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Nesthäkchens erstes Schuljahr

Else Ury: Nesthäkchens erstes Schuljahr - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchens erstes Schuljahr
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 2
printrun149. bis 154. Tausend
editorMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20131001
modified20140911
projectid8888ef9b
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2. Kapitel. Die große Schultüte.

Als Nesthäkchen von ihrem ersten Schulbesuch heimkehrte, hing draußen am Garderobenhaken ein dunkelgrüner Mantel und ein schwarzes Kapotthütchen.

»Großmama ist da – Großmuttchen ist da!« Jubelnd schallte es von Klein-Annemaries Lippen beim Anblick der bekannten Sachen.

Ja, wirklich, drin im Wohnzimmer bei Mutti saß die liebe Großmama. Ihr Gesicht leuchtete vor Freude, als ihr Herzblatt Annemarie mit aufgeschnallter Schulmappe hereinstürzte.

»Großmuttchen, jetzt bin ich ein richtiges Schulmädchen!« Mit einem Satz sprang Annemie, ungeachtet ihrer neuen Würde, Großmama auf den Schoß. Die herzte und küßte ihren kleinen Liebling und streichelte sogar vor lauter Liebe die neue Schulmappe mit.

»Also so sieht unser Nesthäkchen als Schulmädel aus«, sagte sie, das reizende, kleine Mädchen voll Großmutterstolz betrachtend. »Ja, aber hast du denn auch schon alles, Herzchen, was ein richtiges kleines Schulmädel haben muß?«

»Natürlich,« nickte Nesthäkchen wichtig, »bloß ein paar Hefte und ein Rechenbuch sollen wir uns noch kaufen.«

»Und sonst fehlt gar nichts mehr?« forschte Großmama mit heimlichem Lächeln.

»Nee«, war das Ergebnis von Klein-Annemaries sekundenlangem Nachdenken.

»O weh, da hast du am Ende auch schon eine Schultüte, wie sie jedes artige Kind am ersten Schultage zu bekommen pflegt?« scherzte Großmama und zog eine feuerrote Riesentüte hervor. »Da kann ich die wohl wieder mitnehmen?«

Nesthäkchen wurde röter als die Schultüte, mit beiden Händen griff sie danach.

»Nee, ach nee, die hat mir gerade noch gefehlt; au, ist die fein, die ist ja noch größer als meine Gerda, und soviel Schokolade ist drin – ach, ich danke dir tausendmal, Großmuttchen!« Annemaries Dankesbezeigung fiel so stürmisch aus, daß sich ein süßer Schokoladenregen aus der offen gebliebenen Tüte auf Großmama ergoß.

Nachdem die braunen Flüchtlinge wieder alle eingefangen waren, fand Annemarie endlich Zeit, auch Mutti zu begrüßen.

»Na, wie ist's dir in der Schule ergangen, meine Lotte?« fragte Mutti.

»Famos – fünfzig Kinder sind in der Klasse, und Margot Thielen aus unserem Hause ist auch da. Aber das ist eine Heulsuse, ich habe mich zu ihr gesetzt, damit sie jemand aus ihrer Heimat bei sich hat und sich nicht so sehr grault. Und ich habe gar nicht geheult, man bloß ein ganz klein bißchen schoniert habe ich mich zuerst. Und ein einziges Mal bin ich bloß weggelaufen –«

»Was – du bist fortgelaufen, Lotte?« fiel Mutti ihrem eifrig berichtenden Nesthäkchen erschreckt ins Wort.

»Ja, aber bloß ein einziges Mal, und ich bin auch gleich wiedergekommen. Fräulein hat mich zurückgebracht«, beruhigte Annemarie Mutti.

»Aber du darfst doch aus der Schule nicht fortlaufen, Lotte, versprich mir, daß du das nie wieder tun wirst!« verlangte Frau Doktor Braun eindringlich.

»Nee – bloß wenn sie mich wieder mal auslachen«, gab Nesthäkchen bereitwilligst zu.

»Nein, auch dann darfst du nicht fortlaufen«, sagte Mutti so ernst und bestimmt, wie sie selten zu ihrer Kleinsten sprach.

