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Nesthäkchens erstes Schuljahr

Else Ury: Nesthäkchens erstes Schuljahr - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchens erstes Schuljahr
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 2
printrun149. bis 154. Tausend
editorMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20131001
modified20140911
projectid8888ef9b
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12. Kapitel. Klinglingling – der Milchjunge kommt.

Die Schule war geschlossen. Die großen Sommerferien hatten begonnen. All die fleißigen kleinen Mädchen der zehnten Klasse durften jetzt von morgens bis abends ihre Freiheit in vollen Zügen genießen.

Die meisten Kinder waren mit ihren Eltern aus dem heißen, staubigen Berlin fortgefahren zu rauschenden Wäldern, an die blaue See oder ins kühle Gebirge.

Auch Annemarie und Margot, die beiden kleinen Freundinnen, hatten sich Lebewohl sagen müssen.

Margot Thielen saß am Strand in Ahlbeck und buddelte dort im weißen Sand, während Klein-Annemarie lustig in den Bergen des Herrn Rübezahl herumkletterte.

Nesthäkchen hatte sich in ein allerliebstes, kleines Bauernmädel verwandelt. Mutti und Fräulein hatten für Annemarie ein niedliches, rotgeblümtes Bauernkleid gearbeitet mit einem grasgrünen Schürzchen dazu. Die Kleine konnte gar nicht erwarten, es anzuziehen, am liebsten wäre sie damit noch in die Schule gegangen und hätte es allen Kindern gezeigt.

Das Schönste aber war, daß ihr Liebling, Puppe Gerda, sie eines Morgens in demselben Gewand begrüßte. Dasselbe rote Blümchenkleid, dieselbe grüne Schürze. Bis in die Nacht hinein hatte das gute Fräulein genäht und gestichelt, um Annemarie diese Überraschung zu bereiten. Aber die jubelnde Freude der Kleinen beim Anblick ihrer Gerda war für Fräulein der beste Lohn. Nein, doch nicht, der allerbeste war, daß Nesthäkchen sich jetzt in rührender Weise bemühte, auch ihrem Fräulein nur Freude zu machen.

Den einzigen Wunsch, den Annemarie noch auf dem Herzen hatte, erfüllte die liebe Großmama ihr. Das war ein kleiner Rucksack. Nesthäkchen wollte ja mit Hans und Klaus auf die Schneekoppe, den höchsten Berg des Riesengebirges, steigen. Natürlich bekam Gerda von Großmama ebenfalls einen Rucksack, einen kleinen Puppenrucksack. Süß war der, und etwas Süßes war auch für das kleine Naschmäulchen Annemarie darin.

Ins böhmische Riesengebirge ging's, nach Johannisbad. Hans wunderte sich kolossal, daß die Schaffner auf der Bahn, nachdem man die Grenze hinter sich hatte, plötzlich ganz anders aussahen als in Deutschland. Klaus konnte sich gar nicht über die Uniform der dortigen Soldaten beruhigen, die alle hohe Mützen trugen. Auf Nesthäkchen aber machten die zitronengelben Briefkästen den größten Eindruck, da sie daheim doch blitzblau waren.

In einer wunderhübschen Villa wohnten sie in Johannisbad. Der Garten ging gleich in den Wald hinauf. Dichter Bergwald mit dunklen Blaubeeren, purpurnen Erdbeeren und verlockenden Himbeersträuchern.

In dem Zimmer mit der großen Glasveranda wohnten Vater und Mutti, in dem danebenliegenden Fräulein, Annemarie und Puppe Gerda. Hans und Klaus aber wurden eine Treppe höher einquartiert. Das war den Eltern eigentlich gar nicht recht, sie fürchteten, daß Klaus ohne Aufsicht Dummheiten machen könnte.

Als Annemarie den Namen ihrer Wirtin zum ersten Male hörte, mußte sie laut auflachen. Die freundliche Frau, die sie so treuherzig bewillkommnete, hieß Frau Meergans. Dann gab's noch eine alte Frau Meergans im Hause, das war die Großmutter. Außerdem aber noch fünf niedliche, kleine Meergänschen. Drei Mädel und zwei Buben mit strohgelben Haaren. Die Kleinen wurden von allen Hausbewohnern nie anders als »Meergänschen« gerufen, keiner nannte sie bei ihrem Vornamen.

