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Nesthäkchen und ihre Enkel

Else Ury: Nesthäkchen und ihre Enkel - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchen und ihre Enkel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 9
printrun45. bis 48. Tausend
yearo.J.
firstpub1924
tillustratorProfessor A. Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine.Kreutz@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20131031
modified20141124
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14. Kapitel. Wenn die Flocken fallen.

Die Sommerblumen waren verblüht. Buntes Herbstlaub, wie es die Tropenkinder noch niemals gesehen, hatte kalter Wind durch den großväterlichen Garten gejagt. Die Linde fror. Zitternd und kahl hüllte sie sich in graue Regentücher. Drinnen machten es die Kinder einer anderen Zone nicht besser. Sie drängten sich frierend um Frau Trudchens warmes Herdfeuer. Die alte Rosita und Homer hatten dort ihren Stammplatz. Frau Trudchen war gutmütig genug, um den frierenden Schwarzen ein warmes Plätzchen an ihrem Herd zu gönnen. Mit der »Mohrenfrau« hatte sie sich angefreundet. Dieselbe war gefällig und fleißig und nahm »Donna Trudchen« am liebsten alle Arbeit ab. Aber noch einen Gast lockte das warme Feuer, einen, der sonst stets den Aufenthalt in der Küche nicht für standesgemäß hielt. Das war Anita. Nein, was fror das Mädel. Auch darin zeigte es sich als echtes Tropenkind. Der graue deutsche Regenherbst erschien ihrem sonnengewöhnten Dasein traurig und häßlich. Sie wäre lieber heute als morgen nach Brasilien heimgekehrt. Dort war jetzt schöner, heißer Sommer. Anita verstand ihre Eltern, sie verstand vor allem ihre Zwillingsschwester nicht, die ganz traurig wurde, wenn sie zur Rückkehr in die Tropen drängte.

Der Vater, der seit kurzem seiner Familie gefolgt war, fand den deutschen Winter auch ungemütlich. Aber seiner Frau zuliebe brachte er das Opfer. Ursel sollte für die langen Jahre der Trennung von der Heimat entschädigt werden. Bis zum Frühling beabsichtigte Milton Tavares in Deutschland zu bleiben. Das hatte neben dem Vorteil, daß er wichtige europäische Handelsverbindungen anknüpfte, auch für ihn und seine Frau die Freude, wieder gute Musik zu hören. Auch konnten die Töchter ihr deutsches Schuljahr, wie geplant, vollenden. Letzteres erachtete Anita durchaus nicht für notwendig. Sie hatte der Schule im Laufe der Zeit ganz und gar nicht mehr Geschmack abgewonnen und war nach wie vor eine schwierige Schülerin. Marietta dagegen lernte mit Eifer und war mit strebsamem Fleiß bemüht, die Lücken in ihrem Wissen auszufüllen. Anita war ehrgeizig. Sie war es gewöhnt, Marietta überall in den Schatten zu stellen. Sie mochte nicht hinter der Schwester zurückbleiben. Da sie eine gute Auffassungsgabe hatte und Marietta ihr getreulich half, kam sie einigermaßen mit. Mariettas bescheidenes, freundliches Wesen hatte sich bald die Zuneigung der Lehrer und Mitschülerinnen erworben. Anita war weniger beliebt. Auch die Schulkameradinnen, denen sie zuerst durch ihre Schönheit, ihre Eleganz und ihr sicheres Wesen imponiert hatte, fühlten sich bald von ihrer Herrschsucht abgestoßen. So kam es, daß Marietta in Deutschland viel mehr Anklang fand als Anita, im Gegensatz zu dem heimatlichen Tropenlande.

