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Nesthäkchen und ihre Enkel

Else Ury: Nesthäkchen und ihre Enkel - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchen und ihre Enkel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 9
printrun45. bis 48. Tausend
yearo.J.
firstpub1924
tillustratorProfessor A. Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine.Kreutz@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20131031
modified20141124
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13. Kapitel. Unerwartet.

An einem Augusttage war es. Einer von den klaren, blauen, die den nahenden Herbst künden, aber doch noch alle Schönheit, allen Sonnenglanz des Sommers in sich tragen. Reseda und Levkoien dufteten.

Geheimrats saßen beim Nachmittagstee unter der Linde. Frau Annemarie hielt eine weiße Strickarbeit zwischen den Fingern. Aber ihr Blick wanderte immer wieder zu ihrem Manne hin. Hatte die erste Sprechstunde ihn auch nicht angestrengt?

»Was schaust denn, Weible? S'ist halt nit mehr viel an dem alten morschen Kerl zu sehen.« Der Geheimrat war aufmerksam geworden.

»Mir gefällt er noch immer und heute ganz besonders. Wirklich, Rudi, du siehst heute viel frischer aus als die Tage zuvor.«

»Gelt?« triumphierte der alte Herr, »das macht nur die Praxis. Laßt mich in meine Klinik, da werd' ich schneller gesund als in solcher Zwangsanstalt von Sanatorium, in das ihr mich stecken wollt. Aber ich werd' dem Kollegen was husten. Ich denk' gar nit daran. Meine Freiheit laß ich mir von zehn Kollegen nit rauben.«

»Aber von deiner Frau, nicht wahr, mein guter Mann? Wenn ich dich bitte, bist du vernünftig. Schon meinethalben. Meine Nerven streiken auch nach der bösen Zeit.« Sie blickte ihn mit ihren leuchtendblauen Augen bittend an.

»Nun schau einer diese Evastochter an. Jetzt soll wohl gar ich noch zu deiner Begleitung und Gesellschaft mit ins Sanatorium? Na, wir werden halt sehen.«

Frau Annemarie war mit dieser Antwort zufrieden. Er polterte und er schmunzelte wieder – nun ging es aufwärts. Zum erstenmal fühlte sie den Alp, der ihr die ganzen schweren Wochen aus der Brust gelegen, weichen. War das ein schöner Tag heute! So golden, so von Daseinsfreude durchtränkt. Neu geschenkt empfand sie das Leben. Bedeutete sein Leben doch für sie das eigene.

Die Enkelinnen waren mit Lottchen, das rotbäckig heimgekehrt, und Homer in den Zoologischen Garten gezogen, Jimmy zu besuchen. Der kleine Neger hatte tatsächlich Sehnsucht nach dem munteren braunen Heimatsgenossen. Und Anita ging es nicht besser. Ihr erster Weg nach ihrer Heimkehr von der Waterkant mußte zu Jimmy sein.

Der Geheimrat hatte sich in seine Zeitung vertieft, Frau Annemarie in ihr Strickmuster. Still und friedlich lag der Garten in der Sonne. Irgendwo schlug eine Amsel. Die Levkoien dufteten.

Unweit an der nächsten Straßenecke hielt ein Auto. Eine schlanke goldblonde Dame, ein kleiner ebenso goldhaariger Knabe entstiegen ihm. Der Chauffeur wurde abgelohnt. Die Dame nahm den Kleinen an die Hand. Langsam schritt sie mit ihm die Straße herauf.

Jedes Haus kannte sie hier, jeden Baum. Alles gute alte Bekannte und doch – fremd geworden. Die stattliche Blautanne dort drüben auf dem Rasenrondell war ein winziges Bäumchen gewesen. Hier dieses Landhaus hatte einen neuen Anstrich bekommen. Verändert so manches und doch heimatlich vertraut. Die Dame stand still. Sie preßte die Hände gegen das klopfende Herz. Ihre Lippen tranken den aus allen Gärten sie grüßenden Duft. Heimatsluft – Heimatssonne. Die Arme hätte sie weit ausbreiten mögen, das liebe Fleckchen Erde an ihr Herz zu ziehen. Aber da war etwas, was keine Freude, kein Glücksgefühl aufkommen ließ. Etwas Bedrückendes, Beklemmendes; etwas, was sich wie Zentnergewichte an ihre Füße hängte, ihren Schritt hemmte. Wie würde sie ihn finden, den Vater? Würde sie ihn überhaupt noch finden?

