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Nesthäkchen und ihre Enkel

Else Ury: Nesthäkchen und ihre Enkel - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchen und ihre Enkel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 9
printrun45. bis 48. Tausend
yearo.J.
firstpub1924
tillustratorProfessor A. Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine.Kreutz@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20131031
modified20141124
projectid99dbdda0
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7. Kapitel. Bei den Großeltern.

Nein, Europa war doch nicht häßlich. Selbst Anita konnte sich dem nicht verschließen. Der großväterliche Garten hatte sich mit seinen herrlichsten Blüten zu Ehren der einziehenden Enkelkinder geschmückt, als wüßte er, daß es eine Konkurrenz mit der fruchtbaren Tropenheimat der zwei galt. Die Syringen ließen ihre blauen und rötlichen Blütendolden in süßen Duftwellen herniedersickern. Der Goldregen gleißte und glänzte mit den Sonnenstrahlen um die Wette. Vergißmeinnicht, Goldlack und Stiefmütterchen besäumten den Weg. Und ein alter, knorriger Apfelbaum war eitel genug, sein rosenrotes Blütenkleid zum Empfang der Tropenkinder noch anzubehalten, trotzdem seine Gefährten es bereits abgestreift hatten. In der maigrünen Linde flötete, pfiff und jubilierte es von unsichtbaren kleinen Musikanten. Eine ganze Vogelkapelle hatte sich dort eingenistet, um den Kindern aus fremder Zone den Willkommensgruß zu bringen.

Marietta blieb mitten im Garten stehen und sah sich mit glücklichen Augen in dem kleinen Paradies um.

»Das ist deutsche Frühling, von das Mammi hat erzählt uns. Wo ist das Linde? Ich nicht kenne ein Linde.«

»Unser alter Lindenbaum – Fräulein Marietta Tavares« – übernahm die Großmutter lustig die Vorstellung.

»Oh – das ist das Linde?« Das junge Mädchen schien nicht sehr erbaut. Das war ein grüner Baum wie viele Bäume. Nicht einmal Blüten trug er. Warum hatte die Mutter nur immer so sehnsüchtig von der Linde im elterlichen Garten gesprochen?

»Palme ist mehr hoch – Palme ist mehr schön«, gab Anita unumwunden dem Ausdruck, was Marietta nur dachte.

An der Tür des Hauses, die Kunze mit einer Willkommensgirlande versehen, stand Frau Trudchen im hellen Waschkleide. Rundlich, sauber und appetitlich. Beide Hände streckte sie den jungen Ankömmlingen entgegen.

»Da sind sie ja, die lieben Kinderchen. Willkommen, junge Fräuleins, bei Jroßmamachen und Jroßpapachen!« Marietta wurde es warm zumute bei den herzlichen Worten. Sie faßte die verarbeiteten Hände, die sich ihr boten, mit freundlichem Gegengruß. Anita nickte nur herablassend mit dem Kopfe. Aber Frau Trudchen hatte keine Zeit mehr, darauf zu achten. Die unterbrach sich entsetzt: »Herrjotte doch – ein Mohr und ein Affe! Beißt er auch nicht?«

»Wer? Der Mohr oder der Affe?« lachte der Geheimrat sie aus. »Meine Tochter hat Homer, so heißt der schwarze Jüngling, mitgeschickt, daß er Ihnen die vermehrte Arbeit erleichtern soll, Frau Trudchen. Den Affen allerdings hätten sie drüben behalten können.«

»Den Schwarzen auch. Lieber Tag und Nacht arbeiten, als mit solch graulichem Rabenjesicht zusammen.« Zum Glück verstand Homer nichts von der ungastlichen Begrüßung der sonst so freundlichen Frau.

»Also das ist Anita, und das ist Marietta. Hier kommt noch Miß Smith und das kleine Lottchen – und dies hier ist unsere liebe Frau Trudchen, die für uns voller Treue sorgt«, stellte die Großmama vor.

»Ach Jotte doch, Frau Jeheimrat, das is ja nicht mehr als meine Schuldigkeit«, wehrte Frau Trudchen bescheiden ab.

» How do you do?« quetschte die Miß höflich durch die Zähne. Sie sprach so, als ob sie jedes Wort kaute.

Frau Trudchen sah sie erstaunt an. Sagte die »du« zu ihr? Kunze lud das Gepäck ab. Himmel, was gab es da für Koffer. Große und kleine, Kisten und Schachteln. » My boxes – my tub« – die Engländerin trat nicht eher ins Haus, als bis all ihre Habseligkeiten abgeladen waren.

Drin in der Diele mit den hellen Peddigrohrmöbeln und den grünen Schlingpflanzen hatte die Großmama die Enkelkinder liebevoll an das Herz gezogen. »Möget ihr unser Haus zu einer guten Stunde betreten, meine lieben Kinder, und euch heimisch und wohl bei uns fühlen!« sagte sie innig. Marietta erwiderte ihre Liebkosung, während Anita neugierig die Einrichtung musterte.

Droben in Ursels ehemaligem, hübschem Mädchenzimmer hatte die Großmama die Enkelinnen untergebracht. Da war noch alles so, wie es einst gewesen.

»Hier hat auch eure Mutter als junges Mädchen gewohnt«, erläuterte die Großmama.

»Oh, ist schön, sehr schön«, bewunderte Marietta. Sie hatte daheim in Brasilien ein größeres, eleganteres Zimmer, aber es war lange nicht so anheimelnd wie dieses.