Milton Tavares hatte eine Dreizimmerwohnung in einer der gegenüberliegenden Villen in Lichterfelde mit seiner Frau bezogen. Er war zu sehr an Luxus und jede Bequemlichkeit gewöhnt, um mit einem bescheidenen Plätzchen im Hause seiner Schwiegereltern fürlieb zu nehmen. Seinem Geschmack und seiner Gewohnheit nach wäre er in dem erstklassigen Hotel, in dem er abgestiegen, wohnen geblieben. Aber mehr als seine Bequemlichkeit und sein Behagen liebte er seine goldhaarige Frau. Ursel wurde es schwer genug, aus dem gemütlichen Biedermeierzimmer in die Nachbarsvilla überzusiedeln. Aber Frau Annemarie zeigte mal wieder ihre uneigennützige Güte und ihre Klugheit. Sie selbst war es, die der Tochter riet, eine Wohnung in der Nähe zu nehmen. Bei einem monatelangen Aufenthalt durfte Milton nicht allzuviel entbehren. Er mußte als Gast im Hause der Schwiegereltern Rücksichten nehmen. Das ging für kurze Zeit, aber nicht für einen Zeitraum von Monaten. Die kluge Mutter fühlte es, daß sie ihr Kind länger behielt, wenn sie es nicht ganz für sich behielt. Auch durfte der Vater in seinen mit der Zeit ein wenig pedantisch gewordenen Gewohnheiten in keiner Weise beeinträchtigt werden. Wenn er auch wieder ganz genesen war, er blieb doch in diesem Winter mehr daheim als früher. Auf Frau Annemaries Bitten hatte er noch einen Assistenten in der Klinik zu seiner Entlastung eingestellt. Eigentlich aber war es die tropische Einquartierung, welche den Geheimrat mehr zu Hause fesselte. Er wollte das Beisammensein mit Kind und Enkeln voll genießen.

Die Enkel waren im großväterlichen Hause geblieben. Die gab die Großmama nicht her. Klein-Juan, oder vielmehr Klein-Hansel, wie die Großeltern ihn nannten, war der Verzug des Hauses geworden. Er war ein drolliges, sonniges Kerlchen, das bald recht nett deutsch sprechen lernte. Am liebsten saß er auf dem Kinderstühlchen, das wieder vom Boden heruntergeholt worden war, neben der Omama und ließ sich von ihr Märchen erzählen. Aber auch die großen Schwestern stellten sich dazu ein. Der Zauber des deutschen Märchens hielt die Tropenkinder umfangen. Da vergaßen sie es, daß draußen kalter, häßlicher Herbstwind an den Fenstern rüttelte.

Aber eines Morgens, als die drei die Augen aufschlugen, da war Großmamas Märchen von Frau Holle Wirklichkeit geworden. Mit schlohweißem Samtkleide wie eine Prinzessin hatte sich der Garten geschmückt. Die alte Linde trug Hermelinpelz. Weiß, weiß alles, wohin man auch blickte. Und immer neue Silbersternchen jagten, wirbelten und tanzten durch die Lust.

»Schnee – der erste Schnee!« Andächtig, mit gefalteten Händen stand Marietta vor diesem Wunder, das sie noch nie geschaut. Auch Anita fand das Wintermärchen recht lustig. Klein-Juan aber rief entzückt: »Zucker – oh, so viel Zucker!« Dem kleinen Tropenbewohner war der Begriff des nordischen Schnees noch nicht aufgegangen.

»Ei, leck' einmal den Zucker, Hansel«, neckte der Großpapa.

Und wirklich, der Kleine versuchte zum Gaudium der anderen den »Zucker«, schüttelte sich aber gleich darauf und rief: »Nicht gut – heiß!« Kalt und heiß war auch etwas, was er noch nicht auseinanderhalten konnte.

Frau Ursel wurde wieder Kind mit ihren Kindern. Was gab das für ein Lachen, für ein Jauchzen und Kreischen um die alte, verschlafene Linde herum. Da flogen die Schneebälle, da baute man dem kleinen Juan einen großen Schneemann mit einer stattlichen Mohrrübennase und blanken, schwarzen Kohlenaugen. Da zog Homer den kleinen Brasilianer im Schlitten durch die verschneiten Gartenwege und sah selbst wie ein drolliger kleiner Schneemann mit kohlrabenschwarzem Gesicht aus. Ja, selbst die Großmama wurde wieder jung und verließ ihr Erkerplätzchen. Wenn sie sich auch nicht mehr an der Schneeballschlacht beteiligte, sie ließ es sich nicht nehmen, den Schneemann mit einem alten Zylinderhut ihres Mannes und einem Reisigbesen eigenhändig zu schmücken.

