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Nesthäkchen und ihre Enkel

Else Ury: Nesthäkchen und ihre Enkel - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchen und ihre Enkel
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 9
printrun45. bis 48. Tausend
yearo.J.
firstpub1924
tillustratorProfessor A. Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine.Kreutz@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20131031
modified20141124
projectid99dbdda0
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11. Kapitel. Deutsche Schule.

Lange hatte Frau Annemarie geschwankt, ob sie die Enkelinnen in eine richtige Schule schicken sollte. Für die Klasse, in welche sie ihrem Alter nach paßten, hatten sie sicher nicht die erforderliche Reife. Wenn sie auch in Sprachen, ja, vielleicht auch im Rechnen weiter waren. Aber alles, was mit der deutschen Sprache zusammenhing, Grammatik, Literatur, Geschichte zeigte klaffende Lücken. Die Großmama war dafür, dieselben erst durch Privatunterricht ausfüllen zu lassen, damit die Kinder nicht die Freude an der Schule verlören. Sie hatte an ihren Schwiegersohn Georg Ebert, der ein besonders tüchtiger Lehrer war, dabei gedacht. Aber erstens war die Entfernung vom Wedding nach Lichterfelde für einen regelmäßigen Unterricht eine zu große, und dann hatte Doktor Ebert sich auf die Seite des alten Geheimrats gestellt. Der fand Schuldisziplin für die beiden Enkelinnen unbedingt notwendig. Je eher, desto besser. Besonders Anita mußte sich fügen lernen, mußte ihre Selbstherrlichkeit verlieren. Es schadete gar nichts, wenn sie sah, daß andere mehr wußten als sie. Auch war es der Wunsch ihrer Mutter, daß die Kinder in eine deutsche Schule gehen sollten. So waren die beiden Enkelinnen in dasselbe Mädchenlyzeum, das einst ihre Mutter mit blondem Backfischzopf besucht hatte, eingeschult worden.

Einen Kampf hatte es gegeben, daß Anita nicht im Seidenkleid und eleganten Schuhchen, wie sie es von Sao Paulo her gewöhnt war, die Schule besuchte. Die Großmama hatte nette, blauweiß gepunktete Musselinkleider für den Schulbesuch und haltbares Schuhzeug besorgt. Aber Anita war nicht zu bewegen, es anzuziehen. »Sieht aus wie armes Leute – Tavaressche Töchter nicht gehen so!« Dabei blieb sie. Auch Marietta, die gewöhnt war, in ihrer Tropenheimat nur helle Farben zu tragen, war durch das dunkle Kleid in ihrem Schönheitssinn verletzt. Der Großmama zu Gefallen legte sie es an, rief aber sofort, halb entsetzt, halb lachend: »O nein, so wir nicht können gehen.«

»Aber Kind, ich weiß nicht, was du willst. Nett und ordentlich siehst du aus, wie es sich für den Schulbesuch gehört«, ereiferte sich die Großmama. »Eilt euch, daß ihr pünktlich vor Beginn da seid.«

Marietta begann zu weinen, denn sie fand sich in dem blauweißen Kleid gräßlich, wagte aber keine direkte Widersetzlichkeit.

Anita wischte der Schwester energisch die Tränen fort. »Weinen wegen dumme Kleider – dann wir nicht gehen in Schule. Ist mir recht.«

Diesmal brachte Miß Smith einen Ausgleich zustande. »Die girls haben einfache, weiße Batistkleider für Sportzwecke. Dieselben wären auch für die Schule geeignet,« schlug sie vor.

»Nun, so sehr geeignet kann ich weiße Kleider nicht finden«, meinte die Großmama. »Aber meinetwegen.«

Als dann die Enkelinnen in den weißen Kleidern an der Seite von Miß Smith Grüße über das Gartengitter zu der auf der Blumenterrasse Sitzenden zurücksandten, kam sich die alte Dame recht inkonsequent vor. »Ich tauge nicht mehr dazu, Kinder zu erziehen«, sagte sie seufzend. »Aber die Hauptsache ist doch, daß sie die Schule nicht versäumen.«

