Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Else Ury >

Nesthäkchen und ihre Enkel

Else Ury: Nesthäkchen und ihre Enkel - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchen und ihre Enkel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 9
printrun45. bis 48. Tausend
yearo.J.
firstpub1924
tillustratorProfessor A. Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine.Kreutz@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20131031
modified20141124
projectid99dbdda0
Schließen

Navigation:

1. Kapitel. Im Tropenlande.

Vor dem französischen Collège, der Mädchenschule zu Sao Paulo, hielten die Autos. Es war eine stattliche Reihe, eins hinter dem andern, die ganze mit wilden Feigenbäumen bestandene Straße hinab. Die Zöglinge des französischen Collège entstammten alle den ersten, reichsten Familien der brasilianischen Stadt. Sie waren nicht gewöhnt, zu Fuß den Schulweg zurückzulegen. Es war auch wirklich zu heiß dazu. Selbst die Chauffeure, alle Farbige, Neger und Mulatten in grellbunter Kleidung, die sonst ziemlich unempfindlich gegen die glühende Tropensonne waren, suchten heute den dürftigen Schatten, den die Bäume boten, auf. Ein etwa vierzehnjähriger Negerjunge kletterte, unbekümmert um die sengenden Sonnenstrahlen, auf einen Feigenbaum, schwang sich geschickt wie ein Affe von Ast zu Ast und saß nun, grinsend die weißen, starken Zähne zeigend, hoch oben in der verstaubten Blätterkrone.

»Nun, Homer, kannst du sehen, ob unsere jungen Damen bald kommen werden?« fragte ein älterer Mulatte.

Der mit »Homer« angeredete Junge schüttelte den Kopf mit dem schwarzen Wollhaar.

»Ich sehe nicht Donna Anita, ich sehe nicht Donna Marietta. Nur kleine, ganz kleine Fräulein – so klein.« Er zeigte etwa die Größe eines Daumens. Homer konnte von seinem Auslug gerade in die unterste Klasse der Abcschützen hineinspähen. Er versuchte sein Heil auf einem anderen Baume, auf einem dritten und vierten, aber die Gesuchten wollten sich nicht zeigen.

Die hatten ihre erste Schulklasse nach der anderen Seite des Schulhauses, der Schattenseite, gelegen. Aber auch dort war es kaum erträglich. Die Hitze brütete in dem Raume und machte Lehrer und Schülerinnen unfrisch und unlustig für jede geistige Anstrengung. Nur gut, daß heute, am 1. Dezember, die Hitzeferien begannen. Zwei Monate frei – wenn man daran dachte, empfand man den Druck der Tropenglut, der sich wie ein eiserner Reif um die Mädchenköpfe legte, kaum noch.

Es waren etwa zwanzig junge Mädchen zwischen vierzehn und sechzehn Jahren in der ersten Klasse des französischen Collège versammelt. Allen Nationen angehörend. Schwarze, braune und vereinzelt auch blonde Köpfe waren über Hefte und Bücher geneigt. Aber die dunkle Farbe des Haares, der Augen und des Hauttons herrschte bei weitem vor.

» Eh bien – Mesdemoiselles, wir werden jetzt die Leçon schließen.« Monsieur sprach französisch. Alle Unterrichtsfächer im Collège wurden in französischer Sprache erteilt. »Vergessen Sie in den Ferien nicht das Gelernte, repetieren Sie fleißig – Mademoiselle Anita, für Sie ist das ebenso gesagt, wie für die anderen Desmoiselles.« Monsieur zog die Augenbrauen hoch und sah mißbilligend zu einer Ecke hin, in der man weder von ihm, noch von seiner Rede Notiz zu nehmen schien.

Die mit »Mademoiselle Anita« Angeredete, ein großes, schönes Mädchen, bildete den Mittelpunkt des Privatzirkels, der bereits beim Ausmalen der bevorstehenden Sommerfreuden war. Dort wurde die halblaute Unterhaltung in portugiesischer Sprache geführt.

»Morgen schon geht es auf unsere Fazenda hinaus. Mama will keinen Tag länger hier in Sao Paulo schmoren. In Ribeirao Preto ist es doch etwas luftiger als in der Stadt. Papa hat eine Überraschung für uns. Er will sie uns aber nicht verraten. Erst auf der Fazenda bekommen wir sie zu sehen. Ich kann die Zeit gar nicht erwarten. Was, meinst du, wird es sein, Marietta? Das neue Reitpferd, das ich mir so brennend wünsche, oder am Ende den entzückenden Brillantanhänger, den ich neulich im Schaufenster bewunderte, oder – – –«

»Monsieur ist ärgerlich, Anita, er sieht immerfort her«, flüsterte ihr Marietta mahnend zu.

»Pah – viel Vergnügen! Da hat er was Schönes zu sehen. Monsieur hat ja die Leçon bereits beendet«, lachte Anita unbekümmert die ängstliche Zwillingsschwester aus.