»Weiter, Mammi, wir wollen zur Omama.« Kinderhände zogen die Zagende vorwärts.

Und nun stand sie an dem väterlichen Garten. Die wilden Rosenranken, die das weiße Gartenstaket umkletterten, waren hoch und dicht geworden. Sie wehrten den Durchblick. Zarte Frauenhände bogen sie auseinander, achteten der schmerzenden Dornen nicht.

Da lag es, das Rosenhaus – ihr Vaterhaus. Still und friedlich in Rosen gebettet, als sei die Zeit spurlos an ihm vorübergeschritten. Das suchende Auge der spähenden Frau überflog die Terrasse. Leer. Dort die alte Linde, und darunter – da saßen sie, die zwei, zu denen jeder sehnsüchtige Gedanke in all den langen Jahren gezogen: Der Vater – er lebte! Und daneben die Mutter, ihre Muzi – – – die Späherin sah nichts mehr. Ein Schleier, aus Glückstränen gewoben, trübte ihr den Blick.

Ahnte das Mutterherz denn gar nicht, daß die nächste Minute ihr die Erfüllung jahrelangen Sehnens bringen sollte? Frau Annemarie saß unter der Linde und zählte die Maschen. Die Blätter der Linde rauschten geheimnisvoll. Frau Annemarie achtete dessen nicht. Ein munterer kleiner Fink lugte fürwitzig aus dem Gezweig, jubelnd meldete er die Botschaft. Umsonst. Rosen, Levkoien und Reseden strömten ihre süßen Willkommensgrüße aus – der ganze heimatliche Garten stand in Erwartung.

Nur sie, deren Gedanken, wie stets bei der Arbeit, in die Ferne flogen über das große Wasser, sie fühlte es nicht, daß ihr Kind ihr so nahe war.

Da – ein Stimmchen, süß wie Vogellaut und Blumenduft: »Omama!« Fremdländischen Klang hatte das so vertraute Wort – das waren nicht die Zehlendorfer Enkel!

Jäh hob Frau Annemarie den Kopf – ihr Herzschlag setzt sekundenlang aus. Da stand ein kleiner Blondkopf mitten im Garten, mitten im Sonnengold – sonst nichts. Aber es bedurfte auch nichts weiter.

»Ursel – – –!« Das war ein Laut, wie ihn nur eine Mutter ausstoßen kann. Alles Leid, alles Sehnen, alles Glück einer Mutter schwang darin mit. Die alte Linde erzitterte bis in ihre Wurzeln. Der Geheimrat fuhr erschreckt empor. Da sah er seine Frau bereits den Garten durchjagen, vorbei an einem kleinen, goldhaarigen Knaben, dem Gartentor zu. Und da – der alte Geheimrat zog mit einer ihm ganz fremden Hast seine schärfste Brille hervor – ach, was brauchte es die Brille! – »Muzi, mein Muzichen!« diese jubelnde Stimme gehörte nur einer. Sie war da – sein Ursele war da!

Was dachte der Geheimrat daran, daß ihm jede Aufregung streng untersagt war, daß er nur am Arm seiner Frau bisher die Gartenwege langsam durchschritten hatte. Schon schwang er mit alten Kräften den kleinen, verdutzten Blondkopf durch die Luft: »Jungeli, Hansel – kennst den Großvater nimmer, gelt?« Schon wanderte Ursel aus dem Arm ihrer Muzi in den des Vaters.

»Mein Vaterchen! – Gottlob, daß ich dich so frisch wiedersehe!«

»Viel länger Zeit hättst dir auch nit lassen dürfen, Ursele. Unser Herrgott hatte bereits zum Abmarsch geblasen. Eine Schand' ist's, daß dich all die Jahre nimmer um deine alten Eltern gekümmert hast – – –«, so polterte der alte Herr, um seine Rührung zu verbergen.

Kein Wort vermochte Frau Annemarie, die lebhafte, zu sprechen. Still, ganz still hielt sie ihr heißentbehrtes Kind am Herzen. Ursel küßte ihr die Tränen von den Augen.