»Ist klein, sehr klein. Wo sollen stehen Koffer? Muß man nehmen Möbel heraus«, überlegte Anita als praktische Amerikanerin.

»Das Dutzend Koffer wandert auf den Boden, Anita, die Sachen werden wir, soweit es geht, in den Schränken unterbringen. Draußen auf dem Treppenflur steht auch noch ein alter Schrank von meiner verstorbenen Mutter«, überlegte die Großmama. »Ihr habt viel zuviel mitgeschleppt.«

»Oh, wenig, sehr wenig. Wir werden kaufen hier in Deutschland. Ist mehr billig als in Brasilien.«

»Macht mich nicht unglücklich, Kinder. Ich weiß schon sowieso nicht, wo ich mit eurem Kram hin soll«, widersprach die Großmama lachend.

Anita hatte inzwischen weiter Umschau in dem Zimmer gehalten.

»Muß sein andere Bett. Kann nicht schlafen, nicht ich, nicht Marietta hier in Bett.«

»Warum denn nicht? Was hast du daran auszusetzen?« Gegen ihren Willen klang es etwas gereizt. Hatte Frau Annemarie doch ihr schönstes Bettlinnen mit den noch von ihrer Mutter selbstgearbeiteten Spitzenecken für die Enkelkinder bezogen.

»Ist Federbetten – zu schlafen zu heiß. Fehlt Moskitonetz. Muß sein andere Bett«, beharrte Anita.

Jetzt mußte Frau Annemarie wieder lachen. »Wenn du weiter keine Sorgen hast, du Tropenkind, das braucht dich nicht zu bekümmern. In den Federbetten wirst du herrlich schlafen. Und ein Moskitonetz ist für unsere harmlosen Stubenfliegen auch nicht vonnöten.«

Trotzdem betrachtete Anita mißtrauisch die Betten. Auch die Waschtoilette erfreute sich nicht ihres Beifalls. »Ist kein Wasser, Marietta, kein Wasser zu fließen. Schüssel für Seife nicht bonito. Nicht von Silber, ist weiß, ist häßlich«, kritisierte das im Luxus aufgewachsene Mädchen ungeniert, auf das weiße, saubere Porzellangeschirr weisend. Daheim in Brasilien hatte man die Waschgarnitur in Alpakkasilber.

»Ich finde es schön hier in kleines Stube, mich gefallen gut.« Es kam nicht oft vor, daß Marietta anderer Meinung war als die Schwester. Aber das Fehlen des Moskitonetzes schien auch ihr ein großer Übelstand. »Wir werden binden fest Schleier an Bett«, überlegte sie.

Inzwischen hatte Miß Smith ihre boxes und ihre tub in das nebenliegende Zimmer, das ihr angewiesen worden, schaffen lassen. Sie machte weniger Ausstellungen als ihre Zöglinge. Nur daß die Fenster nicht zum Herauf- und Herunterschieben eingerichtet waren wie in England und Amerika, empfand sie als einen Mangel Deutschlands.

Marietta trat auf den kleinen, mit Tausendschönchen bepflanzten Balkon, auf dem höchstens zwei Personen Platz hatten. Sie schaute über die maigrünen Wipfel, zu dem zartblauen Himmel hinauf, an dem Lämmerwölkchen sich tummelten, der ganz andere Färbung hatte als der heimatliche Tropenhimmel. Über Dächer hinweg sah man ins Weite, ins Grüne. Saatfelder, keine Kaffee-, Zucker-, Tabak- oder Baumwollplantagen, wie sie es von den Tropen her kannte, breiteten sich in lenzverheißender Fruchtbarkeit. Und fern am Horizont umschloß sie ein blaugrüner Gürtel. Das mußte der Wald sein – der deutsche Wald. Wie oft mochte ihre Mutter hier gestanden und in die Ferne geträumt haben, ohne zu ahnen, daß das große Wasser sie einst von all dem, was ihr lieb war, trennen würde. Oh, war die Luft hier gut und würzig. Kühl und herb umfächelte der Wind ihre Schläfen. Marietta hatte ein Gefühl, als müsse sie die Arme ausbreiten und das liebe Land da vor ihr, das Land ihrer Mutter, an ihr Herz ziehen. Fest fühlte sie sich mit ihren Wurzeln in seinem Boden verwachsen.

»Was gibt's hier zu sehen?« Portugiesische Laute weckten die junge Träumerin aus ihrer Versunkenheit. Anita steckte neugierig den schwarzen Kopf heraus. »Puh – ist kalt hier. Und langweilig. Man sieht ja nichts weiter als ein paar Häuser und Gärten«, meinte sie enttäuscht.

»Das ist die Wald, Nita, die deutsche Wald.« Es wäre Marietta jetzt unmöglich gewesen, portugiesisch zu antworten.

»Wo? Ich sehe nichts.«

»Da – weit hinter Plantagen, ganz weit, wo ist Himmel.«

»Das?« machte Anita wegwerfend. »Ist nicht so groß wie Urwald.«

»Aber es ist die deutsche Wald – – –.« Zum erstenmal in ihrem Leben fühlte sich Marietta von ihrer Zwillingsschwester nicht verstanden. Da war ein Gefühl in ihr, das Anita nicht teilte, irgend etwas, was der Schwester fremd und gleichgültig blieb. Etwas, was sie trennte.

»Nun, haltet ihr Umschau von eurem neuen Reiche aus, meine Mädel?« Die Großmama trat in die offene Tür. »Gottlob, daß ich hier oben wieder junges Volk habe. Aber nun zu Tische. Der Großpapa ist nicht gewöhnt, daß man ihn warten läßt. Und Frau Trudchen ebensowenig. Nach dem Essen könnt ihr dann aus Auspacken gehen.«

»Wir?« fragte Anita verwundert.

