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Nesthäkchen und ihre Enkel

Else Ury: Nesthäkchen und ihre Enkel - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchen und ihre Enkel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 9
printrun45. bis 48. Tausend
yearo.J.
firstpub1924
tillustratorProfessor A. Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine.Kreutz@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20131031
modified20141124
projectid99dbdda0
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8. Kapitel. Tropenkinder.

Eine Woche war seit dem Einzug der Tropenkinder in das großelterliche Haus dahingegangen. Sie hatte die stille Geheimratsvilla auf den Kopf gestellt. Nicht einmal damals, als alle drei Hartensteinsche Küken noch im Hause herumtobten, hatte es so viel Unruhe gegeben wie jetzt. Oder schien das dem alten Hause nur so, weil es älter geworden und seit Jahren in Ruhe und Beschaulichkeit das Blühen und Welken der Bäume draußen, das Kommen und Gehen der Generationen drinnen beobachtete?

Frau Annemarie ging es ähnlich wie ihrem Hause. Sie mußte sich erst wieder an die Unruhe, welche die Jugend um sich verbreitet, gewöhnen. Sie faßte sich manchmal an ihren Kopf – Himmel, war sie denn schon so alt, daß sie das nicht mehr vertragen konnte? Sie selbst war doch in ihrer Jugend ein recht lebhaftes Mädel gewesen in Gemeinschaft mit den Brüdern, besonders mit Klaus. In ihrem Elternhause war es ganz gewiß nicht leise zugegangen. Auch im eigenen Heim später hatten ihre Küken reichlich für Abwechslung gesorgt. Und doch erschien es Frau Annemarie, als hätte sie niemals eine unruhigere Woche verbracht als die vergangene. Ihr Mann empfand das weniger. Den führte sein Beruf den größten Teil des Tages von Hause fort. Kam er dann heim, empfand er nur Freude an den jugendlichen Hausgenossinnen.

Gewiß, Anita war ganz besonders lebhaft und impulsiv. Nie zur Ruhe kommend. Jederzeit mit tausenderlei Wünschen, Anliegen, Anforderungen an ihre Umgebung. Bald wollte sie dies, bald jenes. Sprunghaft und plötzlich in ihren Gefühlsäußerungen. Ohne jede Rücksichtnahme, jeder augenblicklichen Eingebung nachgebend. Nicht daran gewöhnt, sich auch nur den kleinsten Wunsch zu versagen um eines anderen willen. Anita war eine recht schwierige junge Dame; es war nicht so einfach, sie zu beeinflussen und zu erziehen. Das war der Großmama bereits am ersten Tage klar geworden.

Auch Marietta war trotz ihres weicheren, anschmiegenderen Naturells durchaus keine bequeme Hausgenossin. Alle beide waren sie maßlos verwöhnt, die Kinder einer anderen Zone. Frau Annemarie vermochte nicht einmal den Enkelinnen, noch deren Mutter daraus einen Vorwurf zu machen. Das lag eben in den völlig anderen Verhältnissen, sowohl des luxuriösen Hauszuschnittes des reichen brasilianischen Kaffeekönigs, als in denen der heißen Zone begründet. Ursel hatte klug gehandelt, daß sie den mit den Gepflogenheiten der jungen Mädchen vertrauten Negerjungen mit nach Europa herübergeschickt hatte. Frau Trudchen, deren Beine auch nicht mehr die jüngsten waren, wäre allein den Anforderungen des jungen Besuches gar nicht gewachsen gewesen.

Da galt es morgens die Bäder zu bereiten, denn das tägliche lauwarme Bad war den Kindern eine selbstverständliche Notwendigkeit. Auch die Engländerin verlangte ihr Bad.

»Is man jut, daß der liebe Jott wenigstens den Mohr und den Affen schwarz erschaffen hat, sonst könnten wir für die auch noch Badewasser machen, Kunze«, ließ Frau Trudchen ihrem Unmut freien Lauf. Erschienen die jungen Mädchen nach dem Bade dann endlich am Frühstückstisch, so war die gemeinsame Frühstücksstunde der Großeltern längst vorüber. Trotzdem man auch in Brasilien im Tavaresschen Hause früh aufgestanden war – die Zeit dort differierte mit der europäischen um etwa fünf Stunden. Jeden Abend gab es einen Kampf, weil die beiden Mädel nicht ins Bett zu bekommen waren. » Wir haben noch nicht müde, in Brasilien ist noch nicht Zeit zu schlafen gehen, wir werden noch tun dies und das«, setzte Anita mit der ihr eigenen Bestimmtheit der Hausordnung entgegen. Geheimrat Hartenstein hatte sich mit den Jahren in gewissem Sinne zum Pedanten entwickelt. Sein anstrengendes Tagewerk verlangte frühe, regelmäßige Schlafenszeit. Punkt zehn Uhr war es Nacht in der Geheimratsvilla in Lichterfelde. Die hellen Fensteraugen schlossen sich wie die der Bewohner.