»Mein Vaterle, – kleine Muzi –«, die eine Hand bekam der Vater, die andere die Mutter. »Bin ich denn wirklich wieder daheim? Deutsche Sonne – deutsche Rosen – Junge, Hansel, wir sind daheim in Deutschland!«

Das Kind hatte mit großen Augen das Wiedersehensglück mitangeschaut. Zutraulich schmiegte es sich an die fremde Omama, die all die versäumte Zärtlichkeit an dem kleinen Kerl nachholen zu wollen schien.

»Wo sind Nita und Jetta, wo sind Homer und Jimmy?« fragte er in portugiesischer Sprache.

»Sie müssen bald kommen – was werden die Kinder nur zu der unerwarteten Einquartierung sagen! Urselchen, Kind, warum hast du nicht telegraphiert oder aus Hamburg telephonisch angerufen? Dann hättet ihr alles empfangsbereit vorgefunden.« Die Hausfrau erwachte jetzt trotz des kaum faßbaren Glücksgefühls in Frau Annemarie.

»Um euch nicht wieder enttäuschen zu müssen. Als mir Jettas Telegramm Vaters Erkrankung meldete« – – –

»Was, der Tausend! Das Mädel hat ein Telegramm nach Brasilien gesandt?« unterbrach sie der Geheimrat.

»Da entschloß ich mich sofort, mit dem nächsten Schiff hinüberzugehen. Milton hat mir in selbstloser Weise alle Wege geebnet. ›Aber gedrahtet wird nicht; du fährst und bist da‹, empfahl er mir. Ach, was war das für eine Fahrt in die Ungewißheit hinein. Selbst in Hamburg konnte ich den Mut nicht aufbringen, anzurufen. Eure Ursel ist feige geworden. Wenn ich geahnt hätte, daß unser Vater mir so entgegenkommen würde – – –.« Eine neue Auflage liebevoller Zärtlichkeit erfolgte.

Ja, das war die Ursel, stürmisch und zärtlich, ganz wie einst.

Die Mutter konnte sich nicht satt sehen an der zu voller Frauenschönheit Erblühten. Es war, als ob die jähe Freude der impulsiven Frau Annemarie den Mund schlösse. »Mein Urselchen!« sagte sie nur hin und wieder und hielt die Hand der Heimgekehrten. Als müsse sie sich auch körperlich davon überzeugen, daß nicht ein Trugbild ihrer Sinne sie narre, daß ihr Kind leibhaftig neben ihr saß. »Jahrelang habe ich mir unser Wiedersehen ausgemalt, nun hat es mich doch überrumpelt.«

»Arg überrumpelt. Nicht einmal eine Tasse Kaffee bekommt unsere Kaffeekönigin nach einer Reise von Brasilien her vorgesetzt. Annemie, Fraule, was sollen die Tropenleut' von deutscher Gastfreundschaft denken.« Der alte Herr war wie ausgewechselt.

»Himmel! Vor lauter Freude laß ich mein Urselchen und unsern kleinen Hansel verhungern. Frau Trudchen soll sogleich – – –«, aber Ursel war schneller als die Mutter. Sie drückte sie wieder in ihren Korbsessel zurück. »Laß, Muzichen, ich bestelle mir selbst meinen Kaffee und sage Frau Trudchen gleich dabei ›Guten Tag‹. Ihr sollt nicht denken, die faule Ursel von früher sei wieder da.« Da eilte sie auch schon, Juan mit sich ziehend, leichtfüßig dem Hause zu.

Gleich darauf hörte man Frau Trudchen in lautes: »I du meine Jüte!« ausbrechen. »Nein, so 'ne Überraschung! Was wird unsere Frau Jeheimrat man bloß jesagt haben! Kunze, – Jott, wo steckt der Mann denn nu wieder – unsere jnädige Frau Urselchen aus Brasilien is anjereist jekommen!« Rührend war die Freude der Treuen.

