Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Else Ury >

Nesthäkchen im weißen Haar

Else Ury: Nesthäkchen im weißen Haar - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchen im weißen Haar
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 10
printrun53. bis 57. Tausend
yearo.J.
firstpub1925
illustratorProfessor R. Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20131030
modified20150126
projectid8015ab89
Schließen

Navigation:

14. Kapitel. Unter Palmen.

»Welchen Palazzo gedenkt Signorina Marietta heute zu besichtigen?« neckte der Onkel, als man bei der colazione, dem ersten Frühstück, auf der Gartenterrasse am Ligurischen Meer saß.

»Heute wollte ich mit Marietta nach Portofino Culm hinauf«, nahm die Tante statt ihrer das Wort. Man wird heute von dort oben eine herrliche Fernsicht haben. Schicke uns das Auto zurück, Enrico.« Tante Eugenia, die Schwester der alten Donna Tavares, war eine stattliche Dame mit einem stattlichen Bärtchen über der Lippe.

Marietta, die angestrengt auf das mit kleinen, weißen Wellenköpfchen gegen das Ufer sprudelnde Meer hinausgeblickt hatte, schüttelte den Kopf. »Vielen Dank, Tante Eugenia, aber heute geht es nicht. Ich möchte Onkel Enrico bitten, mich mit nach Genua hinein zu nehmen – – –.«

»Aha – sagte ich es nicht? Palazzo rossooder Palazzo bianco, welcher von beiden hat es dir angetan?« lachte der alte Herr.

»Heute keiner von beiden, Onkel. Nicht einmal der Palazzo Doria trotz seiner herrlichen Murillos. Habt ihr denn ganz vergessen, daß heute die Patria einläuft? Ich glaube, man sieht sie bereits ganz hinten am Horizont.« Marietta hatte heiße Wangen. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß jemand heute einen andern Gedanken haben konnte. Der Onkel bewaffnete sich mit dem Fernglas. »Die Patria – nein, mein Kind, die Patria ist gerade noch mal so groß. Ein japanisches Schiff ist dies, man erkennt die Farben.« Er reichte ihr das Glas.

»Die Patria kommt erst gegen Abend«, bestimmte die Tante. »Wir können ruhig unseren Ausflug unternehmen. Und überhaupt, der Signore wird schon zu uns nach St. Margherita hinausfinden. Er hat sicherlich Empfehlungen von meiner sorella, deiner Großmama, und bringt uns Grüße.«

»Horst Braun kommt aus Neuyork. Er ist schon seit Monaten aus Sao Paulo fort. Wer weiß, ob er eure Adresse hat. Die Großmama wird ihm gewiß nur eure Stadtadresse in Genua angegeben haben. Und – ich habe es seinen Eltern versprochen, falls ich bei seiner Ankunft in Genua bin, ihm sogleich ihre Grüße zu übermitteln.« Die Stimme des jungen Mädchens klang erregt. Undenkbar, einen Ausflug zu unternehmen, während Horst unweit landete.

Der Onkel, stets galant gegen die junge Großnichte, kam ihr zu Hilfe. »Fahrt morgen nach Portofino Culm. Man erwartet die Patria gegen Mittag. Und ich kann es verstehen, daß Marietta sogleich die Grüße von ihren Eltern in Empfang nehmen und die ihr aufgetragenen ausrichten will. » Presto – rasch – mach' dich bereit.«

Marietta sah den Onkel dankbar an. Maledetto – hatte das Mädel ein paar Augen im Kopf. Anders als die schwarzen Flammen der Italienerinnen. Tief, unergründlich tief wie das Meer da vor ihnen.

Tante Eugenia meinte zwar, daß morgen die Schneiderin vorgehe, aber Marietta hatte schon mit entschuldigendem »Pardon, wenn ich aufstehe«, den Frühstückstisch verlassen.

Unter hohen Palmenwedeln, zwischen Kakteen und Lorbeerbüschen eilte sie den terrassenartig vom Meer zum Hause hinaufkletternden Garten empor. Die weiße, sonnenbeschienene Villa mit ihren Säulen und Galerien erinnerte an ihr Vaterhaus in Sao Paulo. Auch der Garten mit seiner südländischen Vegetation. Und doch – ein Lindenbaum, der sich in den Rivieragarten verirrt hatte, war ihr vertrauter, grüßte sie heimatlicher als all die Palmen und exotischen Pflanzen.

Kühl war es im Hause, die schwarz-weiß gequaderten Marmorfußböden waren spiegelblank. Altitalienische Bilder schauten von den Wänden. Aus hohen Terrakottvasen dufteten Rosen. Vornehmheit und Reichtum atmete die Villa. Und doch – wie mit dem Lindenbaum draußen im Garten, erging es ihr auch mit dem Hause und seinen Bewohnern. Wenn sie an das Lichterfelder Rosenhaus dachte mit seiner altmodischen Behaglichkeit, an das harmonische Miteinander der Großeltern, dann erschien ihr das Haus hier kalt und bei all seiner Gastlichkeit unwirtlich, die neuen Verwandten, trotz ihrer Liebenswürdigkeit, nicht von Herzenswärme durchpulst.

