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Neue Erzählungen

Leopold Sacher-Masoch: Neue Erzählungen - Kapitel 8
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typenarrative
authorLeopold von Sacher-Masoch
titleNeue Erzählungen
publisherVerlag von J. Bensheimer
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senderbooks.google.de, www.gaga.net
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Schalem Alechem.

Der Dalles – Kindesliebe – Passahfest – Der Prophet Elias

Nicht alle Menschen tragen Schuld an ihrem Schicksal. Es gibt brave, fleißige Leute, die alles aufbieten, um dem Unglück, das sie verfolgt, die Spitze zu bieten und dennoch scheitern.

Bei solchen Leuten hat sich der »Dalles« eingenistet, ein böser Geist, das Elend in Person. Je größer das Ungemach, das die Armen zu erdulden haben, je größer die Noth, um so wohler befindet sich der Dalles. Er mästet sich, während alle um ihn abmagern.

Ein solcher Dalles schien auch bei Mutter Jette Goldenblum eingekehrt. Sie war als eine treffliche Frau bekannt in dem elsäßischen Städtchen, und vordem war ihr kleiner Kramladen eine ausgiebige Einnahmsquelle für sie gewesen, aber sie hatte Unglück seit einiger Zeit, und ihr kleines Haus war jetzt vollständig verschuldet. Ihr Vater, Beer Taubes, war zu gut gewesen, er hatte allen seinen Verwandten, seinen Freunden geholfen, aber sein kleines Vermögen auf diese Weise verzettelt, und jetzt dachte Niemand daran, ihm zu helfen und er war froh, einen alten Lehnstuhl bei seiner Tochter zu haben und ein Gedeck an ihrem Tische.

Jette's Sohn, der begabte, arbeitsame Fritz, wurde in gleicher Weise vom Dalles verfolgt. Trat er in ein Geschäft ein, so machte sein Herr bald bankerott, oder die Tochter verliebte sich in ihn und er mußte fort, weil er seiner Braut, der hübschen, verständigen Sarah Meier, nicht die Treue brechen wollte.

Wieder war er einmal zu Hause bei seiner Mutter, ohne Arbeit, ohne Verdienst, und alle zusammen ließen einige Zeit geduldig Armuth, Kummer, Entbehrung über sich ergehen.

Endlich hatte Fritz einen Entschluß gefaßt. German Kugel, der ihn kannte und ihm Vertrauen schenkte, hatte ihm das Reisegeld nach Amerika vorgestreckt, Fritz wollte über den Ocean segeln und drüben sein Glück versuchen.

Alle hörten ihn traurig und seufzend an, aber sie gaben ihm recht, und Mutter Jette traf sofort alle Vorbereitungen.

Fritz saß diesen Abend mit Sarah auf der Bank beim Ofen. Sie sprachen wenig, sie hatten sich bei der Hand und verstanden sich.

»Ich werde auf Dich warten,« sagte endlich die arme Sarah, »und kommst Du nicht zurück, so nehme ich doch keinen Anderen.«

Am nächsten Morgen nahm Fritz Abschied. Der Großvater segnete ihn, Mutter und Braut gaben ihm das Geleite bis zur Eisenbahnstation.

Es währte nicht einen Monat, so kam der erste Brief mit Geld. Fritz hatte in Milwaukee Arbeit gefunden, wurde gut bezahlt, und versprach, jede Woche sein Erspartes zu senden. Und er hielt Wort. Dieser Sohn, der seine Familie, seine Braut verlassen hatte, um jenseits des Meeres für seine Mutter zu arbeiten, er verstand das Gebot Gottes: Ehre Vater und Mutter, damit es Dir wohl ergehe auf Erden.

Und es erging ihm wirklich gut. Fünf Jahre war er schon fort, fünf Jahre erwartete ihn schon Sarah in Geduld, ohne Klage, schon fünf Jahre arbeitete er für die Seinen und jede Woche kam der Brief mit demselben Gelde.

Die Leute im Städtchen wußten es und grüßten Mutter Jette noch achtungsvoller als sonst, aber eigentlich nahmen sie den Hut vor dem Sohne ab, eigentlich galt der Gruß dem braven Fritz in Amerika.

*

Es war Passahfest. Ein dicker Brief war aus Milwaukee gekommen mit vielem, vielem Gelde, und alle waren guter Dinge. Sarah hatte Mutter Jette geholfen das Geschirr zu reinigen, das vorerst über dem Feuer ausgebrannt worden war, und das Haus zu säubern vom Dache bis in den Keller hinab.