Nein, sie waren pünktlich. Gleich an der nächsten Straßenecke hatte Anita ein Auto genommen. Sie war nicht gewöhnt, zu Fuß in die Schule zu gehen und hatte nicht die Absicht, daran in Deutschland etwas zu ändern. Miß Smith war durchaus einverstanden, trotzdem die Entfernung mit dem Auto nur wenige Minuten betrug. Sie zog Fahren entschieden dem Gehen vor. Ja, als Anita beim Aussteigen mit der Sicherheit, die ihrem Wesen den Stempel aufdrückte, sagte: »Miß Smith, Sie können fahren zurück,« war das durchaus nach ihrem Geschmack. Weder Anita noch Marietta dachten daran, das Auto zu bezahlen. Sie waren ja gewöhnt, stets ihr Privatauto zur Verfügung zu haben. Miß Smith würde das schon in Ordnung bringen.

Die Miß aber hatte zufällig kein Geld bei sich. Und die alte Frau Geheimrat machte große Augen, als vor ihrer Gartenpforte ein Auto hielt, dem die lange Gestalt der Miß entstieg. Aber als sie das Auto, das ihre Enkelinnen sich großspurig genommen, dann auch noch bezahlen sollte, hielt sie mit ihrer Meinung nicht zurück.

Auch im Mädchenlyzeum hatte das Vorfahren des Autos Aufsehen erregt. Die Kinder, die durch das große Tor in die Schule wanderten, blieben erstaunt stehen, drehten die Köpfe und reckten die Hälse. Nanu? Was waren denn das für Märchenprinzessinnen, die da in weißen Kleidern dem Auto entstiegen? Das fremdländische Aussehen der beiden erhöhte die Neugier. Und als sich Anita an eine der Schülerinnen wandte: »Bitte, wo ist II. Klasse O?« fühlten sich sämtliche Kinder bewogen, den beiden das Geleit zur zweiten Klasse zu geben. Mit einem stattlichen Kinderschwanz hielten sie ihren Einzug in die deutsche Schule.

Auch in der zweiten Klasse erregte das Erscheinen der Brasilianerinnen, auf das man allerdings schon vorbereitet war, große Aufregung. Man staunte die fremdländische Schönheit der beiden Schwestern an, man tuschelte, ja, man kicherte auch hier und dort, und machte seine Glossen über den eleganten Aufzug der beiden. Marietta hätte sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen. Die vielen Mädchenaugen, die sie durchbohrten, taten ihr weh. Anita erwiderte die Blicke kühl und von oben herab. Die Schwester, die sich bescheiden auf eine der hintersten Bänke setzen wollte, mit sich nach vorn ziehend, sagte sie in bestimmtem Tone: »Wir gehören in die erste Reihe.« Da diese Worte in portugiesischer Sprache gesprochen waren, schienen sie eine Mauer um die beiden Neuen zu türmen. Sie waren Fremde, die nicht zu den übrigen Schülerinnen gehörten. Mariettas Feingefühl empfand dieses Ausgeschlossensein, während Anita unbekümmert Klasse und Insassen musterte. Das Ergebnis schien nicht besonders. Die Klasse war schmucklos und unschön. Gelbgrau getünchte Wände, deren Einförmigkeit nur durch die große Landkarte und die schwarze Tafel unterbrochen wurde. Das an Farbenreichtum gewöhnte Auge des Tropenkindes empfand diese Nüchternheit des Klassenraumes als Armseligkeit. In dem französischen Collège zu Sao Paulo waren die Wände bunt bemalt, Bilder hatten sie geschmückt. Statt der häßlichen, braunen Holzbänke hatte man dort bequeme kleine Rohrsessel. Und die Schülerinnen, fast alle aus reichem Hause, wetteiferten mit farbenprächtigen Kleidern. O Gott, wie geschmacklos kleideten sich hier die Mädchen. Die meisten waren in dunklen Röcken und hellen Waschblusen, ab und zu eine in einem netteren Sommerkleid. Auch die bewußten blauweiß gepunkteten Musselinkleider, ähnlich wie die von der Großmama gekauften, waren vertreten. Und die Mädchen selber! Nein, wie spießbürgerlich sahen sie aus. In Amerika trug keines einen Zopf. Alle hatten sie dort kurzgeschnittenes Haar. Hier sah man das nur zum Teil. Die blonden und braunen Zöpfe hingen vielen Mädeln den Rücken entlang. »Wie Pferdeschwänze!« meinte Anita spöttisch zur Schwester.