Das Fremdenzimmer zeigte dieselbe Eleganz wie die übrigen Räume des Hauses. Über dem Bett bauschte sich weißer Tüll zum Moskitonetz. Von den Fenstern, die auf eine Galerie mündeten, blickte man weit hinaus auf das Meer. Irgendein dunkler Punkt am Horizont ließ Marietta ihre Überlegung, welches Kleid sie zur feierlichen Einholung von Horst anlegen solle, rasch beenden. Wenn dies schon die Patria war ... mit fliegender Hand griff sie nach einem schlichtweißen Sommerkleid. Eine zartrosa Teerose bildete den einzigen Schmuck.

O Gott, kroch das Auto heute. Sonst war sie im Fluge in Genua gewesen. Heute währte es eine Ewigkeit bis nur der felsige Strand von Nervi mit seinen weißen Hotelpalästen sichtbar wurde. Durch die Riviera di Levante – zur Rechten die mit Oliven-, Feigen- und Maulbeerbäumen bepflanzte ligurische Alpenkette, zur Linken das blaue Mittelländische Meer, das sie stets aufs neue entzückte. Wie mochte Horst beim Anblick des europäischen Festlandes zumute sein?

Genua – endlich! Niemals war es Marietta herrlicher, malerischer erschienen als heute, da sie es schon mit den Augen des Heimkehrenden schaute. In Terrassen baute es sich vom Meere an grünen Bergen auf. Vornehme Paläste, hohe Palmen. Weiße Villen in Weinberge geschmiegt. Autodurchraste Großstadtstraßen, fremdländisches Hafengetriebe. An der Via Baldi verabschiedete sich Signor Sanini von seiner Begleiterin.

»Marietta, falls du noch nach Pegli hinaus willst, die Giardini der Pallavicini anzuschauen, steht dir das Auto zur Verfügung. Du hast noch mehrere Stunden Zeit, bis die Patria einläuft.«

» Grazie tante – vielen Dank, Onkel Enrico. Ich gehe lieber zu Fuß. Dabei lerne ich Land und Leute besser kennen. Die Gärten kann ich ein andermal besichtigen. Heute wollte ich la lanterna, den Leuchtturm, besteigen.«

» A rividerci – auf Wiedersehen, Marietta! Um siebzehn Uhr fahre ich nach St. Margherita zurück, falls du mit dem hoffentlich inzwischen eingetroffenen Signore mit hinausfahren willst.«

Siebzehn Uhr – das war fünf Uhr nachmittags. In Italien zählt man die Stunden bis vierundzwanzig.

Der Onkel grüßte noch einmal mit der Hand zurück, mit einer Grazie, wie sie nur dem Italiener eigen. Dann stand Marietta unter verstaubten Palmen allein auf dem Bahnhofsplatz neben dem Standbild des großen Genuesen Columbus.

Zum Hafen hinunter – Marietta eilte, als ob das Schiff bereits vor Anker gegangen. Auf den Bänken sonnten sich heftig gestikulierendes und ungeniert spuckendes, braunes Volk. Schiffsmannschaft aller Länder, weiß, gelb und schwarz. Große, vielmastige Ozeanfahrer, Schiffsstraßen im Hafen bildend. Hier mit riesigen Kränen ausgeladen, dort aus den Speichern mit Tonnen und Kisten befrachtet.

» Barca, Signorina – barca per la lanterna – – –« von allen Seiten sah sich Marietta von dunklen Gestalten umdrängt.

»Wann läuft die Patria ein?« erkundigte sich die junge Dame.

» Domani, morgen – questa sera, heute abend –.« Die Angaben widersprachen sich.

»Rudern Sie mich zur lanterna.« Entschlossen wandte sich Marietta einem der braunen Burschen zu. Dort am Leuchtturm würde sie Genaueres erfahren, vielleicht die Patria schon sichten können.

Durch das Schiffsgewirr hindurch suchte die barchetta mit dem im Stehen rudernden Bootsmann ihren Weg zu dem weit hinausgebauten Leuchtturm. Der schwarzäugige Bursche unterhielt die junge Dame mit einer Lebhaftigkeit, wie nur je ein Tischherr bei einer Gesellschaft. Er machte sie mit Stolz auf all die Schönheiten seiner Heimat aufmerksam. Marietta war es sonst eine besondere Freude, mit dem italienischen Volk in seiner angeborenen Anmut Fühlung zu nehmen. Heute stand ihr Sinnen nur nach dem Leuchtturm.

» Ecco la lanterna.« – Die Barke hielt. Ein grauhaariger Leuchtturmwächter nahm sie in Empfang. Freilich würde man die Patria von oben sichten können. – Avanti – avanti

Stufen, Stufen – und wieder Stufen. Marietta hatte geglaubt, bei der Besteigung des Mailänder Doms schon Erhebliches geleistet zu haben, aber der Leuchtturm schien ihn noch zu übertreffen. Endlich trat sie herzklopfend, sturmumweht hinaus auf die Plattform. Sie schaute nicht auf das weiße Häusergewirr Genuas, nicht auf das malerische Hafengetriebe zu ihren Füßen. Nur das Meer, das unendliche, fesselte ihren Blick.