Annemarie war bald mit allen fünf Meergänschen aufs innigste befreundet. Sie spielten zusammen auf der großen grünen Wiese, die zum Garten gehörte. Klein-Annemarie zog wie die Meergänschen Schuh und Strümpfchen aus und sprang mit ihnen barfuß über die großen, nassen Wäschestücke, die dort auf der Bleiche lagen. Bis Mutter Meergans die ausgelassenen Krabben von ihrer blütenweißen Wäsche verjagte.

Lag Nesthäkchen im Walde mit Gerda in der Hängematte, so standen sicher alle kleinen Meergänschen um sie herum und schaukelten sie. Dabei warfen sie sich die Annemarie gegenseitig wie einen Fangeball zu. Juchhe – war das ein Jauchzen und Kreischen.

Aber Annemarie wollte nicht mehr in die Hängematte hinein und Gerda auch nicht. Und das kam so:

Klaus, der in Johannisbad seine rüpelhaften Streiche durchaus nicht verlernte, hatte sich eines Tages heimlich hinter den Baum, an dem Annemaries Hängematte gebunden war, geschlichen. Ehe Nesthäkchen wußte, was mit ihr geschah, lag sie nicht mehr in ihrem maschigen Netz, sondern unten im weichen Moos.

Der Bengel hatte die Schlinge gelöst, zum Glück am Fußende, daß Annemarie mit dem bloßen Schreck und Gerda mit einem blauen Fleck am Knie davonkam. Vater hielt dem Bengel eine tüchtige Standpauke und machte ihm klar, was für ein Unglück hätte passieren können, wenn das Schwesterchen eine Verletzung am Kopf davongetragen hätte. Das sah Klaus auch ein und versprach, keine feindlichen Absichten mehr gegen die Hängematte zu hegen. Aber Annemarie sowohl wie Puppe Gerda kannten ihr Kläuschen und trauten dem Frieden nicht. Zehn Pferde brachten sie nicht mehr in die Hängematte hinein.

Eines Morgens, beim ersten Frühstück, das oben am Waldesrand eingenommen wurde, fehlte Klaus. Keiner hatte den Jungen gesehen, weder die alte Meergans, die immer in der Sonne auf dem Hausbänkchen saß, noch die kleinen Meergänschen.

Nachdem die beiden anderen, Hans und Annemarie, ihre Tassen leer hatten, ging es auf die Suche. Die Meergänschen rufend, johlend und quiekend hinterdrein.

Zuerst durch den Garten. Jedes Versteck wurde aufgestöbert. Die Geißblattlaube, die wilden Rosenhecken und vor allem die Kirschbäume. Aber soviel sie auch spähten, kein braungebranntes, zerschundenes Jungenbein wollte sich da oben zeigen.

Die Mutter begann, trotzdem dem Jungen eigentlich hier nichts passieren konnte, sich Sorgen zu machen. Vater schüttelte verheißungsvoll seine Rechte. Hans aber meinte, nachdem man auch den Wald hinter der Villa nach allen Richtungen hin durchstreift hatte: »Er wird am Ende auf den Kurplatz zur Musik gegangen sein.«

»Oder Rübezahl hat ihn mitgenommen, weil er gestern abend beim Schlafengehen solchen Radau gemacht hat, daß die alte Frau Oberst heraufschicken und um Ruhe bitten mußte!« rief Nesthäkchen. »Rübezahl nimmt alle Schreihälse mit, hat Fräulein mir erzählt.«

Puppe Gerda neigte ebenfalls der Ansicht zu, daß der Berggeist den Schlingel geholt habe. Aber sie fand das Unglück gar nicht so groß. Im Gegenteil, eigentlich fühlte sie ihr kleines Puppenherz ungeheuer erleichtert bei diesem Gedanken.

»Er wagt es vielleicht nicht, zum Vorschein zu kommen, nach dem Mordskrakeel, den er gestern abend gemacht.« Das schien auch Doktor Braun einzuleuchten.

Aber während man noch hin und her überlegte, steckte der Vermißte plötzlich behutsam sein lachendes, durchtriebenes Jungengesicht durch das Tannengezweig.

Puppe Gerda hatte ihn zuerst entdeckt. Eine böse Ahnung sagte ihr stets, daß ihr Feind nahte. Sie zeigte mit der steifen Hand in das Tannengebüsch, bis Klein-Annemarie aufmerksam wurde.

