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Nesthäkchens erstes Schuljahr

Else Ury: Nesthäkchens erstes Schuljahr - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchens erstes Schuljahr
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 2
printrun149. bis 154. Tausend
editorMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20131001
modified20140911
projectid8888ef9b
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10. Kapitel. Im Zoologischen Garten.

Tante Käthchen und Onkel Heinrich aus Arnsdorf, dem Gut, auf dem Nesthäkchen und ihre Brüder im vorigen Jahre herrliche Sommerferien verlebt hatten, waren zu Besuch nach Berlin gekommen. Das gab eine Freude, jeder Tag war jetzt ein Festtag.

Tante Käthchen war Muttis Schwester und hatte Nesthäkchen ganz besonders in ihr Herz geschlossen. Nur schade war's, daß Cousine Elli hatte zu Hause bleiben müssen. Trotzdem Elli sechs Jahre älter war als Klein-Annemarie, waren die Cousinen gut Freund miteinander.

Aber die Spazierfahrten, die vielen Besorgungen, die meistens in einer Konditorei endigten, zu denen Tante Käthchen Nesthäkchen öfters mitnahm, trösteten über Ellis Fernbleiben.

»Wenn Sonntag schönes Wetter ist, gehen wir mit euch drei Banditen nach dem Zoologischen Garten«, verkündete Onkel Heinrich eines Tages den mit leuchtenden Augen lauschenden Braunschen Kindern.

»Au – fein – famos!« Mit dreistimmigem Jubel wurde Onkels Vorschlag aufgenommen.

»Darf meine Gerda auch mit, lieber Onkel Heinrich? Sie ist noch nie in ihrem Leben im Zoologischen Garten gewesen.« Nesthäkchen schmiegte den Blondkopf zärtlich bettelnd an Onkels Bart.

»Aber natürlich – erst recht, die junge Dame ist feierlichst eingeladen«, lachte der nette Onkel.

»Gerda – Gerdachen – du darfst mit in den Zoologischen Garten!« jauchzend schallte es durch die Kinderstube. Puppe Gerda strahlte über das ganze Porzellangesicht, denn es gab jetzt manchmal Tage, wo Annemarie sich gar nicht mehr um sie kümmern konnte. Das kleine Schulmädel hatte zuviel andere Pflichten. Darum freute Gerda sich doppelt auf das bevorstehende Vergnügen.

»Nun sorgt nur dafür, daß Sonntag schönes Wetter ist, Kinder«, mahnte Tante Käthchen scherzend. Das taten sie denn auch alle drei, jedes auf seine Weise.

Hans setzte seinen Laubfrosch, den grünen Wetterpropheten, auf die oberste Sprosse der kleinen Leiter, die aus dem Glas herausführte. Da mußte das Wetter doch gut werden.

Klaus, der zu seinem letzten Geburtstage ein kleines Wetterhäuschen bekommen hatte, sah am Sonnabend abend mit Schrecken, daß der kleine Mann mit dem Regenschirm, der schlechtes Wetter prophezeite, im Begriff war, aus dem Häuschen herauszutreten. Da zogen und zerrten die unnützen Jungenfinger so lange an dem kleinen, sich im Haus verkriechenden Frauchen, welches nur bei schönem Wetter vor dem Häuschen erscheint, bis es ärgerlich heraussprang. Freilich war das Wetterhäuschen entzwei – aber was tat das – wenn es nur morgen nicht regnete!

Nesthäkchen aber faltete abends im Bett seine Händchen und bat den lieben Gott so recht innig, doch morgen bloß die Sonne scheinen zu lassen.

Was nun die Veranlassung war, daß am Sonntag wolkenlos blauer Himmel über Berlin erstrahlte, ob der Laubfrosch von Hans, ob das kaputte Wetterhäuschen von Klaus oder Nesthäkchens Abendgebet, das weiß man nicht genau. Die Hauptsache war, daß aus dem Besuch im Zoologischen Garten etwas wurde.

Die Jungen in hellen Waschanzügen, Annemarie im weißen Stickereikleid mit mattrosa Seidenschärpe, so setzte sich die Karawane in Bewegung. Puppe Gerda, welche genau so aufgeregt war wie Nesthäkchen, trug dasselbe Kleid wie ihre kleine Mama.

