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Nesthäkchens erstes Schuljahr

Else Ury: Nesthäkchens erstes Schuljahr - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchens erstes Schuljahr
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 2
printrun149. bis 154. Tausend
editorMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20131001
modified20140911
projectid8888ef9b
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6. Kapitel. Kinder, die sich nicht vertragen.

Nun ging Nesthäkchen schon vier Wochen in die Schule. Von Tag zu Tag gefiel es ihr dort besser, denn nur aller Anfang ist schwer.

Mit Margot Thielen verband sie eine innige Kinderfreundschaft. Bloß, wenn es mal galt, irgendeine Dummheit zu machen, fühlte sich Annemarie mehr zu Hilde Rabe hingezogen, denn Margot war für Unarten schwer zu haben.

Auch die Eltern der Kinder hatten sich inzwischen kennengelernt und die beiden Damen miteinander verabredet, daß abwechselnd Fräulein und das Kindermädchen Emilie die kleinen Mädchen zur Schule bringen und von dort abholen sollten. Da sie genau denselben Weg hatten, war die doppelte Begleitung unnötig.

So machten Annemarie und Margot täglich morgens und mittags, zärtlich untergeärmelt, gemeinsam den Schulweg. Das befestigte ihre Freundschaft noch mehr.

Einige besonders selbständige Kinder gingen sogar schon allein zur Schule. Aber als Nesthäkchen meinte, daß sie das geradesogut fertigkriegen würde, wollte sich Mutti durchaus nicht damit einverstanden erklären. Es gab zuviele Autos in Berlin, und ihr Nesthäkchen hatte meist seine Gedanken woanders, als wo es sich selbst gerade befand.

»Du brauchst nicht etwa zu denken, daß Fräulein meinethalben zur Schule kommt – i wo, die kommt bloß, um ein bißchen spazierenzugehen, weil das doch so gesund ist«, tat sich Annemarie eines Tages vor Hilde groß, die schon allein ging, denn sie wohnte bloß um die Ecke.

»Aber Annemarie,« fiel Margot, die das hörte, ein, »ist ja gar nicht wahr! Du darfst doch überhaupt nicht allein gehen.«

»Und doch ist's wahr,« rief Annemarie ärgerlich, weil sie beim Flunkern ertappt wurde, »ich bin ja schon sieben Jahre alt – etsch, und du bist erst sechs!«

Margot, die etwas empfindlich war, wurde rot. Das war immer ein Zeichen dafür, daß die Tränenschleusen bald aufgezogen wurden.

»Dafür hab' ich aber zwei Zöpfchen, wenn ich auch erst sechs Jahre alt bin, und du hast noch so kurze Haare wie unser Baby – etsch!« wehrte sie sich.

»Och – du hast ja man Rattenschwänzchen, ich hab' schon viel längere Zöpfe gehabt – ja, hab' ich auch – aber die habe ich mir bloß für meine Puppe Gerda abgeschnitten – etsch – siehste!« reizte Nesthäkchen Margot wieder.

»Au weih – ist ja gar nicht wahr – au weih, die schwindelt, ich gehe überhaupt nicht mehr mit solcher Schwindelliese!« rief Margot, kirschrot im Gesicht, und fing an zu weinen.

»Und ich nicht mit solcher ollen Heulsuse!« rief Klein-Annemarie aufgebracht zurück. Sie packte Hilde, die Freundin in der Not, innig um die Schulter und war mit Margot »schuß«.

So saßen denn die beiden verfeindeten Herzensfreundinnen während der Handarbeitsstunde nebeneinander und sahen sich nicht an, kannten sich überhaupt nicht mehr.

Aber das ist gar nicht so einfach, wie man denkt, neben seiner besten Freundin zu sitzen und mit ihr »schuß« zu sein.

In der Handarbeitsstunde wurden aus buntem Ton allerlei niedliche Sächelchen geknetet, ähnlich wie im Kindergarten, in dem Annemarie voriges Jahr gewesen. Da wurden kleine Teller fabriziert und Kaffeekannen und Tassen. Eine Gießkanne, Kirschen und Äpfel, ja sogar allerlei Tiere.

