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Nesthäkchens Jüngste

Else Ury: Nesthäkchens Jüngste - Kapitel 1
Quellenangabe
titleNesthäkchens Jüngste
publisherWVerlag projekt Gutenberg-DE
seriesNesthäkchen
volumeBand 8
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Else Ury

Nesthäkchens Jüngste

Erzählung für junge Mädchen
Band 8

Zuerst erschienen:
1924

1. Kapitel. Nein, diese Kinder!

Es war ein echter, rechter Apriltag. Regen und Sonnenschein in launischem Wechsel. Manchmal lachte und weinte der Himmel sogar zu gleicher Zeit, wie ein Kind, das noch keinen Übergang von dem einen Gefühl zum entgegengesetzten kennt.

Und dabei sollte ein Mensch Wäsche trocknen. Hatte man die blütenweißen Stücke eben auf die Leine gebracht und freute sich, wie der Frühlingswind sie durchblies und lustig flattern machte, wie die liebe Sonne sich alle erdenkliche Mühe gab, der emsigen Hausfrau zur Hand zu gehen und ihre Pflicht als bester Trockenapparat zu erfüllen, haste nicht gesehen, da war schon wieder solch ein grauschwarzes Wolkenungetüm herangejagt und spie seinen verderblichen Strahl auf die weiße Herrlichkeit. Nein, man konnte es Frau Annemarie wirklich nicht verdenken, wenn auch sie heute nicht ganz gleichmäßig blieb, wenn sie das fortwährende Foppen und Narren der Aprilsonne aus dem Häuschen brachte.

»Trude – Trude – unsere Wäsche wird naß!« Zum soundsovielten Male eilte Frau Annemarie von ihrem Erkerplätzchen hinaus in den Hofgarten hinter dem Hause. Hinterdrein die Trude, das Stubenmädchen, die mit ihren jungen Beinen kaum ihrer Herrin zu folgen vermochte. Wie eine Zwanzigjährige lief und hantierte Frau Annemarie heute noch, trotzdem sie nun schon die doppelte Anzahl von Jahren zurückgelegt hatte. War es denn zu glauben? Die Annemarie Hartenstein, Doktor Brauns einstiges Nesthäkchen, bereits über die vierzig? Nein, das glaubte ihr kein Mensch, wenn man sie mit ihrer frischen, resoluten Art schaffen sah, wenn man ihr jugendfrisches, herzerquickendes Lachen hörte, das sie sich, allem Schicksalsunbill zum Trotz, bewahrt hatte. Und sie selbst vermochte es am wenigsten zu fassen. Fühlte sie sich doch noch so jung, noch so gänzlich unbeschwert von der Würde ihrer Jahre. Ja, manchmal hätte sie der Vronli, ihrer Ältesten, welche des Vaters ernstere Art geerbt hatte, ganz gern ein wenig von der Leichtlebigkeit ihrer Frohnatur abgegeben.

Auch der Sonne, Annemaries guter Freundin, die nun schon so manches Jahr auf das Doktornest in Lichterfelde herabblinzelte, erschien Frau Annemarie gänzlich unverändert. Das Haar noch eben so golden wie ihr Strahlengespinst, das Auge voll Glanz, leuchtend von innerer Wärme – nein, wären die Wäschestücke, die Höschen und Hemdchen der Kinder, die auf den Trockenplatz gehängt wurden, nicht von Mal zu Mal gewachsen, sie wäre es wirklich kaum gewahr geworden, daß sich Jahr um Jahr von der Zeitenspule abhaspelte. Keine Kinderhöschen mehr auf der Leine, nur noch große Wäsche, die Frau Annemaries Hand energisch vor Petrus' Gießkanne zu bewahren suchte.

»Frau Professern, die Sonne scheint schon wieder, wir kennen wieder mit's Aufhängen von vorn anfangen«, frohlockte Trude, nachdem man alles eiligst herabgerissen.

»Aber da soll doch – –!« Die mit »Frau Professern« Angeredete hielt mitten in ihrem Empörungsausruf inne und lachte plötzlich los wie – der Apriltag. »Solch eine Ruppigkeit – dalli, dalli, Trude, flink wieder alles auf die Leine! Vielleicht bleibt uns die Sonne diesmal treu. Wollen mal sehen, wer es länger aushält, wir oder der launische April.«

Selbst die Sonne konnte Frau Annemaries liebenswürdiger Art nicht widerstehen. Sie nahm vor der Hand nicht wieder Reißaus, wenn auch dräuende Wolkenungeheuer ihre schwarzen Zungen gegen sie bleckten. Gab es doch auch für sie etwas besonders Hübsches da unten zu sehen: Ein blondzöpfiges junges Ding, rosig wie der Lenz, der heuer noch auf sich warten ließ. In der Hand die ersten goldenen Osterglocken, die sich aus dem Beet herausgewagt. Nein, was war das Mädel während des Winters, wo Frau Sonne sich auf ihren Altenteil zurückgezogen hatte, in die Höhe geschossen. Ein getreues Abbild der Mutter. Wenn man es nicht wußte, daß so und so viele Jahre inzwischen verflossen waren, man hätte denken können, Doktor Brauns Nesthäkchen, die Annemarie, mit ihren blonden Hängezöpfen wieder vor sich zu sehen.

»Frühling, Frühling wird es nun bald!« – – Wie Lerchengetriller erklang es durch den noch recht wenig frühlingsmäßigen Garten.

»Ursel – Urselchen – da bist du ja, Kind.« Frau Annemarie ließ ihre Wäsche im Stich und wandte sich dem Vordergarten zu, aus dem die süße Mädchenstimme ertönte. »Na, mein Mädel, wie war's? Ist dir der Abschied von der Schule schwer gefallen? Hat's Tränen gesetzt?« Prüfend schaute die Mutter in das liebreizende, noch kindlichrunde Mädchenantlitz.

Nein, nach Tränen und Abschiedsweh sah Ursels Gesicht durchaus nicht aus.

»Tag, meine kleine Muzi. Da wären wir also glücklich raus aus der Penne! Hurra – frei! Ob ich geheult habe beim Abschied? Keine Spur! Das habe ich meiner Freundin Ruth überlassen. Selig war ich, daß wir nun endlich aus dem Stall raus sind. Und als mir Paukert noch die Gesangsprämie überreichte – eine Schubertbiographie, Mutti, mächtig nobel! – und zu mir sagte, daß ihm die Stütze des Soprans sehr fehlen würde, da hätte besagte Stütze beinahe einen Luftsprung vollführt.« Ursel holte den verabsäumten Luftsprung hier im Garten noch nach, wobei sie die Mutter um die Taille packte.

»Ursel – Mädel – du reißt mich ja um. Eine Gesangsprämie hast du erhalten? Nun, eine Anerkennung für deine wissenschaftlichen Leistungen wäre mir eigentlich lieber gewesen. Wie ist das Abschiedszeugnis ausgefallen, Kind?«

»Ungerecht – im höchsten Grade ungerecht. Habe ich in Mathematik etwa gut verdient? Noch nicht mal genügend. Und im Betragen hätte ich mir auch kein lobenswert gegeben, wo ich die werten Herrschaften so und so oft durch meine Rangenhaftigkeit mit Entsetzen erfüllt habe. Ich glaube, die freuen sich genau so, mich los zu werden, wie das umgekehrt der Fall ist. Sicher haben sie mir nur aus Dankbarkeit solch ein anständiges Abgangszeugnis verabfolgt.« Ursel zog das zusammengefaltete Zeugnis aus der Tasche.

»Ei, sieh mal an – für dich, Unband, alles, was sein kann. Vronlis Abgangszensur war natürlich noch besser,« meinte die Mutter lächelnd, nachdem sie es studiert.

»Muzi – unser Tugendmoppelchen darfst du nicht zum Vergleich mit mir heranziehen. Die ist stets das grade Gegenteil von mir. Brav und sittsam – brrr! Eine Gänsehaut überläuft mich, wenn ich an Vronlis lederne Schulzeit denke. Lieber erinnere dich an deine eigenen Schuljahre, geliebtes Muzerle – Großmuttchen hat mir neulich unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut, daß du grade solch Ausbund gewesen sein sollst wie ich. Hahaha – der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum.«

»Ursel, was fällt dir ein! Dein loses Mündchen galoppiert schon wieder mal ohne Zaum und Zügel mit dir davon.« Frau Annemarie versuchte vergeblich die strenge Mutter herauszubeißen. Ursel glaubte ihr das ernste Gesicht, in dem es von zurückgedämmter Heiterkeit zuckte, einfach nicht.

»Muz, streng dich nicht unnötig an. Wenn du deine Stirn mit Falten garnierst, bist du gar nicht mehr meine hübsche, kleine Muzi. Wir sind doch Freundinnen – das hast du von jeher immer zu uns gesagt.«

»Ja, aber nur bis zu einer gewissen Grenze, mein Kind. Die wünsche ich, eingehalten zu sehen.« Frau Annemarie hatte ihre mütterliche Würde jetzt wieder beisammen. »Tummle dich, Ursel, lege schnell deine Sachen ab. Und dann komm und hilf uns die Wäsche noch vor Tisch zum hundertsten Mal aufhängen. Der Sonne ist heute nicht zu trauen.«

»Ja, Muz, stehe sofort zu Diensten. Aber unter einer Bedingung – daß du mir nachher auch hilfst. Du weißt doch schon – beim Vater –«

»Bedingungen lasse ich mir nicht vorschreiben, Ursel.« Annemarie sah der Davoneilenden mit geteilten Empfindungen nach. Mutterstolz war wohl die stärkste derselben; aber daneben gab es doch auch eine leise Wehmut, daß nun auch ihre Jüngste, ihr Nesthäkchen, die Kinderschuhe heute abgestreift hatte und den Flug ins Leben wagen sollte. Wohin mochte er sie führen? Ach, daß Mutterliebe mit allem Hoffen, allem Sorgen dem Kinde nicht den Weg so dornenfrei zu gestalten vermag, wie man es für seine Lieblinge erfleht.

Annemarie blickte empor in das Geäst der Linde, das sich mit den ersten lichtgrünen Frühlingsperlen geschmückt, weitere Zuversicht, die Grundader ihres Wesens, begann Frau Annemarie wieder zu durchpulsen. Regen und Sonnenschein brauchten die jungen Knospen zum Gedeihen. Sturm, um ihre Standhaftigkeit zu festigen. Warum sollte es bei jungen Menschenknospen anders sein?

Oft sah man die Herrin des Professorenheims da draußen nicht müßigen Gedanken nachhängen. Meist erforderte die Pflicht des Tages ihre volle Schaffenskraft. Auch jetzt gab sie sich einen energischen Ruck. Die Wäsche – Himmel, es begann ja bereits wieder aus dunklen Wolkenaugen zu tropfen. Ärgerlich blickte sie zu den im Schnellzugstempo Segelnden empor. Nun aber endgültig auf den Trockenboden mit dem ganzen Kram. Das sollte ihr einfallen, sich noch länger als Spielball der Aprillaunen gebrauchen zu lassen.

»Ei, Weible, wieder mal tapfer am Werk?« erklang es da hinter der rüstig Schaffenden.

»Ih, du meine Güte, der Herr Professor ist ja schon da!« Trude ließ Wäsche Wäsche sein und jagte ins Haus, eiligst den Tisch zu decken. Denn in bezug auf Pünktlichkeit verstand der Herr keinen Spaß, so seelensgut er auch sonst war.

»Rudi – wie schön, daß du heute zeitig heimkommst.« Annemaries Augen blickten dem Gatten noch genau so freudig entgegen, wie in den ersten Jahren ihrer Ehe. Sie nahm den ihr zukommenden Kuß in Empfang und strich ihm über das sich bereits lichtende Haar. »Sehr abgespannt, mein armer Mann?«

»Ein bissel schon. Vier Operationen heute vormittag. Hoffentlich bring ich den letzten Fall durch, Mutter von vier kleinen Kindern.«

»Du wirst sie ihnen sicher erhalten, Rudi.« Unbegrenztes Vertrauen sprach aus Annemaries Worten. Ein Vertrauen, das sämtliche Patienten mit ihr teilten. Wenn einer noch helfen konnte, so war es Professor Hartenstein. Seine ruhige, klare Art, seine geschickte Hand bei Operationen hatten ihn zu einem der gesuchtesten Berliner Ärzte gemacht, nachdem sein wissenschaftliches Werk, das er vor Jahren geschrieben, den Grund dazu gelegt hatte, ihn in weitesten Kreisen bekannt zu machen. Annemarie hatte mit ihrem Mann gehofft und gebangt, nun genoß sie in stolzfreudiger Genugtuung die Anerkennung, die ihm zuteil wurde.

Das Mittagessen vereinigte die Professorenfamilie. Auch der filius hatte sich dazu eingefunden. Ein kräftiger Bursch mit krausem Blondkopf und treuherzigen blauen Augen.

»Stelle euch gehorsamst einen Oberprimaner vor«, meldete er.

»Will ich mir halt auch ausgebeten haben – wie ist das Versetzungszeugnis ausgefallen, Hansi?« erkundigte sich der Vater.

»Für bescheidene Ansprüche ausreichend.« Hans pflegte seine Ansprüche betreffs seiner Leistungsfähigkeit stets auf ein bescheidenes Minimum herabzuschrauben. Er strengte sich nicht allzu gern an, der junge Herr.

»Wo hast du denn die Zensur?« Der Mutter kam die Sache etwas verdächtig vor.

Hans suchte in sämtlichen Jackett-, Westen- und Hosentaschen, trotzdem er ganz genau wußte, daß sie sich dort unmöglich vorfinden könnte.

»Wird wohl noch im Mantel stecken, der Wisch,« meinte er schließlich gleichmütig, sich den Teller zum zweiten Male füllend.

»Du, hör mal, Hansi, ich fürcht' halt, du hast die richtige Bezeichnung für das Schriftstück gebraucht.« Der Vater zog die Augenbrauen hoch. »Was für ein Prädikat hast du in Latein und Griechisch?«

Solch eine direkte Frage war höchst peinlich. Besonders wenn man es sich gerade schmecken ließ. »Ich erinnere mich nicht mehr genau – es wird wohl genügend gewesen sein. Hauptsache, man ist mit durchgerutscht.«

»Das ist noch ein recht unreifer Standpunkt, Hansi. Die Hauptsache bleibt halt immer, man leistet etwas Tüchtiges, in der Schule sowohl, wie im Leben. Die Bewertung durch die andern, das kommt erst in zweiter Reihe.« Wie Professor Hartenstein an sich selbst die höchsten Ansprüche in bezug auf Pflichterfüllung stellte, so verlangte er das auch von seiner Familie.

»Unser Kleines hat ein überraschend gutes Abgangszeugnis heimgebracht, Rudi,« lenkte Annemarie, die stets überall auszugleichen bestrebt war, von dem heiklen Thema, das ja bis nach Tisch Zeit hatte, ab.

»Das Ursele – der Tausend. Laß schauen, Kind.« Ursel war von jeher der erklärte Liebling des Vaters. Glich sie doch seiner Annemarie äußerlich und innerlich am meisten.

»Vaterle, ich hab' die Gesangsprämie bekommen, und nun mußt du mir auch etwas versprechen, – auch eine Belohnung, ja? Tust du es?« Schmeichelnd bestürmte das junge Mädchen den Vater, ihm das Abgangszeugnis überreichend.

»Nun, auf ein Konzert- oder Theaterbillett soll mir's nicht ankommen, Kleines.« Lächelnd blickte der Professor auf sein hübsches Töchterchen. »Schau – schau – in Mathematik gut. Und da behauptete die Krabbe, nimmer rechnen zu können. Dein künftiger Bankchef wird es dir halt beibringen.«

»Das wird mir kein Mensch beibringen, das olle lederne Zeug«, widersprach Ursel erregt. »Und zur Bank gehe ich überhaupt nicht. Ich hab' die Gesangsprämie bekommen, und ich will zur Oper!« Mit blitzenden Augen rief's Ursel.

»Hahaha« – der Vater und Hansi lachten um die Wette. »Hahaha« – wenn der eine aufhörte, fing der andere an. »Also Operndiva willst du werden, Kleines? Der ›Star‹ von Lichterfelde – ein Kapitalmädel!« Ursel mußte es sich gefallen lassen, weidlich ausgelacht zu werden.

Sie ballte die Hände vor Zorn. »Lacht nur, ihr werdet es ja sehen, daß es mir Ernst damit ist. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Ich eigne mich nicht dazu, den Kontorbock zu reiten. Mutti, liebste, einzige Muzi, hilf du mir doch. Du weißt es ja am besten, wie gräßlich mir solche trockene, kaufmännische Tätigkeit sein würde, daß ich nur glücklich werden kann, wenn ich mich meiner geliebten Musik widmen darf.« Ein heftiger Tränenausbruch erfolgte.

Annemarie zog ihr erregtes Nesthäkchen liebevoll schützend zu sich heran. »Vor allem werde mal ruhiger, Kind. Mit deiner spontanen Heftigkeit richtest du gar nichts aus. Der Vater wird mit sich reden lassen.« Bittend blickte sie zu ihrem Manne hinüber.

Selten hatte Annemaries Blick, wenn er sich bittend an Rudi wandte, in all ihren Ehejahren seinen Zweck verfehlt. Ihr Auge war stets ihr bester Fürsprecher bei ihm. Nur schwer konnte er ihm widerstehen. Aber heute schüttelte er unzufrieden den Kopf.

»Ich verstehe dich gar nicht, Annemarie, daß du dem Mädel im Ernst das Wort reden kannst, anstatt ihr die Flausen 'nauszujagen. Zur Theaterprinzessin haben wir unser Kind doch wahrlich nicht erzogen. Unerhört, daß solche hirnlosen Wünsche überhaupt in unser solides Bürgerhaus kommen können. Aber das liegt halt daran, daß man dem Mädel viel zuviel Willen bisher gelassen hat, daß wir es arg verzogen haben.«

»Ja, was kann denn ich dafür, wenn ihr mich verzogen habt?« begehrte Ursel, die selten ein strafendes Wort von den Eltern zu hören bekam, auf. »Du selbst hast neulich gesagt, Vater, als du mich in den Freischütz mitgenommen, eine Gnade wär's, wenn einem der Himmel eine solche Stimme geschenkt. Und jetzt sperrst du dich dagegen. Ich könnte die Rolle der Ännchen grade so gut singen.«

»An allzu großer Bescheidenheit leidest grad nicht, Ursel.« Es zuckte schon wieder belustigt um des Vaters Mundwinkel. Sein Unmut war bezwungen; er sprach jetzt in dem sachlich ruhigen Tone, den man an ihm gewöhnt war. »Ursel, du weißt doch, daß der Vater stets dein Bestes will, gelt? Du hast ja eine recht hübsche Stimme, freilich, wir freuen uns ja alle daran. Aber sie soll uns und vor allem dir auch zur Freude bleiben. So einfach wie du dir das vorstellst, ist der Weg einer Sängerin nicht. Mit gutem Stimmaterial ist es nicht abgetan. Kein Beruf hat mehr Enttäuschungen im Gefolge, als der einer Künstlerin. Deine Kunst soll dir Freundin bleiben, Kind, und dir nicht zur Tyrannin werden.« Das waren gute, väterliche Worte. Sie machten Annemaries Herz so warm, daß sie den Arm um Rudis Schulter schlang und sich an ihn lehnte, zum Zeichen ihres festen Einverständnisses mit ihrem Manne.

Nicht so Ursel. So weit war sie denn doch nicht Annemaries Tochter. Fügsamkeit und Nachgeben hatte sie noch nicht gelernt.

»Der Vronli habt ihr's doch auch erlaubt, daß sie nach München an das Schwabinger Krankenhaus als Säuglingsschwester hat gehen dürfen. Trotzdem der Vater auch zuerst nicht dafür war. Und der Hansi will auch kein Arzt werden, wie der Vater es wünscht. Na ja – – –« Ursel kam einen Augenblick aus dem Text, denn Hans hatte ihr nachdrücklich auf den Fuß getreten. Aber sie fuhr sogleich in ihrem Empörungsausbruch fort: »Und ich lebe doch mein Leben und nicht das meiner Eltern. Ich bin ein moderner Mensch mit modernen Anschauungen!« Großartig rief sie's mit tränenschwerer Stimme.

»Ein ganz unreifes Mädchen bist du, das uns durch sein ungehöriges Benehmen am besten zeigt, wie kindisch es noch ist, und daß man es noch nicht ernst nehmen kann«, wandte sich jetzt auch die Mutter gegen das impulsive Töchterchen. »Gehe auf dein Zimmer und komme dort erst mal zur Besinnung, wie man mit seinen Eltern spricht. Alles Weitere wird sich später finden.« Oho, Frau Annemarie hatte es doch inzwischen gelernt, sich bei ihren Küken in Respekt zu setzen.

»Das Weitere wird halt sein, daß ich ein Machtwort spreche, daß du zum Ersten als Banklehrling in die Dresdner Bank eintrittst. Ich habe schon mit meinem Bekannten, dem Bankdirektor Hildebrandt, alles Notwendige beredet. Solche gute Chancen hat nicht jedes Mädel. Zur Operndiva kriegst meine Einwilligung nimmer – merk dir's!« fügte der Vater nachdrücklich hinzu.

»Und zur Bank geh' ich nimmer – da kneif ich einfach aus!« schmetterte Ursel ihren Trumpf darauf und zugleich die Tür ins Schloß.

»So ein Balg! Temperament genug hätte sie fürs Theater –« ließ sich Hansi anerkennend hören. Er liebte die nur um ein Jahr Jüngere abgöttisch und bewunderte bei seiner eigenen ziemlich phlegmatischen Art ihr heißblütiges Wesen.

Trude räumte den Tisch ab. Erstaunt blickte sie auf die nicht völlig geleerten Teller, auf die verstimmten Mienen ihrer sonst meist harmonisch heiteren Herrschaften. Natürlich, Fräulein Ursel hatte wieder was ausgefressen. Armes Ding! Ohne zu wissen, um was es sich handelte, stellte Trude sich auf die Seite ihres jungen Fräuleins. Das hatte es ihr nun mal, wie den meisten Menschen, durch seinen Liebreiz angetan.

Annemarie folgte ihrem Manne in sein Zimmer. Die Stunde nach dem Mittagessen pflegten sie gemeinsam zuzubringen, wenn die unerbittliche Praxis nicht störend dazwischen trat. Rudi streckte sich auf die Chaiselongue, Annemarie schmiegte sich in die Tiefen des Klubsessels. Er griff zur Zeitung, sie zu einem Buch. Aber aus dem Lesen wurde selten etwas. Meistens gab es so viel von dem am Vormittag Erlebten auszutauschen, daß nicht viel Zeit zur Lektüre übrigblieb. Oft ließ der Professor auch seine Zeitung sinken und blickte wortlos zu seinem Weibe hinüber. Das war für ihn die größte Erholung nach den Strapazen des in der Klinik zugebrachten Vormittags, ihre ihm so lieben Züge still zu betrachten.

Als Hans die Eltern in das Zimmer des Vaters verschwinden sah, verschwand auch er schleunigst. Es eilte ihm durchaus nicht damit, sein Zeugnis vorzuzeigen. Erst mußten die von Ursel aufgewirbelten Wogen abgebraust und die Stimmung wieder eine normale sein. Auch daß die Ursel in ihrer unüberlegten Art seine vorläufig noch nicht offiziellen Zukunftsabsichten hineingemischt hatte, war höchst überflüssig. Alles, was die Gemüter erregen konnte, schob man am besten auf.

Annemarie ließ sich heute nicht in ihren Sessel nieder. Sie setzte sich zu ihrem Mann und streichelte seine bereits leicht angegrauten Schläfen. Ohne daß er was sagte, wußte sie, daß die Unterredung mit seiner Jüngsten ihm stärker nachging, als er zeigen mochte. Eine wunderbare Beruhigung ging von ihren Fingern aus. Rudi griff nach ihnen und zog sie an seine Lippen.

»Da haben wir nun den Salat, Frauli. Kommt einem das Mädel mit solchen Hirngespinsten. Und hält ihre Eltern ganz gewiß noch für Gott weiß was für Tyrannen, daß wir ihr mit dem notwendigen Nachdruck entgegentreten. Das Mädel haben wir nicht straff genug genommen, das rächt sich halt jetzt.«

»Wir – Rudi?« Annemaries Gesicht überzog ein eigenes Lächeln. »Wer hat mich denn immer ›Rabenmutter‹ genannt, wenn ich mir mal zu sagen erlaubte, daß wir Ursels Eigensinn unbedingt brechen müßten. Gegen die beiden andern warst du viel konsequenter als gegen Ursel – –«

»Nun ja, weil es halt unser Nesthäkchen ist. Und weil sie mich mit deinen lieben Augen anschaut, Annemarie. Sie ist grad' wie du – – –«

»Erlaube mal, mein Herr Gemahl, den Eigensinn, den Starrkopf, den hast du ihr vererbt!« widersprach Annemarie eifrig. »Eigensinnig bin ich niemals gewesen, auch als Kind nicht. Bloß wütend.«

Rudi lachte herzlich.

»Und jetzt ist mein Weible sanft wie eine Taube geworden, gelt?«

»Nee, damit wart' ich noch, bis ich mal alt und abgeklärt bin. So rasch geht das nicht, mein Täuberich«, gab sie schlagfertig zurück. Sie hatte es wie meist wieder erreicht, Rudi in heitere Stimmung zu versetzen. Als schlaue Evastochter beschloß sie, dieselbe sogleich für ihr Nesthäkchen auszunutzen und ein gutes Wort für dasselbe einzulegen.

»Rudi, ich weiß doch nicht, ob wir der Ursel so scharf entgegentreten und ihre künstlerischen Wünsche gänzlich unterdrücken sollen«, meinte sie sinnend. »Um so mehr wird sie sich nur in das ihr Versagte festbeißen. Eine Mutter kennt doch ihr Kind am besten. Und ich weiß von meinen Mädchenjahren her, daß ich so lange gebohrt habe, bis der Vater schließlich eingewilligt hat, daß ich mit den Freundinnen in Tübingen studieren durfte. Ein Glück, daß ich's durchgesetzt habe, sonst hätte ich meinen alten Brummbären nie zu sehen bekommen.« Sie zauste ihn zärtlich an den Ohren.

»Ich wär' dir auch nach Berlin nachgereist, Herzle«, beteuerte ihr Mann scherzend.

»Du hättest mich doch gar nicht gekannt – –«

»Aber geahnt – als Ergänzung meines Wesens – eine andere hätt' ich nimmer genommen«, behauptete Rudi.

»Wer kann wissen, ob wir der Ursel nicht auch ihr Lebensglück unterbinden, wenn wir sie in einen ihren Neigungen nicht entsprechenden Beruf zwingen«, steuerte Annemarie weiter auf ihr Ziel los. »Und vielleicht hat sie wirklich das Zeug dazu, eine tüchtige Sängerin zu werden – eine von den Großen.«

»Eitle Mutter!« schalt der Professor. »Man wird leichter eine tüchtige Bankbeamtin, als eine große Sängerin. Wenn halt auch du unvernünftig bist, dann hab' ich freilich einen schweren Stand. Gegen zwei Frauensleut' komm ich nimmer auf.«

»Nein, Rudi, du weißt es ja, daß ich ganz auf deiner Seite stehe. Nur in der Form nicht. Nicht so kraß, nicht so schroff deine väterliche Autorität ausüben. Dagegen bäumt sich ihr Unverstand auf. Ich möchte dir vorschlagen, ihr soweit entgegenzukommen, daß du ihr gestattest, Gesangunterricht zu nehmen, was sie sich doch so brennend wünscht. Unter der Bedingung, daß sie ebenfalls deinen Wünschen entspricht und bei der Bank eintritt. Sieht man dann, es geht nicht, sie fühlt sich unglücklich in dem ihr aufgezwungenen Beruf, kann man immer noch weitere Entschlüsse treffen. Sieh es als einen Versuch an, Rudi – –«

»Versuchskarnickel? Nein, dazu ist mir unser Kleines zu schade. Ich bin für Ganzes, nimmer für Halbes. Mit ernstem Wollen, mit der festen Absicht, ihre Pflicht zu tun, soll sie zur Bank gehen. Dann will ich mich auch nicht gegen die Gesangsstunde sperren. Wohlverstanden, nur für den Privatgebrauch, Annemarie, lediglich zu ihrem Vergnügen.« Der Professor griff jetzt endgültig nach der Zeitung. Er hatte seinen Gleichmut im Gespräch mit seiner Frau wiedergefunden. Frau Annemarie war mit dem Erfolg ihrer Unterredung zufrieden. Nun würde sie auch mit dem Trotzköpfchen, der Ursel, fertig werden. Ach, eine Mutter hat allenthalben zu überbrücken und auszugleichen.

Sie nahm an des Gatten Schreibtisch Platz und griff nach der Kartothek. Die Rechnungen mußten hinaus, das neue Quartal hatte bereits begonnen. Wie sie im Anfang ihrer Ehe Assistentin ihres Mannes gewesen, so war sie allmählich seine Sekretärin, seine rechte Hand bei all seinen wissenschaftlichen Arbeiten geworden. Da war kein Weg, wohin Annemarie ihm in treuer Kameradschaft nicht zu folgen bemüht war.

Zwischen Rezeptblöcken und anderen Formularen schaute ein Brief mit großen steilen Buchstaben heraus. Vronlis letztes Schreiben aus München. Nun war sie schon bald ein halbes Jahr von Hause fort, die Vronli. Die sechs Monate erschienen der Mutter wie die gleiche Anzahl von Jahren. Ein jedes ihrer Küken war ihr gleich fest an das Herz gewachsen; es tat weh, wenn eins sich löste, um eigene Wege, die vom Elternhaus fortführten, zu gehen. Auch mit Vronli hatte es Kämpfe gesetzt. Freilich, nicht so heißblütige, wie soeben mit ihrer jüngeren Schwester. Denn Vronli hatte des Vaters ruhige Art, aber auch seine zähe Bestimmtheit. Sie ließ sich nicht davon abbringen, Säuglingsschwester zu werden, anstatt als Krankenschwester an des Vaters Klinik, wie dieser es wünschte, zu arbeiten. Schon als Kind hatte sie eine Vorliebe gezeigt für alles Schwache, Hilfsbedürftige. Wenn sie die Blumen im Garten pflegte, so galt sicher den wenigst entwickelten, den verkümmerten ihre Hauptsorgfalt. Ein junges Vögelchen, das aus dem Nest gefallen, hatte sie so lange an ihrem Herzen gewärmt, bis es sich wieder belebte. Hatte man eine Maus in der Falle gefangen, so mußte man sie vor Vronli hüten. Denn die gab ihr unweigerlich die Freiheit wieder. Diese zarte Hilfsbereitschaft für alles Kleine, Schwache machte sie zur Säuglingspflege ganz besonders geeignet. Trotzdem es eine Enttäuschung für den Vater bedeutete, auf die pflichttreue, zuverlässige Hilfe seiner Großen verzichten zu müssen, die Mutter hatte auch hier die gütige Vermittlerin gespielt. Freilich hatte sie nicht damit gerechnet, daß das Küken die Schwingen sogleich gebrauchen und davonfliegen würde aus dem elterlichen Nest. Es gab doch in Berlin genug Säuglingsheime, an denen sie tätig sein konnte. Aber nein – das Glück ist ja stets da, wo man nicht ist. Vronli setzte es mit ruhiger Sachlichkeit durch, nach München an das mustergültige Schwabinger Krankenhaus zu gehen.

Und nun? Sah so das Glück aus? Frau Annemarie entfaltete den engbeschriebenen Bogen und begann den Brief zum soundsovielten Male zu lesen. Irgendwo, wohin grade ihr Blick fiel.

»Es ist abends spät. Ich habe diese Woche Nachtwache. Ihr sitzt jetzt traulich im Wohnzimmer zusammen. Vater raucht seine Zigarre, Mutter flickt unbedingt etwas Zerlöchertes. Ursel hat die Schubertlieder beim Wickel und Hansi heimlich Vaters Zigarettenkasten. Ganz deutlich sehe ich Euch alle vor mir. So gemütlich seid Ihr beisammen, daß man auch ganz gern mal auf ein Stündchen zu Euch auf Besuch käme. Am Tage hat man gar keine Zeit, heimzudenken. Man ist wie eine Maschine, die frühmorgens um sechs in Betrieb gesetzt und abends wieder ausgeschaltet wird. Alles geht hier systematisch am Schnürchen, ein Tag wie der andere. Wenn nicht mein Kalender wäre, der Weihnachtskalender von unserm Urselchen, der mir durch rote Farbe anzeigt, daß wieder mal Sonntag ist, ich würde nicht wissen, daß eine Woche verflossen ist. Abends sind einem die Glieder so schwer, als wären sie wirklich eiserne Teile einer Maschine; man sinkt in sein Bett, knapp, daß man noch die Fähigkeit hat, einen abgerissenen Knopf anzunähen. Aber denkt nur nicht, daß ich mich dabei nicht wohlfühle. Ihr wißt ja, Regelmäßigkeit und pünktliche Pflichteinteilung entspricht meinem – wie Ursel es nennt – pedantischen Wesen. Wie viel Freude gibt einem der Tag. Wie befriedigt ist man, wenn man eins von den kleinen elenden Geschöpfchen, die man meist in jämmerlichem Zustand übernimmt, durch liebevolle Sorgfalt sich entwickeln sieht. Fünfzehn Stück habe ich jetzt zu bemuttern, eine ganze Mandel. Behutsam wie mit Eiern muß man tatsächlich mit ihnen umgehen. Die Windel bildet den Drehpunkt meiner Gedanken. Der Haupttag in der Woche ist der Wiegetag; darauf konzentriert sich alles Hoffen. Vaterle, nach einer glücklichen Operation kannst Du nicht stolzer sein, als ich es bin, wenn die Wiegetabelle die vorgeschriebenen Gramme Gewichtszunahme aufweist. Neulich hat der Chefarzt mich, trotzdem ich dem Dienstalter nach die jüngste Schwester hier bin, als Erfolgreichste aufgestellt. Das spornt von neuem an. – Hier muß ich unterbrechen. Die kleine Gesellschaft meldete sich und wollte frisch gebündelt werden. Nun geht es bereits auf Mitternacht. Ihr seid sicher schon im Bett. Schlaft wohl, Ihr all meine Lieben daheim. Ich will jetzt meine Kinder baden. ›Um Mitternacht?‹ höre ich Euch erstaunt fragen. Vater ist sicher nicht einverstanden damit. Mutti sogar empört, daß man die Kleinen aus nächtlichem Schlaf reißt. ›So erzieht man kein Kind zur Ordnung – ich habe euch drei doch ganz gut imstande gehabt; das Alte ist immer noch das Beste.‹ Habe ich Deine Gedanken erraten, Mutti? Im übrigen bin ich ebenfalls Eurer Ansicht, daß man die Kleinen daran gewöhnen soll, die Nacht durchzuschlafen. Auch finde ich Tagesarbeit angenehmer als Nachtarbeit. Aber der Warmwasserverbrauch hier in dem großen Krankenhaus ist so ungeheuer, daß für unsere Säuglinge das Badewasser nachts entnommen werden muß. Den kleinen Herrschaften selbst ist das ganz gleichgültig. Ihr solltet sehen, wie putzig sie sich an meinen Arm anklammern, wie behaglich sie sich dann in dem warmen Bad strecken, und wie munter sie strampeln. Da quarrt schon wieder eins. Natürlich fällt der Chor pflichtschuldigst ein. Das wird immer gleich epidemisch. Auf ein andermal, meine Lieben.« – – –

Frau Annemarie ließ das Blatt sinken. Sie heftete den Blick auf das Mikroskop, ohne dasselbe zu sehen. War Vronli glücklich in ihrer schweren, verantwortungsvollen Tätigkeit? In dem Brief stand, sie fühle sich befriedigt. Aber eine Mutter liest noch mehr, als die trockenen Buchstaben zu sagen wissen. Vronli hatte Heimweh! Wenn sie sich so hineindachte in den Kreis ihrer Lieben, so heimfühlte ... Gut, daß ihr die unausgesetzte Arbeit keine Zeit ließ zu überflüssigen Gedanken. Gut – und doch wieder nicht. War dies das Richtige für ein junges Menschenkind? Brauchte ein Mädchen von zwanzig Jahren nicht auch geistige Anregungen, andere Freuden, als nur die, welche ihr aus ihrem aufopfernden Beruf erwuchsen? Wenn Annemarie an ihre eigene Jugendzeit zurückdachte ... sie hatte auch fleißig gearbeitet. Zuerst zum Abiturium, ja, aber was hatten sie nebenbei noch alles aufgestellt. Dann die Tübinger Studienzeit mit den Freundinnen, die heiterste und sorgenloseste Epoche ihres Lebens. Und später im Krankenhause das Zusammenarbeiten mit Rudi, das hatte alles, auch das Schwerste verschönt. Da lebte die Vronli nun in der Stadt der Kunst und kam kaum mal heraus aus ihren Mauern. Puh – Ursel in ihrer überschäumenden, lebenshungrigen Jugend hatte sich geschüttelt, als sie Vronlis Bericht gelesen. Krasse Gegensätze waren die beiden Schwestern. Die eine zu schwerblütig, die andere zu leichtlebig. Aber Sorge machten sie ihr alle beide. Frau Annemarie seufzte schwer.

»Nanu, Herzle, plagst du dich mit den Rechnungen herum? Schau, laß das Zeug bis zum Abend, da machen wir es gemeinsam. Am Verhungern sind wir ja noch nicht.« Der Professor war aufmerksam geworden.

»Ach, Rudi, deine faule Frau muß sich schämen. Nichts, gar nichts habe ich geschafft, als nur Vronlis Brief zum ixten Male studiert. Ich bin gar nicht recht befriedigt davon – –«

»Die Hauptsache, daß sie selbst es ist. Mit deinem Hindenken und Sorgen schaffst du nix, Herzle. Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen. Das ist nicht anders. Aber ich mein', unser Trio ist noch ganz gut geraten, wir können zufrieden sein, gelt? Nur den Herrn Musjöh muß ich mir mal langen, der ist mir mit seinem Zeugnis, scheint's, durchgegangen. Und was die Ursel da hergeredet hat, daß der Junge nimmer Medizin studieren mag, wird wohl nicht so arg ernst zu nehmen sein. Die Zeit ist noch nicht gar so lang vorbei, wo er Droschkenkutscher oder Konditor werden wollte. Kinderei, grad' wie bei der Ursel. Aber nun mach' mir ein anderes Gesicht, Herzle. Ich will eine frohe Miene von dir mit in die Sprechstunde 'neinnehmen, nicht solche essigsaure, wie ich sie gar nimmer von dir gewöhnt bin.«

So war es immer gewesen, in all den Jahren ihrer Ehe. Einer verstand es stets, dem andern die Sorgen zu verscheuchen. Jeder nahm sich zusammen, um dem andern ein heiteres Gesicht zu zeigen. Annemarie schüttelte den Druck, der ihre Frohnatur nur selten mal beschwerte, ab.

»Hast recht, Rudi, man muß die Küken ihren Weg gehen lassen, wenn sie erst mal flügge geworden sind. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu hoffen, daß derselbe zu ihrem Glück führen möge. So – nun ist es Zeit, mich zu verabschieden. Es hat schon verschiedene Male geklingelt. Sonst zieht sich die Sprechstunde wieder bis zum Abendbrot hin. Den Kaffee schicke ich dir gleich rein, Rudi.« Sie nickte ihrem Mann noch einmal liebevoll zu und verließ das Zimmer.

Hansi kam pfeifend die Treppe, die zu den im oberen Stockwerk gelegenen Zimmern der Kinder führte, herunter.

»Hör mal, mein Junge, es wird allmählich Zeit, daß ich endlich dein Zeugnis zu sehen bekomme«, erinnerte die Mutter den Saumseligen.

»Mußt dich noch ein wenig gedulden, Mutterherz. Eine elektrische Sicherung ist durchgebrannt. Die muß ich erst in Ordnung bringen.« Hans war Handwerker für alles. Mit allen Nöten wandte man sich an ihn. Er hatte eine geschickte Hand, die notwendige Ruhe zu allem und bastelte gern.

Aber dann beim Kaffee, den Mutter und Sohn in traulichem Beieinander einnahmen – Ursel, der Trotzkopf, hatte nicht zu erscheinen geruht – da half es dem Hans nichts mehr. Das Zeugnis mußte herbei.

Es entsprach denn auch durchaus Frau Annemaries Erwartungen. Oder vielmehr, es war noch schlechter als dieselben.

»Ja, aber Junge, das ist ja eine Schundzensur! Wie wird sich der Vater darüber ärgern.« Daß sie selbst aufgebracht darüber war, kam erst in zweiter Linie. »Du kannst, wenn du willst. Es ist nur Trägheit bei dir und Gleichgültigkeit gegen die Anforderungen der Schule. Nichts als Flausen hast du im Kopf. Keinen Ernst – kein Streben – –« Frau Annemarie war noch genau so impulsiv wie dereinst.

Um so ruhiger blieb der filius. »Liegt an der Schule, nicht an mir. Der Kram interessiert mich nicht. Nehmt mich doch raus. Im Leben werde ich schon was Tüchtiges leisten«, meinte er mit überzeugender Selbsteinschätzung.

»Ja, das sagen alle Nichtstuer. Wer in der Schule nicht seine Pflicht tut, vernachlässigt sie auch im späteren Leben.« Es gab eine Zeit, wo Doktor Brauns einstiges Nesthäkchen noch nicht so weise gesprochen.

»Und Onkel Klaus? Er ist der tüchtigste Landwirt, den es gibt. Und war dabei früher doch ein Lausbub ersten Ranges – er hat es mir selbst erzählt, als wir das letztemal bei ihm an der Waterkant waren. Im Gymnasium hat er nur von milden Gaben sein Dasein gefristet, und kleben geblieben ist er auch mal. Ich bin doch noch immer mit graden Gliedern durchgerutscht«, verteidigte sich Hans. Onkel Klaus war sein Ideal. Der Neffe hatte äußerlich und innerlich viel Ähnlichkeit mit dem Bruder der Mutter, das mochte ihn wohl ganz besonders zu ihm hinziehen.

»Erst leiste das, was Onkel Klaus leistet. Wie du dein Abiturium machen willst, wenn du in den Hauptfächern so schwach bist, ist mir schleierhaft –«

»Mir auch!« Hans seufzte tief und schaute sorgenvoll drein. »Weißt du, Mutter, wir wollen die Angelegenheit mal freundschaftlich besprechen. Wenn ich euch einen guten Rat geben darf, so ist es der –«

»Wir brauchen deinen guten Rat nicht, mein Sohn«, unterbrach ihn die Mutter.

Aber Hans fuhr unbeirrt fort: »Nehmt mich aus der Schule, laßt mich Landwirt werden. Gebt mich zum Onkel Klaus in die Lehre – –«

»Und der Vater? Der dich zu seinem Nachfolger bestimmt hat? Der hofft, daß sein einziger Sohn das, was er in mühevollen Jahren aufgebaut, mal weiter fortführen wird, der dich zu seinem Assistenten heranbilden möchte, Hansi ...«, stellte Annemarie dem Sohne eindringlich vor.

»Kann er nicht. Ein Mensch darf das Schicksal des andern nicht derart beeinflussen. Und wenn es selbst der Vater ist. Jeder muß seinen Weg gehen. Auch Ursel findet das – – –«

»Du bist ja ein ganz dummer Junge! Wenn zwei unreife Menschen dieselbe Ansicht haben, ist es deshalb noch lange nicht eine richtige. Pflicht der Eltern ist es, Kinder, denen die nötige Lebenserfahrung noch fehlt, nach bestem Gewissen zu beraten. Heute wollt ihr dies, morgen jenes. Vorläufig bleibst du ruhig in der Schule, mein Junge. In einem Jahr denkst du vielleicht grade entgegengesetzt.«

»Glaub' ich nicht«, meinte Hans mit sachlicher Ruhe, die zu dem erregten Ton der Mutter in merkwürdigem Gegensatz stand. »Deine Brüder, Onkel Hans und Onkel Klaus sind doch alle beide keine Mediziner geworden, trotzdem der Großvater es sicher auch gewünscht hat, daß einer in seine Fußtapfen tritt.«

»Mein seliger Vater hat es damals auch schwer genug empfunden.« Annemarie warf einen wehmütigen Blick zu dem Bilde ihres Vaters, das Tannengrün schmückte. »Aber er hat dafür seinen Schwiegersohn gehabt – – –«

Hans zuckte die Achsel.

»Da müßt ihr euch an Vronli und Ursel wenden«, meinte er mit männlicher Logik. »Für Schwiegersöhne bin ich nicht verantwortlich.«

»Aber für eine anständigere Zensur zum nächsten Quartal, die bitte ich mir ganz energisch aus! So, mein Sohn, die Angelegenheit ist vorläufig erledigt. Nun werde ich mir die Ursel vornehmen und der den Kopf zurechtrücken. Rufe sie mir mal herunter.«

Frau Annemarie begab sich in ihr nebenan gelegenes Wohnzimmer, halb ernst, halb belustigt den Kopf schüttelnd: »Nein, diese Kinder!«

2. Kapitel. Ursel.

Das Doktornest in Lichterfelde hatte sich im Laufe der Jahre verändert. Es war in die Höhe geschossen wie die drei Hartensteinschen Küken. Einen neuen Oberstock hatte es bekommen, einen Erkeranbau mit Terrasse. Auch Gartenland hatte der Professor dazu gekauft. Nach allen Seiten hatte sich das bescheidene Anwesen gestreckt. Professor Hartenstein war ein berühmter Arzt geworden, der es sich leisten konnte, seiner Annemarie ein schönes, behagliches Heim zu schaffen. Gar stattlich nahm es sich von der Straße her aus. Besonders im Herbst, wenn der wilde Wein es purpurn umglühte. Zwischen den Fenstern gab es selbst im Winter Hyazinthen, Tulpen und Primeln in leuchtender Buntheit. Auch innen hatte es sich verändert. Das Herrenzimmer mit den Lederklubmöbeln und der prachtvollen, die ganze Wand einnehmenden Bibliothek, dem Stolz des Hausherrn, war dazu gekommen. Annemaries Wohnzimmer hatte sich in ein stilvolles Biedermeierzimmer verwandelt. Die lieben alten Möbel der Großmama hatten nach deren Tode – sechs Jahre war es jetzt her – ihren Einzug hier draußen in das Reich der Enkelin gehalten. Das Biedermeierzimmer war seitdem Frau Annemaries liebster Aufenthalt geworden. Hier erzählte jedes Stück von früher, von der alten gütigen Frau, deren Augapfel Doktor Brauns Nesthäkchen einst gewesen. Da war die helle Nußbaumservante mit all den Goldtäßchen und den Porzellanpüppchen, der Schäferin und dem Rokokodämchen, die einst das Entzücken der kleinen Annemarie gebildet. Da war das grüne Ripssofa, das ängstlich vor unvorsichtigen Kinderfüßen behütet worden war, mit dem gemütlichen runden Tisch, dessen seine weiße Strickdecke Großmamas fleißige Finger noch eigenhändig fabriziert. Darüber hing das Bild der lieben alten Frau, wie sie unter dem Nußbaum in Lüttgenheide, dem Gute an der Waterkant, mit ihrem Strickzeug saß. Nach einer Amateuraufnahme hatte Annemaries Freundin Vera Burkhard es vergrößert. Daneben schaute Tante Albertinchen mit den Ringellöckchen, Großmamas Schwester, aus goldenem Rahmen. Im Erker stand Großmamas Blumentisch, zum größten Teil noch mit Pflanzen, welche die einstige Besitzerin selbst gepflanzt. Jeden Ableger, jedes Blättchen, jede Knospe zog Annemarie mit einer Liebe, als könnte sie der Großmama dieselbe noch dadurch über das Grab hinaus beweisen. Der kleine, zierliche Nähtisch der Großmama, der ebenfalls Geheimnisse aus Annemaries Kinderzeit barg, ihren ersten mit Prudellöchern garnierten Seiflappen, das Nadelbuch mit der ersten Kreuzsticharbeit und das Häkeldeckchen, das nie fertig geworden, bildete in Gemeinschaft mit Großmamas Lehnstuhl Frau Annemaries Lieblingsplätzchen. Hier regte sie jetzt die fleißigen Hände. Oh, Annemarie hatte es doch noch lernen müssen, das einst so wenig geliebte Stopfen, Flicken und Schneidern. Ursel hatte bisher noch kein Kleid getragen, das nicht die Mutter ihr gearbeitet. Sie verstand es ganz besonders, Ursels schlankem, graziösem Figürchen den richtigen Rahmen zu geben.

Hier im Biedermeierzimmer hatte Annemarie alles beieinander, was ihr lieb war. Saß sie am Nähtisch, so schaute sie beim Aufblicken in ihres Vaters kluges Gesicht mit den väterlich treusten Augen, die je ein Kind behütet. Des Vaters Bild stand stets vor Annemarie. Eine Vase mit den Blumen der Jahreszeit daneben. Den Heimgang des Vaters vor anderthalb Jahren konnte Annemarie noch immer nicht verwinden. Mitten in seiner menschenfreundlichen Tätigkeit hatte der Würgeengel den Teuren berührt. Ein Herzschlag hatte seinem segensreichen Mühen, das so oft über den Tod Sieger geblieben, nun selbst ein Ende gesetzt. Annemaries impulsive Natur, welche das Leben im Laufe der Zeit allmählich etwas hatte abebben lassen, brach in elementarem Schmerz hervor. Sie hatte ja schon mehr Menschen hingeben müssen, an denen ihr Herz hing. Die Großmama – die Trauer um dieselbe war eine stille Wehmut gewesen; denn die Lebensuhr der alten Frau war abgelaufen, ihr Dasein erfüllt. Auch hatte sie mit ihrem Manne gemeinsam schweres Leid zu tragen gehabt. Seine einzige Schwester Ola, die Annemaries ältesten Bruder geheiratet hatte, war in der Blüte ihrer Jahre einer tückischen Krankheit, die aller Kunst, aller hingebenden Sorge Hohn sprach, zum Opfer gefallen. Da hatte Annemarie stark sein müssen. Sie mußte ihrem Gatten, ihrem Bruder in der schweren Zeit eine Stütze sein. Eigenes Weh mußte zurückgedrängt werden. Aber beim Tode des Vaters war das anders. Da fühlte sie sich wieder Kind, ein verwaistes Kind, das sich auflehnte gegen das Unerbittliche, Unfaßbare. Mit zarter Innigkeit hatten ihre Lieben sie umschlossen. Rudis liebevolle Fürsorge heilte am besten ihr Weh, verwandelte ihre leidenschaftlichen Schmerzausbrüche in stillgemäßigte Trauer. Die Kinder hatten sie wieder lachen gelehrt. Um ihretwillen durfte sie sich nicht in ihren Schmerz vergraben. Sie wollten ihre Mutter tatkräftig und froh, wie sie dieselbe von jeher kannten. Und dann gab's auch wieder neue Pflichten für Annemarie, die gegen ihre jetzt vereinsamte Mutter. Frau Doktor Braun war nicht dazu zu bewegen, zu einem ihrer Kinder überzusiedeln. Trotzdem es nahe lag, daß sie ihrem Sohne Hans die fehlende Hausfrau ersetzte. Nein, aus ihren lieben Räumen, in denen sie mit dem teuren Gefährten alt geworden war, die das Glück ihres Lebens atmeten, ging sie nicht hinaus. Lieber vermietete sie einen Teil der jetzt viel zu großen Wohnung. Das hatte auch den Vorteil, daß sie sorgenlos leben konnte. Denn Hanne, die treue Alte, die, trotzdem sie nun auch schon auf die Siebzig lossteuerte, noch immer ihre Kräfte dem Braunschen Hause widmete, hatte sofort erklärt: »Wa nehmen Ausländer in Pension, die kennen berappen. Kochen will ich vor ihnen, denn kennen Frau Doktern und meine Wenigkeit janz vor umsonst mitfuttern.« Hannes Rat hatte sich als durchaus praktisch erwiesen. Annemaries Mutter hatte ihr gutes Auskommen dadurch, und was ebenso viel wert war, sie hatte wieder zu denken und zu sorgen. Denn die Braunschen Pensionäre waren wie Kinder im Haus, man riß sich darum, dort Aufnahme zu finden. Und daran war nicht nur Hannes gute Küche schuld.

Annemarie hatte einen Korb Ausbesserwäsche vorgenommen. Trotzdem sie sich jetzt auf Rudis Wunsch Stubenmädchen und Köchin hielt, ihre Einfachheit und Arbeitsamkeit hatte sie nicht eingebüßt. Überall legte sie selbst mit Hand an. »Gönn' dir doch mehr Ruh', Herzle,« sagte Rudi Gott weiß wie oft zu ihr, »du kannst es doch jetzt haben.« Aber sie lachte ihn aus: »Zum Feiern habe ich Zeit, wenn ich alt bin. Arbeit erhält jung. Ich habe in den ersten Jahren unserer Ehe viel zu sehr heran müssen, um nun plötzlich die elegante Dame spielen zu können. Das liegt mir nun mal nicht.«

Um so mehr aber lag das ihrer jüngsten Tochter, dem Fräulein Ursel. Die ließ sich nur zu gern bedienen. Die rührte am liebsten überhaupt nichts im Haushalt an. Na, da kam sie bei Annemarie grade an die Rechte. Zu jeder Arbeit zog die Mutter sie heran, soweit die Schulpflichten Ursel nicht in Anspruch nahmen. Ursel rümpfte die Nase, streikte auch wohl mal; aber sie hatte ihre Mutter viel zu lieb, um dann nicht doch das Gewünschte zu tun. Daß sie es nicht für die Mutter, sondern für sich selbst tat, verstand sie noch nicht. Annemarie wollte ihre Kinder unabhängig machen von andern. Sie hatte es an sich selbst empfunden, daß es nicht gut tat, daheim verwöhnt und verweichlicht zu werden. Doktor Brauns Nesthäkchen hatte es im Elternhause allzu gut gehabt. Hanne, die sie schon auf den Armen gewiegt, hatte ihr jede häusliche Arbeit abgenommen. »Unser Kind is vor so was ville zu schade, davor is ja die Hanne da«, pflegte sie zu antworten, wenn Frau Doktor Braun ihr Vorstellungen machte. Es war gut gemeint, aber es rächte sich später im eigenen Nest. Da kamen die kleinen Kinder, da kamen Dienstbotenmiseren. Frau Annemarie hatte viel Lehrgeld zahlen müssen, bis sie sich zur Meisterschaft durchgerungen. Davor wollte sie ihre Kinder bewahren. Aber es war nicht immer ganz leicht. Denn die Mädchen, welche ihr junges lustiges Fräulein Ursel abgöttisch liebten, taten ihr alles zu Gefallen, und Ursel verstand das schlau auszunützen. Es wiederholte sich eben alles im Leben.

Wo blieb denn die Ursel? Hans hatte ihr die Bestellung doch sicher ausgerichtet. War sie wieder mal eigensinnig und leistete keine Folge?

Annemarie seufzte. Ursels Erziehung war nicht so ganz einfach. Vronli und Hans hatten sich ziemlich von selbst erzogen. Ursel war ungleich schwieriger. Sie verband bestrickende Liebenswürdigkeit mit einer starken Mischung von Selbstbewußtsein und Eigenmächtigkeit. Weiche Zärtlichkeit mit eigensinniger Hartnäckigkeit. Dazu ein gut Teil Schlauheit und weibliche Eitelkeit. Jeder hatte ihr von klein auf gesagt, was für ein reizendes kleines Ding sie sei, daß sie selbst natürlich davon am meisten überzeugt war. Da konnte nur eine liebevolle Mutter die Auswüchse verständnisvoll beschneiden, denn mit Strenge war Ursel nicht zu kriegen.

Grade als Annemarie ihre Arbeit beiseite legen wollte, um selbst mal nach ihrem saumseligen Nesthäkchen zu sehen, hörte man auf der Treppe Schritte. Oder vielmehr Sprünge von einem zweibeinigen und einem vierbeinigen Wesen. Die Tür ward aufgerissen, hereinstürzte ein großer Hühnerhund. Dahinter Ursel, zum Ausgehen gerüstet.

»Ursel, bringe den Hund hinaus. Du weißt, ich mag ihn nicht in den Wohnräumen«, ordnete die Mutter an.

»Ach, Cäsar ist ein so braver Kerl, das nimmt er übel, wenn man ihn rausschmeißt. Und er hat das Biedermeierzimmer so gern. Er hat entschieden Schönheitssinn«, verteidigte Ursel ihren Liebling.

»Ich finde es notwendiger, daß du dich um das kümmerst, was ich gern oder nicht gern habe, Ursel«, sagte Frau Annemarie mit leisem Vorwurf.

»Puh – Mutti, mach' kein Gouvernantengesicht. Das steht dir nicht.« Aber da die Miene der Mutter sich nicht aufheiterte, wie das sonst öfters der Fall war, wenn Ursel ihren Spaß mit ihr trieb, setzte sie hinzu: »Schieß los, Muzi. Ich hab' nicht viel Zeit. Du hast mich zur feierlichen Audienz befohlen.« Für gewöhnlich hatte Ursel durch ihre drollige Art die Lacher auf ihrer Seite. Heute versagte ihr Erfolg bei der Mutter.

»Du wirst für das, was ich mit dir besprechen will, Zeit haben, Ursel. Wo willst du denn überhaupt hin?«

»Überall und nirgends. Zuerst mal zu Ruth oder zu Edith. Zu irgendeiner gleichgestimmten Seele, die wie ich ihre lang ersehnte Freiheit heute genießen will.«

»Ja, aber höre mal, liebes Kind, soweit geht diese Freiheit denn doch noch nicht, daß du ohne Erlaubnis fortgehst«, wandte die Mutter ein.

Ursel warf den Kopf mit dem prachtvollen Goldhaar ungezogen zurück. »Jetzt bin ich aus der Schule und erwachsen, folglich kann ich auch tun und lassen, was ich will«, gab sie keck zur Antwort. Aber da die Mutter sie nur, ohne sich zu äußern, stumm anschaute, setzte sie noch einmal, freilich nicht mehr ganz so selbstbewußt »na ja!« hinzu.

»Wenn du dich auf einen solchen unreifen und unverständigen Standpunkt stellst, haben wir beide uns nichts mehr zu sagen.« Frau Annemarie war selbst erstaunt über die Ruhe, mit der sie Ursel begegnete. Früher wäre ihr das niemals möglich gewesen. Rudis Gleichmäßigkeit hatte sicher schon abgefärbt. Sie griff nach den Handtüchern und begann den Faden wieder durch das dünn gewordene Gewebe zu ziehen.

Ursel sah unschlüssig auf die Mutter. Hätte dieselbe sie zurechtgewiesen, wie sie es verdient hatte – Ursel war klug genug, um das selbst einzusehen –, dann wäre sicher ihr Trotz geweckt worden. So aber tat ihr die ungezogene Antwort leid.

»Du kannst mir ja erst noch sagen, was du von mir willst. Soviel Zeit habe ich schon noch«, lenkte sie ein.

»Ich habe jetzt die Lust dazu verloren. Geh nur, du bist ja von heute an selbständig.« Die Mutter blickte nicht auf.

»Also denn meinetwegen. Du willst es ja selbst.« Da meldete er sich wieder, der Trotzkopf. Ursel pfiff Cäsar und verließ das Zimmer. Ein paar Minuten später sah Annemarie sie von ihrem Erkerplatz aus den Kiesweg zum Gartenausgang entlanggehen.

»Balg!« sagte Frau Annemarie aus innerstem Herzen heraus. Mit dem Mädel würde man noch einen schweren Stand haben. Man hatte ihm eben zuviel Willen gelassen, es allzusehr verzogen. Das war wohl meist das Los der Nesthäkchen. Dabei war es ein so gutes Kind, die Ursel. Annemarie lächelte über sich. Da nahm sie doch die Krabbe, die das wahrlich nicht verdient hatte, vor sich selbst schon wieder in Schutz.

Die Sonne hatte sich wieder mal verkrochen. Dem April fiel es ein, plötzlich einen Wolkensack voll Schneeflocken auf die Erde auszustäuben. Tatsächlich, es schneite. Annemarie blickte besorgt in den Garten hinaus. Dort gab es allenthalben schon Augen und Blattknospen an Baum und Strauch. Ein Jammer, wenn das zugrunde ging.

Nanu, kam da nicht Cäsar zurück? Dann war die Ursel auch nicht weit davon. Denn die beiden waren unzertrennlich. Als winziges Hundebaby hatten die Kinder Cäsar in einem Eierkörbchen aus seiner Heimat an der Waterkant nach Berlin transportiert. Sie hatten Onkel Klaus, bei dem sie stets die Ferien zubrachten, so lange in den Ohren gelegen, bis er ihnen eins von den sieben »süßen« braunen Geschöpfen, die so drollig umherkrabbelten, geschenkt hatte. Annemarie war zwar nicht begeistert davon. Seitdem Puck, der Gefährte ihrer Kindertage, das Zeitliche gesegnet, hatte sie ihr Herz nicht wieder an eine Hundeseele gehängt! Ein Hund machte Mühe und Kosten. Und überhaupt solch ein junges, unerzogenes Tier, das noch nicht mal stubenrein war. Annemaries Hausfrauenherz lehnte sich gegen das neue Familienmitglied energisch auf. Aber wenn Ursel was wollte, dann wollte sie es eben. Außerdem hatte sie einen guten Verbündeten an Hans, der für alles, was da kreucht und fleucht, besonderes Interesse hatte. Und wenn es noch dazu von der Waterkant stammte, war ihm die Sympathie von Hans gewiß. Auch Rudi ließ diesmal seine Annemarie im Stich; der treulose Mann begab sich auf die Seite der Gegenpartei. Ein Hund sei für die Kinder der beste Spielgefährte, meinte er, außerdem auch ein Schutz für das Haus, wenn er in der Stadt wäre. Da hatte aber Frau Annemarie lachen müssen. Dieses winzige Ding von einem Krabbelwesen, kaum größer als eine Hand, sollte ihr Schutz sein! Aber sie ward überstimmt, und selbst ihr Vorschlag, Cäsar so lange in Lüttgenheide zu lassen, bis Onkel Klaus ihm die ersten Regeln des Hundeanstands beigebracht hätte, fand kein Gehör. Die Kinder wollten Cäsar unter allen Umständen mitnehmen, und auch Klaus meinte, es sei besser, wenn der Hund nicht erst die Freiheiten eines Gutes kennen lerne, sondern so früh wie möglich zu der Erkenntnis käme, ein wohlerzogener Stubenhund werden zu müssen. Ach, hätte Frau Annemarie geahnt, was ihrer harrte, sie hätte sich mit all ihrer Energie der Aufnahme des vierbeinigen Hausgenossen entgegengesetzt. Keine ruhige Minute hatte sie mehr. Cäsar, der in der ersten Zeit bescheiden umhergekrochen, begann alsbald zu springen, und zwar in so wilden Sätzen, als müsse er sich dafür schadlos halten, daß man seine Freiheit in Stadtmauern gezwängt. Keine Vase, keine Statue war vor ihm sicher. Alles wankte und schwankte um Frau Annemarie. Ihren besten hellila Teppich, über den sie selbst am liebsten schwebte, benutzte Cäsar ungeniert für seine Wünsche. Da war keine Rouleauschnur, keine Sesselquaste und keine herabhängende Decke, die nicht nähere Bekanntschaft mit Cäsars scharfem Gebiß machte. Aber als er es eines Tages wagte, seine Zähne in Annemaries neuen Kostümrock zu graben, da trat Frau Annemarie mit düsterer Entschlossenheit vor ihren Mann. »Wähle zwischen ihm und mir«, forderte sie. Rudi hatte sie lachend in seine Arme genommen. Cäsar aber wurde aus den Wohnräumen verbannt. Der Vater und Hans bauten ihm eine Hundehütte hinter dem Hause. Und das war gut. Denn Cäsar, der winzige, handgroße Geselle wuchs in kurzem zu ungeahnter, erschreckender Größe, zu einem wahren Hundegoliath empor. Mit ihm wuchs sein Appetit. Jetzt war Annemarie wieder unglücklich über die Unmengen von Kartoffeln und Gemüse, die Cäsars Magen vertragen konnte. Ganz abgesehen davon, daß er den Kindern noch ihre Brote fortschnappte, und daß diese dann zu kurz kamen. Aus den Zimmern der Kinder war Cäsar nicht zu verbannen. Dort hatte er von Anfang an unbeschränkte Heimatsrechte. Ebenso in der Küche, wo er unter dem Herd seinen Stammplatz hatte. Die Hausfrau betrachtete er mit nie ganz schwindendem Mißtrauen, was diese bis auf den heutigen Tag in noch stärkerem Maße erwiderte.

Auch jetzt sah Frau Annemarie von ihrem Erkerplatz aus dem durch das Schneetreiben nähertrabenden Cäsar mit wenig freundlichen Blicken entgegen. Daß es nur nicht Ursel einfiel, ihn mit ins Haus zu nehmen. Die Mädchen hatten heute bei der Wäsche keine Zeit, seine Schneetapfen nachzuwischen.

Da tauchte auch bereits Ursel auf. Das Blondhaar schneeüberpudert wie ein Rokokodämchen. Und auch kapriziös wie ein solches. Denn als sie dem Auge der Mutter begegnete, zog sie ihre Ledermütze und grüßte damit schneidig wie ein junger Geck zu dem Fenster hinauf. Als ob nichts vorgefallen sei, betrat sie gleich darauf das Biedermeierzimmer, Cäsar wohlweislich diesmal draußen lassend.

»Morjen. Da bin ich wieder. Das Wetter war zu wenig einladend zum Spazierengehen. Und der Halbfünf-Zug nach Berlin bereits heidi. Und außerdem – außerdem macht es mir auch kein Vergnügen, wenn ich mit dir böse bin.«

»Ich glaube, die Sache ist wohl umgekehrt«, unterbrach sie die Mutter.

»Das ist ja Jacke wie Hose – gehupft wie gesprungen – kommt alles auf eins heraus. Also, liebste Muzi, sei nicht länger verknurrt. Ich finde das höchst ungemütlich. Erzähle mir lieber, was du eigentlich von mir wolltest.«

»Aha, also die Neugier hat dir keine Ruhe gelassen. Ich glaubte schon, es täte dir leid, daß du dich heute am Tage deines Schulabgangs so wenig erwachsen gezeigt hast.«

»Tut es mir auch. Das heißt nur insofern, als ich meine kleine Muzi dadurch geärgert habe. Nun wollen wir aber das Kriegsbeil endgültig vergraben. Ja, Muzichen? Soll ich Vaters Zigaretten holen, daß wir eine Friedenspfeife miteinander rauchen können?«

Ursel hatte es wieder mal erreicht. Die Mutter mußte lachen. Allen pädagogischen Einwänden zum Trotz – sie konnte sich nicht helfen ... Da hatte auch Ursel bereits ihre Mutter beim Wickel, ihren nassen Blondkopf zärtlich gegen deren Gesicht pressend. »Und dann küßt sie den Hans und es ist alles wieder gut«, sang sie mit heller Stimme. »Diesmal ist es aber die Ursel, und nicht der Hans. Also Muttichen!« Sie kauerte sich, wie sie es als Kind getan, auf das Fußkissen, mit ihren großen Blauaugen erwartungsvoll zur Mutter aufblickend.

»Ihr seid schon eine Gesellschaft!« sagte diese bloß, aber verhaltene Mutterzärtlichkeit schwang in dem Tone mit.

»Na ja, und weiter, Muzichen? Ich bin gespannt wie ein Regenschirm.«

»Du brauchst gar nicht so erwartungsvoll zu sein, Ursel. Der Vater verlangt unbedingt, daß du zum Ersten als Banklehrling in die Dresdner – –« Weiter kam Frau Annemarie nicht. Ursel war so jäh aufgesprungen, daß das nicht mehr auf allzu festen Füßen stehende Nähtischchen ihrer Urgroßmutter, ob solchen jugendlichen Ungestüms, erschreckt zu wackeln begann.

»Ausgeschließt! Und dazu tust du so geheimnisvoll? Dazu komme ich extra vom Bahnhof wieder zurück!« Es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre Ursel in Tränen grenzenloser Enttäuschung ausgebrochen.

»Nun setze dich mal wieder her zu mir, mein Mädel, und laß uns die Angelegenheit in aller Ruhe miteinander besprechen.« Zug auf Zug erkannte Annemarie sich selbst in ihrem temperamentvollen Nesthäkchen wieder. Und aus diesem Verständnis heraus vermochte sie es auch, die richtige Saite in Ursels stark vibrierender Seele zu rühren. »Du willst doch deinem Vater Freude machen, gelt, Urselchen? Du willst ihm doch all seine Liebe nicht durch kindische Auflehnung und Undankbarkeit lohnen? Und du mußt doch davon überzeugt sein, daß der Vater sowohl wie ich dein Bestes wollen, nicht wahr, mein Herzchen?«

Ursel hatte den Kopf an das Knie der Mutter geschmiegt. »Ihr wollt wohl mein Bestes. Aber ihr könnt euch irren. Unmöglich könnt ihr wissen, welcher Weg zu meinem Glücke führt. Aber ich weiß es. Wenn ich erst die Rolle der Ännchen im ›Freischütz‹ singen werde, wenn man mich erst an die Staatsoper engagieren wird, dann werdet ihr schon anders sprechen.«

Frau Annemarie mußte lächeln. »Luftschlösser bauen ist das Recht der Jugend. Nur schade, daß sie kein festes Fundament haben, solche Luftschlösser. Daß sie wie Seifenblasen zerplatzen. Und selbst angenommen, du erreichst das, was dir jetzt als erstrebenswertes Ziel vorschwebt, zu deinem Glücke braucht das durchaus noch nicht zu sein, mein Kind.«

»Doch – das ist das Glück!« Ursel sah mit glänzenden Augen in den Apriltag hinaus. »Wenn ich erst da oben auf der Bühne stehe, wenn mir eine begeisterte Menge zujubelt – – ›Ich meine die Base mit der kreideweißen Nase‹ – –« begann sie aus dem »Freischütz« zu trällern.

»Du weißt nicht, was für Klippen, was für Intrigen im Theaterleben einem das Leben vergällen können, Ursel. Du kannst ein viel zufriedenerer, glücklicherer Mensch werden, wenn du deine Zukunft auf solide Arbeit und Pflichterfüllung aufbaust.«

»Ach, das ist ja tranig. Bei den Büchern und Rechnereien halte ich's einfach nicht aus. Paß auf, ich fange mitten bei der Arbeit an zu singen, bis sie mich wegen Ruhestörung aus der Bank rausschmeißen, Muzi.«

»Ursel, sei doch bloß mal einen Augenblick vernünftig. Sieh, ich habe dir doch noch nicht mal sagen können, was ich beim Vater für dich durchgesetzt habe«, begann die Mutter von neuem.

»Na?« Ursel schien nicht mehr viel Hoffnung in die Mission der Mutter zu setzen.

»Er erlaubt, daß du Gesangstunde nehmen darfst – –«

»Wirklich, Muzi? Ach, du bist mein allerliebstes, kleines Muzichen! Ich wußte es ja, daß du mich nicht im Stich lassen würdest.« Das junge Mädchen erdrückte die Mutter vor Seligkeit.

»Ja, Ursel, aber unter der Bedingung, daß du ebenfalls seinem Wunsche Folge gibst und zur Bank gehst. Der Gesangunterricht soll die Belohnung für die Mußestunden sein«, stellte die Mutter vor.

Ursel machte ein Gesicht, als ob sie ihren Kopf mit Ergebung auf den Henkerblock legen sollte. »Also meinetwegen! Aber ihr werdet schon sehen, was ihr euch damit einbrockt. Ehre wird Vater bei dem befreundeten Bankdirektor ganz gewiß nicht mit mir einlegen.«

»Ja, Ursel, wenn du es dir gleich so vornimmst. Man geht an ein neues Amt mit dem festen Willen, sein Bestes zu geben.«

Der Märtyrerblick der jungen Dame verwandelte sich in einen verschmitzten. »Werd' ich auch. In den Gesangstunden ganz gewiß. Und nun wollen wir mal sehen, was stärker ist. Die dämliche Bank oder die Opernbühne. Ach – –« sie breitete die Arme aus – »immerhin die erste Sprosse auf der Leiter der Kunst.«

»Ei, Ursel, die Leiter steht recht wackelig. Ich bedaure bereits, wenn du es so auffaßt, beim Vater ein gutes Wort für dich eingelegt zu haben. Ja, ich weiß nicht einmal, ob ich es überhaupt vertreten kann, dir Gesangstunde geben zu lassen. Meine Pflicht als Mutter ist es, derartigen Hirngespinsten nicht noch Vorschub zu leisten.« Frau Annemaries Gesicht wurde zweifelhaft besorgt.