Unter der Linde streckte der Geheimrat seiner Frau die Hand über den Tisch hinüber: »Daß ich diesen Tag erlebt hab', das dank' ich, nächst dem da droben, dir und deiner aufopfernden Pflege, meine gute Alte.«

»Ich bin heute eine schlechte Pflegerin, Rudi. Mit keinem Gedanken habe ich daran gedacht, daß die Aufregung, wenn auch noch so freudiger Art, dir schaden könnte. Nur eins vermochte ich zu denken: Urselchen ist da!«

»Gottlob, daß sie da ist! Nun lohnt sich's doch, gesund zu werden. Ja, wo steckt's denn, das Ursele? Scheint halt noch derselbe Irrwisch zu sein, wie ehedem.«

»Hier steckt sie!« rief eine lachende Stimme irgendwo aus der Höhe herab. Auf dem kleinen Tausendschönchenbalkon ihres ehemaligen Mädchenstübchens stand die Ursel und hielt von ihrem ureigensten Reiche aus Umschau. Diese engen Wände hatten ihre fröhliche Kindheit, ihre sorglosen Mädchenjahre beschirmt, bis sie aus ihrer Obhut hinausgezogen war in die Weite, in die Fremde. Nein, sie brauchte es nicht zu bereuen – ein liebevolles Gedenken zog zu ihrem fernen Manne. Aber was war das für ein warmes, wohliges Gefühl, wieder daheim zu sein. Sich wieder Kind zu fühlen im Elternhause. Ist man auch noch so alt inzwischen geworden, dieses Sichgeborgenwissen findet man sonst nirgends in der Welt.

Der kleine Juan hatte sich bereits auf Omamas Schoß etabliert. Er ließ sich gern verhätscheln, der kleine Nachkömmling. Verstand er auch noch nicht viel deutsch, die Sprache, die Großmutterliebe redete, begriff er.

»Nicht einmal Kuchen hatte die Omama zum Empfang backen können«, beklagte sich Frau Annemarie, als man nun gemütlich beim Kaffee saß.

»Keinen Kuchen, Muzi. Eine Berliner Butterschrippe, das ist jetzt die größte Delikatesse für mich. Oder noch lieber eine Butterstulle, die habe ich die ganze Zeit drüben entbehrt.« Frau Ursel ließ es sich schmecken. Dabei wanderte ihr Blick glücklich von den lieben Zügen der Mutter zum Vater hin und wieder zu ihrer Muzi zurück. Älter waren sie geworden, die lieben zwei. Dem Vater sah man die überstandene Krankheit noch an. Sein Haar war gebleicht, das Auge matt. Und auch die Mutter, ihre kleine Muzi, zeigte Silberfäden in dem immer noch vollen Goldhaar.

»Wo hast du denn dein Gepäck abgestellt, Ursele? Soll Kunze es vom Bahnhof holen?« unterbrach der Geheimrat sachlich Ursels Beobachtungen. »Ich nehme nit an, daß Donna Tavares mit dieser kleinen Handtasche von Brasilien herübergekommen ist.«

»Bringst du etwa ebenso viele Koffer mit wie deine beiden Mädel, Urselchen? Dann kündige ich dir das Logis«, scherzte die Mutter mit glücklichen Augen.

»Das brauchst du gar nicht erst, Mutterchen. Ich bin im Hotel abgestiegen. Juans alte Rosita, die Mulattenkinderfrau, ist bei den Sachen zurückgeblieben. Milton meinte, wir könnten euch unmöglich doch auch noch ins Haus fallen und – – –.«

»Bestell' deinem Mann einen schönen Gruß von seinem Schwiegervater, und vielleicht wär' das in Brasilien Mode, daß ein Kind ins Hotel geht, wenn es zu seinen Eltern heimkommt. Bei uns in Deutschland nimmer, verstehst?« Nein, wie sich der sonst so ruhige Vater aufregte. Daran erkannte man, daß er noch Patient war.