Was – dieser Punkt, selbst ihren jungen, scharfen Augen ohne Fernglas kaum wahrnehmbar, das war die gewaltige Patria? Ihre Hand zitterte, als sie jetzt das Fernrohr darauf richtete. Aber sie sah nichts weiter als ein Schiff mit Masten und Takelwerk wie viele andere Schiffe.

»Wie lange kann es dauern, bis es im Hafen ist?« erkundigte sie sich angelegentlich.

»Sie fährt mit Volldampf – in einer, höchstens zwei Stunden.«

Ebenso erstaunt wie erfreut blickte der Leuchtturmwächter auf das überreiche mancia, das Trinkgeld, das ihm die junge Signorina in die Hand drückte.

Ein Wunder war es, daß Marietta mit heilen Gliedern unten anlangte. Sie jagte die ins Endlose gehende Treppe hinab. »Zurück in den Hafen!« rief sie dem gemütlich in der heißen Sonne faulenzenden Burschen zu. »Schneller – können Sie nicht schneller rudern?« Marietta kannte sich selbst nicht wieder. Eine nie gefühlte Unruhe trieb sie vorwärts.

» Piano – piano – wir haben Zeit!« Der schwarzhaarige Begleiter lachte, daß seine weißen Zähne blitzten.

Viel zu früh erreichten sie wieder den Hafen. Marietta faßte an der von weißem Wellengischt umbrodelten Steintreppe Posto. So stand sie wogenumrauscht, winddurchflattert und schaute dem Heimkehrenden entgegen. Kein Gefühl der Ermüdung, des Hungers kam ihr. Wie würde Horst zur Heimat zurückkehren? Als ein Enttäuschter, Müder?

Von dem Japanfahrer, der unweit lag, klang fremdländischer Gesang. Gelbhäutige, schlitzäugige Schiffsjungen, halbnackt, wuschen singend ihre Wäsche. Menschen fanden sich im Hafen zum Empfang der Patria ein, in allen Sprachen durcheinander redend.

Größer und größer wurde der Punkt. Er nahm Form an, er kam näher und näher. Marietta begann es vor den Augen zu flirren und zu schwirren. Sie unterschied kaum noch etwas.

Und dann war er plötzlich da, der Riesenkoloß. Menschengewirr, Zurufe, Winken und Tumult.

Horst Braun war einer der letzten, die das Schiff verließen. Es drängte ihn nicht, es erwartete ihn keiner, wie die andern. Groß, breitschulterig und blond, so ragte er aus der erregten, größtenteils dunklen Menge heraus. Unverwandt blickte er der europäischen Heimat entgegen. Sein Auge trank die Schönheit des ihn grüßenden Genuas.

Marietta hatte ihn sofort erspäht. Sie wollte rufen, winken, sich bemerkbar machen, wie die andern es taten. Weder Stimme noch Arm gehorchten ihr. Und als sie ihr stürmisch klopfendes Herz endlich einigermaßen zur Ruhe gezwungen, da war Horst bereits von dem Menschenknäuel verschlungen.

Marietta lehnte abseits an einer Palme. Sie sah den blonden Riesen wieder aus dem Wirrwarr auftauchen. Er schien nur Augen für die Schönheit der italienischen Hafenstadt zu haben. Achtlos glitt sein Blick über sie hinweg – wie schon so manches Mal.

Da löste Marietta, die scheue, zurückhaltende, die Rose aus ihrem Gewande. Im Bogen flog sie zu seinen Füßen. Ein gelbhäutiger Tropenjüngling bückte sich flugs und drückte die Rose an sein Herz. Gleichgültig schritt Horst Braun weiter.

Es ward Marietta weh zumute, bis ins innerste Herz hinein. Wo war die tiefe Freude hin, die dem Ankommenden entgegengeflogen? Er hatte sie nicht einmal erkannt – grenzenlose Enttäuschung kroch in Mariettas warmem Herzen empor. War es nicht das Vernünftigste, sie fuhr mit dem nächsten Zug nach St. Margherita zurück und erwartete dort den Besuch des Vetters?

Aber der Vernunft pflegt man ja selten zu folgen, wenn das Herz Entschuldigungsgründe anführt. Unmöglich konnte er sie hier in Genua vermuten – er hatte sie ja überhaupt nicht angeschaut – war ihre Empfindlichkeit nicht kindisch? Während diese Gedanken mit Blitzesschnelle hinter Mariettas Stirn für und wider stritten, folgte sie seiner hohen Gestalt. Jetzt winkte er einem facchino, Gepäckträger, und übergab ihm das Handgepäck. Noch größer als früher erschien er Marietta, oder lag das an der meist kleinen italienischen Bevölkerung, die er überragte. Sein Gesicht war stark gebräunt, stach seltsam ab gegen die hellen Augenbrauen, das lichtblonde Haar. Aber die Augen, die leuchtend blauen, das waren dieselben Augen, wie sie aus dem lieben Gesicht der Großmama strahlten. Er blickte auf das Wiedersehensglück ringsum, und seine Stirn furchte sich. Nein, er würde es doch nicht mehr ein paar Tage in Genua aushalten, so wunderbar die Stadt schien, und so sehr er gewünscht hatte, sie kennenzulernen. Jetzt, wo er wieder Europa betreten, trieb es ihn zurück in die Heimat, an die Waterkant zu den alten Eltern. Das Gescheiteste war, er ließ das Gepäck gleich zum Bahnhof schaffen und gab den geplanten Besuch bei der Schwester der alten Donna Tavares auf. Was gingen ihn fremde Menschen an? Er hatte einen dicken Strich unter den Lebensabschnitt »Brasilien« gemacht.