»Ja, wer denn sonst?« gab die Großmama ebenso verwundert zurück. »Vielleicht ist Miß Smith so freundlich, die Oberaufsicht zu übernehmen, daß alles an seinen richtigen Platz kommt. Ich selbst bin ein wenig abgespannt von der Reise. Ich muß nach Tisch erst ein Stündchen ruhen. Ja, ja, man merkt doch die Jahre schon!« Sie lächelte ein liebes, etwas wehmütiges Lächeln.

»Wir sollen packen aus Koffer?« Anita vermochte diese ungeheuerliche Zumutung nicht zu fassen. »Ist da Diener und Dienerin, zu tun es.«

»Nein, mein liebes Kind, dazu haben wir keine Bedienung. Frau Trudchen und ihr Mann haben reichlich andere Arbeit. Hier muß jeder selbst Hand mit anlegen.« Das war es, wovor Frau Annemarie heimlich ein wenig gebangt. Würden sich die verwöhnten, in Reichtum und Luxus aufgewachsenen Kinder ihrem bescheidenen Heim einfügen?

»Muß sein lustig, Nita, zu packen aus Koffer«, wandte sich da Marietta überredend an die Zwillingsschwester. Teils, weil es ihr wirklich ganz lustig erschien, die hübschen Sachen, welche die Koffer in ihren Tiefen bargen, selbst ans Licht zu befördern, teils, um dem Wunsch der Großmama nachzukommen.

Anita schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Du bist eine Tavares, Marietta, vergiß das nicht!« sagte sie mahnend. Worauf die Schwester errötend verstummte.

Nein, so schwer hatte es sich Frau Annemarie doch nicht gedacht. Ein verwöhntes Kind war durch vernünftige Erziehung in die richtigen Bahnen zu leiten. Aber wenn dummstolzes Standesvorurteil stets neue Hindernisse auftürmte, wie sollte man dagegen ankämpfen?

»Höre, Anita,« begann die Großmama liebevoll, »du bist groß genug, um zu verstehen, daß in den verschiedenen Ländern verschiedene Sitten herrschen. Du bist hier in Deutschland, um bei uns deutsches Leben und deutsches Wesen kennenzulernen. Mache es mir nicht zu schwer, Kind!« Das war gütig und offen gesprochen.

Auf Marietta blieben die Worte der Großmama nicht ohne Eindruck. Ihre schwarzen Augen sahen bittend auf Anita.

»Gut, ich will lernen kennen deutsche Leben, aber bleiben Amerikanerin!« räumte diese ein.

»Das sollst du auch, Anita. Aber Amerikanerinnen tun selbst etwas. Die lassen nicht andere für sich arbeiten. Amerika ist das Land, in dem nur Arbeit etwas gilt. Man spricht dort vom Selfmademan. Dasselbe gilt auch für die amerikanische Frau.«

»Nicht für eine Tavares.« Da war er wieder, der portugiesische Ahnenstolz. »Arbeit ist gut für armes Frau. Vornehme Damen nicht arbeiten. In Sao Paulo keine reiche Dame wird arbeiten. Für Arbeit ist Mulatte und Neger.«

»Und eure Mutter?« Frau Annemarie mußte diese Frage tun. Trotzdem sie ja wußte, daß ihre Ursel niemals der Arbeit besonders hold gewesen. Hatte man sie doch scherzweise früher daheim das »Prinzeßchen« genannt.

»Unsere schöne Mammi nicht arbeitet!« rief Anita lebhaft.

»Mammi studiert die Musik. Mammi geht in Kolonie von deutsche Arbeiter, zu helfen«, erklärte Marietta eifrig. Nein, die Großmama sollte keine schlechte Meinung von der geliebten Mutter bekommen.

Frau Annemarie mußte über Mariettas Verteidigung lächeln. Sie wurde ihr nur noch lieber, kam ihr nur noch näher durch diese innige Zuneigung für die Mutter. »Musikstudium und soziale Hilfsbereitschaft ist auch Arbeit. Ein jeder muß seine Tätigkeit dem Platz, auf den er gestellt ist, anpassen. Aber man soll vor keiner Arbeit zurückscheuen, sich für keine zu gut halten.« In ihrem ganzen Leben hatte Frau Annemarie noch nicht so lange Moralpredigten gehalten. Dabei blieb es mehr als zweifelhaft, ob die brasilianischen Enkelkinder alles verstanden hatten.

Ein Pochen an der Tür beendete die Unterhaltung.

»Frau Jeheimrat, die Suppe steht auf'm Tisch. Und was unser Herr Jeheimrat is, wird unjemütlich, wenn sie kalt wird«, rief Frau Trudchen.

»Ja, ja – wir kommen schon, Trudchen. Flink, Kinder, bürstet euch das Haar und wascht euch die Hände. Der Großpapa liebt Pünktlichkeit.« Damit war Frau Annemarie schon an der Tür. Selbst sie, die einst durchaus nicht immer Pünktliche, hatte in den langen Ehejahren genaue Zeitinnehaltung von ihrem Manne übernommen.

»Wir nicht können gehen mit Reisekleider zu dinner. Wir müssen anziehen schöne Kleider«, wandte Anita ein. Die Tavaresschen Kinder waren es gewöhnt, sich zum Essen, an dem der Vater teilnahm, besonders hübsch zu machen.