Marietta schaute beklommen den Lehrer an. Der hatte seine Bücher schweigend geschlossen. Er war es gewöhnt, daß die jungen Damen hier in Amerika recht viel eigenen Willen zeigten und denselben nicht immer den Wünschen des Lehrers unterordneten. Das war in Europa doch anders gewesen. Als er noch in Paris unterrichtete – – – Monsieur begann sich mit seinem Tüchlein Kühlung zuzufächeln. Nicht nur wegen der glühenden Tropentemperatur, sondern der jungen Dinger wegen, die ihm mit ihrem stark ausgeprägten Selbstbewußtsein den Kopf warm machten. Allen voran Anita Tavares. Sie war zweifellos die schönste von allen mit ihrem tiefschwarzen, weichen Haargelock und den dazu in merkwürdigem Gegensatz stehenden veilchenblauen Augen. Sprühend vor Lebendigkeit – ach, nur allzu lebendig. Die Schwester Marietta war aus einem ganz anderen Holze geschnitzt. Bescheiden und rücksichtsvoll, versuchte sie die Übergriffe ihrer Zwillingsschwester stets zu dämmen. Sie war der erklärte Liebling aller Lehrer. Ein Rätsel schien es, daß die beiden Zwillinge waren. Man konnte sich kaum zwei verschiedenere Menschen denken. Schon äußerlich. Die kleine zierliche Marietta reichte der kräftigen Anita kaum bis zur Schulter. Unter dem goldbraunen Kraushaar sah ein schmales, zartes Gesichtchen mit großen, schwarzen Augen in die Welt. Träumerisch und sehnsuchtsvoll schauten diese Augen. Sie schienen irgend etwas in weiter Ferne zu suchen. Anitas Auge dagegen war strahlend, kühn, beherrschend, der Spiegel ihrer rasch wechselnden Empfindungen. In dem Kreise der Altersgenossinnen war Anita Tavares tonangebend. Das lag freilich nicht nur in ihrer Wesensart begründet – ihr Vater, Milton Tavares, war der Kaffeekönig von Brasilien, der reichste und angesehenste Mann in Sao Paulo und weit darüber hinaus. Das Fräulein Tochter war sich dessen durchaus bewußt, und diese Erkenntnis kam in allem, was Anita dachte und tat, zum Ausdruck. Die weichere, sanftere Zwillingsschwester wurde vollkommen von ihr beherrscht. Und doch – oft, wenn kein anderer, nicht einmal die Mutter, Einfluß auf Anitas ungezügelte Heftigkeit oder auf ihren Eigensinn hatte, vermochte Marietta sie durch ein bittendes Wort umzustimmen. Denn die beiden Schwestern liebten sich innig. Sie waren unzertrennlich. Marietta sah voller Bewunderung zu der blühenden, temperamentvollen Anita, die jeden gleich für sich einzunehmen wußte, auf. Und diese hing mit der ganzen Stärke ihres heißblütigen Temperamentes an der um vier Stunden Jüngeren. Sie fühlte sich für Marietta verantwortlich, sie bemutterte sie und sorgte dafür, daß diese in ihrer Bescheidenheit den Platz unter den Schulkameradinnen einnahm, der ihr, als einer Tavares, zukam.

Arm in Arm traten die beiden Schwestern aus dem Schulgebäude auf die sonnenblendende Straße hinaus.

»Flink, komm, Jetta – Elvira, mach zu, rasch, eilt euch, daß Antonia sich nicht wieder wie ein Schatten an unsere Fersen heftet«, raunte Anita halblaut der Schwester und der Freundin zu, sie eiligst vorwärtsziehend.

»Antonia ist bereits hinter uns«, flüsterte Elvira, zurückspähend. »Sie will gewiß wieder mit uns im Auto zusammen nach Hause fahren.«

»Warum wollen wir sie denn nicht mitnehmen? Es ist doch noch Platz im Auto«, wandte Marietta ein.

»Sie ist Halbblut, ihre Großmutter war eine Mulattin. Die Tavares zeigen sich nicht mit ihr zusammen öffentlich im Auto.« Anitas ganzer Hochmut kam in diesen wenigen Worten zum Ausdruck.

»Ich finde Antonia netter und gefälliger als die meisten Mädchen. Sie kann doch nichts dafür, daß ihre Großmutter Mulattin war. Ebensowenig, wie wir etwas dafür können, daß wir aus dem Hause Tavares stammen«, gab Marietta, unzufrieden mit dem Verhalten der Schwester, zu bedenken.

»Nein – man kann nichts dafür, aber es ist doch nun mal so. An der Tatsache ist nichts zu ändern«, lachte Anita sie aus. »Ah, da ist ja Homer«, – sie warf dem über das ganze Gesicht grinsenden kleinen Neger ihre Büchertasche mit der Geste einer großen Dame zu.

»Guten Tag, Homer.« Der Junge nahm auch Mariettas Mappe in Empfang. »Wo ist denn Cico?«

»Großvater Cico ist krank. Homer darf fahren Donna Anita und Donna Marietta im schönen Auto allein nach Haus.« Er zog vor Vergnügen den Mund von einem Ohr zum anderen.

»Wirst du auch nicht umwerfen, Homer?« erkundigte sich Marietta, ein wenig unbehaglich Platz nehmend.

»Homer fährt gut. Homer fährt sicher wie Großvater Cico. Braucht Donna Marietta nicht zu ängstigen«, beruhigte sie der kleine, schwarze Chauffeur.

»Sonst fahre ich selbst.« Anita verstand das Auto tadellos zu lenken, wie sie auch in jedem anderen Sport Meisterin war.

»O Donna Anita!« Bittend hingen die schwarzen Augen des Jungen an dem schönen Mädchen. Man sah es ihm an, wie brennend gern er selbst das Auto führen wollte.