»Klinglingling« – durch die verschneite Villenstraße fuhren die schellenbehangenen Schlitten. Von den Fenstern der Nachbarvillen blickte man ihnen nach. Aha, die Brasilianer! Man kannte Geheimrats reizende Enkelkinder hier draußen, man freute sich mit den alten Leutchen des überseeischen Besuches.

Das Weihnachtsfest kam heran mit seinen Geheimnissen, seinen Überraschungen, mit seinen verschlossenen Türen und der Neugier der Kinder. Deutsche Weihnacht. Sie wob ihren Zauberkreis auch um die Tropenbewohner. Keine glühende Sonne wie daheim am Weihnachtsfeste – Schnee – Silberschnee, soweit das Auge reichte. Und drinnen im Wohnzimmer der Großeltern die lichterbeglänzte Weihnachtstanne von der Erde bis hinauf zur Zimmerdecke. Jubelnde Enkelkinder darunter. Alle hatte die Großmama unter dem Weihnachtsbaum versammelt, Kinder und Enkel, keins durfte fehlen. Alle hatten für ihre Omama die Hände geregt zu Weihnachten, bis hinunter zum kleinsten mit seinem geflochtenen Lesezeichen. Selbst Anita hatte ein Filetdeckchen zustande gebracht. Wieder wie in früheren Jahren sang Ursel den Eltern das Weihnachtslied.

Marietta aber gab das deutsche Weihnachtsfest noch mehr. Sie hatte Tante Vronli eine Armkinderbescherung vorbereiten helfen. Der Vater hatte reiche Mittel dazu zur Verfügung gestellt. Was war die eigene Freude über die schönen Gaben gegen die, welche ihr aus strahlenden, dankbaren Kinderaugen erwuchs?

Einen Weihnachtsgast hatte der Heiligabend von der Waterkant gebracht. Vetter Horst war in Knecht-Ruprecht-Verkleidung ins Haus geschneit und hatte mit lustigem »Julklapp« Weihnachtspäckchen für groß und klein ins Zimmer geworfen. War das ulkig! Und der Vetter selbst, wie der Siegfried aus den Nibelungen, die sie inzwischen in der Schule und in der Oper kennengelernt hatte, erschien er Marietta mit seinem hellen Haar und den leuchtendblauen Sonnenaugen. Ein junger Recke aus der nordischen Sage. Zum erstenmal beneidete sie Anita um ihr gewandtes, schlagfertiges Wesen. Wie übermütig diese jeden Scherz des Vetters, mit dem sie von der Waterkant her schon gut Freund war, parierte. Nie war sich Marietta neben der Zwillingsschwester so klein und unbedeutend erschienen wie heute.

Von jedem einzelnen an der Waterkant mußte der Vetter Ursel Bericht erstatten. Von Onkel Klaus und Tante Ilse, seinen Eltern, bei denen sie als Kind fröhliche Ferien verlebt. Nun ja, Vating war alt und auch ziemlich knorrig geworden. Seitdem er mit der Gicht zu tun hatte, überließ er das Außenwerk seinem ältesten Sohn Peter und beschränkte seine Tätigkeit auf die innere Gutswirtschaft. Und Mutting? Die war noch so rührig wie einst, trotz ihres behäbigen Umfanges. Die arbeitete die junge Schwiegertochter noch heute in den Sack.

»Und die beiden anderen Brüder, wie geht's dem Herrn Professor in Rostock und dem Herrn Schiffsbaumeister, Horst?«

»Der eine bereits ein Ehekrüppel, der andere auf dem besten Wege es zu werden. Nur ich bin noch zu haben. Wie ist's, Donna Tavares, willst du mich zum Schwiegersohn?« Es war ein harmloser Scherz, aber das Auge des jungen Mannes flog dabei zu Anita hin.