Da traten zwei der Mädchen zu ihnen heran. »Ach bitte, das sind unsere Plätze«, sagte die eine in bescheidenem Tone.

Marietta erhob sich sofort, während Anita tat, als ob sie taub sei. Die Schülerin in dem Glauben, daß sie vielleicht die deutsche Sprache nicht verstünde, versuchte Anita zur Seite zu schieben: »Mein Platz ist das – –.«

»Hier sitze ich,« sagte die Fremde höchst energisch und nahm sofort Boxerstellung ein. So leicht sollte ihr keiner den Platz streitig machen. Wer zuerst da war, dem kam der Platz zu – das war amerikanische Anschauung.

»Sie nicht wagt es, mit mir zu boxen«, sagte Anita verächtlich, als die andere keine Miene machte, sich auf einen handgreiflichen Austrag der Angelegenheit weiter einzulassen.

»Wir können sitzen auf anderem Platz«, redete Marietta, der die Sache höchst peinlich war, der Schwester zu.

»Wir werden boxen um Platz!« das war mehr nach Anitas Sinn.

»Sie wollen boxen – boxen will die Amerikanerin mit Erna Heinke«, von Mund zu Mund, durch die ganze Klasse flog es. Daran war man im Mädchenlyzeum nicht gewöhnt.

Der Eintritt der Lehrerin wurde bei der begreiflichen Aufregung überhört. Erst als Fräulein Dr. Langheinrich auf dem Katheder stand, erhob man sich pflichtschuldigst von den Plätzen.

»Ja, was hat denn das zu bedeuten, was ist denn hier los?« verwunderte sich die Lehrerin und sah kopfschüttelnd auf die noch immer kampfbereite Neue.

»Das Brasilienmädchen will boxen; mit Erna Heinke will sie um den Platz boxen!« An vierzig Mädchen riefen es durcheinander.

Fräulein Dr. Langheinrich hielt sich die Ohren zu.

»Die Erste, nur die Erste hat zu sprechen«, verlangte sie. Aber Anita Tavares war gewöhnt, selbst für sich einzustehen. Sie warf den schwarzlockigen Kopf zurück und rief: »Dies ist mein Platz – ich habe gesetzt zuerst da.«

»Aha – die beiden Neuen. Wie war doch der Name?«

Anita und Marietta nannten ihre Namen.

»Schön, Anita, du kannst dich hierher in die dritte Bank setzen und Marietta dort drüben in die nächste.« Die Lehrerin hielt es für ersprießlich, die Schwestern zu trennen und neben deutsche Schülerinnen zu setzen.

Aber Anita war gewöhnt, ihrem Willen zu folgen. »Ich bleibe sitzen hier, und Marietta wird sitzen bei mir. Wir sind Zwillings«, sagte sie laut.

Die Klasse saß starr. Das war noch nicht passiert, daß eine sich einer Anweisung der Lehrerin widersetzte. Auch Fräulein Dr. Langheinrich war dieser Fall in ihrer langjährigen Praxis noch nicht vorgekommen. Sie fuhr sich nervös durch ihr graues Haar.

»Anita, es ist bei uns Sitte, daß den Anordnungen des Lehrers unbedingt Folge geleistet wird. Hast du mich verstanden?«

Anita schüttelte den Kopf. »Ich bin Amerikanerin.« Das klang so stolz, als sei sie die Kaiserin von China.

»Hier bist du nichts weiter als eine Schülerin des Lyzeums.« Nein, solch ein Exemplar war Fräulein Langheinrich doch noch nicht in die Finger gekommen. Das war ja Aufsässigkeit, offenbare Aufsässigkeit! Das mußte ja vergiftend auf die übrigen wirken. Ein Tadel war das mindeste für solch ungebührliches Benehmen. Aber ob er auf die Ausländerin irgendeinen Eindruck machen würde, schien fraglich. Auch mochte man eine Neue, noch dazu eine Nichteuropäerin, die mit den Landessitten nicht vertraut war, nicht gleich am ersten Tage unter Tadel schreiben. Wirklich ein schwieriger Fall.