»Heute wollen wir mal ein Schweinchen kneten«, sagte Fräulein Hering an dem Tage, an dem Annemarie und Margot nichts voneinander wissen wollten. »Wer hat schon mal ein richtiges Schweinchen gesehen?«

»Ich – ich«, rief Annemarie und meldete sich in ihrer Aufregung, trotzdem sie längst wußte, daß man dies nur mit dem Zeigefinger der rechten Hand tun sollte, auch gleichzeitig mit dem des linken Händchens. »Ich – ein richtiges, lebendiges, als ich bei meinem Onkel Heinrich auf dem Gut in Arnsdorf war.« Stolz warf sie einen heimlichen Blick zu Margot hin. Was die wohl dazu sagte, daß sie schon mal ein richtiges, lebendiges Schweinchen gesehen hatte?

»Na, dann wirst du uns ja auch sagen können, wie solch Schweinchen aussieht?« fragte Fräulein weiter.

»Süß sind sie und mächtig dreckig. Augen haben sie, die man gar nicht sieht, und blond sind sie alle und haben ein zu ulkiges Ringelschwänzchen. Und riechen tun sie ganz abscheulich!« erklärte Klein-Annemarie lebhaft.

Fräulein lachte. »Also blond sind sie, da müssen wir gelblichen Ton dazu nehmen. Was haben sie denn für einen Kopf, einen runden oder einen spitzen?«

»Einen spitzen«, rief Annemarie in ihrer Begeisterung wieder, trotzdem sie jetzt eigentlich gar nicht gefragt war.

»Und dann machen sie immer so 'ne komische Schnute!« Die Kleine formte das niedliche Mündchen treffend zu einem Schweinerüssel.

Jetzt lachte die ganze zehnte Klasse über Annemaries drolliges Aussehen. Sogar Margot Thielen mußte mitlachen, trotzdem sie doch mit Annemarie böse war.

»Wieviel Beine hat ein Schwein, Ilse?« wandte sich Fräulein Hering an die blondzöpfige kleine Ilse Hermann.

»Vier Stück«, antwortete die richtig.

»Alle Tiere haben doch vier Beine«, schrie es lachend dazwischen. Es war Marlenchen mit den schwarzen Haarschnecken.

»So, Marlenchen, ei, sieh mal, wieviel Beine haben denn die Gänse und Enten?«

»Natürlich vier«, rief die Kleine im Ton felsenfester Überzeugung.

Die zehnte Klasse schien über diesen kühnen Ausspruch durchaus nicht verwundert. Die meisten der kleinen Stadtkinder waren genau derselben Ansicht wie Marlenchen.

Annemarie aber lachte: »Enten und Gänse haben doch nur zwei Beine, sonst könnten sie doch gar nicht so schön watscheln!«

»Welche Tiere haben ebenfalls nur zwei Beine?« fragte die junge Lehrerin lächelnd weiter.

»Piepmätzchen, Papagei, Hühner, Tauben, Fliegen, Spatzen«, so piepte es wie in einem Vogelhaus durcheinander.

»Fliegen auch, Mariannchen? Hast du denn noch nie eine Fliege richtig angesehen?« unterbrach Fräulein Hering das Gepiepse.

Mariannchen machte ein betroffenes Gesicht. Nein, die Fliegenbeinchen waren ja so dünn und krabbelten so durcheinander, daß man gar nicht aus ihnen klug werden konnte.

»Wer kann mir sagen, wieviel Beinchen eine Fliege hat?« tönte es aufs neue vom Katheder her.

Da kamen die merkwürdigsten Ansichten zutage. Die meisten neigten der Ansicht zu, daß sie vier Beine hätte. Margot Thielen meinte: »Gar keine, nur zwei Flügel!« was ihr ein schmeichelhaftes »Haach – ist die dumm!« von ihrer verfeindeten kleinen Freundin Annemarie eintrug. Hilde Rabe aber schrie: »Hundert!« Der kam es auf ein paar mehr gar nicht an.

»Na, ich will es euch sagen: Eine Fliege hat sechs Beine. Wieviel Beine hat denn ein Fisch? Na, Marlenchen?«

»Das kann man doch nicht sehen, weil die Fische sie ja immer ins Wasser stecken«, antwortete der kleine Schlaukopf.

»Habt ihr denn noch niemals einen Fisch in der Küche gesehen?«

»»Ja – natürlich – heute mittag gibt es bei uns Fisch«, ging es wieder lustig durcheinander.