»Hör auf,« rief Frau Ursel, sich lachend die Ohren zuhaltend, »der Junge macht einen vor der Zeit alt. Erzähle lieber, wie's im Dreimäderlhaus auf Grotgenheide ausschaut.«

»Nun,« das Gesicht des jungen Mannes wurde ernst, »Grotgenheide hat schwere Jahre gesehen. Nach dem plötzlichen Tode von Onkel Peter haben die Verwalter mehr in die eigene Tasche gearbeitet, als in die von Tante Marlene. Wenn auch Vating öfters mal mit einem Donnerwetter dazwischenfuhr, es ging bergab. Die Mädels haben fortgeheiratet. Vera, die Jüngste, versucht redlich mit ihrem Manne das Gut wieder schuldenfrei zu machen.«

»Und du selbst, Horst? Wie sind deine Zukunftspläne?«

»Ich habe zum Januar einen Posten in einem Hamburger Exportgeschäft angenommen. Aber ob ich's dort lange aushalte? Du bist nicht die einzige, Ursel, welche die neue Welt hinüberzieht. Schon als Schuljunge, wenn die großen brasilianischen Familienkisten ankamen, hat es mich über das große Wasser getrieben. Aber Vating ist bodenständig; er hat bisher noch immer einen Riegel vorgeschoben. Seine Kinder wären nicht für Amerika, behauptet er. Lächerlich. Nun, es ist noch nicht aller Tage Abend. Vielleicht schneie ich euch – ach, nein, das ist ja in den Tropen nicht gut möglich – aber vielleicht falle ich euch eines Tages in euer Palmenhaus.«

»Das wäre herrlich, Horst. Lieber europäischer Besuch ist die beste Verbindung mit der Heimat«, rief die Kusine lebhaft. »Aber ob ich dir raten soll, deine Zelte hier in Deutschland ganz abzubrechen, das steht auf einem anderen Blatt. Wenn ich meinen Mann, meine Kinder nicht drüben gehabt hätte, ich würde es kaum in den Tropen ausgehalten haben.« Frau Ursel sprach mit merkwürdigem Ernst.

Aber der junge Vetter wollte den Ernst nicht heraushören. »Nun, vielleicht finde auch ich in Amerika etwas, was mich fesselt und hält«, lachte er sorglos. »Was meinst du, Anita? Soll ich zu euch nach Brasilien kommen?«

»Ja, o ja! Dann wir werden wieder reiten zusammen und spielen Tennis und Golf. Wann wirst du kommen zu uns, Horst?«

»Vorläufig bist du ja selber noch hier, mein Mädel«, unterbrach die Großmama Anitas lebhaftes Pläneschmieden. Sie mochte heute abend nichts vom Tropenlande hören. Kein Gedanke an später sollte die Harmonie des Augenblicks trüben.

Milton Tavares, der mit dem Schwiegervater und seinem Schwager bei den Weihnachtskarpfen ein volkswirtschaftliches Gespräch geführt hatte, war aufmerksam geworden. »Wenn du hast den Wunsch, zu gehen nach Amerika, du wirst finden zu jeder Zeit einen Platz im Hause Tavares. Für junge Arbeitskraft wir haben immer Beschäftigung.« Er reichte dem jungen Vetter die Hand über den Tisch.

Der schlug erfreut ein. »In einigen Monaten bin ich mündig, dann brauche ich Vatings Erlaubnis nicht mehr.«

»Du hast ja nette Vornahmen, mein Sohn«, ließ sich da der alte Geheimrat ärgerlich vernehmen. »Lieber in Deutschland trocken Brot essen, als im fremden Lande auf beiden Seiten geschmiert. Milton, es genügt, daß du uns unser Ursele fortgeschnappt hast. Die übrige Familie verteidige ich vor dem Ungeheuer Amerika, das uns unsere Kinder verschlingt.«

»Verschlingt ihr lieber euren Weihnachtsmohn! – Jetta, mein Liebling, reich' dem Großpapa noch einmal die Schüssel.« Die Großmama wußte derartig gefährlichen Gesprächen stets klug die Spitze abzubrechen.

