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Neue Erzählungen

Leopold Sacher-Masoch: Neue Erzählungen - Kapitel 11
Quellenangabe
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authorLeopold von Sacher-Masoch
titleNeue Erzählungen
publisherVerlag von J. Bensheimer
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senderbooks.google.de, www.gaga.net
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Du sollst nicht tödten.

(Jüdische Ehre. – Das Duell.)

Die Gräfin Mara Barowic war in einer Person die Circe, Omphale und Semiramis des kroatischen Berglandes Zagorien. Alle Männer, jung und alt, lagen zu ihren Füßen und doch war sie eher häßlich als hübsch zu nennen.

Aber sie besaß jene Häßlichkeit, welche frappirt, fesselt und reizt. Dann hatte sie eine Geschichte hinter sich, welche sie interessant machte.

Man behauptete, daß sie ihren Mann durch einen ihrer Günstlinge auf der Jagd erschießen ließ, als dieser kroatische Ninus ihr lästig zu werden begann.

Und sie war originell!

Wenn das Weib ein Kunstwerk ist, wie ein berühmter Dichter gesagt hat, so darf man nicht vergessen, daß heute die Zeit des Gefälligen, Anmuthigen in der Kunst vorüber ist, man zieht die grausame Wahrheit der liebenswürdigen Schönheit vor, in der Kunst und ebenso in der Liebe.

Die Gräfin war ein Weib in diesem Geschmack. Von ihren beiden glühendsten Verehrern nannte sie der eine, Baron Kronenfels, »décadente«, und der andere, Herr von Broda, »naturalistisch.«

Sie ritt wie ein Husar, sie kutschirte, sie hetzte Hasen und Füchse, sie liebte es, in der malerischen Tracht einer kroatischen Bäuerin die Felder und die Forste zu durchstreifen und traktirte ihre Gläubiger mit der Hundepeitsche, wenn sie ihr Geld haben wollten.

Die Gräfin war nämlich vollständig verschuldet, nicht nur, daß auf ihrem Gute Granic kein Nagel mehr ihr gehörte, nicht einmal der falsche Zopf, den sie trug, war ihr Eigenthum.

Die jungen Cavaliere, welche sich um ihre Gunst bewarben, erklärten sich deßhalb die Vorliebe der zagorischen Circe für die beiden »Weisen aus dem Morgenlande«, wie sie Broda und Kronenfels nannten, durch die glänzende materielle Lage dieser jüdischen Edelleute.

Baron Kronenfels war von etwas älterem Adel und genoß daher ein gewisses Ansehen, Herr von Broda dagegen war erst selbst geadelt worden und diente umsomehr als Stichblatt aller schlechten Spässe, als er einen geradezu lächerlichen Kultus mit seinem Wappen trieb. Es gab keinen Ort, wo er dasselbe nicht anbrachte, es glänzte sogar auf dem Halsband seines Hundes und auf den Cigaretten, die er sich apart bei Laferme fabrizieren ließ.

Kronenfels und Broda waren gute Freunde und Kameraden, denn Beide waren Offiziere in der Reserve, aber wie lange hält Männerfreundschaft gegenüber einer Frau Stand?

Ihre gegenseitige Eifersucht steigerte sich von Tag zu Tag und nahm endlich jenen akuten Charakter an, wo man sich jeden Augenblick auf einen Konflikt gefaßt machen muß.

*

Eines Abends beim Spiel und beim schäumenden Champagner fand die von ihren Freunden längst erwartete Explosion statt.

Baron Rukawina gab eine lustige Geschichte aus dem bewegten Leben der Gräfin zum Besten.

Sie sollte wegen der seit Jahren rückständigen Steuer exequirt werden und setzte daher Himmel und Erde in Bewegung, um das drohende Unheil abzuwenden. Sie reiste nach Agram und von da nach Budapest. Hier bestürmte sie den Minister, die einflußreichen Deputirten, ja sie erbat sogar eine Audienz beim König. Ueberall gab man ihr Hoffnung, aber die Gefahr wurde trotzdem immer dringender.

Da stellte sich ihr der Baron Meyerbach vor und bot sich an, die Sache zu arrangiren.

Meyerbach war ein intelligenter Mensch mit einem guten Herzen und einer offenen Börse, aber die ungarische Aristokratie nahm ihn dennoch nicht in ihre intime Kreise auf, aus dem einfachen Grunde, weil er Jude war.

»Haben Sie denn wirklich so viel Einfluß?« fragte die Gräfin erstaunt.

»Fragen Sie mich nicht, wie ich verfahren werde, Gräfin,« erwiderte der Baron, »genug, ich bin des Erfolges vollkommen sicher.«

»Und was verlangen Sie von mir für diesen Dienst?«

»Nichts, als daß Sie während zwei Wochen täglich eine Stunde mit mir in der Waitzener Gasse promeniren, täglich eine Stunde in meiner Gesellschaft auf dem Eisplatz im Stadtwäldchen zubringen und sich jeden Abend an meiner Seite in einem anderen Theater sehen lassen.«

»Das ist alles?«

»Alles.«

Die Gräfin that alles, was der Baron verlangt hatte.

Vierzehn Tage später erhielt sie die Quittung über die bezahlten Steuern – 32,000 Gulden – und Baron Meyerbach fand die Thüren der ungarischen Aristokratie nicht mehr verschlossen. Die Gräfin hatte ihn, wie man sagt, lancirt.

Man lachte und ließ den schlauen Meyerbach leben, nur Broda machte ein trauriges Gesicht. Seufzend murmelte er die Worte Goethe's vor sich hin: »Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.«

Baron Kronenfels legte die Karten mit Ostentation auf den Tisch und sah ihn an.