»Sehen Gerda und ich nicht wie Zwillinge aus?« fragte Annemarie Tante Käthchen.

»Ja, wir müssen uns vorsehen, daß wir euch nicht verwechseln«, pflichtete diese ihr lächelnd bei.

»Daß ihr mir dort aber keine Dummheiten macht, ihr Krabben«, drohte Onkel Heinrich, der die Streiche der jungen Herren bei ihrem Sommeraufenthalt in Arnsdorf genugsam kennengelernt hatte. »Verstanden, Musjöh?« Er zog Klaus bei den Ohren.

»I bewahre« – die »drei Krabben« sahen so treuherzig drein, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten.

Am Eingang zum Zoologischen Garten stand die liebe Großmama. Jubelnd eilte Annemarie auf sie zu. Daß Großmuttchen mitkam, war eine feine Überraschung.

Nun war man endlich drin, erwartungsvoll sahen sich die Kinder in dem großen, parkartigen Garten um.

»Zuerst zum Elefanten – ja, bitte, Onkel«, bestürmte ihn Nesthäkchen.

»Nee – zu den Raubtieren«, kommandierte Klaus.

»Ich möchte lieber das Nilpferd sehen«, ließ sich Hans vernehmen.

»Selber eins!« erklang es brüderlich-zärtlich von den Lippen des jüngeren Frechdachses Klaus.

Ohne Onkel Heinrichs Dazwischentreten hätten Hans und Klaus höchstwahrscheinlich den Besuch im Zoologischen Garten durch eine kleine, kunstgerechte Keilerei eingeweiht.

Einen Schlingel hüben, einen drüben, so ging es zuerst zu den Elefanten.

Nesthäkchen faßte Großmama ängstlich an die Hand und blieb in respektvoller Entfernung von den grauen Ungetümen stehen.

»Du brauchst dich nicht zu fürchten, Gerdachen, Elefanten beißen nicht, höchstens können sie einen mit ihren dicken Beinen tottreten, aber es ist ja ein Gitter vor«, sprach Klein-Annemarie ihrer Puppe, mehr aber noch sich selbst Mut zu.

»Sieh' nur, die langen Stoßzähne, Herzchen«, machte Tante Käthchen die Kleine aufmerksam.

»Haach, muß der Elefant aber eine große Zahnbürste haben! Der nimmt am Ende 'ne Teppichbürste zum Zähneputzen, was, Tante Käthchen?« überlegte Annemarie.

»Wißt ihr denn auch, was wir aus den Zähnen der Elefanten gewinnen?« mischte sich Onkel Heinrich, der belustigt zugehört hatte, jetzt ins Gespräch.

Der Untertertianer Hans konnte Auskunft geben.

»Das Elfenbein«, sagte er stolz.

»Jawohl, Elfenbein«, lachte Nesthäkchen los. »Die plumpen Beine von dem Elefanten sehen gerade wie Elfenbeine aus!«

»Die Zähne geben das Elfenbein, nicht die Beine«, belehrte sie Onkel Heinrich unter dem Lachen der übrigen.

Weiter ging's, zum Nashorn.

Dasselbe erfreute sich nicht Annemaries Wohlgefallen. Gräßlich fand die Kleine das täppische Tier mit dem Riesenpickel auf der Nase.

Aber das Känguruh daneben, das war allerliebst.

»Sieh' nur, wie ulkig es auf seinen Hinterbeinen hopst.« Nesthäkchen hielt Puppe Gerda hoch, damit sie die possierlichen Sprünge besser sehen konnte.

»Das Känguruh ist ein Beuteltier«, erklärte der Onkel seinen jungen Begleitern. »Das Fell bildet vorn einen Beutel, darin tragen die Mütter ihre Kleinen, die noch zu unbeholfen sind, mit sich herum.«

Wirklich – ein winziges Köpfchen lugte aus dem Fellbeutel der einen Känguruhmutter hervor, und plötzlich sprang das Kleine zum Entzücken sämtlicher umstehenden Kinder heraus, und die Alte leckte das Junge zärtlich.