Marietta machte mit der beliebten Mohnspeise die Runde. Sie bot sie dem fremden Vetter dar. »Bitte, wollen Sie nehmen?« fragte sie schüchtern.

»Sie? – Dirn, bist du denn ganz und gar nicht gescheit, mich so höflich zu titulieren? Ursel, deine Tochter nennt mich ›Sie‹. Komm her, Marietta, da hast 'nen Kuß vom Vetter Horst.« Ehe Marietta wußte, wie ihr geschah, hatte der Vetter ihr; mir nichts dir nichts, einen Kuß versetzt.

Marietta erglühte wie eine Purpurrose. Tränen der Beschämung traten ihr in die schwarzen Augen. »Das – das ist nicht gentlemanlike. Nicht in Europa und nicht in Amerika«, rief sie mit zuckender Lippe und lief hinaus aus dem Zimmer, sich die Schmach abzuwaschen. Hinter ihr erklang das Lachen der anderen und Großmamas begütigende Stimme: »Seelchen, es war ja nur ein harmloser Scherz, – wer wird denn gleich so empfindlich sein!«

Die Weihnachtslichter waren niedergebrannt. Vetter Horst war nach Hamburg in seinen neuen Wirkungskreis übergesiedelt. Wieder einmal, wie öfters jetzt in Deutschland, waren die Zwillingsschwestern entgegengesetzter Meinung. Diesmal über den Vetter Horst. Während Anita, wie bereits im Sommer, sehr begeistert von seinem frischfröhlichen Wesen war und schon alle möglichen Sportvergnügen für seinen noch recht unwahrscheinlichen Aufenthalt in Brasilien vorschlug, verhielt sich Marietta, ihrer sonstigen menschenfreundlichen Art entgegen, in ihrem Urteil über ihn ablehnend. Der Vetter hatte ihre backfischmäßige Empfindlichkeit zu sehr verletzt.

Zaghaft trat das junge Jahr über die Zeitenschwelle, als wisse es, daß es für Frau Annemarie nur ein Nehmen, kein Geben bringe. »Nicht undankbar sein«, schalt sie sich selbst. Und sie zwang sich, den Kindern zuzureden, einige Tage zum Wintersport ins Gebirge zu gehen. Wußte sie doch, wie brennend Ursel es sich wünschte, daß sie nur mit Rücksicht auf die Eltern darauf verzichten wollte. Weniger einverstanden aber war die Großmama damit, daß man die Kinder mitnehmen und die Schule versäumen lassen wollte. Pflichttreue über alles.

Ursel aber lachte ihre Bedenken fort. »Meine beiden Mädel sollen den Wintersport mal kennenlernen hier in Deutschland. Dazu werden sie vielleicht nie wieder Gelegenheit drüben haben. Schulweisheit können sie nachholen.« Ja, so war die Ursel. Noch heute als Mutter nahm sie es mit der Schule nicht allzu heiß. Und Milton legte nun schon ganz gewiß nicht zu großen Wert auf Gelehrsamkeit seiner Töchter. Drüben in Brasilien lernten die Frauen nicht so viel wie in Europa.

So wurde es still in der verschneiten Geheimratsvilla. So still nach all dem Trubel, den die exotische Einquartierung gemacht, daß Frau Annemarie manchmal den Sekundenschlag zu hören vermeinte. Ach, eine jede nahm ihr etwas von ihrem Kinde. Der Schwiegersohn war lieb und gut, es herrschte das beste Einvernehmen zwischen ihm und Geheimrats. Und doch, Frau Annemarie hatte bei seinem Erscheinen halb scherzhaft, halb wehmütig geäußert: »Jetzt kommt der Schwan aus Lohengrin, jetzt holt er uns unser Liebstes wieder zurück.«

Der Geheimrat empfand die Ruhe nach all dem Weihnachtstrubel ganz wohltuend. Die Zeitung lag wieder auf dem bestimmten Platz und mußte nicht erst gesucht werden. Die Mahlzeiten wurden auf die Minute innegehalten, was vorher nicht immer der Fall war. Und seine Frau war jetzt nur für ihn da. Alles hat sein Gutes.