Frau Annemarie stand zwischen Angel und Tür. »Hier in Deutschland ist es nicht nötig, sich zum Essen anzuputzen. Nur sauber und ordentlich muß man bei Tisch erscheinen. Ja, Rudi, wir kommen schon!« rief Frau Geheimrat in das Erdgeschoß hinab, denn die Stimme des Gatten klang ungeduldig herauf.

Das »wir« beschränkte sich vorläufig nur auf sie selbst und die Miß. Die jungen Mädchen ließen auf sich warten. Die Suppe war ausgeteilt, sie geruhten noch immer nicht zu erscheinen.

» The girls are dressing for dinner«, hatte die Miß als Entschuldigung für das Ausbleiben ihrer Zöglinge geäußert.

»Ich habe ihnen doch gesagt, daß dies bei uns nicht nötig ist. Sie müssen die Essensstunde pünktlich innehalten.« Frau Annemarie bekam rote Flecke auf den Wangen. Sie war ärgerlich. Auf die Enkelinnen sowohl wie auf die Engländerin. Dieselbe hatte als Erzieherin doch die Pflicht, auf die Mädel einzuwirken, anstatt hier mit Gemütsruhe ihre Suppe zu löffeln.

Dem Geheimrat schmeckte es nicht. Er hatte sich auf die erste Mahlzeit daheim mit den Kindern seiner Ursel gefreut. Ja, sogar einen ärztlichen Besuch, der nicht eilte, auf den Nachmittag verschoben, um die Gemütlichkeit des ersten Beieinanders nicht zu stören. Nun fehlten sie. Drohende Wolken, die Frau Annemarie kannte, zogen sich unheilverheißend auf seiner Stirn zusammen. Noch entlud sich das Wetter nicht. Als kluge Frau pflegte Frau Annemarie bei derartigen Gelegenheiten vorzubeugen.

»Miß Smith, würden Sie so liebenswürdig sein, meinen Enkelinnen zu sagen, sie möchten sofort zu Tische kommen«, wandte sie sich an die den Löffel aus der Hand legende Engländerin in ziemlich energischem Tone.

Miß Smith machte ihr » shocking«-Gesicht. Sich während der Mahlzeit von Tische zu erheben, das war nicht ladylike. Sie blieb steif und unbeweglich. Kaum die Lippen bewegte sie, als sie antwortete: » The girls will come when they are full-dressed.«

Das war zuviel für den Geheimrat. Ärgerte er sich doch sowieso innerlich, daß die Miß an seinem deutschen Tische englisch sprach. Er sprang auf. »So werde ich die Kinder holen.« Ehe seine Frau ihn zurückhalten konnte, war er hinaus. Frau Geheimrat Hartenstein blickte vorwurfsvoll auf die Miß. Die aber schien durchaus nicht schuldbewußt. Im Gegenteil, der Ausdruck ihrer Mienen sagte deutlich, daß sie das Verhalten des alten Herrn durchaus nicht gentlemanlike fände.

Nicht lange dauerte es, da erschien er wieder, an jedem Arm eine Enkelin. Anita in grüner, Marietta in mattrosa Seide. Anita lachend und strahlend, Marietta ein wenig schuldbewußt. Die Wolken auf des Großvaters Stirn waren verschwunden.

»Ein Teufelsmädele, das Annele, macht mit ihrem alten Kavalier halt, was sie will«, lachte er. »Na, wo bleibt der Kuß, zum Dank, daß ich euch feierlich eingeholt habe?«

»Doces – Süßes es gibt erst am Schluß von dinner«, lachte die Enkelin, und ihre weißen Perlenzähne blitzten in dem bräunlich schönen Gesicht.

Die beiden jungen Mädchen nahmen die ihnen angewiesenen Plätze ein. Anita zur Seite des Großvaters, Marietta neben der Großmama. Bittend legte Marietta ihre schmale Hand auf die Frauenhand.

»Großmama, bitte, nicht sein böse, morgen wir werden kommen zu Essen auf das Minute«, sagte sie entschuldigend.

»Das wollen wir uns halt auch ausbitten, Mariele«, polterte der Großvater, aber er schmunzelte dabei. »Unsere Hausordnung lassen wir uns von zwei Tropenpflänzchen nimmer auf den Kopf stellen.«

»Aber morgen im einfachen Hauskleid, Kinder, darum bitte ich. Solche Maskerade ist nichts für unser bescheidenes Mittagbrot. Unser Kohl und unsere Brühkartoffeln müßten sich ja vor solcher Eleganz schämen. In hellseidenen Kleidern geht man bei uns zum Ball. So junge Dinger wir ihr brauchen überhaupt noch keine Seide zu tragen.« Frau Annemarie war nicht gewöhnt, mit ihren Empfindungen zurückzuhalten.

»Oh, in Brasilien kleine Babys tragen schon Seide, weil es ist am meisten leicht«, meinte Marietta erstaunt.

»Wir haben fast nur Kleiders von Seide. Findet die Großmama nicht schön?« Anita machte ein noch viel erstaunteres Gesicht.

O ja, ganz entzückend sahen sie beide aus. Marietta mit ihrem kastanienbraunen Haar, das wie Gold in der Maisonne schimmerte, mit dem zarten Gesichtchen, wirkte wie ein Bild in blaßrosa Rahmen. Mit Gewalt löste die Großmama das Auge von der liebreizenden Enkelin und ließ es zur Suppenterrine wandern.