»Milton hat es sicher gut gemeint«, begütigte Frau Annemarie. »Aber sag', Kind, hast du wirklich im Ernst geglaubt, daß wir dich nach jahrelangem Entbehren weiter entbehren werden? Daß wir nicht jede Minute, jede Sekunde des Zusammenseins ausnützen könnten, um uns zu entschädigen, und auch auf Abschlag für kommende Zeit?«

»Ich hab's Milton gleich gesagt, daß ihr es nicht zulaßt. Und wenn ich im Ziegenstall logieren muß, ich gehöre ins Rosenhaus nach Lichterfelde. Nur mit Sack und Pack wollte ich nicht gleich hier vorgefahren kommen. Meiner kleinen Muzi sollte nicht himmelangst werden bei der Überrumpelung.«

»Da kennst du deine Mutter schlecht, Urselchen. Seit sechzehn Jahren ist alles für deinen Empfang geordnet. Sicher richtet Frau Trudchen schon das Biedermeierzimmer für dich her. Unser kleiner Hansel wohnt mit seiner Kinderfrau oben, neben den Schwestern. Also du siehst, Donna Tavares braucht nicht ›standesgemäß‹ im Ziegenstall zu logieren.«

»Ja, so geht's,« meinte Frau Ursel lachend, »die Jungen verdrängen die Alten. Meine beiden Mädel haben mich aus meinem Stübchen, dem Paradies meiner Kinderzeit, vertrieben, und ich verdränge meine kleine Muzi aus ihrem Heiligtume, dem Biedermeierzimmer. Mir ist schon recht bange nach meinen beiden – – –.«

»Und es sind doch noch keine sechzehn Jahre, knapp so viele Wochen, daß du sie nicht gesehen hast«, meinte die Mutter mit leisem Lächeln. »Du glaubst gar nicht, Ursel, wie uns unser Jettachen in den schweren Tagen der Krankheit ans Herz gewachsen ist. Das Kind hat ein goldenes Gemüt. Es denkt immer nur an andere.«

»Ja, Marietta ist darin ganz unamerikanisch. Das taugt nicht für drüben. Da muß jeder zusehen, wo er bleibt.«

»So laßt sie uns halt ganz da, 's Mariele, wenn ihr wieder zurückgeht.«

»Aber Mann, Rudi, die Ursel ist doch eben erst gekommen, und da kannst du schon wieder an Trennung denken!« Ordentlich aufgebracht war Frau Annemarie.

»Der Vater hat eben schon genug von mir,« lachte Ursel, »und mir scheint, die Großeltern auch bereits von meiner Anita, weil du die Jetta so gegen sie herausstreichst, Muzi. Anita hat dir wohl manch Kopfzerbrechen gemacht. Hoffentlich habt ihr nicht allzu arg auf meine Erziehung geschimpft.«

»Von Erziehung haben wir gar nimmer etwas beim Annele gemerkt«, neckte der Geheimrat.

»Anita ist ein echt amerikanisches Mädchen aus reichem Hause, mit all seinen Vorzügen und Schwächen. Es war nicht immer leicht mit ihr. Gar manches Mal hab' ich gemeint, meine Ursel hätte strenger sein müssen«, gab Frau Annemarie mit der ihr eigenen Ehrlichkeit zu. »Aber sie ist doch ein Prachtmädel, die Anita, es steckt ein guter Kern in ihr. Sie hat schon manches hier gelernt. Sie ist lange nicht mehr so rücksichtslos und herrschsüchtig, auch Marietta gegenüber. Und was die Hauptsache ist, sie hat uns liebgewonnen. Ein deutsches Gretchen wird und soll sie ja niemals werden. Sag', Hanselchen, auf wen freust denn du dich am meisten? Auf die Nita oder auf die Jetta?« wandte sie sich an den kleinen, inzwischen auf Hühner und Spatzen Jagd machenden Enkel. Der sah fragend auf die Mutter. Diese übersetzte ihm die Worte der Großmama.

»Ich freue mich am meisten auf Jimmy und die Omama«, war die prompte Antwort des Kleinen, die Frau Ursel vor Lachen kaum dolmetschen konnte. »Omama, du kommst erst nach Jimmy.«

Während die Omama noch belustigt gegen diese Gemeinschaft protestierte, fuhr ein Auto vor. Homer sprang vom Chauffeursitz, öffnete den Schlag und half beim Aussteigen. Natürlich – Anita war die Straßenbahn wieder einmal nicht gut genug. So weit war der europäische Einfluß des großväterlichen Hauses doch noch nicht gediehen. Wie der Wind war Frau Ursel, den kleinen Juan mit sich ziehend, hinter dem dicken Stamm der alten Linde. Sie legte den Finger auf den Mund – Juan verstand. Er verhielt sich mäuschenstill, um die Schwestern zu überraschen.