Da trat ihm ein Mädchen in den Weg. Eine junge Dame, weiß gekleidet. Er wollte höflich ausweichen, plötzlich – durchzuckte es ihn. Goldigbraunes Kraushaar, tiefschwarze Samtaugen, ein zartes Blumengesicht, das konnte nur – – – das war – – –

»Willkommen in der Heimat!« Deutsche Laute, weich und warm, klangen wie Musik an sein Ohr. Aber die schmale Hand, die sich ihm entgegenstreckte, war kalt trotz italienischer Mittagsglut. Die kleine Hand zitterte.

»Marietta – Jetta, Kind, bist du's denn wirklich? Wie freue ich mich! Doch eine vertraute Seele am heimatlichen Gestade. Das ist ein gutes Omen, daß du mir als erste den Willkommen bringst.« Er hatte auch ihre andere Hand ergriffen und schüttelte sie freudig. Irgend etwas hielt ihn ab, sie, wie es sein erster Impuls gewesen, verwandtschaftlich in die Arme zu schließen.

»Ich bringe dir Grüße, Horst, von der Waterkant. Von deinen Eltern, besonders von der Mutter.«

»Und ich dir von der deinigen. Wenn meine Grüße auch nicht mehr ganz so frisch und warm sind wie deine. Ich glaubte nach Muttings letztem Brief, du seist noch immer an der Waterkant mit deinen Feriengören. Statt dessen treffen wir uns hier in Genua. Das ist wirklich eine famose Überraschung!« Etwas Strahlendes, Leuchtendes ging von Horst Braun aus. Wieder erschien er Marietta wie ein Held aus nordischer Sage.

»Also was nun zuerst? Wo wohnst du? Wo werde ich wohnen?« erkundigte er sich mit einem Blick auf den wartenden Gepäckträger. Er hatte es vergessen, daß er noch soeben ohne Aufenthalt weiterreisen wollte.

»Ich bin bei Saninis, der Schwester von Großmama Tavares. Sie wohnen jetzt draußen in St. Margherita-Ligure. Es ist angenehmer, dort zu wohnen, als hier in der heißen Stadt. Ich dachte, du nimmst vielleicht auch dort Wohnung in einem Hotel oder in einer Pension«, schlug Marietta vor. Die unbefangene Freude des Vetters gab auch ihr Ruhe und Unbefangenheit zurück. Nur ihre dunklen Augen sprachen eine andere Sprache. Die verschwiegen nichts von dem Wiedersehensglück, das sie durchflutete.

»Vortrefflich – einverstanden. Das Gepäck werden wir inzwischen am Bahnhof lassen. Und dann sollst du mein Cicerone hier in Genua sein. Jetta, Dirn, was bin ich glücklich, daß ich den amerikanischen Staub von den Füßen geschüttelt habe. Mir ist zumute wie früher als Schuljunge, wenn es zu den Ferien heim ging. Am liebsten würde ich meinen Hut in die Luft werfen, wie ich es damals mit der bunten Gymnasiastenmütze getan.« Rührend wirkte diese kindliche Freude des großen, blonden Mannes. So sah einer nicht aus, der noch unter einer Enttäuschung litt.

Vom Bahnhof ging es zur Stadt. In verwandtschaftlicher Selbstverständlichkeit schob Horst seinen Arm in den Mariettas. Sie gab sich redlich Mühe, mit seinen langen Beinen Schritt zu halten. Ebenso ihrem Posten als Cicerone – Fremdenführer – Ehre zu machen. An Zitronenverkäufern, die mit lautsingender Stimme ihre » limona – limona« ausriefen, vorüber, zur Via Baldi. Marietta machte ihren Begleiter auf alles aufmerksam, was sie selbst begeistert hatte. Die engen, echt italienischen, zum Hafen hinunterführenden Gäßchen mit ihren malerischen Wäschestücken. Mit den wenig einladenden Osterien, in denen singende und lärmende Matrosen aller Länder und aller Rassen bei der Polenta – Maiskuchen – und den am offenen Herd gerösteten Maroni zechten. Dort unten der Waschhof, an dessen rundem Brunnen bronzefarbene Wäscherinnen mit edler Grazie Wäsche spülten. Schwarzäugige, schmutzige Barfüßchen, die bettelnd den Fremden ihre braunen Händchen entgegenstreckten.

Marietta, deren mitleidiges Herz ganz besonders armen Kindern entgegenschlug, hemmte den Schritt. »Warum bettelt ihr?« fragte sie, als soziale Jugendfürsorgerin den Dingen gleich auf den Grund gehend. – Die Kinder sahen sie verwundert an.

» Denaro – Geld –, prego, un soldo – bitte, fünf Pfennige!« Das kleine, schwarze Volk umringte die schöne Signorina durcheinander schreiend.

Horst Braun blickte belustigt auf das malerische Bild. »Wozu wollt ihr Geld?« forschte Marietta weiter.