Denn das Passahfest feiert die Erinnerung an den Auszug aus Egypten und es heißt in Bezug darauf im Exodus: Ihr werdet sieben Tage ungesäuertes Brod essen und in den ersten Tagen alles Gesäuerte aus Euren Häusern entfernen. Den ersten Monat, den vierzehnten Tag, vom Abend, werdet Ihr ungesäuertes Brod essen bis zum einundzwanzigsten Tage den Abend. Während sieben Tage werdet Ihr nichts Ungesäuertes im Hause haben.

Vordem hatte man das ganze Geschirr erneuert und alles verkauft, was als gesäuert angesehen werden konnte, jetzt wird dieser Verkauf nur zum Schein ausgeführt. Alles wird einem befreundeten Christen übergeben, der es bezahlt und nach Ostern das Geld zurück erhält und den ganzen Kram zurück erstattet.

Auch Mutter Jette hatte diese Comödie aufgeführt, und jetzt war alles in Ordnung, alles glänzte, in dem frischgescheuerten Speisesaal war die Diele mit rothem und gelbem Sand bestreut, blüthenweiße Vorhänge prangten an den Fenstern, am Ende der Tafel stand der »Lahne« (Lehnstuhl) für das Familienhaupt, und der ganze Raum war von dem Duft der Märzveilchen erfüllt, welche Sarah im Wäldchen gepflückt hatte.

Die beiden Frauen hatten nun auch das Matze, das ungesäuerte Brod bereitet und gebacken, und jetzt war Mutter Jette's erster Gedanke, die Geschenke zu versenden und das Almosen zu spenden, die jeder Jude zu dieser Zeit gibt.

Mit einem großen Korbe, der mit Weinflaschen und ungesäuerten Broden gefüllt war, ging Sarah durch den Ort und brachte die Gaben zu dem Rabbiner, dem Kantor, dem Schames, dem Lehrer, zu den armen Talmudisten und zu einigen dürftigen Juden und Christen, denn der wahrhaft fromme Jude kennt für seine Wohlthätigkeit keinerlei Schranken.

Schon nahte der erste Abend des Festes. Großvater Taubes saß vor dem Hause und erwartete den Stern, der den Anbruch des 14. Nissan und den Beginn der Passahwoche verkündigt.

Der Schulklopfer ging durch die Straßen und klopfte an jede jüdische Thüre dreimal, das Zeichen, daß es Zeit sei zum Gebet.

Da entstand eine fröhliche Bewegung, man hörte Rufe und laute Grüße in der Ferne, und jetzt kam ein Mann, den Tornister auf dem Rücken, den Stock in der Hand heran, umringt von der jubelnden Jugend. Er blieb auf der Straße stehen, und zugleich steckten Mutter Jette und Sarah die Köpfe zum Fenster heraus.

»Schalem Alechem!« (Der Friede sei mit Euch!) sprach der Mann, den sie alle für einen Fremden hielten.

»Alechem Schalem!« (Der Friede sei auch mit Dir!) antworteten die anderen, zugleich riefen aber auch schon die Kinder: »Frau Goldenblum, kennen Sie denn Ihren Fritz nicht?«

Ja, es war Fritz, in großen Juchtenstiefeln und mit einem langen Bart, und jetzt hatte die Freude keine Grenzen. Nachdem ihn alle sattsam angesehen und umarmt, gingen sie zur Synagoge, und als der Gottesdienst beendet war, auf dem Wege nach Hause, begann Fritz von seinen Schicksalen zu erzählen.

Der Dalles war wirklich daheim geblieben, Fritz hatte Glück gehabt in Amerika, hatte viel verdient, viel erspart, ein Geschäft begründet und wieder vorteilhaft verkauft und kam zurück mit mehr als dreißigtausend Mark in seinem Tornister.

Sein erster Gang war zu German Kugel gewesen. Ihm das vorgeschossene Reisegeld zurückerstatten, schien ihm die vornehmste Pflicht, dann erst war er zu seiner Mutter, seiner Braut geeilt. Die Sterne waren indeß am Himmel heraufgezogen und ganz Israel ging an die Feier des ersten Passahabends, des Seder.

Großvater Taubes nahm im großen Lehnstuhl am Tische Platz, über dem die siebenarmige Lampe brannte, neben ihm die Mutter und Sarah, ihm gegenüber Fritz. Vor jedem lag auf dem weißen Tischtuch die Haggada, das hebräische Buch der Gebete und Gesänge für diesen Abend.

Beide Männer hatten das Haupt bedeckt. In der Mitte der Tafel lagen drei große Brode, jedes von dem anderen durch ein weißes Tuch getrennt. Um sie herum befanden sich verschiedene Symbole. Eine Marmelade, welche den Thon und Kalk darstellte, mit dem die Israeliten in Egypten gearbeitet hatten, Essig, hartes Ei, Meerrettig zum Andenken an das Elend der Sklaverei, ein mit etwas Fleisch bedeckter Knochen stellte das Osterlamm und der rothe Wein das Blut der hebräischen Kinder dar, in dem sich die Pharaonen badeten.