»Nun gut – schon gut. Mach nur zu!« gab Anita, sich in die roten Lederpolster schmiegend, ungeduldig zur Antwort. Denn dicht neben dem Auto tauchte Antonias Gesicht mit den breiten Backenknochen und der etwas platten Nase auf. Anita vermied es, nach jener Seite zu sehen. Sie unterhielt sich angelegentlich mit ihrer Freundin Elvira, bis das Auto abgekurbelt war und die Hupe zur Abfahrt ertönte.

Rrrrrr – da flog es die weißstaubige Straße entlang – rrrrrr – vorüber an der langen Autokette, aus denen man den Dahinsausenden Grüße zuwinkte.

»Was machst du denn für ein betrübtes Gesicht, Marietta?« Die Schweigsamkeit der Schwester fiel Anita, die munter drauflos plauderte, schließlich auf. »Es ist recht luftig im Fahren, findest du nicht auch, Jetta?«

»O ja, Nita, aber beim Gehen muß es entsetzlich beschwerlich sein. Die arme Antonia – ich kann den Gedanken an sie nicht los werden. Sie hat uns so traurig nachgesehen«, meinte Marietta mitleidig.

»Du hast immer unbequeme Gedanken und verdirbst einem die Laune dadurch«, ereiferte sich Anita. Es klang schärfer, als sie beabsichtigte. Daran war die deutliche Empfindung schuld, daß Marietta im Grunde recht hatte. Furchtbar mußte es sein, bei der glühenden Sonne aus der unteren Stadt die am Berghang gelegenen Villenstraßen emporzuklimmen.

»Es wird sich schon eine mitleidige Seele finden, die Antonia mitnimmt«, begütigte Elvira.

»Freilich, warum müssen wir das denn gerade sein!« Anita hatte das peinigende Gefühl im Augenblick überwunden.

»Warum sollen wir es denn nicht sein? Was andere tun, hätten wir doch auch können«, beharrte Marietta. Es kam nicht oft vor, daß sie ihre Ansicht der Schwester gegenüber so hartnäckig verfocht.

»Wenn du es nicht fühlst, Jetta, daß eine Tavares der Welt gegenüber andere Verpflichtungen hat, als irgendein Beliebiger in der Stadt, ist dir nicht zu helfen. Das hat Papa uns von klein auf eingeprägt: ›Ihr müßt danach streben, ein würdiges Glied der Tavaresschen Familie zu werden.‹« Stolz warf Anita das schwarze Gelock zurück.

»Und Mammi sagt, man soll stets so handeln, wie es eines guten Menschen würdig ist. Aber das ist nicht gut, wenn wir – –«

»Jetta hat heute ihren moralischen Tag, da sieht sie unserer teuren Miß zum Verwechseln ähnlich.« Im Nu hatte Anita ihr rundes Gesicht in längliche Falten gezogen. Den Unterkiefer vorgestreckt, kopierte sie die englische Governeß so wahrheitsgetreu, daß auch Marietta wieder lachen mußte. So war es stets, wenn man sich mit Anita in Erörterungen einließ. Sie ging stets als Siegerin daraus hervor, auch wenn sie im Unrecht war.

Das Auto hielt vor der schönsten Villa der Avenda Paulista. Wie ein kleines Schloß lag sie in dem herrlichen Palmengarten. Zwei Diener, Neger und Mulatte, eilten herbei; der eine öffnete den Schlag und war den jungen Damen beim Aussteigen behilflich, der andere trug die Büchertaschen ins Haus.

Elvira verabschiedete sich von den Freundinnen. Sie wohnte ein paar Villen weiter.

»Brav gefahren, Homer«, nickte Anita gnädig und warf dem kleinen Chauffeur ein paar Münzen zu.

»Grüß' den Großvater, Homer. Wir lassen ihm gute Besserung wünschen. Wenn wir dürfen, besuchen wir ihn«, fügte Marietta freundlich hinzu.

» Wozu?« meinte Anita, ins Haus tretend. »Ich mag die Luft in diesen Armleutenstuben nicht. Cico wird auch ohne uns gesund werden.«

»Cico ist oft in der Nacht zum Arzt gelaufen, wenn wir krank waren, Nita«, stellte Marietta ihr vor.

»Dafür ist er Diener – – –«

Marietta kam nicht dazu, der Schwester die Lächerlichkeit ihrer hochmütigen Auffassung zu Gemüte zu führen. Eine der in die Diele führenden Türen ward aufgerissen und ein allerliebstes, fünfjähriges Bürschchen stürzte heraus, gefolgt von seiner schwarzen Kinderfrau Rosita.

»Nita und Jetta sind da – warum wart ihr wieder in der alten Schule? Ihr sollt hierbleiben und mit Juan spielen.« Zärtlich hing sich der Kleine an die großen Schwestern.

Anita wirbelte ihn bereits in der Diele herum. Sie wußte nichts mehr von der Hitze. Hier im Hause war es kühl.

»Wo ist Mammi, Juan?« fragte Marietta, liebevoll die blonden Locken des Kleinen streichelnd. Der kleine Nachkömmling war der Verzug des ganzen Hauses, und der großen Schwestern besonders.

»Mammi paßt auf, daß Emilia und Maria unsere Koffer gut einpacken. Morgen fahren wir fort, weit fort, nach der Fazenda. Aber du kommst nicht mit, Rosita. Du tust mir immer weh beim Kämmen.«

»Daran ist ja gar nicht die Rosita schuld, sondern der Kamm, Juan«, lachte Anita.

»Dann lassen wir eben den Kamm zu Hause.« Das erschien dem kleinen Juan noch einleuchtender.

Ein Mulatte brachte Eiswasser und Früchte.