»Nein, ist das niedlich – hat das Känguruh auch sein Taschentuch und sein Portemonnaie in dem angewachsenen Pompadour?« erkundigte sich Klein-Annemarie lebhaft. »Schade, daß Muttis Pompadour nicht auch angewachsen ist, sie weiß nie, wo sie ihn hingelegt hat«, schwatzte das Plappermäulchen lustig darauf los.

»Nicht so laut, Herzchen.« Großmama legte dem Schwatzlieschen lächelnd den Finger auf den Mund, denn die Umstehenden hörten amüsiert zu.

Jetzt kam man zu den Kamelen.

»Das muß einen Geradehalter kriegen, die Rückenknochen stehen ihm zu sehr raus«, entschied Klaus, Vaters zukünftiger Nachfolger.

»In Afrika reitet man auf den Kamelen«, erzählte Tante Käthchen ihrem kleinen Nichtchen.

»Na, da muß es aber erst gepolstert werden, sonst piekt man sich ja an den spitzen Knochen, ich möchte nicht auf Kamelien reiten, du, Gerda?« Annemarie schüttelte das Köpfchen.

Auch Puppe Gerda schien von dieser Aussicht nicht gerade begeistert, sie hatte überhaupt vor all den großen Tieren heimlich Angst.

»Auf Kamelien kannst du auch nicht reiten, Herzchen«, lachte Großmama. »Kamelien sind Blumen, die Mehrzahl von Kamel heißt die Kamele.«

An dem chinesischen Pudel vorbei, der gar keine Schlitzaugen, ja nicht mal einen chinesischen Zopf hatte, wie Annemarie zu ihrer Verwunderung bemerkte, kam man jetzt zum Zebra.

»Das hat ja seinen Badeanzug an, aber ganz genau wie Hänschens Badeanzug!« rief die Kleine überrascht, auf das schwarz-weiß gestreifte Tier weisend.

Großmama, Onkel Heinrich und Tante Käthchen amüsierten sich besser als im Theater bei Nesthäkchens drolligen Ausrufen.

»Nun ins Raubtierhaus« – »nein, bitte, zu den Seehunden« – »bei den niedlichen Äffchen sind wir noch gar nicht gewesen« – gingen die Wünsche von Jung-Deutschland wieder auseinander.

»Eins nach dem andern,« beschwichtigte Onkel Heinrich, »zu den Straußen und ins Vogelhaus müssen wir doch auch noch.«

»Au ja, bei den Sträußen, da pflücke ich einen feinen Strauß für Mutti, weil sie hat zu Hause bleiben müssen«, rief Nesthäkchen erfreut.

»Der wird sich nur nicht pflücken lassen, Liebling.« Tante Käthchen konnte sich vor Lachen gar nicht beruhigen. »Der Strauß hier im Zoologischen Garten ist ein großer Vogel, von dem wir die Straußenfedern auf den Hüten tragen.«

Klein-Annemarie machte ein verdutztes Gesichtchen. Sie wurde nicht klug aus dem Zoologischen Garten. Wenn sie Tiere meinte, waren es Blumen, und wenn sie einen Strauß pflücken wollte, war der wieder ein Tier. Ihr einziger Trost bestand darin, daß Puppe Gerda nicht schlauer war als sie selbst.

Aber jetzt hatte Nesthäkchen keine Zeit, ihren Gedanken weiter nachzuhängen, denn Onkel Heinrich hatte soeben etwas verkündet, was sowohl Annemaries wie Gerdas Herzchen schneller pochen ließ: »Wir kommen jetzt gleich zum Wolf.«

Der Wolf – der böse Wolf – vom Rotkäppchenmärchen her ist er schon der Schrecken aller Kleinen, als scheußlichstes Ungeheuer pflegt die kindliche Phantasie ihn sich auszumalen.

»Was – das soll ein Wolf sein – das ist ja man bloß eine gutmütige Hundetöle«, machte Nesthäkchen verächtlich, als man vor dem Käfig stand.

»Ich rate dir, stecke deinen Finger nicht hinein, er schnappt zu!« warnte Hans.

Aber gerade das reizte Annemarie.

»Ja, Kuchen« – lachte sie ihn aus, »das ist ja bloß ein Schäferhund!« und sie kam mit dem Händchen in beängstigende Nähe des Gitters.

»Barmherziger!« Großmama zog kreidebleich das fürwitzige Kind zurück, die alte Dame zitterte am ganzen Körper vor Aufregung.