Großmama aber fragte aufgebracht: »Wer hat mein Herzblatt ausgelacht?«

»Alle haben sie gelacht, bloß weil ich gesagt habe, Vater heißt ›Edchen‹ und ›mein Einziges‹ und ›Herr Doktor‹ – und er heißt doch so!« setzte Klein-Annemarie, das Köpfchen zurückwerfend, hinzu und gab ihrer Behauptung durch Auftreten mit dem Füßchen noch stärkeren Nachdruck.

Da lachten auch Großmama und Mutti herzlich. Letztere aber sagte dann: »Wenn du wieder einmal danach gefragt wirst, Lotte, dann sagst du, dein Vater heißt Doktor Braun. Und nun gehe und lege die Mappe ab, Kind, oder willst du gleich bis morgen früh so bleiben?«

Jetzt mußte auch Nesthäkchen lachen, das eben noch ganz bestürzt in die belustigten Gesichter geblickt hatte. Und dann sprang Annemarie, ihre große, rote Schultüte in der Hand, ins Kinderzimmer, wo die Puppen schon sehnsüchtig auf sie warteten.

Da ging ein Leuchten über all die starren Porzellan- und Zelluloidgesichter, als sie ihres kleinen Mütterchens endlich wieder ansichtig wurden.

»Seht mal, Kinder, was ich habe«! Strahlend hielt die Kleine ihren Puppen die große, rote Tüte hin. Die Schulmappe flog – pardauz – in irgendeine Ecke und gerade auf den Puppenjungen Kurt, der sich meistens in allen Ecken herumtrieb.

»Au, meine Hühneraugen!« schrie dieser, trotzdem seine beiden Beine abgeschlagen waren.

Aber Annemarie kümmerte sich nicht um Kurts Schimpfen, wohl aber um das Fräulein.

»Pfui, Annemie, so gehst du mit deiner neuen Mappe um – ein ordentliches kleines Mädchen hängt seine Schulmappe an den dafür bestimmten Haken. Und dann laß dich gleich umziehen. Sachen, die man in der Schule trägt, darf man nicht zu Hause anbehalten, sonst kommen Flecke und Risse hinein.«

Gehorsam befolgte die Kleine Fräuleins Worte. Vorher aber mußte sie noch ganz schnell Gerdachen das Porzellangesicht streicheln.

»Ist dir sehr bange nach mir gewesen, mein Liebling?« flüsterte sie der Puppe ins Ohr.

Die schien mit dem Kopf zu schütteln.

»Na ja, du hast ja jetzt auch einen Mann! Ich habe dich ja gestern noch ganz schnell mit meinem Herrn Leutnant verheiratet, damit du nicht so allein bist, wenn ich in die Schule muß. Der ist noch kein bißchen kaputt, bloß die Nase und der Helm sind etwas eingedrückt. Da habe ich dir doch nicht so doll gefehlt, nicht wahr?« Annemie sah nicht, daß die Puppe nickte, denn Fräulein zog ihr gerade das Hauskleidchen über.

Aber als sich die Kleine jetzt nach dem jungen Ehemann umsah, war der nirgends zu finden. Nach langem Suchen kam der Herr Leutnant endlich aus der Puppenküche hervorgekrochen, dort mußte er wohl gestern abend beim Hochzeitsschmaus vergessen worden sein. Oder war der Herr Leutnant ein Topfgucker und wollte sehen, was ihm seine liebe Frau Gerda zum Mittag gekocht habe?

Noch ein junges Ehepaar, das gestern Hochzeit gefeiert, hatte Annemie unter ihren Kindern. Das war das blasse Irenchen und der Puppenjunge Kurt mit den abgeschlagenen Beinen. Irenchen saß sogar noch mit dem weißen Brautschleier und dem grünen Petersilienkranz im Haar da.

Die übrigen Puppen schienen von dem Hochzeitstanz sehr müde zu sein. Mariannchen machte ihre Augen, die auch sonst nur aufgingen, nachdem sie ein paar tüchtige Katzenköpfe bekommen hatte, heute überhaupt nicht auf. Lolo, das schwarze Mohrenkind, blinzelte Annemarie verschlafen an, und Baby schlief sogar mit offenen Augen.

