter an dem Tage geweint hat. Wißt ihr aber, was geschehen ist? Der Vater hat darauf bestanden, daß ich augenblicklich nach Prag zurückeilen müsse um die zwei Stangen – und ich bin wieder fortgefahren. Meine Mutter hab' ich noch lange hinter mir weinen gehört.

Es war merkwürdig, daß ich mich diesmal weit mehr vor dem Brandeiser Wald gefürchtet habe, als das erstemal. Hinter jedem Baum ist ein Räuber gestanden mit der geladenen Flinte, und wie ein Blatt geraschelt, hab' ich ›Schmah Jisroel‹ gesagt. So bin ich, aber fast nicht lebend, nach Prag gekommen, habe die zwei Stangen Eisen gefunden und mitgenommen, und bin darauf wieder nach Hause gefahren. Meine gute Mutter muß fleißig für mich ›geort‹ (gebetet) haben, denn Gott hat mich wieder zurückgebracht, mit samt den zwei Stangen, und war mir kein Leid geschehen. Die gute Mutter!«

Wenn der Vetter Schmul diese Geschichte erzählt hatte, dann herrschte gewöhnlich tiefes Stillschweigen in der großen 45 Stube. Dann war es besonders meine gute und sanfte Muhme Mirl, mit den braunen Augen, die zornig ausrief:

»Hat man das in seinem Leben gehört, daß man ein fünfzehnjähriges Jüngel mitten durch den Brandeiser Wald, durch Diebe und Räuber, und zweimal hintereinander schickt, weil ein Paar lumpige Stangen dort sind vergessen worden? Pfui über jene Zeit! Eure Väter sind ja gar keine Menschen gewesen! Wilde Wölfe sind es gewesen, und die Zeit, meinst du, Schmul, ist die gute gewesen? Ist das einem Vater von jetzt möglich?«

»Kuhhaar,« meinte dann Vetter Schmul gewöhnlich, konnte sich aber da eines merkwürdigen Lächelns, das fast wie Zustimmung aussah, nicht enthalten. »Kuhhaar, nichts als Kuhhaar! Hat es vielleicht mir etwas geschadet? Mein Vater (mit dem der Friede sei!), hat's doch gut mit mir gemeint.«

»Und du möcht'st und könntest wohl das nämliche tun?« fragte die schöne Muhme Mirl mit hochgeröteten Wangen.

»Kuhhaar,« entgegnete er dann halb ärgerlich, halb lachend und wendete sich, um keine Antwort zu geben, zur Seite.

Und dann nahm er gewöhnlich ein großes Stück Zucker, den er zu jeglichem Behufe allzeit in der linken Westentasche trug, rief sein klein Schimmele zu sich und stopfte es ihm in den Mund, ohne ein Wort weiter zu verlieren.

War das vielleicht auch eine Antwort?

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