Jetzt war das anders. Stundenlang brannte noch das elektrische Licht. Bald im Wohnzimmer, bald im Eßzimmer, bald oben in dem Mädchenstübchen, während die Miß schon laut schnarchte. Oft bekamen Anita und Marietta auch noch einmal Hunger, da ihnen die große Abendmahlzeit, an die sie daheim gewöhnt waren, fehlte. Dann klingelte Anita, unbekümmert um Mariettas Einwände, daß die Großeltern in ihrer Ruhe gestört würden.

»Wir haben hungrig, wir müssen essen etwas.« Dagegen kam Marietta nicht auf. Homer war der einzige, der auf den Klingelruf erschien. Denn Frau Trudchen dachte gar nicht daran, zu nachtschlafender Zeit den beiden verwöhnten »Prinzessinnen« noch aufzuwarten.

»Bringe etwas Geflügel und Doces, Homer«, befahl Anita in portugiesischer Sprache.

»Donna Anita, Homer hat kein Geflügel. Homer hat auch keine Doces. Donna Trudchen hat die Vorratskammer abgeschlossen.« Wohlweislich verschwieg Homer, aus welchem Grunde dies geschehen, daß er sowohl wie Jimmy der Speisekammer verschiedentlich unerlaubte Besuche abgestattet hatte.

»So bringe etwas anderes.« Anita schien ungehalten. Sie war nicht zufrieden mit der Haushaltung der Großeltern. Daheim in Brasilien waren stets Geflügel und Süßigkeiten vorrätig.

»Homer hat nichts – gar nichts.« Der kleine Neger wich ängstlich zurück und hielt sich schon im voraus seine Wange. Aber der erwartete Backenstreich blieb aus. Anita hatte der Großmama versprochen, Homer nicht zu schlagen. Eine Tavares hielt ihr Wort.

»Wecke Donna Trudchen. Sie soll uns Essen bringen.« Anita war daran gewöhnt, daß die farbige Dienerschaft drüben auf dem anderen Erdteil Tag und Nacht zur Verfügung ihrer Herrschaft war.

Homer schlug donnernd gegen die Tür der Kunzeschen Stube. Aber keine Frau Trudchen erschien. Die verkroch sich schimpfend nur noch tiefer in ihre Kissen. Auch Kunze brummte: »Potzwetter, das is ja jetzt reine als ob der Deibel bei uns los is.« Lottchen, die ihr Bett auf dem Sofa hatte, erwachte von dem Lärm und fing an zu weinen. »Es donnert!« Das Kind hatte große Angst vor Gewittern, die im Tropenlande besonders heftig auftraten.

»Homer – wo bleibst du? Warum kommt Donna Trudchen nicht? Sollen wir hungern? Ist das eine Wirtschaft hier in Deutschland!« Portugiesische empörte Rufe unterbrachen laut die friedliche Stille der Nacht.

Auch die Großeltern wurden dadurch aus erstem Schlaf aufgeschreckt. »Da soll doch aber – – –!« Der Geheimrat machte Miene, in Schlafrock und Morgenschuhe zu fahren.

»Bleib' liegen, mein guter Mann, du brauchst die Ruhe notwendiger als ich. Ich werde mal ein ernstes Wort mit dem kleinen Störenfried sprechen.« Seufzend schlüpfte Frau Annemarie in den Morgenrock. Was hatten sie sich damit aufgebürdet, daß sie die exotischen Enkelkinder in ihr friedliches Heim genommen!

Im Eßzimmer stand Anita mit zorngeröteten Wangen und rief abwechselnd nach Homer und nach Donna Trudchen. Noch nie war es ihr passiert, daß ein Diener ihrem Gebot nicht Folge geleistet hatte. Vergeblich versuchte Marietta ihr die Hand auf den Mund zu legen. »Du weckst ja die Großeltern, Nita – – –.«

Da stand die Großmama bereits in der Tür.