Annemarie hatte nicht recht Zeit für ihre Kinder. Schularbeiten gab's zwar noch nicht, aber dafür mußte die Schultüte einer eingehenden Musterung unterzogen werden. Jedes fünfte Stück wanderte dabei in das rote Mäulchen der Kleinen.

Auch am Fenster mußte Nesthäkchen Aufstellung nehmen, ob sich kein braunhaariges Köpfchen drüben am anderen Kinderstubenfenster zeigen wollte. Aber soviel Annemarie auch lugte, nickte und winkte, ja sogar auch hinüberrief, die kleine Margot ließ sich nicht blicken.

Nesthäkchen aber hatte noch mehr zu tun, als am Fenster zu stehen. Das mußte vor allen Dingen Mätzchen frisches Wasser und Futter geben. Denn morgens war dazu keine Zeit mehr gewesen. Annemarie sorgte stets selbst für ihr Kanarienvögelchen, sogar von ihrem Apfel steckte sie meist ein Schnittchen zwischen die Messingstäbe seines Bauers. Dafür sang Annemaries Mätzchen aber auch so schön wie kein anderer Kanarienvogel.

Als Mätzchen versorgt war, ging es zu Hanne in die Küche hinaus.

»Hanne,« begann die Kleine nachdenklich, »was haben Sie denn heute bloß mit dem Bonbon gemacht, den der Kaufmann mir immer zugeschenkt hat, wenn ich mit einholen gegangen bin?«

»Den habe ich mir natürlich nun allein gut schmecken lassen«, lachte die Köchin.

»Wirklich?« zweifelte Klein-Annemarie und setzte dann gutherzig hinzu: »Na, ich habe ja auch dafür die große Schultüte von Großmama!«

Inzwischen waren auch die Brüder aus der Schule gekommen.

»Na, hast du schon einen Tadel bekommen, Annemie?« fragte Bruder Hans, der Untertertianer, neckend das Schwesterchen beim Mittagessen.

»Nee, aber eine seine Schultüte von Großmama; ich gebe dir auch etwas ab, Hänschen – und dir auch, Kläuschen«, setzte das gute, kleine Ding schnell hinzu, als es die begehrlichen Braunaugen des frischgebackenen Sextaners Klaus sah.

»Hast du denn schon eine Schulfreundin?« forschte der.

Nesthäkchen überlegte keinen Augenblick.

»Ja, alle fünfzig Kinder sind meine Schulfreundinnen; so viel Freunde hast du sicher nicht, Kläuschen«, übertrumpfte sie den Bruder.

»Nee,« machte der Sextaner verächtlich, »ein ordentlicher Junge hat überhaupt nur einen Schulfreund. Und höchstens noch einen zweiten für den Notfall, wenn er mal mit dem ersten ›schuß‹ ist. Und mit all den anderen keilt man sich bloß.«

»Dann kann ja Margot Thielen von drüben meine Schulfreundin sein, aber heulen darf sie nicht immerzu. Und wenn ich mit ihr ›schuß‹ bin, dann kommt die Hilde dran, aber nur als zweite Freundin, denn die kann ich nicht recht leiden. Und mit den anderen Kindern werde ich mich gleich morgen keilen!« rief Nesthäkchen eifrig, das sich in allem ein Vorbild an den großen Brüdern nahm. Dazu reckte die Kleine bereits unternehmungslustig die Arme.

»Pfui, Lotte, kleine Mädchen hauen sich doch nicht«, unterbrach Mutti die kriegerische Vornahme ihres Töchterchens mißbilligend.

Vater aber, der es nicht sehen konnte, wenn sein sonniges Nesthäkchen traurig war, fragte schnell, da es bei Muttis Verweis feucht in den Blauaugen seines Lieblings flimmerte: »Wie gefällt dir denn dein Lehrer, Lotte? Hat er denn auch einen Rohrstock?«

Da lachte Annemarie wieder.

»Wir haben doch gar keinen Lehrer, nur ein Fräulein. Und einen ulkigen Namen hat die – wie war er denn bloß noch?« Die Kleine dachte angestrengt nach. »Fräulein Bückling oder Fräulein Flunder, so ähnlich war's. Ach nee, Fräulein Hering; aber süß ist sie!«

»Ich kenne nur sauren Hering,« lachte Hans, »süßen habe ich noch nie gegessen.«

»Mein Fräulein Hering ist aber gar nicht sauer, die ist wirklich süß«, versicherte das Schwesterchen. Dann holte sie die große Schultüte und bot jedem davon etwas an. Sogar auch Hanne und Frieda. Nur für Klaus und Puck suchte sie selbst ein Stück heraus, denn bei beiden war zu befürchten, daß sie sich mehr nahmen, als ihnen zugedacht war.