Die Lehrerin mochte wohl ein ziemlich hilfloses Gesicht gemacht haben, denn plötzlich erwachte in Anita ein gewisses Mitleid mit der kleinen, schon ziemlich betagten Dame. Und da sie sich von jeder Gefühlsregung hinreißen ließ, sagte sie großmütig: »Nun gut, ich werde gehen in das dritte Bank. Aber mein Schwester muß kommen mit mir.«

Marietta hatte bereits den ihr von der Lehrerin zugewiesenen Platz eingenommen. Sie schämte sich für Anita, denn sie sah den entsetzten Augen der Mitschülerinnen an, wie diese über das Benehmen der Amerikanerin dachten. Sie schüttelte den Kopf und blieb auf ihrem Platz, trotzdem es ihre Befangenheit erhöhte, daß sie nicht neben Anita sitzen durfte.

Die Literaturstunde begann. Man sprach den Wallenstein durch. Das nächste Aufsatzthema sollte daraus entnommen werden. Die Schülerinnen wußten recht gut Bescheid, denn Fräulein Dr. Langheinrich war eine vorzügliche Lehrerin.

»Wann spielt der Wallenstein, Marietta Tavares?« wandte sich Fräulein Langheinrich jetzt an die junge Ausländerin, um festzustellen, wieviel man bei den Neuen voraussetzen durfte.

Marietta schwieg. Ihr zartes Gesicht wurde bald blaß, bald rot vor innerer Erregung.

»Stehe auf, wenn ich mit dir spreche«, verlangte Fräulein Langheinrich.

Marietta erhob sich sofort. In Sao Paulo war man bei Beantworten der Fragen sitzengeblieben.

»Hast du meine Frage verstanden? Nun also, wann spielt er?«

»Ich nicht weiß. Bei uns in Sao Paulo er nie gespielt hat«, antwortete sie, alle Befangenheit zurückdrängend.

Ein nicht endenwollendes Gelächter erhob sich, das der armen Marietta die Tränen in die Augen trieb. Was hatte sie denn Dummes gesagt?

Da rief es plötzlich von der dritten Bank mit flammenden Augen und geballten Händen: »Ich nicht erlaube, daß mein Schwester wird verlacht. Sie nicht kann wissen, wann Herr Wallerstein wird spielen.«

»Ruhig, Anita, ruhig! Die Mädel meinen es nicht so arg.« Die Lehrerin hatte selbst Mühe, den nötigen Ernst aufzubringen. »Habt ihr beide denn noch nie etwas von Wallenstein gehört?«

Die Goldbraune schüttelte stumm den Kopf. Grenzenlos dumm kam sie sich vor. Die Schwarze aber rief immer noch empört: »In unser Haus in Sao Paulo viele Künstler haben gespielt. Pianist und Violinist. Man kann nicht kennen alle.«

Aufs neue wieherndes Mädchenlachen. Die Stimme der Lehrerin schaffte sich mühsam Bahn. »Nun – nun – eine Verwechselung – ein kleiner Irrtum, den man den Fremden zugute halten muß. Kinder, jetzt habt ihr genug gelacht. Also Wallenstein ist kein Künstler, wie ihr annahmt, sondern ein berühmter Feldherr aus dem Dreißigjährigen Kriege. Davon müßt ihr doch schon etwas gehört haben.«

»War das Krieg mit Amerika?« examinierte Anita die Lehrerin.

»Nein, es war ein deutscher Krieg.«

»Dann wir nicht werden lernen es. Wir nur lernen Krieg in Amerika.«

»Ja, Anita, wenn ihr eine deutsche Schule besucht, müßt ihr auch in der deutschen Geschichte Bescheid wissen. Aber darauf kommt es uns jetzt in der Literaturstunde nicht an. Wir haben es hier nur mit der Dichtung unseres großen Dichters zu tun. Schiller kennt man sicher auch in einer brasilianischen Schule. Nun, habt ihr in der Schule nichts von Schiller gelernt?«

»Nein«, sagte Anita, immer noch ärgerlich, daß deutsche Mädchen es gewagt hatten, eine Tavares auszulachen. Marietta nahm all ihren Mut zusammen. »Wir haben gehört schon von Dichter Schiller. Aber nicht in Schule. Schule in Sao Paulo ist französisch. Unsere Mammi uns hat erzählt. Und hier bei der lieben Großmama ich habe gelesen Gedichte von Herrn Schiller.«

Unterdrücktes Lachen ließ sich schon wieder vernehmen. Die übermütigen Mädel lachten über »Mammi«, über die »liebe Großmama« und über »Herrn Schiller«. Trotzdem fanden sie die Amerikanerin mit dem goldbraunen Haargelock und den großen ängstlichen Schwarzaugen reizend.