» Abbiamo fame – wir haben Hunger!« log ein kleiner Schlaukopf. Denn in dem reichen Genua hungert kein Kind.

Marietta wußte das nicht. Aber Geld gab sie keinem Kinde. Dazu war sie schon zu lange sozial tätig. »So kommt mit!« Sie wandte sich einer Bäckerei zu. Der schwarze, kleine Schwarm hinterdrein. » No, panino, – nicht Brötchen – pasta fine – Kuchen«, verlangten die Leckermäulchen. Man schien mit den Weißbrötchen, welche die Signorina in die sich ihr entgegenstreckenden braunen Händchen legte, nicht zufrieden, » Denaro – un soldo! « – Wieder ging die Bettelei los.

Horst zog Marietta lachend aus dem sie noch immer verfolgenden Kinderschwarm in ein ristorante. »Ich habe auch fame«, sagte er lustig. »Hast du denn schon zu Mittag gespeist?«

»Nein« – das hatte Marietta vollständig vergessen. Sie empfand weder Hunger noch Durst, noch Hitze. Aber dann mundeten die Riaviole alla Milanese, ein mit Fleisch gefüllter, in Tomatensoße servierter Teig, ein typisches italienisches Nationalessen, so gut, wie ihr noch nichts in Italien geschmeckt hatte. Sie saßen sich an blumengeschmücktem Tisch gegenüber und tranken sich den im Kelchglas schäumenden » Asti spumante« zu. »Denn meine Heimkehr und unser Wiedersehen müssen wir gebührend feiern«, meinte Horst froh. »So, nun laß dich mal anschauen, mein Dirn. Du kommst mir heute ganz anders vor als vor drei Jahren. So – so – ja, wie soll ich sagen – fremd und doch vertraut.«

Mariettas zartes Gesicht hatte sich unter dem prüfenden Blick ihres Gegenübers mit feiner Röte überzogen. »Das will ich glauben. Du bist auch nicht mehr derselbe wie damals, Horst. Drei Jahre verändern den Menschen.«

»Für mich zählen die drei Jahre, fern von der Heimat, doppelt. Ich bin tatsächlich ein anderer geworden. Ich weiß jetzt erst zu würdigen, was ich damals achtlos hinter mir gelassen habe.« Es klang sehr ernst.

»Mancher kommt als ein Schiffbrüchiger heim. Du bist noch gut daran, Horst. Du kehrst bereichert an Erfahrung zurück«, tröstete Marietta.

Wie reif dieser junge Mund sprach. Und wie fraulich mütterlich Marietta vorhin unter der sie umdrängenden Kinderschar gewirkt hatte. Dieser zarte, von innen heraus verschönende Liebreiz – unwillkürlich mußte Horst Braun vergleichend an die Zwillingsschwester, die stolzschöne Anita, denken. Er runzelte die hellen Augenbrauen.

Marietta sah es, und mit Herzenstakt fühlte sie die Ursache nach. »Jetzt kommt es ihm zum Bewußtsein, daß ich ihre Schwester bin«, dachte sie bedrückt. Und die Frage nach den Eltern und Geschwistern, nach all ihren Lieben drüben, die ihr auf den Lippen brannte, unterblieb.

»Woran hast du soeben gedacht, Jetta?« fragte Horst nach minutenlanger Pause, ihr im Ausdruck wechselndes Gesicht betrachtend.

»An Sao Paulo«, sagte Marietta errötend. Und mit der ihr eigenen Gradheit setzte sie hinzu: »Ich hätte so gern etwas von meinen Angehörigen gehört, wenn – wenn es dir nicht unangenehm ist, davon zu sprechen.« Warm und teilnahmsvoll, wenn auch ein wenig zaghaft, klang es.

»Unangenehm – nein, Jetta. Das ist vorüber. Amerika liegt hinter mir.« Und nach einem kleinen Zögern: »Einem Mädchen wie Anita trauert man nicht nach, sobald man wieder klar sehend geworden.«

Wieder eine Pause. Marietta fühlte sich identisch mit ihrer Zwillingsschwester, mitverantwortlich für ihr leichtfertiges Spiel.

Horst dagegen dachte: »Wie ist es nur möglich, daß Schwestern, noch dazu Zwillinge, so verschieden, so ganz entgegengesetzt sind. Dort alles lebhaft sprühend, auf Äußerlichkeit, auf Wirkung eingestellt. Hier bescheidene Zurückhaltung, alles verinnerlicht, durch ernste, verantwortungsvolle Tätigkeit gereift.« Daß er das nicht früher erkannt hatte.