»Bringe die Früchte ins Zimmer zu Donna Tavares«, ordnete Anita an. Sie war gewöhnt, der schwarzen Dienerschaft Befehle zu erteilen.

Inzwischen hatte Marietta, Juan an der Hand, bereits das Zimmer der Mutter betreten.

»Guten Tag, Mammi. War das heute heiß im Collège! Ein Glück, daß es morgen auf die Fazenda geht. Ihr seid wohl bald mit dem Einpacken fertig?« Marietta küßte die Mutter nach Landessitte auf die Wangen.

»Guten Tag, mein Herz. O weh, bist du erhitzt, Jetta. Komm, ich mache dir ein Glas Orangenlimonade zurecht.« Eine goldblonde, noch jugendlich aussehende Dame – sie hatte die Mitte der Dreißig wohl kaum überschritten – im weißseidenen, reich mit Spitzen garnierten losen Hausgewande griff nach einer der herrlichen Riesenfrüchte.

»Mir auch, Mammi, ich habe auch Durst – – –«, begehrte der Kleine, sich zärtlich an die Mutter schmiegend.

»Jungchen, du trinkst mir heute zu viel durcheinander. Du willst doch morgen zur Reise nicht etwa krank sein, nicht wahr, mein kleiner Hansi?« Wenn die Mutter besonders zärtlich zu ihrem Kleinsten war, nannte sie ihn mit dem ihr so lieben deutschen Namen. Das klang um so merkwürdiger, als die Sprache des Hauses Tavares, in der die Familienmitglieder miteinander verkehrten, portugiesisch war.

»Nein, ich will nicht krank werden, dann ist meine Mammi traurig.« Der Kleine liebte seine schöne Mutter abgöttisch.

Da steckte auch Anita den schwarzen Kopf zur Tür herein. »So – die langweilige Schule wären wir auf zwei Monate los, Mammi. Ich wünschte, wir könnten's mit unserer geliebten Miß ebenso machen. Meinst du nicht, daß es ihr in Ribeirao Preto zu langweilig ohne Geschäfte, in denen man shopping gehen kann, sein wird? Wir wären nicht böse, wenn sie es vorzöge, in Sao Paulo zu bleiben.«

»Aber Nita!« Halb belustigt, halb ärgerlich schüttelte Frau Ursel Tavares den blonden Kopf. »Der armen Miß Smith ist es heute nicht nach shopping gehen zumute. Sie liegt im verdunkelten Zimmer mit heftiger Migräne.«

»Oh!« machte Marietta mitleidig, trotzdem sie die lange, steife Governeß auch nicht besonders in ihr Herz geschlossen hatte.

»Oh!« echote Anita mit komisch verdrehten Augen so spitzbübisch erfreut hinterher, daß die Mutter gegen ihren Willen wieder lachen mußte.

»Ihr seid schon eine Gesellschaft! Es wird Zeit, daß ihr in strengere Hände kommt. Miß Smith ist nicht energisch genug, besonders nicht für meine Tochter Anita.«

»Und unsere kleine Mammi ist auch nicht energisch – Deutsche sind niemals energisch«, meinte Fräulein Anita in bestimmtem Tone.

»Du mußt es ja wissen, Fräulein Naseweis. Warte nur, wenn du erst mal in Deutschland bei den Großeltern bist. Dann wirst du anders urteilen. Die werden dir schon zeigen, daß Deutsche über genügende Energie verfügen. Alles, was wir bei deiner Erziehung verabsäumt haben – und das ist nicht zu wenig –, werden sie hoffentlich nachholen.«

»Puh« – machte Anita und schüttelte sich. »Lieber gehe ich in ein Mädchenpensionat nach Rio di Janeiro. Elvira kommt auch zu Ostern nach Rio in eine Boarding-school

»Ich will nach Deutschland zu den Großeltern, Mammi.« Marietta schmiegte den goldbraunen Kopf an die Schulter ihrer schönen Mutter. »Ich will das alles kennenlernen, was dir so lieb ist. Die Großeltern und das kleine Haus im Rosengarten, in dem jetzt Schnee liegt und in dem die Rosen blühen, wenn es bei uns kalte Jahreszeit ist. Bringst du uns bald nach Deutschland, Mammi, ja?«

»Ja, bald – bald!« Das klang so sehnsuchtsvoll, daß Marietta der Mutter einen klaren Tropfen, der sich fürwitzig von ihren goldenen Wimpern lösen wollte, rasch fortküssen mußte.