»Eure Großmutter wohnt hier in Berlin? Ist sie eine Deutsche?« erkundigte sich die Lehrerin, um sich erst das Vertrauen der neuen Schülerinnen zu erwerben.

»Ja, liebe Großeltern sind Deutsche. Und unsere Mammi ist auch deutsch.« Merkwürdig, daß hier Marietta die Sprecherin war, während sie das sonst stets Anita überließ. »Sie ist gegangen auch zu dies Schule, viele Jahre vorher.«

»Der Tausend – eure Mutter hat unsere Schule besucht? Nun mußt du mir auch ihren Namen verraten, mein Kind. Ich unterrichte schon siebenundzwanzig Jahre hier an unserem Lyzeum. Da werde ich sie sicher kennen. Wie war der Mädchenname eurer Mutter?«

»Ursel Hartenstein.«

»Was – die Ursel Hartenstein? Freilich kenne ich die!« Etwas Goldlockiges, Elfenartiges mit übermütigen Strahlenaugen tauchte vor dem inneren Blicke der Lehrerin auf. Die kecke Ursel, die hatte ihnen genug zu schaffen gemacht, um dann stets wieder durch ihren Liebreiz zu versöhnen. Und da saßen nun nach Jahren ihre beiden Töchter auf denselben Bänken vor ihr – exotische, fremdartige Blüten. Die eine, die zarte, erinnerte bis auf die großen schwarzen Augen an die Mutter, nur deren Keckheit schien ihr zu fehlen. Dafür hatte die andere wohl um so mehr davon mitbekommen – das war Vollblut, nicht leicht zu zügeln.

Die Klasse merkte, daß die Lehrerin mit ihren Gedanken woanders war, sie wurde unruhig. Fräulein Langheinrich wandte sich noch einmal an die Tavaresschen Schwestern. »Laßt euch von eurer Großmutter den Wallenstein geben und holt das Fehlende durch Lesen desselben nach. Wenn euch etwas unklar bleibt, könnt ihr mich danach fragen. Ich gebe euch gern die notwendigen Erklärungen. Und wenn ihr an eure Mutter schreibt, dann grüßt sie von ihrer alten Lehrerin Fräulein Langheinrich.« Das war herzlich und gütig gesprochen. Ihre Worte gewannen ihr sofort das Herz der jungen Marietta. Die Stunde nahm ihren Fortgang. Die Neuen wurden nicht mehr gefragt, da sie ja doch keine Antwort zu geben wußten. Nie gehörte Namen wie Illo, Isolani, Terzky, Piccolomini schwirrten an ihrem Ohr vorüber. Die Nachbarin hatte Marietta gefällig ihren Schiller zum Einsehen hingeschoben. Der Schwester hatte die Lehrerin ihr eigenes Buch hingereicht. Aber Anita machte keinen Gebrauch davon. Sie langweilte sich – langweilte sich entsetzlich.

»In der nächsten Literaturstunde werdet ihr besser teilnehmen können, wenn ihr den Wallenstein inzwischen gelesen habt«, meinte Fräulein Langheinrich, in der richtigen Annahme, daß die beiden Unbeteiligten sich langweilten.

»In der nächsten Stunde wir nicht werden sein hier«, erklärte Anita zu noch größerer Verwunderung der Lehrerin.

»Warum nicht?«

»Wir werden reiten auf Pferd.«

»In der deutschen Literaturstunde?« Fräulein Langheinrich glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.

Die Klasse brach in unbändiges Gelächter aus.

»Deutsche Literatur ist sehr langweilig. Wir nicht werden kommen mehr. Reiten ist viel mehr interessant.«

Verächtlich blickte Anita auf die lachenden Mitschülerinnen. Nein, waren die deutschen Mädchen albern.

»Das ist ja gerade kein gutes Zeugnis, das du mir da ausstellst, Anita. Ich hoffe aber, die Literaturstunde wird dir später so viel Freude machen, daß ich dir dann ein umso besseres Zeugnis ausstellen kann.«

»Ich nicht werde kommen mehr in deutsche Schule!« Es war Anita vollständig ernst mit ihren Worten.