Frau Annemarie entbehrte um so mehr. Und wenn sie sich die Frage vorlegte, was sie eigentlich entbehrte, so war es nicht einmal die Ursel, sondern Marietta, das Kind, das ihr am meisten fehlte. Ursel war viel mit ihrem Manne unterwegs gewesen. Das Bewußtsein schon beglückte die Mutter, daß sie da war. Aber Marietta, ihr Seelchen, war ein Teil ihres Lebens geworden, war in all ihre Lebensgewohnheiten hineingewachsen. Überall, bei jeder Gelegenheit empfand sie die Lücke. O Gott, wie sollte das erst werden, wenn die Kinder wieder für immer davonzogen.

Begeisterte Karten kamen aus den Winterbergen. Die Tropenkinder lernten Skilaufen. Milton streikte. Das exotische Blut machte Front gegen das kalte Schneevergnügen. Weder zum Rodeln noch zum Skilaufen war er von seinen Damen herumzukriegen. Er saß lieber im warmen Café. Marietta schwelgte in der erhabenen Schönheit des schweigenden, weißen Winterwaldes. Anita, wenn sie sich überhaupt zu einem Gruß aufschwang, berichtete nur von den Freuden des unbekannten Sportes. Am meisten Furore aber machte dort in der weißen Schneewelt Rosita, Juans schwarze Kinderfrau.

Und eines Tages waren sie alle wieder da, erfüllt von den Reizen des deutschen Winterlebens. Nein, es war doch nicht so arg, einen Winter in Europa zu verbringen. Die blanken Schlittschuhe, welche die Kinder zu Weihnachten bekommen hatten, die merkwürdigen, fremdartigen Dinger, traten jetzt in ihre Rechte. Auf der spiegelblanken Eisfläche der Tiergartenbahnen erregte Frau Ursels graziöse Erscheinung noch heute Aufsehen. Sie hatte die Kunst des Eissportes in den Tropen nicht verlernt. Ihre Mädel erlernten den ihnen fremden Sport in fabelhaft kurzer Zeit. Besonders Anita erreichte bald eine Meisterschaft darin. Milton zog es vor, mit seiner Schwiegermutter und dem Kleinen vom Ufer aus sich an den kühnen Bogen seiner Frau und Töchter zu erfreuen.

Der Zeitenzeiger rückte unaufhaltsam weiter, so gern Frau Annemarie ihn auch angehalten hätte. Das Eis auf dem Neuen See bekam Risse. Frühlingssonne wagte sich schüchtern hervor. Jetzt begann das große Einkaufen. Es war ja alles spottbillig in Europa, im Vergleich zu Brasilien.

»Kind, Urselchen, du kaufst ja zum zweitenmal eine ganze Ausstattung zusammen«, verwunderte sich die Mutter. »Soll die schon für unsere Mädel sein?«

»Nein, so eilig habe ich es damit nicht, Muzi. Aber drüben kennt man das Erhalten der Sachen nicht, wie bei uns die deutsche Hausfrau. Ist etwas schadhaft, wird es ersetzt.«

»Das wäre nichts für mich«, meinte Frau Annemarie, auf ihren traditionellen Ausbesserkorb weisend. »Dann wundert es mich nicht, daß ich Anita nie dazu bekommen habe, eine Nähnadel in die Hand zu nehmen, um sich einen Knopf anzunähen oder einen Strumpf zu stopfen. Selbst unsere Jetta war schwer dazu zu haben, wenn sie ihre heimatlichen Gewohnheiten auch mir zuliebe überwand.«

»Muzichen, hast du denn früher mit mir mehr Glück gehabt? Ich war doch stets ein arger Faulpelz und drückte mich schon damals nur zu gern von Fingerhut und Nadel, ohne etwas von den tropischen Gepflogenheiten zu ahnen. Warum sollen es meine Töchter besser machen? Du wirst ganz froh sein, wenn du die faule Gesellschaft los bist.« Es klang scherzhaft, aber Ursel schaute doch ein wenig besorgt auf die Mutter.