»Wenn du noch einmal solche Dummheiten machst, heißt es »marsch, nach Hause – verstanden, Mamsellchen?« Onkel Heinrichs Gesicht war so ernst, wie Nesthäkchen es noch nie gesehen hatte. Tante Käthchen aber nahm das kleine Mädchen, um dessen Mund es weinerlich zu zucken begann, erschrocken an die Hand.

»Die Tränen stehen in den Augen – die Tränen stehen in den Augen!« sang Klaus, der Strick, dem Schwesterchen neckend ins Ohr. Das pflegte meist das Kriegslied zu sein.

Auch heute wollte Annemarie in ihrem Ärger auf den Schlingel losgehen. Da aber brüllte es plötzlich neben ihr, daß die Kleine, die noch eben versucht hatte, von Tante Käthchens Hand loszukommen, sich krampfhaft an dieselbe klammerte. Die Tränen stürzten jetzt wirklich vor Schreck und Angst aus ihren Augen.

»Nanu, Herzchen, du wirst doch keine Furcht vor dem Löwen haben, der sitzt ja hinter festen Eisenstäben«, beruhigte sie die gute Großmama.

Aber Klein-Annemarie zog aus Leibeskräften vom Löwenzwinger fort in entgegengesetzte Richtung. Puppe Gerda half ihr dabei, denn die hatte noch mehr Angst vor dem brüllenden Löwen wie ihre dumme, kleine Mama.

»Komm, Krabbe, jetzt gehen wir beide mal zusammen ins Raubtierhaus.« Onkel Heinrich packte das feige kleine Fräulein. »Ein Schulmädel darf keine Angst mehr haben!«

Trotzdem es den beiden, Nesthäkchen sowohl wie Puppe Gerda, recht schwül zumute wurde, mußten sie mit Onkel Heinrich mit.

Aber Annemarie hatte kaum das Näschen ins Raubtierhaus hineingesteckt, da zog sie es auch schon wieder zurück.

»Pfui, riecht das hier!« Die warme, strenge Raubtierluft benahm ihr fast den Atem.

Aber Onkel Heinrich ließ nicht locker, Nesthäkchen sollte sich die lächerliche Furcht abgewöhnen. Zuerst zeigte er ihr die Löwenkinderstube. Da wagte sich Annemarie schon näher. Die gelben, kleinen Dinger, die so drollig wie Kätzchen miteinander spielten, machten ihr Spaß. Vor dem Vater der Löwenkinderchen hatte sie aber bei weitem mehr Respekt. Unermüdlich lief der in dem Käfig auf und ab – hin – her – hin – her – immer dieselbe kurze Strecke.

»Wird er denn gar nicht schwindlig?« erkundigte sich Annemarie, da der Löwe sie augenblicklich nicht durch sein Gebrüll einschüchterte, teilnahmsvoll. Und als Onkel dies durchaus verneinte, setzte sie hinzu: »Gut, daß Hilles nicht unter ihm wohnen wie bei uns, die würden sich sein Getrampel bald verbitten.« Klein-Annemarie hatte darin nämlich trübe Erfahrungen gemacht. Die unter Doktor Braun wohnenden Mieter hatten schon manchmal heraufgeschickt und um Ruhe gebeten, wenn die Schlacht zwischen ihr und Klaus gar zu wild tobte.

Aber Annemarie sowohl wie Gerda atmeten doch beide erleichtert auf, als das Raubtierhaus mit seinen Gefahren hinter ihnen lag.

Das Affenhaus, ei, das war ein ganz anderes Ding, da konnte das gepreßte Herzchen wieder beruhigt schlagen. Ja, das Affenhaus war das Schönste vom ganzen Zoologischen Garten!

Wie sie sprangen und kletterten, die kleinen Äffchen. Hier schaukelte sich eins, dort spielten zwei wie Kinder Haschen, und drüben prügelten sich gar ein paar kleine Feinde. Annemie hätte ihr ganzes Leben lang hier stehen und zuschauen mögen. Gerda freilich war so dumm, sogar bei den harmlosen Äffchen furchtsame Augen zu machen.