Als Annemarie nach Tisch mit ihrer roten Tüte wieder mal zum Fenster lief und zu Thielens hinüberspähte, da lugten dort hinter der weißen Mullgardine zwei große, braune Kinderaugen hervor. Die sahen gar nicht mehr verheult aus, sondern lachten und grüßten strahlend herüber.

Annemarie hielt ihre große, rote Schultüte hoch und zeigte sie stolz der kleinen Nachbarin. Sofort wurde drüben als Antwort eine grüne Schultüte in der Luft herumgeschwenkt – ei, da hatte die Margot auch eine geschenkt bekommen. Darum war sie auch sicher jetzt so vergnügt. Das wurde nun ein Winken hinüber und herüber. Auch Puppe Gerda mußte sich an die Fensterscheibe stellen und vor der neuen Freundin ihrer kleinen Mama einen Knicks machen.

Dann spielte Nesthäkchen mit allen ihren Puppen Schule.

Sie selbst war Fräulein Hering. Mariannchen, welche die Augen trotz aller Katzenköpfe, mit denen die Lehrerin sie reichlich bedachte, nicht öffnen wollte, bekam Babys Windel als Taschentuch vors Gesicht und stellte die heulende Margot vor. Gerda aber hieß natürlich Annemarie Braun.

»So, Kinder, nun sagt mir mal alle, wie euer Vater heißt«, verlangte das kleine Fräulein Hering, das sich die Tischdecke als langen Rock umgebunden hatte, damit die Schulkinder auch Respekt vor ihr hatten.

»Meiner heißt Papa – meiner August – meiner ist schon längst totgestorben, Tante – meiner heißt Vatichen«, so ließ Annemarie ihre Puppenschülerinnen durcheinanderrufen.

Dann aber schüttelte sie mitleidig lächelnd den Blondkopf, ganz wie die Lehrerin.

»Quatsch – euer Vater heißt Doktor Braun, merkt euch das, Kinder, groß genug seid ihr doch dazu. Und zu mir wird nicht Tante gesagt, nee, da müßtet ihr euch ja als Schulmädel schonieren. Ich heiße Tante Fräulein Hering. Na, was gibt's denn darüber zu lachen, Hilde? Wenn es noch Rollmops wäre, aber Hering ist ein sehr schöner Name, und der beißt auch gar nicht.«

Doch da die schwarze Lolo noch über das ganze Mohrengesicht grinste und sogar ihre Nachbarin Gerda vor Vergnügen in die Seite puffte, wurde sie zur Strafe von Tante Fräulein Hering in die Ecke gestellt. Dort tauchte auch Kurt auf. –

»Na, du möchtest wohl auch gern mitspielen?« fragte Annemarie ihren Puppenjungen. »Du kannst der Herr Schuldiener sein und läuten.« Kurt wurde mit der Kuhglocke aus der Schweiz ausgerüstet. »Und mein Herr Leutnant ist der Herr Direktor. Aber deinen Helm kannst du dann nicht aufbehalten, ich mache dir einen Papierhut.« Die Kleine griff nach einem Zettel, den Fräulein auf den Kinderstubentisch gelegt hatte, und fabrizierte daraus einen feinen Dreimaster für den Herrn Direktor.

»So, Kinder, nun will ich auch noch jedem eine Schultüte schenken, die braucht man als Schulmädel. Weil ihr doch keine Großmama habt, die euch eine mitbringt.« Klein-Annemarie drehte fünf niedliche, kleine Papierdüten, sie nahm dazu, was ihr gerade in die Hand kam. In jeder Tüte aber legte sie ein Stück Schokolade aus ihrer eigenen großen.