»Da ist ja das Kläuschen!« rief Nesthäkchen plötzlich.

Klaus hielt es auf diese Anmeldung hin für geraten, auch seinen übrigen Körper dem schon sichtbaren, krausköpfigen Schädel folgen zu lassen.

Mit einem kühnen Sprung setzte er über das Gebüsch herüber und wünschte höflich: »Guten Morgen.« Dann begann er harmlos zu pfeifen, als ob er nicht seit einer Stunde wie eine Stecknadel gesucht worden wäre. Während Mutti froh war, daß der Junge sich wieder angefunden, begann Vater sofort stirnrunzelnd das Examen:

»Wo bist du gewesen, Klaus?«

»Och, nur 'n bißchen so herum.« Klaus machte eine Bewegung, die das ganze Riesengebirge umfaßte.

»Ich möchte genau wissen, wo du gesteckt hast!«

»Da unten bei den Verkaufsbuden und am Kurplatz.« Klaus verbarg sein sich feuerrot färbendes Gesicht in der Kakaotasse. Na ja, er war doch auch dort gewesen, aber daß er von dort aus noch einen kleinen Ausflug unternommen, das verschwieg er wohlweislich.

»Künftighin wird der Garten vor dem Frühstück nicht mehr verlassen, verstanden? Und wegen des Radaus gestern abend sprechen wir uns noch, mein Sohn.« Vater erhob sich, um sein tägliches Bad zu nehmen.

Auf diese Ankündigung hin hielt Klaus es für geraten, den ganzen Tag über, trotz glühender Hitze, seinen dicken Lodenmantel zu tragen. Da kamen die verheißenen Prügel wenigstens nicht durch.

Aber Doktor Braun hatte seine Drohung vergessen. So schwitzte Kläuschen umsonst.

Es war nach Tisch. Die kleinen Meergänschen wurden um diese Zeit stets von ihrer Mutter in die Stube gesperrt, damit sie die Gäste nicht durch ihr Toben im Garten bei der Mittagsruhe störten.

Trotz Annemaries Bitte: »Ach, liebe, gute Frau Meergans, lassen Sie mir doch bloß ein einziges, kleines Meergänschen zum Spielen raus!« wanderten die Meergänschen jeden Nachmittag in ihren »Stall«. So drückte der unnütze Klaus sich aus.

Hans schrieb im Gartenpavillon einen Brief an seinen Freund. Klaus und Annemarie jagten oben im Walde Schmetterlinge. Nesthäkchen hatte dem Bruder vom eigenen Spargeld ein neues Schmetterlingsnetz kaufen müssen, da sie das alte auf dem Schulausflug verloren hatte.

Annemarie benutzte Kläuschens Mütze als Schmetterlingsnetz. Sie hatte soeben ein prächtiges Pfauenauge gefangen.

»Weißt du, Annemarie, wo ich heute morgen gewesen bin?« begann der Junge halblaut voll Dankbarkeit. Denn er hatte sich zu seiner Schmetterlingssammlung schon längst ein Pfauenauge gewünscht.

»Bei den Verkaufsbuden, das weiß ich schon längst.«

»Nee, aber noch ganz woanders.« Klaus machte sein verschmitztestes Gesicht.

»Etwa in dem Bergpalast bei Rübezahl?« Scheu flüsterte es Nesthäkchen und spähte dabei ängstlich zwischen die dunklen Baumstämme.

»Quatsch«, sagte Klaus verächtlich, denn in der Sexta glaubte man nicht mehr an Märchenwesen. »Aber ich werde es dir lieber doch nicht erzählen, sonst verklatschst du mich am Ende!«

»Pfui, Kläuschen, ich bin doch keine Petze!« Klein-Annemarie reckte ihre winzige Person ehrfurchtgebietend. »Sag' es mir doch, ja, Kläuschen?«

»Na, meinetwegen. Aber gib mir die rechte Hand und dein Ehrenwort, daß du es nicht ausplauderst.«

Nesthäkchen streckte dem Bruder das kleine Patschhändchen hin. »Rechte Ehrenhand!« sagte sie dabei mit ebenso wichtigem als neugierigem Gesichtchen.

»Also, ich habe einen neuen Freund hier in Johannisbad,« begann Klaus geheimnisvoll, »das ist der Milchmann.« Er machte eine Pause, welche die Erwartung des Schwesterchens noch steigern sollte.