Aber als Annemarie hell und lustig auflachte über die possierlichen Tierchen, da verzog Puppe Gerda das Gesicht auch zu einem Lachen, aber sie sah dabei aus, als ob sie Zahnschmerzen habe.

»Ach, Onkel Heinrich, sieh nur das süße Äffchen hier, das betet gerade.« Nesthäkchen wies andächtig auf einen Affen, der die Hände bettelnd erhoben hatte.

»Wer so schön bittet, soll auch etwas kriegen!« Onkel Heinrich ließ sein Nichtchen los, da ja hier keine Gefahr war, und zog eine vielversprechende Tüte aus der Rocktasche. Daraus holte er eine Knackmandel und reichte sie dem kleinen Vierhänder durch die Gitterstäbe.

Geschickt knackte der braune Gesell die Mandel auf, die Schalen aber warf er voll Unverschämtheit Onkel Heinrich an den Kopf.

»Du, sei nicht so frech zu meinem Onkel, ist das etwa der Dank!« machte Annemarie ihm Vorwürfe, während die andern sich gottvoll amüsierten.

Das Äffchen ließ sich in seiner Mahlzeit nicht stören. Die Jungen hatten Onkel die Tüte abgebettelt, das Füttern machte ihnen den größten Spaß. Klaus ließ es allerdings dabei nicht bewenden. Er begann die Affen zu necken. Erst hielt er ihnen eine Knackmandel verlockend hin, und wenn sie danach faßten, zog er sie schnell wieder zurück. Da besann sich der eine Affe nicht lange, er holte aus und – schwapp – hatte Kläuschen seine Ohrfeige weg.

Laut aufschrie er vor Schreck. Onkel Heinrich aber schmunzelte: »Das ist dir gesund, mein Junge, sogar der Affe weiß, was dir, Bandit, zuträglich ist.«

Auch Nesthäkchen beteiligte sich am Füttern. Die Äffchen waren ja so zahm, die taten ihr nichts.

Wieder hielt Annemarie ihrem besten Freunde, einem Äffchen mit fabelhaft ähnlichem Menschengesicht, ihre Gabe hin. Der aber griff, statt nach der Mandel, plötzlich nach Puppe Gerda. Ehe Annemarie wußte, wie ihr geschah, hatte nicht mehr sie, sondern der Affe das entsetzte Puppenkind im Arm.

»Meine Puppe, meine Gerda!« laut aufkreischte Nesthäkchen, es brach in ein bitterliches Geheul aus. Das Äffchen aber sprang mit Puppe Gerda seelenvergnügt auf den Kletterbaum und begann ihre schönen Haare zu frisieren.

Die umstehenden Besucher lachten aus vollem Halse, während Klein-Annemarie aus vollem Halse schrie!

Mit hilflosen Augen, voll Todesangst, blickte die arme Gerda, die der Affe jetzt liebevoll in seinen langen Armen wiegte, zu ihrer schreienden, kleinen Mama herab.

Onkel Heinrich lachte ebenfalls dröhnend, und auch Tante Käthchen und die Brüder stimmten mit ein. Der Anblick war überwältigend komisch. Nur Großmama, die allerbeste, neigte sich zärtlich zu dem jammernden Enkelchen herab und tröstete: »Er wird sie schon wiedergeben, weine nur nicht, Liebling.«

Aber der Affe war weniger liebenswürdig, als Großmama annahm. Er dachte gar nicht daran, sich von Puppe Gerda zu trennen. Im Gegenteil, sie gefiel ihm von Minute zu Minute besser. Zärtlich streichelte er sie mit seinen behaarten Pfoten. Als der Wärter, den Onkel Heinrich herbeirief, ihn zu sich lockte, um ihm seinen Raub wieder abzunehmen, sprang er mit der Puppe in die äußerste Ecke des Käfigs. Dort saß er, die vor Angst halbtote Puppe fest an sein zottiges Fell gepreßt, und fletschte die Zähne.