Gerade als Mariannchen mit geschlossenen Augen »Müde bin ich, geh zur Ruh« betete, und Kurt, der Schuldiener, dazu aus Leibeskräften mit seiner Kuhglocke bimmelte, erschien Fräulein. Sie trug die Schulsachen von Nesthäkchen im Arm, in die sie die Namen der Kleinen eingenäht hatte. Sogar in das Regenschirmchen und in die winzigen Gummischuhe, denn das war Vorschrift.

»So, Annemiechen, nun wollen wir die noch fehlenden Hefte und Bücher für die Schule besorgen. Du kannst mitkommen; es hat aufgehört zu regnen«, sagte sie und begann auf dem Kinderstubentisch zu suchen.

»Ich weiß doch ganz genau, daß ich deinen Stundenplan und den Zettel für die anzuschaffenden Bücher vorhin hierhergelegt habe. Hast du sie fortgenommen, Annemie?«

Die Kleine schüttelte den Kopf. Sie konnte sich gar nicht darauf besinnen, die Zettel gesehen zu haben.

»Was machen wir denn jetzt bloß?« Fräulein suchte in größerer Hast. Die Mappe wurde ausgekramt, die Fibel durchblättert, aber weder Nesthäkchens Stundenplan noch Bücherzettel wollten sich finden.

Fräulein war ganz ratlos.

»Weißt du was, Fräulein, wir lassen uns von Margot ihre Zettel borgen«, schlug Annemarie vor, und ihr Herz jubelte bei der Vorstellung, die kleine Nachbarin besuchen zu dürfen.

Aber Fräulein schüttelte den Kopf.

»Nein, Annemie, ich schäme mich vor Thielens, daß wir so liederlich sind und solche wichtigen Zettel verlieren. Sie müssen ja auch hier sein!« Wieder begann das Suchen.

Auch Annemarie beteiligte sich, aber die beiden Zettel blieben verschwunden.

Es half nichts, Fräulein mußte zu Thielens hinübergehen und um Margots Stundenplan und Bücherzettel bitten, um sie für Annemarie abzuschreiben.

»Darf ich mit, bitte, bitte, liebes Fräulein!« flehte Annemarie und hing sich zärtlich an ihren Arm. Die Locken wurden noch mal gebürstet, die Hände einer Musterung unterzogen, und dann klingelten Fräulein und Nesthäkchen an der auf demselben Treppenflur gelegenen Thielenschen Wohnung.

Als das Mädchen öffnete, brachte Fräulein ihr Anliegen vor, während Nesthäkchen ihre Blicke in alle Ecken des Korridors schweifen ließ. Doch soviel sie auch guckte, Margot kam nicht zum Vorschein.

Aber als das Mädchen jetzt mit den gewünschten Zetteln zurückkehrte, da schob sich ein braunes Köpfchen mit braunem Zöpfchen hinter ihr neugierig durch die Türspalte.

»Guten Tag, Margot!« rief Annemarie selig.

Nicht weniger erfreut streckte Margot ihrem kleinen Besuch die Hand hin und knickste errötend vor Fräulein. Als Fräulein sich mit Nesthäkchen wieder verabschieden wollte, überwand Margot jedoch ihre Schüchternheit.

»Darf – darf die Kleine nicht noch ein bißchen bei mir bleiben und mit mir spielen?« fragte sie stotternd vor Verlegenheit.

»Au ja – au fein!« jubelte Annemarie los und wußte gar nicht, daß es ein fremder Korridor war, in dem sie vor Freude herumhopste.

»Erlaubt denn das deine Mama, Margot?« fragte Fräulein zögernd.

»Ja, Muttchen hat eben noch gesagt, mit der Kleinen von Doktors darf ich spielen«, beteuerte die kleine Braunhaarige.

»Nicht wahr, du erlaubst es auch, Fräulein?« Nesthäkchens Blauaugen vereinigten sich mit Margots braunen zur flehentlichen Bitte.

Da konnte das gute Fräulein nicht widerstehen.

Sie ging allein Annemaries Schulbücher besorgen, und diese folgte Margot herzklopfend vor Freude in das Kinderzimmer, zu dem sie schon so oft ihre Blicke sehnsüchtig auf Besuch geschickt hatte.