Aber Annemarie schien enttäuscht.

»Na – und – – –?« fragte sie gleichgültig. Sie hatte insgeheim doch immer noch geglaubt, daß Rübezahl seine Hand im Spiele gehabt hätte.

»Der fährt jeden Tag mit seinem weißen Milchwagen durch ganz Johannisbad und bimmelt dazu mit einer großen Klingel. Und heute – nu kommt's, Annemie – da hat er mich mitfahren lassen auf seinem Bock, und ich durfte für ihn bimmeln. Au, war das fein!«

»Au – fein!« rief auch Klein-Annemarie lebhaft, und ihre Blauaugen blitzten dabei nicht weniger als die Braunaugen von Klaus.

»Und morgen nimmt er mich wieder mit, und da darf ich die Milch austragen in die Häuser wie ein richtiger Milchjunge. Meinen blauen Leinenanzug ziehe ich mir dazu an, der sieht so ähnlich aus wie sein blauer Kittel. Ist das nicht wundervoll?«

Ja, es war wundervoll. Annemarie fand gar keine Worte, um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Brennend gern wäre sie auch dabei gewesen und hätte mit der großen Klingel gebimmelt.

»Kläuschen,« sagte sie und schlang ihre kleinen Ärmchen in plötzlicher Zärtlichkeit um den Hals des Bruders, »nimm mich doch mit, Kläuschen!«

Aber Kläuschen schüttelte den braunen Krauskopf.

»Nee, dann kommt's raus!«

»Ach wo, ich bin jeden Morgen vor Fräulein und Mutti unten. Bis zum Frühstück sind wir längst wieder da. Und wenn du die Milch austrägst, könnte ich so schön inzwischen bimmeln; bitte, bitte, liebes, süßes Kläuschen!«

Der Junge schien schwankend zu werden.

»Ich schenke dir auch meine Streichholzschachtel mit Marienkäferchen!«

Einem solchen Angebot konnte Klaus nicht widerstehen. Die Streichholzschachtel mit den durcheinanderkribbelnden roten Käfern wanderte aus der Tasche des geblümten Bauernkleidchens in seine Hosentasche.

»Also morgen früh um halb sieben – und nichts verraten, sonst verwichse ich dich doll«, so wurde das Geheimnis noch von Klaus besiegelt.

Keins von den beiden ungehorsamen Kindern dachte an Vaters heute erst ergangenes Verbot, den Garten nicht vor dem ersten Frühstück zu verlassen. Oder vielmehr, sie wollten nicht an dasselbe denken. Die Fahrt auf dem Milchwagen war zu verlockend.

Nur Puppe Gerda, die alles mitangehört hatte, dachte an das, was Vater gesagt hatte. Sie war sehr ärgerlich auf Klaus, daß der auch jetzt noch ihre Annemarie zu seinen Streichen verleitete. Bittend sah sie ihr kleines Mütterchen an, doch von dem ungezogenen Vorhaben abzulassen.

Aber Annemarie achtete nicht auf ihre Gerda. Auch die kleinen, endlich wieder herausgelassenen Meergänschen lockten sie heute nicht zum Spiel. Ihre Gedanken weilten den ganzen Nachmittag bei dem Milchwagen und der großen Klingel, die sie morgen selbst in Bewegung setzen wollte.

Als Puppe Gerda sich beim Gutenachtkuß besonders zärtlich an Klein-Annemarie schmiegte, um sie durch ihre Liebkosungen anderen Sinnes zu machen, da verstand Nesthäkchen wohl, was ihre Puppe von ihr wollte. Aber sie deckte sie schnell bis über die kleine Porzellannase mit ihrer Bettdecke zu, um Gerdas vorwurfsvolle Miene nicht sehen zu müssen.

Als die Glocken von dem Waldkirchlein drüben bim – bam – bim – bam den neuen Morgen einläuteten, glaubte Annemarie, die Klingel des Milchwagens riefe sie schon. Mit beiden Beinchen sprang sie aus dem Bett.

Waschen durfte sie sich des Morgens schon selbst, da Fräulein sie jeden Abend gründlich abscheuerte. Flink in das Bauernkleidchen geschlüpft und die Locken gebürstet. Mund zu spülen traute sich Annemarie nicht, weil das Gurgeln solchen Radau machte und sicherlich das sanft schlummernde Fräulein erweckt hätte. Aber sie nahm sich als reinliches Kind ihr Glas und ihre Zahnbürste mit hinunter und holte es unten am Brunnen nach.