Eine wilde Jagd begann durch den Affenkäfig um Puppe Gerda. Auch die anderen Affen beteiligten sich daran, denn sie gönnten ihrem Kollegen die schöne Puppe nicht. Vor dem Affenhaus sammelte sich eine dichte Menschenmenge. Alles schrie, lachte und johlte, und nur ein kleines Mädchen weinte bitterlich. Ganz vorn stand es am Gitter und rief vergebens in den zärtlichsten Mutterlauten: »Gerda, meine süße, kleine Gerda!«

Endlich hatte der Wärter den kecken Dieb erwischt. Er befreite die ohnmächtige Gerda aus den langen, zottigen Affenarmen, zog dem braunen Mosjö eins mit seinem Stock über und legte das unverletzte, wenn auch etwas zerdrückte Puppenkind seinem jammernden Mütterchen in die Arme. Die glückselige Freude des reizenden kleinen Blondkopfes mit anzusehen, war geradezu rührend.

»Na, ich denke, wir stärken uns jetzt erst mal auf den Schreck«, meinte Onkel Heinrich, nachdem er dem Wärter ein Trinkgeld gegeben.

Klein-Annemaries Blauaugen, an denen noch blanke Tränen zitterten, strahlten. Wenn Onkel Heinrich von »stärken« sprach, dann pflegte der Apfelkuchen mit Schlagsahne nicht mehr lange auf sich warten zu lassen.

Puppe Gerda schlug mit Hinsicht auf die bevorstehenden Herrlichkeiten schnell wieder ihre Klappaugen auf. Ach, wie glücklich war sie, Klein-Annemaries rosiges Gesichtchen über sich zu sehen und nicht mehr das des braunen, fletschenden Unholds.

Auf dem Wege zu der im Zoologischen Garten gelegenen Konditorei traf Tante Käthchen Bekannte. Auch Onkel Heinrich und Großmama beteiligten sich an der Unterhaltung. Dieselbe währte ziemlich lange. Die Kinder, die nach ihrem Apfelkuchen verlangten, wurden ungeduldig.

Hans und Klaus unterhielten sich damit, den Seehund, bei dem man gerade Posto gefaßt hatte, durch Steinwürfe aus dem Wasser herauszulocken. Dabei wurden die reinen Waschanzüge von oben bis unten bespritzt.

Nesthäkchen und Puppe Gerda aber blieben bei der kaum zehn Schritt entfernten Musikkapelle stehen. Dort ließ die Kleine ihr Puppenkind zur Entschädigung für die ausgestandene Angst nach der Musik tanzen.

Als Annemarie, nachdem die Trompeten und Pauken schwiegen, sich umwandte, ob denn Tante Käthchen noch immer nicht mit ihrer Unterhaltung fertig war, wurden ihre Augen noch einmal so groß. Der Platz, auf dem Großmama, Onkel und Tante gestanden hatten, war leer. Nirgends eine Spur von ihnen, auch Hans und Klaus waren nicht zu erblicken.

Daß sie selbst um die Musikhalle herumgegangen war, um die große Pauke besser sehen zu können, und sich nun auf der anderen Seite der Halle befand, daran dachte Klein-Annemarie in ihrem Schreck nicht.

Sie tat das Törichtste, was sie nur tun konnte. Die kaum versiegten Tränen stürzten ihr wieder aus den Augen, weinend lief sie in irgendeiner Richtung davon. So entfernte sie sich immer mehr von den auf der anderen Seite der Musikhalle angstvoll nach ihr Suchenden. Wäre sie dagegen ruhig stehengeblieben, so hätte man sie sicher bald gefunden. Denn Onkel Heinrich umkreiste die Musikhalle, die dicht von Zuhörern umlagert war, beim Suchen soundso oft.

Großmama war halbtot vor Angst. Ihr Liebling – ihr Herzblatt – Gott weiß, was ihm geschehen war. Die erregte, alte Dame sah bereits die Kleine von den wilden Tieren zerrissen, sie hatte ja Nesthäkchens Fürwitz genügend kennengelernt. Und das Abenteuer von Puppe Gerda trug noch dazu bei, daß Großmama sich die schrecklichsten Bilder ausmalte. Was konnte der Kleinen nicht alles passieren!

»Wir wollen uns trennen und jeder nach ihr suchen«, schlug Bruder Hans vor.

Aber »hiergeblieben!« donnerte Onkel Heinrich, denn er sorgte sich, trotzdem er die andern wegen ihrer Aufregung auslachte, heimlich gerade wie sie um das anvertraute Kind. »Das fehlte noch, daß ihr auch noch durchbrennt!« Er packte jeden der Jungen der Sicherheit halber beim Kragen.