Der Großvater sprach das Gebet, den Segen, der die Feier eröffnet, dann stand Fritz auf, nahm einen kleinen Krug und goß Wasser über die Hände Beer's und dann standen alle auf und berührten die Schüssel, auf der die drei Brode lagen.

»Dies ist das Brod des Elends«, sprachen alle zugleich, »das unsere Väter in Egypten gegessen haben. Jeder, der Hunger hat, der komme, mit uns zu essen, Jeder, der dürstet, er komme, Ostern mit uns zu feiern.«

In diesem Augenblick klopfte es an die Thüre, und ein Bettler, ein Schnorrer aus Polen, trat herein und nahm, nachdem man sich gegenseitig begrüßt hatte, an dem Tische Platz.

Nun begann Fritz, die Haggada vor sich, in hebräischer Sprache: »Zu welchem Zwecke diese Feier?«

»Wir waren Sklaven in Egypten«, erwiderte der Greis, »und der Ewige, unser Gott, hat uns befreit mit seiner mächtigen Hand.«

Nachdem man noch die Leiden der Sklaverei und des Auszugs aus Egypten vorgelesen hatte, kostete jeder von den symbolischen Speisen, der Greis füllte indeß einen großen Becher, der vor ihm stand und der für den Propheten Elias, den heiligen Beschützer des jüdischen Volkes, bestimmt war.

Das Mahl begann. Fritz erzählte von dem fernen Amerika und der polnische Schnorrer gab einige Anekdoten zum Besten. Dann theilte Beer das Brod als Symbol des Durchgangs durch das rothe Meer, gab jedem ein Stück davon und schloß das Mahl mit dem Tischgebet.

»Fritz«, sagte er endlich, »öffne die Thüre.

Fritz stand auf, öffnete weit die Thüre und trat bei Seite. Während Alle ein feierliches Schweigen beobachteten, trat unsichtbar der Prophet Elias herein. Nachdem Fritz wieder die Thüre geschlossen und der Heilige den für ihn bestimmten Becher mit den Lippen berührt hatte, stimmten Alle zusammen den 115. Psalm an. Andere Gesänge folgten. Es war spät, als man zur Ruhe ging und zwar ohne das Nachtgebet zu sprechen. Denn in dieser Nacht wacht Gott selbst über jedem jüdischen Hause, wie einst in Egypten.

*

Am folgenden Tage nach dem Essen, während noch alle bei Tisch saßen, kam fast die ganze Gemeinde zum Besuch in das Haus der Frau Goldenblum. Da war der Rabbiner, der gerne etwas Neues aus Amerika hören wollte, der Lehrer, der Schames, der Kantor, die Nachbarn und Nachbarinnen, alle, und ein Lärm war in dem kleinen Speisesaale, daß man kaum sein eigen Wort verstehen konnte.

Nur wenn Fritz auf verschiedene Fragen antwortend zu erzählen begann, trat sofort tiefe Stille ein, und der gemüthliche Kreis lauschte mit naiver Neugier, bis es Zeit war, zur Minha, zum Nachmittagsgebet.

Am ersten Tage der Halhamad (Halbfesttage) ging Fritz mit Sarah hinaus in die Felder. Allerorten sah man die grünenden Wintersaaten zwischen den frisch gepflügten, schwarzen Aeckern, an jedem Rain sprossten Blumen, die Bäume knospeten und über diesem kleinen Paradiese lachte der blaue Himmel und leuchtete die Sonne warm und fröhlich.

Die jungen Leute hielten sich an der Hand und sprachen kein Wort, sie konnten nicht, ihre Herzen waren so voll von Glück und von Dankbarkeit gegen den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Aber endlich fand Fritz doch Worte. »Sarah, wir werden uns jetzt niederlassen und Hochzeit feiern, sag' mir, mein Leben, mein Kleinod, willst Du lieber Land haben und Vieh und Geflügel oder ein Geschäft?«

»Wie Du willst, Fritz«, erwiderte sie lächelnd, »was Dir recht ist, ist mir auch recht, denn Dein Schmerz ist mein Schmerz und Deine Freude meine Freude.

»Dann will ich den Hof des Francois Schneegans kaufen«, sagte Fritz, »ich kann ihn haben. Es ist der Mutter wegen, es wird ihr das Leben verlängern.«

»Du guter Fritz!« rief Sarah, »ja, thu' es, es wird uns Segen bringen. Ehre Vater und Mutter, damit es Dir wohl ergehe auf Erden.«

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