»Als Mutter sollst du ja gar keine Notiz von meinen Mitteilungen nehmen, Muzi. Die braucht überhaupt nichts davon zu wissen. Aber als meine aller-allerbeste Freundin mußt du dich mit mir freuen, daß ich wenigstens ein paar Stunden in der Woche Gesang studieren darf. Und wenn ich's erreiche – ach Muzi, dann ist ja keiner stolzer auf mich als du!«

»Ich werde immer stolz auf meine Kinder sein, wenn sie als brave Menschen was Tüchtiges leisten. Auf welchem Gebiet ist gleich – –«

»Siehst du, Muzi, da sagst du es ja selbst. Ich will was Tüchtiges leisten – ich will!« Das ganze schmale Persönchen war von Energie durchströmt. Freilich meinte Ursel ein anderes Gebiet als die Mutter. »Und nun, Muzi, wollen wir zur Beruhigung der Gemüter beide einen Spaziergang machen, ja? Die Sonne gibt gerade wieder eine Gastrolle. Und Cäsar, das arme Vieh, kratzt sich die Pfoten draußen an der Tür ab, ohne daß man von ihm Notiz nimmt. Ja, meine geliebte Töle, wir kommen ja schon. Soll ich dir deine Sachen bringen, Muzi?«

»Und meine Ausbesserwäsche, Ursel? Was wird aus der?«

»Die läuft nicht weg. Heute abend helfe ich dir, wenn – wenn ich nicht bereits im Bett liege.« Lachend lief Ursel davon, die Sachen zu holen.

Cäsar hatte die gute Gelegenheit benutzt, sich durch die offengebliebene Tür in das Biedermeierzimmer, für das er nun mal besondere Vorliebe hatte, durchzuquetschen. Jetzt blinzelte er halb erwartungsvoll, halb mißtrauisch zu seiner Herrin hin. Warum jagte Frau Annemarie ihn denn nicht wie sonst hinaus?

Annemarie nahm keine Notiz von Cäsars Anwesenheit, die sonst ihr Gemüt stets in Erregung zu versetzen pflegte. Sie schaute mit langem Blick ihrer Jüngsten nach. Ja, die Ausbesserwäsche lief nicht davon. Aber die Kinder liefen davon, wenn man sie nicht zu halten wußte. »Ich will dir stets die allerbeste Freundin bleiben, meine Ursel«, gelobte sie sich wortlos. Das Vertrauen, das Ursel zu ihr hatte, durfte sie niemals enttäuschen. Nie!

Bald darauf sah man Mutter und Tochter, goldhaarig wie Schwestern anzusehen, Arm in Arm durch die Villenstraße des Berliner Vorortes wandern. Cäsar, in großen Sätzen auf die Spatzen Jagd machend, voraus.

3. Kapitel. Banklehrling.

Nun war der Frühling doch eingekehrt – allen Aprillaunen zum Trotz. Rosenrote Blütenschleier hatte er über Nacht über die Pfirsich- und Mandelbäume gehängt. Die Kirschbäumchen vermochten ihre schneeige Blütenlast kaum zu tragen. Die Kastanien brannten mit unzähligen Blütenkerzen zu Ehren seines Einzuges. In der Fliederhecke flötete die Amsel.

Das Stubenmädchen hatte den Frühstückstisch zum erstenmal wieder auf der Veranda gedeckt.

»Das ist recht, Trude«, lobte die Hausfrau, in den strahlenden Frühlingsmorgen mit ebenso strahlenden Augen schauend. »Rasch den Kakao für Ursel. Damit sie den Zug nicht versäumt.«

»Wäre auch kein Unglück!« klang es aus dem Garten, in dem Ursel unbedingt noch vor dem Frühstück Veilchen, Primeln und Krokus für sämtliche Vasen pflücken mußte, herauf. »Ach, Muzi, ein Verbrechen ist es geradezu, mich an einem solchen Frühlingstag ins Gefängnis zu sperren.«

»Nun, Ursel, solch Gefängnis wie die Bank, in welche du heute eintreten sollst, kann man sich halt gefallen lassen«, ließ sich der Vater aus einem der offenen Fenster heraus vernehmen. »Meinst du, Krankenstubenluft ist angenehmer? An seine Pflicht muß ein Jedes. Und nun eil dich, Kind, sonst erreichst du den Zug nimmer.«

Ursel beeilte sich durchaus nicht. Die hatte sogar noch Zeit, zu überlegen, ob sich die Primeln wohl schöner in der blauen Vase oder in dem roten Rubinglas ausnehmen würden. Sie befestigte noch mit Gemütsruhe ein Sträußchen duftender Blauveilchen an ihrer hellen Waschbluse.

»So, mein Herzchen, ich habe dir deine Brötchen schon zurechtgemacht. Hier ist auch noch ein frischgelegtes Ei für dich. Komm und frühstücke. Wer weiß, wie das Essen dort in der Bankkantine sein wird. Da ist es schon besser, du legst ordentlich vor«, riet die Mutter vorsorglich.

Ursel, die noch eben fest entschlossen gewesen, den Zug, der sie zum erstenmal in ihr neues Amt befördern sollte, zu versäumen, schämte sich bei dem liebevollen Ton der Mutter plötzlich ihres Vorhabens. Sie kam, wenn auch nicht gerade eilig, der Aufforderung nach.

»Ei, Urselchen, wie schaust du in den wonnigen Morgen? Sieh doch nur das Blühen ringsum, hör nur das Jubilieren in Baum und Strauch, und ein Duft ist heute – –« Frau Annemarie genoß nach langem Winter in durstigen Zügen den kosenden Lenzhauch.

Der mißmutige Zug in dem hübschen Gesicht ihrer Jüngsten wollte nicht weichen.

»Um so krasser ist der Gegensatz zu den düsteren Mauern, in denen ich heute lebendig begraben werden soll«, sagte sie mit Pathos.

»Hahaha, Ursel übt bereits die Kerkerszene für die Rolle zum ›Fidelio‹«, neckte Hans die Schwester.

»Dummer Bengel!« Ursel bedauerte längst schon, ihren zukünftigen Opernplan vor dem Bruder geäußert zu haben, da dies eine unversiegbare Quelle für seine Neckereien geworden war.

Hans hatte den Ehrentitel nur mit halbem Ohr gehört. Er hatte wichtigeres zu tun, nämlich die von der Mutter belegten Schulbrote einer eingehenden Kontrolle zu unterziehen. »Kommste mit?« Trotz aller Pomadigkeit besaß er seines Vaters Pünktlichkeit. Während Ursel auch hierin Annemaries echte Tochter war, und mit der Zeit ebensowenig rechnete, wie mit andern Dingen.

Längst stampfte Hans dem Bahnhof zu, als Ursel es endlich doch für angemessen hielt, sich vom Frühstück zu erheben.

»Leb wohl, meine kleine Muzi. Nun vertreibt man mich aus dem Paradies meiner Kindheit. In die Heimat kehren wir wieder«, begann sie aus dem »Troubadour« zu trällern, während sie das Strohhütchen vor dem großen Pfeilerspiegel in der Diele möglichst kleidsam auf das Goldhaar drückte.

»Geh nur erst mal, Ursel, mit dem Heimkehren hat es wirklich noch Zeit.« Selbst die Mutter, deren Tugend Pünktlichkeit niemals gewesen war, setzte Ursels Saumseligkeit in gelinde Aufregung.

»Ursel, es ist mir geradezu peinlich, wenn du meinen Freund, den Bankdirektor Hildebrandt, der dich liebenswürdigerweise, ohne jede Vorkenntnisse, nur mit dem Schulreifezeugnis in das Bankfach eintreten lassen will, gleich am ersten Tag durch Unpünktlichkeit enttäuscht. Das wirft halt ein schlechtes Licht auf die Zuverlässigkeit meiner Tochter.« Professor Hartenstein war auf die Veranda hinausgetreten und zog stirnrunzelnd die Uhr.

»Das wird nicht die einzige Enttäuschung sein, die ich ihm bereite.« Die Ursel war wirklich ein ungezogenes Ding. Ungeachtet all ihres Liebreizes konnte es sich Frau Annemarie nicht verhehlen. Ja, es zuckte sogar in der mütterlichen Rechten wie früher, wo es rasch mal einen Klaps bei Annemaries impulsiver Art gesetzt hatte. So weit kam es heute nicht. Im Gegenteil, Ursel küßte die Mutter so zärtlich, als gelte es einen Abschied für Jahre. Dann bekam auch der Vater seinen Kuß. »Leb wohl, du Rabenvater«, – leichtfüßig sprang sie die Stufen zum Garten hinab, taufrisch wie der junge Maimorgen.

»Ein Mordsmädel – na, dir werden sie die Flötentöne im Ernst des Berufslebens schon beibringen.« Mit Vaterstolz blickte Rudolf Hartenstein, trotzdem er noch eben ärgerlich festgestellt hatte, daß Ursel den in zweieinhalb Minuten abgehenden Zug unmöglich mehr erreichen konnte, seiner hübschen Jüngsten nach.

»Gut, daß ich ihr eine halbe Stunde früher angegeben habe, als sie tatsächlich antreten soll. Ich hab' halt schon mit ihrer ererbten Unpünktlichkeit gerechnet.« Annemarie kam nicht dazu, auf die Neckerei ihres Mannes zu entgegnen. »Cäsar – hierher – hierher – Cäsar – –«; der Professor pfiff dem Hunde, der fröhlich blaffend seiner jungen Herrin nachsetzte.

Cäsar war ebensowenig folgsam wie diese. Er stellte sich taub gegen die befehlende Stimme seines Herrn. Nur um so rasender jagte er davon, an Ursel vorüber bis zur nächsten Straßenecke, wo er sie, triumphierend mit dem Schwanze wedelnd, erwartete.

»Zurück, Cäsar – geliebte Hundetöle, ich darf dich doch nicht in meinen Kerker mitnehmen!« Zärtlich klopfte Ursel den Hals des vierbeinigen Freundes.

Tü–i–i–i–i–i–i – ein schriller Lokomotivschrei.

»Fort ist sie – haste nicht gesehen!« Mit Gemütsruhe blickte Ursel der in einiger Entfernung davondampfenden Eisenschlange nach. »Na, denn nicht! Es ist entschieden angenehmer, hier in den Anlagen auf der Bank den schönen Morgen zu genießen, als in der Dresdner Bank über Zahlen zu schwitzen. Also ein Viertelstündchen können wir noch beisammen bleiben, Cäsar. Aber dann bist du brav und trollst dich heim, gelt? Schau, eine Bank ist ein ebenso gräßliches Institut wie eine Schule, da lassen sie dich nicht hinein, meine geliebte Töle.« So unterhielt sich Ursel mit Cäsar, der mit klugen Augen zu ihr aufblickte.

Aber bei all seiner Hundeintelligenz hatte er doch wohl nicht so recht begriffen, daß seine junge Herrin einen ebenso ernsthaften Weg ging, wie früher in die Schule. Sie trug ja keine Ledertasche mit Schulbüchern, folglich stand es ihm frei, ihr das Geleit zu geben. Nur die Schultasche hielt Cäsar in respektvoller Entfernung.

Vergeblich schauten der Professor und Frau Annemarie bei ihrem gemeinsamen, jetzt nur noch durch melodischen Vogellaut unterbrochenen Frühstück nach dem Durchgebrannten aus.

»Du, Rudi, die Ursel wird den Köter doch nicht etwa in ihren neuen Wirkungskreis mitnehmen?« meinte die Gattin schließlich bedenklich.

Rudolf Hartenstein lachte. »Da brauchst dir keine grauen Haare drum wachsen zu lassen, Herzle. So arg treibt's die Ursel nimmer. Das wagt sie bei all ihrem Übermut, all der Keckheit, die sie von ihrer Frau Mutter geerbt hat, doch wohl nicht. Ein wenig Verständigkeit wird sie ja auch wohl von mir mitbekommen haben.« Bei jeder Gelegenheit zog der Professor seine Frau mit ihrem jungen Ebenbild auf und freute sich, wenn sie lebhaft Einspruch erhob.

»Als ob ich jemals ein so unvernünftiger Springinsfeld gewesen bin, Rudi. Das heißt, unser Puck, Gott habe ihn selig, hat mir auch am ersten Schultag das Geleit in die Klasse gegeben und dort große Revolution verursacht.«

»Also schau, wie die Alten sungen, zwitschern die Jungen«, neckte der Professor weiter.

»Aber nein, die Ursel ist ja doch zehn Jahre älter, als ich damals gewesen, die muß doch verständiger sein. Wenn sie ihn bloß heimschickt, den Cäsar. Er müßte doch schon längst zurück sein, meinst du nicht, Rudi?«

»Wird halt auch Frühlingsgefühle haben und zarte Fäden zu irgendeiner Hundeschönen anspinnen. Ein Köter hat schließlich auch eine fühlende Brust. Weißt, Weible, an solchem wonnigen, sonnigen Maimorgen werden selbst so alte Eheleut, wie wir zwei beid, wieder jung, gelt, meine Alte?«

»Na, erlaube mal!« Energisch machte sich Annemarie aus dem sie umfangenden Arm Rudis frei. »Alte – ja, das kommt davon, wenn eine junge Frau einen alten Mann heiratet, der bald sein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Ich fühle mich heute noch genau so jung wie damals, als uns die Obstbäume hier in unserem lieben Nest zum erstenmal mit ihrem rosigen Blütenregen überschütteten, als noch der verschleierte Wiegenkorb mit irgendeinem quäkenden Etwas unter der maigrünen Linde stand. Wenn die erwachsenen Kinder nicht wären, die einem unbarmherzig den Zeitenspiegel vorhalten – ich glaube, ich wäre sogar fähig, noch dieselben Dummheiten zu machen wie dereinst.«

»Sag ich's nicht, solch Maimorgen wirkt verjüngend wie ein Jungbrunnen. Da sitzen und schwatzen wir, als ob wir noch in den Flitterwochen wären, anstatt uns in den Kampf des Lebens zu stürzen. ›Auf in den Kampf, Torrero‹«, die Melodie aus »Carmen« pfeifend, begab sich der Professor zur Frühsprechstunde.

»Die musikalische Ader und die Vorliebe zur Oper hat die Ursel nun schon ganz gewiß vom Rudi. An dieser erblichen Belastung bin ich, dank meines unmusikalischen Sinnes, gottlob schuldlos. Die kommt auf Rudis Konto«, frohlockte Annemarie. Ehe sie selbst sich an die vielverzweigte Arbeit des Haushalts, die ihrer wartete, begab, trat sie noch für einige Minuten an das Gartenportal, ob denn Cäsar sich noch immer nicht zeigen wollte. Straßauf, straßab kein braun geflecktes Fell, kein Cäsar zu erblicken. Lichtgrüne Wipfel, Sonnengespinst, Vogelgezwitscher und Insektengesurr.

Bis zur letzten Minute hatte Ursel in den Bahnhofsanlagen den schönen Maimorgen genossen. Erst als der nächste Zug in die Station eindampfte, verfiel sie in Trab. Sie konnte gerade noch in den sich bereits langsam wieder in Bewegung setzenden Zug hineinspringen. Und hinter ihr sprang es, trotz ihres »Zurück, Cäsar!« hinein mit vier braunen Hundebeinen, trotz des lauten Protestes des an der Sperre stehenden Beamten: »Der Hund hat ja keine Fahrkarte!« Drin war er, der Cäsar, zur nicht besonderen Freude der Fahrgäste sowohl wie zu Ursels eigener.

»Der Hund gehört ins Hundeabteil – solch großen Köter dürfen Sie überhaupt nicht hier mit reinbringen, der belästigt ja die Mitfahrenden«, beschwerte sich ein älterer Herr, der augenscheinlich noch nicht recht ausgeschlafen hatte. Er schaute ebenso scheel auf den gemütlich sich an sein Knie schmiegenden Cäsar, wie in den Frühlingsmorgen hinaus.

»Ich kann nichts dafür, wenn die Töle hinterdrein kommt«, verteidigte sich Ursel, trotzdem sie ebenfalls ganz und gar nicht von Cäsars Gesellschaft begeistert war. »Und überhaupt – wenn hier kein Hundeabteil ist, ein Raucherabteil ist es ebenso wenig.« Mit nicht mißzuverstehendem Blick schaute sie von der dampfenden Zigarre des unfreundlichen Herrn zu dem Schild »Nichtraucher«.

»Na, nu hört sich ja wohl Verschiedenes auf!« Mit grenzenlosem Erstaunen sah der Herr auf das junge Persönchen, das sich so keck zur Wehr zu setzen wußte. »Ja, das ist die Jugend von heute – keinen Respekt mehr vor dem Alter – ja, ja, dann ist es natürlich kein Wunder – –«

Was kein Wunder war, wurde von einer großen Dampfwolke, die er ingrimmig hervorstieß, verschlungen.

»Herrjott, der Hund is doch keene wilde Bestie nich, vor den brauchen Se sich doch jar nich so zu haben«, schlug sich ein Mann in blauer Arbeitsbluse auf die Seite des hübschen Fräuleins. »Lassen Se man, Freileinchen, von unseretwejen können Se mit Ihre Hundetöle janz ruhig drin bleiben«, begütigte er.

Ursel hatte das deutliche Gefühl, daß weder Vater noch Mutter mit ihrem Benehmen einverstanden gewesen wären. Auch mehrere Herren und Damen, die scheinbar kaum Notiz von dem Zwischenfall nahmen, hielten sie gewiß für einen Frechdachs. Trotzdem blieb Ursel ruhig mit Cäsar in dem ihm nicht zustehenden Abteil, während ihr Gegner mit der gleichen Selbstverständlichkeit seine Morgenzigarre weiterrauchte.

Ganz andere Sorgen hatte die Ursel. Mit gefurchter Stirn schaute sie hinaus in das Blühen ringsum. Was fing sie nur mit Cäsar an? Ein Billett würde sie ihm nachlösen müssen, das war das wenigste. Aber was weiter? Unmöglich konnte sie doch ihren Einzug in ihr neues Tätigkeitsfeld mit dem Vierfüßler halten. Herr Bankdirektor Hildebrandt, bei dem sie sich melden sollte, würde Augen machen. Nein, das ging auf keinen Fall. Hätte sie nur die Zeit, wo sie in den Anlagen gedöst hatte, dazu benutzt, den Ausreißer wieder nach Hause zu spedieren. Nun hatte sie den Salat. Wohin, wohin bloß mit Cäsar?

Zu Edith Rosen – Edith selbst war zwar bestimmt nicht zu Hause; die Freundin besuchte seit April ein Maleratelier. Aber Frau Rosen würde Cäsar wohl inzwischen in Pension nehmen – nein, es ging doch nicht. Eine halbe Stunde verlor sie mit dem Hin und Her sicher noch. Dann lohnte es sich schon gar nicht mehr, heute in der Bank anzutreten. Halt – das war eigentlich ein Gedanke – das war wirklich eine glänzende Idee! Am Ende verzichtete der Bankdirektor dann überhaupt auf ihre Tätigkeit, dann war sie den ganzen Krempel los. Ja, aber der Vater ... er konnte manchmal recht unangenehm werden. Und in diesem Falle würde er ganz bestimmt annehmen, daß sie sich von der neuen Tätigkeit habe drücken wollen, daß sie den Hund mit Vorbedacht mitgenommen habe. Da würde alle gütige Vermittlung ihrer kleinen Muzi nicht mal etwas nützen. Nee – nee – das ging nicht. Alle Verwandten und Freunde, deren Obhut sie den Köter hätte anvertrauen können, wohnten zu entfernt. Es half nichts, Cäsar mußte mit als Banklehrling antreten.

Inzwischen waren die Gärten der Vorstadt draußen armseligen Laubenkolonien gewichen, bis auch diese verräucherten Häusern, rußigen Schornsteinen Platz machten. Berlin war erreicht.

Bis zu dem Bankinstitut hatte Ursel immerhin noch eine Viertelstunde zu Fuß zurückzulegen. Dasselbe befand sich im Herzen der Stadt. Das junge Mädchen beeilte sich nicht sonderlich. Das große Warenhaus von Wertheim, an dem sie vorüber mußte, fesselte mit seinen verlockenden Auslagen ihren für alles Schöne und Elegante nur allzu empfänglichen Blick. Ach, wer sich das alles leisten konnte! Nicht einmal ihre Mutter verstand sie in diesem Punkt. Selbst die begriff es nicht, daß Ursel eine derartige Vorliebe für alle luxuriösen Dinge hatte, und das Kleidsame und Praktische dem verwöhnten jungen Dämchen durchaus nicht genügte. Vronli in ihrer rührenden Einfachheit war wirklich besser dran. Die sehnte sich nicht einmal nach dem tausenderlei Krimskram, welcher der Jüngeren begehrenswert erschien. Die war mit ihrem blauweißgestreiften Schwesternkleid vollständig zufrieden.

Wenn sie in der Bank erst Gehalt bezog, konnte sie sich so mancherlei davon leisten. Zuerst ein elegantes Handtäschchen ... dann Spangenlackschuhe ... vornehmes Parfüm ... seidene Strümpfe brauchte sie auch ... oh, Ursel wußte schon, wie sie ihre Kapitalien anlegen würde. Dazu aber war es vor allem nötig, daß sie Anstalten dazu machte, diese Kapitalien erst mal zu verdienen. Schweren Herzens löste Ursel den Blick von all den märchenhaften Herrlichkeiten und setze ihren Weg in das Geschäftszentrum Berlins fort.

Ein stattliches Gebäude war es, vor dem sie haltmachte.

»Also hinter diesen Mauern soll ich lebendig begraben werden«, dachte sie mit schwerem Seufzen.

Nun, wie ein Gefängnis oder gar wie ein Grabgewölbe sah die Bank wirklich nicht aus. Eine vornehme Fassade, ein reiches Portal, in dem eine vierteilige Glastür in ständig kreisender Bewegung war.

Ursel griff in Cäsars Halsband. »Wie Lohengrin mit seinem Schwan halte ich hier meinen Einzug mit der Töle«, dachte sie belustigt.

Cäsar nahm mit seinem stattlichen Wuchs zuviel Platz in Anspruch. Sie gingen nicht alle beide in ein Türabteil hinein, sondern mußten sich trennen. Dem Hunde, der rotierende Türen noch nicht kannte, war es höchst ungemütlich in dem karussellartigen Ding. Er jaulte herzbrechend durch das trennende Glas zu seiner Herrin hin. Die lachte aus voller Kehle und drehte die Tür nur immer schneller. Sie dachte nicht daran, daß sie als Banklehrling möglichst würdig hier auftreten mußte. In ausgelassenem Übermut drehte sie sich mit dem heulenden Köter endlos im Kreise – immer schneller – immer schneller. – –

»Na, das is ja hier noch schöner! Unsere Bank is doch kein Jahrmarkt nich! Jehen Se doch auf'n Rummelplatz, wenn Sie solche Kindereien treiben wollen. Und halten Sie hier die Leute, die mehr zu tun haben, nich auf!« Die Tür stand plötzlich durch energischen Griff still. Vor Ursel erschien ein schmächtiges Männchen, der Pförtner, der als Zerberus den Eingang bewachte. Jetzt erst bemerkte Ursel, daß sich bereits eine ganze Menge Leute jenseits und diesseits der Tür angesammelt hatten, die hinein oder hinaus wollten, und, teils belustigt, teils murrend, dem goldhaarigen Zeitversäumnis zuschauten.

»Was wollen Sie denn hier überhaupt?« Der Pförtner war davon überzeugt, daß das kindische junge Ding die Tür seiner ehrfurchtgebietenden Bank lediglich als Karussell benutzte. »Hunde haben hier überhaupt keinen Zutritt nich«, versuchte er den immer noch herzbrechend jaulenden Cäsar zu übertönen.

»Ich möchte zu Herrn Bankdirektor Hildebrandt, er erwartet mich«, sagte Ursel, ihr schlankes Figürchen respektheischend emporreckend.

Der Name wirkte wie ein Zauberschlüssel. »Zum Herrn Bankdirektor« – ein Bückling erfolgte – »aber natürlich« – wieder ein Bückling – »bloß – –« der Mann kratzte sich seinen graumelierten Kopf – »erwartet der Herr Bankdirektor denn auch den Köter?«

»Nein.« Als wahrheitsliebendes Mädchen konnte Ursel diese Frage unmöglich bejahen.

»Na, denn jeben Sie'n doch inzwischen bei mir in der Garderobe ab, den Köter; du bist ein braver Kerl, du bist ein schöner Kerl, jawohl – –« Selbst für Cäsar erweckte der Name des Direktors Sympathien.

Dieselben waren leider nicht gegenseitig. Cäsar knurrte den fremden Mann an und schnappte nach seiner streichelnden Rechten.

»Ih, du bist ja ein ganz – –« Weitere Gemütsausbrüche ließen die Beziehungen, welche den Hund oder vielmehr seine Besitzerin mit dem König im Reiche der Zahlen verband, nicht zu.

»Kusch dich, Cäsar!« Ursel befestigte ihren vierfüßigen Begleiter an einen Haken und folgte dem Pförtner über das vornehm ausgestattete Vestibül zum Fahrstuhl. Noch in der zweiten Etage hörte sie Cäsars Jammern hinter sich her. Treppe, Gänge, Türen – ein vielverzweigtes Labyrinth. Schließlich blieb ihr Führer vor einer der Eichentüren, welche den Namen Hildebrandt trug, stehen. »Wen darf ich melden?« fragte er.

»Fräulein Ursula Hartenstein.«

Gleich darauf stand Ursel in einem eleganten, mit dunkelgrauem Plüschteppich ausgelegten Arbeitsraum. Sie empfand keine Spur von Beklommenheit. Mit großen Augen musterte sie den bereits kahlköpfigen Herrn, der ihr entgegentrat.

»Ah, also da wären Sie ja. Hildebrandt – freue mich, die Tochter meines lieben Professors kennenzulernen.« Ursels Hand wurde wohlwollend gedrückt. »Also Sie wollen bei uns als Banklehrling eintreten.« Ursel hatte keine Zeit zu widersprechen, denn der Direktor fuhr bereits fort: »Schönchen. Sie sollen Gelegenheit haben, sich in allem, was zum Bankfach gehört, gründlich auszubilden. Soll mich freuen, wenn Sie sich bei uns wohlfühlen werden.«

»Sicher nicht«, dachte die unverbesserliche Ursel, trotz des freundlichen Empfangs.

»Vielleicht kann ich Sie später, wenn Sie erst mal das Abc des Bankwesens intus haben, zu meiner Sekretärin heranbilden. Aber vorläufig heißt es lernen – lernen – wofür interessieren Sie sich denn am meisten?«

»Für Gesang, besonders für die Oper«, gab Ursel, ohne zu überlegen, zur Antwort.

»Hahaha – na, das kommt für uns hier weniger in Betracht. Ich glaube, Sie hätten vielleicht den Wunsch, in eine bestimmte Abteilung unserer Bank einzutreten. Also kommen Sie, ich werde Sie bekannt machen und in Ihren neuen Wirkungskreis einführen.« Der Direktor sprach schnell in nervöser Hast. Ursel kam, was ihr nicht oft passierte, gar nicht zu Wort.

Der Fahrstuhl brachte sie wieder in die untere Etage, in welcher die Bureaus lagen. Zu einem großen hellen Raum mit vielen Pulten, Tischen, Büchern und schreibenden Händen öffnete Direktor Hildebrandt die Tür.

»Herr Müller« – ein Herr erhob sich von einem Pult, rückte die Brille zurecht und dienerte – »ich stelle Ihnen hier unseren jüngsten Banklehrling, Fräulein Ursula Hartenstein, vor. Ein unbeschriebenes Blatt ohne jede Vorkenntnisse. Ihren bewährten Händen vertraue ich sie an – Sie werden sicher eine tüchtige Bankbeamtin aus der jungen Dame machen.«

Die junge Dame schüttelte sich innerlich bei dem Wort »Bankbeamtin«, während Herr Müller dem neuen Banklehrling die Hand reichte und versprach, sein möglichstes zu tun.

»Hoffe, Gutes von Ihnen zu hören, Morjen!« Der Bankdirektor verabschiedete sich. Herr Müller übernahm die Vorstellung der übrigen Damen und Herren, wohl zwanzig an der Zahl. Manch bewundernder Blick streifte die reizende neue Kollegin. Das war für die junge Evastochter immerhin eine kleine Aufmunterung. Während sie ihre Sachen ablegte, machte Herr Müller einen Tisch neben sich frei. »So, Fräulein Hartenstein, hier ist Ihr Reich, wenn ich bitten darf. Alle notwendigen Schreibutensilien finden Sie in den Kästen vor. Sie können erst mal Adressen ausschreiben und die Briefe hier kuvertieren, wenn ich bitten darf. Die Namen stehen auf diesen bereits fertigen Formularen. Adressen finden Sie in dem Register, nach Buchstaben geordnet. Lassen Sie die Umschläge offen, wenn ich bitten darf, daß sie noch einmal nachgeprüft werden können.«

Da saß er nun, der jüngste Banklehrling, blickte von dem Stoß Briefumschlägen vor sich auf all die gesenkten Köpfe und emsig schreibenden Finger ringsum und seufzte zentnerschwer.

O Gott – Stunden, Tage, Monate, Jahre, vielleicht ihr ganzes Leben sollte sie hier unter all den rechnenden und schreibenden Menschen zubringen? Schließlich auch solch eine lebendige Arbeitsmaschine werden wie die da alle – nein – nein – das hielt sie nicht aus.

War es nicht das Richtigste, sie fing gar nicht erst an, sondern ging gleich wieder davon? Es war ja nur unnütze Zeitverschwendung, führte ja doch zu nichts. Aber hatte sie nicht ihrer kleinen Muzi zu Hause versprochen, des Vaters Wünsche nach bestem Willen zu erfüllen? Na also – los!

Ursel zückte die Feder und tauchte sie in das Tintenfaß: »Herrn Oskar Futter«, begann sie auf den Briefumschlag mit ihrer genial ungleichmäßigen Schrift hinzuwerfen. Wo wohnte er denn nun bloß, dieser Herr Oskar Futter, der sie in der ganzen Welt doch wirklich nichts anging? Er kümmerte sich auch nicht darum, wo sie wohnte. Rankestraße 9 – hm, elegante Gegend. Wer kam nun dran? Frau Emilie Binder – Herrgott, war das zum Auswachsen mopsig. Adresse um Adresse, Brief um Brief. Endlos. Stille ringsum – nur Federgekritzel, gedämpftes Schreibmaschinengerassel aus dem Nebenraum. Und draußen goldener Maisonnenschein, blühende Sträucher, Vogelsang – war sie nicht wirklich hier hinter Mauern eingesperrt, lebendig begraben? Wie hielten es die andern Damen und Herren nur aus? Waren sie schon so abgestumpft, daß sie das Trostlose ihrer maschinellen Tätigkeit gar nicht mehr fühlten? Sahen doch eigentlich ganz nett aus, besonders die jungen Mädel. Hübsch und schick angezogen, Ursel hatte das mit einem Blick heraus. Und der Herr da vor ihr – wo hatte sie den bloß schon gesehen? Er hatte einen Leberfleck an der Schläfe. Ursel wußte genau, daß sie besagten Leberfleck in ärgerlicher Gemütsstimmung schon mal betrachtet hatte. Richtig – in der Bahn heute morgen, als sie wegen Cäsar mit dem griesgrämigen Herrn den Wortwechsel gehabt hatte. Also der war Zeuge ihrer dreisten Antwort gewesen. Hoffentlich hatte er sie nicht wiedererkannt. Immer neue Namen – gleichmäßig wie Wellen überschwemmten sie Ursels Denkvermögen, ebenso einschläfernd wirkend wie diese. »Hu–ah–hu–u–uh – – –« durch die Stille klang es in herzbrechendem Gähnen.

»Nanu?« Herr Müller schob die Brille zurecht. Lachende Gesichter wandten sich dem Pult zu, wo der goldhaarige Lehrling den Mund so weit aufriß, wie es nur anging.

»Hu–ah–« es war ein reiner Krampf, der Ursel befallen. Obgleich sie sich Mühe gab, das ungehörige Gähnen zu unterdrücken, es ließ sich nicht bekämpfen. In allen Tonarten stieß sie ihr »Hu–ah–uh–« aus. Die Heiterkeit war nicht länger zu bändigen. Alles lachte. Die würdigen alten Beamten sowohl mit den zerknitterten Pergamentgesichtern, wie die jungen.

Auch Ursel lachte mit, sobald ihr der Gähnkrampf die Möglichkeit dazu ließ. Glockenhell klang es durch den Raum, der plötzlich gar nicht mehr so ernsthaft ausschaute.

»Fräulein Hartenstein ist die einförmige Bureautätigkeit noch nicht gewöhnt; vielleicht treten Sie mal einen Augenblick ans offne Fenster«, riet einer der jüngeren Herren.

»Ja, ans offne Fenster!« Ursel hatte ein Gefühl, als ob sie wie ein gefangener Vogel davonfliegen könnte.

»Essen Sie etwas, Fräulein Hartenstein«, empfahl eine Brünette mit klassischem Profil.

Ursel tat, was man ihr so freundlich geraten. Sie trat an das geöffnete Fenster und nahm einige Bissen ihres Frühstücksbrotes. In einen kahlen Hof blickte sie, kein Baum, kein Strauch darin. Kaum ein schmaler Sonnenstreif wagte es, einzudringen, als sei der Frühling ein für allemal hier ausgesperrt. Puh – gräßlich!

Der Gähnkrampf ließ nach, aber Ursels Stimmung hob sich nicht. Mit unfrohen Augen begab sie sich wieder an ihre Schreibereien. Wahre Zuchthausarbeit – sie hatte die größte Lust, die schönen, sauberen Umschläge, die auf sie warteten, alle zu zerknittern.

»Akkurater, Fräulein Hartenstein, wenn ich bitten darf«, ließ sich da neben ihr Herr Müller vernehmen, der den neuen Lehrling, trotzdem er unausgesetzt schrieb, im Auge behielt. »Die Adressen müssen eine gleichmäßige, gut leserliche Schrift aufweisen, wenn ich bitten darf.« Ungeachtet seiner Höflichkeit fühlte Ursel den Tadel des Vorgesetzten heraus.

»Besser kann ich nicht schreiben«, kam es ziemlich patzig von den Lippen des blonden Lehrlings zurück. Das wäre ja noch schöner, wenn sie hier noch wie ein Schulkind Schönschrift lernen sollte. Da mochte man sie doch lieber gleich als unbrauchbar wieder heimschicken, dann war ihnen allen beiden geholfen. Ursel machte einen so temperamentvollen Grundstrich, daß die Feder ausspritzte und mehrere Kuverts verdarb. Sie schielte ein wenig schuldbewußt zu Herrn Müller hin. Aber der schrieb ... schrieb und rechnete, er nahm scheinbar gar keine Notiz von ihr.

Nur langsam verringerte sich der Stoß Briefumschläge. Ursel strengte sich nicht sonderlich an, hatte auch wichtigeres zu tun, ihre Kollegen und Kolleginnen einer eingehenden Prüfung zu unterziehen und dazwischen Stoßseufzer in die Luft zu senden.

Elf Uhr – Frühstückspause. Überall erschienen knisternde weiße Päckchen auf der Bildfläche. Man verließ seinen Platz und unterhielt sich ungezwungen. Überall sah man kauende, schwatzende und lachende Gruppen. Ursel kam sich als Neuling recht verlassen vor. Sie war es gewöhnt, sonst stets den Mittelpunkt zu bilden. Sie fühlte sich vernachlässigt, zurückgesetzt, nicht genügend gewürdigt, und ihre Empfindungen für das Bankwesen wurden dadurch keineswegs freundlicher.

Da gesellte sich der Herr mit dem Leberfleck zu ihr.

»Ich irre mich wohl nicht,« sagte er lächelnd, »wir sind uns heute morgen schon im Zuge begegnet, nicht wahr?«

Ursel bejahte lebhaft. Es war ihr jetzt ganz gleich, daß sie sich dort nicht gerade von ihrer besten Seite gezeigt hatte. Sie war froh, daß sich jemand um sie kümmerte.

»Wo haben Sie denn Ihren vierfüßigen Freund gelassen? Soll der auch Banklehrling werden?«

»An einem von uns ist es schon mehr als zuviel«, gab Ursel schlagfertig zurück. »Obwohl ich glaube, daß er sich immerhin noch besser dazu eignet, als ich.«

»Nun – nun«, meinte der Leberfleckherr. »An einem Tage ist Rom auch nicht erbaut worden. Sie sehen aus, als ob Sie eine ganz tüchtige Kraft werden können.«

»Das ist durchaus kein Kompliment für mich – ganz im Gegenteil«, protestierte Ursel.

»So ungern sind Sie hier eingetreten?« verwunderte sich die brünette junge Dame, sich zu den beiden gesellend. »Ich kann mir kaum eine interessantere kaufmännische Tätigkeit denken, als gerade das Bankfach, nicht wahr, Herr Rumpler?«

Herr Rumpler mit dem Leberfleck bejahte eifrig. Ursel sah die beiden an, als ob sie von einem anderen Planeten herstammten. »Finden Sie in der Tat dieses hirntötende Kuvertausschreiben interessant?«

»Das sind doch nur die Anfangsgründe, Fräulein Hartenstein. Nachher kommt es interessanter. Berechnungen, Buchungen, Kontoauszüge, und wenn Sie erst in die Effektenabteilung kommen – – –«

»Brrr« – Ursel schüttelte sich. »Nee, soweit darf es ganz gewiß nicht mit mir kommen. Bis dahin bin ich hoffentlich schon bei der Oper.«

»Wa–as?« Herr Rumpler und das dunkelhaarige Fräulein machten nicht gerade geistreiche Gesichter. »Zur Oper wollen Sie? Und dann gehen Sie als Vorbereitung dazu zur Bank – –«

»Ich werde gegangen – auf höheren väterlichen Befehl! Aber ich hoffe, sie werden es hier bald einsehen, daß an mir Hopfen und Malz verloren ist, und mich wieder an die Luft setzen«, frohlockte sie.

»Das hoffe ich nicht!« Es war Herrn Rumpler durchaus Ernst damit, denn er fand den neuen Banklehrling ganz allerliebst.

Die Frühstückspause war zu Ende. Schade. Gegen dieselbe hatte Ursel nichts einzuwenden. Alles saß wieder an seiner Arbeit. Aber von Pult zu Pult flog es, daß der neue Lehrling zur Oper wolle, daß er auf der Bank nur eine Gastrolle gäbe. Von Pult zu Pult nahm die Nachricht neue Gestaltung an, und als sie das letzte Ohr erreicht hatte, da war aus Ursel Hartenstein bereits eine berühmte Opernsängerin geworden, die sich in der Bank nur einige kaufmännische Kenntnisse erwerben wollte. Man tuschelte, man drehte die Köpfe nach ihr. Jeder hatte es plötzlich herausgefühlt, daß ein besonderer Nimbus dieses goldhaarige, blutjunge Mädchen umgab. So ein gewisses Etwas – was sich nicht in Worten ausdrücken läßt.

Ursel ahnte nicht, daß ihre harmlos hingeworfene Bemerkung solchen Aufruhr in das Gleichmaß der regelmäßigen Bureautätigkeit gebracht hatte. Die schrieb ihre endlosen Adressen weiter, schimpfte und tobte dabei innerlich. Herr Müller sagte nicht mehr »akkurater, wenn ich bitten darf«, trotzdem das mehr noch als vorher nötig gewesen wäre. Denn Ursel ließ all ihren heimlichen Zorn, ihren gebändigten Freiheitsdrang an den unschuldigen Buchstaben aus. Aber einer Künstlerin konnte man geniale Schrift schon nachsehen. Die wollte hier nur soviel lernen, als es ihr Spaß machte, darum hatte Direktor Hildebrandt sie auch persönlich empfohlen. Wer weiß, wer sich hinter dem Namen Hartenstein eigentlich verbarg. Es sollten ja jetzt lauter junge Kräfte an der Oper sein.

Als die Mittagspause herankam, in welcher die meisten der Bankbeamten ein warmes Essen in der Kantine, die zur Verpflegung der Angestellten eingerichtet war, einnahmen, sah sich Ursel plötzlich zu ihrem größten Erstaunen von allen Seiten umdrängt. Jeder bemühte sich um sie, jeder versuchte, ihr gefällig zu sein. Die jungen Damen rissen sich darum, mit ihr an einem Tische zu sitzen, die Herren fragten dienstbereit nach ihren Wünschen. Ursel war plötzlich der Mittelpunkt des fremden Kreises geworden. Dies behagte ihr sehr. Ihre Eitelkeit war geschmeichelt, sie war bestrickend liebenswürdig und bezauberte alle. So unbefangen und sicher benahm sich sonst ein so junges Mädchen nicht, das war sicher Künstlerblut. Es ging recht fidel an dem langen Tisch in der Kantine zu, als ob ein Fest gefeiert würde. Mit großen Augen blickten die Damen und Herren aus den übrigen Abteilungen auf den Neuling, der solche Umwälzung in dem vornehm zurückhaltenden Ton, der sonst hier zu herrschen pflegte, gebracht hatte. Bis auch sie eingeweiht waren, daß die Bank die Ehre hatte, eine Opernsängerin unter sich zu sehen.

»Welche Partien singen Sie, Fräulein Hartenstein? Sopran oder Altarien?« erkundigte sich eine der Damen.

»Alles durcheinander, wie mir der Schnabel gewachsen ist.« Ursel begann in ihrer angeregten Stimmung »kommt ein schlanker Bursch gegangen« aus dem Freischütz zu trällern. Wer noch irgendeinen Zweifel an der Künstlerlaufbahn der jungen Dame gehegt hatte, war jetzt bekehrt.

Plötzlich unterbrach sich Ursel: »Himmel, Cäsar, mein armes Hundeviech – ich lasse es mir hier wohl sein und der arme Kerl kann hungern. Jetzt muß Cäsar erst gespeist werden.« Die Mitteilung, daß Ursel ihren Hund mitgebracht und beim Pförtner abgegeben habe, erhöhte die Heiterkeit. Künstlerinnen waren stets originell. Man sammelte für Cäsar sämtliche Reste. Eine stattliche Korona zog mit ihr hinaus, um Cäsars Diner beizuwohnen.

Der Anblick seiner Herrin löste ein wildes Freudengeheul bei dem Köter aus. Mit Ingrimm hatte er sich ebenso seiner Freiheit beraubt gefühlt, wie sie bei ihren Briefadressen. Als einer der Herren ihn jetzt losband, gebärdete er sich wie toll, er riß Ursel mit seinen Liebesbezeigungen nach der stundenlangen Vernachlässigung fast um. Bis die Mahlzeit eine noch größere Anziehungskraft als sie auf ihn ausübte. Es war ein solcher Tumult, daß einer der Direktoren, der das Vestibül gerade passierte, kopfschüttelnd meinte: »Ei – ei, hier scheint es ja recht fidel zuzugehen. Es ist Zeit, die Bureaus aufzusuchen, meine Damen und Herren.«

Ursel fühlte sich von dem versteckten Vorwurf, der den andern recht peinlich war, durchaus nicht getroffen. Sie fand es augenblicklich ganz reizend an der Bank mit all den netten Damen und Herren. Aber als sie dann wieder bei ihren Adressen saß, ebbten die hochgehenden Wogen ihrer Begeisterung allmählich ab.

»Hören Sie, mit der kleinen Hartenstein müssen wir uns verhalten, da kann man Freibillette zur Oper bekommen, die jetzt sonst nicht mehr zu erschwingen ist«, flüsterte eine der Damen einer Kollegin zu.

»Ich habe sie gefragt, worin sie das nächstemal auftritt, da hat sie mich ausgelacht. Sie sei noch gar nicht ausgebildet, sagte sie, das sei doch alles nur Zukunftsmusik.«

»Bescheidenheit, pure Bescheidenheit. Sie will ihr Inkognito gewahrt sehen. Verlassen Sie sich darauf.«

Ursel ahnte nicht, daß Frau Fama, die geschwätzige, sie bereits in eine Primadonna verwandelt hatte. Die Anzapfungen der Kollegen betreffs ihrer Opernlaufbahn hatte sie für Scherz und Neckerei genommen und war voll Übermut darauf eingegangen.

Augenblicklich beschäftigte sie sich damit, festzustellen, daß der kleine Goldzeiger an der Armbanduhr, die sie von der Großmama zum letzten Geburtstag erhalten, nicht von der Stelle wollte. Himmelbombenelement – kam denn nichts, um sie aus diesem Stumpfsinn zu erlösen?

Da – ein Kratzen an der Tür – ein herzbrechendes Winseln. Ursel machte ein spitzbübisches Gesicht. Das kannte sie. Einer öffnete die Tür, zu sehen, was es gäbe. Und da kam es auch schon hereingestürmt, hellbraun und weißgefleckt, ein Riesenköter – mit lautem Freudengeheul raste er an all den Schreibpulten vorüber, riß Herrn Müller fast von seinem hohen Bock, daß seine Brille bedenklich ins Wanken kam, und stürzte sich auf den jüngsten Banklehrling. Das Tintenfaß flog um und ergoß seine düsteren Fluten über Ursels in stundenlanger Pein fabrizierte Briefe. Die hielt sich die Seiten vor Lachen, während Cäsar mit tollem Gekläff die glücklich Aufgefundene umkreiste. Lachend drängten sich die Damen und Herren hinzu. Einen so fidelen Tag hatte die Bank bisher noch nicht zu verzeichnen gehabt. Herr Müller aber, der Abteilungschef, war sich der Würde seiner Stellung durchaus bewußt.

»Ich muß doch sehr um Ruhe bitten«, sagte er höflich zu Cäsar gewandt.

Der hatte wenig Verständnis für Herrn Müllers ausgesuchte Höflichkeit. Nur um so lauter blaffte er.

»Fräulein Hartenstein, wenn ich bitten darf, ist das Ihr Hund?«

»Ja, aber natürlich.«

Nun, so natürlich fand das Herr Müller durchaus nicht, daß man solch eine Riesenbestie ins Bureau mitbrachte. Aber Künstlerinnen waren ja oft überspannt. »Fräulein Hartenstein, in Anbetracht der wiederherzustellenden Ordnung und Ruhe hier halte ich es für das Beste, wenn Sie für heute Schluß machen. Die Briefumschläge sind ja nun doch verdorben.« Er wiegte bedauernd sein Haupt. »Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, mit Ihrem Hund nach Hause zu gehen, wenn ich bitten darf.«

Oh, Herr Müller brauchte durchaus nicht zu bitten. Mit triumphierendem Blick auf die unerledigten Briefe erhob sich Ursel. »Mach schön, Cäsar, bedanke dich!« Ihre eigene Dankbarkeit mußte Cäsar zum Ausdruck bringen.

»Fräulein Hartenstein – Fräulein Hartenstein –.« Herrn Müllers Stimme hielt die spornstreichs zur Tür Eilende auf. »Ich darf Sie wohl noch bitten, Ihre Siebensachen zu verwahren. Die Damen und Herren machen stets vor Schluß auf ihrem Schreibtisch Ordnung, wenn ich bitten darf.« Da erst erinnerte er sich, daß er es ja mit einer Künstlerin, die für Ordnung wohl kaum etwas übrig hatte, zu tun habe.

Ursel aber erinnerte sich daran, daß Mutti daheim sie auch stets zum Aufräumen zurückholen mußte. So gut es bei der Tintenüberschwemmung ging, kam sie Herrn Müllers Wunsch nach.

Und nun stand sie endlich mit dem frohlockend blaffenden Cäsar draußen. Am liebsten hätte sie in sein Freudengekläff eingestimmt. »Lohengrin zieht jetzt wieder mit seinem Schwan ab«, dachte sie lustig. Und zum Erstaunen der Berliner Spatzen sang sie laut auf der Straße: »Nun sei bedankt, mein lieber Schwan.«

So endigte der erste Tag in Ursels Banklaufbahn.

4. Kapitel. Maisonntag.

Am Sonntag war Familientag draußen in Lichterfelde. Schon seit Jahren. Wer von den Verwandten und Freunden Sonntags nichts Besonderes vorhatte, der fuhr zu Professors hinaus. Dort war man stets willkommen und war sicher, ein paar nette, anregende Stunden zu verleben. Im Winter wurde musiziert, im Sommer bildete der herrliche Garten mit seiner Rosen- und Beerenfülle den Anziehungspunkt. Aber durchaus nicht den stärksten; der stärkste war und blieb die anmutige Wirtin, die in ihrer herzenswarmen Art es jedem Gast behaglich zu machen wußte.

Die Großmama, oder vielmehr die »Omama«, wie die herangewachsenen Hartensteinschen Kinder sie noch heute nannten, erschien bereits zu Tisch. Das war schon ein Fest für sich! Jeder der Familienmitglieder wetteiferte darin, der Omama den Aufenthalt so schön wie möglich zu gestalten. Ja, es war, als ob auch die vierfüßigen Familienmitglieder die Anwesenheit des lieben Gastes fühlten und sich dementsprechend anständig benahmen. Cäsar blieb wohlerzogen im Freien und stattete dem Biedermeierzimmer keinen Besuch ab. Die Ziegen und jungen Zicklein dämpften rücksichtsvoll ihre melodischen Stimmen. Auch die zweibeinigen, die Hühnerfamilie, begnügten sich mit ihrem eingezäunten Tummelplatz und versuchten keine Übergriffe in Frau Annemaries gehütete Gartenbeete. Und nun erst all das, was da grünte und blühte. Das entfaltete einen Farbenreichtum und einen Duft, als wüßte es, daß es galt, der jetzt einsamen Frau das noch immer um den treuen Weggenossen schmerzende Herz wieder weit und licht zu machen zum Einzug des Lenzes.

Heute gab es ein wahres Wettblühen zwischen Goldlack und Flieder, jeder versuchte seine Blüten in seligem Daseinsglück mit Sonnengold vollzutrinken. Die Luft war süß und schwer von all dem Duft. Schmetterlinge haschten sich. Es summte, surrte, zirpte und geigte drunten im Gras. Es flötete, pfiff, tirilierte und jubelte im maigrünen Blätterhaus der Linde. Ein Sonntag war es, an dem der liebe Herrgott seine Freude haben konnte.

Aber auch die Menschen genossen in wonnigem Behagen den lenzfrohen Feiertag nach anstrengender Arbeitswoche. Der Professor in Hausjoppe und Schirmmütze bastelte an seinem Spalierobst herum und freute sich, wie gut es heuer angesetzt hatte. Frau Annemarie hatte den nie leer werden wollenden Flickkorb heute in die Ecke geschoben. Auf der Veranda saß sie unter lichtgrünem Weingerank und schrieb an ihr Vronli nach München; das war ihr Feiertag.

Hans versuchte die Rosen zu okulieren, was der Vater mit etwas mißtrauischen Blicken beobachtete. Trotzdem der filius behauptete, es in Lüttgenheide bei Onkel Klaus aus dem Effeff gelernt zu haben.

Mitten auf dem Rasen in der Prallsonne lag Ursel schmetterlingumgaukelt in einem Liegestuhl und faulenzte sich gründlich aus. Die kleinen Füße hatte sie auf Cäsars Fell gelegt, der ebenso faul und schläfrig wie seine junge Herrin in die Sonne blinzelte. Ursel lauschte den Vogelstimmen im Gezweig und in ihr sang und jubilierte es mit den kleinen gefiederten Sängern um die Wette. Morgen sollte sie ihre erste Gesangstunde haben. Sie war ganz rappelig vor Freude. Eine bekannte Gesangspädagogin wollte sie unter ihre bewährten Flügel nehmen und ihr die Elementargründe der Sangeskunst beibringen. Ursel wußte eigentlich nicht recht, was sie sich unter diesen Elementargründen vorzustellen hatte. Lieder, Oratorien und Opernrollen wollte sie bei Frau Gerstinger studieren. Denn singen, singen konnte sie doch. Das war ihr doch angeboren, wie den Vöglein droben in der Linde. Die brauchten auch keine Elementargründe, sondern sangen, wie ihnen der Schnabel gerade gewachsen war. Schon als sie noch ein winziges Dingelchen gewesen, hatte sie mit ihren Kinderliedchen, die sie so dreist und drollig vorzutragen wußte, allgemeine Begeisterung erregt. Später in der Schule hatte sie stets die Solopartien übernehmen müssen, bei jeder Abendunterhaltung war sie die Stütze des Chors gewesen. Drei Gesangsprämien hatte sie während der Schulzeit erhalten. War es da ein Wunder, daß sie es sich in den Kopf gesetzt hatte, Sängerin zu werden?

Und nun hatte man sie statt dessen in die Bank gesperrt, eine Woche, acht ganze Tage hatte sie schon an dem gelben Holztisch mit den grünen Briefumschlägen, die immer wieder nachwuchsen, wie die Köpfe der Hydra, soviel sie auch schreiben mochte, zugebracht. Aber morgen – morgen kam die Belohnung für alle Pein.

»Ursel, mein Mädel, möchtest du nicht mal einen Blick auf den Mittagstisch werfen, ob auch nichts fehlt?« rief es von der Veranda herab. »Und die kalte Speise hättest du auch einrühren und schlagen können. Auguste hat noch den Salat für den Abend zu machen.«

»Ach, Muzichen, Trude und Auguste machen das ja tausendmal besser als ich,« gab Ursel in ehrlicher Selbsterkenntnis zur Antwort, ohne sich aus ihrer bequemen Lage zu erheben.

»Schlimm genug, daß sie es besser als du verstehen. Es wird Zeit, daß du endlich mal auch für hauswirtschaftliche Dinge Interesse zeigst. Seitdem du auf der Bank bist, scheinst du für den Haushalt überhaupt ganz verloren zu sein«, beklagte sich die Mutter.

»Ihr hättet mich ja nicht dorthin zuschicken brauchen. Zerteilen kann ich mich nicht«, begehrte Ursel auf.

»Und am Sonntag, wie steht's halt damit, mein Fräulein?« rief der Vater von seinen Schattenmorellen herüber.

»Am Sonntag muß ich mich von den Strapazen der Woche erholen«, gab Ursel schon wieder lachend zurück.

»Heut' brauchst dich nimmer zu zerteilen, nur ein ganz klein wenig aus deinem Faulenzerstuhl aufzurütteln. Schau, deine Mutter kann keine Sekunde unbeschäftigt zubringen, und auch ich – – –«

»Ja, die Muzi!« unterbrach Ursel den Vater lachend.

»Wenn ich erst mal Mutter von drei Küken bin, werde ich sicher auch nicht mehr im Faulenzerstuhl liegen.«

»Du liegst selbst als Großmutter noch dort und tust nichts!« foppte sie Hans.

»Die Ursel und heiraten?« Der Mutter erschien die Sache komisch. »Himmelangst wird mir, wenn ich an meinen armen Schwiegersohn in spe denke, wie der sich mit seiner unwirtschaftlichen Frau in die Brennesseln setzen wird. Bis dahin mußt du noch viel lernen, mein Herzchen.«

»Lieber heirate ich nicht!« Es war Ursel ganz ernst damit.

»Hahaha« – dreistimmiges Gelächter belohnte ihren Ausspruch. Es lachte aus grünen Zweigen, es läutete silbernlachend aus allen Blumenglocken. Frau Sonne lachte über das ganze breite Gesicht, alles lachte die faule Ursel aus.

»Für die Ursel muß mindestens ein Prinz kommen, daß sich das gnädige Fräulein nur keinen Finger naß zu machen braucht.« Hans und Ursel standen bei all ihrer geschwisterlichen Liebe auf ähnlichem Neck- und Kriegsfuß wie anno dazumal der Klaus und die Annemarie.

»Mit den Prinzen ist die Sache jetzt soso. Auf unserer Bank ist einer, der sieht auch bloß wie ein anderer Sterblicher aus. Nee, ich bleibe mein Leben lang hier bei meinen alten Herrschaften. Ich bin ja euer Nesthäkchen. Kein Prinz bringt mich aus meinem himmlischen Faulenzerstuhl auf.«

Ein Prinz war es nicht, der Ursel auf die Beine brachte. Nur eine weißhaarige Dame in schwarzer Kleidung, die draußen zwischen dem Gartenstaket sichtbar wurde. »Die Omama – die Omama kommt!« Cäsar bekam einen Tritt ab, daß er aufheulte. Wie früher als Kind flog das schlanke Mädel den Gartensteig entlang, der Omama entgegen. Auch Hans, der sonst nicht allzuviel Temperament zeigte, ließ seine Rosenbäumchen im Stich, um die liebe alte Dame feierlich einzuholen.

»Grüß Gott, Schwiegermutterle.« Der Professor schwenkte erfreut seine Mütze.

Am strahlendsten aber waren zwei Blauaugen, die der Mutter die ganze Freude, sie wieder mal hier draußen zu haben, sie mit all ihrer kindlichen Liebe umhegen zu können, offenbarten. Jetzt erst war richtig Sonntag für Frau Annemarie.

An Frau Doktor Braun waren die Jahre durchaus nicht spurlos vorübergegangen. Sie war seit dem Tode ihres Mannes eine alte Frau geworden. Weißes Haar hatte sie eigentlich, solange Annemarie zurückdenken konnte. Schon damals, als sie zu Anfang des Weltkrieges aus England, wo man sie interniert hatte, heimkehrte. Jetzt hatte das Schicksal mit seiner Furchenschrift ihr so manches Zeichen in das Antlitz geschrieben. Den Augen sah man es an, daß sie viel geweint hatten. Das einst so frei getragene Haupt hatte Leid zu Boden gesenkt. Selbst Ursels helle unbekümmerte Fröhlichkeit ward in Gegenwart der Großmutter in liebevolle Rücksichtnahme gedämpft.

»Guten Tag, Omama, gib mir dein Tuch und deinen Pompadour. Willst du meinen Arm nehmen? Hat dich der weite Weg angestrengt?« An der einen Seite die Ursel, an der anderen den Hans, so ward Frau Doktor Braun im Triumph der ihnen freudig entgegenkommenden Annemarie zugeführt.

»Die ganze Woche haben wir uns nicht gesehen, Muttchen.«

»Ja, von euch läßt sich niemand in Charlottenburg blicken. Dein Mann ist der Einzige, der noch hin und wieder mal nach mir sieht, trotzdem er doch der beschäftigste von euch ist«, meinte Frau Doktor Braun halb scherzhaft, halb im Ernst.

»Diese Woche stand unter dem Zeichen großer Gardinenwäsche, Muttchen. Da war ich beim besten Willen nicht abkömmlich. Und bei uns ist es jetzt so schön draußen, man mag gar nicht aus seinem Garten fort. Es ist viel richtger, du kommst zu uns und genießt hier den Frühling.«

»An Charlottenburg ist der Frühling auch nicht vorübergegangen, Annemie. Wenn er mich auch vielleicht nicht mehr zu finden weiß.«

»Komm, Omama, du mußt dich hier in meinen Faulenzerstuhl legen, da genießt man doppelt.« Ursel wollte keine Traurigkeit bei der Großmutter aufkommen lassen.

»Nein, mein Herzchen, ein Korbsessel ist mir angenehmer. So, danke schön, Hansi. Hier sitzt es sich wirklich schön.« Die matten Augen der alten Dame belebten sich, als sie in das Blühen ringsum schaute.

»Gelt, Mutterle? Wie haben wir das für dich hergerichtet? Die Annemie war die ganze Woche schon in Aufregung, ob Goldlack und Flieder auch ihrem Befehl, zum Sonntag zu blühen, nachkommen würden. Aber die haben ebensolchen Respekt vor ihr, wie ihr armer Ehemann.« Es war Rudi wieder mal gelungen, die alte Dame in bessere Stimmung zu bringen.

»Und mein Urselchen will gar nichts mehr von ihrer alten Omama wissen? Hanne sagte erst gestern: Unsere Kinderchen finden überhaupt den Weg nicht mehr zu uns Alten.«

»Berufspflichten, Omama.« Ursel machte ein drollig wichtiges Gesicht. »Augenblicklich ist viel los an der Börse. Da ruht natürlich alles auf den Schultern solch eines armen geplagten Banklehrlings.«

»Adressen schreibt sie und Dummheiten treibt sie«, warf Hans trocken dazwischen.

»Richtig, mein Urselchen ist ja inzwischen in Amt und Würden. Na, gefällt es dir denn dort, mein Kind?« erkundigte sich die Großmama, ihren Liebling zärtlich auf den Stuhl neben sich ziehend.

»So gut, daß ich bei der nächsten Gelegenheit wieder auskneife. Vorausgesetzt, daß ich nicht schon früher an die Luft gesetzt werde. Ach, Omamachen, ich sage dir, Zuchthausarbeit ist ein Vergnügen gegen dieses stumpfsinnige Adressenausschreiben.«

»Nun – nun, mein Herzchen, wenn die Leute erst sehen, was sie für eine Kraft an dir haben, werden sie dich schon zu interessanterer Tätigkeit heranziehen. Aller Anfang ist schwer.«

»Das Ende ist leider noch viel schwerer als der Anfang, da es noch gar nicht abzusehen ist«, seufzte die Enkelin.

»Du, Ursel, laß das den Vater nicht hören. Du weißt, er wird ärgerlich, wenn du derartige abfällige Bemerkungen über die Bank, wo dir jeder nett entgegenkommt, machst«, warnte die Mutter, »sonst wackelt die Gesangstunde morgen.«

»Die steht bombenfest. Eher wird die Bank in die Luft gesprengt. Omama, morgen bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Frau Gerstinger hat mich als Schülerin angenommen.«

»Also doch! Hat's also doch durchgesetzt, das Urselchen. Es wäre auch schade um ihre Stimme.« Keine war begeisterter von den Vorzügen der Enkelin als die Großmama. »Übrigens, ich habe jetzt auch Freikonzert im Hause. Wir haben diese Woche neue Pensionäre bekommen – – –«

»Der Tausend! Und das erzählst du erst jetzt, Muttchen. Durch Ursels Plappermäulchen kommt man gar nicht zu einer richtigen Unterhaltung. Also nun berichte, Muttchen. Ursel, du kannst inzwischen nach dem Tisch sehen; Hansi, Omama nimmt es dir nicht übel, wenn du deine Rosen weiter pfropfst. Ich will die Omama erst mal ein bißchen für mich haben«, sagte Frau Annemarie energisch.

»Nee, erst will ich wissen, was das mit der Hausmusik für eine Bewandtnis hat.« Ursel rührte sich nicht von der Stelle. »Hast du Künstler ins Haus bekommen, Omama?« Ihr Interesse war geweckt.

»Nun, möglichenfalls angehende. Bruder und Schwester. Ganz exotische Herrschaften aus Brasilien. Der Vater soll dort einer der reichsten Kaffeekönige sein. Sie sind mir warm empfohlen worden. Der junge Mann wird natürlich ebenfalls mal Plantagenbesitzer. Vorläufig aber will er hier ein paar Jahre das deutsche Geschäft und vor allem die deutsche Musik studieren. Er ist ein guter Geiger. Diese Leute können sich eben alles leisten, jeder Laune nachgeben.«

»Die Beneidenswerten!« Aus tiefstem Herzen kam es der Ursel.

»Meinst du wirklich, Urselchen? So weit fort von der Heimat, von den Eltern und all ihren Lieben. Vielleicht findet dich das junge Mädchen viel beneidenswerter, daß du daheim in deinem Elternhaus bleiben kannst«, stellte ihr die Großmutter vor.

»Glaub ich nicht. Aber erzähle doch weiter, Omamachen. Wie heißen sie? Wie sehen sie aus? Wie alt sind sie? Studiert das junge Mädchen auch Musik?« Ursels Fragen überstürzten sich.

»Ruhig Blut, Kleines. So schnell geht's bei mir nicht mehr. Wie sie heißen? Margarida und Milton Tavares.«

»Margarida und Milton Tavares – ach, entzückend! Das heißt, Milton kenne ich bloß vom verlorenen Paradies her. Konnte ich nie recht leiden. Bei der Übersetzung in der englischen Stunde habe ich damals eine Vier bekommen. Sind sie hübsch? Die Namen klingen so, als ob sie hübsch sind.«

»Nun, das ist Geschmackssache. Interessant sehen sie jedenfalls aus. Die kleine Margarida ist entschieden eine exotische Schönheit. Blauschwarzes Haar, samtschwarze Augen und ein bräunliches Hautkolorit. Klein und zierlich ist sie. Ist deine Neugier befriedigt, Urselchen?«

»Noch lange nicht. Nun kommt erst noch der Bruder heran. Wie sieht der Herr Milton aus? Wie ein Künstler mit rabenschwarzen Locken?«

»Von Locken habe ich noch nichts bei ihm bemerkt. Er ist ein eleganter, gut erzogener junger Mann. Ein Gesicht wie aus Bronze. Das einzige Unangenehme ist nur, daß die beiden, besonders Fräulein Margarida, vorläufig kaum ein Wort Deutsch verstehen. Sie sprechen ihre portugiesische Landessprache und auch Französisch. Und da ich mein Schulfranzösisch ziemlich vergessen habe – die englische Unterhaltung mit meiner Amerikanerin macht mir ja gar keine Schwierigkeiten – ja, da ist die Verständigung natürlich nicht ganz einfach.«

»Mein armes Muttchen, auf deine alten Tage mußt du dein verstaubtes Französisch wieder hervorkramen! Laß sie doch Deutsch lernen, die brasilianischen Kaffeebohnen«, ereiferte sich Annemarie.

»Wollen sie auch. Vorläufig gibt unsere alte Hanne ihnen praktisch deutschen Unterricht. Ich sage euch, das ist das Komischste, was ihr euch vorstellen könnt. Entweder sie schreit mit ihnen, als ob sie schwerhörig wären, oder aber sie greift zur Methode der Taubstummen und macht ihnen handgreiflich das Notwendige klar. Manchmal habe ich die Empfindung, unter harmlos Verrückten zu sein.«

»Hahaha – Hanne als deutscher Sprachlehrer! Das muß ich sehen, Omama. Ein Anblick für Götter. Morgen besuche ich dich bestimmt. Die Brasilianer haben sicher interessante Briefmarken.« Der phlegmatische Hans, dem die Erzählung von der Großmutter neuen Pensionären doch noch interessanter war, als seine gärtnerischen Bestrebungen, kam wieder herbei.

»Ach, morgen kann ich leider nicht. Nach Schluß der Bank habe ich meine erste Gesangstunde. Aber übermorgen besuche ich dich auch, Omama, deine entzückenden Brasilianer muß ich kennenlernen. Sorge nur dafür, daß sie zu Hause sind, so gegen sechs bin ich da«, rief Ursel lebhaft.

»Also die Hanne als Sprachlehrer und meine exotischen Pensionäre, das ist euch interessanter als eure alte Omama. Na wartet! Mich zu besuchen, daran denkt keiner«, neckte Frau Doktor Braun.

»Wir verbinden das Angenehme mit dem Nützlichen, Omama«, verteidigte sich Hans.

»Bin ich nun angenehm oder nützlich?« überlegte die Großmama mit feinem Humor.

»Beides – wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe, Omama.«

»Eine etwas flügellahme Fliege bin ich nun schon ganz gewiß. Aber eine Brummfliege will ich keineswegs sein, sondern mich auf alle Fälle freuen, wenn meine Kinderchen mal wieder Zeit für mich finden.« Die Großmama war doch reizend in ihrer abgeklärten sanften Art. Jedesmal empfanden die jungen Menschen das aufs neue.

»Nun, Ursel, ich denke, deine Wißbegierde über Brasilien ist nun genügend befriedigt«, wandte sich Frau Annemarie jetzt an ihre Tochter. »Du darfst dich nun endlich um das Essen und den Mittagstisch kümmern. Wir wollen doch unsere Omama nicht verhungern lassen.«

»Ach, Muzi, Auguste und Trude machen das auch ohne mich tadellos.« Das Haustöchterchen rührte sich noch immer nicht von der Stelle.

»Ja, Ursel, soll ich selbst gehen?« Frau Annemarie erhob sich bereits in ihrer raschen, energischen Art.

»Bleib nur ruhig da, Muzichen, ich habe noch jüngere Beine. Und was würde die Omama dann für eine schlechte Meinung von deinen mütterlich pädagogischen Erfolgen bekommen.« Trällernd sprang das lose Ding ins Haus.

»Das ist das Schlimme bei unserer Ursel, man kann ihr niemals richtig böse sein. Sie ist so drollig in ihrer frechdachsigen Art, daß sie einem dadurch die Erziehung recht schwer macht«, meinte Annemarie halb lachend, halb bekümmert zu ihrer Mutter, die der hübschen Enkelin ebenfalls belustigt nachblickte.

»Ihr seid ja nun bald fertig mit eurer Erziehung, Annemarie.«

»Fertig – bei der Ursel? Da sind wir in den Anfangsstadien steckengeblieben. Wenn uns das Leben nur nicht die Zügel aus der Hand nimmt und selbst weiter erzieht. Ich will es unserm unbekümmert heiteren Kinde nicht wünschen. Die Hand der Eltern ist entschieden liebevoller und milder.«

»Ei, Annemarie, ich glaube, daß unser Kind, wo immer es hinkommt, mit seinem Liebreiz und seiner kindlichfrohen Anmut sich überall die Herzen gewinnen muß. Das ist gewiß nicht verblendete Großmuttereitelkeit.« Annemaries Nesthäkchen war von klein auf Frau Doktor Brauns Augapfel. Stets hatte sie es in Schutz genommen, wenn es auch noch so ungezogen war.

»Das ist es ja eben. Sie nimmt zu schnell für sich ein. Und da sie das ganz genau weiß, baut sie darauf und schiebt alles ihr Unbequeme mit liebenswürdiger Anmut von sich. Ich fürchte, auf der Bank ist es schon dieselbe Leier wie früher in der Schule. Alle kommen ihr so nett entgegen, erzählt sie, und sind ihr behilflich, die ihr widerstrebende Arbeit fertigzustellen. Und gerade das wollte ich vermeiden. Ich wollte meine Kinder unabhängig von fremder Hilfe und selbsttüchtig für das Leben machen.«

»Bei Vronli ist es dir ja gelungen, Annemarie. Auch Hansi ist bei all seiner Pomadigkeit heute schon zielbewußt und fürs Leben tauglich. Und um mein Urselchen ist mir nicht bange. Das ist ein Sonnenkind, wie du selbst es gewesen bist. Der Weg, den sie geht, der führt sicher zum Glück«, meinte die Großmama überzeugungsvoll.

»Der Himmel gebe es!« Frau Annemarie blickte hinauf in das lichtgrüne Blätterdach, in dem es trillerte und jubilierte, als ob alles so sonnenhell im Leben wäre wie der heutige Frühlingstag.

Inzwischen hatte der Gegenstand ihrer ernsthaften Betrachtungen unbekümmert das Speisezimmer erreicht.

»Trude, liebstes bestes Trudchen, tun Sie mir den Gefallen und vergessen Sie nichts auf dem Tisch, sonst kriege ich ein Donnerwetter ab«, rief sie dem tischdeckenden Stubenmädchen zu.

»Sie, Fräulein Urselchen? Na, das wäre ja noch schöner, wenn Sie für meinen Fehler die Ausschimpfe bekämen. Aber haben Sie man keine Bange nich, es fehlt nichts«, versicherte das Mädchen, den zierlich gedeckten Tisch noch einmal überblickend.

»Trude, Sie haben doch was vergessen!« Ursel setzte eine strenge Richtermiene auf.

»Nanu?« machte Trude erstaunt.

»Die Hauptsache – die Blumenvase.« Ursel holte aus dem Wintergarten, den man nachträglich an das Speisezimmer angebaut hatte, um es zu vergrößern, ein Blumenglas mit lustigbunten Frühlingsanemonen.