»Anita, hast du den Tropenkoller? Schämst du dich nicht, zu nachtschlafender Zeit solchen rücksichtslosen Lärm zu machen? Was soll denn das heißen?« Die Großmama war mit Recht empört.

Empörter aber war ihre junge Enkelin. Die stand mit funkelnden Augen und zorngeballten Händen vor ihr.

»Donna Trudchen muß werden gejagt aus Haus. Schlechtes Diener, ist nicht gekommen, als ich habe geruft nach sie«, beschwerte sie sich mit erregter Stimme.

»Höre mal, mein Kind, du verkennst das Verhältnis vollkommen. Frau Trudchen ist nicht deine Dienerin, die deinem Rufe Folge zu leisten hat, noch dazu bei Nacht. Sie ist unsere liebe, brave Hausgenossin, und in diesem Sinne wünsche ich sie von euch respektiert zu sehen. Um was wolltest du Frau Trudchen bitten?« Frau Annemarie mußte sich großen Zwang anlegen, um ruhig zu bleiben.

»Nita hatte Hunger. Homer nichts konnte bringen zu essen. Darum Nita hat geweckt an Donna Trudchen«, legte sich Marietta erklärend ins Mittel.

»Und deshalb machst du einen solchen Mordsradau? Denkst du denn gar nicht daran, daß man auf seine Nebenmenschen Rücksicht zu nehmen hat, Anita? Ganz abgesehen von den alten Großeltern, die ihre ungestörte Nachtruhe notwendig brauchen.«

»Wenn ich und Jetta muß haben hungrig, wir gehen zurück nach Sao Paulo«, entgegnete Anita trotzig.

»Ihr braucht hier nicht zu hungern. Es gab genug zum Abendbrot. Warum habt ihr euch denn nicht satt gegessen?« Frau Annemarie traute ihren Ohren nicht. Dieser Vorwurf war der letzte, den sie von den Enkelinnen erwartet hatte.

»Wir nicht kennen in Brasilien das Fleischaufschnitt und der Wurst auf Brot für Abendessen. Dort man nicht ißt das«, erklärte wiederum Marietta in entschuldigendem Tone. Sie war stets bemüht, auszugleichen und zu vermitteln.

»So werdet ihr euch hier daran gewöhnen müssen, meine lieben Kinder. Ich kann Frau Trudchen, die gerade genug zu tun hat, nicht auch noch mit warmem Abendbrot in Anspruch nehmen. Ganz abgesehen davon, daß der Großvater lieber abends sein belegtes Brötchen ißt und es auch für bekömmlicher erachtet.«

»Muß kochen Donna Trudchen für uns Suppe, Fisch, Braten und Doces. Oder muß kommen Köchin, zu tun es.« Geld spielte ja bei dem reichen amerikanischen Mädchen gar keine Rolle.

Die Großmama hatte ein Eckschränkchen am Büfett geöffnet und demselben Kuchen und Früchte entnommen.

»So, nun eßt, Kinder, ihr sollt bei eurer Großmama nicht hungern. Aber denkt daran, daß ihr in unserem Hause zu Gast seid und daher die Verpflichtung habt, euch nach unseren Gepflogenheiten zu richten. Ihr seid ja jung und anpassungsfähig. Freilich, guten Willen dazu müßt ihr mitbringen. Und nun rasch ins Bett. Aber daß ihr mir meine schönen Betten nicht wieder auf die Erde werft.« Das gab Frau Annemarie jeden Morgen einen Stich in ihr hausfräuliches Herz, wenn sie ihr gehütetes Linnen unten auf dem Fußboden vorfand. Die Tropenkinder mochten durchaus nicht in Federbetten schlafen. Kissen dürfen nur als Schmuck während des Tages auf den Betten liegen, behaupteten sie. Lieber deckten sie sich mit ihren Reisedecken zu und spannten zum Überfluß ihre Hängematten als Moskitonetz über die Betten.

»Gute Nacht, Nita – gute Nacht, Jetta. Ich wünsche, daß es in zehn Minuten bei euch dunkel ist und ihr in euern Betten seid.« Frau Annemarie wandte sich zum Gehen.