»Frau Trudchen wird so gut sein, euch die Suppe heute nochmal aufzuwärmen. Seid ihr wieder unpünktlich, müßt ihr mit kalter Suppe fürlieb nehmen«, sagte sie scherzhaft.

»Oh, wir nicht brauchen Suppe. Nicht, Jetta, nicht mich liebt Suppe. Werden wir essen gleich Pasteten«, schlug Anita vor.

»Pasteten – was für Pasteten?« Die Großmama lachte ihr herzliches, noch so jung klingendes Lachen.

»Gibt es nicht Pastete in deutsche Land?«

»Freilich, halt zu Gesellschaften. Aber nit bei einem bürgerlichen Mittagessen, Annele«, erklärte der Großpapa.

»Oh, ist sehr schade«, bedauerte die Enkelin. »Pastete ich esse mehr lieb als Suppe.«

Frau Trudchen brachte die gewärmte Suppe. »Jotte doch!« sagte sie und faltete andächtig die Hände über der steifen, weißen Schürze, als sie die jungen Mädchen in ihrem Staat erblickte.

»Ja, Trudchen, vor solchen feinen Kleidern müssen wir uns mit unserem einfachen Essen verstecken, nicht wahr?« meinte Frau Geheimrat lustig.

Frau Trudchen nahm Spaß für Ernst. »Is man jut, Frau Jeheimrat, daß Kunze noch die Mathilde jeschlachtet hat.« Bei Geheimrats hatten alle Hühner Namen und gehörten zur Familie. »Und 'n Flammeri hab' ich auch noch jemacht für die lieben Kinderchen.«

»Na, mit der gebratenen Mathilde und einem Flammeri werden wir ja allenfalls vor den Seidenkleidern bestehen können«, lachte die Großmama. »Wie geht es denn Ihren Pflegebefohlenen, Trudchen? Lassen sie es sich schmecken?«

»Ach Jott, das Lotteken, das is ein liebes Ding. Wenn es keine Sünde wäre, möchte man wünschen, daß sich ihre Verwandten jar nich erst melden würden auf die Annonce in der Zeitung, wo unser Herr Jeheimrat jemacht hat. Kunze und ich, wir täten sie jleich behalten. Aber was der Schwarze und der Affe is, Frau Jeheimrat, das is 'n Theater. Die beiden Biester fressen sich jejenseitig allens weg. Die Zähne fletschen sie um die Wette. Aber was der Homer is, scheint ja soweit janz jutartig zu sein. Kunze hält sich die Seiten vor Lachen. Aber mir ist die Sache noch 'n bißchen gruselig.«

»Na, das ist ja schön, daß Sie sich mit der exotischen Einquartierung abfinden. Nun bringen Sie uns die Mathilde«, beendete Frau Annemarie die etwas weitschweifigen Ausführungen der Getreuen. Denn wenn Frau Trudchen erst mal aufgezogen war, fand sie so leicht kein Ende.

Die Mathilde erschien, goldbraun und knusprig. Der Großvater, als geübter Chirurg, zerlegte sie eigenhändig mit der Geflügelschere. Großmama teilte jedem auf. So war's im Hause ihrer Eltern Brauch gewesen, so hielt sie's auch. Die gute, alte Sitte hatte sie beibehalten.

Die Enkelkinder machten große Augen.

»Ißt der Großpapa ganz allein das Mathilde?« erkundigte sich Marietta. »Bei uns nicht heißt Mathilde, heißt Gallinha«, sie zeigte auf das gebratene Huhn.

»Hier heißen die Hühner für gewöhnlich auch nicht Mathilde.« Wie herzlich die Großmama lachen konnte.

»Bei uns Köchin tranchieren, und Diener präsentiert Schüssel.« Fräulein Anita erschienen die Gepflogenheiten im großväterlichen Hause nicht vornehm genug.

»Hier ist der Großvater die Köchin, und 's Großmutterle präsentiert die Teller, gelt, meine Alte?« Liebevoll nickte der Großpapa seiner Frau zu. Er war wieder in bester Laune. Nur die Miß mit ihrer mißmutigen Laune störte ihn etwas.

Die »Mathilde« war verzehrt und hatte allgemein gut gemundet. Wenn auch die Tropenkinder den Olivensalat und »Farosa«, eine pikante brasilianische Beilage, dazu vermißt hatten.

Aber Frau Trudchens Grießflammeri erfreute sich nicht des Beifalls der jungen Gäste. Marietta zwang sich aus Höflichkeit, ihn zu essen. Anita schob nach dem ersten Bissen den Teller fort.

»Deutsche Doces nicht bonito – nicht gut. Ist Farinha, wir streuen auf Bohnen. Soll Donna Trudchen bringen andere Doces«, sagte sie in befehlendem Ton.

»Anita, wir sind hier nicht im Restaurant. Wir haben keinen Speisezettel zur Auswahl. Was auf den Tisch kommt, wird gegessen«, sagte die Großmama in bestimmtem Ton.

»Ich nicht liebe das.« Anita war nicht zum Weiteressen zu bewegen, trotzdem auch die Miß mißbilligend meinte, es sei nicht ladylike, etwas stehenzulassen.

»Ja, mein Herzchen, da wirst du aber nicht satt werden.« Die Großmama zuckte bedauernd die Achsel, während der Großpapa »Gesegnete Mahlzeit« wünschte.