Die schwieg. Sie durfte ihrer Ursel den baldigen Abschied nicht erschweren.

»Muzichen, Milton hat mir fest versprochen, daß wir von nun an alle zwei Jahre nach Europa herüberkommen. Kleine Kinder haben wir ja jetzt nicht mehr und – – –.«

»Die Eltern haben auch nicht mehr Zeit, noch einmal sechzehn Jahre zu warten.« Wider ihren Willen war es Frau Annemarie entschlüpft.

Ganz betreten schaute Ursel drein. Still streichelte sie der Mutter Hand.

»Kind, wenn ich weiß, daß du gern wieder zurückgehst in das ferne Land, müssen alle anderen Gefühle schweigen.« Frau Annemarie gab sich einen Ruck. »Damals, als du als junges, unerfahrenes Ding deinem Manne übers Meer folgtest, wußtest du kaum, was du tatest. Heute kennst du die Verhältnisse drüben, heute hat sich der jugendliche Überschwang eurer Liebe in gemäßigte, reife Zuneigung gewandelt. Urselchen, sag', gehst du heute ebenso freudig wie damals aus deiner Heimat in die Fremde hinaus?« Die alten Augen suchten in denen der Tochter zu lesen.

»Die Fremde ist mir zur Heimat geworden, Muzi. Damals hoffte ich das Glück dort zu finden. Heute weiß ich, daß ich es an der Seite meines Mannes gefunden habe.« In schlichter Selbstverständlichkeit kam die bangerwartete Antwort.

»Dann darf ich nicht klagen. Mehr verlangt eine Mutter nicht als das Glück ihres Kindes. Nun will ich von unserem schönen Beisammensein zehren und auf das nächste hoffen.« Frau Annemarie schlug wieder den ihr eigenen munteren Ton an.

Trotzdem, allen festen Vorsätzen entgegen, je grüner die Fliederbüsche draußen im Garten wurden, je jubelnder die Vögel die Wiederkehr des Frühlings begrüßten, um so schwerer ward es Frau Annemarie zumute. Nicht einmal vor siebzehn Jahren, als sie ihr junges Kind in die unbekannte Ferne hinausließ, hatte sie so gelitten. Ja, damals war sie selbst noch jung und hoffnungsfreudig gewesen. Jetzt war man alt und flügellahm, jetzt empfand man nur das Weh der Trennung. Selbst ihr Mann verstand sie hierin nicht. Ihn hatte das Alter ruhiger, resignierter gemacht. »Das Ursele gehört nun mal in den brasilianischen Urwald – damit haben wir uns halt schon vor Jahren abfinden müssen.«

Es war gut, daß Frau Ursel jetzt durch Abschiedsbesuche vielfach in Anspruch genommen war. War sie daheim, vermochte die Mutter stets ihr ein frohes Gesicht zu zeigen. Eine aber gab es im Hause, die ließ sich von der scheinbaren Heiterkeit der Großmama nicht täuschen. Marietta litt mit ihr. Jede schmerzliche Regung fühlte sie ihr nach. Ach, ging es ihr selbst doch ganz ähnlich. Sie fürchtete sich vor dem ersten Mai, dem Abschiedstage. Anita lebte heute schon wieder mehr mit ihren Gedanken im Palmenland als in Europa. Marietta erschien ihr früheres Leben dort ganz unwirklich, wie ein Traum, aus dem sie erst in Deutschland erwacht. Sie konnte es sich nicht vorstellen, daß sie wieder dasselbe Luxusleben unter der Tropensonne führen sollte wie ehedem. Sie hatte inzwischen anderes, Wertvolleres kennengelernt, was ihrer innersten Natur entsprach. Wenn sie daran dachte, Deutschland, das Rosenhaus und vor allem die liebe Großmama in wenigen Wochen verlassen zu müssen, dann empfand Marietta ein Weh, dem nichts in ihrem jungen Leben gleichkam. Und doch, es ging ja nicht anders. Sie gehörte zu ihren Eltern, sie war fest mit Anita, ihrer Zwillingsschwester, verknüpft. So rang die junge Marietta mit Wollen und Müssen.