»Die Hauptsache, das ist das Essen. Von Blumen wird kein Mensch nich satt. So – und nun bringe ich die Suppe, Fräulein Urselchen. Sagen Sie doch bitte Frau Professern, es sei angerichtet.«

»Nicht so eilig, Trude, immer mit der Ruhe. Erst muß ich mal bei Auguste inspizieren, ob auch alles schmeckt.«

»Das tut's auch, ohne daß Sie da lecken kommen. Rufen Sie man lieber die Herrschaften zu Tisch. Was die Auguste is, die kann keine Topfkieker leiden.«

»Also schön. Ich wasche meine Hände in Unschuld, wenn die Suppe angebrannt ist und die Speise versalzen.«

Trotzdem Ursel nicht vorher abgekostet hatte, war alles tadellos geraten. Großmama war durch ihre alte Hanne verwöhnt, da mußte man besondere Ehre einlegen.

»Von der Speise müssen wir was für Waldemar und Herbert aufheben. Hans kommt doch mit den Jungs zum Kaffee her, nicht, Muttchen?« erkundigte sich Annemarie.

»Wenn sein Mädchen ihm die Erlaubnis zum Ausgehen erteilt. Die Wirtschafterin hat er Knall und Fall entlassen müssen, weil sie in ihre eigene Tasche gewirtschaftet hat. Es ist ein ewiges Pech mit den fremden, uninteressierten Leuten. Der arme Junge hat gar keine Häuslichkeit mehr«, seufzte die alte Dame.

»Ja, unsere Ola ist uns leider zu früh entrissen worden.« Das war bei allem eigenen häuslichen Glück eine Wunde im Herzen des Professors, die nie vernarbte.

»Hans sollte sich eine gebildete Dame ins Haus nehmen, das wäre auch für die heranwachsenden Jungen wünschenswert. Wenn man nur irgend jemand durch persönliche Empfehlung wüßte«, überlegte Annemarie.

»Ich weiß jemand«, rief Ursel frohlockend.

»Du – ih, der Tausend – ist das Ei wieder mal klüger als die Henne?« Annemarie sah das Töchterchen erwartungsvoll an.

»Tante Margot – Tante Margot Thielen. Neulich erst hat sie gesagt, daß es ihr so einsam daheim sei, seitdem ihre jüngste Schwester aus Berlin fort geheiratet habe. Daß sie jetzt niemanden mehr zu versorgen hätte – paß auf, Muzi, Tante Margot tut's, die ist ja so gut.«

»Damit allein ist's halt nicht getan, mit der Güte, Urselchen. Es ist nicht so leicht, sich in eine immerhin abhängige Stellung zu begeben, wenn man sein Lebtag sein eigener Herr gewesen ist«, sagte der Vater kopfschüttelnd. »Ich glaube nimmer, daß sie darauf eingeht.«

»Ich auch nicht, Rudi«, schloß sich die Großmama der Ansicht ihres Schwiegersohnes an. »Margot Thielen hat ihre Häuslichkeit, ihr gutes Auskommen durch ihre kunstgewerblichen Arbeiten. Um anderen Leuten einen Gefallen zu tun, gibt man seine eigene Bequemlichkeit nicht auf. Was meinst du, Annemarie?«

»Ich finde Ursels Vorschlag gar nicht so schlecht. Margots liebevolle, weibliche Art muß stets etwas zu umsorgen haben. Früher war es die leidende Mutter – später die Geschwister – und nun mag sie sich in der Tat recht vereinsamt in der jetzt leergewordenen Wohnung vorkommen.«

»Tante Margot hat ja zwei ihrer Zimmer an ein junges Ehepaar abvermietet, da ist sie doch nicht allein«, stellte Hans sachlich fest.

»Nun, das sind doch Fremde, zu denen sie keine innere Fühlung hat. Ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, daß sie auf unsern Vorschlag eingeht. Ich hoffe, sie kommt heute zu uns heraus, dann wollen wir ihr gleich mal auf den Zahn fühlen.«

Ursel fand, daß die Mutter ein ganz merkwürdiges Gesicht zu ihren Worten machte. Halb versonnen lächelnd, halb verschmitzt – aber Fräulein Neunmalklug kam bei all ihrer Schlauheit doch nicht dahinter, was es damit wohl für eine Bewandtnis habe.

»Mein großes Mädel, vertrittst du mich heute und richtest den Kaffeetisch auf der Terrasse her, ja? Kann ich mich auf dich verlassen?« fragte Frau Annemarie liebevoll.

»Geht denn Trude heute aus?« kam die Gegenfrage recht wenig erbaut von den Lippen Ursels.

»Nein, Auguste hat heute Ausgang. Trude soll ihr abtrocknen helfen. Sie kommt sonst erst so spät fort. Solch ein armes Mädel hat doch nur den einen Sonntag.«

»Ich auch bloß! Nun wird's wieder nichts aus dem Gesangüben. Ich möchte Frau Gerstinger doch morgen gleich zeigen, was ich kann.« Ursel schien durchaus nicht einverstanden.

»Üben kannst du jetzt so wie so nicht. Die Omama hat sich nebenan ein bißchen hingelegt. Und auch der Vater will heute am Sonntag ein ruhiges Mittagsstündchen haben. Aber laß nur, wenn du es nicht gern tust, werde ich – –«

»Nein, gern tue ich's ganz gewiß nicht«, gab Ursel ehrlich zu.

»Was tut sie nicht gern, wovon will sie sich schon wieder drücken, der Faulpelz?« fragte Hans, der sich gerade an seiner prachtvollen Schmetterlingssammlung erquickte.

»Von Hausmädchenarbeit.«

»Haustochterarbeit willst du wohl sagen, Ursel«, verbesserte die Mutter.

»Was bin ich denn schlechter als Hansi? Ihr Jungs braucht keinen Kaffeetisch zu decken. Und ich muß mich die Woche über mehr quälen, als du in deiner Penne.« Ursels Unmut richtete sich jetzt gegen den Bruder, an den solche Zumutungen nicht gestellt wurden.

»Und deshalb regste dir uff?« machte Hans gleichmütig. »Leg dich ruhig aufs Ohr, Mutterherz. Ich werde die Ursel inzwischen zur Hauswirtschaftlichkeit erziehen. Einen Kaffeetisch decken, kann ein Oberprimaner schließlich auch noch. Dazu muß man nicht unbedingt Banklehrling sein.«

»Na, meinetwegen, wenn du helfen willst.« Der Ursel begann die Sache in Gemeinschaft mit dem Bruder mehr Spaß zu machen.

»Na, Kinder, da wird was Nettes rauskommen. Zertöppert mir nur nicht meine guten Tassen. Den Kuchen werde ich lieber nachher selbst aufschneiden – sonst haben unsere Gäste das Nachsehen.« Frau Annemarie kannte ihre Küken.

»Kuchenaufschneiden ist die Hauptsache dabei. Verlaß dich nur ganz auf uns, Mutter. Du darfst dich jetzt auf dein Altenteil zurückziehen.« Hans versuchte die Mutter hinauszukomplimentieren.

»Dummer Junge – ich werde dich bringen. Altenteil – ist das wohl erhört? Es hat nicht jeder solche jugendliche Mutter«, protestierte Frau Annemarie noch lachend zwischen Tür und Angel.

»Stimmt! Unsere alte Dame hat sich tadellos konserviert. Manchmal wundere ich mich selber über das verwandtschaftliche Verhältnis, in dem wir zueinander stehen«, meinte Hans anerkennend hinter ihr her. »So, und nun an die Arbeit, Ursel. Ich bin für deine hauswirtschaftliche Ausbildung verantwortlich. Wieviel Mann kommen denn?«

»Warte mal. Wir sind mit der Omama fünf. Onkel Hans und die beiden Jungs – Edith und Ruth wollten vielleicht kommen. Tante Margot – na, ich denke, das Dutzend wird voll werden«, überlegte Ursel.

»Zum Adressenschreiben mag solch Banklehrling allenfalls taugen, zum Rechnen ganz gewiß nicht. Elf bekomme ich nur zusammen«, neckte der Bruder.

»Bei deiner glänzenden Zensur in Mathematik ist es noch fraglich, wer von uns beiden recht hat«, gab die Jüngere schlagfertig zurück.

»Frechdachs!« Er packte sie mit seinen derben Fäusten an die kleinen Ohren.

»Au – laß mich bloß erst die guten Tassen hinsetzen. Du – die Omama schläft doch nebenan – – –« wehrte sich Ursel.

»Habe ich so geblökt oder du? Na also! Ist ein Zentimetermaß oder ein Zollstock zur Hand?«

»Wozu denn? Willst du die Stärke der Kuchenstücke etwa abmessen?« fragte die Schwester.

»Nee, aber die Raumverhältnisse mathematisch einteilen. Der Tisch hat zweieinhalb Meter Längenmaß. Wenn unten und oben einer sitzt, kommt auf jeden einen halben Meter Flächeninhalt. Warte, ich werde jedesmal einen Bleistiftstrich machen, wo du eine Tasse hinsetzen darfst.« Hans begann mit Metermaß und Bleistift zu hantieren.

Da aber erwachten in Ursel doch die verkümmerten Hausfrauengefühle. »Was – Mutters schönes Veilchengedeck willst du bemalen? Du bist wohl nicht ganz« – ihre Hand, welche ihm bei der Vandalenarbeit Einhalt tun wollte, wurde statt dessen von der seinigen wie in einen Schraubstock gepreßt.

»Wer ist hier Lehrling, du oder ich, he?«

»Laß los – grober Michel – – – au, du, ich schreie, ich beiße – – –« Zum Glück für die Nachmittagsruhe der Großmama erschien gerade Trude mit Silber und Glas.

»Um Himmels willen, was machen Sie denn hier für einen Krach!« ereiferte sich das Mädchen.

»Wir decken Ihnen den Kaffeetisch, Undankbare«, gab Hans, die wie eine kleine Wildkatze um sich fauchende Schwester loslassend, gekränkt zur Antwort.

»Ach, lassen Sie man – ich mach mir's schon lieber allein. Gehen Sie man in den Garten, Fräulein Urselchen. Hier machen Sie ja doch nichts als Dummheiten.« Trude war schon im vierten Jahre im Hause und betrachtete Hans und Ursel, trotzdem sie dieselben jetzt »Sie« nannte, immer noch als Gören. Besonders, wenn sie sich so benahmen wie augenblicklich.

»Hast du's gehört, Hansi?« Ursel hatte ihren Kampf im Nu vergessen. »Trude hat soeben vor Zeugen erklärt, daß ihr an unserer Hilfe nichts liegt. Also ich ziehe mich gekränkt auf meinen Faulenzerstuhl zurück und decke mich mit Sonnenstrahlen zu.« Glücklich entwischte sie.

So ging es fast immer, wenn Ursel sich irgendwie mal im Haushalt nützlich machen sollte.

5. Kapitel. Freundinnen.

Idyllische Ruhe herrschte in dem Doktornest. Bis draußen auf der Straße ein bekannter Pfiff, Wagners Siegfriedmotiv, ertönte und die faulenzende Ursel im Nu auf die Füße brachte. Ihr Freimaurerzeichen – das waren die Freundinnen Edith und Ruth. Mit heller Stimme gab sie Antwort: »Winterstürme wichen dem Wonnemond«, erklang es jubelnd von ihren jungen Lippen.

Und da waren sie auch schon, die Edith und die Ruth, die Braune und die Helle. In leichten Sommerkleidern, strahlend wie der Maitag hielten sie ihren Einzug.

»Ach, habt ihr's schön hier draußen – beneidenswert bist du wirklich, Ursel.« Ruths Auge hing begeistert an den blühenden Bäumen und Frühlingssträuchern.

»Ja, die Ursel hat's wirklich gut«, pflichtete auch Edith bei.

»Was nützet mir der schöne Garten,
Wenn andere drin spazieren gehn«,

gab Ursel singend zur Antwort.

»Na, erlaube mal, mein Herzchen. Das stimmt doch nicht. Du gehst doch täglich hier spazieren«, ereiferte sich Ruth.

»Wochentags sitze ich hinter vergitterten Fenstern. Nur Sonntags bin ich frei von der Fronarbeit«, protestierte Ursel.

»Wir nicht minder, liebes Kind. Meinst du, es sitzt sich besser im Patentanwaltsbureau meines Onkels an der Schreibmaschine? Und wenn ich mit meiner Arbeit fertig bin, erwartet mich nicht mal ein so schönes Heim wie dich.«

»Hast recht, Ruthchen. Darin habe ich's besser als du.« Zärtlich umfaßte Ursel die Freundin. Dieselbe war Waise und lebte irgendwo in einer Pension. »Aber auch dein Leben hat seine Lichtseiten. Du kannst tun und lassen, was du willst, hast keinem Rechenschaft abzulegen – – – –«

»Wie gern würde ich mich nach den Wünschen meiner Mutter oder meines Vaters richten, wenn sie lebten«, meinte Ruth leise. »Und besonders nach denen einer so entzückenden Mutter, wie die deinige.« Ruth war eine begeisterte Verehrerin von Frau Annemarie. »Wenn ich Anlage zu einem Neidhammel hätte, um dein schönes Heim und vor allem um deine liebevollen Eltern könnte ich dich beneiden, Ursel.«

»Um den Bruder etwa nicht?« erklang es da hinter der Rotdornhecke.

Die Mädel quiekten erschreckt auf. Hans hatte sie, wie früher bei den Indianerspielen, beschlichen. Es war ihnen peinlich, daß er Zeuge ihres intimen Gesprächs geworden war.

»Nee, um den Bruder ganz gewiß nicht«, rief Edith. »Habe allein ein Vierteldutzend von solchen Prachtexemplaren aufzuweisen.«

»Ruth wird mich besser zu würdigen wissen, nicht wahr?« wandte Hans sich an die kleine zierliche Brünette.

»Ja, ich wäre selbst mit solchem Bruder wie du es bist, schon zufrieden«, war die nicht gerade schmeichelhafte Antwort.

Unter der blühenden Rotdornhecke machte man sich's in den weißen Gartensesseln bequem.

»Nun erzähle mal erst von deiner Bankkarriere, Ursel. Ich platze vor Neugier. Ist es wirklich so grauenhaft, wie du es dir ausgemalt hast? Schieß los«, drängte Edith.

»Noch grauenhafter. ›Stumpfsinn, Stumpfsinn, du mein Vergnügen, Stumpfsinn, Stumpfsinn, du meine Lust‹«, begann Ursel wieder zu trällern.

»Ach, hör' doch bloß mit dem Gedudel auf und erzähle der Reihe nach. Hast du einen strengen Vorgesetzten?«

»Vorgesetzten?« Ursel überlegte. »Ja, wer ist denn eigentlich mein Vorgesetzter? Etwa Herr Müller? Der bittet um Entschuldigung für die Luft, die er einzuatmen wagt. Oder Herr Rumpler mit dem Leberfleck? Der nimmt sich meiner sehr freundlich an und bessert die Dummheiten aus, die ich mache. Aber ein Vorgesetzter ist er nicht. Allenfalls Herr Bankdirektor Hildebrandt, freilich, den habe ich seit meinem Eintritt gar nicht mehr zu sehen bekommen. Für Vorgesetzte bin ich überhaupt nicht sehr. Wir leben doch in einem republikanischen Staat.«

»Trotzdem wird es überall Vorgesetzte und Untergebene geben, sonst würde ja jede Ordnung aufhören«, gab Edith Rosen zu bedenken.

»Du hast gut reden, du hast einen künstlerischen Beruf. Aber wir armen kaufmännischen Opfer – – –«

»Ursel, du stellst dir die freien Berufe entschieden angenehmer vor, als sie in Wirklichkeit sind. Es herrscht auch dabei wie überall ein Zwang. Wenn ich in meiner Malklasse beim Plakatzeichnen sitze, das ist schließlich auch nichts anderes, als wenn du an deinem Bankpult arbeitest.«

»Ja, aber auf die Arbeit selbst kommt es an, daß einem dieselbe Freude macht. Wenn ich in die Opernschule hätte gehen dürfen, jeden Zwang würde ich in den Kauf nehmen«, rief Ursel blitzenden Auges.

»Hättest sicherlich auch manche bittere Pille dabei zu schlucken, Ursel. Ein jeder Stand hat seine Freuden, ein jeder Stand hat seine Last«, sprach ihr die verständige Ruth zu.

So saßen die drei Freundinnen unter dem korallenfarbenen Rotdorn – Hans hatte sich diskret zurückgezogen – und debattierten eifrig, bis von der Terrasse her Frau Annemaries helle Stimme zum Kaffee rief.

Wirklich, das Dutzend an der gemütlichen Kaffeetafel wurde noch voll. Der Amtsgerichtsrat Hans Braun erschien mit seinen langaufgeschossenen Söhnen, beide Gymnasiasten, die sich ziemlich linkisch den jungen Damen gegenüber benahmen und sich möglichst rasch zu ihrem Vetter Hans Hartenstein und zu dem vollgetürmten Kuchenkorb retteten. Dann kam Tante Margot Thielen. Sie brachte noch eine Überraschung für ihre Freundin Annemarie mit, ihren lieben Logierbesuch, Frau Vera Töpfer, die seit acht Jahren in Königsberg verheiratet war.

»Verachen, bist du es oder ist es dein Geist?« Leichtfüßig wie als junges Mädel sprang Frau Annemarie den Freundinnen freudestrahlend entgegen.

»In höchsteigener Person – ist der Überfall gelungen, Annemarie?«

»Glänzend – und glänzend schaust du aus, Vera.« Herzlich begrüßte Frau Annemarie die lange nicht Gesehene.

»Bis auf die grauen Haare, aber das macht nix, wenn das Herz nur jung bleibt.«

»Das ist doch bei dir sicher der Fall, dein Eheglück ist noch nicht so verrostet wie das unsrige. Hast deinen Tyrannen nicht mitgebracht?«

»Nein, ich wollte mal wieder Junggeselle spielen. Er muß inzwischen die Kleinen hüten und das Reisegeld verdienen«, lachte Vera.

»Ja, kommt's, Kinderle, oder kommt's nicht? Wir andern möchten halt auch etwas von der Überraschung abkriegen«, rief der Professor den immer noch auf der Terrasse schwatzenden Damen zu. »Grüß Gott, Frau Regierungsrat. Gut schaust halt aus. Grüß dich Gott, Margot. Wenn ihr euch nicht beeilt, macht die Jugend unbarmherzig dem Kuchen den Garaus.«

Die Jugend sah mit großen Augen auf die Wiedersehensfreude der älteren Generation. Wie drollig, daß Ursels Mutter noch ebenso innige Freundschaft hielt, wie sie selbst untereinander.

»Guten Tag, Frau Doktor Braun, das freut mich, daß ich die ganze liebe Familie hier beisammen erwische«, begrüßte Frau Vera inzwischen die alte Dame.

»Ja, soweit sie noch beisammen ist, Vera. Es hat sich manches in den Jahren, wo wir uns nicht gesehen haben, verändert«, meinte Frau Doktor Braun wehmütig.

»Freilich –.« Veras Auge flog von dem schicksalsgezeichneten Gesicht der Mutter zu dem Sohne, der sein Lebensglück so früh hatte hingeben müssen. Vollständig grau war er geworden, der Amtsgerichtsrat Braun.

»Guten Tag, Hans, wie geht es denn dir?« fragte die Jugendfreundin teilnehmend.

»Wie soll es mir gehen, Vera? Schlecht. In meinem Haus geht es drüber und drunter. Man versucht, mit dem Leben, so gut es geht, fertig zu werden.«

»Nun, du hast doch deine Sprößlinge, für die du lebst. Die zwei sind es – stimmt's? Der Jüngere sieht der Mutter ähnlich. Und das hier sind die Hartensteinschen Küken? Himmel – Annemie, sind wir denn wirklich so alt geworden? Der Junge kriegt ja schon ein richtiges Bärtchen. Er schaut dem Klaus lächerlich ähnlich. Und die Ursel, die hätte ich unter Tausenden heraus erkannt. Komm, Ursel, du mußt einen Kuß haben. Grad so hat deine Mutter ausgeschaut damals in seligen Backfischtagen.«

»Aus den Backfischtagen bin ich denn doch schon heraus«, erhob Ursel, welche die Zärtlichkeit der fremden Dame, auf die sie sich kaum mehr entsinnen konnte, mit gemischten Gefühlen über sich ergehen ließ, Einspruch.

»Wenn du dies noch betonst, zeigst du am besten, daß du noch mit beiden Füßen drin stehst, Urselchen«, neckte Tante Margot sie.

»Ursel, hole heißen Kaffee für Tante Margot und Tante Vera«, ordnete die Mutter an.

»Hansi, ach, klingele doch mal«, gab Ursel den Befehl an den Bruder weiter.

»Das hätte ich dem Hansi auch selber sagen können, Ursel.« Die Wiedersehensfreude bewahrte Ursel vor einem mütterlichen Verweis. »Mein Fräulein Tochter braucht Bedienung hinten und vorn. Seid ihr auch solche arge Faulpelze, Ruth und Edith?«

»Ich habe leider kaum Zeit, mich zu betätigen, Frau Professor«, meinte Ruth. »In einer fremden Pension ist das auch nicht angebracht.«

»Und ich drücke mich auch ganz gern von Hausarbeit«, gab Edith zu. »Es gelingt mir nur leider nicht in unserm großen Haushalt.«

»Nun, ich glaube, die Tochter von Annemarie ist sicher mit wirtschaftlicher Tüchtigkeit von ihrer Mutter erblich belastet.« Frau Vera zwinkerte über ihre Kaffeetasse hinweg der Freundin vergnüglich zu. »Was warst du als junges Mädchen tüchtig!«

»Ist ja gar nicht wahr, Tante Vera«, rief Ursel lachend. »Mutti hat es mir selbst erzählt, wieviel Lehrgeld sie später in der eigenen Häuslichkeit hat zahlen müssen. Sie stellt sich mir selbst stets als warnendes Beispiel auf. Aber bange machen gilt nicht – ich heirate überhaupt nicht!«

»Das haben schon andere Mädels in deinem Alter gesagt, Ursel – – –«

»Du auch, Tante Vera?« Mit neugierigen Augen musterte Ursel die noch heute schöne Frau mit dem regelmäßigen Profil und dem schwarzen Haar, durch das sich hier und da wie Silberlametta lichte Fäden zogen. »Du mußt doch schon schrecklich alt gewesen sein, wie du geheiratet hast – –«

Alles lachte, Frau Regierungsrat Töpfer am meisten.

»Aber Ursel, von der Kultur bist halt noch recht wenig beleckt.« Der Vater klopfte belustigt seiner Jüngsten die rosige Wange.

»Na, es stimmt doch«, verteidigte sich Ursel. »Tante Vera muß doch mindestens schon« – – – sie begann zu rechnen.

»Das muß mathematisch ausgerechnet werden, Ursel, dabei leidest du doch wieder Schiffbruch«, unterbrach sie der Bruder.

»Kinder, laßt mir meine Ruh«, rief Frau Vera, sich lachend die Ohren zuhaltend. »Wenn ich meinem Mann nicht zu alt gewesen bin, werdet ihr es ja auch in den Kauf nehmen können. Die Ursel ist noch derselbe drollige Frechdachs, der sie als winziger Punkt gewesen ist.«

»Ja, ich weiß wirklich gar nicht, wo das Mädel herkommt«, seufzte Frau Annemarie in komischer Verzweiflung.

»Aber ich!« Wie aus einem Munde sagten es Margot und Vera, was natürlich wieder allgemeine Heiterkeit auslöste.

»So arg habe ich es nie getrieben –« widersprach Annemarie.

»Na – na!« Allgemeine Ungläubigkeit.

»Wie die Alten sungen – zwitschern die Jungen –, das ist nun mal eine unumstößliche Wahrheit, Annemarie.« Der Amtsgerichtsrat war heut zum erstenmal, seit dem Heimgang seiner Frau, weniger ernst und wortkarg.

»Deine Jungen zwitschern überhaupt nicht. Die machen den Schnabel nur zum Futtern auf«, gab Annemarie schlagfertig zurück. »Wie wär's denn, wenn die Jugend sich jetzt in den Garten zurückzöge? Oder wollt ihr lieber einen Spaziergang machen?«

»Ruth und Edith haben ihren Spaziergang schon hinter sich. Die werden müde sein.« Ursel wäre für ihr Leben gern bei der Mutter und den netten Freundinnen geblieben. Es war so interessant, aus Muttis Jugendzeit manches zu hören, was diese selbst ihr doch nicht erzählte. Aber leider zeigte die Mutter dafür gar kein Verständnis.

»Nun, so könnt ihr ja Krocket oder Gesellschaftsspiele spielen. Jetzt wollen wir uns auch mal ein bißchen ungestört unterhalten«, sagte sie in bestimmtem Ton.

Ursel hätte wohl fertig gebracht, sich möglichenfalls taub gegen denselben zu stellen. Aber Ruth und Edith hatten sich bereits taktvoll erhoben. Die drei Jungen waren froh, dem Zwang der Unterhaltung zu entgehen. Bald klang Hammerschlag, Kugelrollen, Lachen und Hundegebell herauf.

Auch der Professor holte sein geliebtes Schachbrett herbei und vertiefte sich mit dem Schwager in eine besonders interessante Partie. Frau Doktor griff zu ihrer Schiffchenarbeit. Die drei Freundinnen rückten näher zusammen.

»Daß es dir gut geht, noch besser als früher, das braucht man nicht erst zu fragen, Annemie.« Vera griff liebevoll nach der Hand der Jugendfreundin.

»Besser – nein, Vera. Ebensogut. Mein Familienglück ist Gott sei Dank ungetrübt geblieben, wenn auch hin und wieder mal eine kleine Wolke aufzieht. Die bleibt ja keinem erspart.«

»Ich hatte an die äußeren Verhältnisse gedacht. Du hast jetzt alles so schön hier, so komfortabel.« Vera schaute sich bewundernd in dem kleinen Paradies um.

»Ja, schön ist es hier draußen. Dafür bin ich auch jeden Tag aufs neue dankbar. Aber mit drei kleinen Zimmern wäre ich gerade so zufrieden und glücklich. Im Gegenteil, für mein Urselchen ist mir der jetzt etwas wohlhabendere Zuschnitt unserer Häuslichkeit gar nicht erwünscht. Die neigt leicht zu Größenwahnsinn.«

»Es ist ein entzückendes Mädelchen, der verkörperte Liebreiz. Ich glaube, sie ist beinahe noch hübscher, als du damals warst, Annemarie.«

»Dein Glück, daß du das Wort damals hinzugefügt hast Vera«, scherzte Annemarie.

»Über jetzt schweigt des Sängers Höflichkeit.« Ein impulsiver Klaps Annemaries lohnte diesen Ausspruch der Freundin. War es denn wirklich wahr, daß so viele Jahre über die gemeinsame Jugendzeit dahingegangen? Dachte und fühlte man denn nicht noch ganz wie einst? Ja – wenn die Stimmen der herangewachsenen Kinder nicht dazwischen geschallt hätten, wenn nicht Silberfunken hier und da in Veras dunklem Scheitel aufgeblitzt wären!

»Deine Älteste ist in München?« nahm Vera, nachdem man sekundenlang still vergangener Tage gedacht, wieder das Gespräch auf.

»Ja, leider. Du wirst es ja auch mal erleben, wie weh es tut, wenn solch ein Küken aus dem Nest fliegt. Vronli hat einen schweren, aufopferungsvollen Beruf erwählt – sie wird Säuglingsschwester.«

»Das erzählte mir Margot. Nun die Hauptsache ist, daß der Beruf sie befriedigt.«

»Vorläufig scheint dies der Fall zu sein. Aber ob es sich nicht mal rächt, wenn man sich selbst um seine Jugendzeit bestiehlt? Jeder Mensch hat doch eine gewisse Portion Lebenshunger in sich. Früher oder später verlangt derselbe nach seinem Recht.«

»Die Annemie spricht wie ein Professor. Das bringt wohl deine neue Würde so mit sich, Frau Professor? Wo ist deine Leichtlebigkeit, deine erquickende Sorglosigkeit hin, Annemie?«

»Die gewöhnen einem die Kinder allmählich ab.«

»Nun, deine drei haben dir bisher noch nicht allzuviel Sorgen gemacht«, mischte sich Margot, die bisher schweigend den wonnigen Maitag und das Beisammensein mit den Freundinnen genoß, jetzt in die Unterhaltung der beiden.

»Dafür kommen sie jetzt haufendick. Ursel, die eine recht niedliche Stimme besitzt, hat es sich in den Kopf gesetzt, zur Bühne zu gehen. Statt dessen hat mein Mann sie in eine Bank gesteckt. Das geht natürlich nicht ohne Kämpfe ab. Und der Hansi, sonst ein lieber Kerl, wenn er es in der Schule auch ein bißchen an sich kommen läßt, der will auch nicht, wie sein Vater will. Hat keine Neigung zur Medizin, möchte zur Landwirtschaft – ja, die Jungen zwitschern doch nicht immer so, wie die Alten sungen.«

»Freilich tun sie's, Annemie. Ich erinnere mich noch ganz genau deines neunzehnten Geburtstags, als du es bei deinen Eltern endlich durchgesetzt hattest, in Tübingen Medizin studieren zu dürfen«, meinte Margot lächelnd. »Da gab's auch Kämpfe, nicht wahr, Frau Doktor?«

»Ja doch, ja. Aber mein seliger Mann war so gut, der konnte seinem Nesthäkchen nun mal nichts abschlagen.« Frau Doktor ließ die schmalen Finger mit dem Schiffchen sinken. Aus Sonnenstrahlen und Blätterrauschen wob sich ihr das Bild vergangenen Glückes.

Als Annemarie die lieben Augen der Mutter sich feuchten sah, unterdrückte sie gewaltsam die eigene Wehmut. »Nun wird es aber endlich Zeit, daß du von dir berichtest, Vera«, sagte sie in munterem Ton. »Mich quetschst du aus wie eine Zitrone und über euch schweigst du wie ein Buch mit sieben Siegeln. Daß du dich in der Stadt der reinen Vernunft gut eingelebt hast, habe ich ja zu meiner Freude aus den wenigen Briefen, zu denen du dich aufgeschwungen hast, ersehen. Aber nun weiter. Wie lebt ihr? Hast du neue Freunde dort? Ist dein Mann noch immer so verschossen in dich? Wie entwickeln sich deine Krabben?«

»Ein bißchen viel Fragen auf einmal. Mit der letzten werde ich beginnen. Die Kinder sind natürlich süß, die Sascha sieht zum Glück meiner Wenigkeit ähnlich, der Bubi ist der ganze Papa.«

»Na, an mangelndem Selbstbewußtsein leidest du gerade nicht«, schaltete Margot neckend ein.

»Es hätte doch auch umgekehrt sein können. Bei all seinen andern Vorzügen, die Schönheit drückt meinen Mann doch wirklich nicht. Aber sonst ist er ein lieber Kerl. Verwöhnt mich, wo er nur kann. Heute noch ist er mir dankbar dafür, daß ich ihn geheiratet habe.«

»Schwer genug hast du dich ja weiß Gott auch dazu entschlossen, – als ob es nach Sibirien ginge und nicht bloß nach Königsberg. Wenn dein Bruder Stanislaus nicht kurz zuvor geheiratet und euer Zusammenleben dadurch eine Veränderung erfahren hätte, ich glaube wirklich, der Herr Regierungsrat hätte ebenso mit einem Körbchen abziehen müssen, wie all seine Vorgänger.«

»Ach, Annemie, rede doch nicht. Die ferne Stadt, das war doch das Wenigste dabei. Wenn ich mich natürlich auch von euch allen schwer gelöst habe. Aber ist man erst mal über die dreißig, entschließt man sich nicht mehr so leicht zum Aufgeben seiner Selbständigkeit. Und an meiner Kunst oder meinem Handwerk, wie ihr es nennen wollt, hing ich auch. Was hat mir mein photographisches Kunstatelier für eine Freude gemacht.«

»Und mir redest du zu, meine Selbständigkeit noch heute aufzugeben. Vera bildet sich nämlich neuerdings zur Heiratsvermittlerin aus«, lachte Margot.

»Weil ich selbst eine glückliche Frau geworden bin und erkannt habe, daß ein eignes Heim, ein guter Mann und liebe Kinderchen doch besser sind als ein Atelier – sei es nun ein photographisches oder ein kunstgewerbliches. Du hast mir selbst gesagt, daß du dich nach der Verheiratung deiner jüngsten Schwester einsam fühlst, Margot, daß dir jemand fehlt, für den du sorgen kannst. Da wäre es doch die einfachste Lösung, du heiratest selbst. Wer so viel sanftes, weibliches Empfinden hat wie du, Margot, ist ganz besonders zur Ehe geeignet. Habe ich nicht recht, Annemie?«

»Vielleicht, aber ich habe noch einen anderen Vorschlag für sie. Gehe in eine Familie, wo die Mutter fehlt. Erziehe Kinder zu tüchtigen Menschen und gib den Vereinsamten wieder Behaglichkeit und Lebensfreude. Dann wirst du dich selbst nicht mehr vereinsamt fühlen, Margot.«

»Ich habe an Ähnliches schon gedacht. Aber auch da heißt es, seine Selbständigkeit aufgeben und sich fremden, vielleicht nicht mal sympathischen Menschen unterordnen. Wer weiß, in welch ein Haus man kommt. Ob die Kinder nicht verwahrlost sind, ob man die Dame in mir respektiert und mich nicht als besseren Dienstboten behandelt. Man kann dabei große Enttäuschungen erleben. Auch dürfte mich der Haushalt nicht mehr als früher mein eigener in Anspruch nehmen, denn meine kunstgewerblichen Arbeiten würde ich unbedingt weiter entwerfen. Wo findet man das alles beisammen?«

»Es ist bereits gefunden«, sagte Annemarie und machte dabei dasselbe verschmitzte Gesicht, über das sich am Mittag bereits ihre Tochter Ursel den Kopf zerbrochen hatte. »Alles in bester Ordnung – zum Ersten kannst du schon deine Hausdamenstellung antreten, Margot.«

Die blickte mit fragenden Augen auf die Freundin. »Was ist da nun wieder für ein Ulk dabei, Annemie?«

»Gar keiner – ich weiß einen Platz für dich, wo man dich unbedingt als Dame respektieren wird. Wo die Kinder nicht verwahrlost sind, und wo du wieder Freude und Wärme in das mutterlose Haus bringen kannst. Errätst du es nicht? Sieh, das Gute liegt so nah.« Annemarie blinzelte zu dem Schachtisch hin.

»Hans?« fragte Margot, und ihr zartes Gesicht färbte sich rosig. Es war fabelhaft, wie jung sie in diesem Augenblick aussah.

»Was ist mit mir?« Der in sein Schach vertiefte Amtsgerichtsrat ward aufmerksam.

»Ich wollte dir eben eine Hausdame engagieren, die dich nicht bemausen wird, und die du nicht wieder an die Luft zu setzen brauchst. Ich hoffe, du wirst mit meiner Wahl einverstanden sein, Hans.«

»Wen meinst du?« Der Amtsgerichtsrat zog die Augenbrauen hoch. Aber als er dem Blick seiner Schwester folgte, sprang er so ungestüm vom Schachtisch auf, daß ein Läufer ins Wackeln kam und ein Springer davonsprang.

»Margot – du? Wolltest du das wirklich tun?«

»Annemarie hat das eben nur angeregt. Sie hat mich mit ihrem Vorschlag vollständig überrumpelt. So etwas will natürlich reiflich überlegt sein.« Margot sprach wieder mit der ihr eigenen Ruhe.

Der Amtsgerichtsrat reichte ihr beide Hände hin. »Wenn du dich dazu entschließen könntest, Margot, dann tätest du ein gutes Werk. Dann würde mir mein Heim und mein Leben vielleicht noch einmal heller werden.«

Wieder ging eine Blutwelle über das zarte Frauenantlitz.

»Ich will, Hans«, sagte sie, und die reifliche Überlegung schien nicht mehr vonnöten zu sein. »Wenn es sich mit meiner Wohnung und mit meiner beruflichen Arbeit einrichten läßt – – –«

»Aber natürlich – natürlich«, unterbrach Hans Braun sie so lebhaft, wie schon lange nicht. »Die Wohnung wirst du tausendmal los bei der jetzigen starken Nachfrage. Und deiner kunstgewerblichen Arbeit sollst du dich ungestört widmen. Wir sind ja schon froh und dankbar, wenn wieder ein gebildetes weibliches Wesen im Hause ist, dort die Oberaufsicht führt und mit Interesse für unser Wohl bedacht ist. Meinen Jungen fehlt eine liebevolle Frauenhand sehr.«

»Eigentlich ist unsere Ursel der Urheber dieses guten Gedankens«, meinte der Professor ebenfalls erfreut, daß in das Haus seines Schwagers nun endlich wieder Ordnung kommen sollte. »Das neue Engagement müssen wir halt begießen, gelt, Annemie? Was meinst, Weible, wenn ich uns eine Maibowle zum Abend braue? Waldmeister hat der Hansi ja gestern grad' von seinem botanischen Streifzug mit heimgebracht.«

»Diese Idee ist beinahe ebensogut, Rudi, wie die von unsrer Ursel«, lobte Annemarie. Sie schien noch aufgeräumter als sonst. Während die Herren wieder zu ihrem Schach zurückkehrten, und Vera sich nach dem Ergehen der beiden Freundinnen Ilse und Marlene an der Waterkant erkundigte, gab Frau Annemarie so übermütig Auskunft, wie einstens, als man noch das Kränzchen miteinander hatte.

»An der Waterkant kribbelt's und krabbelt's wie in einem Ameisenhaufen. Weißt du denn überhaupt, Vera, daß bei Klaus und Ilse im vergangenen Jahr der vierte Junge einpassiert ist? Sollte natürlich endlich mal ein Mädel werden – ja, prosit Mahlzeit! Jetzt haben sie bald das halbe Dutzend voll, in Lütgenheide. Na, Platz zum Austoben gibt's ja dort genug.«

»Und in Grotgenheide, wie schaut's auf dem Zwillingsgut aus?« erkundigte sich Vera belustigt.

»Gerade entgegengesetzt. Die beiden Intima Ilse und Marlene haben sich ja immer ergänzt. In Grotgenheide bei Marlene und Peter blüht das Dreimäderlhaus. Wenn die Mädel auch halbe Buben sind.«

»Ich muß doch auf dem Rückweg über Stettin fahren, und mir das Kleinzeug an der Waterkant einmal anschauen. Von Marlenes Jüngster bin ich ja sogar Pate. Die kleine Vera muß ich unbedingt kennenlernen«, überlegte Frau Vera.

»Ich kenne mein Patchen Margot, die mittelste, auch noch nicht, trotzdem es doch von hier gar nicht weit ist. Man entschließt sich immer zu schwer«, meinte Margot.

»Schach!« rief der Professor dazwischen.

»Kinder, ich habe eine famose Idee: wir überfallen alle drei die Waterkant zu Pfingsten und feiern dort mal wieder Kränzchen«, rief Annemarie lebhaft. »Vielleicht können wir auch Marianne Kluge ins Schlepptau nehmen. Aber die kriecht schwer aus ihrem Bau heraus, das ist eine richtige Hauskatze geworden.«

»Famos, großartig!« pflichteten ihr die Freundinnen bei. »Das heißt, wenn mein neuer Prinzipal mir überhaupt Urlaub gibt«, setzte Margot mit einem schelmischen Blick auf Hans Braun hinzu.

»Matt!« schrie der Professor triumphierend, »Hans, du hast deine Gedanken nicht beisammen.«

»Werde ich mir noch sehr überlegen«, ging dieser auf den Scherz Margots ein.

»Ich mir übrigens auch.« Der Professor schob die Schachfiguren zusammen. »Was soll das denn heißen, Weible, einfach auf und davon gehen zu wollen! Das ist bei uns nimmer Mode. Vorläufig bin halt ich noch Herr im Hause.«

»Nun seht diesen Tyrannen an. Ein Vierteljahrhundert halte ich es schon bald bei ihm aus – sagt, bin ich nicht eine Märtyrerin?« Annemarie umarmte ihren Tyrannen zärtlich, was Hans zu den ungalanten Worten: »Du, das schickt sich für solch eine alte Frau gar nicht mehr«, veranlaßte.

Der Professor stieg in den Weinkeller hinab, um seine Maibowle zu brauen. Vera ließ sich von Frau Doktor Braun in die Geheimnisse der Schiffchenarbeit einweihen. Hans Braun und Margot Thielen schritten die Gartenwege auf und nieder, um Näheres über Margots Übersiedlung zu besprechen. Annemarie blickte den beiden mit eigenem Blicke nach.

Flieder und Holunder dufteten intensiver. Gen Westen segelten goldumsäumte Wölkchen an zartgrünem Himmel. Leiser, lockender wurde das Flöten im grünen Gezweig.

Merkwürdige Gedanken kamen Frau Annemarie, als sie den beiden nachschaute. Sie hatten sich heute schon öfters gemeldet, diese Gedanken. Hatte Vera nicht recht, daß keine so zum Beglücken eines Mannes geschaffen war, wie gerade Margot in ihrer lieben, weiblichen Art? Nur sie wußte es, sie ganz allein, daß Margot Thielen vor Jahren eine geheime Neigung für ihren Bruder Hans gehegt hatte. In ihrer bescheidenen, stillen Art war Margot immer ein wenig Mauerblümchen im Leben gewesen. Sie hatte es am Ende nicht einmal verwunderlich gefunden, daß der Jugendfreund achtlos an ihr vorbeischritt, daß er sich eine andere Lebensgefährtin wählte. Annemarie wußte, daß Margot damals tiefinnerlich gelitten hatte, wenn sie auch niemals darüber zu sprechen vermochte. Nun waren Jahre vergangen. Viele Jahre. Margot hatte sich nicht entschließen können, einem andern die Hand zu reichen. Das Lebensglück von Hans war gescheitert. Alles blühte und erneute sich rings in der Natur – sollte kein neues Glück für die beiden mehr möglich sein?

Aus dem Wohnzimmer erklang es vom Flügel her: »Ihr, die ihr Triebe des Herzens kennt, sagt, ist es Liebe, was hier so brennt.« Ursel sang das Pagenlied aus dem »Figaro«.

Nachdem man sich genugsam am Krocketspiel ergötzt hatte, waren die jungen Mädchen in das Musikzimmer gezogen, während Hans seine Vettern zu seinen naturwissenschaftlichen Sammlungen schleppte.

»Was für eine prachtvolle Stimme eure Ursel hat.« Vera, die selbst sehr musikalisch war, horchte auf. »Weißt du, Annemie, es ist wirklich ein Jammer, daß ihr dieselbe nicht ausbilden laßt.«

»Pst, – laß du das nicht meinen Mann hören. Du ziehst dir seine ewige Feindschaft zu. Er will absolut keine Theaterprinzessin zur Tochter haben. Teilweise wird er ja auch im Recht sein. Die Ursel ist ohnedies schon ein bißchen leichtsinnig. Und die Bühne mag wirklich nicht der geeignete Boden für sie sein. Sie hat morgen ihre erste Gesangstunde. Da wird sich's ja zeigen, ob sie wirklich ein besonderes Talent hat. Wahre Kunst bricht sich überall Bahn.«

»Ich halte es für einen Fehler, Urselchen bei ihrer Begabung in einen ihr nicht zusagenden Beruf hineinzupressen«, meinte auch Frau Doktor Braun gedankenvoll. »Das rächt sich früher oder später.«

»Natürlich, die gute Omama nimmt sich ihres armen Lieblings, der von den eigenen Rabeneltern nicht genug gewürdigt und zur Fronarbeit ums tägliche Brot verdammt wird, an. Der Ursel schadet es gar nicht, wenn sie ihr eigenes Persönchen mal unterordnen und regelmäßige Pflichterfüllung lernt. Im Gegenteil, es ist für Ursel geradezu notwendig – – –«

»Was ist für mich notwendig?« Ein Blondkopf mit neugierig gespitzten Ohren erschien in dem offenen Fenster des Wohnzimmers.

»Daß du dich um das Abendbrot kümmerst, anstatt dich hier als Primadonna aufzuspielen«, lachte die Mutter sie aus.

»Nein, Muzichen, sag' doch«, bestürmte sie Ursel.

»Ich sag es ja: Ruth und Edith kommen jetzt zu uns heraus und du hilfst der Trude beim Brotzurechtmachen und den Abendtisch herzurichten. Wird es dir auch hier draußen auf der Terrasse nicht zu kühl werden, Muttchen?« wandte sich Annemarie an die alte Dame, »dann decken wir drin.«

»Ih bewahre, es ist ja glutheiß draußen«, rief Fräulein Naseweis dazwischen.

»Ursel, die Omama braucht keinen Vormund«, bedeutete ihr die Mutter.

Aber die Omama wollte natürlich kein Störenfried sein. Vorläufig war es ja auch wirklich noch ganz warm und später – nun, man würde ja sehen, die Siebzig braucht freilich mehr Wärme, als die Siebzehn. Das konnte sich Urselchen nicht vorstellen.

Das Urselchen saß bereits wieder an ihrem geliebten Flügel und spielte ein Potpourri aus allen möglichen Opern.

»Ursel, du sollst doch Stullen belegen«, fuhr Frau Annemarie gerade nicht sehr kunstverständig dazwischen.

»Santruzza, reize mich nicht, denn ich bin nicht dein Sklave«, – – erklang Ursels Antwort aus » Cavaleria rusticana« vom Flügel her.

Natürlich hatte sie die Lacher wieder auf ihrer Seite.

»Ein schreckliches Kind. Ursel, jetzt hörst du aber mit dem Unsinn auf. Willst du dich nun ums Abendbrot kümmern oder nicht?« Frau Annemarie markierte die strenge Mutter.

»Nicht sollst du mich befragen«, antwortete das »Lohengrin«-Motiv.

»Ursel, du wirst doch nicht wollen, daß ich selbst mich meinen Gästen entziehe?«

»Mit einer Mutter habt Erbarmen.« Jetzt hatte das lose Mädel den »Prophet« beim Wickel.

Frau Annemarie erhob sich resolut unter allgemeinem Gelächter. Man konnte sich von der Krabbe doch nicht auf der Nase herumtanzen lassen, noch dazu in Gegenwart der Freundinnen. Da aber war auch bereits Ursel mit einem schrillen Schlußakkord aufgesprungen.

»Ich gehe ja schon, Muzi. ›Auf in den Kampf, Torero‹!« Unter »Carmens« Klängen wollte sie abmarschieren.

»Ursel, nun sei doch bloß mal einen Augenblick verständig. Trude soll Teewasser für die Omama aufsetzen. Es wird sicher noch Feuer im Herd sein.«

»Lodernde Flammen schlagen zum Himmel empor.« Die Zigeunerin-Arie aus dem »Troubadour« war das letzte, was Ursel von ihrer Sangeskunst zum besten gab.

»Ein Teufelsmädel!« sagte der Professor hinter ihr her voller Vaterstolz.

»Ja, du bist schuld, Rudi, daß das Mädel vollgepfropft ist mit Opern. Du hast sie ja schon als Kind stets mitnehmen müssen. Nun hast du den Salat! – Ach richtig, den Heringssalat! Ursel soll ihn mit Essigkirschen garnieren. Vielleicht sagst du es ihr mal, Ruth.«

»Dürfen wir der Ursel nicht helfen, Frau Professor?«

»Meinetwegen, Mädels. Aber ich fürchte, es wird nicht viel bei eurem Triumvirat rauskommen. Laßt auch noch ein paar Kirschen für die Salatgarnierung übrig.«

»Ich träume als Kind mich zurücke«, sagte Frau Vera gedankenvoll. »Wenn ich deine Ursel mit ihren Freundinnen so sehe – Jahre versinken. Wir haben den Backfischzopf gerade erst stolz in die Höhe gesteckt und springen so frohgemut, so glückerwartend ins Leben, wie heute die Kinder. Ist das wirklich bald ein Menschenalter her?«

»Das ist ja das Schöne, Vera, daß wir uns in unsern Kindern wiederfinden, uns wieder in ihnen erneuern. Aber solch ein Frechdachs wie die Ursel war ich doch nie und nimmer, nicht wahr, Muttchen?«

»Na – na – der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, Annemarie«, gab der Amtsrichter anstatt seiner Mutter die brüderliche Antwort.

Frau Annemarie hatte dem Triumvirat Unrecht getan. Es dauerte gar nicht lange, da stand ein leckeres Tischleindeckdich draußen auf der Terrasse. Wieviel freilich von den Vorbereitungen auf Ursels Teil kam, mag dahingestellt bleiben.

Zartlila verhangene Lampen glänzten wie seltsame Riesenschmetterlinge in den blütenschweren Abend hinaus. Silbern klangen die Gläser mit duftender Maibowle aneinander. Manch Vorübergehender wandte den Kopf zu der magisch beleuchteten Blumenterrasse zurück und dachte: Glückliche Menschen!

6. Kapitel. Die erste Gesangstunde.

In der Bank war Ursel am nächsten Tage noch weniger zu gebrauchen als sonst. Herr Müller mußte ungezählte Male »wenn ich bitten darf« sagen. Denn selbst der galanten Hilfsbereitschaft des Herrn Rumpler gelang es nicht, alle Dummheiten, die Ursel an diesem Montag verbrach, wieder in Ordnung zu bringen. Daran war aber nicht etwa die Maibowle vom Abend zuvor schuld, nein, die erste Gesangstunde war es, die Ursel schon im voraus mehr in den Kopf stieg, als das bei der Bowle der Fall gewesen war.

O Gott, wie sie sich freute! Rein rappelig war sie vor Seligkeit. Unglaubliche Mühe wollte sie sich geben, wenn sie Frau Gerstinger ein Lied oder eine Arie vorsingen sollte. Am liebsten eine Opernarie. Die Ännchen-Arie aus dem »Freischütz« lag ihr besonders gut. Da konnte sie all ihre drollige Munterkeit hineinlegen. Oder auch die Susanne aus dem »Figaro«. – Frau Gerstinger brauchte ihre Wünsche nur auszusprechen.

Vorläufig aber sprach Herr Müller seine Wünsche aus. »Fräulein Hartenstein, wenn ich bitten darf, das ist nun schon der dritte Brief, den ich Ihnen wieder zurückgeben muß. Sie sollen belasten – belasten – und nicht zugunsten erkennen. Da käme unsere Bank ja weit, wenn sie die Schulden der Kunden als Guthaben buchen würde. Schreiben Sie den Brief noch mal, aber wenn ich bitten darf, irren Sie sich nicht zum vierten Male.«

»Alle guten Dinge sind drei«, lachte Ursel Herrn Müller so strahlend an, als ob er ihr soeben seine Anerkennung ausgesprochen, und nicht sein Mißfallen zu erkennen gegeben habe.

Sie machte sich wieder an den langweiligen Brief. »Also belasten soll ich – belasten – – – – von wem mag ich eigentlich mit meiner musikalischen Begabung belastet sein? Mutti ist unmusikalisch wie Cäsar. Aber Vater hat entschieden eine musikalische Ader. Sein Vater soll sehr schön gesungen haben – also vom Großvater her. Auch Tante Ola hat eine wundervolle Stimme gehabt, erzählt Mutti. Wenn ich Frau Gerstinger heute durch meine Stimme in Erstaunen setze, wird sie sicher später Schritte tun, eine solche Kraft für die Bühne zu gewinnen, sie war ja früher selbst bei der Oper. Also auf heute kommt alles an – alles. Geradezu verblüffen muß ich sie durch meinen Gesang.«

»Kommt ein schlanker Bursch gegangen.« Ursel hatte vollständig vergessen, wo sie sich befand. Sie sang die »Freischütz«-Arie nicht gerade laut, aber sie trällerte dieselbe doch immerhin hörbar vor sich hin.

»Nanu?« machte Herr Müller und sprang vor Schreck von seinem hohen Kontorbock herunter, während sich ringsum lautes Gelächter erhob. »Nanu? Ja, aber wenn ich bitten darf, was hat das denn zu bedeuten, Fräulein Hartenstein? Sie sind doch hier nicht allein, wenn ich bitten darf. Wenn wir nun alle hier anfangen würden zu singen – ja, stellen Sie sich das, wenn ich bitten darf, nur mal vor!« Er kam angegangen, durchaus kein schlanker Bursch, sondern ein recht wohlbeleibter. Nach dem Brief griff er, an dem Ursel noch keine zehn Worte geschrieben. »Ich habe doch schon viele Lehrlinge ausgebildet, aber ich muß zu meiner Betrübnis sagen, daß mir noch keiner in meiner siebenundzwanzigjährigen Praxis solche Schwierigkeiten bereitet hat.« Es kam selten vor, daß der höfliche Herr Müller so energisch wurde. Aber das nicht endenwollende Lachen der Umsitzenden ärgerte ihn nicht weniger als die Untauglichkeit seines Banklehrlings. »Es tut mir aufrichtig leid, gezwungen zu sein, Herrn Direktor Hildebrandt das auf seine diesbezügliche Frage eventuell mitteilen zu müssen. Sie mögen ja ein musikalisches Talent sein, Fräulein Hartenstein, aber Talent zum Bankfach haben Sie entschieden nicht.«

»Nicht wahr?« stimmte Ursel durchaus nicht gekränkt, sondern im Gegenteil geradezu geschmeichelt durch die abfällige Kritik, lebhaft ein. »Das habe ich ja meinem Vater gleich gesagt. Er wollte es mir nicht glauben. Wenn Sie es ihm doch noch mal bestätigen möchten, Herr Müller. Aber vielleicht genügt es auch schon, wenn Sie Herrn Direktor Hildebrandt mitteilen, daß an mir Hopfen und Malz als Banklehrling verloren ist.«

Herr Müller stand starr. Was – man bat ihn geradezu, dem gefürchteten Direktor Mitteilungen von all den Dummheiten, die man sich leistete, zu machen? Das war ihm in seiner siebenundzwanzigjährigen Praxis noch viel weniger vorgekommen. Dabei konnte man diesem liebreizenden jungen Ding, das einen aus seinen großen Blauaugen so strahlend anschaute, nicht einmal richtig böse sein. Das war das Allerschlimmste daran. Herr Müller gab sich einen Ruck. »Aber nun Ernst, meine Herrschaften, wenn ich bitten darf!« Er wandte sich den immer noch grienenden Gesichtern zu. »Ernst! Fräulein Hartenstein, bringen Sie Ihrer Tätigkeit, wenn ich bitten darf, ebenfalls den notwendigen Ernst entgegen. Sonst kann nie und nimmer etwas Gescheites daraus werden.« Umständlich kletterte er wieder auf seinen Kontorthron.

Man wußte es ja bereits in der Bank, daß Fräulein Hartenstein trotz ihrer großen Jugend zur Oper Beziehungen hatte. Ursel hatte niemals geradezu widersprochen, weil diese Annahme der Kollegen ihrer Eitelkeit schmeichelte und ihr außerdem diebischen Spaß machte. Als sie Herrn Rumpler, mit dem sie sonst nach Hause zu fahren pflegte, in der Mittagspause davon Mitteilung machte, daß sie heute zur Gerstinger müßte – wohlweislich verschwieg sie, daß es sich um ihre erste Gesangstunde handelte –, da verbreitete sich diese Neuigkeit wie Lauffeuer. Na ja – man wußte ja längst Bescheid.

Frau Gerstinger, ehemalige Primadonna der Berliner Oper, bewohnte eine Dreizimmerwohnung im Gartenhause am Kaiserdamm. Ursel hatte sich die Aufmachung eigentlich vornehmer bei einem ehemaligen Bühnenstern gedacht. Sie rümpfte das Näschen. Gartenhaus, das war ja nicht viel besser als Hinterhaus. Wenn auch Läufer auf der Treppe lagen. Erstes – zweites – drittes Stockwerk – pppph – sie konnte schon nicht mehr pusten. War es möglich, daß die berühmte Sängerin noch höher wohnte? Mutti hatte telephonisch alles Notwendige mit Frau Gerstinger besprochen, und diese die neue Gesangsschülerin gleich zur ersten Stunde hinbestellt.

»Gerstinger« – da stand es endlich an dem kleinen ziemlich blinden Messingschild, hoch oben in der vierten Etage. Ursel mußte trotz ihrer jungen Lungen ein wenig verschnaufen. Denn sie war eilig gestiegen, weil sie die Zeit nicht erwarten konnte. Wenn sie Ehre einlegen wollte beim Vorsingen, mußte sie vor allen Dingen erst mal wieder zu Atem kommen.

Die Klingel gab einen hellen freudigen Ton, der gut zu Ursels freudiger Erwartung stimmte. Hohes Hundegebell, das an das Pfeifen einer Maus erinnerte, antwortete. Dann schlurrende Schritte. Eine Frau in ziemlich verwahrlostem Anzuge öffnete. Sie führte Ursel in ein Zimmer, in welchem ein Flügel stand. Auf dem schwarzen Holz desselben lag eine dicke Staubschicht. Doch das sah Ursel nicht. Die hatte nur Augen für die Wand mit all den vertrockneten Lorbeerkränzen und vergilbten Seidenschleifen. Geradezu andächtig schaute das junge Mädchen auf all die Zeichen vergangenen Ruhmes. O mein Gott, was mußte das für ein Gefühl sein, wenn einem solch ein Lorbeerkranz überreicht wurde!

Die Tür öffnete sich. Ursel drehte erwartungsvoll den Kopf. Zuerst erschien ein winziger Pinscher, ein mit piepsender Stimme bellendes, weißes Wollknäuel, so langhaarig, daß man nicht recht daraus klug wurde, von welcher Seite das Bellen kam, wo es seinen Kopf hatte. Es machte dem musikalischen Sinn seiner Besitzerin mit seiner Quietschstimme eigentlich wenig Ehre.

Nun endlich erschien Frau Gerstinger in höchsteigener Person. Wie eine Königin betrat sie das Zimmer. In einem lila Samtschlafrock – trotzdem es bereits nachmittags war – mit Schleppe. Dieselbe wurde noch dadurch verlängert, daß der Saum ein wenig abgerissen war und hinterher schleifte. Über den rotblonden Haarturban, der merkwürdig zu dem verpuderten alten Gesicht stand, war ein weißer Spitzenschal geschlungen, der das Theatralische der Erscheinung noch stärker betonte.

Die unerfahrene Ursel sah nichts von dem abgerissenen Saum, weder das gepuderte Gesicht, noch das gefärbte Haar. Sie machte eine tiefe Verbeugung vor der einstigen Bühnenkönigin und zum erstenmal in ihrem Leben empfand die kecke Ursel eine Art von herzklopfender Befangenheit.

»Ah, die kleine Hartenstein, nicht wahr? Seien Sie mir gegrüßt, liebes Kind. Die Frau Mama hat Sie mir an das Herz gelegt. Schau – schau – noch reichlich jung für den Gesang. Ist denn das Stimmchen überhaupt schon entwickelt?«

»Na und ob!« entfuhr es Ursel in ihrer impulsiven Art. Sie fühlte sich gedemütigt; daß man sie als »kleine Hartenstein« bezeichnete, sie mit »liebes Kind« anredete, mochte noch hingehen. Aber daß man von ihrer Stimme, auf die sie so stolz war, als von einem noch nicht entwickelten Stimmchen sprach, das traf ihre zukünftige Künstlerehre. Der Handkuß, der Frau Gerstinger zugedacht war, unterblieb.

»Wenn ich gnädiger Frau vielleicht etwas vorsingen dürfte, daß Sie ein Bild von meinem Können gewinnen«, bat sie.

»Können? Wenn man noch nichts gelernt hat, kann man nichts. An zu geringem Selbstbewußtsein scheinen Sie nicht zu leiden, Herzchen. Wie alt sind wir denn?«

»Siebzehn.« Ursels Figürchen reckte sich.

»O Gott«, das klang so mitleidsvoll, als ob Ursel diese Zahl erst nach Wochen zählte. »Siebzehn Jahr – noch reichlich jung zum Singen. Aber immerhin, wir können es ja mal versuchen, mein Herzchen.« Sie schritt königlich zum Flügel.

»Oho, nun soll sie mal Augen machen«, dachte Ursel. Laut aber sagte sie: »Darf ich vielleicht die Ännchen-Arie aus dem ›Freischütz‹ singen? Oder auch etwas aus dem ›Figaro‹?«

»Hahaha« – das Lachen der alten Künstlerin klang ähnlich wie das Bellen ihres Hündchens. »Hahaha – Sie fangen gleich damit an, womit die andern aufhören. Zuerst muß ich mal sehen, ob Sie überhaupt Stimme und musikalisches Treffvermögen haben. Singen Sie mal die Töne auf do nach, die ich anschlage. Ganz dreist, nur ohne Angst.«

»Ich habe doch keine Angst.« Ursel wies diesen Gedanken entrüstet von sich. »Do – do – do – do – do« begann sie die Töne nachzusingen. Das Wollknäuel stimmte piepsend mit ein.

»Still, Fidelio – kusch dich – sonst spazierst du 'naus«, unterbrach Frau Gerstinger das Dododo.

»Na ja, ein ganz nettes Stimmchen – muß natürlich erst werden – noch völlig unentwickelt. Ist ja bei Ihrem zarten Alter auch noch nicht anders zu verlangen, Herzchen. Jedenfalls sind Sie nicht unmusikalisch.«

Ursel ballte die Hände. Sie hätte die Königin am liebsten verprügelt. Ein ganz nettes Stimmchen – nicht unmusikalisch – gab es eine größere Beleidigung?

»Bei dem dummen Dododo kann man ja gar nicht mit der Stimme heraus,« sagte sie mit schwer unterdrückter Empörung. »Wenn ich etwas Richtiges singen dürfte, würden gnädige Frau schon sehen, daß ich kein Stimmchen habe.«

»Hahaha« – die ehemalige Künstlerin und Fidelio lachten um die Wette. »Gekränkte Künstlereitelkeit – kennen wir. Die gewöhnen Sie sich nur möglichst frühzeitig ab, Herzchen. Dabei kommt man nicht weiter, wenn man denkt, man kann schon alles.«

»Das denke ich gar nicht, ich will ja lernen. Darum bin ich ja zu Ihnen gekommen.« Ursel Stimme klang, so sehr sie auch dagegen ankämpfte, tränenschwer. »Aber bisher ist noch jeder von meiner Stimme begeistert gewesen. Erst gestern – –«

»Hahaha –« dieses piepsende Lachen, begleitet von Fidelios Gepiepse, konnte die wütende Ursel rasend machen. »Sehen Sie, das ist der Verderb – die guten Onkel und Tanten mit ihrem verfrühten Beifall und ihren Lobhudeleien. Vorläufig singen Sie überhaupt nichts mehr vor. Verstanden, Herzchen? So, und nun wollen wir mal weiter an die Arbeit gehen. Die Noten kennen Sie doch?«

»Na ...« sagte Ursel nur, nicht gerade höflich. Nächstens fragte man sie noch, ob sie schon lesen und schreiben könne.

»Also schön – hier singen Sie diese Töne.« Frau Gerstinger drückte der erbosten Schülerin ein Notenblatt in die Hand.

»Do – re – mi – fa – sol – la – si – do –« sang Ursel die Tonleiter davon ab.

»Nun rückwärts –«

»Do – si – la – sol –«

»Fidelio, du spazierst 'naus!« Das Wollknäuel hatte sich bereits wieder an dem Gesang beteiligt. »Es ist ein hochmusikalisches Tierchen, mein Fidelio. Sobald Sie nur eine Nuance unrein singen, wird sein musikalisches Empfinden verletzt.«

»Fa – mi – re – do –« sang Ursel zur Zufriedenheit Fidelios zu Ende.

Auch Frau Gerstinger sprach ihre Zufriedenheit aus. »Ganz nett, für den Anfang. Wird schon werden. Aber bloß nicht die Schultern beim Singen heben. Die Tonbildung und die Zungenlage will natürlich erst studiert sein. Aus dem Zwerchfell muß der Ton angesetzt werden – hier ist Ihr Zwerchfell. Da« – sie drückte Ursel irgendwo in der Magengegend, wie man eine Schreipuppe auf den Bauch drückt.

»Au«, schrie Ursel denn auch pflichtschuldigst.

»Aus den Flanken müssen Sie atmen – Flankenatmung, das ist die Hauptsache. Und die Zunge niemals gewölbt, sonst kann der Ton nicht voll heraus. Sehen Sie, so muß die Zunge liegen – do – re – mi – fa – haben Sie zugeschaut, ja? So, gegen die Unterzähne muß die Zunge liegen. Nun nehmen Sie mal diesen Handspiegel hier. Schauen Sie 'nein, wie Sie Ihre Zunge dabei wölben. Wie ein Igel, stimmt's?«

Ursel sah in dem Spiegel ein wutgerötetes Gesicht, das sich vergebens abmühte, die Zunge in der vorgeschriebenen Lage gegen die Unterzähne zu legen.

»Das üben Sie mal recht schön bis auf das nächstemal mit einem Handspiegel. Und die Tonleiter gleichfalls, aber immer darauf achten, daß der Ton aus den Flanken geholt wird. Legen Sie sich dabei auf das Sofa! Da fühlen Sie's am besten, ob sich die Flanken dehnen. So, nun dürfen Sie ein bissel verschnaufen. Setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie mir ein bissel was.« Frau Gerstinger zog Ursel auf einen knackenden Sessel hernieder, holte aus der Tasche des lila Samtschlafrocks ein Silberdöschen und entnahm demselben einen Lakritzenbonbon, den sie zu lutschen begann. Auch Fidelio wurde ein Bonbon irgendwo in die weiße Wolle hineingeschoben.

»Ich möchte so schrecklich gern zur Oper gehen«, fiel Ursel sogleich mit der Tür ins Haus, damit Frau Gerstinger auch wußte, daß es sich bei ihr um ernsten Berufsgesang und nicht nur um die übliche Gesangstunde der höheren Tochter handle.

Wieder das rasendmachende Piepslachen. »Das haben schon andere vor Ihnen gesagt, Herzchen. Andere, die vielleicht mehr dazu prädestiniert waren. Und haben's doch nicht erreicht. Die Leiter der Kunst erklimmt sich nicht so leicht. Da purzelt man nur allzuoft wieder herunter. Still, Fidelio, jetzt rede ich. Mag ja für solch junges Dingelchen recht verlockend sein, das buntschillernde Theaterleben. Aber viel mehr als dieser vertrocknete Lorbeer hier an der Wand kommt dabei nicht heraus. Selbst wenn Sie einer von den sogenannten ›Stars‹ werden, was ich vorläufig noch bezweifle.«

Ursel überlegte allen Ernstes, ob sie dieser bonbonlutschenden Frau, die eine so geringe Meinung von ihr hatte, überhaupt noch weiter Rede und Antwort stehen sollte. Aber es war doch immerhin die Gerstinger, die zur Zeit, als ihre Mutter noch junges Mädchen gewesen, eine große Rolle gespielt hatte. Darum sagte sie: »Ich denke es mir wundervoll, so viele Lorbeeren zu ernten. Selbst, wenn sie später auch vertrocknet sind.«

»Davon können Sie nicht leben, Herzchen, von vertrocknetem Lorbeer. Man wird vergessen, in die Rumpelkammer geschoben, nicht wahr, Fidelio?« Das Wollknäuel gab seine Zustimmung in den höchsten Tönen zu erkennen. »Wenn ich meine Stunden nicht hätte, ah – da schellt es schon wieder. Wohl schon Ihre Nachfolgerin. So – nun singen Sie noch mal zum Schluß do – re – mi – fa – sol – nicht die Schultern heben – aus dem Zwerchfell – Flankenatmung – ich muß fühlen, wie sich hier seitlich alles dehnt und weitet.«

Zum Kuckuck noch eins, da sollte ein Mensch singen, wenn ein anderer einem dabei die Magengegend eindrückt. Und noch dazu vor Publikum. Eine Dame hatte inzwischen grüßend das Zimmer betreten. Ursel war froh, als sie mit einem aufmunternden Kläpschen auf die Wange verabschiedet wurde. Fidelio gab ihr anstatt seiner Herrin höflich das Geleit.

Das war also ihre erste Gesangstunde! Ursel stand draußen auf der Treppe und wußte nicht, ob sie heulen oder lachen sollte. Und darauf hatte sie sich tagelang gefreut, hatte die Zeit gar nicht erwarten können. Ja, war denn das Leben wirklich so, daß alles, worauf man so hohe Erwartungen setzte, mit einer Enttäuschung antwortete?

Nein – nein – nein – sich nicht unterkriegen lassen! Sich durchsetzen! Ursel ballte temperamentvoll die Fäuste. Zeigen, daß sie imstande war, was sie sich vorgenommen, auch zu erreichen. Aber wenn Frau Gerstinger recht hatte, wenn sie wirklich nur ein Stimmchen besaß? Wenn ihr stimmliches Material nicht ausreichte? Ach Unsinn! Sich nur nicht ins Bockshorn jagen lassen. Hatte Tante Vera nicht gestern erst gesagt, das Mädel habe einen wahren Schatz in der Kehle? Na ja, das waren die lieben Tanten, die leicht begeistert waren, wie Frau Gerstinger meinte. Solch eine Künstlerin hatte entschieden mehr Verständnis, ihr Urteil war natürlich das maßgebende. Aber konnte Frau Gerstinger denn überhaupt schon ein Urteil haben? Bei den dämlichen Dododo-Übungen vermochte kein Mensch eine Stimme zu begutachten. Aber sie würde schon weiterkommen. Mal würde sie auch Lieder und Arien singen und dann – – – dann gab es vielleicht wieder solch eine Enttäuschung wie heute.

Himmel, was war denn bloß mit ihr los? Ursel kannte sich selbst nicht wieder. Wo war ihre frohe Zuversicht, ihr keckes Selbstgefühl hin. Da lief sie in ihrem Ärger den Kaiserdamm entlang, ohne nach rechts oder links zu schauen, sah nur den lila Samtschlafrock, das quiekende weiße Hundeknäuel vor sich und hörte immer wieder die Worte: »Ganz nettes Stimmchen – nicht unmusikalisch!«

War es nicht das beste, die Stunde bei der Gerstinger gleich wieder aufzugeben? Ein anderer Lehrer würde ihre Stimme vielleicht besser zu würdigen wissen. Aber nein, diese Blamage, wenn sie gleich auf der ersten Stufe ihrer geliebten Kunst Schiffbruch erlitt. Der Vater würde sich auch bestimmt nicht bereit finden lassen, so schnell zu einem andern abzuschwenken. Der war für konsequentes Durchführen einer begonnenen Sache. Gerade so, wie bei ihrem Bankfach. Sie hatte die grauen, stumpfsinnigen Arbeitstage auf der Bank überhaupt nur zu ertragen vermocht, weil sie dieselben für eine bald absolvierte Angelegenheit hielt, nur für ein Interregnum. Gleich in der ersten Gesangstunde mußte es sich ja erweisen, daß sie zu etwas ganz anderem bestimmt war. Und nun?

Eine große, dicke Träne löste sich von den langen, seidenweichen Goldwimpern, rann das zierlich kecke Näschen entlang und wurde von frischen Lippen schleunigst aufgefangen. Eine Wutträne war's – hatte auch keiner der Vorübergehenden etwa gesehen, daß sie wie ein Gör auf der Straße heulte? Ursel hielt Umschau. Unweit am Eingang der Untergrundbahn stand ein junger Herr, der belustigt mit angeschaut hatte, wie sie die Träne aufleckte. Wohl einer von den vielen Ausländern, die man hier in dieser Gegend häufig sah. Wenigstens ließ der bronzefarbene Ton seiner Gesichtsfarbe, die brennendschwarzen Augen darauf schließen. Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, wollte Ursel an ihm vorüber. Da zog er höflich den weichen Hut.

»Pardon – kommt es sich mit Bahn zu Potsdam Place?« Er wies zu der Untergrundbahn hinab.

»Jawohl – drüben der Eingang.« Und da er sie nicht recht zu verstehen schien, setzte sie hinzu: »Ich fahre auch dorthin.« Gleich darauf aber biß sie sich ärgerlich auf die Lippen, denn der Herr zog aufs neue den Hut, sagte: » Eh bien, das sein gutt, serr gutt«, und schritt mit einer Selbstverständlichkeit, die Ursel unverschämt fand, jetzt neben ihr her.

Einen Augenblick überlegte Ursel: Sollte sie den dreisten Begleiter einfach stehen lassen und die Großmama, die unweit wohnte, besuchen? Zeit genug hatte sie noch, auch wollte sie doch gern die interessanten brasilianischen Pensionäre kennenlernen? Aber nein, heute war sie wirklich nicht in der Gemütsverfassung dazu. In dieser Wutstimmung durfte sie der Omama nicht in das Haus fallen.