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und begann von Sao Paulo zu erzählen. Von Mariettas Mutter, die ihm geholfen hatte, so lange drüben auszuhalten. »Ihre warmherzige, heitere Art hat mich immer wieder aufgerichtet, wenn ich drauf und dran war, meine Brücken hinter mir abzubrechen. Es ist wunderbar, wie diese Frau dort ihre Heimat in der Liebe der Ihrigen gefunden hat.« Von der Opferfreudigkeit der Mutter sprach er Marietta, die, trotz der Sehnsucht nach ihrem Kinde, auf dasselbe verzichtet, weil es zu seinem Glücke sei. Was für ein fabelhafter Unternehmungsgeist in ihrem Vater stecke, geradezu ein kaufmännisches Genie sei er mit seinem weiten, sicheren Blick. Die Filiale des Exporthauses in Neuyork habe sich glänzend eingeführt. Nun wolle Horst versuchen, hier in Deutschland, Hamburg, Bremen oder auch in Berlin, eine Importfiliale des Tavaresschen Unternehmens zu begründen. Es läge eine große Aufgabe mit starker Verantwortung auf seinen Schultern, aber er freue sich auf die Arbeit im Vaterlande. – Wie merkwürdig, daß er Marietta, die ihm früher kaum beachtenswert erschienen, gleich in der ersten Stunde von seinen Plänen und von den ihn dabei bewegenden Empfindungen sprach. Er war doch sonst ein echter Sohn der nordischen Waterkant, der nicht viel Worte über das, was ihn bewegte, machen konnte. Es lag wohl daran, daß er niemals eine verständnisvollere Zuhörerin gehabt, die ihn mit keinem Wort unterbrach und doch sprechenden Blicks seinen Ausführungen folgte.

»Und Juan, bitte, erzähle mir noch von meinem kleinen Juan, Horst. Von ihm und auch von – Anita«, bat Marietta.

»Nun, Juan ist ein Prachtkerlchen, nur sollte er in festere Hände kommen. Vater und Mutter verziehen den Jungen – es ist schade um seine guten Charakteranlagen. Ein paar Jahre in Deutschland in energischeren Händen täten ihm gut.«

»Der Vater gibt seinen Jungen nicht her, Horst. Von dem trennt er sich nicht«, lächelte Marietta. »Aber du hast recht. Ich habe bei dem letzten Besuch meiner Angehörigen Ähnliches gedacht.« Sie schwieg. Zum zweiten Male mochte sie die Frage nach der Schwester nicht tun.

Horst schien ihre Gedanken zu erraten. »Bleibt nur noch von Anita zu berichten. Ich hoffe, daß sie glücklich geworden ist. Sie wird bewundert und verwöhnt – mehr bedarf es wohl für sie nicht zum Glücke.«

Marietta warf einen prüfenden Blick auf Horsts ruhiges, keinerlei Erregung zeigendes Gesicht. Hatte er wirklich ganz überwunden?

»Nun bist du dran, Dirn. Erzähle von Tante Annemarie und Onkel Rudi, und auch von meinen beiden Alten«, verlangte der Vetter.

Und Marietta berichtete. Von den Sonnentagen an der Waterkant, von dem herzerfrischenden Leben auf Lüttgenheide. Wie Horsts Mutting nur in den amerikanischen Briefen ihres Jungen gelebt und sein Vating pfeifequalmend auf Brasilien räsoniert habe. Wie wohl sie sich selbst an der Waterkant gefühlt habe, bis das Furchtbare kam. Horst wußte bereits durch seine Mutter von der Augenoperation des Onkels. Aber als Marietta in knappen Worten die Schreckenstage schilderte, griff er mitleidig nach ihrer Hand. »Ihr Ärmsten, was müßt ihr gelitten haben!«

»Die Großmama, Horst. Großmama ist eine Heldin. Ich bin damals unter der Nachricht, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam, zusammengebrochen. Aber die Großmama hat ihre ganze Seelenstärke dabei offenbart.« Sobald Marietta auf die Großmutter zu sprechen kam, wurde ihr Ton wärmer.

»Nun zu dir, Jetta. Von dir sprichst du gar nicht. Erzähle mir von dir«, drängte der Vetter, dem kräuselnden Rauch der Zigarette nachschauend.

»Von mir – oh, da ist nicht viel zu berichten. Ich fühle mich durch meine Tätigkeit in der sozialen Frauenschule sehr befriedigt. Ich werde Jugendfürsorgerin. In einem Jahr mache ich mein staatliches Schlußexamen. Mein Zukunftsplan geht zur Waterkant – – –.« Sie errötete und machte eine kleine Pause. Bisher hatte sie noch mit keinem Menschen, nicht einmal mit der Großmama darüber gesprochen.

»An die Waterkant – inwiefern?« Horst Braun rief es sichtlich erregt. Er runzelte die Stirn. Hatte Marietta es einem der umwohnenden Gutsbesitzer angetan? Ein Wunder wäre es freilich nicht bei ihrem Liebreiz.

»Ich will meinen Vater bitten, Grotgenheide zu erwerben. Sie müssen verkaufen. Der Kaufpreis ist für brasilianische Begriffe nicht allzu hoch. Und so käme das Gut doch wenigstens nicht in fremde Hände. Tante Margot könnte dort wohnen bleiben und Vera und ihr Mann als Pächter das Gut weiter bewirtschaften.«

Horst Braun schwieg. Seine Stirn glättete sich nicht. Spukte der amerikanische Spekulationsgeist auch in diesem holden Geschöpf? »Zu welchem Zwecke willst du Großenheide erwerben, Jetta?« forschte er weiter.