»Wollen Sie damit sagen, daß eine Dame, wie die Gräfin Mara Barowic, sich durch Geld oder Reichthum blenden läßt?«

Broda zuckte die Achseln.

Da erhob sich Kronenfels entrüstet und rief: »Sie sind ein Jude!«

Einen Augenblick blieben alle starr, dann sprang Broda gleichfalls auf und erwiderte vor Wuth bebend: »Sie sind ein Jude!«

Die Folge dieses Wortwechsels war eine Herausforderung. Beide Herren wählten auf der Stelle ihre Sekundanten. Man entschied sich für Pistolen, und das Rendezvous sollte am nächsten Morgen in dem Eichenwalde von Granic stattfinden.

*

Broda war nicht lange nach Hause zurückgekehrt und hatte kaum begonnen seine Papiere zu ordnen, als der Rabbiner Salomon Zuckermandel bei ihm erschien.

»Sie wollen sich duelliren?« waren die ersten Worte des weisen, gütigen Alten.

»Ja.«

»Und noch dazu mit einem Juden? Nein, Herr von Broda, Sie können, Sie dürfen, Sie werden nicht auf einen Menschen schießen.«

»Verzeihen Sie, Rabbi Salomon, aber von Ehrensachen verstehe ich mehr als Sie.«

»Glauben Sie?« erwiderte der Rabbiner lächelnd, »nun, wir werden sehen. Sie glauben, die Ehre kann nur durch Blut reingewaschen werden? Mein lieber Herr von Broda, eine Ehre, die makellos ist, braucht überhaupt nicht erst gewaschen zu werden, und eine Ehre, die einen Makel hat, kann auch durch Blut nicht reingewaschen werden. Der Baron hat Sie einen Juden genannt. Ist das eine Beleidigung?«

»In dem Sinne, in dem er das Wort gebraucht hat, ja.«

»Nein, weder in diesem noch in einem anderen Sinne,« fuhr der Rabbiner fort, »sollte der Name Soldat zu einem Schimpfwort werden, weil es Soldaten gibt, die ihre Fahne verlassen haben? Diese Juden, die man meint, wenn man den Namen Jude als Schimpfwort ausspricht, haben auch ihre Fahne verlassen, es sind keine Juden mehr.

Das Judenthum ist die Ehrfurcht vor Gott, die Liebe zur Familie, die Menschenliebe, und die jüdische Ehre besteht nicht darin, Blut zu vergießen, sondern recht zu handeln und Gutes zu thun.«

»Sie haben recht, aber –«

»Nein, nein, kein Aber. Als Gott auf dem Sinai in Donner und Blitz dem Moses die Gesetztafeln gab, da gab es kein Aber, da sprach er: »Du sollst nicht tödten.« – Sie sind ein Jude, Herr von Broda, das heißt ein Mensch, Sie werden nicht tödten.«

Der junge Edelmann trat an das Fenster, um seine Thränen zu verbergen, das jüdische Herz war bewegt, der alte Mann im schlichten Talar hatte das glänzende Wappen aus dem Felde geschlagen.

*

Es war Mitternacht, als Rabbi Salomon bei dem Baron ankam und demselben einen Brief seines Gegners übergab. Kronenfels las:

Mein Herr!

Sie haben mich schwer beleidigt, indem Sie mich in einer Gesellschaft von Cavalieren einen Juden genannt haben und dies zu einer Zeit, wo Herr von Treitschke in Berlin die Juden das »Schlamaßl«, das Unglück des deutschen Volkes genannt hat. Allein Sie sind der einzige Sohn, die Hoffnung Ihrer Familie, und es würde mir leid thun, wenn ich Sie treffen würde. Sie haben mich mehr als einmal das Herz aus dem Aße schießen sehen, Sie wissen, daß ich keine Redensarten mache. Ich schlage Ihnen deßhalb vor, daß wir beide in die Luft schießen und daß wir uns gegenseitig das Ehrenwort geben, dieses Übereinkommen niemals zu verrathen.

Broda.

Kronenfels zeigte dem Rabbiner den Brief.

»Was ist da zu thun?« fragte er lächelnd.

»Herr von Broda hat bewiesen, daß er ein Jude ist,« sagte Zuckermandel, »bleiben Sie nicht zurück, beweisen Sie gleichfalls, daß Sie der Sohn eines Stammes sind, der als das älteste Kulturvolk alle anderen an Menschlichkeit übertrifft.«

Kronenfels warf einige Zeilen auf das Papier, welche Rabbi Salamon Herrn von Broda bei Tagesanbruch überbrachte. Die Antwort des Barons lautete:

Mein Herr!

Ich war eben im Begriff an Sie zu schreiben, als ich Ihren Brief erhielt.

Auch ich würde es bereuen, einen so hoffnungsvollen, jungen Mann zu tödten.

Uebrigens – entre nous soit dit – sind wir doch wirklich Juden, d. h. Nachkommen von Ahnen, welche älter als die Lichtenstein und Auersberg sind und von denen wir zwei Eigenschaften ererbt haben, die Herr von Treitschke wahrscheinlich nicht besitzt, ich meine die Scheu vor Blutvergießen und das jüdische Herz voll Rachmonus.

Kronenfels.

Um sechs Uhr morgens fand das Rencontre im schönen Eichenwald von Granic statt. Die beiden Gegner hielten Wort und schossen in die Luft. Als die Sekundanten erklärt hatten, daß der Ehre Genüge geschehen sei, trat plötzlich Rabbi Salomon aus dem Gebüsch hervor, in dem er sich verborgen gehalten hatte und während Kronenfels und Broda sich versöhnt die Hände reichten, erhob der Greis segnend die Arme und sprach: »Meine Herren, Sie sind Juden!«

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