Was hatte sie denn überhaupt nötig, vor einem Ausländer auszukneifen? Die Treppe war ja breit genug, es gingen viele Leute dort. Wehe ihm, wenn er noch einmal eine Ansprache versuchte, dann würde sie ihn in ihrer augenblicklichen Stimmung nicht schlecht abblitzen lassen.

Aber der Fremde benahm sich durchaus korrekt. Er ging ruhig seiner Wege. Freilich wollte es der Zufall – oder hatte er demselben ein wenig unter die Arme gegriffen, denn das reizende blonde Mädel mit dem wütenden Gesicht gefiel ihm – ja, der Zufall wollte es, daß er dasselbe Bahnabteil wie sie, und zwar vor ihr, betrat, so daß er den letzten Sitzplatz erwischte und ihr denselben mit »biete serr« kavaliermäßig überließ.

Ursel dankte durch hochmütiges Kopfnicken und zog ein Büchlein aus der Tasche, sich darin zu vertiefen. Aber das gelang ihr nicht. Ihre Gedanken irrten zu der Gesangstunde zurück. Zum erstenmal in ihrem Leben war es ihr peinlich, Muttis klaren Augen gegenüberzutreten. Nicht einmal mit einem schlechten Schulzeugnis hatte sie ein derartiges Unbehagen empfunden. Daß sie ihre Enttäuschung und ihren Ärger für sich behalten mußte, lag auf der Hand. Hans würde sich die gute Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie aufzuziehen und zu foppen. Und der Vater bekam Oberwasser, daß er es ja vorausgesehen hatte, daß sie für die Oper weniger geeignet war, als für die Bank. Auch Mutti würde höchstwahrscheinlich an ihrer Begabung zu zweifeln beginnen, wenn eine Künstlerin wie die Gerstinger von einem »Stimmchen, das erst noch werden muß«, gesprochen hatte.

Wieder ging eine Zornwelle über Ursels ausdrucksvolles Gesicht und färbte es blutrot. Dabei fühlte sie, daß sie in ihrer Gemütserregung beobachtet wurde. Der Fremde hatte inzwischen ihr schräg gegenüber Platz genommen und blickte über sein Zeitungsblatt angelegentlich zu ihr hinüber. Wieder sah sie das belustigte Lächeln um seine bartlosen, energisch geschnittenen Lippen spielen, aus den schwarzen Augen blitzen. Das vermehrte ihren Ärger noch.

Als sie sich erhob, da der Potsdamer Platz erreicht war, von wo aus sie die Ringbahn benutzen mußte, grüßte er wiederum. Geflissentlich übersah sie seinen Gruß. Und ärgerte sich gleich darauf aufs neue, daß er die deutschen Mädchen für Bauernliesen halten könnte.

In dieser angenehmen Stimmung kam Ursel von ihrer ersten Gesangstunde heim.

Dort war Frau Annemarie frohgemut beim ersten Spargelstechen, während der Professor, gemütlich seine Feierabendzigarre rauchend, in den Gartenwegen auf und nieder schritt und jede Stange begutachtete.

»Schau nur, Ursel, wie Glas ist der Spargel heuer. Der soll heute abend mal munden, gelt?« rief er der Tochter entgegen. »Ja, was unser Mutterle pflanzt, das gedeiht.« Die ganze innige Liebe für seine Frau kam in diesen Worten des Professors zum Ausbruch.

»Ach, schon Spargel«, sagte Ursel. Ihre Stimme klang nicht so hell und klar wie sonst. »Tag, Vaterle, Tag, Muzi.« Sie wollte möglichst schnell ins Haus.

Aber der Vater hielt sie zurück. »Na, wie war's denn, Ursele? Was war denn nun heut schöner, die Gesangstunde oder die Bank?«

»Die Bank doch natürlich.« Es war kein freies von Herzen kommendes Lachen, das Ursels Worte begleitete. War es nicht in der Bank wirklich noch besser gewesen als in der Gesangstunde? Wenigstens hatte sich dort nur Herr Müller geärgert und nicht sie.

»Also, was hat die Gerstinger zu ihrer neuesten Konkurrenz gemeint?« stimmte die Mutter in den munteren Ton des Vaters ein.

Da war sie, die Frage, vor der Ursel gebangt.

»Och,« machte sie so obenhin, »das kann man doch natürlich in der ersten Stunde noch gar nicht beurteilen, Muzichen. Vorläufig hat sie mich nur Töne singen lassen und mich dabei auf den Bauch gedrückt wie eine Gummiquietschpuppe. Da soll nämlich irgendwo das Zwerchfell sitzen, Vater, weißt du. Und man muß fühlen, wie sich das dehnt.«

»Also anatomische Vorstudien«, schmunzelte der Vater. »Nun immerzu, wenn es dir Freude macht. Nur bitt ich mir aus, daß du deine Pflichten in der Bank darüber nicht vernachlässigst. Verstanden, du Schlingel?«

»Au, du tust mir ja weh!« Ursel machte sich aus des Vaters Hand, die sie am Ohrläppchen zog, unmutig los. Sie vergaß, Cäsar, der sie freudig umkreiste, den ihm zukommenden Willkommensklaps zu verabfolgen. So schnell es anging, entschlüpfte sie ins Haus.

»Allzu begeistert scheint mir die Ursel nicht von ihrer ersten Gesangstunde zu sein, Rudi.« Frau Annemarie blickte ihrem Nesthäkchen, dessen zorngerötetes Gesicht sie noch aus dessen Kinderzeit her genau kannte, sinnend nach.

»Desto besser, Weible. Dann war es das Klügste, was wir tun konnten, ihr die Gesangstunde zu gestatten. Abschreckungstheorie nennt man das.« Er lachte herzlich.

Frau Annemarie lachte nicht. Ihr tat ihr Nesthäkchen, das mit so hochgespannten Erwartungen zur ersten Stunde gegangen, leid.

Ursel erschien erst, als der Spargel bereits auf dem Tische stand. Ihr Gesicht war noch immer stark gerötet.

»Meinen untertänigsten Gruß, hochedle Primadonna.« Hans machte ihr eine tiefe Verbeugung.

Da hatte er bereits einen Katzenkopf weg.

»Alter Grobian!« Er rieb sich seinen blonden Schädel, unterließ aber um des lieben Friedens Willen einen Gegenangriff.

»Darf ich mich ganz ergebenst danach erkundigen, in welcher Rolle die Gnädigste heute aufgetreten sind?« Die Schwester weiter zu foppen, das konnte er doch nicht unterlassen.

Ursel, die sonst heiter auf seine Späße einzugehen pflegte, schien heute schlechter Laune. »Wenn du mich nicht in Ruhe läßt, du dummer Bengel, geh' ich auf mein Zimmer.«

»Puh – fürchterliche Drohung! Dann kriege ich mehr Spargel«, meinte Hans mit hungrigen Augen.

»Also, jetzt gebt Ruh, Kinderle, und verderbt uns die gute Mahlzeit nicht«, machte der Vater der Katzbalgerei ein Ende.

Trotzdem Ursel die erste große Enttäuschung niederzukämpfen hatte, ihre Neugier auf Großmamas neue Pensionäre ließ ihr keine Ruhe. Hans war bereits dort gewesen und stattete in seiner pomadigen Art nur ungenügenden Bericht ab.

»Sie haben alle beide die Nase mitten im Gesicht, wenn sie auch aus Brasilien sind«, äußerte er sich auf Ursels Fragen.

»Na und weiter? Wie sehen sie denn aus?«

»Bißchen duster – aber Neger sind es keineswegs. Nicht mal Halbblut, sie sind rein portugiesischer Abstammung. Ihr Ururgroßvater hat das Land mit erobern helfen und die europäische Kolonie dort gegründet.«

»Ach, was geht mich denn ihr Ururgroßvater an! Ich möchte wissen, ob sie hübsch und nett sind, ob sie deutsch verstehen und –«

»Gehe doch selber hin und gucke dir sie an. Hanne nimmt kein Entree für ihre ›Schwarzen‹«, ließ der Bruder sie unhöflich abfallen.

»Tue ich auch. Gleich morgen. Dir muß man ja doch bloß die Würmer aus der Nase ziehen.«

»Viel Vergnügen dazu!« Hans ließ es zweifelhaft, ob das Vergnügen auf den beabsichtigten Besuch oder auf seine Nase Bezug haben sollte.

Merkwürdig still wurde es darauf bei Tisch. Das kam daher, daß Ursel in ihrer Lebhaftigkeit sonst meist die Kosten der Unterhaltung bestritt. Heute aß sie ziemlich einsilbig ihren Spargel und antwortete nur auf direkte Anrede. Gleich nach Tisch wollte sie auf ihr Zimmer entschlüpfen, Kopfschmerzen vorschützend.

»Ach was, wie ich ein junges Mädel war, kannte ich Kopfschmerzen nimmer«, lachte der Vater sie aus. »Geh lieber noch ein bissel 'naus in die Luft, das ist halt gescheiter.«

»Ja, komm, Urselchen, ich habe heute den ganzen Tag noch nichts von dir gehabt.« Liebevoll ergriff die Mutter Ursels Arm. Da gab's keine Gegenrede.

Stumm schritten Mutter und Tochter den Gartensteg auf und nieder. Arm in Arm. Betäubend duftete Flieder und Holunder. Frau Annemarie schwieg. Sie wartete.

Aber Ursel fand den Weg noch nicht.

»Also, mein Herzchen, wo ist dir denn die Petersilie verhagelt?« kam ihr die Mutter entgegen.

»Wieso?« versuchte Ursel möglichst unbefangen eine Gegenrede.

»Nun, das sieht doch ein Blinder ohne Laterne, daß heute nicht alles so gewesen ist, wie du es dir vorgestellt hast. Wenn du nicht davon reden magst, will ich nicht in dich dringen, Kind. Aber leichter würde es dir schon ums Herz werden, wenn du dich aussprichst.«

Wieder eine lange, schwüle Pause. Man hörte die Grillen im Grase zirpen. Ursel kämpfte mit ihrem Stolz. Und dann legte sie mit einem Male los. Wie ein Sturzbach ergoß es sich von ihren Lippen.

»Ein Stimmchen soll ich haben, ein ganz nettes. Und unmusikalisch wär' ich auch nicht – solche Unverschämtheit! Denkt wohl, sie habe allein die Musik für sich gepachtet, die Gerstinger. Arien hat sie mich überhaupt nicht singen lassen. Ausgelacht hat sie mich, daß ich zur Oper will. Und wenn ich mich nicht schämte, ich ginge überhaupt nicht wieder hin zu dieser ollen Karline aus der Rumpelkammer.«

»Ruhig, Kind, ruhig, Ursel! Du weißt in deiner Empörung überhaupt nicht mehr, was du sprichst. Hast du wirklich im Ernst gedacht, Frau Gerstinger würde in Begeisterung über deine Stimme geraten? Wie kannst du ihr einen Vorwurf daraus machen, wenn du dir solch dummes Zeug vorstellst. Sie ist die Lehrerin und hat gewiß schon ganz andere Stimmen ausgebildet, als die deinige. Für sie sind alle unentwickelten, noch nicht geschulten Stimmen ›Stimmchen‹. Das ist durchaus keine Beleidigung für dich. Mein Fräulein Tochter ist eben allzusehr von sich eingenommen und verträgt eine ehrliche Kritik nicht. Gewöhne dir das beizeiten ab, Herzchen, sonst können die Enttäuschungen nicht ausbleiben. Besser, du nimmst heute eine aus deiner ersten Gesangstunde mit davon als später aus dem Leben. Das sage ich dir, deine beste Freundin.«

Ursel lehnte den Blondkopf an der Mutter Schulter. Ihre Empörung ebbte allmählich ab. »Na, meinetwegen, dann will ich es noch mal mit der Gesangstunde versuchen«, sagte sie schließlich, ruhiger geworden.

Wohl dem, dem bei der ersten Enttäuschung solch eine beste Freundin zur Seite ist.

7. Kapitel. Exotische Pensionäre.

In der stillvornehmen Straße in Charlottenburg, in welcher Doktor Brauns einstiges Nesthäkchen das Licht der Welt erblickt hatte, durch welche es seinen Puppenwagen geschoben und mit der Schulmappe einhergehopst war, hatte sich nichts verändert. Spurlos waren die vielen Jahre an derselben vorübergegangen. Kaum daß eins der ziemlich uniform gebauten Häuser ein rissigeres Steinantlitz bekommen. Da war noch derselbe Grünkramkeller, in den Doktor Brauns Nesthäkchen die Hanne mit ihrem Spankörbchen begleitet. Wenn auch jetzt eine andere dicke Grünkramfrau ihre Ware dort feilbot. Da war der Kaufmannsladen an der Ecke mit dem goldenen Zuckerhut und den fliegenumsurrten Bonbongläsern, in dem es so wundervoll nach Hering, Käse, Sauerkohl, Marmelade und Petroleum duftete. Es duftete heute noch genau so dort, wie vor Jahrzehnten. Blondköpfe peitschten wie einst ihren Triesel auf dem Asphalt des Straßendamms, wenn es auch nicht die Braunschen Sprößlinge mehr warm. Da war das Vorgärtchen mit den Mandelbäumchen – ei, die Mandelbäume waren entschieden im Laufe der Jahre gewachsen. Stattliche Kronen hatten sie aufgesetzt. Und der stolze Tulpenbaum, der sie überragte, war auch eine Errungenschaft der Neuzeit. Aber sonst alles noch ganz so wie dereinst. Alles. Die kunstvoll durchbrochene Steinbalustrade am Balkon, der pfeiferauchende Portier vor der Haustür, wenn er auch nicht mehr Kulicke, sondern Krüger hieß. Nur etwas war anders geworden an dem alten Haus in der Knesebeckstraße. Das weiße Emailleschild am Gitter des Vorgärtchens zeigte eine andere Inschrift. Da stand nicht mehr »Dr. med. Braun, Arzt. Sprechstunde 4-5 Uhr« zu lesen, sondern »Pension für In- und Ausländer, zwei Treppen rechts.« Der, dessen Namen das Schild einst gezeigt, hatte ein anderes Quartier bezogen.

Wieder sprang ein goldhaariges Mädel leichtfüßig die Treppen zur Braunschen Wohnung hinauf, wenn es auch nicht mehr die Annemarie Braun war, sondern schon deren Nesthäkchen. Was kümmert sich solch ein altes Haus um das Kommen und Gehen der Generationen.

Wieder läutete es temperamentvoll Sturm droben an der dunkelbraunen Eingangstür. Wieder hörte man Hannes gemütliches Schlurfen und ihre beruhigende Stimme: »Na sachteken – sachteken – man immer mit de Ruhe.«

Aber die Hanne selbst, ja, an der waren die Jahre doch nicht so spurlos vorübergegangen, trotzdem die Braunschen Jungen sie schon früher respektlos »altes Haus« genannt. Ein verhutzeltes Mütterchen mit krummgezogenem Rücken, ein weißes Häubchen auf dem fadenscheinig gewordenen Grauhaar, öffnete Ursel. Aber die Freude, die das alte Gesicht beim Anblick des jungen Besuches verklärte, war noch dieselbe wie früher, wenn Doktor Brauns Nesthäkchen heimgekommen.

»Unser Kind – unser Urselchen, das is aber mal schöneken! Hast dir ja so lange nich bei uns sehen lassen, Herzeken. Na ja – weiß schon, bist ja jetzt Tippmamsell oder sowas Ähnliches bei de Börse. Unten Krüjern ihre jeht auch ins Jeschäft. Jroßmamachen is auf 'n Momang runterjejangen, man bloß aufn Sprung, Besorjungen machen. Is ja auch keen Jüngling nich mehr, aber sie kann mit ihre Jebrüder Beeneken doch immer noch'n bisken besser fort, als unsereins. Je man inzwischen rein in de Eßstube, Kind. Ich will dir man bloß rasch 'ne Tasse Kakau machen. Hast doch jewiß Hunger, was?«

»Mächtigen sogar. Sagen Sie mal, Hanne, sind denn eure interessanten Brasilianer zu Hause?« Das war Ursel heute das Wichtigste.

»Ih, jewiß doch. Vorhin hab ich ihn erst noch auf seine Jeije rummurksen hören. Aber interessant – nee, Kindchen, die sind allens andere eher als dis. Die sind dir so schwer von Verstehste, daß einem de Puste dabei ausjehen kann. Und'n Jlas hat se auch schon zertöppert. Aber sonst sind se ja soweit janz manierlich, jar nich, als ob se von de Schwarzen abstammten. Denn das laß ich mich nu mal nich ausreden. Woher käm er denn sonst woll zu die kohlschwarzen Augen und sie zu das schwarze Kraushaar? Eijentlich wollte ich ja keene Schwarzen nie nich bei uns aufnehmen, aber die bezahlen doppelt so ville wie die Weißen. Und handeln und feilschen um reene jar nichts. Nu jeh man immer rein, Urselchen, ich komm jleich nach, und denn können wa uns jemietlich was erzählen.«

Hanne verschwand in den Gang, der zur Küche führte. Ursel betrat das Speisezimmer. Das war jetzt gemeinsames Wohn- und Eßzimmer der Braunschen Pensionäre geworden. Frau Doktor Braun hatte sich von ihrer Achtzimmerwohnung nur ihr Schlafzimmer und Annemaries ehemalige Kinderstube reserviert. Alles andere war vermietet. Die Brasilianer bewohnten drei Vorderzimmer mit Balkon. Das Erkerzimmer, in dem früher Dr. Braun praktizierte, hatte eine Amerikanerin schon seit einem Jahre inne. In dem letzten Zimmer hauste ein Schweizer Student.

Als Ursel die Tür zum Speisezimmer öffnete, vernahm sie abgerissene Geigentöne. Jemand stand am Klavier und stimmte sein Instrument. Das traf sich ja famos.

Der Geiger hatte ihren Eintritt überhört. Er wandte ihr den Rücken. Jetzt begann er zu spielen. Aha – ein Konzert von Paganini. Ursel erkannte es sofort. Donnerdoria – der konnte was. Famoser Strich. Und eine Weichheit des Tones – mochte wohl auch an dem vorzüglichen Instrument liegen. Ursel rührte sich nicht. Sie lauschte wie gebannt. Dazwischen quälte sie irgendeine störende Erinnerung – wo hatte sie diese schlanke und doch sehnige Gestalt mit dem tiefschwarzen Haar schon mal gesehen?

Oh, diese wundervolle Stelle – so seelenvoll gespielt, so ganz den Tönen hingegeben – – –

»Jotte doch, Urselchen, du stehst ja noch immer hier an de Türe!« Hanne erschien mit dem Kakao. Ehrfurcht vor der Musik war etwas, was Hanne ihr Lebtag nicht gekannt hatte. »Komm man janz ruhig näher, Kind, unser Schwarzer tut dir nischt. Soweit is er ja janz jutartig.« Klirrend setzte sie ihr Tablett auf den Tisch.

»Schscht, Hanne« – bedeutete ihr Ursel.

»Ach, der vasteht ja keen Deutsch nich, man bloß so'n komisches. So, nu trink man deinen Kakau, Herzeken, daß er nich erst kalt wird. 'Ne Butterschrippe hab' ich dich auch jeschmiert.«

Der in seiner musikalischen Andacht gestörte Geiger schloß mit einem improvisierten Akkord.

»Bravo!« sagte Ursel begeistert. Und temperamentvoll, wie sie nun mal war, begann sie zu klatschen.

Erstaunt wandte der Künstler den Kopf. Da – brach das Händeklatschen so jäh ab wie sein Spiel.

Die Berliner Speisezimmer, die das breite Fenster in einer eingebauten Ecke haben, pflegen niemals sehr hell zu sein. Augenblicklich webte bereits späte Nachmittagsdämmerung darin. Und doch – diese brennendschwarzen Augen, der kühngeschnittene, bartlose Mund – das war kein anderer als der Herr aus der Untergrundbahn.

Daß auch sie wieder erkannt worden war, zeigte ihr das Lachen des Fremden. Seine weißen Zähne blitzten vor Vergnügen.

»Ah, charmante – charmante!« rief er erfreut aus. Und dann seiner Kavalierpflicht eingedenk, machte er der jungen versteinerten Dame eine tiefe Verbeugung.

»Milton Tavares«, sagte er dabei, sich vorstellend.

Also das war Milton Tavares, Großmamas interessanter Brasilianer. Nein, war das komisch – zum Quieken komisch.

Die alte Hanne wußte, was sich gehört. Nicht umsonst war sie nun schon bald ein halbes Jahrhundert in einer gebildeten Familie. Sie zog Ursel zu dem Tisch heran und sagte dabei, ebenfalls vorstellend: »Unsere Enkelin – unser Schwarzer.«

»Aber Hanne«, fiel Ursel erschreckt ein.

»Vasteht er nich – soviel Jripps hat er noch nich«, beruhigte Hanne sie aufs neue.

»Engelin«, wiederholte Milton Tavares. Er schien in seinen deutschen Sprachkenntnissen doch schon so weit vorgeschritten, um das Wort von Engel abzuleiten, was ihm bei dem entzückenden Blondkopf durchaus am Platz erschien.

»Enkelin«, verbesserte Ursel belustigt. »Aber nicht etwa die von Hanne, sondern von meiner Großmama, Frau Doktor Braun«, setzte sie erklärend hinzu. Denn für Hannes Enkelin wollte sie denn doch nicht vor dem Brasilianer gelten.

»Jib dich man bloß erst jar keine Mühe nich, Herzeken. Wenn de denkst, er hat dir verstanden, denn biste schief jewickelt. Unsere Enkelin is das«, schrie sie dem Ausländer ins Ohr, soweit sie mit ihrer krummgezogenen Gestalt zu ihm heraufreichen konnte.

»Engelin,« wiederholte der strahlend, »oh, je comprends – je comprends.«

»Ach, laß doch den begriffsstutzigen Schwarzen, Urselchen. Komm, erzähl mich lieber, wie's bei euch in Lichterfelde jeht. Hat Mutti schon Stachelbeeren einjekocht?«

»Ich weiß nicht – ich glaube, nein, ich glaube nicht.« Ursel fand Hannes »Schwarzen« entschieden interessanter als ihre Stachelbeerunterhaltung.

»Ich jlaube – ich jlaube nich – Urselchen, du bist mich doch heut so vertattert. Am Ende bekommt dich das Tippmamsellige nich. Trink und iß man erst. Dis kommt jewiß vons Überhungern.« Hanne setzte sich neben Ursel nieder und schaute andächtig zu, wie sie die knusperige Butterschrippe mit ihren weißen Zähnen zermalmte.

Noch einer schaute diesem Schauspiel mit nicht geringerem Interesse zu. Milton Tavares hatte ihnen gegenüber Platz genommen und versuchte, so gut es ging, Konversation mit dem reizenden Blondkopf zu machen.

»Heit nicht weinen, heit lustik«, eröffnete er die Unterhaltung, auf Ursel weisend.

Nun war dieser die Erwähnung ihrer gestrigen Wuttränen nichts weniger als angenehm. Noch dazu vor Hanne. Sie runzelte die Stirn.

»Oh – oh –!« Milton Tavares wiegte bedauernd den Kopf. »Wieder sein furiosa – furiosa mit mich?« Hanne, als deutsche Sprachlehrerin schien mit ihrem nicht ganz einwandsfreien Deutsch schon Erfolge bei ihm erzielt zu haben. Er sah so drollig unglücklich bei seinen Worten aus, daß Ursel hell auflachen mußte.

»Ich bin nicht furiosa. Im Gegenteil, ich bin Ihnen dankbar für den Kunstgenuß, den Sie mir soeben bereitet haben.« Sie machte die Bewegung des Fiedelns, um ihm ihre Worte verständlich zu machen. »Sie spielen sehr schön, Herr Tavares.«

»Serr schön«, bestätigte er erfreut, daß er irgend etwas verstanden hatte, » Parlez-vous français, Mademoiselle

»Ja, un peu, nur ein bißchen, ich hatte in der Schule immer bloß genügend.« In diesem Augenblick bedauerte Ursel aufrichtig, daß sie, anstatt sich am französischen Unterricht zu beteiligen, oft Dummheiten in der Schule getrieben hatte. Nichtsdestoweniger übergoß der Brasilianer sie mit einem französischen Wortschwall, daß er glücklich sei, sie heute wieder zu sehen. Leider verstand Ursel davon nicht viel mehr, als Hanne.

Diese machte ein bärbeißiges Gesicht. War denn »das Kind« zu dem Schwarzen gekommen oder zu ihnen? Na also!

»Nu hören Se aber endlich uff mit det Jequassel, Herr Tavares. Lieber quieken Se noch'n bisken uff de Jeije rum. Unser Kind is zu mich jekommen, das heißt zu seine Frau Großmamachen, was janz dasselbigte is, und will sich mit mich unterhalten. Haben Sie mir verstanden?« brüllte sie ihm wieder in die Ohren.

Milton Tavares machte ein durchaus verständnisloses Gesicht.

»Fiedeln sollen Se un nich in einsweg brasilianisch quatschen. Det vasteht doch kein anständiger Mensch nich hier.« Hanne ergriff ihn resolut am Arm und führte ihn zum Klavier, wo er seine Geige niedergelegt hatte.

»Ah, soll ich spielen?« wandte er sich in französischer Sprache an Ursel.

Gott sei Dank, soviel reichte ihr Schulfranzösisch noch. Sie verstand ihn.

»Ja, bitte.« Sie nickte. Trotzdem Hannes unverfrorene Art sie höchlichst belustigte, hatte sie keine reine Freude daran. Man konnte doch nicht wissen, wieviel Herr Tavares davon begriff.

Er begann das Impromptu von Chopin meisterhaft zu spielen.

»So, Urselchen, den wären wa jlücklich los. Nu erzähl' mich mal, Kind, wie jefällt dich denn das eigentlich nu ins Jeschäft?« Hanne sprach laut und ungeniert in die zarteste Tonstimmung hinein.

Ursel legte den Finger auf den Mund. »Nachher, Hanne – hören Sie doch mal, wie wundervoll der Brasilianer spielt.«

»Kann ich jar nich finden. 'N scheener deutscher Walzer is mich lieber«, kritisierte sie. Nachdem sie noch einige Minuten vergeblich gewartet hatte, daß Ursel nun endlich erzählen sollte, setzte sie mit ärgerlichem Krach das Kakaoservice zusammen. »Denn kann ich mir ja woll dünne machen, wenn du anderweitig so jute Unterhaltung hast.« Und da Ursel keinen Einspruch erhob, denn sie war tatsächlich froh, ungestört dem prachtvollen Spiel lauschen zu können, warf sie die Tür ärgerlich hinter sich ins Schloß.

Na, sie würde schon wieder gut werden, die alte, ehrliche Seele.

Durch das dämmerige Zimmer schwebten die Töne und verbanden fremde Menschen verschiedener Art und verschiedener Zungen miteinander. In der Musik verstanden sie sich.

Milton Tavares hatte geendigt. Ursel vergaß diesmal das Klatschen. Sein Spiel hatte sie ergriffen.

»Liebt Sie das musique?« fragte er.

»Oh – es ist für mich das Schönste – Musik ist für mich alles.« Wenn er auch vielleicht nicht jedes der Worte auffaßte, die Begeisterung, die aus Ursels Zügen sprach, die verstand er.

»Spielt Sie vous-même?« erkundigte er sich, dazu die Bewegung des Klavierspielens machend.

»Ja, ein wenig – un peu

»Oh, wir spielen ensemble, biete serr.« Lebhaft ergriff er sie bei der Hand und zog sie zum Instrument.

Wieder schlugen die Wogen französischer Sprachgewandtheit über die arme Ursel zusammen. Er fragte sie, was sie zu spielen wünsche.

»Sprechen Sie deutsch, Sie sind doch kein Franzose«, rief Ursel ärgerlich, daß sie sich so unwissend anstellte.

»Nicht Français – Portugiese«, sagte er stolz.

»Na ja, wenn Sie ein Portugiese sind, dann reden Sie deutsch.« Diese Logik war zwar etwas merkwürdig, aber Milton Tavares ging nicht weiter darauf ein.

Er legte verschiedene Notenbände vor sie hin. »Der oder dies oder das?« fragte er, indem er sich Mühe gab, deutsch zu sprechen.

»Dies – das Violinkonzert von Beethoven.« Die junge Dame schlug die Noten auf und die ersten Töne an.

Ursel Hartenstein war eine gute Klavierspielerin. Sie hatte eine staunenswerte Technik, tiefmusikalische Empfindung und viel Temperament. Im Ensemblespiel hatte sie allerdings wenig Übung. Trotzdem fühlte sie sich von den Klängen der Geige mitgerissen, getragen. Sie wuchs über sich selbst hinaus in diesem Beethovenkonzert.

Keiner von beiden vernahm das Knarren der Tür. Sie waren beide versunken in der Welt der Töne.

»Na, nu heert sich aber allens auf. Nu macht er unser Urselchen auch noch mit seiner Musike varrickt. Ursel – Kind – Jroßmamachen is eben jekommen. Ich denke, du wolltest ihr besuchen.« Hanne war empört, daß der »Schwarze« Ursel ganz und gar mit Beschlag belegte.

Ursel vernahm Hannes polternde Stimme nur so, wie man im Walde beim Jubilieren der Vögel das Knarren eines Astes empfindet. Man beachtet es kaum. Auch Großmamas sanfte Stimme verklang. Sie spielten ... spielten ... Endlich ließ Ursel die Finger von den Tasten gleiten. Ihr Partner zog den letzten Bogenstrich. Still, noch ganz im Bann des Gespielten, schaute sie vor sich hin. Sie ahnte die Zuhörer nicht.

»Das war herrlich!« kam die Stimme der Großmama von weit her zu Ursel.

»Oh, merci bien – dank vielmal – ich nie spielen mit mehr guter Pianist, marovilhosa – wundervoll!« Milton Tavares ergriff mit dem Feuer seiner Nationalität beide Hände Ursels.

Da flammte das elektrische Licht auf – der Bann, der Ursel umfangen, zerriß.

»Na, in 'n Stockdustern brauchen wa auch nich zu sitzen«, ließ sich Hanne knurrig vernehmen, während Ursel die Großmama begrüßte. Da erst sah sie, daß sich noch mehr Zuhörer eingefunden.

Ein kleines, schmalschultriges Ding von eidechsenhafter Schlankheit. Der zierliche Kopf schien die schwere Pracht des blauschwarzen Haares kaum tragen zu können. Samtdunkle Augen strahlten Ursel entgegen. Das war Margarida Tavares.

» Oh marovilhosa – magnifique!« Ohne erst die Vorstellung abzuwarten, ergriff die kleine Brasilianerin Ursels Hand.

» Ma sœur – mein Schwester«, verbesserte sich der junge Geigenkünstler schnell, eingedenk Ursels Wunsch, daß er deutsch sprechen sollte.

»Gefällt es Ihnen bei uns in Deutschland?« begann Ursel die Unterhaltung. Trotzdem sie selbst nur mittelgroß war, kam sie sich diesem kleinen zerbrechlichen Nippfigürchen gegenüber wie eine Riesin vor.

» Oh, je ne comprends pas.« Fragend blickte das junge Mädchen den Bruder an. Der schien doch noch mehr deutsche Sprachkenntnisse zu besitzen als sie. Er übersetzte ihr Ursels Frage ins Portugiesische und spielte den Dolmetscher.

»Serr gutt.«

» Très bien – serr gutt –« wiederholte auch die Schwester und ließ sogleich einen unverständlichen portugiesischen Redeschwall folgen.

»Mein Schwester liebt zu haben leçon de musique bei Sie«, dolmetschte Milton Tavares aufs neue und wies dabei auf Ursel.

»Was – Musikstunde will sie bei mir nehmen? Ich lerne ja selbst noch.« Ursel kam die Sache so komisch vor, daß sie hell auflachte. Die Brasilianerin stimmte höflich, ohne zu wissen, warum, mit ein. Es klang wie ein feines silbernes Glöckchen.

»Oh, Sie sein maître – Meister. Sie spielen admirable. Mein Schwester wird sein heureuse, zu haben leçon bei Sie«, drang der Brasilianer in sie. »Und ich werde sein heureux aussi, zu spielen ensemble mit Sie.« Seine dunklen Augen baten noch mehr, als sein unberedter Mund.

Regelmäßiges Ensemblespiel mit diesem jungen Violinkünstler – ja, das wäre schön. Wundervoll wäre das. Und auch dem reizenden jungen Mädchen Unterricht zu geben, würde ihr Freude machen. Aber durfte sie sich das denn überhaupt zutrauen? War es nicht eine Überhebung von ihr, eine Anmaßung, darauf einzugehen?

»Omamachen, was meinst du?« Ursel wandte sich an die, welche immer noch Rat gewußt hatte, wenn eins der Enkelkinder mal in Bedrängnis gewesen.

»Ja, Urselchen, was soll ich dazu sagen? Wenn du Lust hast, und wenn es sich mit deinen Berufsstunden vereinigen läßt, kannst du es ja mal versuchen. Für mich wäre es eine große Freude, dich dadurch öfters hier zu haben. Ein bißchen egoistisch darf doch solche alte Omama sein, nicht wahr?«

Ursel streichelte zärtlich das liebe, alte Gesicht. »Einmal in der Woche könnte ich es einrichten. Vielleicht Donnerstag nach Schluß der Bank. Würde es Ihnen am Donnerstag recht sein, Herr Tavares?« wandte sie sich an den Brasilianer, der mit bittend fragenden Augen versucht hatte, der Verhandlung, von der er nur Bruchteile erhaschte, zu folgen.

»Ich nicht haben versteht.« Er sah fragend von Frau Doktor Braun zu ihrer Enkelin.

» Je veux donner des leçons de musique à votre sœur.« Jetzt nahm Ursel selbst ihre Zuflucht zur französischen Verständigung.

»Na, nu fängt die ooch noch an, brasilianisch zu quatschen, was unser Urselchen is«, legte da aber die alte Hanne los. »Wat zuville is, is zuville. Nich jenug, daß die beiden Schwarzen einen den Kopp duselig reden. Und mit de Musike, da bin ich jar nich vor, Urselchen. Das überleg dir jefällig noch mal mit deine Herrn Eltern. Du bist Tippfräulein und keene Klaviermamsell nich. Wenn dies auch eijentlich im Jrunde beinah dasselbigte is. Aber mit die Schwarzen fang nichts an, Kind. Da kommt nichts Jutes von raus. Det sag ich dir! Wenn sie auch sonst nich knickerig sind.«

Der Warnungsruf der treuen Hanne hatte auf Ursel gerade die entgegengesetzte Wirkung. Die junge Dame warf eigenwillig das blonde Köpfchen zurück und ihr Schwanken war im Augenblick entschieden. Sie reichte Margarida Tavares die Hand.

» Je veux venir jeudi de six à sept heures à la leçon de musique.« Ihr Französisch hörte sich ungefähr so an, als wenn jemand Holz hackte.

»Oh, je suis enchantée!« Ursel bedauerte lebhaft, daß sie sich auf das französische Glatteis gewagt hatte. Denn die junge Dame überschüttete sie mit ihren begeisterten Dankesbezeigungen.

»In der Musikstunde wird aber deutsch gesprochen«, unterbrach Ursel das ihr ziemlich unbehagliche Französisch.

»Oh, serr gutt, wir nehmen aussi leçon deutsch bei Sie. Wir werden sein Schüler serr brav.« Milton Tavares machte dazu ein so niedliches Kleinjungengesicht, daß Ursel ihn reizend fand.

»Ich aber werde eine sehr strenge Lehrerin sein.« Im Nu hatte Ursel Großmamas große Hornbrille auf der Nase und legte das Gesicht in würdige Falten.

Jetzt lachten die andern. Nur Hanne knurrte: »Die reinen Jören – und von's Berappen reden se ieberhaupt nich. Das is Nebensache.«

Die Brasilianer schienen sich in der übermütigen, jugendlichen Gesellschaft recht wohl zu fühlen. Sie dachten nicht daran, ihre Zimmer aufzusuchen. Trotzdem die Großmama ihr Urselchen recht gern noch ein wenig für sich genossen hätte, tat es ihr leid, dem munteren Beieinander der Jugend ein Ende zu machen. Die jungen Menschen unterhielten sich, so gut es ging, und wenn es nicht ging, was öfters mal der Fall war, wurde die mangelnde Verständigung durch Lachen ersetzt. Ursel war mal wieder ganz in ihrem Element. Die brasilianischen Geschwister schienen von ihr begeistert. Das empfand die kleine Eitelkeit, und es erhöhte ihre strahlende Heiterkeit.

Hanne war weniger zartfühlend als Frau Doktor Braun. »Urselchen, Kind, bleibste zu's Abendbrot da?« erkundigte sie sich.

Eigentlich hatte Ursel die größte Lust dazu. Aber nein, es würde nicht gehen. Sie war heute den ganzen Tag von Hause fortgewesen. Die Eltern wollten schließlich doch auch noch etwas von ihrer Tochter haben.

»Na, denn könntest du dir aber auch 'n bißchen mehr um deine Frau Omama kümmern, und dir nich bloß in einsweg mit die brasilianischen Schwarzen abjeben«, begann Hanne ihrem Ingrimm Luft zu machen.

Das war Wasser auf Ursels Mühle. So erreichte man nichts bei dem Heißsporn. »Ich weiß allein, was ich zu tun habe, Hanne«, sagte sie hochmütig abweisend. Trotzdem fühlte sie, daß Hanne im Grunde recht hatte, daß sie sich wirklich mehr der Großmama, der ihr Besuch doch in erster Linie galt, hätte widmen müssen. Den Fremden gegenüber war ihr Hannes Abkanzlung doppelt unangenehm. Wenn sie hoffentlich auch nicht alles verstanden hatten, daß der Ton eine Zurechtweisung in sich barg, hörte man doch heraus.

Milton Tavares meinte bedauernd: »Oh, Madame Hanne, ist Sie zornig?« denn die Alte machte unter ihrem weißen Häubchen ein so bärbeißiges Gesicht wie ein Wachtmeister.

Da aber tat der Ursel ihre hochmütige Aufwallung so schnell, wie dieselbe gekommen, auch schon wieder leid. Da hatte sie die Hanne beim Wickel und gab ihr, unbekümmert um das Publikum, einen herzhaften Kuß.

»Nicht verknurrt sein, Hanne, ich bin doch nun mal solch ein greuliches Ding und sprudele alles heraus, was mir gerade über die Leber läuft. Deshalb haben wir uns ja doch lieb, nicht wahr?«

Das runzlige Gesicht der alten Hanne verklärte sich. Ihre harten Hände streichelten das weiche Gesicht des jungen Mädchens.

»Ih, deshalb keine Feindschaft nich, Kindchen. Aber denk dran, die alte Hanne meint's jut mit dir. Jewöhne dir deinen Hitzkopp ab, sonst kommt das Leben und jibt dir 'n kalten Wasserstrahl drauf.«

»Hanne ist unter die Philosophen gegangen«, lachte die unverbesserliche Ursel sie schon wieder aus.

Frau Doktor Braun drohte lächelnd: »Dein Glück, Urselchen, daß du abgebeten hast. Hanne ist mehr Respektsperson als ich. Wenn du dich gegen meine alte treue Hanne ungebührlich benimmst, das nehme ich dir mehr übel, als wenn es mir selbst gilt.«

»Ach, Omamachen, dir gegenüber habe ich auch ein schlechtes Gewissen. Hanne hatte ganz recht. Ich habe mich noch gar nicht danach erkundigt, wie es dir geht, ob du am Sonntag gut heimgekommen bist. Das habe ich alles über deine netten Brasilianer verschwitzt.« Ursel sah Frau Doktor Braun mit solch einem drolligen Armsündergesicht an, daß man nicht erst die Großmama zu sein brauchte, um dem liebenswürdigen Kobold nicht böse sein zu können.

Die brasilianischen Geschwister hatten verwunderte Gesichter gemacht, als das deutsche Mädchen der alten Dienerin so stürmisch an den Hals flog und sie küßte.

Die Schwester sprach ihr Erstaunen dem Bruder gegenüber in ihrer Heimatssprache aus, worauf dieser, nachdem Hanne das Zimmer verlassen hatte, meinte: »Oh, tut man hier in die Deutschland, daß Herr und Diener sich küssen?«

Hellauf lachte Ursel. »Nein, bei uns in Deutschland ›küssen‹ sich Herr und Diener für gewöhnlich auch nicht. Aber erstens bin ich kein Herr, und zweitens ist Hanne kein Diener. Nicht mal eine Dienerin. Sondern unsere gute treue Hausgenossin, die schon meine Mutter als Kind auf den Armen getragen hat.«

»Bei uns in S. Paulo Diener ist Neger oder Mulatte. Herr ist Herr – Diener ist Diener«, sagte Milton Tavares mit dem Stolz seiner Rasse.

»Finde ich gar nicht schön«, kritisierte Ursel ungeniert.

»Oh, Brasilien schön – serr schön. Bahia, das ist Hafen von S. Paulo, schönstes Hafen von Welt. Und Mulatte-Diener auch gutt, serr gutt.«

»Vor Mulatten und Negern als Köchin und Stubenmädchen würde ich mich totgraulen – hu!« machte Ursel.

»Hu?« wiederholte Milton Tavares. »Graulen, was ist?«

»Fürchten – craindre – – –«

»Oh, man muß nicht fürchten, Mulatte ist gutt«, verteidigte der Brasilianer seine Heimat. Er wiederholte der Schwester portugiesisch das Gespräch, worauf diese in französischer Sprache die junge Deutsche von den Reizen und Vorzügen ihres Vaterlandes zu überzeugen versuchte. Ursel verstand nicht viel mehr davon, als die junge Brasilianerin vorher von ihrem Deutsch. Aber das verstand sie, als mit einemmal Tränen aus den dunklen Samtaugen tropften – Margarida Tavares hatte Heimweh.

Mitleidig schlang Ursel den Arm um das fremde Mädchen, das in ihrem Alter sein mochte. »Es wird Ihnen schon bei uns in Deutschland gefallen, sobald Sie nur erst die Sprache verstehen«, sagte sie tröstend und streichelte die nasse Wange.

» Vous êtes charmante.« Ehe Ursel wußte, wie ihr geschah, hatte die impulsive Brasilianerin sie auf beide Wangen geküßt.

Mußte auch gerade die Hanne in diesem ungeeigneten Moment wieder hereinkommen. Natürlich machte die wieder ihre Bemerkungen: »Na, det jeht ja mit Extrapost, die Freundschaft. Aber Schwarze sind falsch, Urselchen. Die tun bloß so freundlich ins Jesicht. Laß dir warnen, Kind.«

»Ach, Hanne, reden Sie doch bloß keinen Unsinn. Brasilianer sind doch im Leben keine Schwarzen.« Da hatte die Ursel, trotzdem sie eben erst die alte Hanne versöhnt hatte, schon wieder einen ungehörigen Ton angeschlagen. Aber wenn die Hanne auch so dummes Zeug redete – man schämte sich ja ordentlich vor Milton Tavares – na ja.

Ursel stülpte ihren Hut auf das Blondhaar. Sie mochte Hannes beschränkte Äußerungen nicht mehr mit anhören. Auch war es jetzt die höchste Zeit für sie zu gehen. Sonst kam sie daheim zu spät zum Abendbrot, und dann wurde Vater ungnädig. Sie verabschiedete sich zärtlich von der Großmama. »Donnerstag komme ich wieder zur Stunde, Omamachen. Jetzt hast du öfters das Vergnügen, mich zu sehen.«

»Die Häufigkeit muß mich dann wohl für die Intensivität deines Besuches entschädigen, Herzchen«, meinte die alte Dame mit seinem Lächeln.

»Weil ich mich heute so wenig mit dir unterhalten habe, Omama?« Ganz bestürzt blickte Ursel drein.

»Nein, nein, mein Liebling, ich machte nur Scherz. Sei vergnügt mit den jungen Menschen. Deiner alten Omama genügt es, wenn sie dich nur sieht. Das ist ihr schon Freude genug. Und der kleinen Marga gönne ich es, daß sie in dir eine Altersgenossin findet. Das arme Mädchen ist ganz vereinsamt hier.«

»Du mußt sie am Sonntag zu uns mit herausbringen. Sie und auch den Bruder«, bat Ursel lebhaft. »Ja, wollen Sie kommen?« Sie reichte Milton Tavares die Hand zum Abschied.

»Ich werde kommen – ich werde gehen mit bis Bahn.« Kavaliermäßig wollte er ihr das Geleit geben.

»Nein, ich meine, ob Sie und Ihre Schwester uns in Lichterfelde besuchen wollen – visiter«, setzte sie noch hinzu, damit er sie auch ganz bestimmt nicht mißverstand.

Der Brasilianer strahlte über das ganze Gesicht. »Ah, venir voir, merci – merci millefois. Wir werden gehen serr gern bei Sie, Donna Ursel.«

Er ließ sich nicht davon zurückhalten, Ursel bis zur Bahn zu begleiten. Auch die Schwester schloß sich an und schob zutraulich ihren Arm in den Ursels.

Hanne sah ihnen mit einem wahren Bulldoggengesicht nach. Das lief nicht gut ab, wer sich mit den Schwarzen einließ, das war fast so, als ob es geradeswegs in die Hölle ginge.

Auch die Straße, die schon Doktor Brauns Nesthäkchen gekannt, machte ein höchst verwundertes Gesicht, als dessen blondes Töchterlein zwischen den exotischen Fremden, deutsch und französisch munter durcheinander schwatzend, daherspaziert kam. Was hatte das zu bedeuten?

8. Kapitel. An der Waterkant.

Vor dem grauen, von wilden Rosen umkletterten Herrenhaus zu Lüttgenheide ging es recht lebhaft zu. Laute Jungenstimmen mischten sich mit Hammerschlag, übertönten den Schwalbensang am altersgrauen Schloßturm. Kräftige Schlingel, wie die Orgelpfeifen anzusehen, schmückten das Hausportal, das die Inschrift »Ilsenheim« trug, mit hellgrünen Maien. Einer stand oben auf der Leiter und befestigte die maigrünen Birken, die ihm sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Werner zureichte. Günther, ein siebenjähriger Flachskopf mit den lustigen Braunaugen seines Vaters, mühte sich vergeblich, die Birkenbäumchen, die größer waren als er selbst, von dem Handwagen, mit dem die Buben sie eigenhändig aus dem Walde geholt hatten, abzuladen. Und das Kakelnest, Klein-Horst, ein dralles Bübchen von noch nicht einem Jahr, kugelte sich, selig an seinem großen Zeh lutschend, daneben auf den sonnenbeschienenen Rasen. Es hatte Schuh und Strümpfchen, Jäckchen und Röckchen energisch abgestreift und strampelte nun, nur von seinem Hemdchen und dem goldenen Strahlengespinst gewärmt, helljauchzend in der Nachmittagssonne. Aber die Lüttgenheider Buben waren abgehärtet und wetterfest. Eine Erkältung kannte man nicht an der Waterkant bei dem stämmigen blonden Geschlecht.

Es war dem Gutsherrn, der aus dem Wirtschaftshof quer über den Gartenplatz auf das Haus zuschritt, nicht zu verdenken, daß er mit stolzfreudigen Augen sein Quartett betrachtete.

Hop – da saß Horst, das Kleinchen auch schon auf Vaters Schulter und bearbeitete mit seinen winzigen Fäusten respektlos das blonde Kraushaar des Vaters, in das sich noch kein graues Haar verirrt.

»Jungs, habt ihr mir auch nicht meine Birkenschonung geplündert?« fragte er, auf die Pfingstmaien weisend.

»Nee, Vating, man bloß ein paar vom Waldrand, der schon zu Grotgenheide gehört«, beruhigte ihn sein Ältester.

»Slingel!« Klaus Braun packte seinen Sprößling, der gerade von der Leiter herabgerutscht war, am Ohr. »Stibitzt dem Onkel Peter seine Birken weg und entschuldigt sich dann noch, sie wären man bloß aus Grotgenheide. Du hast ja einen hoffnungsvollen Sohn«, wandte er sich lachend an seine Frau, die aus dem Souterrain, in dem die Wirtschaftsräume lagen, auftauchte.

»Lehne jede Verantwortung ab«, gab diese lustig zurück. »Nur für mein Lüttes fühle ich mich verantwortlich. Sobald sie erst selbständig herumlaufen und unnütz werden, kommen sie auf dein Konto, Klaus.«

»Merkwürdige Vererbungstheorie, die du da aufstellst, Ilse. Aber Logik ist ja ein Feld, das bei euch Frauen wie Brachacker zu behandeln ist«, neckte der Landwirt. »Jung, gib Ruh. Die Mutter nimmt dich gleich. Da hast du den Strick.«

Das Bübchen war nicht mehr zu halten. Mit seinen sämtlichen Gliedmaßen angelte es von Vaters Schultern herab zur Mutter hin.

»Ja doch, ich nehm dich ja gleich, mein Lüttes. Klaus, setz mir den Jung man bloß nicht auf den Pfingstkuchen, laß mich doch erst abstellen. Ich bring euch eine Kostprobe zur Vesper herauf.«

Die Jungen umdrängten die Kuchenschüssel. Sie war als Kostprobe recht umfangreich, auf hungrige Jungenmagen berechnet. Der Kleinste griff als erster hinein und biß mit den paar Mausezähnchen, über die er vorläufig nur zu verfügen hatte, unternehmungslustig in das große Stück.

»Nun sieh dir diesen Frechdachs an, Klaus. Und seine ganze Kledasche wächst mal wieder unten auf der Wiese. Werner, bring mir mal die Sachen vom Kleinen.« Sie ließ das jauchzende Kind auf ihrem Arm tanzen.

Frau Ilse war das Landleben gut bekommen. Sie war eine kräftige, ja, sogar etwas rundliche Gutsherrin geworden.

»Mutting, du blühst ja wie eine Pfingstpäonie, freilich schon eine etwas stark erblühte.« Klaus Braun konnte es noch immer nicht lassen, seine Ilse zu foppen und aufzuziehen.

»Dein Glück, daß du nicht verblühte gesagt hast, du ungalanter Mann. Sonst hätte ich dir den Brotkorb, beziehungsweise die Kuchenschüssel höher gehängt«, drohte Frau Ilse.

»Dann geb' ich Vating meinen Kuchen.« Werner war Vaters Liebling. Er war der Ilse aus dem Gesicht geschnitten. Sogar ihre etwas vorstehenden Zähne verleugnete er nicht.

Die Ehe zu Lüttgenheide war die lustigste, die man an der Waterkant kannte. Klaus Braun stellte, trotz seiner Gutsherrenwürde, noch heute mit seinen vier Jungen das Haus auf den Kopf. Ihren größten »Slingel«, nannte ihn Ilse unter vier Augen. Ein höchst vergnügliches, arbeitsfreudiges Zusammenleben war es auf Lüttgenheide, was aber nicht hinderte, daß auch ab und zu mal ein luftreinigendes Donnerwetter dazwischen schlug.

Der jüngste Sprößling war wieder bestrumpft und behost; die Vespermahlzeit auf dem runden Tisch unter dem lenzgrünen Nußbaum hergerichtet, wobei Peter, der Älteste, der Mutter zur Hand ging. »Meine Haustochter«, pflegte Ilse scherzhaft zu sagen.

»Fix, Mutting – mach man fixing, der Zug wird bald kommen«, drängte Günther.

»Ihr habt noch eine volle Stunde Zeit, Kinder«, beruhigte die Mutter.

Klaus Braun hatte seine kurze Pfeife in Brand gesetzt – denn eine Pip Toback, das gehörte nun mal zur Waterkant. Die Vesperstunde, das war seine schönste Stunde am Tage. Da hatte er sowohl als »Minister des Äußeren« seine Tagesarbeit erledigt, wie auch seine Ilse, der »Minister des Innern«, ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten absolviert. Da saß sie strümpfestopfend oder hosenflickend, singend, mit den Kindern scherzend, beschaulich neben ihm. Da waren die beiden Großen aus dem nicht allzu entfernten Greifswald, wo sie das Gymnasium besuchten, wieder per Rad daheim. Da hatte Günther, der Abcschütze, der von der Mutter unterrichtet wurde – »denn etwas muß ich doch davon haben, daß ich einen weiblichen Oberlehrer geheiratet habe,« sagte Klaus – ja, der Günther hatte sein Einmaleins, seine Krakelfüße und die dazugehörigen mütterlichen Ohrfeigen längst vergessen. Da kroch Klein-Hansi, das Spielzeug der Großen, mit Hunden, Katzen, Gänsen, Enten und Hühnern in traulicher Gemeinschaft im Sande herum. Das war so recht die Stunde, wo sich ihm sein häusliches Glück offenbarte.

Auch heute ließ der Gutsherr in zufriedenem Behagen den Blick in die Runde schweifen. Lüttgenheide hatte sich in den etwa fünfzehn Jahren, seitdem er es übernommen, gut herausgemausert; den Ertrag der Äcker hatte emsige, unermüdliche Arbeit beinahe verdoppelt. Die Waldungen waren frisch aufgeforstet worden. Neue Stallungen und Scheunen waren emporgewachsen. Unter Ilses fleißiger Hand, unter ihrer verständigen Aufsicht gedieh Obst- und Gemüsezucht. Die Kälberkinderstube hatte sie ebenso am Bändel wie die eigene. Seine vier Jungen! Das war doch das Beste an dem ganzen Besitztum. Er hatte keine Enttäuschung empfunden, so oft statt des erwarteten Mädels wieder solch ein Prachtkerl seinen Einzug auf Lüttgenheide gehalten. Im Gegenteil, er hatte seiner Frau versichert, daß sie überhaupt die geborene Jungenmutter sei, und daß er sie sich gar nicht wie Marlene Frenssen drüben auf Grotgenheide, als Mutter von drei Grazien vorstellen könnte. Ja, die Ilse! In ihr verkörperte sich sein Glück. Sie gab ihm Freude zur Arbeit, sie machte ihm sein Heim zum Mittelpunkt der Welt. Sie teilte mit ihm Sorgen, die im Landmannsstand nicht ausbleiben. Sie stand ihm als treuer Kamerad zur Seite, was immer auch kam.

Die kunstgerecht einen Flicken in den Hosenboden Peters einsetzende Ilse mußte wohl, obgleich sie nicht aufschaute, den warmen Blick, mit dem ihr Mann sie umfaßte, fühlen.

»Nanu?« fragte sie und hob die Augen von dem zerlöcherten Hosenboden. »Du schaust mich ja an wie ein verliebter Kater, Klaus. Wir sind nicht mehr auf der Bergruine bei blühendem Holunder.« Dort hatten sie sich einst vor Jahren gefunden.

»Meine Alte«, sagte er und reichte ihr die Hand herüber.

Ilse legte ihre trotz der Arbeit gut gepflegte Rechte belustigt hinein. »Soll ich das etwa für eine Liebkosung ansehen, du unhöflicher Gesell? Aber im Ernst, was ist mit dir los, daß du so zärtlich« Anwandlungen bekommst? Ist der Pfingstkuchen etwa besonders gut geraten?«

»Materielles Weib!« schalt Klaus. »Sind dir all deine Ideale in den Backtrog gefallen?«

»Daß die Liebe bei euch Männern durch den Magen geht, das war schon zu Adam und Evas Zeiten bekannt. Sonst hätte sie ihm nicht den Apfel gereicht«, wehrte sich Ilse.

»Und dazu mußte ich eine Studierte heiraten. O Gott, was hab' ich mich in die Brennesseln gesetzt.« Klaus verbarg sein Schmunzeln hinter dicken Dampfwolken.

Die Jungen, die sich inzwischen damit beschäftigt hatten, sämtliche Hunde und Katzen des Gutes mit Pfingstmaien zu schmücken, erschienen wieder auf der Bildfläche.

»Vating – Vating, nu müssen wir aber los. Kann Krischan den Jagdwagen anspannen? Ich möchte selbst kutschieren«, umdrängten sie den Vater.

»Der Jagdwagen ist zu klein. Ich soll euch doch sicher alle drei zur feierlichen Einholung mitnehmen? Laß Krischan man den Landauer nehmen«, bestimmte der Vater.

»Nee, Vating, nee! Du sollst überhaupt nicht mitkommen. Bleib' man bei Mutting. Es sind doch unsere Vettern, die wir abholen. Man bloß Jungs. Da will ich allein kutschieren«, bestürmte ihn Peter.

»Na, nu seh' einer die Slingel an. Setzen ihren Vater heut schon auf den Altenteil. Na meinetwegen. Da haben Mutting und ich wenigstens noch eine ruhige Stunde. Krach genug wird's ohnedies geben, wenn drei Banditen mehr hier hausen«, meinte der Vater gutgelaunt.

»Hans Hartenstein ist doch überhaupt schon Primaner. Und Herbert und Waldemar sind auch keine Banditen mehr.« Werner imponierten die großen Vettern, die fast alle Schulferien auf Lüttgenheide zubrachten, ungeheuer.

»Füchse oder Schimmel, Vating? Was soll eingeschirrt werden?« Peter war heute schon der geborene Landwirt.

»Nehmt man lieber die Schimmel, wenn ich nicht dabei bin. Die gehen ruhiger. Aber nicht etwa mit ihnen jagen. Ihr kommt noch reichlich zur Zeit. Und daß du mir die Pferde beileibe nicht alleinstehen läßt, Peter. Festhalten, wenn der Zug einfährt, verstanden?«

»Aber, Vating, ich weiß doch mit Pferden umzugehen.« Peter fühlte sich in seiner zwölfjährigen Ehre gekränkt.

Zehn Minuten später ratterte der Schimmelwagen mit den Lüttgenheider Blondköpfen aus dem Hoftor. Alle drei thronten sie stolz auf dem Bock. Keiner mochte im Wagen sitzen.

Frau Ilse sah dem Gefährt nach. »Weißt du, Klaus, ich habe heute nicht die richtige Festtagsstimmung. Zum erstenmal sind wir Pfingsten ohne liebe Einquartierung. Denn das Jungvieh rechnet doch nicht. Das ist doch man bloß für die Kinder.«

»Ja, mir tut es auch leid, daß sich keiner aus Berlin fort rühren mag. Meinem Bruder Hans hätte es ganz gewiß gut getan, aus seiner traurig öden Häuslichkeit herauszukommen. Warum er seine Jungs bloß nicht begleitet? Und Mutter brauchte auch nicht wegen irgendwelcher schwarzen Kaffern, die sie jetzt in Pension hat, zu Hause zu hocken. Wofür ist denn Hanne da! Hartensteins kriechen natürlich wieder nicht aus ihrem Nest heraus, die finden es ja nirgends schöner als in Lichterfelde. Und Urselchen, das arme Ding, muß Devisen umrechnen, anstatt sich hier am Meer zu erholen. Blödsinn! Wenn ich eine Tochter hätte – – –«

»Gut, daß du keine hast, Klaus. Die würdest du wild wie ein junges Fohlen aufwachsen lassen nach deinen Prinzipien, daß Mädels überhaupt nichts zu lernen brauchen. Möchte bloß wissen, warum du denn gerade auf ein Fräulein Oberlehrer reingeplumpst bist«, lachte ihn Ilse aus.

»Ja, das ist ja eben mein Unglück. Deine Gelehrsamkeit hat den Grund zu der Abschreckungstheorie gelegt.« Das war eine ewige Katzbalgerei zwischen Klaus und seiner Frau.

Ilse hatte ihr Kleinchen, das auf allen vieren zur Mutter herangekrochen kam, auf den Schoß genommen. »Du bist doch mein Bestes.« Zärtlich schmiegte sie ihr Gesicht an das flaumweiche Bäckchen des Kindes.

»Oho!« Klaus war noch heute eifersüchtig. Sogar auf seine Kinder. »Komm her, Ilse, wenn du auch ein studiertes Frauenzimmer gewesen bist.« Er schlang den Arm um Frau und Kind.

»Anmeiern ist nicht.« Ungeachtet ihrer Worte sah Ilse zärtlich zu ihm auf. »Du, was sollen denn Krischan, Mining und Dörting von uns altem Ehepaar denken. Selbst die beiden Inseparables finden, daß wir bereits aus den Flitterwochen heraus sind.« Sie wies auf die beiden Hunde, die fliegenschnappend in der Sonne lagen. Es waren Brüder des nach Lichterfelde ausgewanderten Cäsar und glichen ihm, wie ein Ei dem andern. Da sie unzertrennlich waren, hatte Klaus sie, Ilse und Marlene zu Ehren, Inseparables genannt.

Unbemerkt von den beiden, war eine dunkelgescheitelte Dame im hellen Sommerkleid vom Erlengrund her über den Schritte dämpfenden Rasen hinter ihnen näher gekommen. An dem einen Arm hing ihr weißer Strohhut, am andern ein Mädelchen von etwa sechs Jahren.

»So muß ich euch für das Familienblatt im Pommerschen Boten knipsen«, klang es plötzlich lachend hinter dem umschlungenen Braunschen Ehepaar. »Ein glückliches Heim oder heimliches Glück, ganz wie ihr es benennen wollt. Tag, Ilse – Tag, Klaus.« Lachend reichte sie den beiden die Hand.

»Eine Gemeinheit, unser heimliches Glück derart zu belauschen, Marlenchen«, rief Ilse. Während Klaus den freien Arm auch noch um Marlene Frenssen und um die kleine Vera schlang. »Seid umschlungen Millionen – diesen Kuß der ganzen Welt.« Er begnügte sich aber, ihn als guter Onkel nur der kleinen Vera, einem weißblonden Dingelchen mit den tiefblauen Augen der Mutter, zu verabfolgen. »Wo bleibt der Schwanz?« fragte er, vergeblich nach dem Erlengrund zu spähend.

»Peter ist mit Illa und Margot zur Bahn gefahren, die Großeltern abzuholen. Wir wollen dem Wagen entgegengehen. Und da der Weg über Lüttgenheide führt – – –«

»Konntest du der Versuchung, mich zu sehen, nicht widerstehen«, vollendete Klaus Braun. »Wollen wir auch ein Stückchen mitgehen, Ilse?«

»Meinetwegen. Ich bin zwar nicht in Promenadentoilette, bin eben erst mit Kuchenbacken fertig geworden. Aber Onkel Heinrich und Tante Käthchen sind ja selbst vom Bau, die wissen, daß eine Gutsfrau vor dem Fest noch alle Hände voll zu tun hat. Und die Kühe und Ochsen werden es ja wohl nicht übel nehmen, wenn ich in meinem Hauskleide spazieren gehe.« Sie band die Wirtschaftsschürze ab. Darunter trug sie ein blauweißgewürfeltes, kleidsames Kattunkleid, ähnlich wie die Dirndlkleider, die sie als Mädel bevorzugt hatte.

»Du, Marlene, hast du den Stich gefühlt? Das ging auf deine elegante Sommertoilette«, stichelte Klaus. »Die gnädige Frau hat natürlich heute den ganzen Tag die Hände in den Schoß gelegt, allenfalls den Fräulein Töchtern französischen Unterricht erteilt«, zog er sie auf.

»Ja, du hast 'ne Ahnung! Bis vor einer halben Stunde war ich noch beim Spargel- und Stachelbeereneinkochen. Aber wenn man lieben Besuch erwartet, macht man sich doch möglichst schön.« Marlene schob ihren Arm in den der Cousine, während Klaus den jüngsten filius auf seinem Arm postierte und das kleine Mädchen an die Hand nahm.

»Ich wünschte, ich hätte mich auch für Pfingstbesuch fein machen können. Für die Jungs lohnt es mir nicht«, seufzte Ilse.

»Und für deinen Mann, he? Der sieht dich auch lieber in einem hübschen Kleide als in Wirtschaftsuniform«, warf Klaus dazwischen. »Vogelscheuchen stehen drüben in den Saatfeldern genug.«

»Ein gräßlicher Mensch! Ilse, du bist eine Märtyrerin, daß du es an seiner Seite aushältst. Ich habe doch das bessere Teil erwählt. Mein Peter ist noch heute ebenso ritterlich zu mir wie –«

»Vor hundert Jahren«, vollendete der unverbesserliche Klaus, »übrigens, ihr könnt uns wegen Waldfrevel belangen. Euer zu den schönsten Hoffnungen berechtigender Pate hat euren Birkenwald zu Pfingstmaien geräubert. Weil es auf Lüttgenheider Gebiet streng verboten ist.«

»Peter wird seinen kleinen Namensvetter schon bei den Ohren nehmen. Wie hoch bei euch bereits das Korn steht. Man merkt doch, daß wir ein Stück näher am Meer sind. Bei uns ist's noch nicht so weit.«

»Liegt weder am Meer, noch am Boden, sondern an der Tüchtigkeit des Gutsherrn«, warf sich Klaus in die Brust. »Vera, Dirn, willst du woll aus der Saat raus. Ich binde dich mit deinem Haarschwänzchen hier oben am Kirschbaum fest«, drohte der Onkel dem blumenpflückenden Kinde.

»Au ja, Onkel Klaus. Man zu! Die Kirschen sind schon beinahe reif, das wäre fein!« Einen anderen Eindruck machte des Onkels Drohung nicht.

Die vierbeinigen Inseparables sprangen mit Vera voraus, während die zweibeinigen Arm in Arm langsam die Kirschchaussee entlang schlenderten. Durch Lupinenfelder und fettes Weideland, das mit Roggen- und Gerstenschlag wechselte, zog sich die Landstraße wie eine graue Schnur in die blaue Unendlichkeit hinein. Heimchen geigten irgendwo im Grasrain. In den Telegraphendrähten summte es. Und von fern hörte man dumpfes Rauschen, den Atem des nie rastenden Meeres.

»Ist es nicht merkwürdig«, begann Marlene nach sekundenlangem Schweigen, »daß wir drei, die wir den größten Teil unseres Lebens von dem Großstadtungeheuer Berlin zermalmt wurden, hier in dieses ländliche Idyll verpflanzt worden sind? Wir sind doch nun schon vierzehn Jahre hier bodenständig, aber manchmal ist es mir noch heute, als träumte ich bloß. Als lebte ich noch mein früheres Leben und müßte wieder in der Steinwüste erwachen. Oder gar in meiner Schulklasse.«

»Möchtest du zurücktauschen, Marlene?« neckte Klaus.

»Nein – auch abgesehen von Mann und Kindern, von meinem ganzen häuslichen Glück nicht. Es ist mir unfaßbar, daß ich es solange überhaupt im Großstadtgetriebe aushielt, daß ich die dicke Autoluft geatmet habe, an Stelle von würzigem Heuduft und von salzigem Meereshauch. Daß man auf gleichgültiger Allerweltsstraße daher getrottet ist, anstatt auf seinem eigenen Grund und Boden zu wandern. Hier lebt jeder Baum, jeder Grashalm mit einem. Der Schmetterling, der dich umgaukelt, gehört ebenso zu dir, wie die Frösche, die drüben im Grassumpf quaken.«

»Still, Ilse – Marlene dichtet«, bedeutete Klaus Braun im Flüstertone seiner Frau, die Marlene scherzhaft unterbrechen wollte. »Man darf sie nicht anrufen. Wie einen Mondsüchtigen mußt du sie behandeln. Dann enthüllt sie uns noch weiter ihre holde poetische Seele.«

Marlene lachte. »Ich werde mich ja hüten, meine Perlen vor die Säue zu werfen. Aber sag, Ilschen, hab' ich nicht recht?«

»Ja und nein. Es gibt im Menschenleben Augenblicke – wie kann ich meinen Wallenstein heute noch? – wo ich denke, meine ganze Klasse mit fünfzig Mädeln hat mir nicht so viel zu schaffen gemacht, wie meine fünf Slingel – Klaus mit eingerechnet – hier auf Lüttgenheide.«

»Warte, du undankbares Weib, das kostet Buße. Was für eine Schlange habe ich an meinem Busen genährt.« Er packte Ilse, wie er es mit seinen Hunden zu tun pflegte, mit kräftigem Nackengriff.

»Bist du denn ganz und gar nicht gescheit, du Tyrann! Hör nur, wie die beiden Inseparables dich anknurren. Sieh bloß mal, was für große erschrockene Augen dein Jüngster macht. Der kriegt ja einen netten Begriff von der harmonischen Ehe seiner Herren Eltern. Und Vera – Verachen weint beinahe schon. Ist ja bloß Spaß, Herzchen, Onkel Klaus macht ja nur Scherz«, beruhigte Ilse das ängstlich zu den Großen aufsehende Kind.

In der Ferne ward eine graue Staubwolke sichtbar.

»Die Wagen – die Wagen kommen!« rief die Kleine aufgeregt.

Klaus zog die Uhr. »Müßten überhaupt schon hier sein. Unser Bimmelbähnchen muß natürlich die übliche Pfingstverspätung mitmachen.« Er äugte scharf die Landstraße hinab. »Die Grotgenheider sind voran. Wundert mich, daß unser Peter nicht die Tête genommen hat. Ist der Fuchs wieder in Ordnung, Marlene? Ja?«

Die Staubwolke kam näher. Die Grotgenheider Füchse tauchten daraus hervor. Dann ward auch der Wagen mit den Insassen sichtbar. Peter Frenssen kutschierte. Seine beiden Mädel saßen drinnen bei den Großeltern.

Die Damen winkten mit ihren Taschentüchern. Da hielt der Wagen. Der Großvater war ein rüstiger Siebziger, der noch heute mit Landmannsblick die Felder, die man durchfuhr, begutachtete.

»Willkommen, Onkel Heinrich, du wirst mit jedem Jahre jünger. Tag, Tante Käthchen« – ja, bei dieser ging dem wahrheitsliebenden Klaus doch ein derartiges Kompliment nicht über die Lippen. Tante Käthchen war im Laufe der Jahre eingeschrumpft und vertrocknet wie eine Backpflaume. Während Marlene und Ilse die alten Herrschaften begrüßten, spähte Klaus immer noch seinem Gefährt entgegen. »Du, Peter, was ist denn mit meinen Schimmeln heute los? Die zuckeln ja, als ginge es zu einer Beerdigung und nicht in den Stall. Wenn sie auch sonst nicht gerade Feuer haben, aber in diesem Schneckentempo sind sie doch noch nie geschlichen«, machte er seiner Verwunderung Luft.

»Werden wohl zu schwer geladen haben«, meinte Peter Frenssen mit verschmitztem Gesicht. Aber seinem Vetter Klaus fiel das nicht weiter auf. Der war unmutig, daß Lüttgenheider Gäule so schlecht abschnitten.

»Wie früher 'ne Berliner Droschke zweiter Jüte! Wenn wir noch lange hier stehen, können wir gleich Pfingstsonntag feiern. Ach, dacht' ich's mir doch: Der Hansi kutschiert. Und die Schimmel fühlen sicher die fremde Hand und wollen nicht vorwärts. Der dumme Bengel, der Peter, hätte sich doch wenigstens mit auf den Bock setzen können, um zuzugreifen. »Hansi, Junge, die Zügel fester – mehr Faust – hast doch alles wieder verlernt seit dem letzten – – –« da unterbrach er sich mit entstauntem: »Na, nu brat mir doch einer 'n Storch, aber die Beene recht knusprig! Annemarie, Schwesterseele, wo karrt dich denn der Deubel her? Eine famose Überraschung!«

»Annemie – Margot – Vera – – –« das schwirrte nur so durcheinander. Küsse durchknallten die Luft. Hände wurden beinahe aus dem Handgelenk geschüttelt. »Nein, ist das aber eine Freude! Den ganzen Tag war ich traurig, daß unser Pfingstbesuch uns dieses Jahr versetzt hat«, rief Ilse freudestrahlend. »Und nun werden wir dreifach entschädigt. Vera – seit deiner Hochzeit haben wir uns nicht gesehen.« Mit großen Augen blickten die drei Mädels von der Waterkant von der Mutter zu den beiden Fremden, die solche Freude verursachten. Tante Annemie die kannten sie, an der lustigen Tante hing jedes der Kinder besonders. Aber daß da plötzlich zwei ganz unbekannte Damen auftauchten und sie mir nichts, dir nichts als ihr Patchen in die Arme schlossen, das war merkwürdig. Beinahe wie im Märchen.

»Unser Kränzchen seligen Angedenkens fast vollzählig. Marianne Kluge hat wieder mal gestreikt, war nicht zum Mitkommen zu bewegen«, berichtete Annemarie.

