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Nesthäkchens erstes Schuljahr

Else Ury: Nesthäkchens erstes Schuljahr - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchens erstes Schuljahr
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 2
printrun149. bis 154. Tausend
editorMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20131001
modified20140911
projectid8888ef9b
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14. Kapitel. Nesthäkchen lernt Stricken.

Die kleinen Reisenden waren alle wieder, rotbäckig und sonnengebräunt, in die zehnte Klasse eingerückt.

Annemarie hatte mit ihrer Freundin Margot ein jubelndes Wiedersehen gefeiert. Außer einer schwer zu entziffernden Ansichtskarte hatten die kleinen Freundinnen nichts voneinander gehört.

Um so eifriger gingen die kleinen Mündchen jetzt. Sie schienen alles in den fünf Wochen Versäumte auf einmal nachholen zu wollen. Als Fräulein Hering ihre Klasse zur ersten Stunde nach den großen Ferien betrat, herrschte dort ein Mordsspektakel.

»Ich hatte einen rotweißen Badeanzug – ich einen blauen – und wir sind jeden Tag barfuß gewatet – wir hatten eine süße, kleine Ziege – haach, bloß eine Ziege, bei uns in Mecklenburg gab's hunderttausend Kühe und Gänse – etsch, wir haben doch aber eine Wagenfahrt gemacht – und ich war doch sogar auf der Schneekoppe, die reicht bis an die Wolken heran«, überschrie Annemarie gerade die anderen, als Fräulein auf den Klassentisch klopfte.

»Ruhe!« rief Fräulein Hering, aber der Radau war lauter als ihre Stimme. Die kleinen Mädchen hatten während der langen Ferien vollständig die erste Schulregel: »Nur die Gefragte hat zu sprechen!« vergessen.

Einen Augenblick sah die junge Lehrerin fast ratlos in diesen Tumult. Dann ergriff sie kurz entschlossen Annemarie Braun, die Lebhafteste von der ganzen kleinen Gesellschaft, bei dem mit einem roten Seidenband abgebundenen Lockenschopf.

»So, Annemie, nun tritt mal vor und erzähle uns vom Katheder herab, wo du gewesen bist. Wir wollen doch gern alle etwas hören, aber dann müßt ihr anderen mäuschenstill sein.«

Im Augenblick herrschte Ruhe in der Klasse. Fräulein Hering hatte ohne ein tadelndes Wort die kleinen Münder zum Schweigen gebracht. Alles spitzte neugierig die Ohren. Annemarie aber stand stolz auf dem Katheder und erzählte:

»In Johannisbad war ich, bei den Meergänschen haben wir gewohnt. Und als wir abreisten, habe ich jedem Meergänschen was zum Andenken geschenkt. Und eine Freundin hatte ich auch da, die Himbeermizi. Fräulein sagt, die ist tausendmal fleißiger als ich. Aber die kleine Katze, die sie mir mitgegeben hat, ist wieder ausgerückt. Und dann waren wir mal auf der Schneekoppe, das war am allerfeinsten. Durch den Riesengrund sind wir raufgestiegen, aber Riesen gab's da nicht. Bloß den Brunnenberg, in dem Rübezahl wohnt. Und gegrault habe ich mich mächtig, auch ein bißchen geheult, denn es kam gerade ein tolles Gewitter. Da hab' ich geglaubt, Rübezahl poltert so in den Bergen, weil er böse ist. Von der Koppe konnte man beinah bis nach Amerika sehen. Und eine Ansichtskarte habe ich an Sie geschrieben, Fräulein Hering. Aber mein Fräulein hat sie nicht abgeschickt, weil ich zu viele Fehler gemacht habe«, schloß Klein-Annemarie ihren Reisebericht.

»Ei, da hast du ja wunderschöne Ferien genossen, Annemarie. Nun mußt du aber auch deinen Eltern dafür recht dankbar sein. Zu Hause stets brav gehorchen und in der Schule fleißig deine Schuldigkeit tun, nicht wahr?«

»Ja.« Nesthäkchen nickte eifrig, das hatte es sich selbst schon vorgenommen.

»Wer will uns jetzt noch etwas erzählen?« fragte Fräulein Hering weiter.

Verschiedene Zeigefinger fuhren in die Luft.