»Ist schon zu Ende?« Nein, das konnte sich das im Überfluß aufgewachsene Mädchen gar nicht vorstellen. »Fehlt Pastete, fehlt Fisch, fehlt Beef, fehlt Käse, fehlt Mokka. Hungern die Menschen in deutsche Land?«

»O ja, es gibt hier auch Menschen, arme Menschen, die hungern müssen. Aber nicht, wenn sie Suppe, Huhn und Flammeri gegessen haben.« Frau Annemarie war mit Recht ärgerlich, daß die verwöhnte Enkelin das tadellos zubereitete Essen so wenig würdigte. Gut, mochte sie ruhig noch nicht gesättigt sein. Hunger war der beste Erzieher zum Essen.

»Wir sollen liebe Großmama bitten, zu zeigen uns Meierzimmer, unsere Mammi hat gesagt«, unterbrach da Marietta ihre pädagogischen Überlegungen.

»Meierzimmer – – – Meier – – –?« Die Großmama verstand beim besten Willen nicht. »Rudi, was kann das Kind meinen? Wir haben doch nie einen Meier im Hause gehabt.«

Aber auch der seine Pfeife stopfende Großpapa wurde nicht daraus klug.

»Alte Meierzimmer, wo sind alte schöne Sachen von alte Zeit«, erläuterte die Enkelin.

»Ach, das Biedermeierzimmer – Rudi, sie meint meine Biedermeierstube!« Die Großmama lachte, daß ihr die Tränen in die blauen Augen traten. »Also kommt, wenn ihr mein Heiligtum sehen wollt.«

Neugierig folgten die Mädel. Die Mutter hatte ihnen soviel von dem Biedermeierzimmer mit allen seinen lieben Erinnerungen erzählt, daß sie sich darunter ein kleines Märchenreich vorstellten. Natürlich waren sie enttäuscht, vor allem Anita. »Altes Möbel, keine Seide, kein Leder auf Sessel – nicht gefällt mir. Ist eng, ist voll, Bilder nicht schön, nicht vornehm.« Daheim hatten sie große Ölgemälde.

»Diese Bilder, die du nicht schön und nicht vornehm findest, Anita, sind deine Urgroßeltern. Dies alte Bild zeigt meine Großmutter, eure Ururgroßmutter. Das ist eure Ahnengalerie. Wenn die Lieben, Guten es gewußt hätten, daß mal zwei Nachkömmlinge aus Brasilien kommen und ihre Bilder nicht schön genug finden würden.« Frau Annemarie sprach mehr zu sich als zu den Kindern.

Aber Marietta hörte oder sie empfand vielmehr das Wehmütige in ihrem Ton heraus.

»Oh, ist schön, kleines Meierzimmer, moito bonito. Nita, sieh die schönen Tassen in Glaskasten.« Sie wies auf das Glasvertiko mit den antiken Goldtäßchen.

»Werden wir trinken aus Goldtassen?« erkundigte sich die Schwester.

»Nein, Kind, die sind nur zum Anschauen, ich wäre traurig, wenn mir eine entzweiginge.«

»Dann nicht schön, wenn nicht zum Trinken.« Anita zeigte in jedem Zuge das nüchterne, nur auf das Praktische gestellte Amerikanerkind.

»Was ist für kleines, hübsches Tisch?« Marietta, die voller Neugierde in alle Ecken des von ihrer Mutter so hochgehaltenen Raumes umherspähte, wies auf das Erkerplätzchen am Fenster.

»Das ist mein Nähtischchen. Siehst du, mein Herzchen, da habe ich euch alle bei mir, wenn ich hier sitze und nähe.« Die Großmama wies auf den Familienrahmen.

»Ist Nähtisch Nähmaschine?« erkundigte sich Anita sachlich.

»Nein, das ist ein Tischchen, in dem ich meine Nähsachen habe, an dem ich sitze und arbeite«, erklärte die Großmama.

»Vornehmes Dame in Brasilien hat nicht Nähtisch.« Anita war mit dieser Einrichtung nicht einverstanden.

»Und wer näht dort, wer bessert etwas aus, wenn es entzwei ist?«

»Wird nicht gebessert, wird getan fort, kauft man neu.«

»Und wenn man kein Geld dazu hat?«

»Muß man verdienen Geld.« Das war für eine Amerikanerin das einfachste Ding der Welt.

Die Großmama lachte. »Ei, Anita, das sollst du mir einmal vormachen, wie du Geld verdienen willst, wenn du nichts verstehst, als nur die vornehme Dame zu spielen.«

»Muß man heiraten reiches Mann.« Auch das war für Anita etwas ganz Selbstverständliches.

»Ja, Kind, da haben wir hier in Europa eben ganz andere Anschauungen. Wir bessern lieber unsere Sachen aus, als daß wir einen Mann nur seines Geldes wegen heiraten. Aber nun haben wir genug geschwatzt. Jetzt sollt ihr eure Sachen auspacken. Eure alte Großmama braucht ein Stündchen Ruhe.« Sie nickte den Enkelinnen liebevoll zu.

»Wir haben junges Großmama, nicht altes.« Marietta sah sich noch einmal in dem Biedermeierzimmer um. »Kleines Stube ist lieb, ich werde kommen besuchen Großmama oft.«

»Ja, das tu, mein Liebling.« Während sich Frau Annemarie auf ihrem grünen Ripssofa unter der Ahnengalerie ausstreckte, dachte sie: »Marietta hat doch mehr deutsches als amerikanisches Blut in den Adern.«

Inzwischen waren die jungen Mädchen in den Garten hinausgetreten. Die Mailuft war köstlich. Die Sonne schien warm und golden.

»Es ist kalt in Deutschland.« Anita fröstelte. Sie sprach wieder portugiesisch.