»Also das Gänsekränzchen tagt diesmal auf grüner Weide. Aber Pfingstgänse sind's nicht mehr, schon eher Martinsgänse«, warf Klaus mit hochgezogenen Augenbrauen hinein.

Wie auf Verabredung gingen die Jugendfreundinnen auf den Spötter los, daß Ilse vor allem ihr Kleinchen in Sicherheit brachte. Da machten die Grotgenheider Mädel noch viel größere Augen. Niemals hatten sie Mutter und Tanten so ausgelassen, – ja, wenn es nicht respektlos gewesen wäre, so etwas zu denken – so görenhaft lustig gesehen.

»Unsere Überraschung habt ihr uns gründlich verdorben«, schalt Annemarie. »Wir wollten eure alte Raubritterburg hinterrücks überfallen. Und ihr kommt uns zur feierlichen Einholung entgegen.«

»So kann ich euch noch eine halbe Stunde früher genießen. Hat dich dein Mann wirklich vom Ehebändel gelassen, Annemie? Warum ist er nicht mitgekommen?«

»Schwere Patienten. Ursel wird ihm haushalten, wenigstens in den Festtagen, wo sie nicht zur Bank muß.«

»Eure Jungen sind ja Prachtkerle geworden, Ilse. Sie sind mit Herbert und Waldemar den Waldweg gegangen.« Margot Thielen schwang das jauchzende Bübchen durch die Luft.

»Das Dreimäderlhaus ist auch nicht zu verachten«, meinte Frau Vera, ihre Stimme etwas dämpfend. »Eins immer bezaubernder als das andere. Ich muß bestimmt eine Aufnahme von ihnen machen.«

»Erst gib du uns mal Gelegenheit zur Aufnahme. Vera – du mußt mit nach Grotgenheide. Ich will auch meinen Teil an den Kränzchenschwestern haben«, schlug Marlene Frenssen vor.

»Du hast doch Onkel Heinrich und Tante Käthchen« –

»Die heilige Dreizahl darf man doch nicht trennen«, pflichtete Klaus Braun seiner Frau bei, der sich nicht weniger über den hereingeschneiten Besuch freute, als sie.

»Na, ob eine olle Schwiegermutter für eine Jugendfreundin entschädigt, möchte ich doch dahingestellt sein lassen«, meinte Tante Käthchen humorvoll.

»Aber ich möchte jetzt endlich für meine Reiseanstrengungen mit einer anständigen Tasse Kaffee entschädigt werden«, polterte da der alte Herr los. »Das lange Weibergezottel macht ein andermal aus. So, Peter, fahr los!«

»Einen Augenblick verzeih noch, Vater. Ich habe nämlich noch eine Frau, die zu mir gehört. Steig ein, Marlene. Sie würden meiner Frau und mir eine große Freude machen, Frau Vera, wenn wir Sie als Gast auf Grotgenheide begrüßen dürften«, sagte Peter Frenssen in seiner schlichtwarmen Art.

Nur eine Sekunde zögerte Vera. Nein, den bittenden Augen Marlenes durfte sie es nicht abschlagen, wenn sie sich auch eigentlich das Zusammenhausen der Freundinnen zu vieren besonders reizvoll gedacht. Da schlang auch das kleinste der bildhübschen Mädchen die Arme um die neue Tante: »Du mußt mit uns fahren, Tante Vera. Ich bin ja dein Patchen und heiße nach dir.« Da gab's kein Überlegen mehr.

»Sonst kann ja auch ich wie er mit nach Grotgenheide gehen«, lachte Ilse schelmisch.

»Natürlich, die Inseparables immer noch unzertrennlich«, neckte Margot.

Ilses Blick begegnete im stillächelnden Einverständnis dem ihres Mannes. Sie gedachten beide des Tages, da Ilse zum ersten Male ihren Einzug hier auf dem Zwillingsgut gehalten und in einer unerklärlichen Regung sich dazu erboten hatte, auf Grotgenheide zu wohnen. Und es war doch, trotzalledem, alles so gekommen, wie es kommen sollte.

Endlich hatte man groß und klein in den Wagen verstaut. Endlich war der Abschied vor dem Ilsenheim mit einem kernigen »Zum Kuckuck – ihr seht euch noch früh genug wieder!« von Onkel Heinrich beendet worden. Endlich hatte auch der alte Herr die ersehnte Tasse Mokka – kein Blümchenkaffee, wie man ihn sonst auf Grotgenheide aus Gesundheitsrücksichten genoß, vor sich.

Auch in Lüttgenheide wurde noch einmal gemütliches Kaffeestündchen unter dem Nußbaum gehalten. Wenn auch Mamsell ein ungnädiges Gesicht machte, daß die Hausordnung heute auf den Kopf gestellt wurde. Die Jungen, die inzwischen auch erschienen waren, hatten sich kaum Zeit zur Begrüßung und zur Kuchenverproviantierung genommen. Die steckten bereits, sechs an der Zahl, in den Ställen. Vom Felde rollten die Wagen heim. Der Gutsherr stampfte in seinen hohen Schaftstiefeln in den Wirtschaftshof hinüber. Die drei Freundinnen blieben allein.

Ilse reichte den Nebenihrsitzenden beide Hände hin. »Habt Dank – von ganzem Herzen nochmals Dank, daß ihr gekommen seid! Ihr wißt nicht, was ihr mir Gutes damit getan habt. Gerade in unserer Einsamkeit hier an der Waterkant, in dem gleichmäßigen Pflichtenkreis sind die Feiertage für uns das Bindeglied mit der Welt da draußen, die ein kultivierter Mensch ja auf die Dauer doch nicht ganz entbehren kann. Und nun erzählt. Wie schaut's aus in eurem Sündenbabel Berlin?«

»Noch immer nicht schöner als vor fünfzehn Jahren, Ilse. So lange bist du ja nun wohl auch schon verheiratet. Die Welt ist inzwischen nicht besser geworden. Auch nicht schlechter. Denn die gute alte Zeit, von der die Alten immer erzählen – wie lange wird's dauern, dann sind wir selbst so weit – ja, die gute alte Zeit ist immer und nie – unbegrenzt im Zeitenraum – sie ist eben stets das Vergangene, auf das man mit Wehmut zurückblickt.« Annemarie sah bei ihren philosophischen Betrachtungen nachdenklich in das lichtgrüne Blätterdach, in dem ein Finklein, unbekümmert um alte und neue Zeiten, munter von Ast zu Ast hüpfte.

»Da hört man deutlich die Frau Professorin heraus«, lachte Ilse. »Seit wann bist du denn unter die Philosophen gegangen, Annemarie?«

»Wer das Leben um sich herum mit offenen Augen vorüberfluten sieht, wird schließlich dazu.«

»Ach, glaube nur ja nicht, Ilse, daß es der Annemarie Ernst mit dieser Abgeklärtheit ist«, unterbrach Margot die Freundin. »Sie kann manchmal noch rangenhafter sein als ihre drei.«

»Nun bei Vronli, dem Musterkinde, wird ihr dieser Wettbewerb nicht schwer. Das ist entschieden ein Versehen der Natur, daß du solch eine Tochter hast, Annemarie. Bei Hansi ist trotz seines bewunderungswürdigen Phlegmas die Konkurrenz ungleich gefährlicher; aber deiner Ursel, dem Mordsmädel, bist selbst du nicht gewachsen, Annemie. Sag, ist sie noch immer solch ein ruppiger Frechdachs wie früher?«

»Ursel ist eine junge Dame geworden, die jetzt anstatt unseres Hauses die Bank, an der man sie angestellt hat, auf den Kopf stellt. Außerdem schielt sie arg zur Opernbühne. Zum Glück oder auch zu ihrem Unglück – wer vermag das vorher zu sagen – hat mein Mann energisch einen Riegel vor diese für seine Begriffe unbürgerlichen Wünsche geschoben.«

»Schade um ihre entzückende Stimme«, schaltete Margot ein. »Ich sage dir, Ilse, das Mädel trillert wie eine Lerche. Auch das sprühende Temperament für die Bühne hätte sie.«

»Na, so muß es kommen. Margot, unser einstiger Tugendmoppel, verteidigt die Bühnenlaufbahn«, lachte Frau Ilse. »Hat sich die Ursel denn dem väterlichen Willen so brav gefügt? Das sieht ihr doch eigentlich gar nicht ähnlich.«

»Hat auch genug Kämpfe gekostet. Man kriegt nicht umsonst seine grauen Haare.« Annemarie fuhr sich mit drolligem Gesichtsausdruck durch ihr Goldhaar. »Vorläufig haben wir ein Kompromiß geschlossen: Sie nimmt Gesangstunde. Aber damit nicht genug – sie unterrichtet auch bereits. Die Brasilianer, die bei Mutter wohnen, haben in ganz Berlin keinen besseren Musiklehrer finden können, als unser Urselchen. Dazu mußten sie extra über den Ozean schwimmen. Auch deutschen Unterricht erteilt sie ihnen in ihrer freien Zeit, was ihr ungeheuren Spaß macht.«

»Nun, da wird die Ursel doch bald ein kleiner Krösus werden. Solche Stunden bei Ausländern werden doch glänzend bezahlt. Das ist selbst in unsere Weltabgeschiedenheit gedrungen«, überlegte die praktische Gutsfrau.

»Ja, da liegt der Hase im Pfeffer. Denkt ihr, das Mädel hat irgendein Honorar vereinbart? Paßt ihr nicht, Geld zu nehmen, zum größten Ärger von Hansi. Aber noch empörter darüber ist Mutters alte Hanne. Die macht jedesmal ein Gesicht wie eine Bulldogge, wenn Ursel zur Stunde kommt. Am liebsten möchte sie die ›Schwarzen‹ an die Luft setzen. Aber zum Glück ist Mutter ja auch noch da.«

»Hahaha – wenn Hanne ihren Koller kriegt, dann sieht sie aus wie unser Puter da drüben. Schon als Junge habe ich mich darüber amüsiert«, beteiligte sich der von seinem Rundgang durch die Stallungen zurückkehrende Gutsherr. »Schade, daß du sie nicht alle miteinander mitgebracht hast, Annemie. Vor allem den Hans, den ollen Jungen. Der muß nach all dem Unerfreulichen, das ihm die letzten Jahre gebracht haben, öfters mal von mir brüderlich aufgerüttelt werden.«

»Ja, da bin ich die Schuldige, Klaus, daß der Hans zu Hause bleiben mußte«, meldete sich Margot mit kaum merkbarem Erröten. »Das Mädchen hat an den Feiertagen Urlaub und allein wollte er das Haus nicht lassen.«

»Ja, was hast denn du in aller Welt mit Hansens Dienstbolzen zu tun, Margot?« lachte Klaus Braun.

»Wirkst du etwa so abschreckend, Margot, daß er nicht mitfahren wollte, wenn du dabei bist?« neckte auch Ilse die Freundin.

Die zarten Farben in Margots Gesicht vertieften sich. Ehe sie noch antworten konnte, hatte Annemarie Hartenstein bereits das Wort ergriffen.

»Margot ist doch seit vierzehn Tagen der gute Engel in Hansens Hause. Sie hat rührenderweise ihren Haushalt und ihre Selbständigkeit aufgegeben, um ihm und den Jungen das öde Heim wieder erfreulicher zu gestalten.«

Klaus Braun reichte der Jugendfreundin mit »bist 'n braver Kerl, Margot!« seine derbe Landmannshand hin, und drückte ihre schmale Rechte anerkennend. Seine Frau aber rief: »Aha – darum kamen mir Waldemar und Herbert auch diesmal gleich so wohlerzogen vor. Das ewig Weibliche zieht uns hinan – Margots Einfluß auf die Jungen ist bereits unverkennbar.«

In diesem Augenblick hörte man lautes Hallo. Lachende und johlende Jungenstimmen, dazwischen eine schimpfende. Werner kam im Trab zu dem Nußbaumtisch gejagt, schon von weitem rufend: »Vating – Mutting – der Waldemar hat den Herbert 'n büschen in'n Komposthaufen gestoßen – koppheister hat er ihn reingesmissen. Und nu sieht er all wie'n Mistbeet aus und stinken tut er – – –«

»Aber Werner!« unterbrach Ilse die ungeschminkte Ausdrucksweise ihres Sprößlings erzieherisch. Denn vor den Stadtfreundinnen mochte sie mit ihrer mütterlichen Pädagogik nicht allzu schlecht abschneiden.

»Das ewig Weibliche zieht uns hinan!« wiederholte Klaus die vor kurzem zitierten Worte seiner Frau belustigt. »Trotz Margots Hinanziehen ist der Herbert doch runter in den Misthaufen gesegelt – hahaha – das paßte, wie der Punkt auf dem i. Wo steckt er denn, der Mistkäfer?«

»Drüben an der Pumpe im Hof. Hansi spült ihn gleich unter der Pumpe ab, daß der Dreck man bloß nicht erst trocknet. Hansi sagt, denn kriegt er 'ne Kruste, die nie wieder abgeht.« Werner schien äußerst begeistert von den Heldentaten seiner großen Vettern.

»Das Bild muß ich sehen.« Lachend erhob sich der Vater.

Auch Margot fuhr erschreckt auf. »Himmel, der Herbert hat ja nur den einen Anzug mit. Was machen wir denn da bloß?« Sie fühlte sich als verantwortlicher Redakteur.

»Kann er Pfingsten im Bett feiern, der Slingel, wenn der Anzug nicht trocken ist«, meinte Klaus Braun gemütlich. »Was macht er so'ne Dummheiten!« –

»Geht ja gar nicht, Vating. Wir wollen ja morgen um neun all auf Grotgenheide zum Tennis sein. Die Dirns warten auf uns«, erhob Werner aufgeregt Einspruch.

»Also bereits ein Rendezvous mit dem Dreimäderlhaus verabredet – ja, ja, das ist die Jugend von heute!« Der Vater zwinkerte lustig den Damen zu und folgte seinem Jungen.

»Und der Herbert kann doch überhaupt gar nichts dafür, wenn der Waldemar ihn schubbst«, verteidigte Werner den armen Vetter, der um das Pfingstvergnügen kommen sollte, weiter.

»Bleiben sie alle beide im Bett, die Banditen«, ordnete der Vater an.

Das Johlen und Kreischen an der Pumpe wurde lauter und lauter. Es lockte auch die Damen aus ihrer Ruhe unter dem Nußbaum auf.

Himmel – wie schaute der Herbert aus! Er glich mehr einem Amphibium als einem Menschen. Aus seinem strähnigen Blondhaar ergossen sich Sturzbäche. Hansi und Waldemar hielten den sich Sträubenden und um Hilfe Schreienden mit vereinten Kräften unter die unermüdlich sprudelnde Pumpe, die Peters kräftige Arme in Bewegung setzte; Günther beteiligte sich durch einen wilden, indianermäßigen Freudentanz an der Situation.

»Lausbuben ihr – was habt ihr angestellt! Hansi, laß den Herbert los«, befahl Onkel Klaus, nachdem er vor Lachen wieder sprechen konnte. Wohin der glücklich den Händen seiner Peiniger entgangene Junge sich wandte, wich man schreiend vor ihm zurück. Von ihm und um ihn floß, flutete und sickerte es in unzähligen Bächlein.

»Junge, du siehst ja aus wie eine Wasserleiche! Willst du mir wohl nicht zu nahe kommen –« rief Tante Annemarie energisch.

»Blindekuh – Blindekuh –« johlten die Lüttgenheider Buben, denn der Vetter konnte die Augen vor Nässe nicht aufmachen.

»Der Wasserfall kommt – hu, der Wasserfall!« Das war ein Getöse, daß die Knechte und Mägde grinsend als Zuschauer herbeiliefen. Die Hunde begannen zu jaulen, die beiden Inseparables blafften wie toll, Klein-Horst fing an zu weinen. Ruhig pflegte es ja niemals auf dem Lüttgenheider Gutshof zuzugehen, aber solch ein Tumult hatte der Schwalben umzwitscherte Schloßturm denn doch noch nicht mitangeschaut.

»Jungs – gebt Ruh!« überdröhnte des Gutsherrn Stimme das Getobe.

»Gusting soll gleich ein Bad zurechtmachen, diese Reinigungsmethode ist wirksamer als die Pumpe«, ordnete Frau Ilse an.

Margot überwand ihre Scheu und griff nach dem ausgesetzten Herbert, ihn ins Haus zu führen. Sie hatte doch jetzt die Verantwortung für die zwei Jungen.

»Nicht ins Haus – meine schön gescheuerten Treppen! Stining ist eben erst fertig geworden«, entrüstete sich die Hausfrau.

»Ja, wo soll ich denn mit dem armen Jungen hin?«

»Häng ihn auf die Leine, bis er trocken ist, Margot«, rief Annemarie, mit dem lachenden Übermut ihrer Mädchentage.

»Er kann ja durch den Kellereingang gleich in die Badestube«, schlug der praktische Peter vor. Denn dieselbe lag im Souterrain.

Dieses kleinere von zwei Übeln wurde gewählt. Zwar knurrte Mamsell, daß die Scheuerei ja nun wieder von vorn losgehen könnte, zwar stieß Frau Ilse einen Stoßseufzer aus: »Na, das kann ja noch gut werden!« Zwar schwebte Herbert in tausend Ängsten, daß seine Hosen bis morgen nicht wieder trocken würden.

Aber die Pfingstsonne lachte am nächsten Tage all diese Wolken davon.

9. Kapitel. Lockende Ferne.

Wochen und Monate waren dahingegangen. Die schönsten Stunden für Ursel in der Woche waren die geworden, in denen sie regelmäßig mit dem brasilianischen Geschwisterpaar musizierte. Schon in der Bank, wo sie sich noch immer nicht als ernstes Glied eingefügt hatte, wo Herrn Müllers »Wenn ich bitten darf« ihre Lachmuskeln stets aufs neue reizte, wo das Zahlengewirr ihr noch ebenso fremd und unsympathisch gegenüberstand wie am ersten Tage ihrer Banklehrlingslaufbahn, versüßte die Aussicht auf die gemeinsamen Abendstunden mit Margarida und Milton Tavares ihr die bittere Pille unbefriedigter Pflichtarbeit. Einmal in der Woche fand der Unterricht bei Frau Doktor Braun statt, damit auch die Großmama ihr Teil an Ursel hatte. Zur zweiten Stunde kamen die Brasilianer nach Lichterfelde heraus, wo sie bald gern gesehene Gäste waren. Die kleine schmiegsame Margarida hatte sich in begeisterter Zuneigung ihrer jungen, deutschen Lehrerin angeschlossen, die nicht viel älter war als sie selbst. Das junge, aus seiner Heimat herausgerissene Mädchen fühlte hier in der Fremde die Zusammengehörigkeit mit einer Altersgefährtin, die in so liebenswürdiger, heiterer Weise bemüht war, ihr über die Klippen der schwierigen, deutschen Sprache hinwegzuhelfen. Es war erstaunlich, was für Fortschritte die junge Ausländerin bei Ursels deutschem Unterricht gemacht hatte. Sie verstand bereits alles, was man zu ihr sprach, und wenn auch ihre eigene deutsche Ausdrucksweise noch öfters entgleiste, so gab dies nur Stoff zu gemeinsamem Lachen, was die Jugend ja noch fester miteinander verknüpft. Margarida Tavares war ein graziöses Püppchen, ein Luxusgeschöpfchen, das daheim vom Glück verhätschelt worden und keinen Ernst, keine Arbeit bisher kennengelernt hatte. Die überließ man drüben in Amerika den Männern. Die waren dazu da, das Geld, das die Frauen mit vollen Händen ausgaben, herbeizuschaffen; die Frauen hatten nur schön zu sein und sich verwöhnen zu lassen. Das waren ungefähr die Ansichten, die in dem schwarzen Köpfchen der jungen Brasilianerin wohnten.

Ursel, die niemals sehr begeistert war von allem, was Arbeit hieß, stand doch solch einem Luxusdasein kopfschüttelnd gegenüber. Sie hatte ihr Leben lang emsige, treueste Pflichterfüllung im elterlichen Hause vor sich gesehen, und wenn auch sie selbst dagegen manchmal kindischerweise gestreikt hatte, der gute Boden, dem sie entwachsen, verleugnete sich nicht. Darum vermochte sie auch nicht, sich Margarida so mit ganzem Herzen anzuschließen, wie das umgekehrt der Fall war. Das anmutige, oberflächliche Dingelchen genügte ihr nicht. Sie blickte, trotzdem sie sich früher immer ein Leben ohne Arbeit, so ein richtiges Schlaraffenleben aus dem Märchen beneidenswert vorgestellt hatte, ein wenig mitleidig geringschätzig auf die wie eine Blume in den Tag hineinblühende junge Ausländerin. Ja, es gab Stunden, wo ihr sogar die verhaßte Banktätigkeit lebenswerter erschien, als solch ein nutzloses Drohnendasein.

Der Bruder, Milton Tavares, war aus einem ganz anderen Holze. Der war schon früh von dem Vater, trotz des großen Reichtums, ins kaufmännische Treiben, in alles, was eine große Kaffeeplantage, von der Anpflanzung des Kaffeestrauches an bis zum Versand der Bohnen, in alles, was solch ein weitverzweigtes überseeisches Exportgeschäft mit sich bringt, eingeführt worden. Trotz seiner großen Liebe zur Musik stand Milton Tavares auf dem nüchtern realen Standpunkt des Amerikaners. »Make money«, das war die Hauptsache im Leben. Das große Unternehmen, das schon durch Generationen hindurch in den Händen der Tavares lag, galt es weiter zu fördern, immer weiter auszubauen. Den Ruf des ersten »Kaffeekönigs« im In- und Ausland noch mehr zu befestigen, als dies bereits der Fall war. Das war das Lebensziel, auf welches alle Tavares hinsteuerten. Die Musik – oh, sie war schön, sie erfreute das Herz, wie auch die Kaffeeblüte das Auge erfreut. Aber nutzbringend war erst die Frucht. Die Musik war nicht dazu da, um Geld damit zu verdienen, sondern um sich von dem Geldverdienen zu erholen. Milton Tavares war glücklich, daß ihm sein Aufenthalt in Deutschland nicht nur die Möglichkeit gab, kaufmännische Kenntnisse zu sammeln, sondern daneben auch deutsche Musik kennenzulernen und zu studieren. Er war als Volontär in einem großen Berliner Exporthaus tätig, nur einige Stunden des Tages, so daß ihm noch genug Zeit für die Musik übrigblieb. Bei einem der ersten Kammermusiker Berlins hatte er Violinunterricht, aber dieselben machten ihm, trotzdem er bei seiner Befähigung glänzende Fortschritte zu verzeichnen hatte, lange nicht soviel Freude wie das Zusammenspiel mit Ursel Hartenstein. Auch Ursel dachte eigentlich, wenn sie sich auf die Musikstunde mit den Brasilianern am Abend freute, in erster Reihe an ihr Ensemblespiel mit Milton. Und wenn er sie, was stets den Abschluß bildete, zuletzt zum Gesang begleitete, dann setzte sie ihr ganzes Können ein, um so schön, wie nur irgend möglich, zu singen. Es war geradezu fabelhaft, was Ursel in den wenigen Monaten ihres Gesangstudiums erreicht hatte. Leicht und mühelos kam ihr all das, woran andere jahrelang zu studieren hatten. Frau Gerstinger sowohl wie ihr Fidelio waren äußerst stolz auf die begabte Schülerin, schrieben sie sich beide doch allein den Ruhm für die geradezu verblüffenden Fortschritte zu. Weder die einstige Primadonna, noch ihr piepsendes Wollknäuel ahnten, daß irgendeiner aus Brasilien neben Ursels eigener Befähigung die eigentliche Triebfeder für ihr rasch vorwärtsschreitendes Können bildete. Schon hatte sie das Abc der eintönigen Übungen hinter sich gelassen und hatte zu Liedern übergehen dürfen. Oh, war sie stolz, als sie zum erstenmal ein Wiegenliedchen singen durfte. Auch der Vater, der hochmusikalisch war, und ihre unermüdlichen Übungsstunden öfters belauschte, war ebenso erstaunt über ihre Fortschritte als über die Ausdauer, die seine Jüngste bisher noch bei keiner Tätigkeit an den Tag gelegt hatte. Wenn sie sich nur an der Bank halb so viel Mühe geben wollte! Bei einem vertraulichen Gespräch, das der Professor jüngst mit dem Bankdirektor Hildebrandt gehabt hatte, konnte dieser es ihm leider nicht verhehlen, daß seine Tochter sich zwar die Herzen sämtlicher Kolleginnen und Kollegen durch ihren Liebreiz erworben hätte, aber nach der Aussage des Herrn Müller so wenig tauglich für das Bankfach sei, wie er selbst zum Seiltanzen. Aber immerhin – vielleicht machte es sich noch.

An dieses »vielleicht machte es sich noch« hielt sich der Professor, wenn ihm dann und wann Bedenken aufstiegen, ob Ursel an der Bank wohl doch nicht am richtigen Orte sei. Als kluger überlegter Mann war Professor Hartenstein selbst dafür, jeden Menschen seiner Befähigung nach an den Platz zu stellen, an dem er etwas zu leisten vermochte. Wenn es nur nicht gerade die Bühne gewesen wäre! Dagegen lehnte sich alles bei diesem soliden Manne auf. Er wollte keine Theaterprinzessin zur Tochter. Sein Kind war ihm zu schade dazu. Zum erstenmal hatte Professor Hartenstein seiner Annemarie etwas verschwiegen. Das Gespräch mit dem Bankdirektor unterschlug er ihr. Wußte er doch ganz genau, wie sie sich dazu äußern würde. Sie lamentierte schon genug, daß Ursel meist blaß und abgespannt von ihrer Banktätigkeit heimkehrte. Ach Unsinn – was nicht säuerte, süßte auch nicht.

Der Gegenstand dieser väterlichen Beunruhigungen ahnte nichts davon. Die Stunden an der Bank betrachtete Ursel ja nur als notwendiges Übel, als Brücke, die man möglichst schnell passieren mußte, um an das entgegengesetzte Ufer, wo die Musik winkte, zu kommen.

Ein glutheißer Juliabend war es. Über den Straßen Berlins hing sengende Hitze. In der Bank war es heute trotz der großen luftigen Räume wie in einem Backofen gewesen. Ursels ohnehin nicht allzu großer Arbeitstrieb hatte heute gänzlich versagt. Herr Müller hatte wohl ein dutzendmal »Aber wenn ich bitten darf, etwas mehr Sammlung, Fräulein Hartenstein«, äußern müssen. Selbst Herrn Rumplers dienstbeflissener Liebenswürdigkeit war es nicht immer gelungen, die Scharte, die Ursel sich heute leistete, auszuwetzen. In der Bahn herrschte eine wahre Tropenglut. Aber nun war man ihr glücklich entflohen, nun war man draußen. Hier in Lichterfelde war es lange nicht so stickig wie drinnen in der glühenden Steinwüste der Großstadt. Oasengleich empfing es die heimkehrende Ursel mit seinen schattigen Baumalleen, seinen blühenden Rosengärten. Oh, – was für einen berauschend süßen Hauch die Linden ausströmten. In tiefen Zügen atmete Ursel die erquickende Luft und mußte dabei an eine besonders süße Stelle aus der Beethovenschen Pastorale, die Milton Tavares das letztemal gespielt hatte, denken. Ob sie wohl schon da waren, die Geschwister? Ursel beschleunigte ihren Schritt.

Nun stand sie vor dem elterlichen Heim, das wie ein kleines Blumenparadies hinter dem weißen Gartenstaket träumte. Durch den sonnenausgedörrten Garten ging in gewaltigem Bogen der erquickende Wasserstrahl nieder. Der Professor in Hemdsärmeln richtete den Schlauch eigenhändig auf Baum und Strauch. Cäsar machte einen noch größeren Bogen um seinen Herrn herum, denn er liebte unvorhergesehene Duschen nicht besonders. Jetzt hob er die schwarze Nase, stieß ein kurzes Freudengebell aus und jagte der heimkehrenden Ursel entgegen.

»Ursel kommt – das muß unser Urselchen sein!« rief es von der rosenumkletterten Terrasse herab, von wo aus Frau Annemarie bereits mit den Brasilianern nach Ursel ausschaute.

»Tag, meine geliebte Hundetöle, da bin ich endlich wieder. Du, Cäsar, laß mich bloß am Leben, ich komme ohnedies schon vor Hitze um – Tag, Vaterchen – puh, war das heute gräßlich in der Bank – Temperatur wie im Fegefeuer – ach, da sind ja schon Tavares!« Die Begrüßung mit dem Vater wurde plötzlich abgebrochen. Ursel eilte, obgleich sie eben vor Hitze umkam, schnellfüßig der Terrasse zu.

»Guten Tag,« sie winkte bereits von weitem – »Tag, mein kleiner Muz – Guten Tag, Herr Tavares – Tag, Marga, wartet ihr schon lange auf mich?« Ursel hatte mit der jungen Brasilianerin bereits Duzfreundschaft geschlossen.

»Mein armes Kind, so heiß bist du!« Zärtlich strich die Mutter der Erhitzten die Blondhaare aus der Stirn. »Komm, setz dich her und iß hier die Erdbeeren in Milch. Die werden dich erquicken.«

»Ja, gleich, Muzi – ich will nur schnell den Kopf in die Waschschüssel stecken und mir bei dieser Siedehitze das Leichteste anziehen, was ich besitze. Ach Marga, siehst du süß aus.« Sie betrachtete entzückt die im duftigen weißen Spitzenkleid einem Meißner Püppchen noch ähnlicher als sonst sehende Ausländerin.

»Sieß –« wiederholte Margarida, sich die Lippen mit dem Züngelchen leckend, zum Zeichen, daß sie den deutschen Ausdruck begriffen hatte.

»Und ich, Donna Ursel? Seh ich nicht aus süß ebenfalls?« fragte Milton Tavares lustig.

»Sie?« Ursel betrachtete den schlanken Brasilianer, dessen heller Bastanzug sich besonders vorteilhaft von seinem bronzefarbenen Hautkolorit, den blitzendweißen Zähnen und den brennendschwarzen Augen abhob. Eigentlich fand sie ihn mindestens so »süß« wie die Schwester. Aber so weit reichte Ursels Ehrlichkeit nicht, um das zuzugestehen.

So tippte sie denn in nicht mißzuverstehender Bewegung gegen die Stirn. »Ihnen ist wohl die Hitze zu Kopfe gestiegen, Herr Tavares?« fragte sie lachend.

»Aber Ursel!« ermahnte die Mutter das ungenierte Töchterchen, während der Brasilianer erstaunt meinte: »Hitze? Es ist nicht warm heite – guttes Wetter, serr gutt.«

»Ja, Sie sind in Brasilien wohl andere Temperaturen gewöhnt, Herr Tavares«, pflichtete Frau Professor Hartenstein dem jungen Manne bei.

»Temperatur muß sein heiß, serr heiß, daß Kaffee wird gutt und viel.«

»Und da schmoren Sie auch lieber, damit Ihr Kaffee bloß fix und fertig gleich gekocht mit Milch und Zucker vom Baum kommt«, neckte ihn Ursel.

»Ist nicht Baum – ist Strauch, großes Kaffeestrauch, hoch wie Mann, wie kleines Wald viele, viele Meilen. Oh, ist schön in S. Paulo, magnifico.« In Erinnerung an seine schöne Heimat verfiel er wieder in die Heimatssprache. »Was sein Blumen hier? Klein, nicht groß, nicht schön. Was sein Himmel? Grau, häßlich. Was sein Sonne? Nicht heiß – nicht Gold. Was sein Vogel? Nicht groß, nicht bunt. Schmettervogel in Brasilien sein groß, sein schön, oh, viel schön, serr viel mehr schön.« Er berauschte sich an der Erinnerung.

»Na, dann hätten Sie ja drüben bleiben können, wenn es so herrlich bei Ihnen ist«, begehrte Ursel auf, die sich ärgerte, daß Milton Tavares ihre Heimat nicht gegen die seinige gelten lassen wollte. »Wozu sind Sie denn dann erst über den großen Teich geschwommen?«

»Ursel – Urselchen – du wirst doch unsern Gast nicht beleidigen«, unterbrach Frau Annemarie ihre Tochter, die aber fuhr unbeirrt fort: »Kann es einen schöneren Garten geben als den unsrigen hier? Rosen und Linden blühen. Bunte Schmetterlinge haschen sich. Die Vögel singen so süß – hören Sie nur mal, das muß die Amsel sein, die uns immer die Erdbeeren anpickt. Und der Himmel soll grau sein – Sie sind wohl farbenblind. Leuchtend blau ist er. Und wenn Ihnen unsere Sonne noch nicht heiß genug ist, dann gehen Sie nur ganz ruhig in Ihren Schmortopf von Brasilien zurück und lassen Sie sich da knusprig braten!« Nein, wirklich, Ursel war sehr aufgebracht über Milton Tavares.

»Aber Ursel, unser Gast! – – –« Die Mutter schüttelte unzufrieden ihren Kopf über das impulsive Töchterchen, das so wenig überlegte, was es da alles heraussprudelte.

»Nicht Gast – Freund – guttes Freund – wenn Donna Ursel auch sein furiosa über mir, sie sein reizend in Wut«, nahm der Brasilianer Ursels Partei.

»Was sein deutsche Mädchen – nicht schön!« äffte sie ihm nach.

»O ja, sein wunderschön, blonde deutsche Mädchen, marovilhosa!« rief er feurig. »Ich weiß, Donna Ursel sein nicht bös auf mir – sein gutt – sein mir gutt« – – –

»Na, nu hört sich aber alles auf!« Ursel mußte plötzlich mitten in ihrem Ärger hell auflachen. Auch Frau Annemarie stimmte in das Lachen ein. »Sie wissen ja gar nicht, was Sie da sagen, Herr Tavares. Lernen Sie nur erst Ihre deutsche Lektion. Sie haben sich mindestens schon ein Dutzend Fehler heute geleistet. Ihre Lehrerin ist sehr unzufrieden mit Ihnen.« Sie hatte ihre gute Laune wieder.

»Oh, so Sie sein lieb«, sagte Milton Tavares über das ganze Gesicht strahlend.

»Marga, dir gefällt es besser bei uns in Deutschland als deinem Bruder, nicht wahr? Du bist nicht so undankbar wie er.«

»Oh, Deitschland gefällt serr«, bestätigte die Brasilianerin. »Beste an Deitschland sein du!« Zärtlich streichelte sie mit ihrem schmalen Händchen die erhitzte Wange der Freundin.

»Allerbeste, das ich sage auch«, rief Milton Tavares lebhaft und begann Ursels linke Wange zu streicheln.

»Was fällt Ihnen denn ein?« fuhr Ursel ihn an, trotzdem sie sich im Grunde sehr geschmeichelt fühlte.

»Oh, pardon, ich haben geglaubt, das muß sein, wenn man so sagen«, entschuldigte sich Milton Tavares scheinheilig.

»Na, bei mir im deutschen Unterricht haben Sie das ganz gewiß nicht gelernt. Aber zwei Fehler haben Sie sich wieder geleistet. Wie muß es heißen, Herr Tavares – ich – na?«

»Ich habe geglauben«, Milton Tavares machte dabei ein zerknirschtes Gesicht wie ein kleiner Schuljunge, der einen Tadel von seinem Lehrer bekommen.

Wieder mußte die strenge Lehrerin lachen. Man konnte ihm niemals ernstlich böse sein, dem Brasilianer. Auch Frau Annemarie stimmte in das Lachen über den gelehrigen Schüler ein.

»So, Urselchen, nun geh erst auf dein Zimmer und erfrische dich. Kaltes Wasser kühlt am besten deinen Tropenkoller ab.«

»Tropenkoller? Oh, muß gnädige Frau kommen uns besuchen in Brasilien.«

»Ich bin nicht so vergnügungssüchtig, Herr Tavares.« Die beiden blonden Damen, Mutter und Tochter, lachten um die Wette. »Auch ist die Reise mir für diesen Zweck ein wenig zu weit.«

»Ist nicht weit – nur drei bis vier Wochen mit Schiff und dann zu fahren mit Bahn. Aber Donna Ursel muß gehen sehen uns in S. Paulo. Muß sehen, wie schön, wie herrlich sein unser Land – viel mehr schön als hier!« Da begann er die Ursel schon wieder aufzuziehen. Er fand sie nun mal zu allerliebst, wenn sie wütend wurde.

Diesmal ging Ursel nicht auf den Leim. »Jawohl, ich komme, danke vielmals für die freundliche Einladung. Vier Wochen mit dem Schiff ist ja ganz nah. Nachmittags zwischen Kaffee und Abendbrot komme ich auf eine Stippvisite.« Übermütig war sie davon.

»Wird sie kommen gewiß?« erkundigte sich Milton eifrig bei der Mutter.

»Aber Herr Tavares – drei bis vier Wochen Seefahrt bedeuten eine Weltreise. Sie machen sicher nur Scherz«, meinte Frau Annemarie lächelnd.

»Nein, ist wahr, ist ernst – Donna Ursel muß kommen in Brasilien«, beharrte er.

»Ja, muß bleiben da – ist mein liebes Freundin«, fiel auch Margarida ein.

»Ich würde mein Kind niemals so weit fort übers Meer lassen«, sagte Frau Annemarie ernst in bestimmtem Ton. Was war es nur, was da plötzlich ihr Mutterherz in jähem Schreck durchzuckt hatte? Was ließ sie so energisch Front machen gegen einen Scherz, eine Kinderei? Ach Unsinn – nur keine Gespenster sehen, wo es keine gab. In ein, zwei Jahren waren die beiden Tavares wieder in Südamerika in ihrem Kaffeereich. Kein Hahn krähte dann mehr nach ihnen. Sie bildeten lediglich eine Episode in Ursels Leben. Und warum sollte sie dem Kinde nicht den Verkehr mit den liebenswürdigen, jungen Ausländern, die solch Gefallen an Ursel gefunden, gönnen? Wußte sie doch, welche Freude ihr das Zusammensein mit ihnen machte. Und in musikalischer Beziehung profitierte Ursel mindestens soviel dabei, wie die Brasilianer. Sowohl in der Klavierstunde, welche sie Margarida erteilte, als auch beim Ensemblespiel mit dem Bruder. Und wie viele Annehmlichkeiten erwuchsen ihren beiden Kindern aus dieser Freundschaft. Nie besorgten die beiden Tavares für sich allein Opern-, Theater- oder Konzertbillette. Stets mußten Ursel und Hans Hartenstein daran teilnehmen. Milton und Marga behaupteten, allein mache es ihnen gar keine Freude. Und da das Geld absolut keine Rolle bei ihnen spielte, zog man stets zu vieren los. Das war so recht was für Ursel. Sie schwelgte jetzt in Opernaufführungen, die früher für sie nur selten erschwingbar gewesen waren. Sie träumte sich in eine jede Rolle hinein. Sie sang im Wachen und im Traum die Opernarien, die sie gehört. Der Vater hatte schon öfters mal dagegen einschreiten wollen. Ihm war es nicht recht, daß seine Kinder solch ein Wohlleben kennen lernten und Gefallen daran fanden. Ursel, dem Prinzeßchen, fehlte das nur noch. Er selbst hatte sich in seiner Jugend arg quälen müssen, hatte manchmal in seiner Studentenzeit abends trocken Brot gegessen, um sich ein Buch zu erhungern. Auch jetzt, wo er es zu etwas gebracht hatte, war er der einfache, bescheidene Mann geblieben. Und so wollte er auch seine Kinder haben. Hansi schadeten die vielen Vergnügungen, da er sich dadurch für die Schule zersplitterte, wo er ohnedies kein besonderer Schüler war. Überhaupt ein Primaner brauchte noch nicht soviel auszugehen. Und die Ursel? Na, daß sie nicht mehr Ernst und Pflichtgefühl als Banklehrling bekam, wenn es heute eine Opernaufführung gab und morgen ein Konzert, das lag auf der Hand. Gerade von der Oper wollte der Professor sie doch fern halten. Viel zu sehr verwöhnt wurde sie ihm. Stets brachten die Brasilianer ihr Schokolade und Süßigkeiten mit. Aber dabei blieb's nicht. Kaufte sich Margarida seidene Strümpfe oder feine Lederhandschuhe, ihre Freundin Ursel mußte dasselbe haben wie sie. Bald war es ein Täschchen, bald Parfüm oder sonstige Luxusartikel, mit denen die Freundin Ursel überschüttete. Das Allerschlimmste aber war, daß der Professor mit seiner Annemarie diesmal nicht der gleichen Meinung war. Eine Mutter nimmt an jeder Freude ihres Kindes intensiveren Anteil als der Vater. Und Annemarie, die in ihrem ganzen Wesen so jung geblieben, so jung fühlte, genoß ganz besonders mit ihrer Ursel all das Schöne mit, was die brasilianischen Freunde ihr in ihr Leben trugen. Unrecht wäre es gewesen, dem Kinde die Freude zu zerstören. Ursel war so glücklich, so liebenswürdig heiter in dieser Zeit, daß es Frau Annemarie geradezu grausam erschien, ihr dieselbe zu trüben. Freilich, so ganz unrecht konnte sie ihrem Manne im Grunde ihres Herzens nicht geben. Sie sah es selbst ein, Ursel wurde über die Maßen verwöhnt, was bei ihr besonders gefährlich war. Bei ihrer Ältesten, der Vronli, in welcher die schlichte Einfachheit des Vaters lebte, hätten die Brasilianer mit ihrem Reichtum niemals Schaden angerichtet. Aber Ursel, an und für sich schon zum Wohlleben geneigt, verdrehten sie das blonde Köpfchen noch mehr, als es schon ohnedies der Fall war. Wie sollte das später werden, wenn die Tavares wieder nach Brasilien zurückgegangen waren? Würde sie dann nicht all den Luxus entbehren? Ach was, Ursel war ja klug. Die nahm das Zusammensein mit den Ausländern lediglich für eine angenehme Episode in ihrem Leben, wie auch Frau Annemarie es betrachtete. Später würde sie schon zur Vernunft kommen. Und überdies, man konnte die liebenswürdigen Aufmerksamkeiten der brasilianischen Geschwister nicht zurückweisen. Waren sie doch die einzige Art, in der sie sich für Ursels Unterrichtsstunden erkenntlich gegen sie zeigen konnten, da Ursel jede Bezahlung derselben stolz und energisch zurückgewiesen hatte. Mit diesem Argument pflegte Frau Annemarie ihre eigenen Bedenken, wie die ihres Gatten zu beschwichtigen.

Als Ursel im rosa Mullkleid, wie ein goldhaariges Feenkind anzuschauen, wieder auf die Terrasse heraustrat, war sie höchlichst verwundert, die Mutter, die sonst im Gespräch kaum weniger lebhaft war als ihr Töchterchen, still in die grünen Baumwipfel hinaussinnen zu sehen. Auch Milton Tavares rauchte schweigsam seine Zigarette. Margarida scheute sich immer noch zu sprechen, wenn man sie nicht gerade etwas fragte, da ihr die deutsche Sprache noch Schwierigkeiten machte.

»Nanu?« machte Ursel erstaunt. »Habt ihr euch miteinander gezankt? Die Unterhaltung ist ja kolossal lebhaft.«

Frau Annemarie strich sich mit der Hand über die Stirn, als könne sie damit all die lästigen Gedanken, die ihr soeben gekommen waren, ebenfalls fortwischen. In der Tat, sie hatte ihre Wirtinpflicht den jungen Gästen gegenüber vernachlässigt. »Ich überlegte nur etwas – – –« sagte sie, sich entschuldigend an die Geschwister wendend.

»Ich legte auch über«, pflichtete ihr der Brasilianer bei. Sein Auge hing wie gebannt an der reizenden Mädchenerscheinung unter blühendem Rosengerank.

»Hahaha –« das Schweigen, das noch eben schwer über den dreien auf der Terrasse gelegen, scheuchte Ursels glockenhelles Lachen.

»Also wenn ihr genug überlegt habt, können wir an die Arbeit gehen, Marga, erst kommst du heran.«

»Aber Ursel, du hast ja dein bestes Kleid angezogen, bist du denn ganz und gar nicht gescheit, Mädel?« Frau Annemarie erblickte erst jetzt ihre Tochter mit vollem Bewußtsein. »Gleich kleidest du dich um.«

»Ach, geliebter Muz, es ist das allerleichteste, was ich besitze. Und wenn Marga so fein ist, will ich mich auch schön machen«, bat das junge Mädchen.

»Nein, Ursel, du ziehst dich um. Es wird deinem Vater nicht so leicht, dir neue Kleider anzuschaffen.« Mit aller Energie verlangte es Frau Annemarie.

Ursel setzte ihr Trotzköpfchen auf. Milton Tavares aber rief: »Oh, Donna Ursel ist schön in jedes Kleid.« Da zerteilten sich die Wolken wieder auf der Stirn der jungen Dame, und sie kam dem Wunsche der Mutter nach.

Etwas später zogen Haydnsche Klänge aus dem Musikzimmer in den Garten hinaus. Ursel und Margarida waren eifrig bei der Arbeit. Zu Milton Tavares, der während der Klavierstunde von Ursel meist »rausgeworfen« wurde, denn »Kritik brauchen wir nicht«, wie sie zu sagen pflegte, hatte sich Hans Hartenstein gesellt. Ähnlich wie Margarida Tavares an Ursel hing, so hatte sich der Oberprimaner an den jungen Ausländer angeschlossen. Derselbe verkörperte für ihn alles, was Hans begehrenswert erschien. Daß er ein fescher, gutgekleideter junger Mann war, verstand Hans weniger zu würdigen, als seine Schwester Ursel. Aber daß der Brasilianer Zigaretten im Überfluß hatte, von denen er Hans freigebig spendete, daß derselbe niemals in der Geldklemme saß, wie es Hans des öfteren mit seinem bescheidenen Taschengeld erging, das fand er beneidenswert. Den größten Eindruck aber übte es auf den noch hinter Schulmauern schwitzenden Jungen aus, daß Milton Tavares in der Welt schon so weit herumgekommen war. Die weite, große lockende Welt da draußen, die verkörperte ihm der Brasilianer. Mit heißen Wangen, wie er früher seine Indianer- und Seefahrergeschichten verschlungen hatte, so lauschte Hans den Berichten aus einer andern fremden Welt. Und es stand fest bei ihm: Da muß ich auch mal hin! Nur zu gern malte Milton dem jüngeren Gefährten seine schöne Heimat in den glühendsten Farben; liebte er sie doch mit dem Feuer, das seiner Rasse eigen. Sehnte er sich doch, gerade so wie Schwester Margarida, des öfteren aus dem unschönen, nüchternen Berlin in sein farbenprächtiges Vaterland heim. Vor Ursel durfte er derartige Gedanken und Vergleiche, die zuungunsten Berlins ausfielen, nicht laut werden lassen. Ein um so dankbarerer Zuhörer war Hans Hartenstein für alles, was mit dem Drüben jenseits des Ozeans zusammenhing.

Auch heute ließ Hans sich zum so und so vielten Male, während er neben Milton die Gartenwege zigarettenpaffend auf und nieder schritt, von den Herrlichkeiten der Tropenwelt berichten. Der Professor, der an seinem Spalierobst bastelte und ab und zu Brocken der begeisterten Schilderungen aufschnappte, rief zu seinem Jungen herüber: »Du, Hansi, rauche nicht wie ein Schornstein! Ein, auch zwei Zigaretten meinetwegen. Aber mehr ist halt vom Übel. Die Lungen eines heranwachsenden Buben sind noch nicht so widerstandsfähig.«

»Ach was, im nächsten Monat bin ich achtzehn, da bin ich kein Bube mehr«, verteidigte Hansi seine Männerwürde vor dem älteren Freunde.

»Ein Schulbub bist und bleibst du vorderhand noch. Und das schickt sich nimmer, daß ein Primaner so arg qualmt.« Professor Hartenstein war nicht gewöhnt, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

»Ja, leider bin ich noch ein Schuljunge, leider! Aber nicht mehr lange – Gott sei's getrommelt! Dann geht's hinaus in die Welt – hinüber nach Südamerika. Dann will ich all das Herrliche mit eigenen Augen schauen, von dem Milton Tavares erzählt. Nicht wahr, Sie nehmen mich mit auf Ihre Kaffeeplantage?« Der sonst so ruhige Junge war gar nicht wieder zu erkennen.

»Freilich, Hans. Ein tüchtiges garçon, wie Sie, macht in Brasilien seine Glück«, bestärkte ihn der Ältere.

»Hören Sie, Herr Tavares, tun Sie mir halt den Gefallen und setzen Sie dem Bub keine Flausen in den Kopf. Er nimmt Spaß für Ernst. Er soll in seiner deutschen Heimat ein tüchtiger Mensch werden, und nicht fernen Glücksmöglichkeiten nachjagen.« Der Professor hatte mit Nachdruck gesprochen.

»Tüchtiges Mensch man kann werden überall in Welt«, entgegnete der Ausländer. »In Brasilien Leute sein reich. Deutsches Land sein arm.«

»Ja, leider – leider! Das hat der unselige Weltkrieg aus uns gemacht. Darum aber, gerade darum hat ein jedes Kind Deutschlands die Verpflichtung, alle Kräfte daran zu setzen, in seinem Vaterlande etwas Tüchtiges zu erreichen und Deutschland wieder zu Ehre und Ansehen zu verhelfen.«

Nein, was der Vater sich ereiferte. Hans bemerkte es mit höchlichem Erstaunen. Noch war es ja gar nicht so weit. Leider! Vorläufig lag noch über ein halbes Schuljahr bis zum Abiturium vor ihm. Kam Zeit, kam Rat – na also!

Das Gespräch, bei dem sich Professor Hartenstein, der ruhige Mann, so in Eifer geredet, ging ihm nach. Es beschäftigte ihn sogar noch, als er nach dem Essen mit seiner Annemarie den allabendlichen Spaziergang in den mit blühenden Linden bestandenen Wegen, die aufs freie Gelände hinausführten, machte. Draußen im Garten schlug Hans mit Margarida trotz einbrechender Dämmerung die Krocketkugeln. Drinnen sang Ursel Schubertlieder zu Miltons Begleitung; denn dieser war nicht nur ein vorzüglicher Geiger, auch auf dem Klavier zeigte er feines musikalisches Verständnis.

Auch Frau Annemarie war heute gegen ihre Gewohnheit schweigsam. Und merkwürdig – die geheimen Gedanken der beiden Ehegatten, die sonst alles, was sie beschäftigte, gegeneinander auszusprechen pflegten, drehten sich um denselben Punkt. Den Brasilianern galt ihr Sinnen, die Einfluß auf ihre Kinder bekommen hatten, sie möglichenfalls aus den ruhigen Bahnen der breiten Alltäglichkeit hinauslocken konnten in ungewisse Fernen.

Im Gras zirpten die Heimchen. Die Vögel flogen zu Nest. Und die Linden dufteten.

Annemarie war es, die zuerst das Schweigen brach.

»Du, Rudi – ein sehr unterhaltsamer Gesellschafter bist du heute gerade nicht.« Mit Gewalt scheuchte sie die quälenden Gedanken und zwang sich zu unbefangener Heiterkeit. »An welche Operation denkst du augenblicklich?«

»An eine besonders schwierige, Weible. Physische Operationen sind mir geläufig. Aber in psychischen bin ich halt weniger bewandert.«

»Hu – das klingt ja gräßlich gelehrt. Was für eine Seelenoperation hast denn du vorzunehmen, Rudi?«

»Ich trage mich den ganzen Abend schon mit dem Gedanken, ob es nicht richtiger wäre, die Besuche der jungen Tavares, so nett und liebenswürdig auch die beiden sind, nach Möglichkeit einzuschränken. Natürlich, ohne daß es auffällt, verletzen dürfen wir die lieben jungen Menschen, die sich unseren Kindern gegenüber so freundlich erweisen, nimmer. Ich trau dir halt den richtigen Herzenstakt dabei zu, Annemarie.«

»Danke für die gute Meinung. Aber es ist merkwürdig, Rudi, du sprichst das aus, woran ich selbst schon den ganzen Abend habe denken müssen, was auch mir Sorgen macht. Leicht wird die Aufgabe, die du mir stellst, nicht sein. Du kennst doch Ursels Trotzköpfchen. Gerade was man ihr verwehrt, wird ihr doppelt begehrenswert erscheinen.«

»Herzle, auf Ursel kommt mir's dabei gar nicht so arg an. Die wird allenfalls durch die ausländischen Freunde noch verwöhnter, als sie schon ohnedies ist. Nun, das werden wir ihr halt wieder 'naustreiben. Aber der Hansi – der macht mir Sorge, der Bub. Den Schilderungen des Brasilianers von dem Lande jenseits des Ozeans lauscht er wie einem schönen Märchen. Der Unternehmungsgeist, der Drang in die Ferne, der jedem Buben innewohnt, wird dadurch halt auf eine reale Basis gestellt. Darin besteht die Gefahr. Er hat mir bereits heute erklärt, daß er mit hinüber will nach Brasilien – – –«

»Der Hansi?« unterbrach Frau Annemarie den Gatten ganz betroffen. »Von dem Hansi redest du?«

»Ja, freilich, von wem sonst? Schau, Annemarie, der Bub ist nicht phantastisch, aber zäh ist er. Er darf sich das nicht in den Kopf setzen. Und darum – besser ist besser. Je früher man einschreitet, je kleiner ist der gefährliche Herd, den es zu vernichten gilt. Darin sind physische und psychische Operationen sich gleich.«

Zu des Professors größtem Erstaunen lachte Annemarie statt jeder anderen Antwort plötzlich hell und befreit auf.

»Der Hansi – ach, Rudi, da machst du dir unnütze Sorgen. Da siehst du Gespenster, wo es keine gibt. Der Hansi mit seinem beneidenswerten Phlegma sollte sich zu einer solchen Weltreise aufraffen – eher fahren wir beide nach Brasilien. Nein, um unsern Jungen ist mir ganz und gar nicht bange. Aber mit der Ursel steht die Sache anders. Der junge Tavares macht ihr den Hof, was bei einem jungen, eitlen Dinge natürlich nicht ohne Eindruck bleiben kann.«

»Lari – fari – Kinderei! Es werden sich noch mehr finden, die der Ursel den Hof machen. Sie ist doch halt dein Ebenbild.« Der Professor zog den Arm Annemaries liebevoll an sich. »Deshalb wird er ihr nicht gleich gefährlich werden. Unser Ursele vergafft sich nimmer in den Erstenbesten.«

»Aber wenn dieser Erste für sie nun auch der Beste wäre?« gab Frau Annemarie zu bedenken. »Vorläufig freut sie sich noch wie ein Kind an seinen Huldigungen. Aber heute haben beide Tavares bereits davon gesprochen, daß Ursel mit ihnen nach Brasilien gehen müßte – – –«

»Hahaha«, jetzt lachte der Professor. »Der Hansi und die Ursel, gleich alle beide. Vielleicht nehmen sie's Vronli auch gleich noch mit. Na, und was hat sie ihm denn halt darauf geantwortet, unser Nesthäkchen?«

»Ausgelacht hat sie ihn. Zur Stippvisite zwischen Kaffee und Abendbrot will sie mal mit herankommen nach Brasilien.«

»Also schau, Frauli, da haben wir's ja. Die Ursel nimmt die Ausländer überhaupt nicht ernst. Die amüsiert sich halt mit ihnen. Wenn wir den Verkehr etwas einschränken, wird das auch für unser verwöhntes Prinzeßchen von Nutzen sein. Daß sie wieder etwas weniger anspruchsvoll wird. Aber sonst hat's keine Gefahr mit der Ursel. Diesmal hast du halt Gespenster gesehen, gelt, mein Liebes?«

»Also wir alle beide, Rudi. Jetzt ist mir wieder leicht ums Herz. Ach, es ist doch gut, daß wir uns gegenseitig alles Schwere von der Seele reden können ...« Annemarie drückte die Hand ihres Mannes.

Als die beiden von ihrem Spaziergang heimkehrten, dunkelte es bereits. Aus dem Musikzimmer fiel ein strahlendes Lichtbündel hinaus auf den schwarzen Weg. Ursel und Milton musizierten dort noch immer miteinander, während Margarida, Hans und Cäsar das Publikum bildeten.

Durch den lindenschweren Abend zogen die süßen Klänge des Mignonliedes: »Kennst du das Land ...«

Und dann zum Schluß die jubelnde Stimme der jungen Sängerin: »Dahin – dahin – will ich mit dir, du mein Geliebter, ziehn.«

10. Kapitel. Ein ereignisreicher Tag.

Unerträglich war es jetzt an der Bank. Ein Teil der Beamten war auf Sommerurlaub. Das zurückbleibende Personal durch Vertretung der Davongedampften besonders stark mit Arbeit überhäuft. Selbst ein kleiner Banklehrling, der doch nur das winzigste Schräubchen in der großen Maschine bildete, mußte seine Kräfte verdoppeln und verdreifachen, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Das war recht wenig nach Ursel Hartensteins Geschmack. Für anstrengende Arbeit hatte sie noch nie viel übrig gehabt. Und nun noch gar in bezug auf Banktätigkeit, wo sie sowieso schon jeden schönen Sommertag, den sie dort zubringen mußte, als einen verlorenen ihres Lebens betrachtete. Ursel dachte gar nicht daran, ihre Kräfte auch nur zu verdoppeln. Sie ließ sich mehr gehen als je, leistete sich noch mehr Faseleien als im Anfang. Herr Müller, reif für die Sommererholung, nervös und überarbeitet, unterließ sein verbindliches »Wenn ich bitten darf«, und machte den unbrauchbaren Banklehrling in höchst unverbindlicher Weise auf seine Fehler aufmerksam, Ursel mit ihrem Hitzkopf ließ sich Abkanzeleien nicht gefallen, besonders nicht vor dem ganzen Publikum der Kollegen. Es gab unerquickliche Szenen, die nicht dazu angetan waren, Ursel ihren Aufenthalt in dem großen Bureau angenehmer zu machen. Herr Rumpler mit dem Leberfleck, der ihr über manche Klippe hinweggeholfen, war auf Urlaub. Und die andern hatten alle mit sich selbst und ihren Vertretungen genug zu tun, um auch noch Ursels Dummheiten auszubessern.

Heute war es wieder recht scharf zwischen Herrn Müller und dem blonden Banklehrling zugegangen. Der Vorgesetzte machte mit Recht Ausstellungen an einigen Briefen, die Ursel zu erledigen gehabt hatte. Diese verteidigte sich in ungehörigem Ton. Die Unterhaltung verschärfte sich. Herr Müller wollte sich nicht länger mit einem aussichtslosen Banklehrling herumquälen und mit dem Direktor Rücksprache nehmen, daß es ein Ende haben müsse. Worauf Ursel ihre Bücher impulsiv zuklappte und zum Entsetzen der Kollegen mit den Worten: »Sie können mich gleich los werden – je eher, um so lieber!« den Bankraum, der ihr so unsympathisch war, verließ.

Und nun stand sie draußen und atmete tief auf. So – dieser Abschnitt ihres Lebens lag hinter ihr.

»Zehn Pferde bringen mich hier nicht wieder hinein!« murmelte sie in wütend energischem Ton vor sich hin. »Und auch nicht Vaters Wort oder Muttis Bitten«, setzte sie noch hinzu. Diese Gedankenrichtung gab ihr doch einen kleinen Stich ins Herz. Zu Hause würde es einen Tanz setzen. Zweifelsohne. Na, das mußte durchgekämpft werden. Das Ziel lohnte es ja. Frei sein – wieder ganz frei sein von dem verhaßten Frondienst! Wie war es nur möglich, daß die meisten der jungen Kolleginnen mit Lust und Liebe die ihnen obliegenden Pflichten an der Bank erfüllten? »Lebendige Rechenmaschinen« nannte Ursel sie. Freilich, der Vater würde ihre Handlungsweise unerhört finden, der würde ihr derbe Vorwürfe machen. Na ja, peinlich mochte es ihm ja auch dem Bankdirektor Hildebrandt gegenüber sein. Aber wozu hatte er sie denn erst zum Bankberuf gezwungen. Sie hatte ja damals gleich, wenn auch halb im Scherz, gedroht, daß sie eines schönen Tages durchbrennen oder sich rausschmeißen lassen würde. Nun hatte man den Salat. Guten Appetit dazu!

Nach Haus zu fahren hatte sie eigentlich noch gar keine Lust. Zu der elterlichen Standpauke kam sie immer noch früh genug. Zur Großmama ihre Zuflucht nehmen mochte sie auch nicht. Dort kam ihr jetzt alles verödet vor, seitdem die Tavares nach Pyrmont gereist waren. Marga war ein wenig bleichsüchtig, da hatte Professor Hartenstein ihr den Aufenthalt in einem Stahlbad verordnet. Und der Bruder war als ihr Dolmetscher und Beschützer mitgereist. Eigentlich wäre Milton Tavares viel lieber in Berlin geblieben, was auch Ursel ungleich netter gefunden hätte. Aber Frau Annemarie hatte ihm vorgestellt, daß er die junge, unselbständige Schwester, die noch nicht einmal der deutschen Sprache mächtig war, nicht allein in die Welt hinausfahren lassen könne. So waren sie nun beide fort, schon seit vierzehn Tagen. Eine Ewigkeit erschienen sie Ursel. Man hätte es gar nicht glauben sollen, wie ihr die gemeinsamen Musikabende fehlten. Ganz vereinsamt kam sie sich vor. Und doch hatte es noch vor kurzem eine Zeit gegeben, wo sie noch gar nichts von den Tavares gewußt hatte. Wie sollte das erst werden, wenn die Freunde mal endgültig Deutschland verließen und in ihre Heimat zurückkehrten? Ursel mochte gar nicht daran denken. Ihre beiden Schulfreundinnen Edith und Ruth hatte sie um der neuen Freundschaft willen arg vernachlässigt. Die beiden waren schon ganz eifersüchtig auf die junge Brasilianerin, die Ursel Hartenstein jetzt immer mit Beschlag belegte. Na, nun hatte sie ja wieder mehr Zeit, sich ihnen zu widmen, wenn sie nicht mehr jeden Morgen in ihren Käfig mußte. Am Tage freilich waren die beiden Freundinnen beruflich beschäftigt. Nun, sie würde auch nicht zu Hause rumsitzen. Jetzt würde sie ernstlich Musik studieren. Alle Kraft einsetzen, etwas zu erreichen. Des Vaters Versuch, sie in einen kaufmännischen Beruf zu pressen, war jämmerlich gescheitert. Nun trat die Musik in ihre Rechte. Hurra! Eigentlich mußte sie doch dem Zufall oder vielmehr Herrn Müller von Herzen dankbar sein, daß er sie an die Luft gesetzt hatte. Wenn nur nicht das beklommene Gefühl gewesen wäre, da irgendwo in der Kehle, als ob einem dieselbe plötzlich zu eng geworden sei. Feigheit – Angst – nein, das paßte doch gar nicht zu ihrer sonstigen Unverfrorenheit.

Nichtsdestoweniger wurden die Schritte des entlaufenen Banklehrlings langsam und immer langsamer, je mehr sich Ursel der elterlichen Villa näherte.

Den mit Männertreu eingefaßten Rabattenweg kam ihr Cäsar, sie freudig anbellend, bewillkommend entgegen.

»Du hast's gut, Cäsar, dir bleiben solche unangenehmen Situationen erspart«, sagte Ursel neidisch. »Ich wollte, die nächste Viertelstunde wäre erst vorüber!«

In dem Biedermeierzimmer mit den hübschen Möbeln hatte Frau Annemarie Teebesuch von Ihrer Freundin Margot Thielen. Die beiden Damen hatten sich heiße Backen geredet. Ihre lebhafte Unterhaltung brach jäh ab, als Ursel die Tür öffnete.

»Nanu? Heute schon so früh, mein Herzchen? Auguste kann dir noch eine Tasse Kakao kochen. Hier hast du Kuchen dazu. Und dann laß uns noch ein Weilchen allein, Kind. Tante Margot hat etwas Wichtiges mit mir zu besprechen.«

»Nanu?« dachte jetzt Ursel. Auch hier wurde sie rausgeworfen – heute nun schon zum zweiten Male. Die Mutter ließ ihr kaum Zeit, ihren Gast zu begrüßen. Nein, wie Tante Margots sonst so blasse Wangen brannten! Ging es der am Ende so wie ihr, war sie etwa auch an die Luft gesetzt worden? Onkel Hans hatte es ja schon mit verschiedenen Wirtschafterinnen und Hausdamen so gemacht. Jedenfalls war es ganz gut, daß Mutti von Tante Margot so stark in Anspruch genommen war, daß sie gar kein Interesse dafür hatte, warum ihre Tochter heute zu so ungewohnt zeitiger Stunde aus dem Bureau heimkehrte.

Erleichtert machte Ursel die Tür hinter sich zu. Für eine Weile war die peinliche Angelegenheit aufgeschoben.

Neugierig war Ursel nicht. O nein. Wenn sie auch gar zu gern gewußt hätte, ob Tante Margot in der Tat rausgeflogen sei.

Das junge Mädchen konnte nichts dafür, daß das Tischchen, an dem sie sich mit Cäsar und ihrem Kakao und Kuchen auf der Terrasse niederließ, gerade unweit des geöffneten Fensters, das zu dem Biedermeierzimmer führte, stand. Sie konnte sich doch auch unmöglich die Ohren verstopfen, um nichts von dem Gespräch der beiden Damen zu erlauschen. Im Gegenteil, Ursel spitzte ihre rosigen kleinen Ohren angestrengt und fand es rücksichtslos, daß man drinnen im Biedermeierzimmer so leise sprach. Trotzdem drangen Bruchstücke der Unterhaltung bis auf die Terrasse hinaus.

»Siehst du, Annemarie, deshalb bin ich zu dir gekommen«, hörte Ursel Tante Margot mit gedämpfter Stimme sagen. »Ich weiß, du bist immer ehrlich. Gib mir auch heute deinen ehrlichen Rat. Sag, ist es nicht besser, ich verlasse das Haus?«

Na also! Die schlaue Ursel hatte es ja gewußt, daß es darauf hinauslief.

»Du bist ja ganz und gar nicht gescheit, Margot«, hörte Ursel jetzt ihre Mutter laut und lebhaft sagen. »Deshalb willst du Hans und seine Jungen im Stich lassen? Wo du ihnen nun endlich wieder ihr Heim und ihr Leben freudig gestaltet hast? Hältst du meinen Mann wirklich für so grausam?«

Ursel biß nachdenklich in ihre Brezel. Was hatte denn ihr Vater mit der Angelegenheit zu tun? Vielleicht hatte sich Mutti nur versprochen und wollte »mein Bruder« sagen. Ja, so war es sicher. Schade, daß man nicht verstand, was Tante Margot entgegnete. Sie sprach wirklich unerhört leise.

»Still, Cäsar, kusch dich!« Ursel klopfte beruhigend das Fell des ob einer ihm um die Nase surrenden Fliege unruhig werdenden Gefährten.

Mutters Stimme klang laut und hell. »Nein, Margot, Rudi –« also doch der Vater – »wird ebenso glücklich sein wie ich, daß er Hans und die Jungen bei dir so gut aufgehoben weiß. Keine bessere, keine würdigere könnte er an die Stelle seiner Schwester Ola sehen.«

Ursel zuckte die Achsel. Das war doch schon was Altes, daß Tante Margot an Stelle der verstorbenen Tante Ola Hausdame bei Onkel Hans war. Deshalb lohnte es sich wirklich nicht, sein Gehör so anzustrengen.

»Ja, meinst du wirklich, Annemie? Wird es deinem Manne nicht weh tun? Handle ich nicht treulos gegen Ola? Du glaubst es gar nicht, in welchem seelischen Zwiespalt ich seit gestern abend bin, wo dein Bruder Hans mit mir gesprochen hat. Ich habe ihm eine ausweichende Antwort gegeben. Denn mein Entschluß stand fest: Ich mußte nach Lichterfelde und eure Ansicht hören. Das war meine erste Pflicht. Ich wollte nicht treulos gegen euch handeln.« Tante Margots sonst so ruhige Stimme klang erregt.

»Du bleibst dir immer gleich, Margot, in deiner selbstlosen Pflichtauffassung, selbst wenn sie gegen dein Interesse ist. Aber du hast auch noch eine andere Pflicht. Die gegen Hans und gegen dich selbst. Glaubst du, ich habe es nicht gemerkt, daß du schon seit unserer Backfischzeit« – nein, solche Bosheit! Jetzt wurde Mutters Stimme ganz leise, gerade jetzt, wo es interessant wurde. »Ja doch, Margotchen, ich bin ja schon still, ich rede kein Wort mehr.« Laut und lachend klangen Mutters Worte jetzt wieder. »Eine schönere Nachricht hättest du uns gar nicht bringen können, mein Herz. Und wie ich, denkt auch ganz gewiß mein Mann.«

»Was denkt dein Mann?« hörte Ursel des Vaters Stimme dazwischen. Er mußte wohl inzwischen das Biedermeierzimmer betreten haben.

»Daß uns Margot keine bessere Nachricht bringen kann, als – – – hiergeblieben, Margot! Nicht ausgekniffen! Ich sage es Rudi ins Ohr, wenn es dir peinlich ist, es mit anzuhören.«

Ursel da draußen auf der Terrasse schüttelte den blonden Kopf. Da mochte ein anderer draus klug werden. Schöne Nachricht – wie stimmte das damit zusammen, daß es Tante Margot vor dem Vater so peinlich war? Das ließ doch wieder darauf schließen, daß es sich dennoch um ihre Entlassung handelte. Tante Margot hatte ja auch vorhin geäußert, sie wolle gehen.

»Gratuliere – gratuliere von ganzem Herzen!« Die lauschende Ursel fuhr bei des Vaters lebhafter Stimme so ungestüm empor, daß sie den sanft zu ihren Füßen träumenden Cäsar unsanft auf den Schwanz trat. Aber die drinnen achteten nicht auf Cäsars Wehklage. Die hatten Wichtigeres zu tun. Ursel, die sich vorsichtig zu dem Fenster gepirscht hatte, um etwas zu erspähen, sah mit Staunen, daß ihr Vater Tante Margot, die wieder knallrote Backen hatte, auf dieselben küßte. »Eine liebere Nachfolgerin meiner Ola hätte der Hans nimmer wählen können, Margot. Ich weiß es, die teure Verstorbene selbst wäre glücklich darüber. Nun wollen wir uns aber den merkwürdigen Bräutigam mal telephonisch langen, der seine Braut vorausschickt, um das Feld zu rekognoszieren. Und eine Bowle wird halt angestellt für den Abend, Fraule.« Der Professor sprach aufs innigste erfreut.

Braut – Bräutigam in – Ursels Hirn begann es zu dämmern. Sie stand starr.

»Aber Rudi, Hans weiß ja gar nichts davon, daß ich zu euch herausgefahren bin«, wandte Tante Margot lachend ein.

»Macht nix – her muß er. Ich werde ihm sagen, seine Braut vergehe vor Sehnsucht – – –«

»Nein – nein!« Tante Margot hielt dem Vater den Mund zu. »Das bin ich ja überhaupt noch gar nicht. Ich habe ihm noch keine bindende Antwort gegeben, ehe ich nicht mit euch gesprochen hatte. Davongelaufen bin ich, als er gestern gar so sehr in mich drang.«

»Um so besser – so feiern wir heute abend hier draußen Verlobung.«

»Verlobung – was – auf ihre alten Tage wird Tante Margot noch junge Frau?« entfuhr es der blonden Lauscherin an dem Fenster.

»Holla – ein neugieriger Spatz hat sich da gefangen.« Mit einem Griff hatte der Vater die Ursel am Ohr. »Aber Urselchen, schämst du dich denn gar nicht?« drohte die Mutter.

»Na, wenn ihr so laut redet, könnt ihr euch nicht wundern, wenn die Spatzen es von den Dächern pfeifen«, gab Ursel schlagfertig zur Antwort. Mit neugierigen Augen blickte sie auf Tante Margot. Alt sah die in der Tat noch nicht aus. Eigentlich ganz zart und jugendlich mit ihrem schmalen Gesicht und dem weichen, braungescheitelten Haar. Aber immerhin – eine Braut hatte sich Ursel doch ganz anders vorgestellt.

»Ei, und der Glückwunsch – wo bleibt denn der, Ursel?« erinnerte der Vater.