»Da werden die Großeltern ja wohl auch noch ein Wort mitzusprechen haben. Und du, Marietta? Willst du auch nicht mehr zur Schule kommen?«

»Ich werde kommen. Ich will lernen. Viel lernen. Alles lernen. Damit die Mädchen nicht mehr können lachen«, sagte die andere leise.

»Brav, Marietta, dann werden wir sicher bald gute Freunde werden.« Das Zeichen für den Schluß der Stunde klang schrill durch das Lyzeum. Anita und Marietta waren von der langweiligen Literaturstunde erlöst.

Die anderen Mädel hatten noch nie eine vergnüglichere Stunde verlebt. In Gruppen standen sie hier und dort, tuschelten, kicherten und tauschten ihre Meinung über die jungen Ausländerinnen aus.

Die nächste Stunde war Geographie. Ein alter, gemütlich aussehender Herr fuchtelte mit seinem Stock auf der Landkarte herum.

»Also zwei brasilianische Vögel sind uns zugeflogen«, meinte er lustig. »Nun wollen wir mal sehen, ob sie auch in ihrer Heimat Bescheid wissen.«

In Südamerika war das Resultat einigermaßen befriedigend. Aber sobald der Zeigestock nördlich sich den Vereinigten Staaten näherte, zeigte es sich, daß die Europäerinnen besser in Amerika zu Hause waren als die Kinder jenes Erdteils.

»Nun, das sind alles nur Namen, die lassen sich erlernen, meinte der freundliche, alte Herr tröstlich. »Anschauung ist besser als theoretische Kenntnisse. Erzählt uns mal etwas von Brasilien. Jetzt werden wir bei euch Geographiestunde nehmen.«

Anita begann sogleich unverfroren: »Brasilien ist schönstes Land auf Erde. Palmen wachsen bis in Himmel. Himmel ist blau, oh, herrlich blau. Und Sonne ist heiß, so heiß, muß man nicht frieren wie in Europa.«

»Was, ihr friert heute bei dreiundzwanzig Grad Celsius?« unterbrach sie der Lehrer belustigt.

»Ist nicht heiß hier, ist kalt. Brasilien ist mehr heiß, viel schöner als Europa. Man kann reiten, man kann fahren Auto, braucht gar nicht zu gehen. Man trägt nur Kleider von Seide, nicht häßliche wie hier die Mädchen – – –.«

»Nun, nun, das ist doch wohl nicht das Charakteristische von Brasilien«, unterbrach sie der Lehrer. »Vielleicht kann die Schwester uns noch Wichtigeres berichten.«

Mariettas Gesicht, noch eben blaß und zart wie eine Teerose, überflog Purpurröte. Aber tapfer begann sie, ihre Schüchternheit beherrschend: »In Brasilien es gibt der Urwald. Da kann man nicht gehen spazieren, wie in deutsches Wald. Alte Bäume sind hoch, oh, so hoch, und Zweige so dicht, daß nicht liebe Sonne kann kommen zu scheinen. Farren und Schlingpflanzen sind größer als Mensch, sind wie grünes Mauer, lassen keinen herein. Böse Tiere es gibt dort, Giftschlange und wildes Affe. Aber Vögel so schön, so bunt wie Blumen.«

»Da gefällt es euch wohl gar nicht bei uns in Europa, wenn es dort jenseits des Wassers so schön ist?« unterbrach der Lehrer sie scherzend.

»Ich nicht gefalle Europa«, rief Anita eifrig beistimmend, während die Schwester den Kopf schüttelte.

»Deutsche Land ich liebe mehr. Wenn es gibt auch nicht Kaffee- und Zuckerplantagen. Keine Kokospalmen, keine Bananen- und Orangenbäume. Ich mehr liebe Kastanie, Linde und Apfelbaum hier.« Anita sah erstaunt auf die sonst so ruhige Schwester. Ganz lebhaft war sie geworden.

»Also unser Grunewald gefällt Ihnen besser als der brasilianische Urwald. Und wie steht's denn mit den Vierhändern? Kennt ihr die Affen auch nur aus dem Zoologischen Garten?«

»O nein, Affen wir sehen oft in Sao Paulo, kommen auf Palme, wie hier Eichkatz.«

»Ich habe mitgereist nach Europa mein klein Affe. Werde ich bringen morgen mit in Schule«, versprach Anita.