Lebhaft plaudernd kamen die jungen Mädchen näher. Sie waren glücklich, jetzt wieder beisammen zu sein.

»Guten Tag!« rief Anita schon von weitem, »ein schönes Gruß von Jimmy. Er hat Sehnsucht, der arme Tierchen.«

»Wir aber nicht nach ihm«, meinte die Großmama. »Na, Lottchen, war's schön im Zoo?«

»Ja, das schönste am Zoo war das Autofahren«, lautete Lottchens begeisterte Antwort.

»Unser Großpapa sieht jetzt viel mehr frisch und vergnügt aus als heute morgen«, stellte Marietta mit dem kundigen Blick der Pflegerin erfreut fest.

»Das macht, wir haben lieben Besuch gehabt.« Die Großmama machte ein merkwürdig verschmitztes Gesicht dabei. »Wir sollen euch auch einen Gruß bestellen – von Jimmys Landsleuten.«

»Landsleuten von Jimmy? Das sind auch unsere Landsleuten.« Anita war ganz aufgeregt. »Wer kann es sein gewesen? Einer von den Janqueiro? Oder die Orlandos? Die haben zu arbeiten mit Europa.«

»Bitte, sage es uns, liebe Großmama. Haben sie gebracht Grüße von unsern Eltern?« Auch Marietta brannte vor Neugier.

»Freilich«, lachte die Großmama. »Ganz frische, warme Grüße.«

»Wollen halt mal schauen, wer das Rätsel erraten wird, 's Annele oder 's Mariele«, schmunzelte der Großpapa.

»Ist es Mann oder Frau?« begann Anita das Examen.

»Beides«, lachte die Großmama. »Aber der Mann ist nur klein, viel kleiner als die Frau.«

»Jetta, ein kleines Mann und ein großes Frau. Wer kann sein das in Sao Paulo?« Die beiden Mädel waren so aufgeregt, daß sie nicht darauf acht hatten, daß es hinter der Linde nicht weniger aufgeregt zuging. So breit sich die Linde auch machte, so sehr Frau Ursel auch zu beschwichtigen versuchte, Klein-Juan war kaum noch zurückzuhalten, seitdem er die Stimmen der Schwestern hörte.

»Kuckuck« – klang es plötzlich hinter der Linde hervor, mitten hinein in das Kopfzerbrechen und Raten. Das deutsche Kleinkinderspiel war auch Juan geläufig. Und im selben Augenblick ein unzivilisiertes Freudengeheul Homers: »Donna Tavares – oh, Don Juan!« Da trabte der Negerjunge, den goldlockigen kleinen Reiter auf seinen Schultern, auch schon durch die Gartenpfade, als wäre es unter den Palmen seiner Tropenheimat. Anita und Marietta aber hingen am Halse der Mutter: »Mammi, unsere Mammi, oh, ist das schön, daß ihr seid gekommen!«

Fest hielt Frau Ursel ihre Zwillinge in den Armen.

Dann kam Juan an die Reihe. Oh, wie hatte der kleine Kerl den großen Schwestern gefehlt. Deutsche und portugiesische Laute durchschwirrten die Luft.

»Papi? Wo ist der Papi?« Anita suchte hinter der Linde, als müsse sie noch mehr Überraschungen bergen.

»Der Vater konnte sich nicht so schnell freimachen. Als ich dein Telegramm erhielt, Jetta – ich danke dir noch ganz besonders dafür, mein Mädel –, da trieb es mich so rasch wie möglich nach Deutschland hinüber. Unser Vater kommt uns nach, sobald er alles Geschäftliche geordnet hat«, berichtete die Mutter.

»Und dann er nimmt uns mit zurück in die Tropen, wenn es wird kalt in deutsches Land«, rief Anita.

»Meinst du, Nita, ich habe sechzehn Jahre darauf gewartet, nach Deutschland heimzukommen, um so schnell wieder Reißaus zu nehmen? Ich sehne mich nach deutschem Winter.«

»Nein, nicht zurück!« rief auch Marietta. Erschreckt faßte sie die Hand der Großmama.