»Erst muß sie richtig verlobt sein, eher gratuliere ich nicht. Onkel Hans kann sich ja inzwischen anders besonnen haben. Wenn ich mal Braut bin, kriegt es zuerst überhaupt keiner zu erfahren, als ich und der betreffende Glückliche. Das denke ich mir viel interessanter«, meinte Ursel.

»Deine Mutter auch nicht, Ursel?« fragte Frau Annemarie lächelnd.

»Du, meine kleine Muzi. Ja, du sollst es wissen«, versprach Ursel. »Wir beide sind ja Freundinnen.«

»Erst die Nas, dann die Brille, du Klugschnack«, lachte sie der Vater aus. »Leiste du halt erst was Tüchtiges an der Bank.«

Die Bank – haach! – wie ein Dolchstoß durchfuhr das Wort Ursels Brust. Sie hatte es über Tante Margots interessante Neuigkeit total vergessen, was ihr vorher schwer auf der Seele gelastet hatte. O Gott – was nun? Sollte sie die gute Stimmung der Eltern ausnutzen? Das war sicher das Klügste. Ein Kopfsprung von oben herab wie beim Schwimmen, wenn das Wasser besonders kalt war.

»An der Bank bin ich heute zum letztenmal gewesen!« So – da war sie kopfüber drin.

»Was?!« fragten Vater und Mutter wie aus einem Munde. Und der Professor fügte stirnrunzelnd hinzu: »Soll das ein schlechter Witz sein, Ursel? Sonst muß ich halt bitten, dich deutlicher zu erklären.«

»Da ist weiter gar nichts zu erklären. Ich gehe nicht mehr zur Bank«, antwortete Ursel mit schuldbewußtem Trotz.

»Ja, Ursel, was soll denn das heißen?« rief die Mutter erschreckt. »Hat man dir etwa zu verstehen gegeben, daß du nicht wiederkommen sollst?« Nun schlug die Brandung über ihr zusammen.

»Halb zog sie ihn – halb sank er hin!« Unwillkürlich kamen der unverbesserlichen Ursel diese Worte aus Goethes Fischer. »Halb bin ich geflogen – halb bin ich gegangen. Und das ist auch gut so. Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Ich eigne mich nun mal nicht zur Bankbeamtin.«

»Und an die Schande, die du mir machst, wie peinlich mir das dem Bankdirektor gegenüber sein muß, scheinst du gar nicht zu denken!« Der Professor sprach immer noch ruhig, aber drohende Wolken hatten sich auf seiner Stirn geballt. »Kindisch, unüberlegt und unbeherrscht hast du gehandelt. Wenn du dir ein Versehen in deiner Tätigkeit hast zuschulden kommen lassen, so ist es an dir, um Entschuldigung zu bitten. Das verlang' ich von dir.«

»Ich, um Entschuldigung bitten? Dem Müller vielleicht noch Abbitte leisten? Eher gehe ich in die Spree!« rief Ursel hitzig.

»Da ist's halt kalt und naß. Obwohl eine kalte Dusche dir augenblicklich gar nichts schaden könnte.« Seltsam stach des Vaters Ruhe gegen seine temperamentvolle Tochter ab. »Ich werde mit Direktor Hildebrandt sprechen und die Sache wieder einzurenken suchen.«

»Gib dir bloß keine Mühe, Vater. Jedes Wort ist umsonst. Ich hab' dir den Gefallen getan und bin zur Bank gegangen. Was draus geworden ist, siehst du. Ein zweites Mal laß ich mich nicht wieder in den Kerker hineinsperren. Ich bin froh, daß die Bombe geplatzt ist. Jetzt studiere ich Musik.«

»Und wer gibt dir das Geld dazu? Ganz abgesehen von unsrer Erlaubnis, nach der du ja nicht mehr zu fragen scheinst.« Nur Annemarie, die ihren Mann so genau kannte, hörte den zurückgehaltenen Sturm aus seinen beherrschten Worten.

»Tavares geben mir, soviel ich haben will«, stieß Ursel trotzig heraus.

»Aha – die Brasilianer. Von Fremden willst du Geld annehmen. Schämst du dich nicht, so wenig Stolz zu besitzen?«

»Tavares sind keine Fremden, sondern meine besten Freunde.« Um Ursels Lippen begann es zu zucken. Sie kämpfte tapfer gegen Tränen.

»Was sie für einen guten Einfluß auf dich ausgeübt haben, sehe ich halt heut' – – –«

»Tavares können nichts dafür, wenn ich von der Bank weglaufe«, begann Ursel die Freunde erregt zu verteidigen. »Milton Tavares hat mir oft genug gut zugeredet, sonst hätte ich den ganzen Krempel schon längst hingeschmissen. Er war es, der mir immer wieder gesagt hat, daß die Musik nur für Muße- und Feierstunden da sein soll. Nicht, um damit Geld zu verdienen. Der kann am allerwenigsten was dafür.«

»Ich freue mich, daß der junge Mann wenigstens darin vernünftige Ansichten zeigt. So – und nun wollen wir das unerquickliche Gespräch abbrechen. Wenn du zur Vernunft gekommen bist, kannst dich bei mir melden.« Der Professor verließ ärgerlich das Zimmer.

»Den Tag werden wir alle beide nicht erleben«, murmelte Ursel mit geballten Händen vor sich hin.

Kopfschüttelnd betrachtete Frau Annemarie ihr zorniges Nesthäkchen. »War es wirklich nötig, Ursel, daß du uns hier eine derartige Szene machst? Gerade heute, wo wir solch eine freudige Nachricht von Tante Margot erhielten. Nun hast du uns die frohe Stimmung gründlich verdorben. Sieh nur, wie blaß Tante Margot ausschaut. Mußte sie auch gerade Zeuge deines ungehörigen Wortwechsels mit dem Vater werden.« Ganz traurig sah die Mutter drein.

Ursel wäre ihr am liebsten um den Hals gefallen und hätte sich dort alles Schwere von dem Herzen geweint. Aber das ließ ihr Stolz nicht zu. Solch ein Schauspiel mochte sie Tante Margot denn doch nicht geben.

So sagte sie nur schuldbewußt: »Ich kann nichts dafür, wenn die Sache derartig aufgebauscht wird.« Nur schnell hinaus aus dem Biedermeierzimmer. Höchste Zeit war es. Länger wollten sich die Tränen absolut nicht zurückhalten lassen.

Bei all ihrem Pech, das Ursel an diesem Tage verfolgt, war sie nun mal ein Glückskind. Das frohe Familienereignis ließ sowohl bei dem Professor, wie bei seiner Frau keine lange Ungehaltenheit aufkommen. Als Hans Braun mit frohen Augen erschien, um mit Margot Thielen ein neues Lebensglück zu begründen, als die Pfirsichbowle in den Römern funkelte, da meldete sich auch die gute Laune wieder bei dem Hausherrn. Frau Annemarie mit ihrem leichten Temperament pflegten derartige Szenen überhaupt nicht allzu lange nachzugehen. Sie war glücklich, daß sie den Bruder und die Freundin so glücklich sah. Mit Ursel würde die Sache schon wieder in Ordnung gebracht werden. Sie war ein verzogenes Mädel, das erst zur Vernunft kommen mußte.

Ursel selbst saß mit bitterbösem Gesicht vor ihrem Glas Pfirsichbowle. Weder die lustigen Scherze, die hin- und herflogen, weder Hansis Neckereien und Anzapfungen, wegen ihres Weltschmerzes, noch die Bowle selber wollte ihre Stimmung heben. Stumm starrte sie vor sich nieder und dachte immer nur das Eine: »Ich gehe bestimmt morgen nicht wieder zur Bank!«

11. Kapitel. Schicksalswendung.

Was Ursel sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, dabei blieb sie auch. Schon als Kind hatte sie solchen Dickschädel, gegen den man allenfalls im Guten etwas ausrichten konnte.

Sie überhörte Trudes Klopfen am andern Morgen zur gewohnten Zeit geflissentlich. Sie erschien erst am Frühstückstisch, als der Vater bereits in der Sprechstunde tätig war.

»Ja, wie denkst du dir das nun eigentlich, mein Kind?« begann Frau Annemarie, die auf der Terrasse selbstgezogene Bohnen abfädelte, das heikle Thema anzuschneiden. »Du kannst doch nicht einfach von der Bank ohne Entschuldigungsgrund fortbleiben. Du bist Bankangestellte und daher verpflichtet, die Bureaustunden pünktlich innezuhalten, wenn du nicht vorher gekündigt hast.«

»So kündige ich sofort.« Ursel sprang so ungestüm auf, daß der Kakao aus der Tasse schwippte. »Und bis zum Ersten melde ich mich einfach krank.«

»Das wird dir dort nur keiner nach der gestrigen Auseinandersetzung glauben, mein Kind. Und der Vater wäre der letzte, der dir ein ärztliches Attest darüber ausstellen würde.«

»So mag Müller die Sache ins reine bringen. Er war derjenige, der mir zuerst gesagt hat, es ginge nicht so weiter mit mir, es müßte ein Ende haben. Er wollte ja mit dem Bankdirektor deswegen sprechen. Nun kann er's ja – bitte sehr!« Wie ein ungezogenes Kind sprach die erwachsene Ursel.

»Ein ganz unreifes Mädel bist du. Wenn nun jeder der Bankbeamten plötzlich fortbleiben möchte, ohne Kündigung, sobald der Vorgesetzte mal irgend etwas auszusetzen hat. Denk nur, zu welchen Konsequenzen das führen würde. Unbedingt muß ein erklärender und entschuldigender Brief an den Bankdirektor abgehen. Falls Vater nicht Wert darauf legt, daß es persönlich geschieht.«

»Dann mag er's persönlich tun. Ich gehe weder zur Bank, noch zum Bankdirektor.« Der ganze Eigensinn ihrer Kinderzeit sprach aus Ursels Worten. Frau Annemarie kannte ihr Nesthäkchen. Sie wußte, augenblicklich war auf diesem Wege nichts zu erreichen.

»Und was gedenkst du jetzt zu tun? Will das gnädige Fräulein baronisieren?« fragte sie.

Ursel sah die Mutter unsicher an. Sie war nicht gewöhnt, daß dieselbe ironisch mit ihr sprach. Sie mußte sehr ärgerlich auf sie sein.

»Gebt mich auf die Opernschule oder auf irgendein gutes Musikkonservatorium, wo ich mich ausbilden kann. Laßt mich ernsthaft Gesang studieren. Dann werdet ihr Freude an mir haben. So mache ich euch ja doch bloß Kummer und Scherereien.« Das letzte kam leise heraus. Man hörte es deutlich, daß Ursel der Mutter traurige Augen, die sonst stets heiter zu blicken pflegten, zu Herzen gingen!

»Es ist doch ein gutes Kind«, dachte Frau Annemarie und ihr Gesichtsausdruck bekam wieder die ihm eigene Freundlichkeit. »Du mußt das diesmal mit dem Vater allein ausfechten, Ursel«, sagte sie trotzdem in bestimmtem Tone. »Einmal habe ich mich für dich verwendet, aber du hast dein Versprechen nicht eingehalten. Nun sieh selbst zu, wie sich der Vater zu deinen Absichten stellt. Ich will Ruhe und Frieden im Hause haben.« Die Mutter ging mit ihrer Bohnenschüssel zur Küche und ließ ihre Tochter mit einem recht unbehaglichen Gefühl zurück.

Ach, der Ursel war es zumute, als ob alles unter ihren Füßen zu schwanken begann. Fest hatte sie darauf gehofft, daß die Mutter wieder für sie Partei ergreifen und den Vater ihren Wünschen geneigt machen würde. Nun war es damit Essig. Allein sollte sie ihre Sache verfechten. Sie war ja nicht feige – ganz und gar nicht. Aber merkwürdig, des Vaters Ruhe wirkte auf sie entgegengesetzt. Dieselbe reizte sie. Sie wurde dabei hitzig und ungehörig im Ton dem Vater gegenüber. Und daß dabei kein gutes Resultat zu erzielen war, lag auf der Hand.

Ihre Finger, die nervös an ihrem Kleide entlang tasteten, als ob sie dort einen Halt suchten, fühlten ein Papier in der Tasche knistern. Ah, die heutige Karte der Tavares. Fast jeden Tag lag solch ein Morgengruß für sie auf ihrem Frühstücksplatz. Von Marga war er stets abgesandt, aber den Löwenanteil hatte daran der Bruder. Denn mit dem Schriftdeutsch haperte es bei der jungen Brasilianerin noch weit mehr als mit dem mündlichen. Sie hatte die heutige Karte noch gar nicht gelesen. Die wichtige Unterredung mit der Mutter hatte dieselbe in Vergessenheit geraten lassen. Jetzt griff sie danach, wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm.

»Libe freindin«, schrieb Marga, »mich ist so sensucht fir dir. Komm zu mich, balt, viel balt, ich einladen dir, wenn gnädige mamma und pappa erlauben.« Und Milton Tavares führte die Einladung noch dahin aus, daß sie beide Donna Ursel ganz bestimmt spätestens am Sonntag erwarten. »Der Bank müsse ihr frei geben.«

Vor Ursel, welcher der Sommertag draußen bisher grau und unfreudig erschienen, lag plötzlich die ganze Welt wieder hell, klar und sonnengolden. Das war ein Ausweg, ein herrlicher! Zu Tavares – und mit denen gemeinsam das Badeleben genießen. Ja, das war etwas anderes, als hinter den Bankmauern bei Additionen, die nie stimmen wollten, zu schwitzen. Sie hatte sich so wie so schon den Kopf zerbrochen, was sie mit ihrer Zeit jetzt anfangen sollte. Der Mutter ihre Hilfe im Haushalt anzubieten, war ihr ebenso peinlich, wie nicht nach ihrem Geschmack. Sich an ihren Flügel retten, das hätte sie am liebsten getan. Aber während der Sprechstunde erlaubte der Vater keine musikalische Betätigung, da er dadurch gestört wurde. Jetzt hatte sie was zu denken und zu tun. Ihre Sachen mußten instand gesetzt werden, denn schick und hübsch wollte sie in solch einem Luxusort aussehen. Besonders neben Marga, die durch ihre aparte Eleganz überall auffiel. Und Milton legte auch Wert darauf, sich mit hübsch gekleideten Damen zu zeigen. Ach, wie sie sich freute. Die ganze Welt hätte Ursel in jähem Gefühlsumschwung plötzlich umarmen können. Wie gut, daß man sie gestern aus der Bank herausgesetzt hatte. Nun war sie frei, bekam nicht erst im August ihre vierzehn Tage Urlaub. Kein Gedanke kam Ursel, daß die Eltern mit ihrer geplanten Reise am Ende nicht einverstanden sein könnten. Spornstreichs lief sie in die Küche hinaus, wo die Mutter in Gemeinschaft mit der Köchin Auguste Bohnen einkochte.

»Mutti – Muzichen –« vergessen war alles Vorhergegangene bei Ursel, »ich reise nach Pyrmont. Spätestens Sonntag. Tavares haben mich eingeladen. Ach, ich freue mich ja diebisch. Und wie gut, daß ich nicht mehr an der Bank bin. Sonst hätte ich doch gar nicht hinfahren können, nicht wahr?« So sprudelte es von Ursels roten Lippen. Sie hatte in ihrer Aufgeregtheit gar keinen Blick dafür, daß der Mutter Antlitz betreten dreinschaute und ihre Freude nicht zu teilen schien.

»Auguste, lassen Sie den Weckapparat eine Stunde bei neunzig Grad kochen«, sagte Frau Professor statt jeder anderen Antwort.

Ursel zog ein Mäulchen. Weckapparat – daß die Mutter auch dafür noch Interesse haben konnte, wo es sich um ihre Pyrmonter Reise handelte. »Was sagst du denn bloß dazu, Muzi?« bestürmte sie die Mutter aufs neue. »Trude muß mir mein rosa Kleid noch auswaschen. Und ein neues Tüllfichu brauche ich zu dem Blümchenkleid. Das seidene nehme ich auch mit und –«

»Wir werden nachher drin alles besprechen, Ursel«, unterbrach die Mutter der Tochter Überlegungen. »Augenblicklich habe ich Wichtigeres zu tun.«

Wichtigeres – Ursel hatte ihre Mutter sehr lieb, aber in diesem Augenblick hielt sie dieselbe doch für recht hausbacken. Wie konnte ihr der Einkochapparat nur wichtiger erscheinen als eine Reise nach Pyrmont!

Das junge Mädchen stieg die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer. Es war ein reizendes Zimmer, das Elternliebe dem Nesthäkchen hergerichtet hatte. So hell und farbenfreudig war's, so lauschig und gemütlich. Früher hatte Ursel das kleine Reich mit Schwester Vronli geteilt. Jetzt war sie stolze Alleinherrscherin dort. Auch Margarida hatte geholfen, Ursels Zimmer zu verschönern. Hier stand ein graziöses Meißner Püppchen, dort hing ein Bild der heiligen Cäcilie, der Beschützerin der Musik. Seidene Toilettenkissen und silberne Flakons hatte Marga der Freundin gestiftet. Nie kam sie mit leeren Händen nach Lichterfelde. Das schönste aber war für Ursel die Photographie der beiden in Kabinettformat, welche Margarida und Milton Tavares ihr zum Geburtstag verehrt hatten. Auf ihrem Schreibtisch stand das Bild; an allem, was Ursel hier oben dachte und fühlte, hatte es seinen Teil. Auch heute nahm sie es in beide Hände und betrachtete die schönen fremdländischen Züge, die ihr so vertraut waren. »Ja, ich komme – ich komme!« flüsterte sie dem Bilde zu! Dann machte sie sich daran, ihre Garderobe auszubreiten und einer Durchsicht und Überlegung, was man wohl noch daran verschönern könne, zu unterziehen.

So traf sie Frau Annemarie an, als sie sich endlich entschloß, ihre Bohnen nebst Einkochapparat der nicht immer ganz zuverlässigen Auguste anzuvertrauen.

»Was stellst du denn hier auf, Ursel?« fragte sie erstaunt. »Ich halte deine Garderobenmusterung noch für reichlich verfrüht, mein Kind.«

»Gar nicht, Muzichen. Höchste Zeit ist es. Spätestens am Sonntag muß ich reisen. Überall ist noch etwas zu nähen oder zu plätten. Trude wird sich ranhalten müssen, um mit allem fertig zu werden.« Das verwöhnte Fräulein kam gar nicht auf den Gedanken, daß sie dem Stubenmädchen dabei zur Hand gehen könne.

»Du mußt Sonntag reisen – ja, Ursel, was soll das denn heißen? Hast du denn schon Vater oder mich um Erlaubnis gefragt?«

»Marga und Milton Tavares haben mich ja eingeladen. Und Urlaub brauche ich jetzt auch nicht mehr von der Bank, also – – –«

Ursel umging die etwas unbequeme, mütterliche Frage.

»Aber von deinen Eltern brauchst du doch wohl zumindestens Urlaub! Ich glaube nicht, daß Vater damit einverstanden ist, daß du nach Pyrmont reist. Wir sind nicht gewöhnt, derartige kostspielige Einladungen von Fremden anzunehmen. Und dich auf eigene Kosten in das teure Bad zu schicken, dazu liegt gar kein Grund vor.«

»Als ob Geld bei Tavares überhaupt eine Rolle spielt. Sie sind glücklich, wenn ich ihnen Gesellschaft leiste und ihnen den Verkehr in der deutschen Sprache erleichtere. Im Gegenteil, sie sind mir noch dankbar, wenn ich hinkomme. Und neulich hast du erst gesagt, ich sähe so blaß aus, als ich aus dem Bureau heimkam. Da ist mir ein Badeaufenthalt sicher sehr notwendig.« Ursels rosiges Aussehen strafte ihre Worte Lügen.

»Nun, es muß nicht gerade Pyrmont sein. Lüttgenheide, wohin du während deines Urlaubes reisen solltest, dürfte für deine Erholung genügen«, stellte Frau Annemarie fest.

»Ach, immer bloß an die langweilige Waterkant. Da ist's ja zum Auswachsen mopsig, höchstens kann man da für die Kühe und Ochsen Staat machen«, streikte Ursel.

»Ja, Kind, wenn du Erholung suchen mit ›Staat machen‹ in einen Sack wirfst, dann ist die Waterkant in ihrer schlichtherben Schönheit wirklich nichts für dich. Dann bleibe nur ruhig hier in Lichterfelde. Du brauchst dich nicht bei Onkel Klaus und Tante Ilse zu langweilen.«

Ursel warf den Kopf zurück. »Nein, brauche ich auch nicht. Ich fahre ja nach Pyrmont.« Und plötzlich in einer jähen Gefühlsänderung, die bei ihr nichts Seltenes war, fiel sie der Mutter bittend um den Hals. »Muzichen – mein lieber, kleiner Muz, sei doch nicht so schlecht zu mir. Erlaube mir doch, zu Tavares zu fahren. Ich freue mich ja so furchtbar über die Einladung.«

Wenn ihr Nesthäkchen derart schmeichelte, war es recht schwer für Frau Annemarie, ihm etwas abzuschlagen. Sanft strich sie über Ursels Goldhaar. »Kind – Urselchen, wenn du doch nur begreifen möchtest, daß Vater und ich nur dein Bestes im Auge haben, auch wenn wir deine Wünsche nicht immer erfüllen. Du bist doch jetzt ein erwachsenes Mädel und mußt das einsehen.«

»Das sehe ich ganz und gar nicht ein!« Um Ursels zärtliche Gefühle war es geschehen. »Wenn euch keine Kosten daraus erwachsen, wenn ich nichts versäume, liegt absolut kein Grund vor, mir die Badereise nicht zu gönnen.« Ursel weinte fast vor Ärger.

»Du sprichst schon wieder in einem Ton, mein Kind, in dem ich nicht weiter mit dir verhandele.« Große Mühe mußte sich die impulsive Frau Professor geben, um die notwendige Ruhe zu wahren. »Vielleicht findet der Vater, daß du eine derartige Reise jetzt nicht verdient hast, da du gestern von der Bank fortgelaufen bist und ihm dadurch peinliche Angelegenheiten machst. Oder aber wir könnten den Aufenthalt in einem derartigen Luxusbad in Gemeinschaft mit den reichen Tavares, denen keine Grenzen in ihren Ausgaben gezogen sind, für unsere Tochter nicht ersprießlich halten. Wir haben unsere Kinder bescheiden und solide erzogen, und du neigst uns sowieso schon viel zu sehr zu Luxus und Eleganz. Denke, wie schlicht und bescheiden Vronli ist, an der solltest du dir ein Beispiel nehmen.« Frau Annemarie wandte sich zur Tür.

Da aber hatte Ursel sie schon eingeholt und hielt sie mit zärtlicher Umarmung zurück. »Muzichen, sprich du mit dem Vater, daß ich fahren darf. Dann will ich auch meinetwegen bescheiden und einfach werden – gerade so wie Vronli. Aber erst laßt mich reisen. Und an den Bankdirektor will ich auch schreiben und mich entschuldigen, wenn Vater es wünscht.« Um der Pyrmonter Reise willen war Ursel jetzt zu jedem Zugeständnis fähig.

»Ich werde nachher mit dem Vater sprechen.« Frau Annemarie wußte ganz genau, wie diese Besprechung ausfallen würde. Hatte sie doch genau dieselben Bedenken, wie er sie voraussichtlich geltend machen würde.

Frau Professor Hartenstein kannte ihren Mann. Er schaute sie, als sie ihm von der Einladung der Tavares sprach, nur groß an und sagte: »Fraule, mein liebes, müssen wir darüber wirklich erst noch ein Wort verlieren?«

Frau Annemarie schüttelte den Kopf. »Nein, Rudi, ich wußte es natürlich im voraus, daß du dagegen sein würdest. Aber ich hatte es der Ursel doch nun mal versprochen.«

»Das Mädel ist wohl ganz und gar nimmer gescheit. Beansprucht wohl gar noch eine Belohnung dafür, daß es mir solche Angelegenheit macht. Ich hab' halt gemeint, sie wird Vernunft annehmen und heut wie alle Tage zur Bank gehen. Aber nein – der Dickkopf muß halt durchgesetzt werden. Selbst wenn die Einladung nicht von den Tavares ausginge, von denen wir sie sowieso möglichst zurückhalten wollen, ich hätte nach dem gestrigen Tage nimmer meine Einwilligung zu solch einem Extravergnügen gegeben. Das kannst du ihr sagen, verstehst? Und nun mach' mir nicht ein gar so betrübtes Gesichtet, Annemie. Das überlaß halt der Ursel.« Der Professor wandte sich wieder seiner Arbeit zu, während seiner Frau die wenig beneidenswerte Aufgabe zufiel, der erwartungsvollen Ursel die Hiobsbotschaft zu melden.

Ursel zeigte sich heute recht wenig eines erwachsenen Mädchens würdig. Sie ballte die Hände. Sie weinte Zornestränen. Die grenzenlose Enttäuschung gab ihr sogar den Gedanken ein, es mit dem Elternhause einfach ebenso zu machen wie mit der Bank – auszukneifen. Auf und davon zu gehen, nach Pyrmont zu den Freunden zu fahren. Dort wußte man sie besser zu würdigen als daheim. Reisegeld – oh, das mußte sich finden. Von ihrem vorigen Monatsgehalt hatte sie ja noch etwas übrig. Hans verfügte auch über eine kleine Summe, die er sich durch Unterrichtsstunden erspart. Obgleich er sie oft foppte und neckte, wenn es wirklich darauf ankam, stand er ihr sicher brüderlich zur Seite. Aber dann wurden diese unvernünftigen, aus zornigen Enttäuschungen geborenen Gedanken von verständigeren Überlegungen verdrängt. Wollte sie wirklich ihren Eltern diesen Kummer machen? Besonders ihrer kleinen Muzi? »Ach was – sie haben es ja nicht anders um mich verdient«, da meldete er sich wieder, der »Bock«, der in der Kinderzeit des Hartensteinschen Nesthäkchens eine wichtige Rolle gespielt hatte.

Aber der Schluß all dieses Hin- und Hergerissenwerdens war doch schließlich, daß Ursel, umgeben von ihrem bereits herausgekramten Reisestaat auf dem Korbsofa saß und mit bitteren Tränen auf die Reise verzichtete. So fand sie ihr treuer Kamerad Cäsar. Er klemmte die schwarze kalte Nase zwischen ihre feuchten Finger, die sie gegen die Augen gepreßt und leckte ihr tröstend die Hand.

»Komm, Cäsar, komm, du braver Kerl, du wenigstens hast mich noch lieb.« Wie früher in ihrer Kinderzeit, wenn es Strafe gesetzt hatte und Ursel in irgendeinem Winkel ihren Eigensinn ausschluchzte, schlang sie die Arme um den braunen Hals des vierfüßigen Freundes und preßte ihren Blondkopf an sein Fell. Cäsars treue, mitleidige Augen übten von jeher eine beruhigende Wirkung auf die zornige Ursel aus. Ihr Eigensinn pflegte abzuebben, und ihr stoßweises, oft tränenloses Schluchzen löste sich in besänftigende Tränen. Auch heute hatte Cäsar denselben beruhigenden Einfluß auf die große Ursel, wie früher auf die kleine. Das junge Mädchen kam zur Besinnung.

»So schlecht sind sie zu mir, die Eltern«, klagte sie dem guten Kameraden.

Der schaute sie mißbilligend an. Er schien nicht ihrer Meinung zu sein.

»Na ja,« bekräftigte Ursel vor sich hin, »es sollen ihnen doch gar keine Kosten daraus erwachsen.«

Cäsar schüttelte Kopf und Schweif.

»Bist du etwa auf seiten der andern?« Sie klopfte ihm zärtlich das Fell. Und dabei fiel ihr ein, wie die Mutter vorhin ihr Haar mindestens so zärtlich gestreichelt hatte, wie sie ihr gesagt hatte, daß die Eltern stets nur ihr Bestes im Auge hätten.

»Dann wissen sie eben nicht, was mein Bestes ist«, antwortete sie der unbequemen Stimme, die sich in ihr meldete.

Sie kam den ganzen Vormittag nicht zum Vorschein, sondern vergrub sich mit Cäsar in ihren Schmerz. Aus dieser nützlichen Tätigkeit stöberte sie Trude auf, welche die Weisung erhalten hatte, sie zu Tisch zu rufen.

»Sagen Sie, ich hätte keinen Hunger, Trude.«

»Aber Fräulein Urselchen, seien Sie doch nich so. Sehen Sie, was die Frau Professern is, die is ja woll manchmal 'n bißchen hitzig und ranzt einen auch woll an. Aber das brauchen Sie sich nich so zu Herzen zu nehmen. Se meint's trotzdem herzensjut. Und wenn Se auch Ausschimpfe jekriegt haben, deshalb können Se ruhig zu Tische kommen. Es jibt Kalbsleber.«

Ob nun das gutmütige Zureden des Mädchens Erfolg bei Ursel hatte oder die Kalbsleber, die sie besonders gern aß, soll dahingestellt bleiben. Jedenfalls geruhte sie, die verräterischen Tränenspuren im Gesicht mit kaltem Wasser zu tilgen und bei Tisch zu erscheinen.

»Ah!« machte Hans, der abscheuliche Necker langgezogen, was Ursel besonders ärgerte. Er hatte es natürlich längst heraus, daß da irgend was nicht in Ordnung war.

Während Ursel allen Ernstes überlegte, ob sie sich wieder in ihre Gemächer zurückziehen solle, verwies ihn die Mutter. »Hansi, halt den Schnabel. Und du, Ursel, iß rasch deine Suppe. Wir sind bereits damit fertig.«

Es war doch gut, daß sie bei Tische geblieben war. Augustes Kalbsleber mundete herrlich, denn Ursel hatte sich rechtschaffenen Hunger geweint. Freilich, daß der Vater offenkundig über sie hinwegsah und von ihrem Dasein absolut keine Notiz nahm, war etwas störend. Auch daß Hans das Gespräch immer wieder auf die englischen Suffragetten brachte, die durch eigenes Aushungern etwas bei ihren Gegnern zu erreichen suchten, war niederträchtig.

»Was mache ich nun mit dem Mädel, Rudi?« fragte Frau Annemarie ihren Mann nach Tisch, als Ursel mit dem letzten Happen und einer etwas undeutlichen »Gesegnete Mahlzeit« sofort wieder auf ihr Zimmer verschwunden war. Es war das gemeinsame Nachmittagsstündchen des Professors und seiner Frau, in dem stets alle wichtigen Dinge besprochen wurden.

»Laß sie halt ausbocken«, riet der Professor mit Gemütsruhe.

»Ausbocken ist keine Beschäftigung«, wandte Annemarie ein. »Ich kann sie doch nicht den ganzen Tag da oben sitzen lassen. Wenn man nichts tut, kommt man nur auf dumme Gedanken.«

»So laß dir im Hause von ihr helfen, Herzle. Es schadet dem Prinzeßchen gar nichts, wenn es halt mal etwas in der Wirtschaft herangenommen wird.« Er rauchte in aller Gemütsruhe seine Nachmittagszigarre.

»Ja, Rudi, es fragt sich doch jetzt vor allem, was soll denn nun mit der Ursel werden? Das Mädel ist doch durch die Banktätigkeit an regelmäßige Arbeit gewöhnt. Irgendeinen Beruf muß sie doch schließlich haben.«

Der Professor stieß dickere Dampfwolken in die Luft. »Hm – und du meinst halt, Fraule, zur Bank geht sie nimmer zurück?«

»Ganz ausgeschlossen, Rudi. Nicht im Guten und nicht im Bösen. Da kenne ich deine Tochter.«

»Ja, dann werd' ich mich doch mit dem Bankdirektor in Verbindung setzen und die Ursel bei ihm entschuldigen müssen. Also ein mißglückter Versuch. In einem anderen kaufmännischen Beruf wird sie's halt genau so machen.«

»Glaub' ich auch, Rudi. Ich habe mir den ganzen Vormittag schon den Kopf zerbrochen, wie wir die Angelegenheit glücklich lösen. Sie will jetzt natürlich durchaus Musik studieren, auf irgendein Konservatorium – – –«

»Kommt ihr mir schon wieder mit Opernideen?« Der Professor schien recht ungehalten. Die Dampfwolken seiner Zigarre verdichteten sich zu einer grauen Wolkenwand. »Vorläufig könnten wir sie halt mal erst für ein paar Wochen an die Waterkant nach Lüttgenheide schicken.« Dort war immer das Absatzgebiet für alles, womit man im Augenblick nichts Rechtes anzufangen wußte. »In der ländlich gesunden Atmosphäre wird man ihr schon Vernunft beibringen. Der Klaus nimmt halt kein Blatt vor den Mund und die Ilse sie dafür tüchtig im Wirtschaftsbetrieb mit heran. Das wird dem Prinzeßchen gut tun. Und dann können wir ja weiter schauen.« Der Professor griff nach seiner Zeitung, ein Zeichen dafür, daß das Gespräch erledigt war.

Seine Frau, die sonst dieses Schlußzeichen zu respektieren pflegte, schüttelte den Kopf. »Nein, Rudi, mit der Waterkant ist es nichts. Ursel hat mir vorhin bereits erklärt, daß es dort mopsig sei, und sie nicht wieder hinfahren wolle. Wenn wir uns auch heute noch nicht über ihre weitere Zukunft entscheiden können, so hatte ich mir gedacht, ob wir sie nicht auf unsere Reise ins bayerische Hochgebirge mitnehmen wollen. Das würde sie mit der versagten Pyrmonter Fahrt aussöhnen, und die Schwestern, die sich so lange nicht gesehen haben, wären dann wieder mal beisammen. Auch verspreche ich mir von unserer pflichttreuen Großen einen guten Einfluß auf die Kleine.« Bittend schaute Frau Annemarie ihrem Mann in die Augen.

»Dein Nesthäkchen hat halt einen guten Sachwalt an dir, Annemie. Na, meinetwegen – obgleich die Krabbe gewiß nicht eine solche Reise verdient hat. Also, dann bleibt's dabei: der Hansi geht in den Ferien nach Lüttgenheide. Das ist ja für ihn das schönste. Und wir im August mit den beiden Mädels nach Bayern. Schreib der Vronli, daß sie sich halt den Urlaub danach einrichtet. Weißt, grad bang ist mir schon nach unserer Ältesten.«

»Mir längst, Rudi. Ich kann die Zeit kaum noch erwarten. So – und nun will ich dich nicht länger deiner geliebten Zeitung entziehen und wieder Sonnenschein bei unserm betrübten Nesthäkchen hervorzaubern.«

Als Frau Annemarie das Stübchen oben betrat, war das Nest leer, der Vogel ausgeflogen. Die Mutter runzelte die Stirn. Unerhört selbständig wurde die Ursel jetzt. Sie hatte doch sonst stets, wenn sie fortging, zum mindesten Mitteilung davon gemacht. Auch die Mädchen wußten nur, daß sie mit Cäsar fortgegangen sei. Eine Tasche oder ein größeres Paket habe sie nicht bei sich gehabt. Das war der Mutter immerhin eine Beruhigung. Denn ihrer impulsiven Jüngsten war es zuzutrauen, daß sie auch ohne die elterliche Erlaubnis nach Pyrmont abdampfte.

Aber nein – Frau Annemarie atmete auf, als Ursel nebst Cäsar gegen Abend wieder auf der Bildfläche erschienen. Sie hatten bloß einen weiten Spaziergang unternommen, auf welchem Ursel sich all ihre Empörung ausgelaufen hatte.

Nun saß sie am Flügel und ließ sich von den herrlichen Beethovenweisen den Rest ihres Schmerzes fortspülen. Die Musik war für sie mit Milton Tavares identisch. Sie fühlte sich ihm nahe in den Beethovenschen Klängen, die sie gemeinsam gespielt.

Im Nebenzimmer beim Vater war noch ein verspäteter Patient, von dem Ursel nichts ahnte. Denn meistens pflegte der Professor zu dieser Zeit seine Besuche zu machen.

Ursel ging jetzt zum Gesang über. Zu Übungen hatte sie wenig Lust. Sie begann gleich mit Schubert. Süß und voll klang ihre Stimme.

»Verzeihung, Herr Professor, für das unfreiwillige Konzert«, sagte der Arzt entschuldigend zu dem fremden Herrn. »Meine Tochter weiß nicht, daß ich noch Patienten da habe. Ich werde sogleich für Ruhe sorgen.« Er wollte zur Tür.

Aber sein Patient hielt ihn zurück. »Bitte, Herr Professor, gönnen Sie mir den Genuß, einmal eine wirklich schöne Stimme zu hören. Sie wissen, ich bin vom Fach, aber wie selten bekommen wir an der Hochschule ein derartiges Material in die Hand. Das ist Edelmetall. Herrlich – ganz herrlich! Hören Sie nur, diese Weichheit des Tones, diese Klangfülle – Ihr Fräulein Tochter studiert natürlich Musik?«

»Sie möcht's halt gern, aber ich hab' mich nicht dazu bereit finden lassen. Ich bin ein Gegner der Bühnenlaufbahn. Wenigstens für meine Tochter.«

»Oh, Herr Professor.« Der alte Herr wiegte bedauernd seinen weißen Kopf. »Sie wissen es gar nicht, welch einer Unterlassungssünde Sie sich da schuldig machen. Das nenne ich, die Menschheit um eine zu den schönsten Hoffnungen berechtigende Künstlerin bringen. Hören Sie nur das hohe C – mühelos und leicht wie eine Lerche.« Der Fremde geriet in Begeisterung.

»Meinen Sie wirklich, Herr Professor, daß meine Tochter ein derartiges Talent ist?« fragte Rudolf Hartenstein bestürzt. Er schien durchaus nicht darüber beglückt zu sein.

»Zweifelsohne! Eins von denen, wie sie nur alle hundert Jahre mal vorkommen. Ein Sonntagskind, ein kunstbegnadetes. Geben Sie uns Ihre Tochter auf die Hochschule für Musik. Es muß ja nicht unbedingt die Opernlaufbahn sein, wenn Sie mit derselben so wenig einverstanden sind. Ich weiß nicht einmal, ob die Größe der Stimme für die Bühne ausreichen wird. Das muß man erst sehen, wie sich dieselbe weiter entwickelt. Aber für den Konzertsaal ist es eine wunderbare Stimme.«

»Also für die Oper, meinen Sie, würde die Stimme doch nicht ausreichen?« Das schien dem Vater am meisten am Herzen zu liegen.

»Läßt sich nicht im voraus sagen. Die Sängerin ist sicher noch sehr jung und die Stimme daher entwicklungsfähig. Aber wenn es Ihrem Wunsche entgegen ist, so ist doch die Opernlaufbahn durchaus nicht das Erstrebenswerte. Im Gegenteil, ich stehe auf dem Standpunkt, daß eine wahrhafte Künstlerin im Konzertsaal viel mehr zur Geltung kommt.«

»Und – und Sie würden meine Tochter an der Hochschule für Musik aufnehmen, Herr Professor Lange?« Die Frage klang noch immer zögernd und unschlüssig.

»Ich glaube Ihnen die Gewißheit geben zu können. Ihre Tochter wird die Aufnahmeprüfung spielend erledigen. Wie alt ist die junge Dame?«

»Im achtzehnten Jahr.«

»Hm – etwas zu jung. Im allgemeinen pflegen wir vor achtzehn Jahren keine Musikstudierenden aufzunehmen. Aber in diesem Falle glaube ich Ihnen versprechen zu können, daß man es nicht auf die paar Monate ansehen wird. Solch eine Stimme wird die Hochschule sich nicht entgehen lassen. Besonders, wenn ich mich persönlich dafür interessiere.«

»Das wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Professor. Ich darf mich dann wohl später an Sie wenden.«

Damit war das für Ursels Zukunft so inhaltsschwere Gespräch beendigt.

Eine Stunde später beim Abendbrot war's. Ursel hatte heute nicht ihre sonstige kecke Sicherheit. Sie fühlte sich der Mutter gegenüber schuldbewußt, weil sie am Nachmittag ohne Verabschiedung fortgegangen war; und dem Vater gegenüber hatte sie noch von gestern her ein schlechtes Gewissen. Hans war bei einem Freunde, so daß Ursel nicht viel mit sich anzufangen wußte.

Warum sahen denn Vater und Mutter sie bloß so merkwürdig an? Ursel rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her. Sie beschäftigte sich angelegentlich mit ihrem Butterbrot.

»Höre mal, Ursel«, begann der Vater da. Jetzt kam's, jetzt wurde die leidige Bankgeschichte noch einmal durchgekaut. Aber trotz alledem bedeutete es für Ursel schon eine Erleichterung, daß der Vater sie nicht mehr übersah und wieder mit ihr sprach.

»Ja, Vater?« Es klang möglichst bescheiden.

»Hättest du Lust, an der Hochschule für Musik Gesang zu studieren, oder würdest du mir da halt ebensolche Schande machen wie an der Bank?«

»Vaterle! – – –« Ursel unterdrückte den Glücksausruf, der sich ihr von den Lippen ringen wollte. Das war ja sicher nur Scherz. Unsicher blickte sie zur Mutter hin.

Aber die nickte ihr mit frohen Augen zu. »Ein Patient von Vater, Professor Lange von der Hochschule, hat dich heute singen hören. Er meinte, für den Konzertsaal wäre deine Stimme geeignet, wenn auch wohl kaum für die Bühne. Der Herr will sich für dich verwenden, daß du, trotzdem du noch nicht ganz das vorschriftsmäßige Alter hast, zum Herbst an der Hochschule aufgenommen wirst.«

»Muzi – das ist wahr? Kein Scherz? Macht Vater wirklich keinen Spaß? Läßt er mich nicht drauf reinplumpsen?« Ursel konnte sie nicht fassen, die Glücksbotschaft.

»Wollen's halt mal probieren, Mädel. Aber das sag' ich dir, deine Operngelüste laß dir halt vergehen. Dazu kriegst mich nimmer rum. Konzertsängerin magst meinetwegen werden, aber von der Bühne will ich nix wissen. Verstehst?«

Na, und ob die Ursel verstanden hatte! Die war längst von ihrem Stuhle, längst hatte sie ihren Vater um den Hals und küßte und streichelte ihn vor Seligkeit. Dann kam die Mutter an die Reihe.

»Ich will euch ja jetzt solche Freude machen, stolz sollt ihr auf mich werden«, versprach sie mit glücksheißen Wangen. »Und dem Bankdirektor will ich auch schreiben und mich entschuldigen, wenn du es wünschst, Vater. Und an der Reise nach Pyrmont liegt mir jetzt gar nichts mehr, wenn ich auf die Hochschule darf. Dann will ich überhaupt gar nicht reisen, dann bleib ich gern zu Hause.«

»Das tut mir leid, Ursel«, meinte die Mutter lächelnd, die sich an der Glückseligkeit ihres Nesthäkchens weidete. »Vater und ich hatten andere Absichten mit dir. Wir wollten dich mitnehmen nach den bayerischen Bergen, aber wenn du nicht reisen magst – –«

Sie kam nicht weiter. »Wirklich – Muzi? Nach Bayern – zu Vronli? Ach, heute ist ein Glückstag für mich!«

Cäsar blickte kopfschüttelnd auf seine junge Herrin und dachte philosophisch: »Aus den Menschen werde ein anderer klug!«

12. Kapitel. Vronli.

In dem großen Säuglingssaal des Schwabinger Krankenhauses quarrte es munter durcheinander. Aus all den Gitterbettchen, die wie Vogelbauer längs der Wand klebten, erhoben sich Stimmchen. Als ob die Kleinen wüßten, daß ihre treue Pflegerin sie auf einige Zeit verlassen wollte.

Schwester Vroni schritt noch einmal von Bett zu Bettchen. Klopfte hier einen kleinen Schreihals beruhigend, rückte dort eine Wärmflasche zurecht, bündelte noch in aller Geschwindigkeit strampelnde Beinchen in reines Leinen.

»So, Schwester Lotte, nun überlasse ich Ihnen meine kleine Schar. Sorgen Sie bloß gut für sie. Sie glauben es gar nicht, wie schwer es mir fällt, von meinen Kleinen fortzugehen. Das Keuchhustenkind drüben in der Ecke muß, sobald die Anfälle vorüber sind, frisch umgezogen werden. Hier auf dieser Seite sind mehrere Darmkatarrhe. Keinen Tropfen Milch, nur Tee und Haferschleim. Mehrere Masernkinder habe ich auch dabei. Da müssen Sie besonders große Vorsicht mit den Augen haben. Dieses elende Würmchen wird mit der Sonde ernährt. Und jetzt zum Schluß hier mein Sorgenkind, das zu früh Geborene, das ich nun schon vierzehn Tage mit der allergrößten Sorgfalt zu erhalten suche. Das lege ich Ihnen besonders ans Herz, Schwester Lotte. Hoffentlich finde ich sie alle, meine Kleinen, gut imstande wieder, wenn ich heimkomme.« Schwester Vroni warf noch einmal einen liebevollen Blick auf all die Gitterbettchen, dann reichte sie der jungen Hilfsschwester, die sie vertreten sollte, die Hand zum Abschied. »Nun ist es aber Zeit für mich. Von der Oberin habe ich mich bereits verabschiedet.«

»Schwester Vroni, ich hab' doch halt öfters schon vertreten, aber so hat sich noch keine Schwester um das, was sie zurückließ, gekümmert wie Sie. Froh waren sie alle, daß sie nun endlich auf Urlaub durften. Die Zeit konnten sie gar nit erwarten. Und Sie stehen hier und können sich nimmer trennen. Sie werden halt noch den Zug versäumen.«

»Das schon nicht, Schwester Lotte. Ich bin sicher pünktlich. Aber nun Gott befohlen.« Schwester Vroni griff nach ihrem kleinen Handkoffer.

So – nun war sie draußen. In tiefen Zügen atmete sie die frische Morgenluft ein. Ah – das tat gut nach der Krankenhausatmosphäre da drin. Die Straßen waren noch wenig belebt. Da schlug es gerade sieben Uhr vom Turm. Sie konnte noch gut zu Fuß gehen bis zum Hauptbahnhof. Die blauweißen Tramwagen rissen ein zu großes Loch in ihre bescheidene Kasse. Und nach der Nachtwache, der dritten schon in dieser Woche, tat die Wanderung wohl. Das Kofferchen war leicht. Schwester Vroni fuhr in Berufskleidung auf Urlaub, das war viel bequemer.

Hier in Schwabing, dem Künstler- und Studentenviertel, schlief noch alles zu dieser frühen Stunde. Da kneipte man die Nächte durch in den Bräus und schlief bis in den Tag hinein. Aber je mehr sie sich dem Mittelpunkt der Stadt näherte, um so belebter wurde es. Vor allem Touristen, durch Lodenanzug und Rucksack kenntlich, eilten aus den Hotels dem Zentralbahnhof zu. Vor dem Malteserbräu stand eine umfangreiche Händlerin mit ihrer Gemüseequipage und labte sich, trotz der frühen Stunde, bereits an einer Maß Bier. Immer lebhafter wurde es, und nun war die junge Schwester mittendrin in dem Getriebe auf dem großen Platz vor dem Hauptbahnhof.

Sie hemmte den Schritt an einem Obstkarren. Etwas Obst wollte sie noch einkaufen für die Reise. Ursel aß Bananen so gern, und diese Tiroler Äpfel mußte der Vater haben. Mutter bevorzugte Pflaumen – an jeden ihrer Lieben dachte Vronli, nur an sich selbst nicht. Eine große Tüte im Arm trat sie an die Bahnhofssperre, hinter welcher der Berliner Zug einbrausen mußte. Trotzdem Vronli die Zeit kaum erwarten konnte, ihre Lieben, die sie jetzt fast ein Jahr nicht gesehen, in die Arme zu schließen, dachte sie gar nicht daran, eine Bahnsteigkarte zu lösen. Sie war an größte Sparsamkeit gewöhnt, denn das Säuglingsschwesterngehalt war nicht allzu üppig. Und Vronli setzte ihren Stolz drein, in pekuniärer Hinsicht unabhängig von den Eltern zu sein. Die Futterpakete, mit welcher die Mutter sie regelmäßig bedachte und welche mit soviel Liebe zusammengestellt waren, daß Vronli jedesmal ganz gerührt davon war, bildeten ihre einzige Beihilfe.

In die wartende Masse, unter der sich auch Vronli befand, kam Bewegung. Schwarze Rauchwolken erfüllten die Halle. Der Berliner Zug brauste ein.

Aus dem Fenster eines Abteils lehnte schon geraume Zeit, seitdem die verheißungsvollen Anpreisungen der verschiedenen Bräus an Käufer- und Zaunwänden dem Fremden anzeigten, daß man sich München näherte, ein goldhaariger Mädchenkopf. O Gott, war man denn noch immer nicht da! Die ganze lange Nachtfahrt war der Ursel nicht so lang geworden, wie die letzten Minuten. Sie freute sich unsagbar auf Vronli. Hatte sie doch zuerst gar nicht gewußt, wie sie die Trennung ertragen sollte. Denn bei all ihrer Verschiedenheit waren die Schwestern ein Herz und eine Seele. Frau Annemarie, nicht weniger erwartungsvoll, ihre Große nun endlich wieder zu haben, trat neben Ursel. Angestrengt überflog ihr Auge die Menschenreihen, aus denen Winke und Zurufe die Einfahrenden begrüßten. Vronli schien nicht darunter zu sein, aber man konnte sie bei der immerhin noch raschen Einfahrt leicht übersehen haben.

Ursel begann aufgeregt sich den Bahnsteig entlang durch das Menschengewühl, das sich umarmte, küßte und die Hände schüttelte, hindurchzudrängeln – vergebens. Keine Vronli wollte sich zeigen. Enttäuscht kehrte sie zu den bei dem Gepäck harrenden Eltern zurück.

»Vronli ist nicht da. Gewiß ist ihr etwas dazwischen gekommen. Irgendeins von den Würmern mußte gewiß noch eine frische Windel kriegen. Die Vronli ist ja immer so pedantisch. Oder aber sie hat sich verspätet – – –«

»Das tut's Vronli nimmer. In der Pünktlichkeit ist sie ganz meine Tochter«, meinte der Vater kopfschüttelnd. »Eher glaub' ich, daß sie hinter der Sperre geblieben, wir wollen halt 'naus gehen. Hier ist sie doch nicht mehr.« Sein Auge überflog noch einmal den jetzt sich leerenden Bahnsteig.

»Hinter dem Käfiggitter soll die Vronli stehen? Ja, warum denn bloß?« verwunderte sich Ursel.

Aber da hatten Mutteraugen bereits eine vom Gitter her winkende Gestalt in blauweißgestreifter Schwesterntracht entdeckt.

»Vronli – meine Vronli – – –«

Nein, wirklich – die Frau Professor lief doch tatsächlich wie ein junges Mädel den Perron hinab, schneller als die Ursel war sie an der Billettsperre. Was kümmerte es sie, daß der Bahnbeamte ihre Fahrkarte verlangte, die ihr Mann mit pedantischer Gründlichkeit in seiner Brieftasche verstaut hatte, weil Weibsleut' sie halt doch nur verlieren. Endlich – endlich hatte sie ihre Älteste wieder in den Armen, nach der ihr doch arg bange gewesen die ganze Zeit, trotzdem sie es sich selbst kaum zugestanden.

»Mutterle, mein liebes. Oh, wie gut schaust du aus, kaum älter als Ursel. Nein, was ist das Mädel groß und erwachsen geworden! Wo ist denn der Backfischzopf hingekommen? Grüß dich Gott, Vaterle. Wir müssen eilen. Der Zug ins Gebirge ist stets überfüllt.« Trotzdem aus jedem Worte Vronlis die innige Freude des Wiedersehens sprach, vermochte sie dieselbe doch äußerlich nicht so an den Tag zu legen wie Ursel, die sie beinahe vor Glückseligkeit erdrückte.

»Vronli, du Affenschwanz, warum stehst du denn hier und nicht auf dem Bahnsteig? Wir haben uns die Augen nach dir ausgeschaut.« Zärtlich hängte sie sich in den Arm der großen Schwester und ließ es gern geschehen, daß diese ihr, trotzdem sie ihren eigenen Koffer zu tragen hatte, auch noch den größten Teil des Handgepäcks abnahm. Das war von jeher zwischen den Schwestern so Sitte gewesen. Vronli trug stets den größten Teil der Last, welche Ursel zukam.

»Ja, daß die Bahnsteigkarte Geld kostet, daran denkst du nicht, du Leichtsinn«, verteidigte sich Vronli lachend.

»Na, die paar Mark«, machte Ursel verächtlich. Es war ihr unverständlich, wie man sich deshalb auch nur um eine Minute des früheren Beisammenseins bringen konnte.

»Die Vronli hat recht«, stimmte der Vater zu. »Auf fünf Minuten früher oder später kommt's nimmer an.« Während seine Gattin sich innerlich mehr Ursels Auffassung zuneigte. Mit glücklichen Augen betrachtete Frau Annemarie die vor ihnen gehenden Mädchengestalten. Vronli überragte Ursel, die durchaus nicht klein war, noch um einen halben Kopf. Stattlich und kräftig war sie, die Vronli. Die schlichte Schwesterntracht paßte gut zu ihrem lieben Gesicht mit dem glatten, dunkelblonden Scheitel.

Ursel schien das weniger zu finden. »Warum reist du denn bloß als Nonne?« zog sie die Ältere auf. »Ich habe ein neues Lodenkostüm bekommen, sieh nur. Stilvoll, was? Hast du gar keine anderen Kleider mit?« In dem eleganten Hotel, auf das Ursel in Mittenwald hoffte, war es doch peinlich, sich in diesem Aufzuge mit der Schwester zu zeigen.

»Nur noch Bluse und Rock im Koffer, Kleines. Ich bin dir wohl nicht fein genug, wie?« lachte Vronli sie aus. Trotzdem die Schwestern so lange getrennt waren, kannte die Ältere die Jüngere doch ganz genau.

»Ih wo, darauf kommt es ja gar nicht an«, verneinte Ursel, rotwerdend. »Die Hauptsache ist, daß wir wieder beisammen sind.« Und das war in diesem Augenblick wirklich ihre Meinung.

Nun saß man glücklich in dem überfüllten Zug nach Partenkirchen, wo man dann nach Mittenwald umsteigen mußte. Das heißt, eigentlich saß nur Frau Annemarie. Der Professor und seine Töchter standen draußen auf der Plattform der Gebirgsbahn. Denn Rudolf Hartenstein mußte Wiedersehen feiern mit allem, was ihm aus seiner Studentenzeit, die er zum Teil in München zugebracht, lieb und vertraut gewesen. Da waren die beiden Zwillingstürme der Frauenkirche, die in seine Studentenbude geschaut. Dort der vornehme Kuppelbau des Justizpalastes, daneben der Glaspalast der Münchener Künstlerwelt.

»Ja, Vronli, da hat sich halt nix verändert. Schaut's, Kinderle, dort im Thomasbräu hab' ich halt jeden Abend meine Salzbrezel und meinen Radi zum Abendbrot verzehrt. Ja, das waren Zeiten!«

»Bessere als jetzt, Rudi?« fragte da die Stimme seiner Frau neckend. Frau Annemarie war in die Tür getreten. Keine drei Meter Entfernung mochte sie zwischen sich und ihre Lieben legen. Mit ihnen gemeinsam wollte sie all das Schöne, was sich ihnen jetzt bieten würde, genießen.

»Bessere, Frauli? Nun, das wohl nimmer.« Er reichte ihr zärtlich die Hand. »Aber schau, es ist ratsam, du gehst wieder 'nein oder eins von den Mädeln. Wir müssen halt auf unser Gepäck achten.«

Aber keins von den Mädeln hatte Lust dazu. Die Vronli wollte gar zu gern den Fremdenführer spielen und ihren Angehörigen die Schönheiten ihrer jetzigen Heimat zeigen. Und die Ursel war niemals gewöhnt, irgendwo zurückzustehen. Noch dazu hier, wo sie mit begeisterten Augen all das Neue, auf das sie Vater und Schwester aufmerksam machten, in sich hineintrank. Natürlich war es die Mutter, die wieder mal Verzicht leistete. Denn das freundliche Anerbieten eines Mitreisenden, auf das Gepäck zu achten, erschien dem vorsichtigen Professor doch nicht annehmbar.

So saß denn Frau Annemarie wieder zwischen Rucksäcken und Koffern eingeschachtelt und teilte ihren Blick zwischen den Schönheiten des Starnberger Sees, an dessen Ufer der Zug entlang fuhr, und ihren Lieben da draußen.

Nein, wie verschieden die beiden Mädel waren. Kaum denkbar, sie für Schwestern zu halten. Die goldblonde Ursel in ihrer Lebhaftigkeit, die der Vater an die »Leine« genommen hatte, aus Angst, daß sie von der Plattform herunterfallen könnte. Und die bei weitem nicht so hübsche, aber doch mindestens so sympathisch wirkende ältere Schwester mit den klaren grauen Augen, aus denen die ruhige Güte des Vaters blickte. Aber jetzt, als Vronli lachte – Ursel hatte sich gewiß wieder einen Ulk geleistet –, als eine Perlenreihe prachtvoller Zähne sichtbar wurde, dachte Annemarie voll Mutterstolz: »Das hat sie doch von mir.«

Das bayerische Hochgebirge tauchte in blaugrauen Konturen am Horizont auf. Der Mitreisende, ein noch jüngerer, hagerer Herr mit goldener Brille, der sich vorhin erboten, auf das Gepäck zu achten, nannte Hartensteins die Namen der Spitzen und Höhenzüge, die allmählich immer sichtbarer wurden.

»Da – die Zugspitze.«

»Schnee, da liegt ja noch Schnee!« schrie Ursel in elementarer Begeisterung los.

»Freilich, mein Fräulein, Neuschnee allerdings, den wird die Sonne bald wieder verjagt haben«, meinte der Reisegenosse, über ihre naive Begeisterung lächelnd.

Als man in Partenkirchen, wo nach Ursels Urteil ein Menschengewühl war, wie daheim am Potsdamer Platz, eine Stunde Aufenthalt hatte und sich im Wartesaal an einer Tasse Kaffee stärkte, bat der Fremde um die Erlaubnis, an demselben Tisch Platz nehmen zu dürfen. Hartensteins waren eigentlich nicht so sehr begeistert davon. Was hatte man sich nicht alles zu erzählen, wobei ein Fremder störend war. Ursel brannte darauf, der Vronli zu berichten, daß Onkel Hans die Tante Margot heiraten würde; daß sie nun doch Gesang studieren dürfte. Und daß die Tavares so gern mit ihnen mitgereist wären, aber daß der Vater leider gemeint habe, ein Aufenthalt an der See sei für Margas Gesundheit ratsamer. Das wußte Vronli doch alles noch nicht, überhaupt die Tavares! Wenn sie auch der Schwester brieflich von den neuen Freunden vorgeschwärmt hatte, sie mußte ihr doch ganz ausführlich von ihnen erzählen.

Vronli wiederum hatte manche Frage nach Hansi, den Verwandten und Freunden daheim auf dem Herzen. Die hätte den Eltern gern von ihrer Tätigkeit berichtet. Besonders den Vater über seine Meinung nach verschiedenen komplizierten Fällen, die sie glücklich durchgebracht, gefragt. Aber der fremde Herr war so freundlich und bescheiden, daß man ihn unmöglich abweisen konnte.

»Dr. Ebert, Oberlehrer aus Berlin«, stellte er sich den Herrschaften vor.

»So siehste aus!« Nur mit Mühe hatte Ursel diesen rangenhaften Berliner Ausruf unterdrückt. Denn dem Fremden mit seiner langen, etwas nach vorn geneigten Gestalt und der goldenen Brille vor den kurzsichtigen Augen, sah man den Lehrer schon aus der Entfernung an.

Es ergab sich auch bald im Gespräch, daß er recht bewandert in den bayerischen Bergen, in denen er fast immer die Sommerferien zugebracht hatte, war. In Mittenwald war er schon mehrfach gewesen und konnte Hartensteins wertvolle Fingerzeige und Ratschläge über ihr künftiges Eldorado geben. Der Professor machte sich dankend Notizen. Der Oberlehrer ließ sich in ein Gespräch mit den Damen ein. Aber Vronlis ruhige Sachlichkeit war es vor allem, die ihm gefiel. Schließlich plauderten die beiden ausschließlich miteinander. Frau Annemarie hatte genug damit zu tun, sich still ihrer wieder vor ihr sitzenden Ältesten zu freuen. Ursel, die es nicht gewöhnt war, irgendwo zweite Geige zu spielen, besonders wenn Herren dabei waren, fühlte sich vernachlässigt und ein wenig ärgerlich. Wie kam denn dieser lange Schullehrer dazu, ihre Vronli, die sie so lange nicht gesehen, derart in Beschlag zu nehmen. Sie plinkte der Schwester zu, dem »mopsigen« Gespräch doch ein Ende zu machen. Aber Vronli, die das Gespräch über Vererbungs- und Erziehungstheorie, die sich schon bei den ganz Kleinen geltend macht, durchaus nicht langweilig fand, merkte das nicht mal. Ursel mußte deutlicher werden.

»Komm, Vronli, wir wollen ein bißchen hinausgehen, es ist so warm und stickig hier im Wartesaal«, unterbrach sie das Gespräch der beiden.

Vronli war sogleich dazu bereit. Arm in Arm schritten die Schwestern draußen auf und ab.

»Wie konntest du dich bloß so eingehend mit dem langweiligen Menschen einlassen, Vronli«, machte Ursel sogleich ihrem Herzen Lust.

»Dr. Ebert ist ganz und gar nicht langweilig, Urselchen. Er spricht sehr interessant und macht dabei den Eindruck eines bescheiden und vornehm denkenden Menschen.«

»Puh – wenn ich das schon höre!« Ursel schüttelte sich. »Die ganze Langweile meiner Schulzeit weht mich aus jedem seiner Worte an. Und was er für eine Haltung hat, wie ein zusammenklappbares Taschenmesser. Gut, daß der Rucksack ihn nach hinten zieht, sonst würde er nach vorn überklappen.«

»Ursel – aber Urselchen! –« Vronli mußte lachen, ob sie wollte oder nicht. »Dein loses Mündchen hast du dir noch immer nicht abgewöhnt. Auf das Äußere kommt es doch bei wertvollen Menschen nicht an.«

»Oh – man kann wertvoll und dabei doch schön sein. Da solltest du mal Milton Tavares sehen. Was hat der für eine elegante Haltung. Und bildhübsch ist er mit seiner Bronzehaut und den schwarzen, blitzenden Augen. Den solltest du mal kennenlernen.« Ursel tat, als ob es außer Milton Tavares gar keinen anderen gab.

Vronli zuckte gleichmütig die Achsel. »Wenn er sonst keine Vorzüge hat – – – – –«

»Oh, bitte sehr«, unterbrach sie die Jüngere lebhaft. »Er ist ein Violinkünstler, herrlich spielt er. Und liebenswürdig ist er und klug und so drollig, wenn er die deutsche Sprache verdreht.«

»Weiter nichts?« fragte Vronli, um Ursel zu necken.

»Und reich ist er – unglaublich reich. Sein Vater ist der Kaffeekönig von Brasilien. Und vor allem ist er ein glühender Verehrer von mir«, zählte Ursel die Vorzüge des Brasilianers auf.

»Hahaha!« Vronli mußte von Herzen lachen. »Kleines, du bist doch noch derselbe Backfisch geblieben, obgleich der Backfischzopf jetzt hochgesteckt ist. Wenn einer ein Paar schwarze Augen hat und aus Brasilien ist, gleich bist du futsch.«

»Durchaus nicht«, verteidigte sich Ursel, rotwerdend. »Gerade das Gegenteil habe ich gesagt. Er ist in mich verschossen.«

»Na, schwärme du nur ruhig weiter für deinen Kaffeeprinzen.« Diesmal war es Vronli, welche die Jüngere aufzog.

»Und du für deinen Kathederhelden«, gab die schlagfertig zurück. »Gut, daß er nach Tirol geht und nicht etwa nach Mittenwald. Da sind wir ihn bald los.«

»Mittenwald ist das letzte bayerische Dorf. Es liegt hart an der Tiroler Grenze. Und Dr. Ebert wird seinen Aufenthalt unweit davon auf der Paßhöhe in Seefeld nehmen. Wir haben gemeinsame Bergtouren verabredet.«

»Viel Vergnügen dazu! Ich hoffe, in Mittenwald feschere Gesellschaft zu finden«, sagte Ursel ablehnend. Zu ihrem Mißvergnügen gewahrte sie, daß der Oberlehrer bei der Weiterfahrt mit freundlicher Selbstverständlichkeit – »edle Dreistigkeit« nannte es Ursel – wieder dasselbe Abteil der Karwendelbahn, die über Mittenwald nach Innsbruck führt, wie sie bestieg. Daß er sich dienstbereit mit ihren schwersten Gepäckstücken belud, fand sie dagegen ganz in der Ordnung.

»Jetzt kommt eine herrliche Fahrt«, sagte der Oberlehrer, und seine Augen leuchteten hinter den Brillengläsern. »Die Karwendelbahn ist eine der schönsten Bergbahnen. Sie durchtunnelt die Martinswand auf Tiroler Gebiet. Sie müssen mal eine Fahrt nach Innsbruck herunter machen, meine Herrschaften. Es werden in Mittenwald Grenzscheine ausgegeben.«

Der Reisegenosse hatte nicht zuviel gesagt von der Schönheit der Fahrt. In jähem, gewaltigem Felsabsturz baute sich das Karwendelgebirge vor ihnen auf. Stumm schauten sie auf diese fast beklemmend großartige Bergwelt. Nur Ursel verstummte nicht. Die machte ihrer Begeisterung über die blumenreichen Matten, die bimmelnden, buntscheckigen Kühe und die hohen Berge unbekümmert Luft.

In Mittenwald war Hartensteins Reiseziel erreicht. Der Vater verabredete mit dem weiterfahrenden Dr. Ebert schon für die nächsten Tage eine gemeinsame Wanderung, was Ursel recht überflüssig fand. Aber als sie dann hinaustraten, als Mittenwald mit seinen bunten Häuschen so malerisch lieblich die grünen Hänge hinaufkletterte, während auf der andern Seite düster und dräuend die schroffe Bergwand zu Tal stürzte, da waren sie alle restlos begeistert.

»Kinder, seht doch nur, die entzückenden bunten Malereien und Sprüche an den Bauernhäusern«, rief Frau Annemarie entzückt.

»Und diese Blumenpracht – das kleinste Hüttchen hat farbenprächtige Bergnelken und Rosmarin am Fenster«, stimmte auch Vronli ein.

»Ursele, du bist hier am richtigen Platz. Schau, Mittenwald ist halt der Ort der Gitarren- und Geigenbauer. Also ganz musikalisch. Dort drüben ist das Posthotel, in dem wir hoffentlich Unterkunft finden werden«, erklärte der Vater.

»Das ist das Hotel, an welches du geschrieben hast, Vater? Stimmt das auch gewiß? Das sieht doch gar nicht so elegant und vornehm aus.« Ursel rümpfte die Nase. Sie fühlte sich durchaus nicht am richtigen Platz.

»Umso besser. Was, Annemie, in ein elegantes, steifes Hotel passen wir nimmer 'nein.« Der Vater nahm den Arm seiner Frau, während die Töchter folgten.

Ja, man hatte die gewünschten Zimmer für den Herrn Professor reserviert. Drüben in der Dependance lägen sie. Da hätten's die Herrschaften ruhiger. Da wohne sich's gar gut. Sogar der Herr Goethe habe mal in demselben Hause übernachtet, eine Tafel vermelde es noch. So teilte der biederfreundliche Wirt seinen neuen Gästen mit.

»Im Hause, wo Goethe übernachtet hat, werden wir logieren. Kinder, was werden uns da für Träume umgaukeln«, rief Frau Annemarie lustig.

»Puh, ist das eine alte Bude«, flüsterte Ursel schaudernd ihrer Schwester zu, die mit andächtigem Schauer die Gedenktafel am Hause studierte, daß am 7. September 1786 Goethe auf seiner italienischen Reise hier übernachtet habe. »Ich glaube, hier gibt es Ratten und Mäuse.« Ursel sah furchtsam in die düsteren Ecken des altertümlichen Hausflurs.

Aber die Zimmer droben waren so hell, so sauber und freundlich, daß Hartensteins recht zufrieden mit ihrer Unterkunft waren. Besonders Vronli fand die bäuerischen Möbel und das geblümte Kattunsofa urgemütlich.

»Du hast wirklich einen gewöhnlichen Geschmack, Vronli. Ich bin doll enttäuscht. Dein Oberlehrer, der paßt in solchen Gasthof hinein. Wenn ich mir die Tavares hier vorstellen sollte – – – –«

»Die gehören ja auch nicht in unser einfaches bayerisches Bergland, sondern nach Brasilien«, lachte sie Vronli aus. »Mädel, was haben dir die Ausländer für einen Sparren in den Kopf gesetzt. Den muß dir der kräftige Bergwind hier ordentlich ausblasen.«

Im Nebenzimmer hatte Frau Annemarie Bruchstücke von der Unterhaltung ihrer Töchter aufgefangen. »Du glaubst nicht, Vronli, wie froh ich bin, daß Ursel wieder ein paar Wochen mit dir zusammen ist«, sagte sie, als sie später Arm in Arm mit ihrer Ältesten einen Nachmittagsspaziergang nach dem herrlich gelegenen Lautersee unternahm. »Ich hoffe soviel von deinem günstigen Einfluß auf das anspruchsvolle Mädel. Merkst du es nicht, daß unser hübsches Hotel gar nicht nach ihrem Geschmack ist? Sie hat sich da Gott weiß was für ein großartiges modernes Haus ersten Ranges vorgestellt.«

»Davor hätte ich in meinem Schwesternkleid Reißaus genommen, Mutterle. Aber die Ursel tut halt nur so. Es ist nicht halb so schlimm. Sie hat bereits mit der Resi und dem Seppel im Haus Freundschaft geschlossen. Aber ich halte den Verkehr mit den Brasilianern für sie nicht für günstig. Ursel läßt sich noch zu leicht von Glanz und Reichtum blenden.«

»Wir haben aus denselben Gründen den Verkehr nach Möglichkeit eingeschränkt, Vronli. Ja, Vater ist sogar ziemlich ablehnend gewesen, als sie sich uns nach Mittenwald anschließen wollten. Erstens hätte unser gemütliches Beisammensein darunter gelitten und dann –«, die Mutter stockte einen Augenblick. Aber als ihr Blick das ruhigfreundliche Gesicht Vronlis unter der Schwesternhaube streifte, fügte sie mit der ihr eigenen Ehrlichkeit hinzu: »Ich habe auch noch andere Bedenken, Vronli. Dir kann ich sie ja anvertrauen. Du bist so reif und so verständig, weit über deine Jahre hinaus. Ich wünschte, du könntest der Ursel etwas davon abgeben. Ja, unser Urselchen. Ich habe Sorge, daß sie sich vielleicht mit dem Brasilianer was in den Kopf setzen könnte. Daß es mehr als Freundschaft ist, was sie für ihn empfindet. Sie ist sich selbst darüber wohl noch gar nicht klar. Aber eine Mutter spürt doch jeder Regung ihres Kindes nach. Er ist ein prächtiger Mensch, dagegen ist gar nichts zu sagen. Aber Brasilien, wo die Affen herkommen – – –«. Frau Annemarie, die eben noch ganz versorgt dreingeschaut, lachte plötzlich wieder.