»Marlenchen, tritt vor.«

Das kleine Dingelchen mit den schwarzen Haarschnecken und den großen, dunkelblauen Augen, machte einen Knicks und begann:

»Ich war in Ilmenau, und da habe ich immer Blumen gepflückt und in der Hängematte gelegen.«

»Ich auch – ich auch«, erklang es hier und da.

»Jetzt hat nur Marlene uns etwas zu erzählen, ihr anderen kommt nachher dran«, so schaffte Fräulein Hering wieder Ruhe.

»Und dann durfte ich mir immer mittags eine Speise selber aussuchen.« Die Kleine schwieg in seliger Erinnerung. Damit schien ihre Reise den Höhepunkt erreicht zu haben.

»So, jetzt Hilde Rabe.«

»In Warnemünde war ich,« rief die mit Trompeterstimme, »und da hat mich meine große Schwester immer beim Baden getaucht, aber ich habe nicht geschrien. Bloß einmal, weil ich beinah ersoffen wäre ...«

»Ertrunken«, verbesserte Fräulein Hering.

»Und Muscheln habe ich am Strand gefunden, so 'ne Menge –«

»Ich hab' drei Kästen voll – ich eine ganze Tasche –«, fiel wieder der Chor ein.

»Aber das schönste war, wie wir immer den tauben August, der die Stiefel putzt, ausgelacht haben, weil er alles falsch verstand.«

»Das finde ich gar nicht schön, sondern im Gegenteil recht häßlich und ungezogen, einen tauben Menschen zu verspotten«, tadelte Fräulein Hering mit sehr ernstem Gesicht. »Von dir mag ich jetzt nichts mehr hören. Margot Thielen kann weitererzählen.«

Hilde wurde puterrot vor Beschämung. Aber Margot errötete ebenfalls, weil jetzt aller Augen auf sie gerichtet waren.

»Es war sehr schön«, begann sie leise.

»Wo warst du denn, Margot?«

»In Ahlbeck.«

»Na, und was willst du uns davon erzählen?«

Margot schwieg verlegen, hilfesuchend blickte sie zu ihrer Freundin Annemarie hin.

Die nickte ihr aufmunternd zu. Sie hätte der schüchternen Margot gern ihr Plappermäulchen geliehen.

»Ei, Margot, weißt du uns gar nichts von deinem Sommeraufenthalt zu berichten?«

»Doch,« – Margot nahm allen Mut zusammen – »die Ahlbecker Flundern schmecken fein!«

Die Klasse brach in helles Lachen aus, und die arme Margot hätte sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen. Aber Fräulein Hering stand ihr bei.

»Da gibt's gar nichts zu lachen,« sagte sie, »wer solche feinen Flundern bekommen hat, kann höchstens lachen. Nun weiter, Ilse Hermann.«

»In Berlin war's auch wunderschön«, begann das blondzöpfige Ilschen seine Erzählung.

»Och, die war nicht mal verreist«, machte eins der Kinder verächtlich.

»Also endlich mal eine, die uns erzählen wird, wie man sich auch in der Heimat seiner Ferien freuen kann, das ist mir lieb. Nun berichte uns mal, wie es hier gewesen ist, Ilse«, ermunterte die Lehrerin.

Da fuhr die Kleine, die bei dem geringschätzigen Ausruf erschreckt abgebrochen hatte, fort: »Vater und Mutter haben eine Nordlandreise gemacht. Dabei kann man Kinder nicht gebrauchen, sagt Muttchen. Meine große Schwester und ich, wir sind zu Großmama gezogen, und da war's wunder-wunderschön!«

Die kleinen Mädchen ringsum, die noch eben mitleidige Gesichter gemacht hatten, weil Ilse Hermann hatte in Berlin bleiben müssen, hörten jetzt voll Interesse zu. Ja, wenn die Ilse bei ihrer Großmama gewohnt hatte, da mußte es wunderschön gewesen sein. Manch eine hätte das auch lieber getan und auf ihre Reise verzichtet.

»Also, wie habt ihr denn nun bei der Großmama die Ferien verlebt?« erkundigte sich Fräulein Hering.