»Es ist wie im Winter in Brasilien, Nita. Ich finde es angenehmer als die Tropenhitze. Aber nun komm. Wir müssen unsere Sachen auspacken.«

Anita warf sich in einen Lehnstuhl, der mitten auf dem Rasen zwischen Gänseblümchen in der Prallsonne stand. Es war noch derselbe, auf dem ihre Mutter als Mädchen so gern geruht hatte.

»Oh, moito bonito! Hier ist gut, hier ist warm.«

»Anita, wir werden mit dem Auspacken nicht fertig«, drängte Marietta.

»Homer kann auspacken. Homer und die Miß sollen es tun. Mir macht es mehr Spaß, hier zu liegen.«

»Großmama wird nicht damit einverstanden sein, Nita. Sie ist so lieb. Wir wollen sie doch nicht betrüben.«

»Wenn die Sachen ausgepackt sind, kann es ihr ganz gleich sein, wer es getan hat.« Das junge Mädchen rührte sich nicht. »Ein Glied der Tavaresschen Familie tut keine Bedientenarbeit.«

»Hier in Deutschland tun es die Damen selbst, Nita, sagt die Großmama.« Marietta zögerte, überlegte, und dann fügte sie schnell hinzu: »Gut, wenn du nicht mitkommst, gehe ich allein.«

»Du gehst allein, Jetta?« Anita sah so erstaunt und mißbilligend drein, als hätte ihr die Zwillingsschwester die Mitteilung gemacht, allein nach dem Nordpol reisen zu wollen. Sie waren gewöhnt, alles gemeinsam zu tun. Wo die eine war, blieb auch die andere. Marietta tat stets das, was Anita wünschte. Und nun wollte die Schwester plötzlich eigene Wege gehen – war das die deutsche Luft, die sie so veränderte?

»Schön, ich komme mit. Aber ich sehe nur zu und ordne an, wie unsere Mammi das auch tut«, überlegte Anita, sich erhebend. –

Homer war ein anstelliger, kleiner Kerl. Er half Kunze ein Gitterhäuschen für Jimmy bauen. Denn diesem war sein enger Reisekäfig längst unbehaglich. Der Vierhänder war an größere Freiheiten im Tropenlande gewöhnt. Er rüttelte an den Stäben und schien von Europa, trotzdem die Küche Tropenwärme aufwies, durchaus nicht begeistert. Homer öffnete gutmütig die Tür zu seinem Gefängnis. Mit einem Satz war Jimmy draußen und auf der Schulter des jungen Mulatten. Er begann in dessen schwarzem Wollhaar zu wühlen.

Lottchen, die Frau Trudchen Löffel, Gabel und Quirle abtrocknen half, machte ein erschrecktes Gesicht. Sie hatte vor dem Äffchen Angst. Auch Frau Trudchen blickte mit Mißbehagen auf ihn. »Kunze, jetzt bringt die schwarze Jesellschaft uns jar noch Unjeziefer ins Haus. Sperr' ihn wieder ein, das Biest. Es ist mir unjemietlich, wenn es mir so tückisch anblinzelt.«

»Jotte doch, so 'n harmloses, kleines Tierchen. Hab' dir doch nich, Olle. Sieh bloß mal, wie drollige Jrimassen es schneidet. Der tut doch nischt. Lotteken, du brauchst keine Angst nich zu haben«, versuchte Kunze seine Ehehälfte und das kleine Mädchen zu beruhigen. Er bastelte weiter an Jimmys Palast.

Frau Trudchen spritzte mit dem Spülwasser ärgerlich.

»Kunze, du hast auch nischt weiter als Flausen in dein ollen Kopp. Nimm dich lieber 'n Handtuch und hilf mich das Jeschirr überseite bringen. Spät jenug is 's nu jrade. Anstatt dir mit Affen und sone Ausländer abzujeben. Und was der Schwarze is, der könnte auch was Jescheiteres tun, als sich von dem Affenjesicht – – –.« Frau Trudchen kam nicht weiter in ihrer ärgerlichen Rede. Denn durch das stille Haus läutete es plötzlich Sturm.

»Herreje, wer macht denn jetzt so 'n Höllenradau, wo unser Jeheimrat und die Jeheimrätin sich 'n bißchen aufs Ohr jelegt haben!« Kunze und Frau Trudchen zeigten entsetzte Gesichter. »Kunze, jeh bloß mal nachsehen. Das muß oben bei die Tropenfräulein sein.«

Kunze setzte sich in Bewegung, während die Klingel unausgesetzt weiter schrillte. Der Geheimrat riß ärgerlich die Tür auf: »Zum Kuckuck noch eins – wo brennt's?« Frau Annemarie sprang mit jugendlicher Elastizität von dem grünen Ripssofa, daß die Ahnengalerie an der Wand ins Wackeln geriet.

Vom oberen Stockwerk erklang Anitas Stimme. »Homer – Homer – wo bleibst du denn?« In portugiesischer Sprache rief sie es. Sie war nicht daran gewöhnt, daß ihr Klingeln nicht beachtet wurde. »O Donna Anita –.« Der kleine Neger wußte nicht, wie schnell er die Treppe heraufkommen sollte. »Homer hat nicht gewußt, daß Donna Anita gerufen.«

»Fürs nächstemal weißt du es!« Man hörte zwei Ohrfeigen knallen, dem ein unterdrückter Schmerzenslaut des kleinen Negers folgte.

»Na, das ist halt stark!« Der aus seinem Schläfchen aufgestörte Großvater stieg kopfschüttelnd die Treppe hinauf. Die Großmama folgte. Droben stand Homer und hielt sich die geschlagene Wange, während Anita mit zornigen Augen auf die Koffer wies.