Tante Käthchen war leichenblaß. Wie sollte sie ihrer Schwester jemals wieder vor die Augen kommen, wenn Nesthäkchen etwas zugestoßen war.

Alle möglichen Leute hielt Onkel Heinrich an und fragte sie, ob sie nicht ein kleines, siebenjähriges Mädchen im weißen Stickereikleid mit blondem Lockenkopf und einer Puppe auf dem Arm gesehen hätten.

Der eine schickte sie dahin, der andere dorthin, aber stets war es ein ganz anderes Kind als Annemarie.

»In meiner Kindheit wurden im Zoologischen Garten verlorengegangene Kinder von der Musikkapelle austrompetet«, erinnerte sich Tante Käthchen in ihrer Angst schließlich.

Onkel Heinrich trat zu dem Musikdirigenten und fragte ihn, ob das noch immer so gehalten würde. Aber der schüttelte den Kopf.

»Nee, da müssen Sie ins Fundbureau, da werden abhandengekommene Gegenstände, Kinder und Hunde zurückgegeben. Es hängen ja überall Anzeigen an den Bäumen.«

Richtig, das hatten alle in ihrer Aufregung übersehen. Hier und da klebten Zettel an den Bäumen, daß verlorengegangene Kinder in der Garderobe am Tiergarteneingang wieder in Empfang zu nehmen seien. Also schien dieser Fall doch öfters vorzukommen. Das war immerhin eine kleine Beruhigung.

Inzwischen war Nesthäkchen laut weinend mit Puppe Gerda durch die Wege des Zoologischen Gartens geirrt. Vom Löwenkäfig zum Bären, und vom Vogelhaus zu den Antilopen.

»Onkel Heinrich – Großmama – Tante Käthchen!« so schallte es jämmerlich von den Lippen der kleinen Verirrten durch die Gänge.

Lieber Gott, wenn es dunkel wurde, wenn sie die Nacht in Gesellschaft von Löwen, Tigern und Bären zubringen mußte – bei dieser Vorstellung begann Nesthäkchen noch lauter zu brüllen als der Löwe selbst.

Ein Wärter des Gartens trat an die Kleine heran, und als er ihren Kummer vernommen, sagte er tröstend: »Na, weine man nicht mehr, kleines Fräulein, ich werde dich in der Garderobe abgeben, da wird dich dein Onkel schon finden.«

Er brachte das verängstigte Kind und die ebenso verängstigte Puppe in die Garderobe, die gleichzeitig das Fundbureau bildete.

Dort saßen nun Klein-Annemarie und Puppe Gerda unter stehengebliebenen Regenschirmen, entlaufenen Kötern, verlorenen Gummischuhen und gefundenen Armbändern und weinten jämmerlich, trotz der gutmütigen Versicherung des Bureaudieners, daß der Onkel sicher bald kommen würde.

Da tat sich auch schon die Tür aus – »Onkel Heinrich – Großmama!« erklang es jauchzend. Fest hing Nesthäkchen an Großmamas Hals, so fest, als ob sie nie wieder aus den sie schützenden Armen der guten Großmama heraus wollte. Puppe Gerda jedoch lag Tante Käthchen im Arm.

»Aber nun nach Haus, daß ich euch Krabben erst mal wieder glücklich abgeliefert habe«, unterbrach Onkel Heinrich die allgemeine Freude und Rührung.

»Och, wollen wir uns denn nicht erst noch stärken?« fragte das wiedergefundene Nesthäkchen enttäuscht.

»Jawohl, auch noch Kuchen mit Schlagsahne zur Belohnung fürs Durchbrennen – Prosit Mahlzeit, da wischt euch nur heute den Mund!« klang es barsch von Onkel Heinrichs Lippen, dabei zwinkerte er jedoch lustig mit den Augen.

Als man aus dem Zoologischen Garten heraustrat, trocknete sich Onkel Heinrich den Angstschweiß von der Stirn und sagte mit einem Seufzer der Erleichterung: »So – einmal und nicht wieder!«

Zu Hause angelangt aber, lag plötzlich vor jedem Kinde ein herrlicher Apfelkuchen mit Schlagsahne.

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