»Ich möchte dort ein Erholungsheim für arme Kinder errichten. In dem sie nicht nur für kurze Ferienwochen, sondern eventuell für Jahre Aufnahme finden. Ich denke in erster Reihe an rachitische und tuberkulöse Kinder. Gerda Ebert hat mir viel von dem Kinderelend der Großstadt erzählt. Und ich selbst habe davon auch schon zur Genüge kennengelernt. Ich habe es mir zur Lebensaufgabe gestellt, diesen armen Kleinen Gesundheit und Jugendfrohsinn zu verschaffen – soweit es in meiner Macht steht.« Das zarte Rot auf Mariettas Wangen hatte sich vertieft. Zum erstenmal offenbarte sie ihre innersten Wünsche.

Leuchtender blickten die blauen Augen des Vetters. Warm umfaßte sein Blick das selbstlose, holdselige Mädchen.

»Deine Lebensaufgabe, Jetta?« fragte er bedeutsam. »Ein Mädchen wie du hat wohl noch eine andere Lebensaufgabe.« Sein aufstrahlender Blick sprach weiter, was die Lippen verschwiegen. Er machte, daß Marietta sich verwirrt von ihrem Platze erhob.

»Wir wollen zahlen, Horst«, sagte sie ablenkend. »Ich möchte dir noch die Stadt zeigen. Um fünf Uhr wollen wir an der Piazza di Ferrari bei Sanini & Co. landen. Onkel Enrico nimmt uns in seinem Auto mit nach St. Margherita hinaus.«

Sie machten eine Rundfahrt am Meer und an den Bergen entlang und genossen den zauberhaften Anblick der herrlichen Stadt. Sie nahmen in der Galleria Mazzini bei Carmens feurigen Klängen den caffe ghiaccio – den kühlenden Eiskaffee. Sie sandten Kartengrüße an die Waterkant, an den Gardasee und nach Brasilien. Und ein jeder von ihnen hatte das sonderbare Gefühl, als hätte mit diesem Tage das Leben erst für ihn begonnen.

Tage an der lachenden Riviera – ihr seid wie farbenfrohe, duftschwere Blüten, die sich zum Kranze winden. Anfang- und endlos scheint ihr zu sein, jeder Tag neu emporgeblüht in nie geahnter Schönheit.

Horst dachte nicht mehr daran, daß er nur einen kurzen Aufenthalt in Genua beabsichtigt hatte, daß es ihn vorher zur Waterkant heimgetrieben. Er hatte sich in einem der Hotels in St. Margherita einlogiert und genoß nebenbei die Gastfreundschaft der Saninis, welche der Italiener in liebenswürdigster Weise gewährt. Er betrachtete es als selbstverständlich, daß er so lange in St. Margherita blieb wie Marietta. Unbedingt hatte er die Verpflichtung, sie zu den Großeltern nach Riva zurückzugeleiten.

Überall sah man die beiden zusammen, den blonden Hünen und das goldhaarige, schöne Mädchen mit den tiefschwarzen Augen. Sie wanderten am Meeresufer durch Orangen-, Zitronen- und Feigenhaine nach Rapallo. Sie saßen still an dem wogenumrauschten Castello, dem alten Schloß am Meer. Sie segelten nach Portofino und nach Nervis Luxusstrand. Sie schwelgten in dem Kunstreichtum der Palazzi zu Genua, in Pegli in den berühmten, exotischen Palmengärten der Pallavicini. Doppelt genossen sie all das Schöne in ihrer Gemeinsamkeit – einer mit dem andern.

So schwanden die Tage dahin, die sie gern festgehalten hätten. Marietta stand an ihrem Fenster und blickte über das Meer. Fünfmal würde sie noch die Sonne als glutroten Feuerball in das grünblaue Meer tauchen sehen. Dann war es zu Ende. Was war zu Ende? Nun, ihr Aufenthalt hier an der Riviera bei den Verwandten. Dann ging es mit den Großeltern wieder nach Norden, heim ins Rosenhaus, zurück zur Arbeit und zur Pflicht. Freute sie sich nicht darauf? Sie hatte geglaubt, es nicht erwarten zu können, wieder bei den Großeltern zu sein. Wieder die ihr liebgewordenen sozialen Pflichten zu übernehmen. Was war es denn nur, was da schmerzte, wenn sie an das Ende ihrer Rivieratage dachte? Der Abschied von den Saninis? O nein! Sie waren lieb und gut zu ihr, die Verwandten, aber ihr wesensfremd, hatten nur kaufmännische Interessen. »Sei ehrlich, Marietta!« Und Marietta war, wie stets, auch heute sich selbst gegenüber wahr. Das Zusammensein mit Horst ging zu Ende, das war es, was sie schmerzte. Sie würden in Berlin doch weiter zusammenkommen – ja, aber anders. Dann war er wieder der Vetter Horst und sie eine der Kusinen, die er vielleicht, wie einst, kaum beachtete. Nein, das war unmöglich. Jetzt nicht mehr. Hundert kleine Geringfügigkeiten, und doch so bedeutsam, hatten ihr verraten, daß sie ihm mehr geworden. Und wenn er es ihr eines Tages sagen würde, dann – Marietta blickte starr in die fast schon im Meer versunkene Sonne – ja, dann war es erst recht zu Ende. Nein, niemals! Niemals würde sie den Platz einnehmen, an den er einst die Schwester gewünscht. Dazu war sie zu stolz. Etwas mußte sie doch auch von dem Tavaresschen Familienstolz haben. Hatte Anita damals nicht übermütig geschrieben: »Tröste du doch Horst. Für dich paßt er viel besser.« Hatte nicht auch Onkel Hansi neckend Ähnliches vorgeschlagen? O nein, zum Lückenbüßer war sie sich selbst zu schade, wenn es auch noch so weh tat. Marietta fröstelte zusammen. Die Sonne war im Meer erloschen.