»Morgens früh durften wir Großmama im Haushalt helfen, das hat uns sehr viel Spaß gemacht. Denn Großmamas Anna sollte doch nicht zuviel Arbeit durch uns haben. Jedes Kind hatte seine bestimmten Pflichten. Ich mußte den Kaffeetisch abräumen, die Krümelchen abkehren und sie den Vögeln auf das Fenstersims schütten. Und die Blumen hatte ich ganz allein zu pflegen. Auch beim Gemüseputzen und Obstverlesen durften wir helfen, bis Großmama gar nichts mehr zu tun hatte. Dann sagte sie: ›So, nun spielen wir Fremde in Berlin. Was wollen wir heute vormittag besichtigen?‹ Einen Tag durfte meine Schwester Lisbeth einen Vorschlag machen und am anderen ich. Großmama ging mit uns ins Museum und in die Kunstausstellung. Im Aquarium waren wir und auch im Panoptikum. Aber das allerfeinste war, wie Großmama mit uns nach Potsdam fuhr und uns dort die Schlösser zeigte. Ach, war das herrlich! Und am Nachmittag haben wir immer einen Spaziergang oder eine Landpartie unternommen.«

Als das kleine Mädchen schwieg, fanden alle Kinder, daß Ilse Hermann die hübschesten Ferien verlebt hatte, trotzdem sie gar nicht verreist war. Man weiß manchmal nicht, wieviel Schönes die Heimat bietet und sucht es weit in der Fremde.

Die Schulglocke machte der hübschen Stunde leider ein Ende.

»So, nun werden wir, nachdem wir uns frische Kräfte in den Ferien geholt haben, wieder mit Lust und Eifer unsere Pflicht tun und lernen, ja, wollt ihr das?« fragte Fräulein Hering ihre kleine Schar.

»Ja, ja!« rief es allenthalben. Da war nicht eine darunter, die nicht den allerbesten Willen hatte, der jungen Lehrerin Freude zu machen.

Es wurde jetzt fleißig in der zehnten Klasse gearbeitet. Die kleinen und die großen Buchstaben waren den Kindern bereits sämtlich vorgestellt. Und wenn sich auch mal eins der Kleinen in der Benennung dieser Herrschaften irrte, im großen ganzen konnte Fräulein Hering mit den Leistungen ihrer Klasse zufrieden sein.

Die Fibel war fast durchgearbeitet, denn jedes Kind wollte doch gern das Ziel erreichen, das die Lehrerin den Kleinen als Ansporn gesetzt: die Weihnachtsbücher sollten sie schon dieses Jahr allein lesen können!

Mit dem richtigen Schreiben haperte es allerdings noch ziemlich. Bei den Diktatheften konnte Fräulein Hering nicht mit roter Tinte sparen. Da gab es reichlich Fehler anzustreichen, denn so leicht wie im Anfang war jetzt das Diktat nicht mehr. Es war gut, daß die Himbeermizi in Johannisbad nicht viel weiter in der Rechtschreibung war als Annemarie. Sonst hätte sich Nesthäkchen vor ihr schämen müssen. Der Brief, den sie ihr bald nach der Trennung schrieb, war ja herzensgut gemeint, aber er wimmelte von Fehlern.

Trotzdem war die kleine Mizi glückselig, als sie folgendes Schreiben erhielt, denn es war ja das erstemal in ihrem Leben, daß sie überhaupt einen Brief bekam.

»Libe Mizi,« buchstabierte sie mühsam, »Ich Sente dir vile grieße. hir ist es nicht so hibsch wie in johahnisbat. Besuche Mich balt und Bringe deine kazen mitt. meine Gerta lest dich grießen. Grieße auch biete alle mehrgänzchen.

deine freundin
Annemie.«

Nesthäkchen war ungeheuer stolz, als sie ihren ersten Brief auf dem kleinen rosa Bogen, der das Bild eines niedlichen Kätzchens trug, mit großer Mühe niedergeschrieben hatte.

Aber als Fräulein das Schreiben zu sehen bekam, war sie lange nicht so begeistert davon wie Annemarie selbst. Ja, sie wollte gar nicht leiden, daß Nesthäkchen es abschickte, weil sie sich vor Mizi schämte, daß so viele Fehler darin waren. Erst Mutti, zu der das Töchterchen seine Zuflucht nahm, bewirkte mit ihrer Fürsprache die Absendung des wichtigen Schriftstückes. Freilich meinte sie, der Brief würde wohl doppeltes Porto kosten, weil all die Fehler gar zu schwer ins Gewicht fielen.