»Na, da erzähle uns mal morgen, wieviel Beine der Fisch gehabt hat, Elli«, scherzte die Lehrerin. »Ei, Ruth, willst du es uns sagen?«

»Ein Fisch hat gar keine Beine, bloß einen Schwanz«, deklamierte Ruth und nickte dazu mit dem Köpfchen, als ob sie ein Gedicht aufsagte.

Jetzt lachte aber die ganze Klasse hellauf.

»Keine Beine – hahaha – womit sollten die Fische dann wohl schwimmen?« machte sich Annemarie lustig.

»Ruth hat ganz recht, sie ist die einzige in der Klasse, die schlau ist. Eigentlich müßte sie euch nun auslachen und nicht ihr sie. Ein Fisch hat keine Beine, sondern nur Flossen und einen Schwanz. So – und nun wollen wir mal die Naturkundestunde für heute beendigen und unser Schweinchen kneten«, sagte Fräulein Hering.

Da wurden die merkwürdigsten Schweinchen geschaffen.

Das von Ilschen glich einem Igel, das von Marlenchen einer Eidechse. Hilde hatte einen Tisch mit vier Beinen und einem Schwanz geformt, der sollte ein Schwein vorstellen. Annemaries Schwein sah aus wie eine vierfüßige Wurst und das angeklebte Schwänzchen dazu wie der Wurstzipfel. Aber als sie jetzt auf Margots Kunstwerk schielte, vergaß Annemarie wieder mal, daß sie doch mit ihrer Freundin böse war.

»Das ist ja ein Elefant und kein Schwein!« rief sie laut.

Margot sah gekränkt auf ihr mißratenes Schweinchen, dessen Rüssel allerdings etwas zu lang geworden war. Nein, wenn die Annemarie so war, dann wurde sie überhaupt nicht wieder mit ihr gut!

Das Bösesein wurde noch schwieriger, als mittags Annemaries Fräulein die beiden kleinen Feindinnen von der Schule abholte. Sonst kamen sie immer umschlungen die Treppen heruntergehopst. Heute erschien Nesthäkchen allein, und zwar ziemlich langsam, denn sie fürchtete Fräuleins Fragen.

Die blieben auch nicht aus.

»Wo ist denn Margot?« erkundigte sich Fräulein.

Klein-Annemarie zuckte die Schultern und wandte das erglühende Gesicht zur Seite. Zum Glück tauchte Margots roter Hut da gerade auf, daß Fräulein nicht weiter forschte.

Aber als dann eine kleine Freundin links von Fräulein spazierte und die andere rechts, als Annemarie in einem Redestrom blieb, um nur ihr Fräulein nicht zu Wort kommen zu lassen, während Margot befangen schwieg, merkte Fräulein doch den Sachverhalt.

»Nanu, Kinder, ihr habt euch doch nicht etwa gar gezankt?« erklang die peinliche Frage.

Margot drehte den Kopf nach links und Annemarie den ihren nach rechts. Beide wurden sie puterrot, beide gaben sie keine Antwort.

»Na, das ist ja recht nett,« sagte Fräulein, »kleine Mädchen dürfen doch nicht miteinander böse sein. Wenn ihr Freundinnen sein wollt, müßt ihr euch vertragen. Gebt euch mal die Hand und seid wieder gut!«

Aber Annemarie wandte den Kopf rechts und Margot links. Eigentlich hätten sie sich alle beide wieder sehr gern vertragen, aber sie waren so dumm, sich vor Fräulein zu schämen.

So machte Margot, zu Hause angelangt, nur einen eiligen Knicks vor Annemaries Fräulein, und ohne sich anzusehen, gingen die beiden kleinen Mädchen heute auseinander.

Annemarie wurde den ganzen Tag nicht recht froh. Sie wußte gar nicht, was so schwer auf ihrer kleinen Seele lastete. Nesthäkchen war ein zärtliches Kind mit einem liebebedürftigen Herzchen. Es war Annemarie ein bedrückender Gedanke, wenn irgend jemand in der weiten Welt sie nicht mehr lieb hatte.

Und daß dieser jemand ihre beste Freundin war und gar nicht irgendwo in der weiten Welt wohnte, sondern drüben am Kinderstubenfenster, halb verborgen von der Gardine, stand und ebenso verstohlen herüberspähte wie sie selbst, war um so trauriger. Aber keins von den beiden Trotzköpfchen nickte heute einen Gruß hinüber.

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