Anita waren derartige Gefühlsäußerungen unbehaglich. Sie kamen zum Glück nicht oft vor. Meist sah man Frau Ursel strahlend schön und heiter. Nur ganz selten brach sich die Sehnsucht nach der deutschen Heimat, nach ihren Lieben in weiter Ferne Bahn. Sie war ja eine glückliche, verwöhnte, vielbeneidete Frau. Von ihrem Gatten, der ihr jeden Wunsch von den Augen ablas, wurde sie auf Händen getragen. In dem Bekanntenkreise feierte man la bella tedesca – die schöne Deutsche – nicht minder ihres liebreizenden Wesens, als ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen. Sie und ihr Gatte standen an der Spitze des Musiklebens Sao Paulos. Seit Donna Tavares ihren Einzug in die brasilianische Stadt gehalten, hatte sich dasselbe zu ungeahnter Blüte entfaltet. Regelmäßige Kammermusikabende waren eingerichtet worden. Werke der großen europäischen Meister wurden studiert und zur Aufführung gebracht. Kein Wohltätigkeitskonzert fand statt, in dem Donna Tavares nicht durch ihre herrliche Stimme die Zuhörer begeisterte. Frau Ursel hatte sich um die Kunst in ihrer neuen Heimat ganz besonders verdient gemacht. Das Kino bildete früher den Hauptanziehungspunkt in Sao Paulo. Trotzdem die Stadt eine europäische Kolonie war, in bezug auf die Vorliebe für das Kino war sie ganz amerikanisch. Da hatte die deutsche, blonde Frau in Gemeinschaft mit einigen gleichgesinnte Seelen eine höhere, edlere Kunst an Stelle der sensationellen des Kinos zu setzen versucht. Den größten Einfluß aber hatte Frau Ursel auf die Kunst im Hause gehabt. In den meisten einheimischen Familien war dieselbe noch ziemlich unkultiviert. Bunte, schreiende Farben wurden bevorzugt. Die Vasen schmückten Papierblumen, während draußen im Garten die herrlichste Flora in unglaublicher Üppigkeit blühte. Die Alteranda, der balkonartige Vorbau des Hauses, wurde kaum jemals von den Bewohnern betreten und daher auch nicht bepflanzt. Das war etwas ganz Befremdendes für die junge deutsche Frau. War sie es doch gewöhnt, daß man daheim im Sommer alle Mahlzeiten auf der rosenumrankten Terrasse, deren Blumenschmuck der Mutter Stolz war, eingenommen hatte. Freilich, die Tropentemperatur in Brasilien machte den Aufenthalt auf der Alteranda am Tage fast unmöglich. Das lernte Frau Ursel bald einsehen. Aber im schönsten Blumenschmuck mußte sie trotzdem prangen. Ihr Schönheitssinn verlangte dies. Und siehe – bald zeigte es sich, daß sie damit Schule gemacht. Das Beispiel des Tavaresschen Hauses fand Nachahmung. Hatte man zuerst die Nase darüber gerümpft, daß die junge Frau ihre Vasen mit frischen Blüten, anstatt mit Papierblumen, füllte, bald fanden auch andere Freude daran. Die künstlerisch geschmackvolle Einrichtung des Tavaresschen Hauses wurde alsbald zum Muster für viele andere, denn Geld spielte ja bei den reichen brasilianischen Familien keine Rolle.

Frau Ursel verstand einen guten Gebrauch von ihrem Reichtum zu machen. Sie war für die deutschen Auswanderer eine gute Fee geworden, die nicht nur vermöge ihres goldenen Zauberstabes half, nein, deren gütiges, warmes Wort den in der Fremde Verzagten ebenso wohltat wie ihre werktätige Hilfe. Bei allen ihren gesellschaftlichen, künstlerischen und Wohlfahrtsbestrebungen aber war Frau Ursel vor allem Mutter. Die Mutter ihrer Kinder – darin war sie ganz deutsch geblieben. Trotz der vielen Dienerschaft, um ihre Kinder kümmerte sie sich selber. Für ihre Kinder und deren Wünsche und Anliegen hatte sie immer Zeit.

Auch heute. Anita besprach mit der Mutter die Abschiedsbesuche, welche man noch bei den Verwandten und Freunden machen müßte. Marietta wollte durchaus wissen, wann die Reise nach Europa zu den Großeltern denn endlich vor sich gehen sollte. Und Klein-Juan bestürmte die Mutter, ihm eine Taschentuchmaus, die richtig lebendig springen konnte, zu fabrizieren.

Während Frau Ursel Anita einige befreundete Familien, die sie nach dem Essen mit Marietta aufsuchen sollte, vorschlug, während sie Marietta und nicht minder sich selbst auf Ostern für die Reise nach Europa vertröstete und Juans Taschentuchmaus zur hellen Begeisterung des Kindes hüpfen ließ, kamen die schwarzen Dienerinnen mit tausenderlei Anfragen betreffs der in Koffer und Kisten zu verstauenden Sachen zu Donna Tavares. Keinen Finger durfte die Herrin dabei selber rühren, nur ihre Wünsche äußern. Eines aber war davon ausgenommen: ihre Noten, ihre vielgeliebten. Daran wagte sich keiner von der Dienerschaft. Die packte Frau Ursel selbst in Gemeinschaft mit ihrem Manne.

Kam er da nicht schon selber aus Santos, dem Hafen von Sao Paulo, wo er sein Bureau hatte, heim? Das Auto, das ihn jeden Abend vom Bahnhof abholte, hielt vor der Tür. Juan verlor plötzlich sein Interesse für die Taschentuchmaus und eilte dem Vater, der den ganzen Tag fort war, jubelnd entgegen. Wenige Sekunden später betrat Milton Tavares das Zimmer seiner Gattin. Bevor er sich durch eine Dusche erfrischte, mußte ihr Anblick ihn erfrischen. Ihr Lächeln war ihm eine größere Erquickung als jede andere.

»Guten Tag, mein Liebling. Arge Kramerei, was? Nun, um so schöner und erholsamer wird es auf unserer Fazenda werden. Vierzehn Tage habe ich mir Ferien genommen. Da werden wir wieder fleißig musizieren, nicht wahr, Ursel?«

»Vierzehn Tage nur, Milton?« Seine Frau schien enttäuscht. »Du hattest mir doch versprochen, dich dieses Jahr wenigstens einen Monat freizumachen.«

»Ja, Papi, du wolltest doch jeden Morgen mit uns ausreiten«, erinnerte ihn seine Tochter Anita.