Aber in der Rechenstunde war Annemarie Braun die Allerbeste. Keine rechnete so flott wie sie. Das Einmaleins bis zur Zehn saß fest in dem kleinen Lockenkopf. Dies hatte sie Bruder Hans zu verdanken, der sie täglich examinierte und ihr zur Belohnung für zehn richtige Antworten stets etwas aussetzte. Ein buntes Löschblatt, eine neue Stahlfeder oder gar ein altes Notizbuch. Ihren ersten Platz hatte Annemarie daher noch inne. Denn die anderen waren in der Rechtschreibung auch nicht weiter als sie. Freilich, Nesthäkchens Schreibseiten sahen noch immer nicht sauber aus. Da gab es noch manch Krakelfüßchen, manch Schmierfähnchen.

Religionsunterricht liebte Annemarie besonders. Die Schöpfungsgeschichte und die Geschichte vom Paradies, das klang ja wie das schönste Märchen. Nur faßte ihr Köpfchen die biblischen Erzählungen etwas merkwürdig auf.

Mittags, als es Kasseler Rippespeer gab, sagte Nesthäkchen: »Daraus hat der liebe Gott die Eva gemacht!«

Einige Tage später, da man zu dem Sündenfall im Paradies gekommen war und Fräulein Hering erzählte, wie der liebe Gott Adam und Eva aus dem Paradies wies, rief Annemarie begeistert: »Ganz wie unsere Hanne, die setzt Klaus auch immer an die Luft, wenn er genascht hat!«

Als sie die Geschichte von Kain und Abel nacherzählen sollte, begann sie: »Kain und Abel waren furchtbar ungezogen und keilten sich doll. Dabei schlug Kain seinen Bruder mausetot.«

Das Kapitel von der Sintflut machte den größten Eindruck auf Nesthäkchen.

»Hat denn der Noah keine Gummischuhe und keinen Regenschirm gehabt oder wenigstens einen Lodenmantel mit Kapuze, daß er während der ganzen Regenzeit hat in seiner Arche bleiben müssen?« erkundigte es sich teilnahmsvoll.

Auch wie der liebe Gott den Regenbogen an den Himmel gesetzt hatte, stellte sich Klein-Annemarie eigentümlich vor.

»Weißt du, Hänschen,« sagte sie zu dem Bruder, »muß der liebe Gott aber einen großen Tuschkasten gehabt haben. Der war bestimmt noch größer als deiner!«

Von der Turnstunde war unser Wildfang ebenfalls sehr entzückt. Die kleinen Rekruten waren schon ganz forsch einexerziert. Sie marschierten jetzt hintereinander im Takt eins – zwei, eins – zwei und liefen nicht, wie im Anfang, gleich einer Herde wildgewordener Gänse durcheinander. Sie streckten nicht mehr den rechten Arm vor, wenn der linke Fuß kommandiert war, und sie hatten sogar schon gelernt, im Kiebitzschritt zu hüpfen.

»Großmama, kannst du Kiebitzschritt?« fragte Nesthäkchen die Großmama und führte ihre neue Kunst auch sogleich stolz vor. Großmama lachte.

»Nein, Herzchen, solch Springinsfeld bin ich nicht mehr. Ich muß froh sein, wenn ich ganz gewöhnlichen Schritt einhergehen kann, ohne daß mich mein Reißen zu sehr plagt.«

»Klaus plagt das Reißen auch sehr, Großmama«, schwatzte die Kleine. »In seine guten, neuen Hosen hat er sich gleich das erstemal ein Dreieck gerissen. Fräulein sagt, er sei ein Reißdeibel. Aber ich habe gedacht, Großmamas sind schon zu alt dazu.«

Großmama lachte, daß sich lauter kleine Linien um ihren Mund und ihre Augen gruben.

»Ich wünschte, ich wäre noch solch ein Reißdeibel. Aber mein Reißen ist schmerzhafter, wenn auch vielleicht das von Klaus für Fräulein recht schmerzhaft ist. Mein Reißen sitzt in den Knochen und nicht in den Kleidern.«

Das konnte sich Klein-Annemarie schwer vorstellen.

Wenn Großmama aber auch keinen Kiebitzschritt konnte, so verstand sie doch eine Kunst, die Nesthäkchen eigentlich noch wertvoller erschien als das Kiebitzhüpfen. Hatte Klein-Annemarie doch schon bittere Tränen geweint, weil es ihr so unsagbar schwer fiel, dieselbe zu erlernen. Das war die schwierige Kunst des Strickens.