»Auspacken!« befahl sie.

»Höre mal, mein Kind, in meinem Hause werden Untergebene nimmer geprügelt. Das mag in Amerika, wo die Sklaverei ja noch nit allzu lange abgeschafft ist, vielleicht noch Mode sein. In unserem zivilisierten Europa nimmer. Verstehst?«

O ja, Anita verstand. Sie sah, daß der Großpapa sehr aufgebracht war. »Er hat nicht gehorsam mir«, erklärte sie. »Er soll packen aus Koffer und hat nicht gekommen.« Wieder überflog Zornesröte das junge Gesicht.

»Tust du immer das, was man von dir wünscht, Anita?« fragte die Großmama mit einem sprechenden Blick auf die noch unausgepackten Koffer.

»Homer ist Diener, hat zu gehorchen. Ich bin eine Tavares.« Anita warf den Kopf mit dem schwarzen Haargelock hochmütig zurück.

»Ein dummes Mädle bist, ein blitzdummes! Ein Kind, das erzogen werden muß. Ich verlange von dir, daß du Homer um Entschuldigung bittest.« Hochmütige Standesunterschiede konnte der gerecht denkende Mann, für den arm und reich gleich galt, für den Tod nicht leiden.

»Ich bitten Homer?« Anita lachte laut auf. So komisch kam ihr diese Aufforderung vor.

»Es ist mein Ernst«, beharrte der Großvater. »Also vorwärts.«

»Eher ich gehe zurück nach Sao Paulo.« Wieder flogen die schwarzen Locken temperamentvoll in den Nacken.

»Das ist weniger einfach, als um Entschuldigung zu bitten. Ich warte.« Niemals hätte Anita gedacht, daß der Großvater, der so lieb zu ihr gewesen, so streng sprechen könnte. Aber damit erreichte er bei dem Starrkopf nur das Gegenteil.

Jetzt mischte sich die Großmama als Friedensengel hinein.

»Ich werde Anita zur Vernunft bringen, Rudi. Du brauchst deine Nachmittagsruhe bei deinem schweren, verantwortungsvollen Tagewerk. Lege dich wieder hin, mein guter Mann«, bat sie mit Mund und Augen.

Der Geheimrat verstand die Absicht seiner Frau, das Mädel nicht gleich am ersten Tage gar so scharf anzufassen.

»Na ja, hm, versuch' halt du dein Heil, Fraule«, brummte er einverstanden und begab sich wieder hinunter in sein Zimmer.

Droben fühlte die Großmama, noch ehe sie die unterbrochene Verhandlung mit der Enkelin wieder aufnehmen konnte, Mariettas kleine, kalte Hand bittend in der ihren.

»Großmama, bitte, bitte, nicht sein böse auf Nita. Nita ist nicht schlecht, ist nur schnell zornig. Sie gibt Homer oft Schokolade und Kuchen, wenn sie hat geschlagen ihn. Nita ist nicht schlecht – Nita ist gut!« So bat Marietta für ihren Zwilling.

»Damit macht sie ihre ungehörige Handlungsweise nicht wieder gut, Kind. Was hat denn eure Mutter dazu gesagt, wenn sie den armen Homer schlägt?«

»Mammi nicht weiß das«, sagte Marietta wahrheitsgemäß.

»Und die Miß? Wo ist denn Miß Smith überhaupt?«

»Hat sich gelegt zu schlafen, hatte müde von Reise.«

»Na, das muß ein gesegneter Schlaf sein, wenn sie bei dem Radau nicht aufgewacht ist«, entfuhr es der impulsiven Frau Annemarie. »Nun höre, Anita, ich will dir die Entschuldigung erlassen«, – die kluge Frau wußte noch von ihrem eigenen Nesthäkchen her, daß man Eigensinn nur mit Güte, nicht mit Gewalt zu brechen vermochte. »Wenn du erst längere Zeit bei uns im Haus bist, wirst du es kennenlernen, daß wahre Vornehmheit sich darin zeigt, wie man seine Untergebenen behandelt. Aber das eine verlange ich von dir, daß du Homer nie mehr schlägst. Versprichst du mir das?«

»Ja«, sagte Anita mit vollem Blick und legte die Hand bekräftigend in die der Großmama. Daß die Großmama sie nicht zu der Entschuldigung zwang, hatte ihr die volle Sympathie der jungen Enkelin eingetragen.

»So, Kinder, und nun wollen wir ans Auspacken gehen. Homer hat ja die Koffer schon geöffnet.« Frau Annemarie schlug einen anderen Ton an.

»Nicht die liebe Großmama. Hat müde, muß ruhen«, widersprach Marietta eifrig.

»Und wer wird auspacken?«

»Wir.« Mariettas dunkles Auge suchte das der Schwester. Nur einen Augenblick schwankte diese. »Gut, wir werden packen aus. Großmama kann gehen zu schlafen.«

Obgleich Frau Annemarie wohl mit Recht nicht allzuviel Vertrauen zu dem Ordnungssinn der Enkelinnen hatte, obgleich ihr der Schlaf inzwischen ziemlich vergangen war, hielt sie es doch für geraten, Anitas Nachgiebigkeit zu entsprechen.

»Also gut, räumt alles schön ordentlich ein, meine Mädel. Ich lege mich noch ein wenig hin, ich brauche Ruhe.«

Frau Annemarie konnte mit ihrem ersten Erziehungserfolge zufrieden sein.

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