»Und Tennis wolltest du mit uns spielen«, fiel Marietta bittend ein.

»Und Schiffchen schnitzen und schwimmen lassen«, rief das Söhnchen energisch dazwischen.

»Freilich Schiffchen schnitzen, Juan, das ist die Hauptsache«, lachte der Vater. »Ja, wenn so viel Arbeit meiner in den Ferien harrt, dann sind vierzehn Tage in der Tat nicht genug. Da werde ich wohl zulegen müssen.« Er nickte seiner Ursel verschmitzt zu.

»Don Tavares, das Bad ist bereitet«, meldete ein Neger.

»Oh, moito bonito! Sehr schön! Auf Wiedersehen bei Tische!« Milton Tavares verließ das Zimmer.

Er war heute noch ein schöner Mann. Ja, seiner Frau gefiel sein gereiftes, männliches Aussehen noch besser als seine dereinstige Jünglingsschönheit. Anita war dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur ihre Augenfarbe verleugnete die deutsche Abstammung ihrer Mutter nicht.

Seit dem Tode des alten Tavares, des Seniors des weltberühmten Kaffee-Exporthauses, hatte Milton eine verantwortungsvolle Tätigkeit. Alle Fäden des großen Betriebes mündeten in seiner Person. Und wenn ihm sein Schwager, Don Fernando Janqueiro, der Gatte seiner Schwester Margarida, auch geschäftlich zur Seite stand, die Hauptperson, der Mittelpunkt des Exporthauses Tavares blieb Don Milton. Die Männer in Brasilien pflegten sich nicht allzusehr bei der Arbeit anzustrengen. Die lähmende Einwirkung der Tropentemperatur trug wohl dazu bei. Auch Don Fernando saß lieber im Kaffeehause als in der Kaffeebörse und überließ seinem Schwager Milton, der in Deutschland ernste, pflichttreue Arbeit kennengelernt hatte, den Löwenanteil derselben. Morgens, gleich nach dem Frühstück, fuhr Milton Tavares nach Santos, dem berühmten Kaffeehafen hinunter. Die Mittagsmahlzeit nahm er dort ein. Erst das Essen um sechs Uhr abends versammelte die ganze Familie.

Es war eine Festtafel im kleinen, an der man Platz nahm. Silber, Kristall, herrliche Früchte und Blumen. Auf letztere legte die Frau des Hauses ganz besonderen Wert. Als sie vor Jahren, als junge Frau, das Tropenland betreten hatte, kannte man dort Blumenschmuck bei den täglichen Mahlzeiten nicht. Man war in Amerika ausschließlich auf das Praktische eingestellt. »Die Hauptsache, es ist etwas Gutes für den Magen auf dem Tische, mein Kind«, pflegte sich die Schwiegermutter, in deren Hause man zuerst gewohnt hatte, zu äußern, wenn das junge Frauchen zu jeder Mahlzeit die schönsten Tropenblüten des Gartens geschmackvoll in eine Vase ordnete. Das war gerade das Gegenteil davon, was die junge Frau daheim im deutschen Elternhause kennengelernt hatte. »Auch die einfachste Mahlzeit mundet einem noch einmal so gut, wenn sie nett angerichtet ist, wenn der Tisch zierlich gedeckt ist und Blumen denselben schmücken.« So hatte Ursels Mutter jenseits des großen Wassers den Kindern von klein auf eingeprägt. Auch hierin, wie in vielem anderen, wurde die junge Deutsche für die brasilianischen Frauen mustergültig.

Milton Tavares liebte diese Stunde der gemeinsamen Mahlzeit, die er gern im Kreise seiner engsten Familie verlebte. Heute war es ganz besonders gemütlich, da Miß Smith nicht an dem Essen teilnahm. Keiner konnte es sich verhehlen, daß die Anwesenheit der steifen Engländerin stets etwas lähmend auf die Stimmung wirkte. Anita, die nicht gewöhnt war, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, gab dem auch unverhohlen Ausdruck.

»Schade, daß Migräne nur vierundzwanzig Stunden anhält. Sie müßte ebenso viele Monate dauern!« wünschte die gemütvolle junge Dame.

»Pfui, Nita, die arme Miß!« rief ihre Zwillingsschwester. »Zum Sterben elend fühlt sie sich, sagte sie mir soeben, als ich mich nach ihr umsah. Sie sah so weiß aus wie das Tischtuch.«

»Das ist die Strafe dafür, daß sie uns mit ihren langweiligen Anstandsregeln so arg peinigt. O shocking indeed, Anny!« Das blühende, lustige Gesicht des jungen Mädchens nahm im Augenblick grämlichen Ausdruck an.

Milton Tavares lachte. Die sprühende Anita hatte nun einmal einen Stein bei dem Vater im Brett. Er verzog sie unbedingt. Eigentlich aber alle drei. Frau Ursel vermochte dem nicht zu steuern, trotz all ihrer Energie. Sie drohte der Übermütigen.

»Miß Smith wird wohl bei dir alle Ursache zu ihren Shockingausrufen haben, Nita. Du bist wie ein junges, ungebärdiges Füllen, das nur zu oft über die Stränge schlägt. Meine einzige Hoffnung sind die Großeltern in Deutschland. Daß die noch etwas Vernünftiges aus dir machen werden.«

»Ich bin Amerikanerin!« Anitas kurzes, schwarzes Haargelock flog impulsiv in den Nacken. »Für mich gibt es keine engen europäischen Grenzen – auch bei den deutschen Großeltern nicht!«

»Aber Nita!« Die Zwillingsschwester vergaß vor Schreck die Palmitopastete mit Oliven, die der Mulatte ihr darbot, zu nehmen. »Nita, du kränkst unsere Mammi«, setzte sie leiser hinzu.