Da fühlte sie eine kleine Hand in der ihren, ein weiches Gesichtchen zärtlich an das ihre gepreßt. »Gute Nacht, liebe Großmama. Bitte, nicht böse sein auf Jetta, auch nicht auf Nita. Wir nicht werden machen mehr Lärm in die Nacht.«

Und gleich darauf Anitas lachende, helle Stimme: »Wir werden sein ganz brav und legen uns in Betten mit Kissen.«

Bald danach war es still und dunkel in dem fliederumbuschten Hause. Doch es dauerte lange, bis Frau Annemarie Ruhe fand. So schwer hatte sie es sich nicht vorgestellt. Gewiß, es waren Tropenpflanzen, fremdländische Gewächse, die beiden Mädel. Aber es waren doch die Kinder ihrer Ursel, Fleisch und Blut von ihrem Blute. Sie mußten doch auch Züge ihrer eigenen Wesensart neben allem Fremden in sich tragen.

Frau Annemarie lag und grübelte. Mariettas Zärtlichkeit soeben rührte noch in der Erinnerung warm an ihr Großmutterherz. Das war Ursels Kind, das war ihre Art. Deutsche Innerlichkeit und Empfindungstiefe. Mit Marietta wurde sie fertig trotz des tropischen Prinzessinnentums. Aber Anita? In ihrem ganzen Leben hatte Frau Annemarie noch nicht so verzagt vor einer Aufgabe gestanden. Ja, wenn Ursel, wie es von Anbeginn geplant war, mit herübergekommen wäre! Die Mutter hätte vermittelt, hätte ihre Kinder in deutschem Boden Wurzel schlagen lassen, hätte ausgeglichen, überbrückt, sie mit den Sitten des großelterlichen Hauses vertraut gemacht. Eine große Sehnsucht nach ihrer fernen Tochter überkam Frau Annemarie. »Nicht undankbar sein – du hast ja die Kinder hier«, sagte sie zu sich selbst in ihrer resoluten Art.

Frau Annemarie sollte im Laufe der ersten Woche ihr resolutes Wesen und ihre Energie recht notwendig brauchen. Nicht nur den Kindern, sondern auch deren Begleitern gegenüber. Da war zuerst die Engländerin. Dem Geheimrat war sie von Anfang an ein Dorn im Auge. Er ärgerte sich über ihre Länge und über ihre Steifheit. Seiner süddeutschen Gemütlichkeit war ihre zugeknöpfte Art vollständig entgegen. Sie störte ihn, wenn sie mittags so aufrecht und gerade wie ein dunkler Fleck in der Frühlingssonne an seinem Tische saß. Daß sie sich gar keine Mühe gab, deutsch zu sprechen, sondern verlangte, daß man sich in ihrer Landessprache mit ihr verständigte, hielt er für eine Anmaßung. »Ich werd' ihr halt was blasen und mit ihr englisch spucken«, knurrte er. »Ich weiß überhaupt nit, was die lange Hopfenstange hier in Deutschland will. Die Kinder sollen hier deutsch sprechen lernen und nimmer englisch. Sie sollen in eine deutsche Schule gehen. Die Ursel hätte die Miß ruhig drüben behalten und in Olivenöl konservieren können. Gelt, Frauli?«

Das war im Grunde auch durchaus Frau Annemaries Ansicht. Sie hatte geglaubt, durch die Engländerin in dem vergrößerten Haushalt etwas entlastet zu werden. Für selbstverständlich hatte sie es gehalten, daß die Erzieherin ihr Zimmer und das ihrer Zöglinge, soweit diese nicht selbst Hand anlegten, aufräumen würde. Aber Miß Smith war durch die farbige Dienerschaft im Tropenlande genau so verwöhnt wie ihre Pflegebefohlenen. Sie dachte nicht daran, sich irgendwie im Haushalt zu betätigen. Und als Frau Annemarie, nicht gewohnt, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, ihr deutlich einen diesbezüglichen Vorschlag machte, lehnte die Miß ebenso deutlich ab. » Oh no, that is not my duty.«

»Ja, was ist denn Ihre Pflicht?« entfuhr es der noch heute impulsiven Frau Geheimrat. »Jeder Mensch muß doch eine geregelte Tätigkeit haben. Mit der englischen Literaturstunde, die Sie den Mädeln erteilen und mit der ewigen Filethandarbeit ist doch Ihre Zeit nicht genügend ausgefüllt.«

» Oh, I have to do much. I have to write many letters, every day I must write. Then I must go shopping, I have to take a walk with the girls and to educate them.« Die Miß schien von ihrer anstrengenden Tätigkeit überzeugt.