»Was – einen lebendigen Affen?« Der alte Herr lachte dröhnend. »Den würde ich an Ihrer Stelle doch lieber zu Hause lassen. Unsere Schule ist dafür nicht der richtige Ort. Ich fürchte, Sie würden wenig Verständnis hier dafür finden.«

»Das Brasilienmädchen will einen lebendigen Affen mit in die Schule bringen – hu, dann bleib' ich nicht in der Klasse –.« Lachen und Tumult erhob sich wieder.

Mit einem kräftigen Schlag des Zeigestocks beendete der Lehrer denselben. »Ruhe – so, nun haben wir genug von Brasilien gehört. Jetzt reisen wir weiter nach der Westküste von Südamerika. Welche Städte könnt ihr mir dort nennen?«

Die Disziplin war wieder hergestellt. Aber die Aufmerksamkeit ließ noch viel zu wünschen übrig. Der Affe der Brasilienmädchen spukte noch in den jungen Köpfen.

Auch in den darauffolgenden Stunden ging es bewegter in der zweiten Klasse zu, als dies sonst der Fall war. In der Gesangstunde wurden die beiden Neuen geprüft. Anita hatte eine recht hübsche Stimme, Mittellage; vor allem war sie durch und durch musikalisch. Sie sang keck drauflos und kam als Stütze in den Alt. Um so befangener war Marietta. Es war ihr entsetzlich peinlich, vor all den fremden Mädchen singen zu müssen. Ihre Stimme klang klein und gepreßt, trotzdem sie sonst ein allerliebstes, wenn auch noch zartes Stimmchen hatte. »Hm, das Erbteil Ihrer Mutter scheint nicht auf Sie übergegangen zu sein. Ursula Hartenstein war der Stolz unserer Gesangsklasse«, sagte der Musiklehrer, der auch schon zwei Jahrzehnte am Lyzeum tätig war. Es hatte sich im Lehrerkollegium bereits herumgesprochen, daß die beiden Brasilianerinnen die Töchter einer ehemaligen Schülerin waren. Marietta war froh, in der letzten Reihe des Soprans untertauchen zu können.

Aber Anita war mit dieser Trennung nicht einverstanden.

»Meine Schwester darf nicht sitzen in letzte Reihe. Marietta singt gut, so gut wie ich, muß sitzen bei mir.« Ohne Umstände holte sie die sich Sträubende nach vorn in den Alt.

»Na, das ist doch aber – – –.« Der Lehrer strich sich unschlüssig den Bart. Solche Übergriffe konnte er unmöglich zulassen. Wo blieb da die Disziplin? Wiederum war man in Amerika wohl an mehr Freiheit gewöhnt. Die Ausländerinnen mußten sich erst in den deutschen Schulzwang hineinfinden. So griff er zu seiner Geige und gab die ersten Töne zu »Hebe deine Augen auf« an.

Anita und Marietta kannten das Lied von ihrer Mutter her. Herr Paukert horchte plötzlich auf. Silberhell und glockenrein klang es aus dem Alt, süß wie eine Engelstimme. Hatte Marietta am Ende doch die Stimme ihrer Mutter geerbt?

»Schlecht«, sagte es da plötzlich laut in das Lied hinein. »Ist falsch, ist schlecht, muß heißen anders.« Und ehe der verdutzte Herr Paukert wußte, wie ihm geschah, hatte die schwarzlockige Amerikanerin die Geige in der Hand und übernahm selbst die Begleitung.

Nun ja, er war nicht ganz bei der Sache gewesen, er hatte wohl einen unreinen Ton gegriffen. Aber das war noch nicht vorgekommen, daß eine Schülerin gewagt hätte, sein Spiel zu kritisieren, daß sie selbst die Begleitung übernahm. Freilich der Lehrer war musikalisch und ehrlich genug, sich einzugestehen, daß sein Geigenspiel nicht im entferntesten an das der Brasilianerin heranreichte. Er kannte seine eigene Geige kaum wieder. Sie sang und jubelte unter den schlanken, bräunlichen Mädchenfingern, als sei sie ein ganz anderes Instrument. Sie riß den Chor mit sich fort.

»So es war gut«, sagte Anita, als der letzte Ton verklungen, und ihre Wangen brannten in künstlerischer Begeisterung.