Ein Frühlingstag war es voll Sonnengold und Kirschblüte, als wisse auch draußen die Natur, daß es galt, der Großmama den Geburtstag zu verschönen. Großmamas Geburtstag im April war immer ein besonderes Fest für alle Enkel. Diesmal doppelt, da sie zum erstenmal ihn mit allen Kindern und Enkeln vereint beging. Was Kindesliebe ersinnen konnte, hatte Ursel herbeigetragen, um ihre Muzi zu erfreuen. Jedes Enkelkind hatte ein Gedicht, ein Lied oder ein Musikstück für die Omama bereit. So vieler Liebe gegenüber durfte sich kein trauriger Gedanke hervorwagen.

Abends spät, als alles heimgegangen, als auch Anita und Marietta schon ihr Stübchen aufgesucht, trat Frau Annemarie noch einmal auf die frühlingsatmende Terrasse hinaus. Ein schwerer Seufzer, der so gar nicht zu dem frohen Tage stimmen wollte, entrang sich ihrer Brust. Bald war's soweit.

Droben auf dem Tausendschönchenbalkon stand die junge Enkelin, von ähnlichen Empfindungen durchpulst wie die alte Frau unten. Hauchgleich traf der Seufzer ihr Ohr. Marietta fühlte ihn mehr, als sie ihn vernahm. Und da huschte es auch schon die Treppe hinunter, da schmiegte sich eine kleine Hand in die der Großmama, junge Lippen küßten ihr den feuchten Schleier von den Augen. »Großmama, liebe Großmama, nicht traurig sein. Ich will nicht mitgehen zurück in die Tropen. Ich will bei dir bleiben – ich will in Deutschland bleiben – immer.«

»Seelchen, das wolltest du? Dich von den Eltern und Geschwistern trennen? Ich bin alt, ich kann dir nicht mehr viel sein.«

»Wenn die liebe Großmama ist alt, ich muß sorgen für sie. Ich will bei dir sein, daß du bist nicht allein, wenn der Großpapa geht in Klinik. Ich will machen dich wieder froh, wenn du bist bange nach unserer Mammi.«

»Und du selbst, Seelchen? Denkst du gar nicht an dich? Wird es dir nicht auch bange werden?«

»Ich bin ja bei der lieben Großmama.« Fest hielten sich Großmutter und Enkelkind umfangen.

* * *

Leicht wurde es Marietta nicht gemacht, die Zustimmung der Eltern für ihren Wunsch, in Deutschland bleiben zu dürfen, zu erlangen. Der Vater mochte keins seiner Kinder missen. Und die Mutter? Nur Frau Annemarie ahnte, wie schwer es Ursel wurde, ihren Mann umzustimmen, sich von ihrem Kinde zu trennen. Für ihre Muzi mußte sie das Opfer auf sich nehmen. Das Weh, das sie ihr zufügen mußte, sollte ihre Tochter lindern. Am meisten aber erschwerte Anita der Schwester den Entschluß. Die ganze Heftigkeit ihres Wesens, die das Jahr in Europa gezügelt, kam wieder zum Ausbruch, daß die Schwester sich von ihr trennen wollte. Marietta blieb unbeeinflußbar Anitas Bitten, Tränen und Empörung gegenüber. Fest hatte sie in deutschem Boden Wurzel geschlagen.

Wieder stand Frau Annemarie mit ihrem Manne im Hamburger Hafen. Wieder löste sich ein Schiff vom heimatlichen Gestade, ein Kind vom Herzen der Eltern. Aber zwischen den beiden Altgewordenen erblühte heute die Jugend, das junge Reis stützte die Entblätternden.

Hoffnungsfreudig wehten die Tücher: »Auf Wiedersehen!«

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