»So ist's recht, Mutterle, nimm die Kinderei doch nur nicht ernst. Die Ursel ist ja noch ein halbes Kind. Freilich imponiert ihr das alles, die Eleganz und der Reichtum der Ausländer. Aber augenblicklich lebt sie doch nur in dem Gedanken, eine berühmte Musikerin zu werden. Da kannst du unbesorgt sein, Mutterle.«

»Vronli, du tust mir gut. Daß ich dich entbehren muß, mein Mädel! Da hab' ich doch in der ersten halben Stunde, in der wir uns allein sprechen, dir gleich mein Herz mit seiner Sorge ausgeschüttet. Anstatt, daß die Sache umgekehrt ist, und du mir von dir berichtest.«

»Von mir ist nicht viel zu berichten, Mutterle. Das wenig Wissenswerte, mal ein Theater- oder Museumsbesuch, darüber seid ihr ja durch meine Briefe orientiert. Sonst vergeht ein Tag wie der andere, gleichmäßig wie die Uhr.«

»Theater- und Museumsbesuche interessieren mich augenblicklich nicht, Kind. Von dir selbst will ich etwas erfahren. Ob du dich wirklich befriedigt fühlst in deinem Wirkungskreise. Ob es nicht Stunden gibt, wo du dich heimbangst; ob du Menschen gefunden hast, die dir nahegetreten. Das will deine Mutter wissen, mein Herz.«

Stumm griff Vronli nach der Hand der Mutter und drückte sie. »Ich bin es gar nicht mehr gewohnt, Mutterle, daß jemand nach meinem inneren Menschen fragt. Ein Jahr lang bin ich jetzt nur Schwester Vroni gewesen, die ihre Pflichten hat und die ihr Denken und Fühlen nur auf diese Pflichten einzustellen hat. Kaum, daß ich mich mal auf mich selbst besinnen kann. Freilich befriedigt mich die Arbeit, wenn mein Mühen von Erfolg gekrönt wird und ich ein junges Menschlein dem Würgengel abgerungen habe. Aber es gibt natürlich auch Stunden, wo man mal verzagt, wo man unterzugehen glaubt in der gleichmäßigen, sich ständig erneuenden Strömung der täglichen Arbeit. Wo man sich hinaussehnt zu irgend etwas Anderem, Freudigem. Aber, wie gesagt, das sind kaum Stunden, eigentlich nur Augenblicke der Schwäche, die von der Notwendigkeit der Arbeit schnell wieder verdrängt werden.« Sinnend schaute Vronli in das buntfröhliche Blühen der Alpenblumen längs ihres Weges.

Die Mutter zog ihren Arm fester an sich. »Ich hab's geahnt, Vronli, ich hab's manchmal zwischen deinen Zeilen herausgelesen. Ein junges Menschenkind braucht auch noch etwas anderes, als nur die Arbeit und die Befriedigung der Pflichterfüllung. Das ist keine Schwäche, sondern ein natürliches Empfinden. Wie gern wäre ich in solchen Stunden bei dir, mein Mädel, es wäre doch besser gewesen, du wärst in Berlin geblieben.«

Aber Vronli schüttelte den Kopf. »Nein, Mutterle, es ist besser so. Ein selbständiger Mensch wie ich muß mal eine Zeitlang allein mit dem Leben fertig zu werden versuchen. Schon um zu wissen, was man an seinem Daheim hat.«

Still schritten sie nebeneinander weiter, bis Ursels Ruf: »Eine Gemse, da – dort oben an dem Grat – habt ihr sie gesehen?« sie aus ihrer Versonnenheit emporriß.

Der Professor, der mit Ursel vorangegangen, erwartete die Damen. »Herrlich ist's, gelt?«

»Wir müssen uns schämen, Rudi. Vronli und ich haben uns nach der langen Trennung so eingehend miteinander unterhalten, daß wir kaum etwas von der herrlichen Gegend gesehen haben. Wenigstens nicht bewußt.«

»Weibsleut' – müßt ihr denn immer und immer schwätzen. Dazu nehm' ich euch halt mit ins schöne Bayernland«, polterte der Professor scherzhaft. »So – jetzt bleibst bei deinem Ehemann, Annemie. Schaut's nur den prachtvollen Sonnenuntergang. Ich mein', so farbenprächtig geht die Sonne nur in Süddeutschland unter. Bei euch im grauen Norden sieht man so etwas nicht.« Das süddeutsche Blut des Professors machte sich geltend.

»Und wie steht's mit der Waterkant, Rudi? Am Meer haben wir oft so prachtvolle Abendfärbungen genossen«, verteidigte seine Frau den Norden.

»Also hier ist's schön – und da ist's schön. Und es wird halt noch viel schöner – juchhu!« Das grüne Hütlein des Professors flog in die Lust.

Nein, war der Mann ausgelassen, in Ferienstimmung wie ein junger Bursch. Von seinen Patienten hätte wohl keiner den ernsten Arzt hier wiedererkannt.

»Ach, Rudi, ich bin dankbar dafür, daß ich mit dir und den Kindern – dem Hansi hätt' ich's auch gegönnt, aber der muß ja in die Schule – hier so herrliche Tage genießen darf«, sagte Frau Annemarie glücklich.

Ja, herrliche Tage wurden es für die Professorenfamilie. Petrus meinte es gut mit ihnen und ließ die Sonne jeden Tag in goldenerem Glanze erstrahlen. In dem gemütlichen Gasthaus bei den braven Wirtsleuten fühlte man sich bald ganz daheim. Selbst Ursel war damit ausgesöhnt, daß es kein elegantes Hotel war, in dem man zu Mittag und Abend sich in Staat werfen konnte. Sie ging in ihrem hübschen kleidsamen Dirndlkleid zur Freude aller, die sie sahen. Sie sang auf den Bergfahrten so hell und freudig, daß manch einer stehenblieb und der prachtvollen Stimme lauschte. Und daß selbst der Vater sie eines Tages zu packen kriegte: »Mädele, wenn du mal später die fremden Menschen durch deine Stimme halb so erfreust wie uns hier, dann will ich's nimmer bereuen, meine Einwilligung für die Hochschule gegeben zu haben.« Das war ein froher Triumph für die Ursel.

An Vronli schloß sie sich wieder so fest und zärtlich an wie früher, als sie noch Kinder waren. Wenn damals keiner mit Ursels eigensinnigem Köpfchen fertig werden konnte, die größere Schwester verstand es, auf Ursel richtig einzuwirken. Auch jetzt in den kurzen Ferienwochen machte sich ihr günstiger Einfluß auf die leicht empfängliche Seele der Jüngeren geltend. Vronlis Einfachheit und schlichte Art, über die sich Ursel lustig machte, färbte doch unmerklich ab. Das Bild der Tavares mit ihrer Eleganz verblaßte hier ein wenig in der ursprünglichen Bergwelt.

Aber es gab auch Stunden, ja ganze Tage, wo Ursel sich trotz der großartigen Natur wieder nach den Freunden sehnte. Wo sie sich überflüssig vorkam, vernachlässigt. Das war an den Tagen, an denen man gemeinsame Ausflüge mit dem in Seefeld wohnenden Oberlehrer Dr. Ebert unternahm. Man hatte gegenseitig aneinander Gefallen gefunden. Die Herren verstanden sich gut und mit der jungen Säuglingsschwester schien der Oberlehrer sich noch besser zu verstehen. Meistens wanderten die beiden zusammen. Gott, war das mopsig, wenn die zwei sich so ernsthaft unterhielten. Ursel hatte zuerst versucht, daran teilzunehmen. Aber bald merkte sie, daß sie mit ihrem kecken Mündchen, das immer irgendein übermütiges Wort fand, nicht zu dem tiefer den Dingen auf den Grund gehenden Gespräch paßte. Sie hatte bisher mit Herren immer nur auf lustigem Neckfuß gestanden; das war die Grundader ihres Wesens und ihrer Unterhaltung. Selbst mit Milton Tavares gab es stets ein scherzhaftes Wortgeplänkel und Lachen, solange die Musik nicht andere Saiten in ihnen ertönen ließ. Wie konnte man sich nur über Weltanschauung und Philosophie, über politische und volkswirtschaftliche Dinge stundenlang unterhalten. Ursel fand es geradezu ungehörig von den beiden, daß man so wenig Rücksicht auf sie nahm. Rollte sie nicht wie das fünfte Rad am Wagen immer nebenher? War es nun in die steinerne Bergwüste des Karwendelhauses oder in das liebliche Inntal mit seinen lachenden Ufern und blauen Tiroler Bergen. Das war Ursel nicht gewöhnt, daß sie nicht den Mittelpunkt bildete, daß man sie seitlich liegen ließ. Ja, der gelehrte, langweilige Schulmeister blickte offensichtlich von seiner geistigen Höhe auf sie herab, nahm sie gar nicht für voll. Einmal hatte er sogar gewagt »kleines Fräulein« zu ihr zu sagen. Aber das wagte er nicht noch einmal. Ursel hatte ihn den ganzen Tag dafür mit Nichtachtung gestraft. Nur schade, daß man nicht recht wußte, ob er es überhaupt bemerkt hatte. Denn eigentlich hatte er doch nur Augen für Vronli.

Oh, war die Ursel eifersüchtig! Nicht etwa auf die Schwester – o nein –, sie gönnte ihr die langweilige Unterhaltung und den noch langweiligeren Ritter von der Feder durchaus. Aber auf den »Pauker« selber – so pflegte Hans seine Lehrer zu bezeichnen – war die Ursel brennend eifersüchtig. Vronli vergaß ja ihre Anwesenheit vollständig in der Unterhaltung mit ihm. Sie merkte es gar nicht, wenn Ursel gekränkt zurückblieb und sich den Eltern anschloß. Ja, sie hatte Ursel sogar mal in ihrer ruhigen Art recht energisch verwiesen, als diese im gemeinsamen Stübchen ihr loses Mundwerk frei laufen ließ und Glossen über den Wandergefährten machte. Sie sei ein ganz unreifes Mädel, das einen solchen Menschen überhaupt noch nicht verstehen und würdigen könne. Ursels Abneigung gegen den Oberlehrer ward dadurch natürlich noch verstärkt.

Dies hinderte aber nicht, daß Vronli eines Tages – auf einer blumigen Alm, von der man weit hinaus in die Innebene hinunterschaute, war es – mit glücklichen Augen vor die Eltern trat und ihnen Dr. Georg Ebert als ihren Verlobten zuführte.

»Ach, nee!« entfuhr es der Ursel, nichts weniger als erfreut, während die Eltern frohen Blickes Vronlis Erwählten als Sohn begrüßten.

»Er ist ein Prachtmensch, dem man ruhig die Zukunft seines Kindes ans Herz legen kann«, sagte der Professor später freudig bewegt zu seiner Frau.

»Freilich, Rudi – er ist unserer Vronli würdig. Nur einen Fehler hat er – eins verzeih' ich ihm nicht –, errätst du es? Er macht mich zur Schwiegermutter!«

13. Kapitel. »Verknurrt.«

Über ein Jahr war seit jenen Sonnentagen in den bayerischen Bergen dahingegangen. Manche Veränderung hatte es in den kleinen Kreis des Hartensteinschen Familienlebens gebracht. Man hatte Hochzeit gefeiert. Zuerst eine stille Hochzeit, die von Hans Braun und Margot Thielen. Dann hatte Frau Annemarie sich darein finden müssen, nun würdige Schwiegermutter zu sein. Wenn der Professor guter Laune war und sie necken wollte, rief er sie stets mit diesem neuen Ehrentitel.

Im Norden Berlins, irgendwo da draußen am Wedding, wo das Realgymnasium lag, an dem Dr. Ebert unterrichtete, hatte Vronli ihr junges Heim aufgeschlagen. Drei Zimmer waren es, klein und bescheiden. Ursel blickte ein wenig naserümpfend auf das Glück ihrer Schwester. Himmel, war das eine häßliche Arbeitergegend. Kaum ein grüner Baum ringsum zu sehen, und die Wohnung so eng, so spießbürgerlich. Kein elektrisches Licht, keine Zentralheizung, wie vor hundert Jahren. Dabei machten Vronli und ihr Mann einen so glücklich zufriedenen Eindruck, als wünschten sie sich gar nichts Besseres. Wenn Ursel sich auch mit dem Schwager allmählich angefreundet hatte, die Ansichten vom Glück waren eben verschieden. Sie, Ursel, würde sich in einer solchen Wohnung höchst unglücklich fühlen. Für sie mußte das Glück vornehmer ausschauen.

Vorläufig aber lag das Glück für Ursel nach einer ganz anderen Richtung. Da hatte sie ganz andere Wünsche und Ziele. War sie doch denselben in dem Jahre fleißiger Arbeit, eifrigen Studierens an der Hochschule um ein gut Teil näher gerückt. Ursel Hartenstein war, wie es ihr bisher meist im Leben gegangen, auch unter den Studierenden und Lehrern der Berliner Hochschule der Liebling geworden. Diesmal war es nicht ihre reizende, bestrickende Persönlichkeit allein, sondern vor allem ihr Können, das die Lehrer wie die Schüler in Erstaunen setzte. Andere hatten wohl noch größeres Stimmaterial, aber diesen süßen Schmelz, diese samtweiche Tönung wie Ursel Hartensteins Stimme zeigte keine. Ihr Gesang klang edel, vornehm, sie hatte bei Frau Gerstinger eine gute Grundlage bekommen. Freilich war ihre frühere Lehrerin, sowohl wie Fidelio, recht wenig erbaut davon gewesen, daß die Schülerin, die zu so glänzenden Hoffnungen berechtigte, ihnen untreu wurde. Frau Gerstinger hatte sogar von Undank gesprochen und das weiße Wollknäuel sie feindselig angeknurrt. Aber Ursel sah doch, daß sie recht getan, an der Hochschule zu studieren, anstatt bei der bonbonlutschenden Primadonna und ihrem Fidelio. Das war ein ganz anderes ernstes Arbeiten und Streben, regelrecht und mit Disziplin, wie in der Schule. Nur daß Ursel hier keine Dummheiten machte, die ließ sie sich höchstens für die Pausen, sondern mit glühendem Eifer bestrebt war, alle Mitstudierenden möglichst zu überflügeln. Als Professor Lange sie zum erstenmal den Herren Kollegen als ein junges, hoffnungsvolles Talent vorstellte, da stand es bombenfest bei ihr, daß sie diese Hoffnungen erfüllen müsse. Mit derselben Zähigkeit, mit der sie sich an der Bank gegen die sie nicht interessierende Tätigkeit aufgelehnt hatte, machte sie sich jetzt an das Studium ihrer geliebten Musik. Oh, es gab auch manche Klippen, die Ursel in dem ersten Arbeitsjahre vor sich aufragen sah, die es mit Geduld und Ausdauer zu bewältigen galt. Fabelhaft war es geradezu, wie das Mädel, das bisher nie einer ernsten Tätigkeit geneigt gewesen war, keine Mühe und keine Arbeit scheute, um das Verlangte zu leisten, um vorwärts zu kommen. Rudolf Hartenstein stand manchmal vor einem Rätsel. Das hatte er seiner Jüngsten nicht zugetraut, daß sie sich so ins Zeug legen würde. Denn es handelte sich nicht allein um Gesang. Da gab es auch andere Fächer, Theorie, Musikgeschichte, Treffstunde, Deklamation, die Ursel unbedingt weniger Freude machten und für die sie doch oft bis abends spät lernte und arbeitete.

Professor Lange hatte dem Vater berichtet, daß Ursel seine begabteste Schülerin wäre. Das Fräulein Tochter erfuhr nichts davon, denn »dem Mädel schwillt halt gar zu leicht der Kamm«. Aber seiner Annemarie teilte Rudolf Hartenstein es mit.

»Siehst du, Rudi, man darf sich seinen Kindern gegenüber nicht auf einen allzu rigorosen Standpunkt stellen. Man muß ihre Lebensarbeit in Bahnen leiten, die ihren Neigungen entsprechen, wo sie mit Herz und Seele dabei sind. Paß auf, wir werden an unserem Urselchen noch große Freude erleben. Und daß du dem Hansi gestattet hast, an der landwirtschaftlichen Hochschule zu studieren, anstatt Medizin, die ihn nun einmal nicht lockt, war sicher ebenso richtig. Der Junge ist froh und glücklich bei seiner Arbeit und denkt nicht mehr an Amerika.«

»Na ja, Weible, man muß sich halt gewöhnen, daß man seine Kinder nimmer für sich erzieht. Aber recht hast schon: die Hauptsache, sie leisten was in dem, was sie ergreifen, und ihre Tätigkeit ist ihnen halt eine Freud'.« –

Die Hochschule für Musik lag in Charlottenburg, unweit der Braunschen Wohnung. Hatte Ursel am Nachmittag noch Unterricht, so blieb sie zu Tisch bei der Großmama. Das war jedesmal ein Fest für das Haus in der Knesebeckstraße. Die alte Hanne wußte nicht, was sie alles kochen und backen sollte an den Tagen, wo »unser Kind« erwartet wurde. Die Großmama saß schon eine Stunde vorher auf ihrem Erkerplätzchen und schaute nach Ursels graziöser Gestalt in dem blauen Kostüm aus. Am Fenster nebenan blickte man sich ebenfalls die Augen nach ihr aus, dort wurde sie nicht weniger sehnsüchtig erwartet als von der Großmama.

Die Tavares lebten immer noch im Braunschen Hause, als ob es gar kein Land jenseits des Ozeans mehr gäbe. Milton Tavares fand, daß er noch nicht genug in kaufmännischer wie in musikalischer Beziehung in Deutschland gelernt habe. Das betonte er in jedem seiner Briefe, wenn der Vater mal ein wenig auf den Busch klopfte, ob die Kinder denn noch nicht ans Heimkommen dächten. Margarida hatte sich jetzt auch gut eingelebt. Sie beherrschte die deutsche Sprache, hatte nach wie vor bei ihrer Freundin Ursel Hartenstein Unterricht und fühlte sich bei Frau Doktor Braun wie Kind im Hause. Wenn ihr wirklich mal bange wurde nach ihrem schönen Heimatlande und nach den Eltern, so wußte ihre alte Pensionsmutter mit warmem Herzen solche Stimmungen zu heilen.

Es war wieder mal Dienstag, an dem Ursel nachmittags zur Chorstunde in die Hochschule mußte. Seit einer halben Stunde stand Milton Tavares schon draußen auf dem blumenlosen Balkon, trotzdem der feuchtgraue Novembertag mit seinem Regenschleier recht wenig einladend für solche Sommervergnügungen war. Marga schien sich bei Einkäufen in der Stadt verspätet zu haben. Aber nicht nach der Schwarzhaarigen schaute Milton Tavares aus, sondern nach einer Goldhaarigen. Wo sie nur blieb, die Ursel? Der Unterricht schloß doch um ein Uhr für sie. Zum soundsovielten Male zog der junge Mann seine elegante Uhr aus der Tasche. Halb zwei – sie würde doch nicht etwa heute ausbleiben?

Trotzdem man unter den Regendächern, die vom Balkon gesehen, wie schwarze Pilze die Straße entlang wanderten, kaum das Gesicht der sich Nähernden sehen konnte, bedurfte es dessen nicht für Milton. Der kannte Ursels raschen, elastischen Schritt ganz genau, kannte jede Bewegung, mit der sie die Musikmappe hin und her schlenkerte. Aber soviel er auch schaute, der bekannte Schritt wollte nicht erklingen, die Erwartete sich nicht zeigen.

Milton Tavares fröstelte. Er schlug den Kragen seiner eleganten Hausjoppe hoch. Brrr – war das ungemütlich in diesen grauen Novembertagen hier in Deutschland. Er sehnte sich nach der heißen Sonne seines Heimatlandes. Und doch – was ihn hier fesselte, war stärker als das, was ihn in Brasilien lockte. Sobald Ursel Hartenstein erschien, vergaß er den häßlichen grauen, deutschen Winter. Dann wurde es licht und warm in ihm, oh, noch viel heißer als die Tropentemperatur Brasiliens. Sie war seine Sonne, die goldhaarige Ursel, der Brennpunkt, um den sich alle seine Gedanken drehten.

Nervös zog Milton schon wieder die Uhr. Ein Uhr vierzig – das ging nicht mit rechten Dingen zu, da mußte irgend etwas passiert sein. Wenn Ursel es mit Pünktlichkeit auch niemals sehr genau nahm, so arg hatte sie sich noch nie verspätet. Die Hochschule war ja nur fünf Minuten entfernt. Das richtigste war, er sprang schnell einmal herum, nachzusehen, wo sie blieb. Das lange untätige Warten war nichts für seine impulsive Natur. Schon hatte Milton den Regenulster übergezogen und war die Treppe hinunter, trotz Hannes energischen Protestes: »Jetzt wird nich noch mal wegjelaufen, ich komm schon mit die Suppe.«

Vor der Haustür hielt ein Droschkenauto. Margarida sprang leichtfüßig heraus und warf dem Chauffeur einen Geldschein zu, der die Summe für die Fahrt bei weitem überstieg.

»Ah, Milton – du wartest wohl schon auf mich?« fragte sie den Bruder in ihrer Heimatssprache. Unter sich sprachen die Geschwister stets portugiesisch.

»Freilich – aber ich habe noch einen kleinen Weg, gleich bin ich wieder zurück. Gehe nur inzwischen nach oben, Marga.« Nicht einmal der Schwester mochte er es eingestehen, daß ihm die ausbleibende Freundin keine Ruhe ließ. Sogar sich selbst gegenüber beschönigte er seine Ungeduld. »Ich bin es Frau Doktor Braun schuldig, daß ich mich nach ihrer Enkelin umsehe.«

Als der Brasilianer den Steinplatz überquert hatte, sah er bereits einen bräunlichen Regenmantel vor dem Portal der Hochschule ganz gemütlich auf und ab schlendern. Daß er zu Ursel gehörte, war außer Zweifel, trotzdem er dem Brasilianer den Rücken wandte. Goldenes Haar, wie nur sie es hatte, quoll unter dem Lederhütchen hervor. Aber er ging nicht allein, der bräunliche Regenmantel. Ein gelber Gummimantel wanderte daneben. Auf und ab – ohne Schirm, als sei es das herrlichste Maienwetter, und nicht ein Novembergeriesel, das einen in der Seele frösteln machte.

Oder war es etwas anderes, was Milton Tavares plötzlich eiskalt an das Herz griff?

Die beiden waren im lebhaften Gespräch, so angeregt, daß die junge Dame das Näherkommen des Brasilianers gar nicht bemerkte. Bis er ihr in einer jähen Eifersuchtsaufwallung den Weg vertrat.

»Ah, Herr Tavares!« Erfreut streckte Ursel ihm die Hand entgegen. »Was haben Sie denn hier zu suchen?«

»Sie«, gab der Brasilianer, zu stolz, um eine Ausrede zu erfinden, geradezu zur Antwort. »Es ist bald zwei Uhr. Madame Hanne hat schon gebringt der Suppe. Und Frrau Grroßmama sitzt an Fenster und wartet.« Daß er selbst gewartet habe, sogar auf dem Balkon, das behielt er für sich.

»Oh, ist es wirklich schon so spät, daß man jemand nach mir aussendet? Da haben wir uns aber tüchtig verschwatzt, Paul. Also wir reden morgen weiter von der wichtigen Angelegenheit.« Ursel nahm sich nicht mal erst Zeit, ihren Begleiter vorzustellen, sondern schüttelte ihm verabschiedend die Hand.

Ganz gegen seine Gewohnheit schritt der Brasilianer schweigend neben Ursel her, sie ritterlich mit seinem Schirme beschützend. Wer war jener Paul, der sie so lange aufgehalten hatte, daß sie darüber das Heimkommen vergaß? Sicher ein Musikschüler. Die Noten, die er unter dem Arm trug, ließen darauf schließen. Und was war das für ein wichtiges Gespräch, das morgen fortgesetzt werden sollte? Der Brasilianer spürte brennende Eifersucht in der Brust.

»Nun, Herr Tavares, ist Ihnen bei dem Regenwetter die Sprache davongeschwommen?« fragte Ursel, ihn erstaunt von der Seite betrachtend.

»Werr ist Paul?« gab der Brasilianer statt einer Antwort die Frage zurück.

»Paul? Was für ein Paul? Ach so, Sie meinen den jungen Tenor. Famose Stimme, wird sicherlich mal was Großes erreichen.«

Dem Brasilianer war das durchaus gleichgültig. »Sie sind bekannt mit ihm serr gutt?« Dieses war ihm weniger gleichgültig.

»Ja, natürlich, wir studieren doch zusammen.«

»Nennt alle Schülers an Hochschule sich bei Namen oder nur Paul?«, wollte der eifersüchtige Brasilianer noch wissen.

Ursel sah ihn groß an. Und plötzlich mußte ihr wohl ein Licht aufgehen, denn sein schwarzes Auge blitzte vor mühsam zurückgedrängter Erregung.

»Wir Hochschüler nennen uns meistens beim Vatersnamen. Aber was interessiert Sie das denn eigentlich?« fragte sie mit spitzbübischem Lächeln. Sie dachte ja gar nicht daran, ihm zu sagen, daß der junge Hochschüler mit Nachnamen Paul hieß. Es machte ihr ungeheuren Spaß, ihn weiter zappeln zu lassen.

»Serr interessiert. Sie promenieren mit Paul vierzig Minuten bei häßliches Regenwetter, hin, her. Frrau Grroßmama wartet, Madame Hanne wartet mit Suppe, Marga wartet, mich wartet. Ich will wissen, warrum Sie tun das?« In seiner Eifersucht sprach er in befehlendem Ton.

Damit kam er ja aber bei Ursel an die Rechte. Sie warf den goldblonden Kopf mit dem Lederhütchen zurück und sagte abweisend: »Weil es mir Spaß macht. Und im übrigen geht Sie das durchaus nichts an.«

»Oh, geht an mir viel, serr viel.« Da waren sie an dem Braunschen Hause angelangt.

Man war oben bereits zu Tische gegangen. Es mußte auf die übrigen Pensionäre, einem Schweden, einer Russin und einer Schweizerin, Rücksicht genommen werden.

Mit ingrimmigem Gesicht empfing Hanne die beiden. »Na, später kannste woll auch nich kommen, Urselchen. Führ' man bloß nich sone neuen Moden hier ein. Und Sie, Herr Tavares, brauchen auch nich jrade loszujondeln, wenn ich mit die Suppe komme. Nachservieren is 'n andermal nich!« sagte sie kurz und bündig.

Sonst pflegte Ursel die gute Alte bei derartigem Brummen, das öfters mal vorkam, sogleich durch ein gutes Wort zu besänftigen. Heute ärgerte sie sich über sie.

»Dann muß ich eben, wenn es mal wieder später wird, wo anders essen«, sagte sie kurz.

Auch der Brasilianer vergaß seine höfliche Entschuldigung, die er sonst stets bereit hatte.

Nanu? Hanne sah den beiden erstaunt nach. Hatten die sich miteinander verkracht? Das sah doch beinahe so aus. Aber diese Entdeckung hob merkwürdigerweise die schlechte Laune der Alten. Ja doch, ja – ordentlich sollten sie sich miteinander zanken. Viel zu dicke befreundet war ihr das Urselchen mit den »Schwarzen«. Die brave, alte Hanne sah kein gutes Ende davon und hatte allen Ernstes, trotz der »noblichsten Trinkjelder«, ihrer Dame vorgeschlagen, den Brasilianern den Laufpaß zu geben. Davon wollte aber Frau Doktor Braun mit ihrem menschenfreundlichen Herzen nichts wissen. Die beiden Tavares fühlten sich bei ihr zu Hause, sie sollten, so lange sie in Deutschland blieben, auch ein Heim bei ihr haben.

Mit aufmunterndem Lächeln reichte Hanne Ursel die Schüssel. »Nimm, Kindchen, nimm! Ich hab' dir dein Leibjericht jekocht, Karpfen blau mit Meerrettichsoße.«

Aber Ursel aß trotzdem nicht viel. Und gebrauchte dabei ihr Mündchen doch bei weitem nicht zur Unterhaltung, wie das sonst der Fall war. Selbst der Großmama fiel die ungewöhnliche Schweigsamkeit ihres Lieblings auf.

»Du hast wohl heute einen anstrengenden Vormittag hinter dir, mein Herz?« erkundigte sie sich teilnehmend.

»Ih wo, ich hatte Ensemblestunde mit Paul, die mir viel Freude machte.« Irgendein kleiner Teufel legte der Ursel diese Worte auf die Lippen.

Der Brasilianer hatte sich bisher kaum an der Unterhaltung der anderen beteiligt. Aber das war nur Ursel aufgefallen und allenfalls noch Hanne, die es mit Genugtuung wahrgenommen. Denn Frau Doktor Braun pflegte vor jedem Fischessen lächelnd zu verkünden: »So, jetzt sind wir alle miteinander böse. Beim Fisch darf man nicht reden. Sonst bekommt man eine Gräte.« Was aber natürlich die junge Welt durchaus nicht an der Unterhaltung hinderte.

»Warum bin ich eigentlich ärgerlich?« fragte sich Ursel im stillen. »Ich war doch so froh heute vormittag. Weil Milton Tavares irgendwelche dumme Eifersuchtsgedanken hat? Was gehen die mich an? Ich kann tun und lassen, was ich will, und bin ihm keine Rechenschaft darüber schuldig.« Und sie zwang sich, die Scherze des Schweden übermütig wie sonst zu parieren, mit Marga, der Russin und der Schweizerin lebhaft zu plaudern. Nur Milton existierte heute nicht für sie. Aber ihre Fröhlichkeit kam ihr nicht so recht von Herzen. Wie unbequem, daß Milton auch gerade ihr gegenüber seinen Platz hatte und sie, sobald sie vom Teller aufblickte, sein stummes, finsteres Gesicht sah.

Was wollte er denn eigentlich von ihr? Sie hatte ihm doch nichts getan. Das wäre ja noch schöner, wenn sie nicht reden konnte, mit wem sie wollte. Ursels Trotzkopf meldete sich.

»Omama, heute war ein Glückstag für mich. Paul hat mir zugeredet, mich zum ersten Januar für das Opernfach prüfen zu lassen. Er meint, ich werde sicher zugelassen; dann wollen wir zusammen Partien einstudieren.«

Da wurde der Stuhl ihr gegenüber jäh gerückt. Der Brasilianer erhob sich, trotzdem die Süßspeise noch nicht aufgetragen war, entschuldigte sich bei Frau Doktor und verließ das Zimmer.

»Oh,« sagte Margarida bedauernd, »Bruder Milton ist err nicht gesund?«

Ursel, an welche die Frage gerichtet war, zuckte gleichgültig die Achsel. Aber merkwürdig – Hannes Kunstwerk, die Schokoladenspeise, wollte auch bei Ursel nicht so recht rutschen.

Nach Tisch legte die Großmama sich stets ein wenig aufs Ohr. Ursel pflegte inzwischen bis zu Beginn der Hochschule mit ins Zimmer zu ihrer Freundin Marga zu gehen. Milton Tavares war dann ebenfalls Stammgast bei seiner Schwester. Die Geschwister hatten sich ein Instrument geliehen, das bei Marga im Zimmer stand, damit sie unabhängig von ihrer Pensionsmutter und den übrigen Pensionären spielen konnten, wann sie Lust hatten. Frau Doktor Braun hielt ihr Mittagsschläfchen in ihrem Schlafzimmer ganz hinten, am andern Ende der Wohnung. So konnte man nach Tisch ruhig musizieren. Das pflegten die drei Freunde auch stets zu tun. Ja, manchmal waren sie so vertieft in ihre Musik, daß Ursel die Zeit und die Hochschule darüber vergaß. Erst Hannes ärgerlich an die Tür bumbernde Faust: »Urselchen, Kind, hör' auf mit das Jedudel, es is jleich vieren, du mußt in deine Stunde«, pflegte sie dann an ihre Pflicht zu erinnern.

Heute stellte sich Milton nicht in Margas Zimmer ein. Zum erstenmal blieb er aus. »Brruder Milton hat Schmerrzen in Kopf, liegt auf Chaiselongue«, berichtete Marga, die nach ihm sah, besorgt der Freundin.

Oh, Ursel wußte ganz genau, was das für Kopfschmerzen waren. Deshalb brauchte Marga nicht in Sorge zu sein. Sie war grenzenlos enttäuscht, daß er nicht erschien. Hatte sie doch die Absicht gehabt, ihn mit einem guten Wort wieder zu versöhnen. Und nun war er »verknurrt« und die Nachmittagsstunde, auf die sich Ursel stets am meisten freute, erschien ihr heute langweilig und schal.

»Wollen wir spielen oder willst du singen, Urrsel?« fragte Marga sie.

»Ach, ich habe heute schon so viel Musik gemacht, am liebsten ruhe ich mich ein bißchen aus«, gab sie ausweichend zur Antwort und schmiegte sich in den Schaukelstuhl.

»Gutt – Brruder Milton hat auch Schmerzen in Kopf, mag nicht hörren Musik«, überlegte Marga.

Das erweckte wieder bei Ursel Trotz. Was – aus Rücksicht für Milton sollte sie nicht spielen, der überhaupt ganz andere Schmerzen als Kopfweh hatte – nun gerade!

Da saß sie auch bereits am Klavier und paukte drauf los. Motive aus Wagneropern, Verdi, Mozart, alles bunt durcheinander, wie es ihr gerade einfiel. Lustig sang sie den Text dazu und riß mit ihrer gezwungenen Heiterkeit auch Marga mit. »Oh, wie so trügerisch sind Weiberherzen«, klang es aus »Rigoletto« zu dem lauschenden Brasilianer hinein. Nein, das sollte sich Herr Milton denn doch nicht einbilden, daß Ursel sich seinetwegen in ihrem Vergnügen stören ließ.

Heute brauchte Hanne nicht an die beginnende Hochschule zu erinnern. Pünktlich zehn Minuten vor vier stülpte Ursel wieder den Lederhut auf das Blondhaar. Milton Tavares hielt es nicht mal der Mühe für wert, sich von ihr zu verabschieden.

Ursel war das Weinen näher als das Lachen, als sie die Treppe hinunterstieg. Ihr Trotz vermochte das Weh, das sie empfand, nicht zu unterdrücken. Hatte sie ihn denn wirklich so arg gekränkt?

Von dem Pfeiler des Hausportals löste sich eine schlanke Männergestalt. Ein Regenschirm ward über Ursels Kopf gestülpt – Milton Tavares hatte unten auf sie gewartet. Stumm schritt er neben ihr her. Kein Wort sprach er.

Ursel sah ihn ein wenig unsicher von der Seite an. Dann aber nahm sie all ihre Keckheit zusammen. »Warum begleiten Sie mich denn, wenn Sie mit mir schuß sind?« fragte sie patzig.

»Schuß?« Das Wort und sein Begriff »böse sein« war ihm fremd.

»Na ja, ich meine verknurrt«, erklärte sie in etwas besserer Stimmung.

Ursel war eine vorzügliche Sprachlehrerin. Das Wort »verknurrt« hatte der Brasilianer bereits bei ihr gelernt.

»Serr verknurrt«, bestätigte er. »Aber begleiten, weil Regen, und Sie haben kein Schirm.«

»Oh, bemühen Sie sich nicht, Herr Tavares. Ich bin nicht aus Zucker und weiche bei Regen nicht auf.«

Nichtsdestoweniger wich er nicht von ihrer Seite.

»Warrum Sie sagen Herr Tavares zu mir?« fragte er plötzlich.

»Ja, wie soll ich denn sagen?« verwunderte sich Ursel.

»Wenn Sie sagen Paul zu frremdes Tenor, Sie können sagen auch Milton zu guttes Frreund. Name ist ebenso schön«, beschwerte sich der Brasilianer.

Aber er hielt erstaunt in seinem Ärger inne. Silberhelles Lachen war plötzlich an seiner Seite erklungen, so von Herzen kommend, als wüßte Ursel nicht, daß sie miteinander »verknurrt« seien.

»Warrum lachen Sie – lachen Sie aus mir?« fragte er mißtrauisch.

»Ach, Sie sind zu komisch, Herr Tavares. Pardon, ich sollte ja Milton sagen. ›Fremdes Tenor‹ heißt doch überhaupt Erich Paul – Paul mit Nachnamen. Verstehen Sie. Wir Hochschüler lassen eben das Herr und Fräulein untereinander weg und rufen uns einfach beim Vatersnamen. Na, sind Sie noch verknurrt, Herr Tavares?« fragte sie schelmisch.

»Milton,« verbesserte er, »wie heißt es?« Jetzt war er es, welcher der Ursel Sprachunterricht gab.

»Dummer Milton!« Damit war die Ursel auch schon lachend die Steinstufen zum Eingang der Hochschule emporgesprungen. Denn von der Turmuhr schlug es vier.

Draußen stand Milton Tavares im grauen Novembergeriesel und es war ihm zumute, als brenne brasilianische Tropensonne.

14. Kapitel. Auf der Hochschule.

In der Chorstunde war man in großer Aufregung. Ein Konzert sollte stattfinden. Nicht das gewöhnliche Schülerkonzert, das regelmäßig in dem Saal der Hochschule abgehalten wurde, damit sich die Hochschüler an das Publikum gewöhnen. Das pflegte allerdings auch immer die Wogen der Alltäglichkeit aufzuwirbeln, denn jeder wollte möglichst gut dabei abschneiden. Waren doch alle Lehrkräfte der Hochschule dazu versammelt.

Aber heute gab es was ganz Besonderes. In dem Saale der Hochschule fanden regelmäßig im Winter Meisterkonzerte statt. Eine Sängerin, die für das nächste Konzert verpflichtet war, hatte abgesagt. Nun hatte sich der Leiter der Meisterkonzerte an die Hochschule gewandt, ob nicht irgendeine vorgeschrittene Schülerin einspringen könne. Im allgemeinen ließ die Hochschule ihre Schüler nicht gern vor dem Schlußexamen an die Öffentlichkeit. Aber Professor Lange war mit dem Leiter der Meisterkonzerte befreundet. So hatte er versprochen, mal sein Material durchzusieben, ob schon etwas darunter sei, was er dem Publikum, ohne sich und die Hochschule zu blamieren, vorsetzen könne.

Ursel erschien, wie meist, mit pünktlicher Unpünktlichkeit zugleich mit dem Dirigenten.

»Haben Sie es schon gehört, Hartensteinchen?« So wurde Ursel fast von allen genannt.

»Was denn?« Ursels Neugier war geweckt.

»Eine von uns soll im nächsten Meisterkonzert auftreten.«

Der Taktstock des Dirigenten, Professor Bocks, machte dem Geflüster ein Ende.

Man studierte die Bachsche Matthäuspassion. Ursel Hartenstein kannte das Werk noch nicht. Sie war hingerissen von seiner schlichterhabenen Schönheit. Trotzdem vermochte sie sich heute nicht so zu konzentrieren wie sonst.

»Wer singt im Meisterkonzert? Sicher die Neudorf. Sie hat eine prachtvolle Stimme und steht kurz vor dem Examen – –«

»Es donnert – es blitzet«, sang der Chor gerade. Da donnerte und blitzte es auch von dem Dirigentenpult. »Was ist denn da für eine Privatunterhaltung? Wir haben doch hier keinen Kaffeeklatsch. Ein solches Werk erheischt volle Aufmerksamkeit. Wenn jemand noch einmal stört, dann verzichte ich künftig auf seine Beteiligung am Chor.« Professor Bocks Stimme donnerte. Sein Auge blitzte zu Ursels Platz hin. Er war für seine Schroffheit, um nicht zu sagen Grobheit, bekannt, wenn er im Eifer des Dirigierens war. Dafür schuf er auch einen mustergültigen Chor. Sonst war er ein durchaus liebenswürdiger Herr.

Die Augen aller Chormitglieder, Damen wie Herren, wandten sich der gemaßregelten Ecke zu. Trotz all ihrer Unverfrorenheit war Ursel dieses Spießrutenlaufen äußerst peinlich. Sie gab sich Mühe, die Scharte durch volle Aufmerksamkeit wieder auszuwetzen.

Die herrliche Bachsche Musik ließ sie ihr Mißgeschick bald vergessen. Die Solisten traten in Aktion. Fräulein Neudorf sang den Sopran, eine andere Schülerin, die demnächst auf ein Opernengagement hoffte, die Altstimme.

Da erschien Professor Lange auf der Bildfläche. Das kam öfters mal vor, daß er zu den Solopartien erschien, da er dieselben mit seinen Gesangschülern einstudierte und ihre Wirkung unter Beteiligung des Chors erproben wollte. Heute hatte er andere Absichten.

Professor Bock klopfte ab, als der Chor sich zu dem Choral »O Haupt voll Blut und Wunden« erhob. »Herr Professor Lange wünscht einige Damen hier im Saal singen zu hören. Ich unterbreche die Chorstunde daher.«

Grenzenlose Spannung lag über all den jungen Musikschülern. Nun kam's. Wer mochte die Glückliche sein?

Professor Lange nahm das Wort. »Wie Sie wohl schon gehört haben, meine Damen und Herren, handelt es sich um das nächste Meisterkonzert hier in diesem Saal. Wir sollen Lückenbüßer sein. Mir liegt natürlich daran, daß unsere Hochschule in würdigster Weise repräsentiert wird. Ich wende mich an Sie selbst, welche der Damen halten Sie dazu am geeignetsten? Welche können wir getrost in die Öffentlichkeit hinaussenden?«

»Fräulein Neudorf« – rief es hier und da, »Fräulein Binder« – das war die Altistin der Matthäuspassion. Auch einige andere Namen wurden noch genannt. Fräulein Neudorf reckte den Kopf wie ein Pfau. Es war ja ganz selbstverständlich, daß keine andere in Betracht kam. Fräulein Binder bekam zwei kreisrunde rote Flecke auf beiden Backen vor Aufregung. Da rief jemand: »Fräulein Hartenstein.« Es war die Nachbarin Ursels, eine begeisterte Verehrerin ihrer Stimme. Ursel hielt ihr erschreckt den Mund zu.

»Viel zu jung – ist doch noch lange nicht fertig – ist ja noch nicht viel länger als ein Jahr auf der Hochschule« – wurden hier und da Stimmen laut.

Professor Lange strich sich seinen schönen weißen Bart. »An die Namen, die mir genannt worden, habe ich auch in erster Reihe gedacht. Ich schlage vor, daß wir sogleich eine Prüfung vornehmen, wie die Stimmen hier im Saal klingen. Darf ich die Damen bitten vorzutreten.« Fräulein Neudorf war bereits da. Sie fand diese Prüfung eigentlich recht überflüssig. Sie hatte das beste Stimmaterial, davon waren alle überzeugt und sie selbst am meisten. Überdies war sie eine der ältesten Schülerinnen der Hochschule. Na also. Wozu dann bloß noch die Umstände?

Fräulein Binder flog am ganzen Körper. Sollte sie die Ortrudarie singen? Oder lag ihr die Azuzena aus dem »Troubadour« nicht noch besser?

Professor Lange überflog die nach vorn getretenen Damen.

»Fräulein Hartenstein fehlt noch«, sagte er.

»Ach, das war ja bloß Spaß«, rief Ursel aus ihrer Ecke.

»Nein, das war durchaus Ernst, Fräulein Hartenstein. Bitte treten Sie ebenfalls vor.«

Angst hatte Ursel keine Spur. Höchstens Angst, daß sie gewählt werden könnte. Denn sie kam sich hier auf der Hochschule den Älteren gegenüber doch noch recht als Küken vor. Besonders Fräulein Neudorf nannte sie immer »Kleinchen« und sah ein wenig mitleidig von ihrer stolzen Höhe auf sie herab. Es wäre ihr entschieden angenehmer gewesen, mit Fräulein Neudorf nicht in Wettbewerb treten zu müssen. Aber da Professor Lange sie nun mal vorgeholt hatte, wollte sie auch ihr Bestes geben. Oho – die Stimme, die sich da gemeldet hatte, daß sie noch viel zu jung und zu kurze Zeit an der Hochschule sei, wollte sie schon zum Schweigen bringen.

Fräulein Neudorf betrat als erste stolz erhobenen Hauptes das Podium. »Was wollen Sie singen, Fräulein Neudorf? Vielleicht ein Schubertlied, einen Brahms und einen Strauß«, schlug Professor Lange vor. Fräulein Neudorf begann mit dem Heideröslein. Sie hatte wirklich eine Riesenstimme. In dem Bemühen, die andern auszustechen, forcierte sie dieselbe etwas. Die Zartheit des Liedes wurde von ihr vollständig erdrückt.

»Ich danke«, sagte Professor Lange, der sich Notizen machte, als sie geendet. »Wir sprechen morgen in der Stunde darüber. Fräulein Hartenstein, bitte, singen Sie uns dasselbe Lied.«

Fräulein Neudorf, die zu Brahms übergehen wollte, mußte abtreten. Ursel Hartenstein stieg mit der ihr eigenen Unbefangenheit auf das Podium.

»Sah ein Knab' ein Röslein stehn – – –«. Zart, schlicht und innig klang die Weise. Lange nicht so voll wie Fräulein Neudorfs Stimme. Aber von einem so süßen Schmelz, daß jeder den Duft des Heiderösleins zu spüren glaubte. »Röslein – Röslein – Röslein rot – Röslein auf der Heiden.«

Stille herrschte, als Ursel geendet hatte. Ein jeder fühlte sich ergriffen. Professor Lange hatte vergessen, sich Notizen zu machen. »Ich danke, Fräulein Hartenstein«, sagte der alte Professor und nickte Ursel freundlich zu. »Bitte, Fräulein Binder.«

Fräulein Binder hatte sich für die Azuzenaarie aus dem »Troubadour« entschlossen. »Lodernde Flammen« schlugen über die Zuhörer zusammen. Aber es waren keine ganz reinen Flammen. Die Altistin sang vor Aufregung etwas unrein. Professor Lange machte häufig Anmerkungen in seinem Büchlein. Noch zwei Sängerinnen traten vor. Die eine sang den Lindenbaum, die andere Brahms »Vergebliches Ständchen«. Der Lindenbaum wackelte etwas in der Höhe. Bei dem Ständchen fehlte das Neckische, da Angst und Erregung der Sängerin die Kehle zupreßte.

»Fräulein Hartenstein, bitte wollen Sie uns noch einmal das Ständchen bringen.«

Fräulein Neudorf, die erwartet hatte, daß die Reihe nun wieder an sie kam, warf der auf Professor Langes Wunsch vortretenden, jüngeren Mitschülerin einen wütenden Blick zu. So ein Grasaffe! Wagte es neben einer fertigen Sängerin, wie sie es doch beinahe war, sich hören zu lassen.

»Guten Abend, mein Schatz, guten Abend, mein Kind –.« Mutwillig, übermütig und neckend erklang es. Ursels Naturell kam darin zwanglos zum Ausdruck.

Als sie geendet, trat Professor Bock, der bisher stiller Zuhörer gewesen, zu seinem Kollegen und sprach leise mit ihm. Professor Lange nickte zustimmend.

»Was wollen Sie noch singen, Fräulein Hartenstein?«

»Was Sie wünschen, Herr Professor.«

»So singen Sie das Straußsche Wiegenlied, zwei Schubertlieder und vielleicht noch ›Ich liebe dich, so wie du mich‹ von Beethoven, das wir erst kürzlich studiert haben. Das genügt.«

»Ich werde zuerst das Wiegenlied singen«, wandte sich Ursel an den Pianisten, der begleitete.

»Für heute genug, Fräulein Hartenstein.« Professor Lange winkte ab. »Ich meinte zum Meisterkonzert am neunzehnten. Bis dahin müssen wir die Sachen noch fleißig durcharbeiten. Denn daß Fräulein Hartenstein am geeignetsten ist, in dem Konzert zu singen, steht wohl außer Zweifel. Soviel musikalisches Empfinden und Urteil haben Sie alle selbst.«

Gedämpftes Gemurmel erhob sich im Saal. Meist beifällig. Aber es waren doch auch ablehnende Stimmen darunter, die es unerhört fanden, daß ein solches grünes Ding erfahrenen Sängerinnen vorgezogen wurde. Fräulein Neudorf selbst war geradezu erschlagen. Gift und Galle war sie. Eine solche Schmach, solch eine ungerechte Zurücksetzung ihr!

Ursel, der Mittelpunkt all dieser geteilten Empfindungen, hatte sich im ersten Augenblick am Flügel festhalten müssen. Nicht etwa, weil es ihr schwarz vor Augen wurde, nein – weil sie sonst unfehlbar einen Luftsprung vor Glückseligkeit gemacht hätte. Aber da das Podium für derartige Gefühlsäußerung doch nicht der geeignete Ort ist, und man sie sowieso schon in der Chorstunde als Baby behandelte, stand Ursel, so schwer es ihr wurde, doch lieber von ihrem Vorhaben ab.

Mit glänzenden Augen wandte sie sich an ihren alten Lehrer. »Ich soll singen, Herr Professor? Wirklich ich? Oh, ich will so schön singen, grenzenlose Mühe will ich mir geben. Ich werde Ihnen ganz gewiß keine Schande machen«, versprach Ursel in ihrem Übermaß von Seligkeit.

Die beiden Herren lächelten über die naive Freude und rührende Kindlichkeit des jungen Mädchens. »Singen Sie nur so, wie Sie heute gesungen haben, Fräulein Hartenstein. Schlicht und natürlich, dabei kommt Ihre Stimme am meisten zur Geltung. So, Kollege, wenn Sie in Ihrer Chorstunde fortfahren wollen – ich bin fertig.« Professor Lange empfahl sich und der Taktstock Professor Bocks durchsauste aufs neue die Luft.

Wer hatte jetzt noch Aufmerksamkeit für die Matthäuspassion. Professor Bock mußte soundso oft abklopfen, er war heute recht unzufrieden mit seinem Chor. Die Solisten, wenigstens die weiblichen, klangen matt, Fräulein Neudorfs Stimme wutheiser. »O Golgatha – unselig Golgatha – – –.« Nicht einmal die tiefergreifende Weise vermochte ihren Grimm zu besänftigen.

Ursels Stimme jubilierte heute wie eine Lerche. Man hörte sie aus all den Stimmen heraus. Gab es einen glücklicheren Menschen auf Erden als sie? Im Konzert – in einem richtigen Konzert vor fremdem Publikum sollte sie auftreten – da war er, der Weg zum Ruhm, lorbeerumsäumt. Wenn es auch noch kein eigenes Konzert war, es war doch der erste Schritt in die Öffentlichkeit. Und im neuen Jahr würde sie in die Opernabteilung eintreten, sicher würde man sie dort aufnehmen, wenn man sie für das Konzert gewählt hatte. Dann ging es aufwärts – Sprosse auf Sprosse hinauf auf der Leiter der Berühmtheit. O Gott, was würden die Eltern bloß sagen. Nun mußte Vater es einsehen, daß sie an der Bank nicht am richtigen Platz gewesen, daß sie zur Sängerin auserkoren war. Und Muzi, ihre kleine Muzi. Wie würde die sich mit ihr freuen. Gleich nach der Hochschule mußte sie zur Großmutter mit heranspringen, denn Milton – Milton mußte es zuerst erfahren, ihr unsagbares Glück.

»Sechsachtelpause – wer hat denn da wieder falsch eingesetzt –!« Wütend klopfte der Taktstock auf das Dirigentenpult. »Nehmen Sie sich doch eine Brille, wenn Sie nicht sehen können –« Ursel verkroch sich erschreckt hinter ihren Vordermann. Wer sollte auch Sechsachtelpausen zählen, wenn er gerade im Begriff war, die Leiter des Ruhmes zu erklimmen.

Jeder atmete heute auf, als die Chorstunde zu Ende war. Der Dirigent nicht am wenigsten.

Um Ursel scharten sich Damen und Herren und beglückwünschten sie neidlos zu ihrem fabelhaften Erfolg. »Lange ist wenigstens gerecht. Er nimmt keine falschen Rücksichten auf das Alter einer Schülerin. Die Neudorf hat ja entsetzlich tremuliert, und die Binder singt sonst auch besser. Ich habe gleich gesagt, die kleine Hartenstein macht's – aber Schwein hat es doch, das Hartensteinchen«, so gingen die Stimmen der Hochschüler hin und her.

Fräulein Neudorf rauschte mit ihrem Stab, einem Gefolge von einigen älteren Schülerinnen, die gleich ihr über die unerhörte Zurücksetzung empört waren, an Ursel vorüber und tat, als ob sie Luft für sie wäre. Da streckte ihr Ursel mit der ihr eigenen liebenswürdigen Unbefangenheit die Hand entgegen. »Bitte, bitte, Neudorf, seien Sie mir doch nicht böse. Ich kann doch nichts dafür, daß ich singen soll. Und ich finde ja auch, daß Sie eine viel größere Stimme haben als ich – – –« Ursel sprach in die Luft. Ohne sie eines Blickes zu würdigen, war die beleidigte Konkurrentin an ihr vorüber.

»Na, denn nicht!« sagte Ursel mit Nachdruck.

»Nehmen Sie sich die Abweisung nicht zu Herzen, Hartensteinchen. Neudorf ist immer so eingebildet. Die kalte Dusche ist ihr ganz gesund«, meinte eine Mitschülerin.

Oh, Ursel nahm sich heute ganz gewiß nichts zu Herzen, denn da drin blühten lauter Rosen, während draußen doch erster Schnee still und lautlos herniedersank.

Die Kuppel der Hochschule sah aus wie aus schlohweißem Marmor, und das griechische Tempelportal war mit lichtem Flockenhermelin verbrämt. Lustig wirbelten die Silbersternchen herab, hingen sich an Ursels Goldhaar und tanzten ihr übermütig auf der Nase herum. Weihnachtswetter. In vierzehn Tagen war Weihnachten und am 19. Dezember, kurz vorher, da war der große Tag für Ursel. Hurra!

Das großelterliche Haus in der Knesebeckstraße lag verschlafen in weichen Schneefedern. Ursel stürmte die Treppen hinaus, immer zwei Stufen auf einmal. Oben läutete sie Sturm.

»Herreje,« sagte die mit Gemütsruhe angeschlurft kommende Hanne, »biste denn janz und jar von Jott verlassen, Urselchen, so'n Spektakel zu machen.«

»Tag, Hanne – ist Milton Tavares zu Hause?«

»Du meinst woll Omaman« – verbesserte Hanne grimmig. »Jeh man rein bei ihr. Ob deine Schwarzen zu Hause sind, interessiert mir nich.« Bumms – da warf sie die Tür, die vom Vorderkorridor in ihr Reich führte, vor Ärger zu.

Ursel zögerte nur sekundenlang. Natürlich mußte sie zur Großmama. Sie hätte nur so brennend gern Milton Tavares die große Neuigkeit als erstem erzählt.

Da wurde bereits die Tür der Tavares aufgerissen. Milton hatte ihre Stimme erkannt.

»Oh, das ist gutt – serr gutt das.« Er griff erfreut nach ihren Händen. »Ich sitze in Zimmer und denke an blondes liebes Mädchen, da ich höre ihr Stimme. Bitte geben Sie nasse Mütz.« Er nahm ihr die schneebestreuten Sachen ab.

»Ich habe nicht lange Zeit, Milton.« Seit dem Novembertage, da sie miteinander »verknurrt« gewesen, nannten sie sich stillschweigend beim Vornamen. »Nur erzählen muß ich es Ihnen, daß ich der glücklichste Mensch auf der Erde bin.«

»Warrum glücklichste Mensch auf Errde?« fragte er, ein wenig mißtrauisch.

»Von allen Hochschülerinnen hat Professor Lange mich auserkoren, am neunzehnten im Meisterkonzert öffentlich aufzutreten. Das erste Konzert, Milton – nun werde ich bald eine berühmte Sängerin. Was sagen Sie bloß dazu?« Ursels Worte überstürzten sich.

Aber der Widerhall ihrer Freude, den sie erwartet, blieb aus. Der Brasilianer zupfte stumm an seinem Schlips, ein Zeichen, daß ihn etwas stark erregte.

»Nanu, Milton? Freuen Sie sich denn gar nicht, daß Ihre Freundin nun bald berühmt sein wird? Und wenn ich erst an die Oper darf – wenn ich den ersten Lorbeerkranz bekommen werde –«

»Nicht berrühmt – nicht Oper – nicht Lorbeerkranz. Deutsche Mädchen tragt Krranz von Myrrten«, sagte er voll Lebhaftigkeit. »Urrsel, liebe, liebe Urrsel muß haben Krranz von Myrrten.« Wieder griff er nach ihren Händen.

»Ich denke ja gar nicht dran«, lachte Ursel lustig, um das Gefühl der Beklemmung, das ihr plötzlich das Herz einengte, nicht aufkommen zu lassen. »Erst kommt der Lorbeerkranz – zu einem Myrtenkranz habe ich noch lange, lange Zeit.« Es klang doch nicht ganz so keck wie sonst.

»Nicht Zeit – gar nicht Zeit lange. Vater schreibt aus S. Paulo, ist nicht gesund, Kinder sollen kommen heim, Sohn muß helfen ihm in Kaffee-Export, oh, ein serr, serr großes Export!« Er zog ihre Hände, die plötzlich eiskalt waren, an sein Herz. »Urrsel – liebe, liebe Urrsel, wenn Frrühling kommt, ich muß forrt auf grroße Schiff und Schwester Marga auch.« Der Blick seiner tiefschwarzen Augen war feucht geworden.

»Fort –«, wiederholte Ursel tonlos. »Fort?« Die Rosen, die noch vor kurzem in ihrem Herzen geblüht hatten, schienen plötzlich verdorrt. »Milton, das ist ja gar nicht möglich!« Ihre Hände zitterten in den seinen, sie flatterten wie gefangene Vögelchen. Gar keine Mühe gab sich die Ursel, den jähen Schmerz, der sie durchzuckte, vor dem Freunde zu verbergen.

Als Milton sah, daß auch in den sonst so übermütigen Blauaugen Tränen standen, preßte er feurig seine Lippen auf Ursels Hände.

»Nicht weinen – oh, nicht weinen wegen mir. Ich fahrre nicht forrt ohne Urrsel, ohne meine Urrsel – – –.«

»Na, nu sag' mal, Urselchen, jehste nu heute noch bei deine Frau Omaman oder jehste nich – – –!« Der heiße Gefühlsüberschwang des Brasilianers wurde durch die alte Hanne etwas ernüchtert. Sie mußte doch mal sehen, wo die Ursel steckte. Sie sorgte für Sitte und Moral im Braunschen Hause schon bald ein halbes Jahrhundert. Keiner von den beiden hatte in der Erregung Hannes schlurfende Schritte vernommen, bis sie plötzlich dicht vor ihnen stand. Der treuen Alten war es nicht viel anders zumute als Ursel selbst. Eiskalt hatte es ihr an das Herz gegriffen, als sie sah, daß der Brasilianer ihrem Kinde die Hände küßte. So fing es bei den Gebildeten immer an. Und was hatte er da von »meine Ursel« gesagt? Solche ruppige Unverschämtheit! Ach, sie hatte es ja von Anfang an geahnt, daß für das Kindchen, das Urselchen, im Leben nichts Gutes dabei rauskam, wenn sie sich mit den beiden »Schwarzen« einließ.

Energisch öffnete Hanne die Tür zum Wohnzimmer, daß helles Licht in den dämmerigen Korridor hinausflutete. Ganz blaß sah es aus, das Kind!

»Jeh man rein, Urselchen.« Hannes Empörung verwandelte sich plötzlich in Mitleid. »Omamachen is drinne und freut sich auf dir.« Sie schob Ursel energisch vor sich her in das Zimmer hinein.

So – dem Techtelmechtel da draußen im Korridor hätte sie glücklich ein Ende gemacht.

»Ei, mein Urselchen, das ist aber eine freudige Überraschung. Heute war ich ja gar nicht auf deinen lieben Besuch vorbereitet«, empfing sie die Omama, die in ihrem Lehnstuhl mit einem Strickzeug saß und in das Schneetreiben hinausblickte, erfreut.

Ursel mußte sich zusammenreißen, um die Großmama so herzlich wie sonst zu begrüßen. In ihr war alles in Aufruhr. Mit ihrem impulsiven Empfinden fühlte sie das in Aussicht stehende Fortgehen des Freundes als einen Schmerz, so namenlos, so weh – daß sie gar keinen andern Gedanken zu fassen vermochte. Denn was er sonst noch gesagt hatte, das war ja unmöglich – ganz undenkbar.

Die alten Augen hatten über die Brille hinweg schon verschiedene Male prüfend die stille Enkelin gestreift. Was war mit dem Kinde?

»Nun, Urselchen, wie ist es dir heute in der Hochschule ergangen?« sondierte die Großmama das Terrain. Hatte Ursel dort Unannehmlichkeiten gehabt?

»Ach, Omamachen –!« Ursels Gedanken mußten sich aus Brasilien, wohin sie entschlüpft waren, erst wieder zurücktasten – die Hochschule – ja, war das denn wirklich noch keine halbe Stunde her, daß sie sich als glücklichster Mensch der ganzen Welt erschienen?

»Professor Lange hat mich heute dazu auserwählt, im nächsten Meisterkonzert – am 19. Dezember findet es statt – für eine Sängerin, die abgesagt hat, einzuspringen. Ich soll zum erstenmal öffentlich singen, Omamachen. Ihr müßt alle kommen, Hanne auch.« Der freudige Stolz meldete sich nun doch wieder. Aber der Jubel, diese jubelnde Glückseligkeit, die sie vorher durchpulst hatte, die war tot.

»Ei, der Tausend, Herzchen, das ist aber eine große Auszeichnung!« Die Großmama streichelte ihrem Liebling die Wange. Also darum war das Kind so still und in sich gekehrt. Das Konzert ging ihr im Kopf herum. Vielleicht schon Lampenfieber. »Das ist eine große Freude für mich, daß ich's noch erleben darf, dich als Sängerin auf dem Konzertpodium auftreten zu sehen. Es ist hübsch von dir, mein Urselchen, daß du gleich mit der frohen Botschaft zu deiner alten Omama kommst. Du weißt schon, wer sich am meisten mit dir freut.«

Ursel wurde rot bis an das Goldhaar. Sie schämte sich heimlich vor der Gütigen, daß sie in erster Reihe an einen ganz andern gedacht hatte. An einen, der ihre Freude nicht mal geteilt, ja, dieselbe sogar beinahe zertreten hatte. Aber sie wollte sich das, was sie noch vor kurzem so glücklich gemacht, nicht zerstören lassen. Nein! Ursels Trotz versuchte des Wehs, das ihr immer noch ins Herz stach, Herr zu werden.

»Hast du denn auch ein Konzertkleid, mein Urselchen?« erkundigte sich die alte Dame, um Ursel von dem mutmaßlichen Lampenfieber abzulenken.

»Ein Kleid?« – Richtig, ein Kleid gehörte ja auch dazu. Daran hatte die junge Sängerin noch nicht gedacht. »Mein rosa Kleid von Vronlis Hochzeit ist nicht mehr sehr schön. Ich habe es schon als Sommerkleid mit getragen.«

»Nu«, da wird der Weihnachtsmann wohl im voraus ein neues bringen müssen, was, Urselchen?« meinte die alte Dame lächelnd.

»Ach, Omamachen –!« Ursel schmiegte den Blondkopf zärtlich dankbar an die Großmama. Sie fühlte sich so geborgen an diesem stillen Platz, behütet vor all dem Unruhigen, was von draußen auf sie eindrang. Und das sollte sie aufgeben, dieses Sichgeborgenfühlen? Nicht nur hier am Herzen der Großmutter, nein, viel mehr noch daheim bei ihrer besten Freundin. Muzi – ihre kleine Muzi würde helfen, ihr aus dem Labyrinth der widerstreitenden Empfindungen herauszuhelfen. Dort war ihre Heimat. Nicht im fernen Lande bei dem fremden Menschen, der diese unerklärliche Unruhe über sie brachte, der sie herausreißen wollte aus ihrem Heimatsboden, aus ihrem künstlerischen Streben. Ihrer Kunst gehörte sie – keinem andern.

Ursel hob energisch den Blondkopf. Sie war in ihrer raschen Art fertig mit ihren Überlegungen – fertig auch mit Milton Tavares.

»Also, was meinst du zu einem mattblauen Seidenkleid, Urselchen, das müßte dir doch gut stehen? Deine Mutter hat früher mit Vorliebe hellblau getragen«, überlegte die Großmama.

Ursel fuhr sich über die Stirn. Die Gedanken wollten sich doch nicht so schnell scheuchen lassen, wie man es ihnen befahl. Hatte Milton neulich nicht gesagt, mattlila sei die geeignetste Farbe für sie, für den Goldton ihrer Haare? Aber was ging sie denn Milton noch an?

»Hellblau ist so altmodisch, Omamachen. Mattlila steht mir sicher besser – falls du den Weihnachtsmann sprechen solltest.« Da hatte sie doch gerade das Gegenteil von dem gesagt, was sie soeben gedacht.

Es war Zeit, heimzukehren. Dort würde sie sich zu größerer Klarheit, zur völligen Unabhängigkeit von einem fremden Willen durchringen. Hier in diesen Räumen empfand sie Miltons Nähe. Sie fühlte sein intensives Denken an sie durch die trennende Tür hindurch, konnte sich von dem Ring der Zusammengehörigkeit, den er um sie schmiedete, nicht gänzlich lösen.

O Gott, da trat er selbst durch die bewußte trennende Tür. Die Tavares waren wie Kinder im Haus. Sie hatten zu Frau Doktors Wohnzimmer stets Zutritt.

Er sah, wie Ursel bei seinem Eintritt zusammenzuckte.

»Habe ich geschreckt, Urrsel?« fragte er teilnehmend. »Ist es erlaubt, Frau Doktor?« Er zog sich mit liebenswürdiger Selbstverständlichkeit einen Stuhl zu den beiden Damen.

»Kommen Sie nur, lieber Milton.« Auch die alte Frau Doktor nannte die beiden Ausländer auf deren Bitte beim Vornamen. »Wo steckt denn unsere Marga?«

»Marga ist gegangen zu Hutmacher, wird kommen bald.«

Ursel fiel es erst jetzt ein, daß sie die Freundin überhaupt noch nicht vermißt, daß sie bisher nur an Miltons Fortgehen aus Deutschland gedacht hatte.

»Deutsches Schnee«, sagte der Brasilianer, in das weiße Flockengetriebe hinausweisend. »Hu – ist kalt. Sonne in Brasilien warm auch in Winter, serr warm, serr schön, oh, moito bonito. Weiße Haus mit Marmor, wie deutsche Schloß, und Garten an Haus, viel mehr schön als deutsches Garten. Palmen, grroße Palmen, Blätter wie Dach. Apfelsinen-, Bananen-, Pfirsich- und Feigenbäume mit Früchte, so grroß. Und Blumen, herrliche Blumen, kann liebe Urrsel sich schmücken Goldhaar.«

»Was gehen mich denn Ihre Blumen in Brasilien an?« begehrte Ursel in deutlicher Abweisung auf.

»Nun, Urselchen, wenn du deine Freunde mal in Brasilien besuchst – vielleicht per Luftschiff. Bei unserer vorgeschrittenen Technik ist ja nichts mehr unmöglich«, lachte Frau Doktor Braun harmlos.

Milton schaute Ursel stumm an. Stumm, und doch beredt. Unbequem, ja geradezu peinigend war der Blick seiner dunklen Augen. Ach, und doch so süß, so lockend. Und was er da von Brasilien erzählt hatte, das hatte sie wie ein süßes Gift berauscht. Schön mußte es sein in dem weißen Marmorhaus. Wenn sie mit ihm unter den Palmen, Apfelsinen- und Bananenbäumen wandern würde – – – – – nein, nein, und nochmals nein! Sie mußte sich freimachen von dem Zauber, den seine Gegenwart auf sie ausübte.

Brüsk erhob sie sich. »Ich will heim, Omama. Vater und Mutti sollen sich mit mir freuen über meinen ersten Schritt auf dem Wege des Ruhmes. Zum Januar gehe ich zur Opernlaufbahn über. Und wenn ich erst auf der Bühne mein erstes Debüt feiern werde – wäre es nur schon so weit!«

So, nun wußte Milton Tavares Bescheid. Nun hatte sie es ihm deutlich zu verstehen gegeben, daß nicht die Wunderblumen Brasiliens sie lockten, sondern der Lorbeer im Lande der Kunst.

15. Kapitel. Das erste Konzert.

Näher und näher rückte der 19. Dezember. Frau Annemarie war vor dem ersten öffentlichen Debüt ihres Nesthäkchens aufgeregter als Ursel selbst. Sie hatte geglaubt, in den nun bald fünfundzwanzig Jahren ihrer Ehe mit Rudi etwas von seiner Ruhe, seinem Gleichmaß profitiert zu haben. Ja, prosit Mahlzeit! Bis auf den Grund ihrer Seele hatte die Nachricht von Ursels erstem Konzert sie aufgewirbelt.

Das Mädel war so selbstbewußt, so sicher – wenn es nur nicht Schiffbruch litt. Das Berliner Publikum, dem täglich die erlesenste Musikkost vorgesetzt wurde, war anspruchsvoll. Eine noch namenlose junge Sängerin hatte es nicht leicht, sich durchzusetzen.

»Rudi, was meinst du? Hältst du Ursels Konzertprogramm für richtig? Das Heideröslein und das Wiegenlied liegen ihr. Auch die Schubertlieder; für das Ständchen bringt sie das Schelmische auf. Aber »Ich liebe dich, so wie du mich« von Beethoven, das halte ich für verfehlt. Sie ist noch viel zu jung, zu unbeschwert vom Leben, um die ganze Tiefe und Reife dieses Liedes empfinden und zum Ausdruck bringen zu können. ›An die Musik‹ würde ich entschieden für geeigneter halten.«

»Weible – Annemie – das laß Professor Langes Sorge sein. Wenn er das Programm so zusammengestellt hat, wird er halt wissen, warum. Im übrigen, wenn ich ehrlich sein soll, ich wünsch' unserem Ursele gar nicht solch einen Bombenerfolg. Der würde ihr nur Spätzli in den Kopf setzen. Sie bohrt sowieso schon immerzu, daß sie zum neuen Jahr zum Bühnenstudium übergehen will. Ich verlaß mich auf Professor Lange. Der weiß, daß ich's nimmer zugeb'.«

»Ich wollte den Bombenerfolg ganz gern in Kauf nehmen, wenn er nur schon gewiß wäre«, seufzte Frau Annemarie besorgt. »Nicht mal vor meinem Abiturium habe ich solch einen Bammel gehabt. Die Kinder können es einem gar nicht danken, was man um sie sorgt.«

»Sie geben's halt an ihren eigenen Kindern wieder ab; so ist's ein ewiges Geben und Nehmen in den Generationen. Aber Frauli, du bist mir in der Tat arg nervös durch das dumme Konzert geworden. Deinetwegen wollt' ich, 's wär erst vorüber.«

»Ich kann gar nicht an das Nachher denken. Alle meine Gedanken endigen in dem Neunzehnten. Dabei ist's so notwendig, daß ich mich um die Weihnachtsvorbereitungen kümmere. Aber mir fehlt tatsächlich die Spannkraft dazu.«

»Schämst dich nimmer, Weible? Kenn' ja meine tapfere Annemie gar nicht wieder«, schalt der Professor energisch. »Das Schlimmste ist doch, das Mädel rasselt 'nein. Tät' ihr gar nicht mal viel schaden, solch ein kleiner Dämpfer auf ihr Selbstbewußtsein.«

»Rabenvater!« rief Annemarie, im Ernst empört. »Wie kann man so etwas auch nur im Scherz sagen.«

»Ist halt mein voller Ernst«, beteuerte der Professor.

Ursel selbst, um welche die mütterlichen Gedanken ständig sorgten, beschäftigte sich innerlich gar nicht so viel mit dem bevorstehenden Konzert. Nie hätte es die Ursel für möglich gehalten, daß es noch etwas anderes daneben geben könne, was ihr nur halb so wichtig sein könnte. Wer ihr das vorher gesagt hätte, den würde sie glatt ausgelacht haben. Und doch war es der Fall. Zwar studierte sie fleißig mit Professor Lange ihr Konzertprogramm und auch daheim für sich. Mit Milton hatte sie seit jenem Tage nicht wieder musiziert, trotzdem er sich ihr öfters als Begleiter für das bevorstehende Konzert anbot. Ja, es war offensichtlich, daß sie ihm aus dem Wege ging. Wenn sie auch nach wie vor an den bewußten Mittagen zum Essen kam, die gemütliche Plauderstunde nach Tisch unterblieb. Mit dem letzten Bissen eilte sie schon wieder davon, weil Professor Lange eine Korrepetitionsstunde für sie eingelegt hatte. Es gelang Milton nicht, sie allein zu sprechen. Einige Male hatte er versucht, sie an der Hochschule zu erwarten. Da war sie aber stets mit einem Schwarm von weiblichen und männlichen Hochschülern erschienen, daß er sich still zur Seite gedrückt hatte.