»Seelchen, ich laß dich nicht so bald fort. Du hast mir heute die größte Freude meines Lebens bereitet. Wenn ich dir auch eigentlich böse sein müßte, daß du ein Geheimnis vor deiner alten Großmama gehabt hast.«

Frau Ursel lachte ihr helles Lachen. »Wenn es nicht meine eigenen wären, ich glaubte es den beiden nicht, daß sie Zwillinge sind. Gibt es denn überhaupt etwas, worin ihr euch gleicht?«

»O ja!« Sie riefen es wie aus einem Munde. »Wir haben lieb unsere Mammi beide gleich.«

Lottchen stand mit großen, stillen Augen daneben. »Ich wollte, meine Mutti käme auch wieder«, sagte sie leise. Es war das erstemal, daß das Kind Sehnsuchtsgefühle nach der in fremder Erde ruhenden Mutter äußerte. Die Wiedersehensfreude der andern Kinder hatte dieses natürliche Gefühl hervorgerufen.

Frau Annemarie mit ihrem warmen Herzen zog die kleine Waise zu sich heran. »Unser Lottchen macht uns allen Freude. Was finge Mutter Trudchen und Vater Kunze denn nur ohne ihr Lottchen an!«

»Und die Omama Geheimrat auch!« So nannte das Kind Frau Annemarie. Ganz besonders hing die Kleine an der gütigen alten Dame. Aber als Mutter Trudchen jetzt erschien und rief: »Na, is mein Lotteken denn wieder da?« da flog das Kind der freundlichen Frau in die weit geöffneten Arme, und alles Leid war vergessen.

»Unsere unvermutete Einquartierung macht Frau Trudchen heute viel Mühe. Ihr könnt ihr ein bißchen zur Hand gehen, meine Mädel«, wandte sich Frau Ursel an ihre Zwillinge.

»Wir?« Anita glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Das hatte die Mutter niemals von ihnen im Tropenlande verlangt. Atmete sie mit deutscher Luft auch deutsche Anschauungen ein? »Homer und Herr Kunze werden gehen mit zur Hand.«

»I wo, jnädige Frau Urselchen, das is ja man halb so schlimm. Ich werd' auch ohne die Fräuleinchen fertig«, beteuerte Frau Trudchen, während Ursel und ihre Mutter einen Blick des Einverständnisses tauschten. Nein, allzuweit war es mit Anitas wirtschaftlicher Betätigung noch nicht her.

Dafür zeigte Anita amerikanische Geschäftstüchtigkeit. Sie litt es nicht, daß die Mutter ins Hotel zurückfuhr, die alte Rosita und die Koffer nach Lichterfelde zu transportieren. Das besorgte sie mit Homer. Marietta half inzwischen das Biedermeierzimmer für die Mutter herrichten. Keine Vase, kein Glas, keine Schale ließ sie ohne Blumen. Seine schönsten Blüten mußte der Garten heute hergeben.

Das Telephon hatte es nach Zehlendorf und nach dem Norden verkündet, daß Geheimrats Jüngste aus Brasilien ins Elternhaus heimgekehrt.

Der warme Augustabend vereinigte die ganze Familie auf der Rosenterrasse. Alle waren sie gekommen, die endlich Heimgekehrte freudigst zu begrüßen. Manche Veränderung hatte das Familienleben seit Ursels Fortgehen erfahren. Manche Lücke klaffte in der festgegliederten Kette. Aber neue Jugend füllte dieselben aus, es gingen und kamen die Generationen.

Pfirsichbowle perlte in geschliffenen Gläsern, hell klangen sie in den duftschweren Sommerabend hinaus. Dann aber zogen andere Töne, voll und süß wie Blütenhauch, durch die Augustnacht. Ursel sang dem Vater seine Lieblingslieder, die Schubertlieder.

Frau Annemarie hielt die Hand ihres Mannes. Ihr Blick umfaßte dankbar ihr reiches Familienglück. Da – eine Sternschnuppe! In silbernem Bogen glitt sie lautlos zur schwarzen Tiefe. Der Kinderglaube aus längst vergangenen Tagen, daß man sich bei jeder Sternschnuppe etwas wünschen dürfe, ward plötzlich in der alten Frau lebendig und formte sich zu dem einen Gedanken: »Ach, wenn es doch immer so bliebe!«

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