Anita blinzelte ein wenig unbehaglich zur Mutter hin. Das hatte sie nicht gewollt, die Mutter in ihrem Heimatsgefühl verletzen. Nein, sie liebte sie ja mit der ganzen Heftigkeit ihres Temperamentes. Aber sie war zu stolz, ein Wort der Entschuldigung zu finden.

Zum Glück erklang jetzt Juans Stimmchen dazwischen. Er hatte in der Kinderstube zu Abend gespeist, durfte aber am Familientisch nicht fehlen. Ab und an schob ihm der Vater ein besonders leckeres Häppchen zu.

»Papi, ist das wahr, daß die Palme sterben muß, weil wir die Palmitopastete essen?« fragte der Kleine. »Die Kinderfrau hat es gesagt.« Er blickte zweifelnd auf das Pastetenstückchen, das der Vater ihm darbot

»Freilich, die Palme, von der die zartesten Spitzen zur Palmitopastete genommen werden, geht ein. Darum ist dieses Gericht besonders kostbar.« Der Vater ließ es sich schmecken. Sein Söhnchen aber schob das ihm Zugeteilte energisch beiseite.

»Juan will nicht schuld sein, daß die arme Palme sterben muß. Gib mir lieber Doces, Papi!« Das war der süße Nachtisch.

Milton Tavares lachte und nickte seiner Frau belustigt zu. »Ursel, das deutsche Blut verleugnet sich nicht bei unserem Sprößling. Auf mein Konto kommt diese Sentimentalität nicht.«

Frau Ursel zog ihren kleinen Jungen zärtlich zu sich heran. »Mein Hansi, mein kleiner! Erhalte dir nur dein warmes Herz!«

»Nein, Mammi, das ist gar kein guter Wunsch. Ein amerikanischer Junge muß kühlen Verstand haben, kein warmes Herz«, ereiferte sich Anita. Sie war ihren Jahren entschieden voraus.

»Beides, Nita. Beides muß ein tüchtiger Mann miteinander verbinden. Euer Vater vereinigt es ja auch in sich.« Ein liebevoller Blick streifte den Gatten und wurde in verstärktem Maße zurückgegeben.

Marietta, die bei den Worten der Schwester schon wieder erschreckte Augen gemacht hatte, atmete erlöst auf. Ihr harmonisches Wesen war stets auf Ausgleich bedacht. Sie vermochte keinem Wesen wehe zu tun und ihrer Mutter am wenigsten.

»Ei, Jetta, du ißt ja heute so wenig. Die Pastete hast du schon vorübergehen lassen. Diesen Perutruthahn mit Forosse möchte ich dir sehr empfehlen«, erinnerte sie der Vater.

»Unsere Jetta kann die arge Hitze in der Stadt nicht vertragen, gerade so wie ihre Mutter.« Frau Ursel sah zärtlich besorgt zu ihrem blassen Mädel hinüber. »Draußen auf der Fazenda werden wir beide wieder mehr Appetit haben, nicht wahr, mein Herz? Ich mag bei dieser Siedehitze auch nicht viel Fleisch essen. Das habe ich in den sechzehn Jahren meines Aufenthaltes im Tropenlande immer noch nicht begreifen gelernt, daß ihr Brasilianer vor allem der Fleischnahrung huldigt, Milton. Die Bewohner der heißen Zone pflegen doch Pflanzen und Früchten sonst den Vorzug zu geben.«

»Das eine tun – das andere nicht lassen. Das ist auch Nitas Ansicht, nicht wahr? Diese Doces de Caju müßt ihr beide aber auch versuchen, Ursel. Freilich, Juan, dieses Tellerchen ist für dich. Du brauchst dich gar nicht so nachdrücklich in Erinnerung zu bringen, mein Sohn.« Der kleine Juan hatte beim Auftragen des süßen Nachtisches den Vater energisch an seinem bastseidenen Ärmel zu zupfen begonnen.

»Darf ich meinen Nachtisch nicht dem alten Cico hinüberbringen, Papi?« fragte Marietta bittend. »Er ist krank, erzählte Homer. Diese Doces werden ihn sicher erquicken.«

»Was fehlt dem Alten, Pedro?« wandte sich der Vater statt einer Antwort an den servierenden Mulatten.

»Oh, Don Tavares, ist schlimm, sehr schlimm. Schüttelt Cico, wie Sturm schüttelt Schiff in Ozean. Armer Cico friert bei Hitze.«

»Homer soll sogleich den Arzt rufen, Pedro. Marietta, du betrittst Cicos Häuschen nicht. Du kannst dich anstecken. Keiner von euch darf zu Cico gehen, bis ich den Arzt gesprochen habe. Sage Homer, Pedro, daß er selbstverständlich, solange der Großvater krank ist, hier in der Stadt bei ihm bleibt. Später kann er uns zur Fazenda nachkommen.«

»Homer muß zu Hause bleiben? Ohne Homer ist es gar nicht lustig auf der Fazenda. Dann hat Juan ja kein Pferdchen zum Reiten.«

»Juan, ein Mensch ist kein Pferdchen, auf dem man reitet. Ich habe es dir schon öfters verboten, auf Homer zu reiten. Du tust ihm doch dabei weh«, bedeutete die Mutter dem Kleinen.