Dort gab es zwei kleine Blondköpfe, die Annemarie bereits vom Fenster her kannte: Bubi und Baby. Der vierjährige Bubi thronte auf dem Schaukelpferd und ließ sich in seinen Reitkünsten durch den Besuch in keiner Weise stören. Baby aber, ein süßes, kleines Mädelchen von zwei Jahren, kam Annemarie sofort mit zärtlich ausgebreiteten Ärmchen entgegengetappelt.

Ach, das war ja ein noch viel schöneres Spielzeug als Puppe Gerda. Annemarie war von dem lebendigen Püppchen ganz begeistert, sie vergaß sogar Margot, zu der sie doch zu Besuch gekommen, über das possierliche kleine Ding.

»Was wollen wir denn spielen?« brachte sich diese schließlich schüchtern wieder in Erinnerung.

»Gnädige Frau«, schlug Annemarie vor; »Baby ist mein Kind, und wir bauen uns unsere Wohnung hier am Fenster. Und du kannst unser Fräulein sein oder auch die Hanne, dann kochst du uns Mittagbrot.«

Margot fand es lustiger, »Hanne« vorzustellen, und sogar Bubi kam von seinem Gaul herab, um sich zu beteiligen. Er durfte Puck sein und mußte auf allen vieren im Zimmer herumkriechen und dazu bellen. Das tat er mit solchem Geschick und so viel Kraftanstrengung, daß alsbald Frau Thielen auf der Schwelle erschien, weil der Lärm nicht auszuhalten war.

Sie machte dem kunstgerechten Hundegebell schnell ein Ende und begrüßte den kleinen Gast freundlich.

»Also du bist Doktor Brauns Nesthäkchen; na, halte nur gute Freundschaft mit unserer Margot. Und nun spielt lieber Bilderlotto, Kinder, das ist weniger geräuschvoll; Margot setzt etwas aus ihrer Schultüte als Gewinn aus.«

Jubelnd wurde dieser Vorschlag angenommen. Auch Bubi kannte schon die Bilder und konnte mitspielen. Als Fräulein um halb sieben Uhr erschien, um Nesthäkchen abzuholen, glaubte dieses, sie hätten eben erst angefangen zu spielen. So schnell war die Zeit vergangen.

»Auf Wiedersehen morgen in der Schule, Margot; wirst du wieder heulen?« erkundigte sich Annemarie noch draußen im Korridor.

Aber Margot schüttelte das Köpfchen. Nein, jetzt mit Annemarie zusammen hatte sie gar keine Angst mehr.

Fräulein hatte inzwischen Annemaries neue Schulbücher mit seinem, dunkelblauem Papierkleide versehen und weiße Etikette mit dem Namen draufgeklebt.

»Wie die Soldaten sehen sie in ihrer blauen Uniform aus!« begeisterte sich Nesthäkchen.

»Nun sorge aber dafür, Annemie, daß alle Bücher und Hefte so schön sauber und ordentlich bleiben«, mahnte Fräulein.

Das versprach die Kleine auch, aber ihre Gedanken waren nicht recht dabei. Die wanderten bereits zu der roten Schultüte hin, die sie vorsorglich im Puppenwagen versteckt hatte. Sicherlich – sie hatte noch viel mehr drin als Margot in ihrer grünen!

Doch als Annemarie jetzt ihre rote Tüte hervorzog und liebevoll hineinäugte, wurde ihr Gesichtchen lang und länger.

»Fräulein, es ist alles raus, kein Stück ist mehr drin; ach, wer mag das bloß gewesen sein?« Bitterlich flössen die Tränen.

Auch die kleinen Schultüten der Puppen, die Annemarie sofort einer Untersuchung unterzog, waren sämtlich geräubert.

Nur die Puppen wußten, daß der Dieb ein krausköpfiger Sextaner mit braunen Augen war, der sich dafür rächen wollte, daß Annemarie ihn nicht selbst etwas aus ihrer Tüte hatte aussuchen lassen. Die wußten auch, wo Nesthäkchens vermißter Stundenplan und der Bücherzettel hingekommen waren. Der Stundenplan prangte als Dreimaster auf dem Kopfe des Herrn Leutnants, und den Bücherzettel hielt Puppe Gerda zierlich zusammengedreht als Schultüte in der Hand.

Aber die Puppen schwiegen alle, keine verriet ein Sterbenswörtchen.

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