»Das Spiel war gut, Anita Tavares. Aber Ihr Benehmen war nichts weniger als zufriedenstellend«, sagte Herr Paukert ernst.

Noch merkwürdiger gestaltete sich die letzte, die Handarbeitsstunde, in welcher die Schülerinnen der zweiten Klasse feine weiße Strickdeckchen fabrizierten.

Die Lehrerin, Fräulein Honigmann, hatte den beiden Neuen freundlicherweise Nadel und Garn zur Verfügung gestellt. Sie legte ihnen die Maschen auf und gab ihnen die notwendige Anweisung. Aber Anita schüttelte den schwarzen Kopf. Ja, sie schüttelte sich selbst förmlich.

»Wir sollen stricken wie alte Frauen? Niemals wir werden stricken.«

»Der Handarbeitsunterricht gehört in den Schulstundenplan. Habt ihr denn in Amerika niemals Handarbeiten gemacht?«

»Ich nicht liebe langweilige Handarbeit. Aber Marietta liebt. Sie hat gearbeitet Filetspitzen.«

»Ei, dann bist du ja ein ganz geschicktes Mädchen, Marietta, und wirst sicher auch mit diesen Strickdeckchen fertig werden. Versuche es nur einmal.«

Marietta nahm die Stricknadeln. Aber ungestüm riß die Schwester ihr dieselben fort. »Eine Tavares nicht strickt. Alte, armer Frauen stricken.«

»Du hast ja merkwürdig falsche Ansichten, mein Kind«, meinte die Lehrerin kopfschüttelnd. Marietta hatte still das zu Boden gefallene Strickzeug aufgehoben und versuchte den Anweisungen der Lehrerin zu folgen. Wie oft hatte sie sich heute in der Schule schon für ihre Zwillingsschwester schämen müssen.

»Wenn du dich nicht am Handarbeitsunterricht beteiligst, kannst du die Tafel abwaschen und das Papier, das dort im Gange liegt, in den Papierkorb sammeln, Anita Tavares«, wandte sich Fräulein Honigmann an die Müßigdasitzende.

Anita rührte sich nicht.

»Kannst du mich nicht verstehen?« fragte die Lehrerin, die annehmen mußte, daß mangelnde Sprachkenntnisse die Ausländerin veranlaßte, ihren Worten nicht Folge zu leisten.

»Ich habe versteht gut.« Trotzdem machte die junge Brasilianerin keine Anstalten, sich zu erheben.

Fräulein Honigmann war eine energische Dame.

»Bitte, erkläre mir, was das heißen soll.«

»Das soll heißen, daß ich nicht mache Dienerarbeit. Soll kommen Diener von Schule, tun es«, rief Anita, empört über die Zumutung.

»Bei uns pflegen die Schülerinnen selbst für Ordnung in ihrer Klasse zu sorgen. Wenn du meine Anordnung nicht befolgst, kannst du die Klasse verlassen.«

Anita saß starr. Was – man wies sie, eine Tavares, hinaus? Das wagte man hier in Deutschland? Sie sprang jäh empor, griff nach ihrem Hut und wandte sich mit flammenden Augen zu Marietta.

»Komm, wir werden gehen. Wir nicht mehr werden kommen hier in Schule. Nie mehr!« Damit lief das erregte Mädchen zornig aus der Klasse, in der sicheren Annahme, daß die Schwester ihr folgen würde.

Aber Marietta blieb. So peinlich es auch für sie war. So gern sie auch hinterhergelaufen wäre. Es war schlimm genug, daß die Schwester sich so ungebührlich benahm. Sie mußte versuchen, das durch doppelte Anstrengungen wiedergutzumachen. Was sollten die deutschen Mädchen, die Lehrer sonst von den Amerikanerinnen denken? So saß die junge Brasilianerin denn und quälte sich mit ihrem Strickzeug herum. Ach, die liebe Großmama mußte helfen. Die mußte ihr das Stricken beibringen. Die würde mit ihr den Wallenstein lesen und all die Lücken ausfüllen helfen. Die würde auch Anita zur Vernunft bringen. Der Gedanke an die gütige Großmama gab ihr Ruhe. Denn es tat Marietta im Herzen weh, daß sie sich hier in Deutschland innerlich und äußerlich von ihrer Zwillingsschwester löste, daß jede jetzt für sich ihren Weg ging.

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