»Ach, Großmama, sieht dein Strumpf aber sauber aus!« rief Nesthäkchen voll Bewunderung, als Großmama ihr weißes Strickzeug vorzog.

»Ei, Herzchen, das liegt nur daran, daß ich immer reine Hände habe, wenn ich an die Arbeit gehe.«

»Nee, Großmama, nee, ich kann noch so saubere Hände haben, mein Strickzeug wird doch schwarz. Lauter Löcher und Knoten kommen immer in meinen Waschlappen, ganz von allein, ich kann gar nichts dafür. Und Fräulein Hering hat mich gestern in der Handarbeitsstunde ein Prudellieschen genannt. Ist das eine Schande, wenn man als Erste in der Klasse ein Prudellieschen ist? Mutti hat's gesagt.«

»Ja, das ist in der Tat eine Schande«, nickte Großmama, und die Brille auf ihrer Nase nickte mit. »Aber mein kleines Annemiechen soll das Stricken bald lernen und kein Prudellieschen mehr sein. Wozu wäre denn wohl die Großmama da! Nächsten Sonntag lade ich dich den ganzen Tag zu mir ein, da bringe ich's dir schon bei.«

»Muß ich dann den ganzen Sonntag Stricken lernen?« erkundigte sich Nesthäkchen noch vorsichtig, trotzdem ihr Gesicht vor Freude über die Einladung strahlte. Großmama bejahte, aber als sie sich jetzt Annemaries Leibgericht ins Ohr sagen ließ, da wußte Nesthäkchen, daß es nicht allzu schlimm werden würde. Schokoladenspeise und Stricknadeln, das paßte doch nicht zueinander. Und dann, bei Großmama war alles hübsch, selbst das abscheuliche Stricken!

Des Sonntags in aller Herrgottsfrühe, Hanne und Frieda waren kaum aufgestanden, begann Nesthäkchen schon zu rumoren.

»Fräulein, wir müssen aufstehen, Großmama erwartet mich schon ganz früh, hat sie gesagt.« Als Fräulein mit Anstrengung die müden Augenlider aufschlug, stand Annemarie im Nachthemdchen bereits vor ihrem Bett.

»Willst du dich wohl gleich wieder hinlegen; wenn du dich nicht ganz artig und ruhig verhältst, darfst du überhaupt nicht zur Großmama«, sagte Fräulein aufgebracht.

»Aber ich muß doch Stricken lernen, nachher wird es zu spät.« Betrübt kroch Nesthäkchen wieder ins Bett.

Vater, der den Sonntagsmorgenkaffee, wenn seine Zeit es erlaubte, gern etwas länger ausdehnte, um dabei mit Frau und Kindern zu plaudern, mußte heute auf sein Nesthäkchen verzichten. Das stand bereits um acht Uhr fix und fertig für den Besuch bei Großmama da. Am Arm hatte es ein Körbchen, in dem das von Tante Albertinchen zum letzten Weihnachtsfest erhaltene Wunderknäuel bereitlag. Das sollte heute eingeweiht werden.

»Lotte, die Großmama ist ja noch gar nicht auf, du kannst ruhig deinen Hut noch ein Stündchen absetzen«, meinte Mutti.

»Ach, alte Leute schlafen nicht mehr so gut, Großmama hat es neulich selbst gesagt, da ist sie ganz sicher schon wach!« behauptete die Kleine. Sie gab nicht eher Ruhe, als bis sich Fräulein ebenfalls den Hut aufsetzte, um den Quälgeist nur endlich los zu sein.

Großmama war aufs freudigste überrascht, als ihr kleiner Besuch schon zu dieser frühen Morgenstunde antrat.

»Du bist wohl jetzt der Nachtwächter von Berlin?« scherzte sie, »na, für die Großmama kommst du nie zu früh, Herzchen.« Die alte Dame war noch bei ihrer Morgentoilette.

Fräulein verabschiedete sich, nachdem sie Annemarie noch ermahnt hatte, recht artig zu sein. Nesthäkchen aber sah andächtig zu, wie Großmama sich frisierte.

»Großmama, du hast so niedliche graue Haare, und so kurz sind sie noch wie von meiner Puppe Gerda!« sagte sie voll Bewunderung. Ach, und wie wunderbar – Großmama konnte ihren Zopf abnehmen, der war nicht angewachsen! Großmama kämmte und flocht ihn in der Hand.