Warum mied Ursel ihn? Warum? Hatte er sie mit seinen feurigen Worten erschreckt oder gar beleidigt? Sie mußte doch längst wissen, wie es um ihn stand, daß er kaum einen Gedanken mehr hatte, der nicht um das blonde deutsche Mädchen kreiste. Unmöglich, ohne sie heimzukehren nach Brasilien, den Ozean zwischen sich und ihr zu legen. Ganz undenkbar. In Tönen hatte er es ihr oft gesagt, was er für sie empfand, oft hatte er einen seligen Widerklang aus ihren Liedern vernommen. Und nun? Fand sein Wort nicht den Weg zu ihrer Seele, wie seine Musik es getan? Sehnte sie sich nicht gleich ihm, ihr Leben mit dem seinigen zu vereinigen?

Margarida, das heitere, leichtlebige Kind heißerer Zonen, kannte den Bruder nicht wieder. Still und in sich gekehrt ging er umher. Seine freie, offene Liebenswürdigkeit war einer düsteren Verschlossenheit gewichen. Oft brütete er stundenlang vor sich hin. Nicht einmal zur Musik hatte er Lust.

Auch Ursel mußte Miltons verändertes Wesen auffallen. Und mit dem sechsten Sinn, welcher den Frauen in solchen Fällen gegeben ist, brachte sie dasselbe in Zusammenhang mit sich selbst. Ach, er tat ihr ja so unsagbar leid, wenn sie sah, wie er litt. Aber litt sie nicht gleich ihm? Nein, noch tausendmal mehr. Er war nicht vor einen so folgeschweren Entschluß gestellt wie sie, wurde nicht von den widerstreitendsten Empfindungen hin und her gerissen. Wenn Ursel der Mutter liebevolles Umsorgen auch im kleinsten spürte, dann erschien es ihr unmöglich, all diese zärtliche mütterliche Liebe aufzugeben, um einer anderen sie vorläufig noch nicht beglückenden, sondern nur quälenden Liebe willen. Ihr trauliches väterliches Nest auf deutscher Erde mit einem fremden Wohnsitz im fernen heißen Lande unter ganz anderen Lebensbedingungen zu vertauschen. Oh, sie wußte schon Bescheid in der Tropenheimat der Tavares. Marga und Milton hatten ihr ausführlich von allem erzählt. Von dem Vater, der ein ebenso tüchtiger Handelsherr war, wie ein eleganter Gentleman und Sportsmann. Von der Mutter, einer Italienerin, von welcher Marga die Schönheit und Milton die musikalische Begabung geerbt hatte. Und dann die alte treue Mulattin Teresa, die für die Familie kochte, all die Neger und Negerinnen, welche die Dienerschaft ausmachten. O Gott, Ursels Herz krampfte sich zusammen – hatte sie Milton wirklich lieb genug, um mit diesen Schwarzen, vor denen sie noch eine kindliche Scheu hatte, zusammen zu hausen?

Das waren schwere, schwere Überlegungen für die mit dem Leben sonst so leicht fertig werdende Ursel. Mehr als einmal war sie drauf und dran, sich ihrer »Muzi« anzuvertrauen. War sie nicht ihre beste Freundin? Wenn Mutti es erst weiß, wird alles wieder gut – wie oft hatte sich für sie als Kind bei mancher kleinen Sorge dieser beruhigende Trost bewahrheitet.

Aber diesmal fand Ursel nicht den Weg zu ihrer Mutter. Da gab es soviel zu beraten, ob das mattlila Crêpe-de-chine-Kleid, das der Weihnachtsmann schon im voraus brachte, mit rundem oder mit spitzem Ausschnitt gearbeitet werden sollte. Was für Schuhe und Strümpfe sie dazu tragen könnte. Ob sie beim Auftreten eine Verbeugung machen oder nur mit dem Kopfe nicken sollte. Welches Lied am hübschesten als Zugabe wäre, wenn sehr geklatscht werden würde. Denn der Applaus stand für Ursel bombenfest.

Von Tag zu Tag verschob Ursel die Aussprache mit ihrer Mutter, und schließlich bis nach dem Konzert. Wozu sollte sie ihr und sich vor dem wichtigen Tage Unruhe und Aufregung bereiten.

Auch an Vronli dachte Ursel. Die Schwester mit ihrer ruhigen, klaren Art würde vielleicht auch ihr die Ruhe wiedergeben können. Aber sie wußte im voraus, welche Frage Vronli, die selbst so glücklich war, als erste an sie richten würde: »Liebst du ihn genügend, um alles, was dir sonst lieb ist, um seinetwillen aufzugeben?« Was sollte sie dann antworten? Vermochte sie sich doch allein keine Antwort darauf zu geben.

Der Vater? Ursel wies diesen Gedanken weit von sich. Der behandelte sie immer noch als Nesthäkchen. Auslachen würde er sie sicher ob ihrer abenteuerlichen Zukunftspläne, geradeso wie damals, als sie ihm die Eröffnung gemacht, zur Oper gehen zu wollen. Für eine Kinderei würde er die ganze Sache halten – und sicher Milton sein Haus verschließen. Nein – nein, das durfte nicht sein.

Der 19. Dezember stand im funkelnden Silberrauhreifkleid. Jeder Ast im Garten, jeder Strauch hatte sich der jungen Künstlerin zu Ehren mit silberfunkelndem Reifgeschmeide behängt. An den Fenstern blühten die Eisblumen.

Der Aufgeregteste heute im Lichterfelder Professorenheim war Cäsar. Er mußte wohl etwas von der Wichtigkeit des Tages ahnen, denn jedem war er im Weg. Der Professor hatte keine Zeit für den sonstigen herablassenden Klaps, er eilte in die Sprechstunde, um dieselbe pünktlich schließen zu können. Frau Annemarie, die in ihrem Biedermeierzimmer stundenlang neben ihrem Flickkorb oder mit einem guten Buche zu sitzen pflegte, war heute unstet und aufgescheucht wie Cäsar selber. Zu keiner Arbeit konnte sie sich entschließen. Zum soundsovielten Male hatte sie bereits Ursels Staat, der längst bereit lag, einer Musterung unterzogen. Sie brachte der am Flügel mit halber Stimme ihre Lieder durchprobenden Ursel bald ein mit Zucker geschlagenes Ei, bald heiße Milch für den Hals, bald ein Gläschen Sherry, um sich Mut zu trinken. Trotz Ursels Protestes, daß sie das wirklich gar nicht nötig hätte. Auch Hans hatte seine vorbildliche Pomadigkeit heute eingebüßt. Nicht etwa, daß ihn Ursels Konzert allzusehr erregte – er war wie sie der festen Überzeugung, daß es vorzüglich gehen würde –, aber sein neuer Smoking, den er sich endlich hatte bauen lassen dürfen, war noch nicht geliefert worden. Es erschien ihm unmöglich, daß das Konzert ohne den Smoking stattfinden könne. Sogar die beiden Mädchen, Trude und Auguste, waren in heller Aufregung. Sie mußten sich sputen, um mit allen Obliegenheiten zur Zeit fertig zu werden. Denn ihr liebes Fräulein Ursel mußten doch auch sie bei ihrem ersten Auftreten bewundern. Die junge Künstlerin hatte ihnen beiden Billette verehrt. Eine alte Gartenfrau, die öfters mal half, hütete inzwischen gemeinsam mit Cäsar das Haus.

Wirklich am allerruhigsten war Ursel selber. In der Hochschule am Vormittag hatte man schon darüber voller Verwunderung den Kopf geschüttelt. Wie konnte man nur so sicher und vertrauensselig sein. Sie, die Mitschüler, hatten ja mehr Lampenfieber für die junge Debütantin, als diese. Fräulein Neudorf hatte höhnisch geäußert, daß Hochmut vor dem Fall käme, und daß man ja heute abend sehen würde, daß es höchste Zeit sei, den alten Professor Lange zu pensionieren, wenn er ein solches unfertiges Gänschen in die Öffentlichkeit hinausließ. Unbekümmert um all die gutgemeinten Ratschläge, die man ihr gab und um böswilligen Künstlerneid hatte Ursel auf die mitleidige Frage: »Na, wie ist Ihnen denn heute zumute, Hartensteinchen?« freudig geäußert: »Wenn's nur schon so weit wäre – ich kann die Zeit gar nicht erwarten.«

Professor Lange, mit dem sie im Saal Generalprobe abgehalten, hatte ihr aufmunternd die Wange geklopft: »So, nun machen Sie mir keine Schande – singen Sie heute abend ebenso gut.« Worauf seine junge Schülerin strahlend versprochen hatte: »Noch tausendmal besser!«

Und nun war es soweit. Frau Annemarie in ihrer nervösen Erregtheit hatte alle Uhren vorgestellt, daß die niemals pünktliche Tochter wenigstens zu ihrem ersten Konzert nicht zu spät kam. Der Professor hatte pünktlich den letzten Patienten abgefertigt; Hansis Smoking war geliefert worden. Das Auto, zu dem sich der Professor schweren Herzens entschlossen hatte, hielt vor der Hochschule.

»Nun mach deine Sache gut, mein Mädel, und geht's schief, ist's halt auch kein Unglück«, damit entließ der Vater Ursel.

Die schlüpfte, gefolgt von der Mutter, durch einen Seiteneingang ins Künstlerzimmer. Frau Annemarie hatte ungefähr dieselben Empfindungen wie Abraham, da er seinen Sohn Isaak opfern sollte. Wie ein Opferlamm erschien ihr ihr Nesthäkchen, das ganz vergnügt und munter schwatzte. Nachdem die Mutter noch verschiedene Male Kleid und Frisur – ob unterwegs auch nichts in Unordnung gekommen sei – begutachtet hatte, nachdem sie Ursel Wein und Bonbons aufgedrungen und sie energisch von der Tür, die zum Podium führte, weggezogen hatte, da diese neugierig in den Saal spähen wollte, wo all ihre Bekannten saßen, meinte Ursel schließlich lachend: »Weißt du, Muzi, ich glaube, es ist besser, du gehst in den Saal. Da hast du mehr Abwechslung und merkst dein Lampenfieber nicht so doll.«

»Nein, mein Mädel, ich bleibe bei dir, ich stehe dir zur Seite.« Eiskalt waren Frau Annemaries Hände. Ursel wärmte sie in den ihren. »Muzi – Muzichen, wie kannst du dich nur so aufregen. Paß mal auf, was für einen Beifall ich haben werde. Wenn du tüchtig klatschst, werden deine Hände schon warm werden.«

Hochschüler und Hochschülerinnen erschienen im Künstlerzimmer. Sie mußten doch sehen, wie eine von ihnen sich an einem so schicksalsschweren Tage, den jeder ersehnte, und vor dem jeder bangte, ausnahm.

»Hartensteinchen spricht ihrer Mutter Mut zu – gerade umgekehrt ist die Sache hier wie sonst«, amüsierten sich die Kollegen. Wie ein Wundertier betrachteten sie Ursel, die, abgesehen von ihrem süßeren Liebreiz, von einer Munterkeit und einer wenn auch etwas erregten Freudigkeit war, als läge das Konzert schon mit glänzendem Erfolg hinter ihr. Sie nahmen Frau Professor Hartenstein mit in den Saal, damit diese ihr Küken nicht etwa noch mit ihrem Lampenfieber ansteckte.

Die übrigen Künstler, ein ungarischer Geiger mit einem schwer auszusprechenden Namen und ein Pianist mit wildem Haarbusch, erschienen mittlerweile. Der Geiger stimmte sein Instrument. Der Pianist fuhr sich nervös durch seinen Haarschopf. Sie waren aufgeregter als die junge Dame, die zum erstenmal das Podium betreten sollte. Professor Lange sah nach seinem Schützling, schaute ihr prüfend in das vergnügte Gesicht und nickte beifällig: »So ist's recht.« Mit ihm kamen Klavierbegleiter und Notenumdreher. Margarida steckte den schwarzen Krauskopf in das Künstlerzimmer, küßte die Freundin zärtlich und drückte ihr einen Busch dunkelroter Rosen – zu dieser Jahreszeit etwas Märchenhaftes – in die Hand. Es war ein ständiges Kommen und Gehen in dem Künstlerzimmer.

Der eine, nach dem Ursel ausschaute, erschien nicht. Aber ein großer Strauß zartlila Orchideen brachte der Diener für Fräulein Ursula Hartenstein. Eine Karte war nicht dabei. Dessen bedurfte es auch nicht. Ursel wußte, wer allein der Spender der kostbaren Blüten sein konnte. Sie löste eine derselben aus dem Strauß und befestigte sie an ihrem Kleide. Ein süßer, fremdländischer Duft entströmte der Blüte, wie ein Gruß aus anderen Zonen.

Konzertprogramme wurden gebracht. Zum erstenmal sah Ursel ihren Namen gedruckt. Also so sah das aus, wenn man berühmt wurde. Oh, sie wollte den Namen zu Ehren bringen! Ursula Hartenstein sollte wie ein Stern am Kunsthimmel der Musikwelt aufgehen und dort strahlen.

Was für einen süß berauschenden Duft die Orchideenblüte ausströmte – Ursel empfand den Blumenhauch fast schmerzhaft. Sicher bekam sie Kopfweh davon. Die Blüte wurde von ihrem Kleide gelöst und dafür eine von Margas dunklen Rosen vor gesteckt.

Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Klingelzeichen ertönte. Frau Annemarie, die mit krampfhaft ineinander verschlungenen Händen und entfärbten Lippen dem Bericht einer Bekannten über die klugen Aussprüche ihres vierjährigen Sprößlings lauschte, erschien es wie das Armsünderglöcklein, das zur Richtstatt rief.

Der Pianist betrat das Podium, fuhr sich einige Male erregt durch die Mähne und begann ein Klavierkonzert. Er spielte technisch vorzüglich, die Innerlichkeit blieb er dem Werk schuldig. Frau Annemarie hörte nichts von der Musik. Nur irgendein Geräusch vernahm sie, welches das laute Klopfen ihres Herzens und das Rauschen ihres Blutes zu übertönen schien. Möchte er doch bis in alle Ewigkeit fortspielen, daß der Moment, wo Ursel aus ihrem Künstlerzimmer heraus mußte, nie erschien! Daß es selbst der zärtlichsten Mutter nicht vergönnt war, ihr Kind vor der mitleidlosen Kritik der Menge zu schützen!

Die erste Beifallssalve – der schwarze Haarschopf fiel nach vorn, der Pianist verneigte sich dankend. Man sprach einige Worte, tauschte Meinungen aus. Dann wurde es Frau Annemarie grün vor den Augen, trotzdem oben auf dem Podium etwas in lila aufgetaucht war.

Einen Moment – nur einen kurzen Moment ward es Ursel beklommen zumute. Dann schaute sie mit großen Blauaugen auf die schwarze Menschenmenge vor sich. War das ulkig, so ein Konzertsaal aus der Vogelperspektive des Podiums. Da saßen ja all ihre Lieben, nein, wie blaß ihre kleine Muzi ausschaute! Die Großmama lächelte ihrem Liebling unmerklich zu. Daneben Hanne in dem ererbten Schwarzseidenen mit feierlich gefalteten Händen wie in der Kirche. Da waren die Schulfreundinnen Edith und Ruth, aufgeregt und stolz. Die Hochschüler alle, Fräulein Neudorfs säuerliche Miene. Marga nickte ihr lebhaft zu; Vronlis ruhigfreundliches Gesicht neben den blitzenden Brillengläsern des Schwagers; alle, alle waren da. Wo aber steckte Milton? Vergeblich spähte Ursel nach seinem scharfgeschnittenen bronzefarbenen Gesicht – da kamen die ersten Töne zum »Heideröslein« vom Flügel her:

»Sah ein Knab' ein Röslein stehn« –

blumenhaft süß erklang es. Blumenhaft wirkte das goldhaarige Geschöpfchen da oben.

»War so jung, so morgenschön ...«

Wie bezaubert hingen all die Augen an den Lippen der jungen Sängerin. Zwei Augen, zwei tiefschwarze Augen saugten ihren holden Anblick förmlich in sich hinein. Sie tranken ihr die süßen Töne von den Lippen. Gleich einer Hypnose empfand die Sängerin den zwingenden Blick jener Augen, da – sah sie ihn. Ganz hinten, in einer der letzten Reihen. Ihr Auge tauchte in das seine.

»Knabe sprach: ›Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden.‹
Röslein sprach: ›Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich – – –‹«

aller Trotz, alles Aufbäumen gegen eine fremde, stärkere Gewalt kam in den Tönen zum Ausdruck.

»›Und ich will's nicht leiden!‹«

Da hatte sie den Blick aus dem Bann jener dunklen Augen gelöst.

»Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden – – –«

Gebrochen war er, der wilde Trotz. Rotes Herzblut fühlte man aus den Tönen sickern.

»Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.«

Wie Tränen perlten die Töne von Ursels Lippen. Tief senkte sie den Kopf.

Stille. Keine Hand rührte sich. Ein jeder der Zuhörer lebte den Seelenschmerz, der aus der schlichten Weise klagte, mit. Und dann brach es plötzlich elementar los – ein nicht endenwollendes Beifallsklatschen.

Erschreckt hob Ursel den blonden Kopf. Sie hatte vergessen, daß sie auf dem Konzertpodium stand, die Menge ringsum, bis auf den einen, vergessen. Mit zuckenden Lippen lächelte sie Dank.

Wo blieb die stolze Freude, das Glücksgefühl? Während Ursel sich dankend verneigte, sang und klagte es noch immer in ihr:

»Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt es eben leiden.«

Das zweite Lied, ein Straußsches Wiegenlied, folgte: es gab Ursels aufgerührter Seele wieder Ruhe, Frieden. Licht und zart wie ein Engel, der das schlummernde Kindlein behütet, schwebten die Töne dahin.

Wieder lebhafter Beifall, der sich nach dem dritten Liede, dem mutwilligen »Ständchen« von Brahms noch steigerte. Wieder und wieder rief man sie heraus. Die begeisterte Menge ruhte nicht eher, bis sie das »Ständchen« noch einmal sang.

Nun saß sie in dem Künstlerzimmer, während der Geiger seiner Violine feurige, ungarische Weisen entlockte. In tiefen Zügen atmete sie den süßschwülen Hauch der Orchideen.

Pause. Man drängte sich in das Künstlerzimmer. Professor Lange klopfte seiner Schülerin in freudiger Anerkennung die Wange. »Brav gemacht – solch ein erstes Konzert kann man sich gefallen lassen.« Die Hochschüler und Freundinnen kamen mit Blumen. Marga schmiegte sich an die Gefeierte. Vronli drückte ihr mit schwesterlich frohen Augen die Hand. Vater und Mutter blieben im Saal, wo man sie ebenfalls beglückwünschend umdrängte. Der Druck, der auf Frau Annemaries Brust gelegen, war gewichen. Und doch – zu einer reinen Freude kam sie nicht. Etwas Quälendes war in ihr. Aus dem ersten Liede, das Ursel gesungen, war es zurückgeblieben. Ihr Kind litt, das hatte die Mutter mit tausend Schmerzen ihm nachempfunden. Was war mit ihrer Ursel?

Das Klingelzeichen rief zum zweiten Teil des Konzertes. Pianist und Geiger vereinten sich in einem Duett. Das Künstlerzimmer hatte sich geleert. Ursel war allein darin zurückgeblieben. Da öffnete sich noch einmal die zum Gang hinausführende Tür. Ohne hinzublicken, wußte Ursel, wer jetzt kam. Ihr Herz sagte es ihr mit jähem Schlag.

Milton Tavares stand vor ihr. Nach ihren beiden Händen griff er. »Mein Röslein«, flüsterte er leidenschaftlich und zog sie an sein Herz. Da empfand sie nicht mehr das quälende »Weh und Ach« – da war es vorbei, das Sichaufbäumen gegen etwas, das stärker war als sie. Nicht an ihre Künstlerlaufbahn dachte sie – noch an das fremde, ferne Land –, nur eins wußte sie: er allein war ihre Zukunft – ihre Heimat.

Als Ursel wieder das Podium betrat, glühten ihre Wangen, strahlten ihre Augen in seligem Glück. Ihre Hand hielt den Strauß Orchideen. Die beiden Schubertlieder »Ich schnitt es gern in alle Rinden ein« und »Freudevoll und leidevoll« jubelte sie aus voller Seele heraus. Und dann kam wie ein Bekenntnis das Beethovenlied von ihren Lippen: »Ich liebe dich, so wie du mich.« Nur für einen sang sie.

Ergriffen lauschten die Zuhörer. Frau Annemaries Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Ahnte die Mutter in dem Ausströmen jenes tiefinnerlichen, reifen Gefühls, daß ihr Kind sich von ihr löste?

Tosende Beifallsbezeigungen, sich immer wieder erneuernd, umrauschten die junge Sängerin. Bis Ursel dem unermüdlichen Klatschen nachkam und noch ein Lied zugab.

»Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn.
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn – – –«

Ursel war nicht mehr im Zweifel, welches von den für eine Zugabe mitgebrachten Liedern sie wählen sollte. Nur dies eine gab es, was sie singen konnte – ihr Schwanengesang an ihrem ersten Konzert.

»Kennst du es wohl?
Dahin – dahin
Will ich mit dir, du mein Geliebter, ziehn.«

Nicht jubelnd in unbeschwertem Jugendglück, wie Frau Annemarie es an jenem Sommerabend von Ursels Lippen vernommen – wie ein festes, heiliges Gelöbnis klang es.

Jäher Schmerz durchzuckte das Herz der Mutter. Plötzlich wußte sie es, daß sie ihr Nesthäkchen verloren hatte. Daß es dem fremden Manne in fremdes Land folgen würde. In tiefem Weh erkannte es Frau Annemarie mit untrüglichem Mutterinstinkt.

Das Konzert war zu Ende. Man umdrängte und feierte die junge Künstlerin. Man beglückwünschte die Eltern zu der heute begonnenen Ruhmeslaufbahn ihrer Tochter. Die Großmama drückte ihren Liebling an das Herz: »Mein Urselchen, daß ich diesen Tag noch erleben durfte!« Hanne streichelte ihr mit den verarbeiteten Händen die zarte Wange: »Jotte doch, Herzeken, wie scheen du das allens jelernt hast. Scheener können die Engel bei unserm Herrjott es auch nich.«

Händedrücke, Gratulationen, Blumen, Worte der Begeisterung und Ruhmesprophezeiungen – wie durch einen Nebel sah und hörte die gefeierte junge Sängerin das alles. Dann zerriß der Nebel plötzlich – Milton war zu ihr getreten, zog ihre Hand an die Lippen und flüsterte, nur ihr verständlich: » Marovilhosa – wundervoll! Dank – oh, viel, viel Dank für dein Lied.«

Nun saßen sie wieder im Auto, Ursel warm verpackt von zärtlicher Mutterhand. Eine starke Abspannung hielt sie nach allem, was der heutige Abend ihr gebracht, umfangen. Ganz gegen ihre Gewohnheit schwieg sie.

Auch Frau Annemarie sprach nicht. Das Herz war ihr so voll, zum Zerspringen voll. Sie nahm die Hand ihrer Jüngsten, als sollte ihr dieselbe gleich entrissen werden.

»Na, sagt mal, Kinder, was ist denn halt mit euch Weibsleut' heute los?« verwunderte sich der Professor. »Sonst schwätzt ihr soviel daher, daß einem manchmal der Kopf raucht, und jetzt tut ihr, als ob die Ursel mit Trommeln und Trompeten reingerasselt sei und nimmer solch eine freundliche Aufnahme bei dem Publikum gefunden hätt'. Aber zur Bühne wird trotzdem nicht gegangen, du Schlingel, verstehst?« Professor Hartenstein zupfte seine Tochter am Ohr. Denn heimlich war er unsagbar stolz auf sie.

»Nein, Vaterle, ich gehe nicht zur Oper.«

Nanu? Solche Gefügigkeit, und noch dazu nach einem derartigen Erfolg, der ihr doch sicher zu Kopf gestiegen sein mußte, war doch sonst nicht Ursels Sache.

Ursel saß und kämpfte mit sich. Sollte sie es gleich sagen? Die beste Anknüpfung hatte sie jetzt dazu. Und feige war sie niemals – was einem schwer wird, frisch angepackt. Nein, für sich war die Ursel nicht feige. Wohl aber für die, welche ihr gegenüber saß, so blaß, mit so traurigen Augen, als ahnte sie bereits etwas. Für ihre Muzi, die den ganzen Tag um sie gesorgt hatte, und der sie nun zum Dank den größten Schmerz bereiten wollte.

Das Auto ratterte – ratterte immer denselben Rhythmus, und Ursel schwieg und atmete den süßen Duft der Orchideen. Hans redete ohne Punkt und ohne Komma. Es war, als ob er mit der Schwester die Rollen ausgetauscht hätte.

»Ich bringe dir noch ein Glas heißen Tee ans Bett, mein Mädel«, sagte Frau Annemarie daheim, als Ursel sich vom Vater und von ihr mit besonderer Zärtlichkeit verabschiedete. Heute noch mußte sie ihr Kind sprechen, heute noch Klarheit haben.

Ursel lag bereits, als Frau Annemarie in ihr Stübchen trat. Sie sah blaß aus, aber ihre Augen leuchteten. In der Hand hielt sie eine der Orchideen.

»So, trink, mein Herz. Die Blumen werde ich mit hinunter nehmen, sie machen im Schlafzimmer Kopfschmerzen.«

Ursel schüttelte den blonden Kopf. Sie wurde rot. »Ich möchte sie gern bei mir behalten. Bitte stelle sie mir zwischen die Fenster, Muzi.«

Schweigend kam die Mutter Ursels Wünschen nach. Dann setzte sie sich zu ihr auf den Bettrand und schlang den Arm um sie. Wie vor Jahren, da sie noch ihr kleines Nesthäkchen gewesen. Ach, sie mußte es ja jetzt noch tausendmal mehr schützen und behüten.

Und wie früher schmiegte Ursel den Blondkopf an der Mutter Brust.

Sanft, mit unsagbarer Zärtlichkeit streichelte Frau Annemarie Ursels Goldhaar. Jetzt hieß es stark sein, ihr Kind brauchte jetzt seine beste Freundin.

»Nun, mein Urselchen, bist du heute glücklich?« kam sie Ursel, die sichtbar mit sich kämpfte, entgegen, und es war ihr, als ob sie sich selbst dem Henker ausliefere.

Ursel nickte. Sie antwortete nicht.

»Über den schönen Erfolg, mein Herz?« O Gott, wie beklommen ihre Stimme klang.

Der blonde Kopf an der Mutter Brust schüttelte verneinend. Und dann schlang Ursel plötzlich in elementarem Gefühlsausbruch die Arme um den Hals der Mutter und schluchzte zum Gotterbarmen.

»Sprich dir's von der Seele, mein Mädel.« Alle Kraft, all ihre Energie riß Frau Annemarie zusammen. Jetzt kam's – sie selbst beschwor es herauf.

»Mutti – mein Muzichen – ich – ich hab' ihn – ich hab' ihn ja so lieb!« Da war es heraus.

Eine lange Pause folgte.

»Ich wußte es –.« Tonlos klang der Mutter Stimme.

»Ja, Muzi, du weißt es? Oh, wie hab' ich mich davor gebangt, es dir sagen zu müssen. Liebes, liebes Muzichen, nicht traurig sein, nicht weinen! Das kann ich nicht ertragen.«

»Ich hab' es kommen sehen – ich hab' es gefürchtet – – –« Wie zu sich selbst sprach Frau Annemarie. »Ursel, mein Herzenskind, du bist noch so jung, so unerfahren – weißt du denn, was für einen Schritt du tun willst? Hast du ihn denn lieb genug, um deine Eltern und Geschwister, deine Heimat und Kunst, um alles ihm zu opfern?«

Ursel nickte schweigend. Die Tränen würgten sie im Halse. »Muzi, mach es mir nicht noch schwerer«, bat sie mit tränenerstickter Stimme. »Ich habe mit mir gerungen und gekämpft, wochenlang. Mit mir und mit meiner Liebe zu Milton. Sie ist stärker als ich, als alles, was ich bisher empfunden und von meiner Kunst je erhofft habe. Seit heute abend weiß ich es, daß mir der Jubel und die begeisterte Anerkennung des Publikums nichts ist – ohne ihn.«

Da zwang Frau Annemarie das eigene Weh mit Kraft herunter.

»Mögest du glücklich werden, mein Herzenskind!« Es klang wie ein Gebet. Innig küßte sie ihr Nesthäkchen, das von ihrem Elternhaus fortstrebte in unbekannte Fernen.

Fest, ganz fest hielt Ursel ihre Mutter.

»Muzi, wo ich auch bin, ob hier oder in Brasilien, du bleibst meine allerbeste Freundin!«

16. Kapitel. Über'n großen Teich.

Am Weihnachtsabend unter dem schneeigen Lichterbaum war Ursel Hartenstein Braut. Neben ihr stand Milton Tavares und empfand den Zauber deutscher Weihnacht, der zum letzten Male die, welche er in sein Sonnenland entführen wollte, umwebte.

Kämpfe hatte es gekostet, bis das Professorenhaus sich dem brasilianischen Schwiegersohne öffnete. Harte Kämpfe. Wie stets, wenn es zu vermitteln und auszugleichen gab, wenn es galt, den Kindern Schweres abzunehmen, hatte die Mutter die Mission, dem Vater Ursels Wahl mitzuteilen und ihn derselben geneigt zu machen. Das waren böse Stunden gewesen. Zum erstenmal in ihrer Ehe verlor Rudolf Hartenstein seine Ruhe. Mehr, als er je gezeigt, hing er an seinem Nestküken, dem Ebenbilde seiner Annemarie. Und nun kam da irgendein brasilianischer Kaffeeprinz, der glaubte, sich alles hier in Deutschland für sein Geld leisten zu können, und wollte ihm sein Kind aus dem Heimatboden reißen. Aber so einfach ging das doch nicht. Da hatte er als Vater auch noch ein Wort mitzusprechen. Unreif und kindisch war Ursel, konnte sich der Tragweite ihres Schrittes noch gar nicht bewußt werden. Von der Bank war sie fortgelaufen, wollte durchaus Gesang studieren und zur Oper. Und jetzt hatte sie auch davon bereits wieder genug. Nun stand ihr Sinn gar nach Brasilien. Unbeständig und wankelmütig in ihren Entschlüssen – wie sollte da feste Treue, unwandelbare Liebe, die allein ihr das fremde Land zur Heimat machen konnten, Wurzel schlagen! Kaum hatte sie die erste Stufe der Kunst erklommen, da war sie derselben schon wieder überdrüssig. Wer sagte ihm, ob es nicht mit ihrer Liebe zu dem Brasilianer genau so gehen würde. Er gab seine Einwilligung zu diesem Bündnis nicht. Er hatte die Verpflichtung als Vater, sein Kind unter solchen Voraussetzungen nicht in die weite Welt hinaus zu lassen. In zweieinhalb Jahren war sie mündig. Dann konnte sie tun und lassen, was sie wollte. War ihre und seine Liebe stark genug, um Zeit und Trennung zu überdauern, nun gut, dann mochte sie dem Brasilianer über den Ozean folgen. Inzwischen hatte sie ja ihre Kunst. Was man einmal begonnen hat, sollte man auch fortführen. Nicht auf halbem Wege stehenbleiben.

Das war der Bescheid, der Frau Annemarie, die mit wehem Herzen ihrem Manne die Eröffnung gemacht, wurde. Sie ließ ihn ruhig auspoltern, nur ab und zu streichelte sie ihm beruhigend die Hand. Doppelt litt sie, fühlte sie doch auch den Schmerz, den sie ihm zufügte, in verstärktem Maße. Dann aber sprach sie begütigende Worte. Sie, die mit allen Fasern ihr Kind in der Heimat hätte halten mögen, ward sein beredter Fürsprecher. Gegen sich selbst, gegen ihr Herz mußte sie sprechen. Aber sie tat es mit einer Selbstentäußerung, wie es nur eine Mutter vermag.

»Hm – du sagst, die letzten Wochen des Zwiespalts und der Kämpfe hätten Ursel gereift, hätten ihre Liebe erstarken und reifen lassen. Schön. Wer gibt uns aber die Garantie, daß dieser junge Herr aus Brasilien nicht halt einer flüchtigen Laune nur folgt, daß seine Liebe zu ihr fest genug ist, um für das ganze Leben standzuhalten?«

»Er ist ein prächtiger Mensch mit warmem Herzen und unserer Ursel würdig, Rudi«, entgegnete Frau Annemarie voller Überzeugung.

»Es ist ein anderer Volksstamm, Kind, anderes Land, andere Sitten, andere Veranlagungen und Gefühle. Heute brennen sie lichterloh, morgen wissen sie nimmer was davon. Wer bürgt uns für das Glück unseres Kindes?«

»Der da oben«, sagte Annemarie leise. »Der, welcher sie auch im fernen Lande schützen wird.«

»Annemie, Frauli, ich fühl' es halt mit dir, daß es dir ganz gewiß nicht leicht wird, so zu mir zu sprechen. Aber sag', mein Herz, bist du dir denn darüber klar, was du in deiner grenzenlosen Opferbereitschaft von mir erbittest? Jammerst du nicht schon oft genug, daß du 's Vronli gar so selten zu sehen bekommst, daß es jedesmal eine Reise nach dem Wedding sei? Und nun willst du dein Nesthäkchen gar bis nach Brasilien hingeben! Weißt du, was das bedeutet? Eine Ozeanreise von fast vier Wochen, ganz abgesehen von den Bahnfahrten. Schau, Annemie, eine Trennung für immer kann das in sich schließen.«

Frau Annemarie hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen. Durch ihre Finger rieselten Tränen. Energisch wischte sie dieselben fort. »Wenn es zum Glück unseres Kindes ist, müssen wir uns auch darin fügen, Rudi«, sagte sie in festem Tone.

Da hatte Rudolf Hartenstein seine tapfere Frau in die Arme geschlossen. »Möge es zum Glück unseres Kindes sein!«

Dann folgten viele Unterredungen des Professors. Die erste mit dem Fräulein Tochter, die mit den Worten begann: »Also auswandern willst halt, Ursele? Weißt du denn auch, daß du aus Brasilien nimmer davonlaufen kannst wie von der Bank und von deiner Kunst?«

Beide Arme hatte Ursel um den Hals des Vaters geschlungen und unter Glückestränen versichert: »Von meinem Mann werde ich ganz gewiß nicht auskneifen wollen, Vaterle. Und meine Kunst, die nehme ich mit 'rüber nach Brasilien.«

»Na, dann schick' mir meinen Schwiegersohn halt her, Kind, daß ich ihm die Flötentöne beibringe. Kommt hier über den großen Teich geschwommen und kapert mir mein Mädel fort.«

Ahnte Ursel es, wie schwer dem Vater sein Scherzen wurde?

Die zweite Unterredung war ungleich ernster. Aber als sie beendigt war, schüttelte der Professor Milton Tavares die Hand in treuväterlicher Zuneigung. »Du hast recht, Annemie,« sagte er danach zu seiner Frau, »es ist halt ein prächtiger Mensch, der für Ursels Glück bürgt, soweit man das vermag.«

Und nun war Ursel Braut. Unter dem Weihnachtsbaum feierte man Verlobung.

Hans war nicht nur sprachlos, nein, geradezu empört. »Was – nach Brasilien willst du mit Milton? Dabei hat er fest versprochen, mich mitzunehmen. Solch eine Gemeinheit!« räsonierte er zur größten Belustigung der Beteiligten.

»Ja, Hansi, frag' doch Milton, ob er dich vielleicht statt meiner mit herüber nehmen will«, lachte Ursel schelmisch.

Aber ihr Verlobter verzichtete darauf, die Antwort in Worten zu geben. Er zog seine Ursel in seine Arme fest, ganz fest, als könne sie ihm wieder koboldartig entschlüpfen.

Der Vater jedoch packte den Studenten an die Ohren: »Untersteh' dich, Junge, und schiel' mir halt etwa nach Amerika 'nüber. Da wird nimmer was draus. 'S ist halt grad' genug, wenn man eins hingibt.«

Bei allen hatte Ursels Verlobung mit dem Brasilianer geteilte Gefühle ausgelöst. Nirgends eine reine Freude. Nur Margarida jubelte: »Oh, jetzt wird mein bestes Freundin Schwester für immer.« Alle empfanden sie als Unterton ihrer freudigen Überraschung das baldig drohende Trennungsweh.

»Mein Urselchen, mein Liebling! Nun bin ich selbst die schuldige Ursache, daß du auf und davon willst von uns und deiner Heimat«, sagte die Großmama, unter Tränen lächelnd.

»Die Ursache zu meinem Glücke bist du, Omama. In deinem Hause habe ich Milton kennengelernt. Du hast ihm hier die Fremde zur Heimat gemacht. Nun wird er mir dort meine Heimat ersetzen.« Keiner hätte der lustigen Ursel so ernste Worte zugetraut.

»Wo man mit seinem Manne glücklich ist, da ist man daheim«, bestätigte Vronli, nach der Hand ihres Gatten greifend. Trotzdem auch ihr das Herz schwer war, daß ihre »kleine Schwester«, die sie als Große stets ein wenig bemuttert hatte, sich aus ihrem Familienkreis löste.

Eine aber gab es an diesem Weihnachtsabend, die war noch empörter als Hansi über Ursels Verlobung. Draußen in der Küche stand sie und kochte die Weihnachtskarpfen. Denn nur die alte Hanne verstand die Weihnachtskarpfen schmackhaft zu kochen. Davor mußte selbst die Lichterfelder Auguste die Segel streichen. Sie rührte die Sauce in einer Wut, als ob sie damit ganz Brasilien zermalmen könne.

»Ich hab's kommen sehen, das Unjlück, ich hab's jewußt. Urselchen hab' ich jewarnt, laß dir mit de Schwarzen nich ein. Nischt Jutes nich kommt dabei raus. Und nu ist's Unjlück da. Nu hat er ihr. Nu will er unser Kind in 'n Urwald unter die Menschenfresser und unter die jroßen Jorillaaffen mitnehmen, wenn er auch sonst 'n janz reputierlicher Mensch is und mit's Trinkjeld nich knausert. Ich aber sage: Bleibe im Lande und nähre dich redlich. Und wenn ich der Ursel ihr Vater, was der Herr Professor is, wäre, nie und nimmer würde ich's zujeben, daß sie mit ihren Milton nach Brasilien macht.« So jammerte die alte treue Seele bei ihren Weihnachtskarpfen.

Die Weihnachtslichter erloschen – das neue Jahr entzündete seine rosenrote Fackel der auf bessere Zeiten hoffenden Menschheit. Frau Annemarie sah das junge Jahr mit bangem Herzen seinen Einzug halten. Ihr konnte es nichts bringen – nur nehmen. Auf Mitte Februar war bereits die Einschiffung festgesetzt. Miltons Vater konnte den Sohn nicht länger entbehren.

Gut, daß sie reichlich Arbeit vor der Hochzeit hatte, daß ihre Gedanken nicht Wege gingen, die zu nichts führten. Freilich war alles anders, als vor Vronlis Verheiratung. Wie hatte Frau Annemarie bei ihrer Ältesten überlegt und gesorgt, genäht und gestickt, um ihr eine schöne praktische Aussteuer zusammenzustellen. Derbe, gute Wirtschaftswäsche, wie sie selbst sie bekommen. Feiner Tafeldamast lag noch von ihrer eignen Aussteuer her unangetastet. Für jede ihrer Töchter hatte Frau Annemarie die schönsten Stücke ihrer Wäsche zurückgelegt. Jetzt bei Ursel wurde nicht überlegt, nichts gespart. Milton Tavares kaufte, was Ursel schön fand, und das war nicht immer das Praktische. »Oh, billig, serr billig, in S. Paulo alles viel mehr teuer«, pflegte er zu sagen, wenn seine Schwiegermutter der Verschwendung steuern wollte. Da wurden große Kisten mit der schönsten Wäsche, mit Kristall und Tafelservice, mit allem, was ein eleganter Haushalt braucht, vollgepackt. Denn wenn man auch in das Haus der Eltern mit einzog, in Brasilien war alles weniger geschmackvoll und viel teurer. Sogar einen Flügel aus Tropenholz schenkte Milton seiner Braut zur Hochzeit, der in einer Riesenkiste transportiert wurde. Auch bei Ursels Wäscheausstattung mußte Frau Annemarie umlernen.

»Muzi, was soll ich denn bloß dort drüben mit wollenen Sachen?« lachte Ursel. »Ich gehe doch nach Brasilien und nicht nach Sibirien. So leicht und luftig wie möglich muß alles sein. Nur Batist und Seide mit Spitzen. Schwere Stoffe kann man dort drüben gar nicht ertragen, sagt Margarida.«

»Das ist eine Wäscheausstattung für eine Prinzessin und nicht für eine Bürgerstochter«, meinte die Mutter, durchaus nicht einverstanden.

»Die Ursel ist auch immer unser Prinzeßchen gewesen«, neckte Hansi. »Nun heiratet sie wirklich einen Prinzen, wenn es auch man bloß ein Kaffeeprinz ist.«

Ja, wie ein Prinzeßchen wollte Milton Tavares auch seine Ursel gehalten haben. Nicht nur, daß er sie in verschwenderischster Weise mit kostbaren Geschenken verwöhnte. Er hatte auch energisch dagegen Front gemacht, daß sie, wie Vronli, bei der Mutter kochen lernen sollte.

»Nicht in Küche gehen. Mein Urrselchen muß sitzen an Klavier. Nicht anfassen mit zarte Fingerchen schwarrze Kochtopf. Altes Mulattin ist da für Küche. Brraucht Urrsel nicht zu kümmern. Soll tun nur, was macht ihr Frreude.«

»Na, das fehlt dem verwöhnten Fräulein halt bloß noch«, hatte der Professor lachend geäußert, als Annemarie ihm ihr Leid geklagt hatte, daß sie eine Tochter heiraten lassen sollte, die knapp wußte, wann das Wasser kocht.

»Französischen und portugiesischen Sprachunterricht soll sie nehmen und ihre Gesangstunden bei Professor Lange soll sie bis zuletzt beibehalten, hat Milton gebeten. Als ob ein Mensch davon satt werden kann. Ich habe genug Lehrgeld in meiner eigenen Ehe zahlen müssen, trotzdem ich bei Hanne regelrecht kochen gelernt habe. Die alte Mulattin ist halt auch nur ein Mensch und kann krank werden«, ereiferte sich Frau Annemarie.

»Da wird halt eine junge Mulattin für sie einspringen, Annemie. Wer A gesagt, muß auch B sagen. Wenn du dein Kind einem Kaffeeprinzen nach Brasilien gibst, muß es sich den Gepflogenheiten der Familie und des Landes anpassen.«

»Wenn sie sich nur wohlfühlt bei solchem Faulenzerleben, unser Urselchen. Es ist doch schließlich unser Kind, das in einem Boden der Arbeit und Pflichterfüllung groß geworden ist«, sorgte die Mutter.

»Das hättst dir halt vorher überlegen müssen, Weible, als du mich rumgekriegt hast für Brasilien. Jetzt gibt's nur noch ein Vorwärts, nimmer ein Rückwärts«, war des Professors ernste Antwort.

Ursel selbst fand es ganz herrlich, von Milton verwöhnt und verhätschelt zu werden, sich nicht mit Mehlschwitzen und Puddings abquälen zu müssen. Sie trieb fleißig ihre Sprachstudien, denn sie mochte den neuen Verwandten und den Freunden des Tavaresschen Hauses nicht wie ein Gänschen erscheinen. Auch hatte sie ja bei Marga gesehen, wie vereinsamt sich dieselbe in Deutschland gefühlt hatte, bis sie die Sprache einigermaßen beherrschte. All ihre Energie bot Ursel auf, um ihr Ziel zu erreichen. Und wenn Milton sie dankbar zärtlich in die Arme schloß, sobald sie ihn mit einer neugelernten portugiesischen Wendung begrüßte, war ihr das immer wieder ein Ansporn zu neuem Eifer. So unlustig sie in der Schule Französisch getrieben, so zielbewußt lernte sie jetzt. Auch für ihre Gesangstunden, die sie nach wie vor bei Professor Lange nahm, arbeitete sie mit aller Energie. So viel wie irgend möglich wollte sie in der kurzen Zeit noch von dem fördernden Unterricht profitieren. War der alte Professor doch geradezu betrübt gewesen, daß solch ein wertvolles Material, das man nur selten in die Hände bekam, ihm genommen wurde, noch ehe er es in die Form höchster Kunstvollendung gezwungen hatte.

»Kleinchen, Sie sind ein aufgehender Stern am Musikhimmel. Sind Sie sich denn auch klar darüber, daß Sie Ihrem Zukünftigen nicht nur Ihre Heimat opfern wollen, sondern vor allem Ihre Kunst? Das Höchste, was nur begnadeten Sonntagskindern beschieden ist. Wofür Sie der Menschheit auch verantwortlich sind. Das alles wollen Sie unserm deutschen Vaterlande entziehen und dort in unkultiviertem Lande verkümmern lassen?« Der alte Herr schüttelte unzufrieden das weiße Haupt.

»Herr Professor, Sie stellen sich S. Paulo, meine zukünftige Heimat, nicht ganz richtig vor«, wandte Ursel belustigt ein und mußte an Hannes »Urwälder mit de Jorillaaffen« denken. »S. Paulo ist eine durchaus kultivierte, vollständig nach europäischem Muster eingerichtete Kolonie. Es wird dort viel und gute Musik gemacht. Ich werde weiter Stunden nehmen und fleißig studieren.«

»Ach, wer weiß, was für einem Stümper Sie da als Schülerin in die Hände fallen, der Ihnen Ihre Stimme verhunzt. Für uns, für Deutschland sind Sie jedenfalls verloren.«

Ursel ließ den alten Professor knurren und brummen, fühlte sie daraus doch nur sein Interesse und sein Bedauern über ihr Fortgehen.

In der Hochschule hatte man fast Kopf gestanden, daß das Hartensteinchen auswandern wollte. »Sie sind ja schön dumm, Hartensteinchen, wo sie bereits auf bestem Wege dazu sind, Karriere zu machen. Warten Sie doch noch zwei, drei Jahre, dann können Sie als europäischer ›Star‹ ja gleich eine Tournee nach Amerika machen.« So hatten die Hochschüler sich geäußert.

Aber so lange wollten weder Ursel noch Milton Tavares warten.

Die Tage jagten sich förmlich. Einer fraß den andern auf. Kaum war es Montag, so war auch die Woche schon wieder um. Es war gut, daß Ursel durch die Sprachstunden und durch ihre Musik so stark in Anspruch genommen wurde. Da hatte sie keine Zeit daran zu denken, daß bereits die Februarsonne durch die Fenster in ihr Mädchenstübchen schaute.

Aber Frau Annemarie dachte um so mehr daran. Als sie die ersten Schneeglöckchen im Gartenwinkel pflückte, die sie sonst stets als vorzeitigen Lenzboten freudig begrüßt hatte, betaute sie dieselben in diesem Jahre mit ihren Tränen. Nun war es soweit.

Ja, nun galt es, sich für die Vorbereitungen zur Hochzeit zu tummeln; denn wenn dieselbe auch nur im Familienkreis daheim im Lichterfelder Professorenhaus begangen wurde, an der Waterkant ließ man es sich nicht nehmen, vollzählig zu Ursels Ehrentag zu erscheinen. Auch die Freundinnen Edith und Ruth mußten dabei sein.

Ein Vorfrühlingstag war es, einer von den ersten, Erdgeruch und neues Werden in sich tragend, als Frau Annemarie ihrem Nesthäkchen das Myrtengrün in das Goldhaar drückte. Allererstes Frühlingsahnen lag draußen über Baum und Strauch. Frühlings- und Glückesahnen schaute aus den Augen der jungen Braut. Da drängte Frau Annemarie mit Gewalt das sich jäh aufbäumende Weh in ihrer Seele zurück. Da zog sie ihr Kind mit inniger Liebe, ohne Tränen, an ihre Brust: »Mein Herzenskind, mögest du mit deinem Manne so glücklich werden, wie deine Mutter es stets gewesen ist.«

Die übermütige, ausgelassene Ursel war keine so strahlende Braut, wie man sich das wohl vorgestellt hatte. Bei allem tiefen Glücksempfinden webte die Wehmut des Scheidens einen neuen Reiz um sie. So schritt sie am Arm des Geliebten aus dem schützenden Elternhause hinaus in unbekanntes, fernes Land.

Dann kam ein Tag, an dem Frau Annemarie all ihre Willenskraft, all ihr energisches Wollen treulos im Stich ließ. In Hamburg war's, auf St.-Pauli-Landungsbrücken. Als die Schiffssirene zur Abfahrt aufheulte, als sich die weinende Ursel aus dem Arm der Eltern lösen mußte; da gab es einen, der lauter heulte als die Schiffssirene, einen, der sich nicht von seiner Freundin zu trennen vermochte. Cäsar war nicht dazu zu bewegen, das Schiff zu verlassen. Umschlungen vom Arm ihres Mannes, klammerte sich Ursel fest an den Hals des treuen Gefährten ihrer Mädchentage, der ihr in fremdes Land hinüber folgte. – – –

Frau Annemarie sah ihres Nesthäkchens wehendes Tüchlein nicht mehr vor dem Tränenschleier, der ihr ihren Blick trübte. Hand in Hand mit ihrem Manne versuchte sie die schwerste, die bitterste Stunde ihres Lebens zu zwingen.

*

Zum zweiten Male blühte die Linde seit jenem Tage. Unter den süß duftenden Blütenbüscheln saß Frau Annemarie. Die Arbeit ruhte im Schoße. Es gab jetzt nicht mehr soviel zu nähen und zu flicken, seitdem das Nest leer geworden. Seitdem der Sohn auf eine andere Universität gegangen war; in Würzburg studierte er jetzt, wo seine Eltern sich dereinst kennengelernt hatten.

Still war es in dem Lichterfelder Professorenhause geworden. Ganz still. Seitdem auch Cäsar seinem Vaterlande untreu geworden war und keine mißliebigen Überfälle mehr auf das Biedermeierzimmer unternahm. Am Vormittag, wenn der Professor in seiner Klinik war, hatte Frau Annemarie viel Zeit zum Denken und Sinnen. Da zogen ihre Gedanken auf die Wanderschaft. Über den Atlantischen Ozean schwammen sie, in das Tropenland zu ihrem fernen Nesthäkchen. Dann öffnete sie den Lederkasten, der Ursels Briefe, sorgfältig nach ihrem Datum geordnet, enthielt. Das war alles, was ihr noch von ihrem Kinde geblieben.

Zärtlich strich die Hand der Mutter über das feine, knisternde Überseepapier. Viel Glück enthielten sie, erfülltes Frauenglück. Aber auch manche heimliche Träne entdeckte die Mutter, die mit tausendfach verfeinerten Sinnen dem Gefühlsleben ihres fernen Kindes nachspürte, zwischen den Zeilen. Besonders die ersten Briefe auf brasilianischem Boden erzählten der Mutter von manchem Sehnsuchtsgedanken der Tochter. Niemals ausgesprochen, Ursels Briefe waren stets heiter und übermütig, ein getreues Abbild ihrer selbst. Jeder andere als die Mutter las darüber hinweg.

Da waren zuerst die Briefe vom Schiff, voller Begeisterung über das Leben und Treiben auf solch einem großen Überseedampfer.

»Auf dem Deck geht man wie auf einer Kurpromenade spazieren. Oh, Muzi, was sieht man da für elegante Toiletten. Trotzdem findet Milton seine Frau stets am schönsten von allen. Er ist rührend lieb zu mir, auch Margarida. Wenn er merkt, daß ich mal über das große Wasser nach Norden zurückblicke – wo ich Europa vermute –, dann versucht er stets mich durch Liebkosungen oder irgendeine Zerstreuung wieder froh zu stimmen. Hilft das noch nicht, so ruft er Cäsar herbei. Der ist Miltons bester Bundesgenosse. Wenn Cäsar mich mit seinen treuen Augen anschaut, dann vergesse ich es, daß ich nicht mehr daheim bei Euch in Lichterfelde bin, sondern auf dem Atlantischen Ozean. Cäsar ist wie ein Stück Heimat für mich. Unsere Grüße aus Lissabon und Madeira, wo wir an Land gingen, habt Ihr wohl erhalten. Oh, wie herrlich ist die Welt! Nun schwimmen wir schon vierzehn Tage auf dem großen Teich. Aber man hat gar keine Langweile. Es ist auf dem Schiff, als ob man in einem eleganten Seebade wäre. Am schönsten ist es abends. Jeden Abend Musik und Tanz. Milton tanzt wundervoll. Da muß ich mich stets so schön wie irgend möglich machen. Neulich wurde ich gebeten, zu singen. Die Passagiere waren fast noch dankbarer und begeisterter als das Publikum bei meinem ersten Konzert. Ich fange sogar schon an portugiesisch zu sprechen, allerdings noch recht mangelhaft. Ihr könnt Euch nicht denken, wie stolz Milton auf mich ist. Vaterle denkt jetzt sicher, was ist das für ein unnützes Drohnenleben. Und auch meine kleine Muzi meint, solch ein elegantes Luxusdasein hat dem Prinzeßchen nur gefehlt. Hab' ich's erraten, mein kleiner Muz?« – – –

Jeder Brief brachte ein photographisches Bildchen von Ursel. Das war der Gruß, den der Schwiegersohn, der eifrig den Knipskasten handhabte, den deutschen Eltern mitsandte. Da war die Ursel im Reisehütchen mit wehendem Schleier – dort am Klavier. Hier in eleganter Promenadentoilette neben Cäsar. Dort am Teetisch mit Milton und Margarida zusammen. Und überall strahlte Glück und Heiterkeit aus ihren Augen. Nein, da durfte Frau Annemarie keine Sehnsucht aufkommen lassen.

Ein Brief vom 3. März: »Sturm – toller Sturm. Drei Tage lang. Unser Schiff schaukelte wie eine Nußschale. Man konnte an Schreiben nicht denken. Hansi, das wäre was für dich gewesen. Ich bin nicht seekrank geworden, trotzdem mir manchmal zumute war, als ob ich gelb und grün nicht mehr voneinander unterscheiden könnte. Milton sagt, ich hätte mich sehr tapfer gehalten. Aber Cäsar, den armen Kerl, hat's arg gepackt. – –«

»Bahia, den 7. März.

Nun haben wir den ersten brasilianischen Hafen erreicht. Nach fast drei Wochen. Das ist ein ganz merkwürdiges Gefühl, wenn man wieder festen Boden unter sich hat. Also jetzt wären wir ›drüben‹. Die Küstenflora hier ist märchenhaft schön. Wir pflücken uns von den Bäumen Orangen und Bananen, so groß, so wundervoll, wie ich sie in meinem Leben nicht gesehen habe. Bahia ist die Apfelsinenstadt, wo es die größten und herrlichsten Früchte gibt. Das wächst hier alles wild, wie bei uns im Grunewald die Kiefern. Mit einem Fahrstuhl geht es vom Hafen in die obere Stadt. Das ärmere Viertel ist eine richtige Negerstadt. Nackte, kleine Negerkinder krabbeln überall im Sande vor den Hütten herum. Bei unserm Nahen verstecken sie sich hinter Palmenstämmen und Buschwerk und lugen mit kohlrabenschwarzen Augen wie Äffchen daraus hervor. Affen habe ich auch schon zu sehen bekommen. Zwar nicht im Tropenwald, wohl aber auf dem Markt zu Bahia, wo junge Äffchen verkauft werden. Aber ›Jorillas‹ gibt's in Brasilien nicht, nur eine kleine Art von Affen. Bitte dies der alten Hanne mit einem schönen Gruß von mir zu bestellen. Milton hat mich ausgelacht, weil ich vor den Farbigen ein wenig bange bin. Cäsar knurrt jeden Schwarzen feindselig an. Es ist ihm wohl auch nicht so ganz geheuer dabei zumute.«

   

»Rio de Janeiro, den 12. März.

Der zweite Hafen, an dem wir anlegen. Rio de Janeiro, die Palmenstadt, ist das schönste, was ich bisher gesehen habe, mit seinen jäh aus dem Meer aufsteigenden Felsen, seinen Prachtbauten, und vor allem mit seinen herrlichen Palmen. Man glaubt ein Märchen zu erleben, wenn man abends an dem von tausenden und abertausenden von Lichtern bestrahlten Kai im Auto entlangfährt. Ein Autokorso ist das jeden Abend. Das ist eine Buntheit von Rassen, ein babylonisches Sprachdurcheinander und eine farbenprächtige Eleganz. Die Damen in seidenen Balltoiletten in den leuchtendsten Farben mit Pelzhüten bei einer Tropentemperatur von beinahe 40 Grad. Und plötzlich ist das Weltgetriebe und Gebrause wie abgeschnitten. Man ist draußen. Im Mondschein stehen Palmen und Kakteen, riesengroß, ganz starr und leblos, ganz tot und still. Das wirkt herzbeklemmend. Aber dann ist hier wieder ein Blühen, ein Duft und eine Farbensymphonie von wunderbaren fremdartigen Blüten. Schlingpflanzen, Riesenfarn und seltsame Kakteen. Im ›Wald‹, in dem wir mit dem Auto spazierenfuhren – kultivierter Urwald –, schaukeln sich Papageien und Kolibris in den grellsten Farbentönen. Nicht einmal Cäsar wagt, auf sie Jagd zu machen. Er ist etwas gedrückt, seitdem wir das Tropenland betreten haben. Ob es die Backofenhitze ist oder die fremde Pflanzen- und Tierwelt, er fühlt sich als Europäer und findet sich vorläufig hier noch nicht zurecht. Manchmal denke ich, er weint seinem verlorenen Vaterlande nach. Ich selbst bin noch ganz betäubt, ganz verwirrt von all dem Neuen, Fremden. Mir ist, als sei hier alles, ich selbst einbegriffen, auf den Kopf gestellt. Das macht wohl die Temperatur, an die ich mich erst gewöhnen werde. Dabei ist es so unwirklich schön hier, daß man froh und dankbar sein muß, wenn man all das an der Seite seines Mannes genießen darf. Cäsar ist eben eine unvernünftige, undankbare Kreatur und hat deutsche Sentimentalität im Blute.«

   

»S. Paulo, den 25. März.

Nun sind wir daheim. Das ist eine seltsame Empfindung, wenn einen alles so fremd anmutet. In Santos, dem bekanntesten Kaffeehafen Brasiliens empfing uns Miltons Vater, der sehr gut und lieb zu mir war. Als er seine Kinder nach der langen Trennung in die Arme schloß, mußte ich weinen. Da nahm er mich ebenso zärtlich an sein Herz. Und wenn wir uns auch sonst zuerst schwer verständigten, das habe ich begriffen, daß er mich als sein Kind begrüßte. Mit der Bahn in weißleinen bezogenen Rohrsesseln fuhren wir von Santos über das Gebirge hierher nach S. Paulo. Es war eine wunderbare, dreistündige Fahrt. Diese von den Engländern erbaute Gebirgsbahn vom Hafen nach S. Paulo soll die großartigste Bahn der Welt sein. Und nun sind wir daheim. Wir wohnen in der vornehmsten Gegend S. Paulos, in der Avenida Paulista. S. Paulo ist eine Bergstadt, die zwischen zwei Bergen liegt. Die Villenstraßen ziehen sich die Berghänge hinauf. Zwei gewaltige Viadukte sind von Berg zu Berg über die untere Stadt geschlagen. Dadurch bietet S. Paulo ein ganz eigenartiges Bild. Neben der Tropenvegetation gibt es hier viele herrliche Obstanpflanzungen, besonders Pfirsich, und Feigenbäume. Die Blumen, teilweise europäische Blüten, die hier eingeführt sind, werden fünf-, sechsmal so groß wie bei uns. S. Paulo ist eine ganz nach europäischem Muster angelegte Kolonie, in der natürlich vorwiegend Europäer ihren Wohnsitz haben. Da gibt es große Warenhäuser, wo alles für unsere Begriffe entsetzlich teuer ist. Das Kino und das Kaffeehaus spielt eine große Rolle. Aber auch Theater und Museum gibt es hier bereits. Unser Haus trägt italienischen Charakter; es ist reich mit Marmor verziert. ›Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach‹ – ist es wirklich erst vier Wochen her, daß ich dieses Lied daheim bei Euch sang? Ach nein, jetzt bin ich ja hier daheim. Dem Cäsar sowohl wie mir muß ich es soundso oft am Tage sagen, sonst glauben wir es allebeide nicht. Manchmal macht er mich mit seinen feuchten Hundeaugen ganz traurig. Aber wenn Milton kommt, ist alles wieder gut. Miltons Mutter verwöhnt mich fast noch mehr als er selbst. Von allen Verwandten bekam ich große Brillanten als Empfangsgeschenk. Alle, alle waren sie in rührender Weise bemüht, mir das Einleben zu erleichtern. Von Miltons Eltern an bis zu Teresa, der liebenswürdigen, alten Mulattin, vor deren freundlichem Zähnefletschen ich zuerst allen Respekt hatte. Bis zu Chico, dem ältesten Neger hier im Hause. Ich glaube, sein Vater war noch Sklave der Tavares. Er selbst ist jetzt natürlich frei, hängt aber mit geradezu hündischer Treue an der Familie. Auch auf mich hat er sie übertragen. Cäsar ist bereits eifersüchtig auf ihn.«

   

»12. Juni.

Winter ist es jetzt hier. Bei Euch in Lichterfelde blühen die Rosen. Die Wintertemperatur beträgt hier immer noch etwa 18 Grad. Dabei frieren die Leute, denn Ofen und Heizungen kennt man hierzulande nicht. Ich fühle mich viel frischer bei dieser Temperatur. Ein Vierteljahr bin ich nun schon in Brasilien. Mir ist es, als läge ein ganzes Menschenleben dazwischen, daß ich Europa verlassen habe. Ich bin jetzt vollständig in S. Paulo eingelebt. Sogar das Nationalessen, das jeden Mittag und jeden Abend bei reich und arm auf den Tisch kommt, schwarze Bohnen mit Tomatenreis, worauf man sich noch ›Farinha‹, eine Art Grieß streut, habe ich essen gelernt. Ich muß meinen Magen hier vollständig umstellen. Denn das Essen spielt eine große Rolle und dauert für gewöhnlich eine Stunde. Aber man muß es den Negern lassen, daß sie vorzüglich zu kochen verstehen. Die schwarze Teresa mit ihrer weißen Mütze macht sogar unserer alten Hanne starke Konkurrenz. Gut, daß ich in Brasilien bin – bis hierher höre ich wenigstens Hannes Schimpfen, daß man sie mit den ›Schwarzen‹ zu vergleichen wagt, nicht. Es ist jedesmal ein wahres Hochzeitsessen, das man herunterfuttert. Die Mittagsmahlzeit findet bereits um elf Uhr statt. Denn man steht früh schon um sieben auf. Milton nimmt das Mittagbrot meistens unten in Santos ein, wo sich das Geschäftsbureau befindet und wo er die Kaffeebörse besucht. Hansi, jetzt sehe ich es dir an, daß du gern wissen möchtest, wie solch ein brasilianisches Menü sich zusammensetzt. Ich kenn' doch mein verfressenes Brüderchen. Also, ich will Euch erzählen, was heute mittag bei uns auf den Tisch kam: Zuerst gab's eine gute Suppe. Dann eine Hühnerpastete und eine Krabbenpastete mit rohen Oliven. Die Pasteten versteht Teresa meisterhaft zu bereiten. Nun folgten die obligaten Bohnen, die ich aber meistens vorübergehen lasse. Das gebratene Huhn, ›Gallinha‹ genannt, mit ›Farosa‹, einer aus gebräuntem Mehl, Tomaten, Zwiebel und Oliven bestehenden Beilage, mundete mir um so besser. Das Beef mit Pommes frites, das danach serviert wird, ist meist hart wie Schuhleder. Sie braten es am Rost. Cäsar pflegt sich daran gütlich zu tun. Nun kommt das allerbeste: die ›Doces‹ – Süßigkeiten. Die spielen hier die größte Rolle und sind dementsprechend auch vorzüglich. Heute gab es ›Pecegada‹, eine Art festes Pfirsichgelee, zu dem die Brasilianer einen ganz zarten, geruchlosen Käse essen. Ich kann mich zu dieser Zusammenstellung noch immer nicht recht verstehen. Den Schluß macht ein Täßchen schweren Mokka mit sehr vielem Zucker. Manchmal denke ich, von einem solchen Menü leben wir daheim in Europa eine ganze Woche. Wie gern möchte ich meiner Vronli, die sich stets den Kopf zerbrechen muß, was sie Billiges zu Mittag kochen könnte, von diesem Überfluß etwas zukommen lassen. Abends ist es beinahe noch reichhaltiger und großartiger, weil die Männer daran teilnehmen. Teresa und ihre drei Negerinnen haben den ganzen Tag nur zu kochen und zu braten. Du siehst, meine kleine Muzi, es hätte wirklich keinen Sinn gehabt, wenn ich zu Hause kochen gelernt hätte. Ich habe die Küche hier noch gar nicht betreten.«

   

»Ribeirâo Preto, 3. Dezember.

Wir sind jetzt auf unserer Fazenda, das ist unsere Kaffeeplantage, wo wir ein Sommerhaus haben. Bei uns ist nämlich augenblicklich Hochsommer. Ich muß mir immer wieder klarmachen, daß wir im Weihnachtsmonat sind. Unsere Fazenda liegt etwa acht Bahnstunden von S. Paulo entfernt. Ich war sehr begierig auf die Kaffeeplantage und eigentlich heimlich enttäuscht. Meilenweit erstrecken sich die Anpflanzungen, in gleichmäßigen Abständen säuberlich angelegt. Ich hatte mir ein rötliches Blütenmeer vorgestellt, etwa wie deutsche blühende Heide. Aber von Blüten sieht man nicht viel. Nur die glänzenden, immergrünen Blätter wie aus Leder, unter denen sich die Blüte versteckt. Die Samenkörner der Blüte, das sind die Kaffeebohnen. Es soll eine sehr mühevolle Arbeit sein, den Boden mit Kaffee anzubauen. Acht Jahre dauert es, bis er zum erstenmal Frucht trägt. Eine einzige Reifnacht – auch Frost soll hier ausnahmsweise im Juli vorkommen – kann die jahrelange Mühe vernichten. Auf der Fazenda arbeiten Italiener und auch deutsche Auswanderer. Diese mir ganz fremden Menschen sind hier meine Brüder und meine Schwestern, mir verbunden durch die Sprache der Heimat. Milton hat es nicht gern, wenn ich mit den deutschen Arbeitern spreche. Ob er meint, daß ich dadurch vielleicht Sehnsucht bekommen könnte?« – – –

Das Papier in den Händen der lesenden Mutter knisterte stärker. Sie überflog die Zeilen, die von Reitunterricht, von Tennis und Sportvergnügen, von Autofahrten und Geselligkeit berichteten, schneller. Nun vertiefte sie sich wieder in einen der Bogen. Er brachte ein Bildchen, Ursel im Bambusschaukelstuhl unter einem Mangabaume.

»Jetzt erst, hier in dem Lande, wo die Frauen so sehr verwöhnt werden, habe ich einsehen lernen, welch ein Segen in der Arbeit steckt. Glaubt Ihr's, daß ich, Eure faule Ursel, die sich zu Hause von jeder Tätigkeit am liebsten gedrückt hat, mich hier nach Arbeit gesehnt habe? Aber wo ich auch eingreifen wollte, nirgends werde ich gebraucht. Stets ist die Dienerschaft zur Hand. Die brasilianischen Damen machen Besuche oder Handarbeiten, sie unterhalten sich den ganzen Tag. Ich flüchte mich an meinen Flügel. Die Stunden bei meinem italienischen Maestro machen mir die größte Freude. Aber immer füllen sie mich nicht aus. Für Filethandarbeiten, wie Marga sie viel fabriziert, habe ich weder Geduld noch Ausdauer. Da kam ich auf die Idee, für die deutschen Auswandererkinder eine Weihnachtsbescherung vorzubereiten. Ach, was hat es mir für Freude gemacht, all die Puppen und Spielsachen in dem großen Warenhause mit Milton und Margarida zusammen einzukaufen. Ein kleines Püppchen ist hier viel, viel teurer als bei uns die schönsten und größten Puppen. In Gemeinschaft mit Margarida habe ich die Püppchen angekleidet. Aber auch für die Kinder selbst habe ich Röckchen und Kleidchen genäht. Ich war wirklich fleißig – zum erstenmal in meinem Leben! Und da klebt Milton die im Schaukelstuhl faulenzende Ursel als Motto auf diesen Brief. So 'ne Gemeinheit!«

Den nächsten Brief studierte Frau Annemarie noch langsamer als seine Vorgänger. Am 24. Dezember, dem Weihnachtsheiligabend, war er geschrieben.

»Ich habe mich vor dem Heiligabend gefürchtet. Ich war bange, daß die Erinnerung an daheim mich überkommen könnte. Und nun war es so schön – so schön. Anders als zu Hause. Vor allem herrschte eine Gluthitze. Aber abends war es erträglich. Da brannte eine Art von Tannenbaum mit vielen, vielen Lichtern, mit Zuckerwerk und Silberkugeln geschmückt.

Darunter war die lange Tafel für meine deutschen Auswandererkinder aufgebaut. Milton und Marga haben mir beim Aufbau geholfen. Wir waren selbst so ausgelassen wie Kinder dabei. Als die Kleinen an der Hand der Mütter den Raum betraten, spielte und sang ich: ›Stille Nacht, heilige Nacht.‹ Alle fielen sie ein, selbst Miltons Eltern sangen die Melodie mit. Mir war feierlicher zumute als an jedem früheren Weihnachtsabend. Das Weihnachtslied überbrückte jede Entfernung. Und dann der Jubel der Kinder! Den hättet Ihr mit anhören, das Glück und die rührende Dankbarkeit der deutschen Mütter mit anschauen sollen. Teresa hatte nach meiner Angabe Weihnachtsstollen gebacken, für jede Familie eine. Muzi, du brauchst gar kein zweifelndes Gesicht zu machen, sie waren ganz richtig geraten. Allerdings wird wohl Teresas Kunst das größte Verdienst daran haben. Chico trug Körbe mit Lebensmitteln herbei. So zogen sie reichbeladen mit nicht endenwollendem Dank wieder ab. Und nun kam unser Aufbau heran. O Gott, wie haben sie mich alle verwöhnt! Auch Cäsar bekam sein Weihnachtsbeef. Dann setzte sich Milton ans Klavier und ich sang deutsche Weihnachtslieder. Als mir die Eltern zum Schluß versicherten, noch kein so schönes Weihnachtsfest gefeiert zu haben, war ich von Herzen glücklich. Und die Gedanken, die zu Euch hinflogen, waren nur frohe und dankbare. Ist meine Weihnachtskiste rechtzeitig angekommen? Haben Omama und Vronli, die doch sicherlich Heiligabend bei Euch waren, sich mit meinem Weihnachtsgruß gefreut? Hoffentlich!« – – –

Frau Annemaries Hand, welche den Brief hielt, sank herab. Tränen verdunkelten ihr den Blick. Sie hatte an dem Weihnachtsabend um so mehr an ihr fernes Kind denken müssen. Trotz der großen Weihnachtskiste, die Ursels Gaben, die sie für jeden einzelnen mit rührender Liebe ausgesucht hatte, enthielt. Oder gerade darum. Einen Brief nach dem andern legte Frau Annemarie wieder in den Kasten zurück. Nur den letzten, den allerletzten, behielt sie in der Hand. Gestern erst war er gekommen. Wie oft hatte sie ihn inzwischen gelesen.

»Meine geliebten Eltern! Nur wenige Zeilen, die Euch nach Miltons Telegramm sagen sollen, daß Eure Ursel der glücklichste Mensch in ganz Brasilien ist. Neben mir steht ein grünverhangener Wiegenkorb. Darin schlummern meine kleinen Mädchen, Anita und Marietta, die beide deinen lieben Namen, mein Muttchen, in sich vereinen. Milton ist ganz närrisch mit seinen kleinen Zwillingen. Cäsar ist zur Kinderfrau avanciert. Wenn sie groß sind, schicke ich Euch die Enkelchen nach Europa, denn so gut wie du, mein Mutterchen, kann ich sie sicher nicht erziehen. Muzi, kleines Muzichen, nun bist du Großmutter!« – – – – – –

*

Das Blatt flatterte zur Erde. Frau Annemarie merkte es nicht. Die schaute in die blühende Linde und träumte von kommender Zeit.

*

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