Die kleinen Meergänschen schienen noch alle zu schlafen. Nur Mutter Meergans schaffte in der Küche. Annemarie machte einen großen Bogen um sie herum, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte.

Nicht lange dauerte es, da erschien auch Klaus, der Anstifter, im blauen Leinenanzug auf der Bildfläche.

»Pst – schleiche mir nach«, flüsterte er. Wie bei dem beliebten Spiel »Weißer und Indianer«, so huschten die beiden ungezogenen Kinder am Waldsaum entlang, hinaus auf die Straße.

Herzklopfend blieb Nesthäkchen stehen, als das Gartentor sich hinter ihr schloß.

»Du, Klaus, wenn Vater nun böse ist und Mutti am Ende gar haut?« begann sie zögernd.

»Haach – du olle Memme, bleib doch zu Haus, wenn du bange bist, dann bimmele ich eben allein. Aber wehe dir, wenn du klatschst!«

Nein, Klaus sollte nicht ohne sie bimmeln! Die artige Anwandlung verflog im Nu wieder bei Nesthäkchen. Hand in Hand rannten die beiden Geschwister die Straße hinab.

Dort unten stand bereits der weiße Milchwagen.

Der Milchmann, ein freundliches Männlein, knallte lustig mit der Peitsche, als er seines kleinen Freundes ansichtig wurde.

»Na, hast du dir noch Gesellschaft mitgebracht?« fragte er schmunzelnd.

»Ja, meine kleine Schwester«, stellte Klaus großartig vor. Annemarie machte einen tiefen Knicks.

»Also denn hoppla!« Damit hob der Milchmann die Kleine auf den Bocksitz. Klaus, stolz seine Hilfe verschmähend, kletterte selbständig hinterdrein. Der Junge bekam die Peitsche zum Knallen, Annemarie – o Glück – die große Klingel.

Klinglingling – lustig bimmelte Annemarie vor jedem Hause. Klinglingling – der Milchjunge kommt! Wie der Wind war Klaus mit den blanken Blechkannen in der Küche und wieder zurück.

Klinglingling – durch ganz Johannisbad ging's in fröhlicher Fahrt. Kein Gedanke flog mehr zurück zu Vater und Mutti, die sie durch ihren Ungehorsam so betrübten. Nesthäkchen jauchzte und strahlte vor Glück.

Manch erstaunter Blick der zu dieser frühen Stunde zum Bad oder zum Brunnen gehenden Kurgäste streifte den Milchwagen mit dem reizenden kleinen Bauernmädel, das aus Leibeskräften bimmelte.

Jetzt hielt der weiße Wagen vor einer Villa, in der ein Berliner Kollege von Vater wohnte.

Nichts Böses ahnend, trug Klaus seine Milch ins Haus.

Da begegnete ihm gerade der Bekannte von Vater.

»Hör' mal, Junge, das geht aber nicht, daß du so spät die Milch bringst, man muß ja ewig auf den Kaffee warten! Morgen komm mal gefälligst ein bißchen früher«, sagte er ärgerlich, denn er hatte nach dem Baden Kaffeedurst.

Klaus starrte den bekannten Herrn, der sonst immer so freundlich mit ihm zu scherzen pflegte, verdutzt an.

Da wurde dieser auf den vermeintlichen Milchjungen aufmerksam.

»Nanu, Klaus Braun, bist du jetzt Milchjunge in Johannisbad? Hahaha – der Witz ist gut!«

Aber Klaus hatte bereits Fersengeld gegeben, er schämte sich halbtot vor Vaters Kollegen und außerdem – o je, nun kam die Geschichte bestimmt heraus!

Eilig brachte er seine leeren Blechkannen zurück und zog das Schwesterchen von seinem hohen Sitz herab.

»Komm, wir müssen nach Haus, und – und ich habe auch keine Lust mehr!«

Annemarie war durchaus einverstanden. Das Wort »nach Hause« hatte plötzlich ihr Gewissen wieder geweckt. Sie empfand es mit einemmal, wie ungezogen es von ihnen war, ohne daß die Eltern es wußten, mit dem Milchwagen davonzufahren. Und dann war auch der Annemarie, während Klaus die Milch austrug, ein erschreckender Gedanke gekommen.