»Tut dir das weh, Großmama, wenn du den Zopf ziepst?« erkundigte sich Klein-Annemarie angelegentlich.

Großmama konnte vor Lachen kaum den Kopf schütteln.

Aber als die Kleine dann noch einmal mit Großmama auf dem Balkon frühstücken sollte, meinte sie: »Nein, Großmuttchen, dazu haben wir heute keine Zeit, sonst wird's zu spät mit dem Strickenlernen.«

»Herzchen, meinen Kaffee muß ich haben, auf den kann ich selbst dir zuliebe nicht verzichten«, meinte Großmama belustigt. Da zügelte auch Klein-Annemarie ihren Eifer so weit, daß sie sich erst mal eine große Honigsemmel schmecken ließ.

»Nun können wir anfangen, Großmama«, meldete das kleine Mädchen, nachdem es diese Arbeit vollbracht, und griff nach dem Strickkörbchen.

Aber »halt, Herzchen, halt!« rief die das Kaffeegeschirr zur Seite räumende alte Dame. »Wenn du mit klebrigen Honighänden die Arbeit beginnst, kann sie nicht sauber ausfallen. Solch Wunder vermag selbst ein Wunderknäuel nicht zustande zu bringen.«

Die Händchen wurden geseift und gebürstet und die Maschen von Großmama aufgelegt.

»So, jetzt stricken wir zusammen, Herzchen, du sollst mal sehen, wie schön das gehen wird. Also: Einstechen, Faden durchziehen, abheben. Hast du das fertig gekriegt?«

»Ja, Großmuttchen, ich habe sogar noch drei Maschen dazu abgehoben«, rühmte sich Nesthäkchen stolz.

»Nein, Kind, eine ist genug, mehr ist von Übel.« Großmama holte die drei Ausreißer schnell wieder zurück.

Wieder begann es: »Einstechen, Faden durchziehen, abheben.« Diesmal gelang das Kunststück.

»Jetzt die nächste!« Nesthäkchen saß mit heißen Wangen da und hielt das Strickzeug zwischen den kleinen Fingerchen so fest wie ein Schraubstock.

»Hilde Rabe prudelt noch viel mehr als ich in der Handarbeitsstunde,« erzählte sie, »aber meine Freundin Margot – ach Gott, da ist mir wieder eine Masche ausgerückt!«

»Herzchen, eins kann man nur, arbeiten oder schwatzen«, sagte Großmama, nachdem sie das Unglück wieder gutgemacht hatte. »Nun halte mal dein kleines Mündchen im Zaum, ganz fest, du sollst mal sehen, wie das der Arbeit zustatten kommt.«

Eine Weile saßen die beiden, Großmama in ihrem Lehnsessel und Nesthäkchen ihr zu Füßen auf dem kleinen Stühlchen, das schon Mutti und Tante Käthchen als Kinder benutzt hatten, eifrig über ihrer Arbeit. Man hörte nur das Klappern der Stricknadeln.

»Großmama – Großmuttchen–«, begann die Kleine nach einer Weile wieder.

Die alte Dame tat, als ob sie nicht höre.

»Großmuttchen, ich langweile mich so gräßlich!« erklang es wiederum, dazu gähnte Klein-Annemarie herzbrechend. Das kam aber daher, weil sie morgens so früh Radau gemacht hatte.

»Langweile dich nur ruhig noch ein bißchen weiter, Herzchen, wenn die Nadel tadellos abgestrickt ist, kannst du sie mir zeigen. Dann kommt die Belohnung.« Großmama machte ein verheißungsvolles Gesicht.

Eine Belohnung – eifrig beugte sich der goldene Lockenkopf wieder über die Arbeit. Wieder klapperten die Stricknadeln.

Jetzt noch drei Maschen, nun bloß noch zwei – wirst du wohl nicht von der Nadel rutschen, du alte Masche – hallo, noch glücklich erwischt – und »Großmuttchen, ich bin fertig!« brüllte Nesthäkchen plötzlich in die tiefe Stille hinein, daß Großmama vor Schreck zusammenfuhr.

In strahlender Erwartung hielt das Enkelchen ihr sein mühsames Werk hin. Großmama war zufrieden.

»Für den Anfang ganz nett, Herzchen. Zweimal hast du allerdings nur eine halbe Masche aufgenommen. So, nun stricke die zweite Nadel.«

»Was, noch eine?« Annemaries rundes Kindergesichtchen wurde lang. Sie hatte geglaubt, als Belohnung brauche sie nun überhaupt nicht mehr zu stricken.