»Briefschreiben ist für uns Feierabendarbeit, Spazierengehen ist eine Erholung. Und die Erziehung meiner Enkelinnen – daß Gott erbarm!« Es war vielleicht ganz gut, daß die Miß nicht alles verstand, was Frau Geheimrat Hartenstein da in ihrem Ärger frei heraus sagte. Jedenfalls änderte diese Aussprache nichts. Die Miß ließ sich »vorn und hinten bedienen«, wie Frau Trudchen aufgebracht meinte. Sie saß weiter als dunkler Fleck in der hellen Frühlingssonne und filierte ihre Netzarbeit. Frau Annemarie aber schrieb in ihrem ersten Bericht nach Brasilien höchst energisch, ob es nicht ratsam sei, Miß Smith den Laufpaß zu geben, da ihr Fortgehen weder bei den jungen Mädchen, noch in ihrem Hause irgendeine Lücke hinterlassen würde. Vorausgesetzt, daß der Großvater sie nicht schon früher hinauskomplimentieren würde. Jeden Mittag befürchtete Frau Annemarie dies; halb fürchtete sie es, halb hoffte sie es.

Auch die anderen Gäste aus dem Tropenlande erfreuten sich nicht einwandsfrei der Sympathie der Lichterfelder Hausbewohner. Derselbe geheime Kriegszustand, der zwischen dem Geheimrat und der Engländerin herrschte, bestand zwischen der sonst so gutmütigen Frau Trudchen und dem kleinen Neger. »Der Mohr« hatte sich noch immer nicht ihre Zuneigung erworben, trotzdem er anstellig und willig war und ihr die vermehrte Arbeit abnahm. Aber Homer war von einer unglaublichen Naschhaftigkeit. Nichts war sicher vor ihm, vor allem nichts Süßes. Bei Geheimrats war man nicht daran gewöhnt, Speisekammer und Vorratsschränke abzuschließen. Da stand auf den Regalen, wie Soldaten aufmarschiert, das Heer der herrlichsten eingeweckten Früchte. Vor allem die Gartenerdbeeren, die der Geheimrat besonders liebte, waren Frau Trudchens Stolz. Jeden Tag fehlte ein Glas davon. Homer schien diese Vorliebe mit dem Geheimrat zu teilen. Zuerst fiel der Verdacht auf Jimmy. Man verbannte den Affen aus dem Hause und verurteilt ihn zu Einzelhaft in dem Lattenhäuschen, das Kunze für ihn gezimmert hatte. Aber merkwürdig – die Erdbeergläser, die Marmeladentöpfe, die große Blechbüchse, in der man Kuchen zu verwahren pflegte, leerten sich trotzdem. Homer war zu keinem Geständnis zu bringen. Er schüttelte hartnäckig den schwarzen Wollkopf auf alle Fragen. Das einzige, wovor er Furcht hatte, waren Schläge. Und da Donna Anita ihn nicht mehr prügelte, und das auch sonst keiner in Deutschland besorgte, blieb er weiter der stille Teilhaber bei Großvaters Erdbeeren. Bis Frau Annemarie auf den Gedanken kam, ein Glas Erdbeeren zu opfern und es mit scharfem Senf zu mischen. Von da an legte sich Homers Vorliebe für eingekochte Erdbeeren. Nicht aber die für alles Grelle, Bunte und Glänzende. Wo er einen farbigen Fetzen fand, steckte er ihn zu sich. Eines Tages fehlte der schöne bunte Lampenschleier und wollte sich trotz allen Suchens nicht finden lassen. Wieder verdächtigte man den unschuldigen Jimmy. Bis man den Lampenschleier schließlich als Halstuch an Homers schwarzem Halse entdeckte. Auch blanken Teppichnägeln, Messinggriffen an den Schränken, ja, sogar dem spiegelblank geputzten Nickelaschbecher des Geheimrats konnte Homer nicht widerstehen. Eins nach dem andern verschwand. »Der Mohr stiehlt wie 'n schwarzer Rabe. Jeheimrats werden noch ihren Schaden bei Lichte besehen.« Frau Trudchen hätte Homer lieber heute als morgen nach dem Tropenlande zurückbefördert.