Wenn nun Rübezahl sich in einen Milchmann verwandelt hätte, um sie zu prüfen, ob sie gehorsame oder ungehorsame Kinder seien? In dem Märchenbuch tat er doch oft dergleichen. Scheu blickte die Kleine auf den harmlosen Milchmann, der so freundlich mit ihr sprach. Nein, nein, am Ende fuhr er sie zum Schluß gar in die Erde, hinein in sein Bergreich – lieber flink nach Haus!

Im tollen Galopp ging es heim.

Vater und Mutter traten eben erst an den Kaffeetisch, als die beiden mit erhitzten Gesichtern anlangten.

»Na, Lotte, schon so früh herumgetobt?« Mutti strich ihrem Nesthäkchen liebevoll die Locken aus der heißen Stirn.

Ach, wie wenig hatte sie doch Muttis Zärtlichkeit verdient! Annemarie empfand ihr Unrecht jetzt doppelt und dreifach.

Die Kleine, die sonst solchen guten Appetit hatte, würgte heute an ihrem Kipfel, so heißen die Hörnchen in Johannisbad.

»Nanu, Lotte, bist du auch gesund?« forschte der Arzt, sein erglühendes Töchterchen prüfend anschauend. Hatte das Kind am Ende Fieber?

»Ja, ganz gesund, nur – nur, es preßt mich so im Halse«, stieß Nesthäkchen heraus.

»Im Halse – du hast Halsschmerzen, Liebling?« fiel Mutti jetzt besorgt ein.

»Nee – nee, es tut nicht weh, es preßt nur so, weil – weil ich so schrecklich ungezogen gewesen bin!« So, nun war es heraus, die schwere Last herunter von dem kleinen Herzen – gottlob!

Mutti fragte nicht. Sie sah ihr Töchterchen nur betrübt an. Ach, wie gern hätte Klein-Annemarie jetzt ihr ganzes Unrecht eingestanden, aber sie hatte doch Klaus versprochen, ihn nicht zu verklatschen.

Bei dem jedoch regte sich nun auch das Gewissen. Außerdem würde Vaters Kollege es ja doch erzählen. Da war es schon besser, er gestand es lieber selbst ein.

»Wir sind mit dem Milchwagen mitgefahren, ich habe Milch ausgetragen, und Annemarie hat dazu gebimmelt«, erzählte er ein wenig unsicher.

»Was habt ihr?« Die Eltern glaubten, nicht recht gehört zu haben.

»Wir wollen es ja nicht wieder tun – nie mehr!« jammerte Nesthäkchen los.

»Na, das sind ja recht nette Sachen!« sagte Vater und sah seine Sprößlinge streng an.

»Nicht böse sein, Vatchen, nicht böse sein, wir wollen es ja auch bestimmt nie mehr wieder tun«, heulte die Kleine jetzt noch um einen Ton höher.

Klaus dagegen erwartete männlich gefaßt das väterliche Strafgericht.

Das blieb auch nicht aus.

»Heute nach Tisch, wenn wir auf die Schwarzschlagbaude steigen, bleibt ihr zu Haus. Da werdet ihr wie die kleinen Meergänschen in das Zimmer gesperrt, und Fräulein wird euch Schulaufgaben geben. Ich denke, dabei wird euch das Davonlaufen gegen mein Verbot wohl vergehen!« sagte der Vater so ärgerlich, wie er noch nie zu seinem Nesthäkchen gesprochen.

Mutti aber blickte mit traurigen Augen auf ihre unartigen Kinder. Das war noch viel schmerzlicher für die zwei als Vaters Strafe.

Leuchtend blauer Himmel schaute am Nachmittag zum Fenster hinein, wo ein brauner Krauskopf und ein blonder Lockenkopf sich nur widerwillig über die Schularbeit neigten. Draußen rauschte verlockend der Wald. Bruder Hans war mit Vater und Mutter auf dem Ausflug ins Gebirge, aber die zwei kleinen Durchgänger hatten Stubenarrest.

Noch eine war mit ins Zimmer gesperrt, trotzdem sie doch gar nichts verbrochen hatte. Das war Puppe Gerda. Die sah Nesthäkchen vorwurfsvoll an: »Siehst du – das kommt davon!«

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