»Wenn Juan brav ist, schenkt der Vater ihm auf der Fazenda ein kleines Pony. Dann kannst du mit dem Vater ausreiten, mein Junge«, versprach der Vater.

»Ja, Papi, wirklich? Tust du es auch gewiß? Ist Juan jetzt groß?« Der Kleine vermochte an sein Glück nicht zu glauben.

»Nein, Milton, du machst doch nur Spaß, nicht wahr? Keine ruhige Minute hätte ich, wenn das Kind schon reiten lernte«, sagte Frau Ursel aufgeregt. »Es kommt noch früh genug dazu. Ich muß mich schon um die Großen genug sorgen.«

»Nun, wenn es dir nicht recht ist, mein Liebling, warten wir noch damit.« Milton war sofort einverstanden.

»Es soll der Mammi aber recht sein. Alte Mammi!« Grenzenlos enttäuscht war der Kleine.

»Juan, gehe in dein Kinderzimmer. Du bist unartig. Ich will dich hier nicht mehr sehen«, sagte der Vater mit außergewöhnlicher Strenge. Nur wenn eins der Kinder sich ungebührlich gegen die Mutter benahm, wurde er ärgerlich.

»Und ich will auch nicht mehr sehen, daß die Mammi ein trauriges Gesicht macht.« Wütend lief der Kleine davon.

Milton Tavares trank seine Schale Mokka aus und nahm den Arm seiner Gattin, um sie ins Musikzimmer zu führen. Lachend flüsterte er ihr ins Ohr: »Von wem der Schlingel nur dieses Wutteufelchen hat? Von dir oder von mir?«

»Ich fürchte, von uns beiden«, gab Frau Ursel, ebenso belustigt wie ehrlich, zurück. »Aber hast du wirklich die Absicht, heute noch Musik zu machen, wo wir morgen die Stadt verlassen?«

»Darum gerade. Einen würdigeren Abschluß unseres Stadtaufenthaltes kann es für uns hier in Sao Paulo nicht geben. Was willst du singen, mein Herz? Oder wollen wir mit Anita ein Bratschentrio spielen?«

»Ich muß noch mit Marietta Abschiedsbesuche machen, Papi. Hast du auch die Überraschung für uns auf der Fazenda nicht vergessen? Du weißt doch?«

»Die Überraschung? Gut, daß du mich erinnerst, Kind.« Der Vater machte ein verschmitztes Gesicht und schlug die ersten Töne auf dem Flügel an. »Willst du aus Rigoletto singen, Ursel, oder aus dem Barbier? Wie Donna Tavares befehlen.« So ernst Milton Tavares auch in seiner Berufstätigkeit war, so aufgeräumt und heiter pflegte er im Kreise seiner Familie zu sein. Das Glück seiner Ehe und die Harmonie seiner Häuslichkeit spiegelte sich in seinem frischfröhlichen Wesen wider.

»Und die Noten, Milton? Wann packen wir die ein?« gab seine Frau noch zu bedenken.

»Wenn wir genug musiziert haben.« Da schlug er schon die ersten Töne an.

Sie zogen hinaus bis zu der großen Kokuspalme, in deren Schatten Marietta stand und lauschte. Die Sonne tauchte drüben über den Bergen in ein Farbenmeer von unglaublicher Pracht. Lichtgrüner Himmel, rosenrot, violett, orange und zitronengelb überhaucht, lag über der verdämmernden Tropenwelt. Marietta schaute, lauschte und träumte.

»Also hier steckst du, Jetta.« Anitas helle Stimme weckte sie empor. »Bist du Sonnenanbeterin geworden oder gar mondsüchtig? Komm, das Auto ist schon vorgefahren. Woran dachtest du denn bloß?«

»Ich dachte daran, ob es in Mammis deutscher Heimat wohl auch so schön sein kann, wie hier bei uns.«

»Sicher nicht. Bei uns ist alles viel eleganter und vornehmer«, erwiderte Anita, ohne zu überlegen.

»Mammi sagt, wahre Vornehmheit trägt man in sich, Nita. Die offenbart sich nicht in Eleganz. Auch der Ärmste kann sie besitzen.«

»Das sind echt deutsche Ansichten«, machte Anita abweisend. »Der Junge, der Juan, wird auch viel zu sehr verweichlicht. Warum soll er nicht reiten lernen? Mammi vergißt oft, daß wir in Amerika leben und daß hier andere Regeln gelten, als in Europa.«

»Aber, Nita!« erhob die Zwillingsschwester Einspruch. Wie konnte man nur gegen ihre Mutter etwas Derartiges sagen! »Ich wünschte, wir wären, wie unsere Mammi ist.«

»Das – das wünschte ich eigentlich auch«, gab Anita in jähem Umschwung der Gefühle ganz unerwartet zu. »So, Jetta, und nun mache kein solch niedergeschlagenes Gesichtchen. Du weißt doch, ich rede öfters mal dummes Zeug.«

Da hielt das Auto vor dem Hause einer befreundeten Familie. Ein schwarzer Diener öffnete den Schlag. Leichtfüßig sprang Anita heraus. Marietta folgte nachdenklich. Merkwürdig, sie konnte ihr niemals ernstlich böse sein, der Anita. Kam das daher, daß sie Zwillinge waren? Aber ging es anderen Leuten mit Anita nicht gerade so?

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.