Und noch zwei gab es, die einen stillen Kampf miteinander führten. Das war die Großmama und Jimmy. Anita hatte es in Sao Paulo bei der Mutter durchgesetzt, ihr Äffchen mit nach Europa nehmen zu dürfen. Sie hatte auch in Deutschland den Großvater herumgekriegt, daß Jimmy nicht nach dem Zoologischen Garten wanderte, wie die Großmama verlangte, sondern vorderhand auf Probe in Lichterfelde geduldet wurde. Jimmy war ja so lieb, so brav, ganz zahm war er – oh, die Großmama würde bald gut Freund mit Jimmy sein, hatte Anita versichert. Und als ob das Äffchen wußte, daß es eine Probezeit galt, benahm es sich tatsächlich musterhaft artig. Kunze, der einen Narren an dem possierlichen kleinen Ding gefressen hatte, nahm sich seiner an. Wenn Anita fort war, durfte Jimmy in der Kunzeschen Wohnstube bleiben, denn in seinem Käfig war das an Freiheit gewöhnte Tierchen gar zu traurig. Natürlich blickte Frau Trudchen scheel auf den kleinen Vierhänder. Noch weniger freundlich aber schaute Frau Annemarie auf ihn. Vom ersten Augenblick an im Hamburger Landungshafen hatte sie es gewußt, daß Jimmy, der ungebetene Gast, einen Schatten auf die helle Freude, die sie beim Anblick der jungen Enkelinnen empfand, werfen würde. Und wirklich – dieses erste Gefühl hatte nicht getrogen. Trotzdem sich Jimmy musterhaft benahm, er war da – und das genügte, um ihm Frau Annemaries Abneigung zu erwerben. Was hatte ein Affe in ihrem deutschen Bürgerhause zu suchen? Ebensogut konnte man sich einen Elefanten als Haustier halten. Anita war ja ganz närrisch nach dem kleinen, braunhaarigen Gesellen. Sie spielte mit ihm wie mit einem Kätzchen. Saß man gemütlich auf dem Gartenplatz unter der Linde – Jimmy durfte nicht dabei fehlen. Der saß Anita auf dem Schoß oder gar auf ihrer Schulter. Der erschreckte die Großmama aller Augenblicke mal durch irgendeinen unvorhergesehenen Sprung oder durch einen Übergriff auf Kuchen- oder Obstkorb. Anita lachte dann wie ein Kobold, und auch Marietta stimmte silberhell mit ein. Und was tat die gute Großmama? Sie lachte mit. Nur damit konnte sich die Großmama durchaus nicht einverstanden erklären, daß die Enkelin das Äffchen mit hinauf in ihr Zimmer nahm. Jimmy machte es sich dann mit Vorliebe in den Betten bequem. Und ein Affe in ihrem schönen, gestickten Linnen, nein, dem hielt selbst alle Großmutterliebe nicht stand. Frau Annemarie und Jimmy betrachteten sich gegenseitig mit Mißtrauen und Abneigung. So war es von Anfang an, und so blieb es.

Am wenigsten Unruhe im Hause verursachte das fremde Kind, nach dessen Angehörigen bisher erfolglos Nachforschungen angestellt worden waren. Die Mutter hätte gesagt, im schönen Schlesierland seien sie zu Hause, war alles, was Lottchen zu berichten wußte. Sie selbst hieß Lottchen Müller. Wie aber der Mädchenname ihrer Mutter und gleichzeitig der ihrer deutschen Großeltern gewesen war, das wußte das Kind nicht. Im »Riesengebirgsboten« war schon dreimal eine seltsame Annonce erschienen: »Angehörige der kleinen Charlotte Müller, siebenjährig, aus Ribeirao Preto in Brasilien gesucht. Meldungen bei Geheimrat Dr. Hartenstein, Berlin-Lichterfelde, Berliner Straße 20.«

Bisher waren die Annoncen erfolglos geblieben. Keiner meldete sich, der für Lottchen Müller verwandtschaftliches Interesse hatte. So blieb die Kleine vorläufig in Lichterfelde als Pflegekind des Kunzeschen Ehepaares. Frau Annemarie mit ihrem warmen Herzen hatte das verwaiste Kind an ihren eigenen Tisch mit aufnehmen wollen. Aber der besonnene Geheimrat hatte nach reiflicher Überlegung dafür gestimmt, daß man es bei Kunzes einquartierte. Aller Wahrscheinlichkeit nach stammte das Kind aus einfachen Kreisen. Es durfte in ihrem Hause nicht verwöhnt werden, daß es sich, falls die Verwandten gefunden wurden, auch nachher in bescheidenen Verhältnissen wohl fühlte. Kunzes hatten keine Kinder und waren glücklich mit dem Töchterchen. Lottchen war ein liebes, ruhiges Kind, das keine Mühe machte und Frau Trudchen schon manche kleine Handreichung abnahm.

»Unser Lotteken ist die beste von der janzen Tropengesellschaft!« Darin waren sich Kunzes einig.

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