»Ei, bist du der Sache schon überdrüssig?« fragte Großmama, und ihr liebes Gesicht drückte leise Mißbilligung aus. »Es fällt kein Meister vom Himmel, Kind! Jedes Ding will gelernt und geübt sein. Schade, ich wollte dir jetzt gerade als Belohnung eine schöne Geschichte erzählen. Aber wenn du nicht mehr stricken magst – –«

»Doch, Großmuttchen, ich will; wenn du mir was erzählst, stricke ich bis heute abend, dann ist es kein bißchen langweilig!« Nesthäkchen sprang vor Freude von dem Stühlchen auf. Da sprangen auch gleich ein paar Maschen vor Freude von der Nadel. Aber Großmama wurde nicht ungeduldig, den Schaden immer wieder zu heilen. Bald klapperten aufs neue eifrig die Stricknadeln von Großmama und Enkelchen. Und Großmama erzählte ...

Als die Geschichte vom goldenen Rehbock zu Ende war, hatte das kleine Mädchen bereits vier Nadeln abgestrickt und keinen einzigen Prudel darin.

»Noch eine, bitte, Großmuttchen«, bat die Kleine, einen tiefen Atemzug ausstoßend, als Großmama mit »und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch«, schloß.

Die gute Großmama dachte ein Weilchen nach, dann begann sie von neuem. Diesmal war es das schöne Märchen vom Regenbogenprinzeßchen. Klein-Annemarie wußte kaum noch, daß sie strickte. Sonst hatte sie stets bei jeder Masche ein Gesicht geschnitten, heute aber war sie mit Lust und Liebe dabei. Darum glückte es auch.

Als die zweite Geschichte zu Ende ging, war Klein-Annemaries Seiflappen um ein ganzes Stück gewachsen. Da aber machte Großmama eine Pause. Denn man soll nichts übertreiben. Auch den Arbeitseifer nicht.

Großmama und Nesthäkchen gingen zusammen spazieren und erholten sich dabei von ihren Anstrengungen. Aber am Nachmittag, nachdem die Schokoladenspeise herrlich gemundet, saß Annemarie wieder bei ihrer Arbeit. Vorher aber hatte sie sich von selbst die Händchen gewaschen. Eifrig klapperten Nesthäkchens Stricknadeln, galt es doch, die liebe Großmama, die ihr Mittagsschläfchen hielt, durch den heimlichen Fleiß zu überraschen. Es war, als wüßten die Stricknadeln, was Annemarie für eine gute Absicht hatte, denn sie halfen ihr nach Kräften dabei. Keine war widerspenstig, keine ließ eine Masche herunterrutschen, glatt und sauber sah das Strickzeug aus. Die Überraschung glückte über Erwarten gut.

Als Fräulein abends ihre kleine Annemarie abholte, wollte sie es gar nicht glauben, daß Nesthäkchen, welches in der Schule so prudelte und zu Hause nur mit Tränen zum Stricken zu bringen war, das alles allein gemacht habe.

»Weißt du, Fräulein, daran sind nur Großmamas schöne Geschichten schuld«, meinte die Kleine, erfreut über das Lob.

»Nein, Herzchen, nicht Großmamas Märchen, sondern Annemies Lust und Liebe zur Arbeit hat das Wunder zuwege gebracht. Und außerdem, es ist ja ein Wunderknäuel! Stricke nur zu Hause fleißig weiter, wenn das Knäuel aufgearbeitet ist, gibt es am Ende noch eine Überraschung«, sagte Großmama geheimnisvoll beim Abschied.

Jetzt war Klein-Annemaries Neugier geweckt. Und da ihr das Stricken nun, wo die erste Schwierigkeit überwunden war, auch anfing, Freude zu machen, saß sie täglich bei ihrem Wunderknäuel. Puppe Gerda war ordentlich eifersüchtig auf das alte, weiße Ding, für das ihre kleine Mama jetzt mehr Interesse hatte als für sie und ihre Schwestern.

Wie aber erstaunte die Puppe, als das Wunderknäuel zu Ende gearbeitet war und ein kleiner, goldener Ring mit blauem Stein als Belohnung zum Vorschein kam.

Der schmückte von nun an die fleißigen Fingerchen von Nesthäkchen.

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