Für den nächsten Tag war ein Ausflug nach dem Righi, eine der weinbekränzten Höhen von Genua, und dem Campo santo, dem wegen seiner Kunstwerke berühmten Kirchhof, geplant. Die schon etwas bequem gewordene Tante war froh, daß Marietta jetzt so gute Gesellschaft hatte, daß sie ihre Terazza am Meer nicht zu verlassen brauchte. Der Onkel, den Kopf voller geschäftlicher Angelegenheiten, glaubte genug getan zu haben, wenn er seine junge Großnichte und den Signore im Auto mit nach Genua nahm. Dort benutzten sie den Funicolare, die zur Höhe gehende Drahtseilbahn zum Righi. Dann saßen sie hoch oben auf der Aussichtterrasse und freuten sich der herrlichen Rundsicht über Genua, den Hafen, das Meer und die ligurische Alpenkette. Der Gipfel des Righi trug eine Festung. Auch der ganze Bergabhang, der steil in einen von schroffen Bergwänden eingefaßten Talkessel abfiel, war befestigt. Unten, ganz unten in der Tiefe lag der Campo santo mit seinen weißen Marmordenkmälern.

»Jetzt steigen wir ab in das Land des Todes«, sagte Horst scherzhaft.

»Er hat wirklich etwas Unheimliches, dieser Abstieg«, pflichtete Marietta bei. »Der Himmel bewölkt sich zum ersten Male, solange ich an der Riviera bin. Ich glaube, wir bekommen ein Gewitter. Es ist furchtbar schwül.« Sie blieb erschöpft stehen.

»Bist du müde, Jetta? Dann rasten wir ein Weilchen. Der Weg ist steil und steinig, für zierliche Damenschuhe nicht sehr geeignet.« Er verglich belustigt sein derbes Schuhwerk mit ihren eleganten Wildlederschuhen.

»Ich wußte nicht, daß wir eine Bergtour zu machen haben, Horst«, verteidigte sich Marietta. »Wir wollen lieber weiter. Sieh nur, von allen Seiten ziehen dicke Wolken auf.« Sie mochte ihm nicht zeigen, daß sie vor einem Gewitter bange war.

Horst blickte prüfend in die sich schwer heranwälzenden Wolken. »Bei uns an der Waterkant kenne ich mich aus mit dem Wetter. Aber hier im Süden ist es wohl anders. Ein merkwürdig schwefelgelber Himmel. Wirklich schaurig wirkt der einsame Bergkessel in dieser Beleuchtung.«

»Kein Lüftchen weht. Kein Blatt bewegt sich an den Ölbäumen. Als ob die Natur den Atem anhielte. Bedrückend legt es sich einem auf die Brust. Wären wir doch nur erst unten!« Marietta eilte wie gejagt, trotzdem die Steine des schlechten Weges durch den feinen Schuh ihr schmerzen bereiteten.

»Sing mir wieder ein Lied, Jetta«, bat Horst. Er liebte es, auf den Wanderungen ihre Stimme zu hören.

»Heute nicht, Horst. Ein anderes Mal. Mir ist die Kehle wie zugepreßt.«

»Du gehörst wohl auch zu den Menschen, die auf die Elektrizität in der Luft besonders reagieren, Dirn, – ein sogenanntes Gewittermedium.«

»Mag sein. Horst – was war das?« Sie griff erschreckt nach seinem Arm. Aus den Bergen kam eine donnerartige Lufterschütterung. »Man hat gar keinen Blitz gesehen« – ganz blaß war sie geworden. Oder war die schwefelgelbe Beleuchtung daran schuld?

»Wahrscheinlich eine Steinsprengung«, erklärte Horst sachlich.

Gott sei Dank, nun waren sie unten. Da waren wieder Menschen, Verkaufsbuden mit Blumen, Früchten und kühlen Getränken.

»Möchtest du dich erfrischen, Jetta?« fragte Horst sorglich. »Der Abstieg war heiß und anstrengend.«

»Danke, nein. Es ist nur diese furchtbare, drückende Schwüle, die auf mir lastet.« Am liebsten hätte Marietta gleich eine der elektrischen Bahnen, die zur Stadt zurückführten, benutzt, ohne den Campo santo gesehen zu haben. Aber sie schämte sich vor Horst, feige zu erscheinen.

Als sie den Kirchhof betraten, fielen die ersten Tropfen. Groß und schwer. »Wir bleiben in den Galerien. Da werden wir nicht naß. Auch sollen dort die schönsten Grabdenkmäler sein«, schlug Horst vor.

Die Stadt des Todes nahm die beiden auf. Marmortempel, weiße Marmorgestalten, überlebensgroß. Sie stellten die Verstorbenen dar, aber auch die Überlebenden, Trauernden. Hier nahm ein Gatte weinend Abschied von seiner Frau, die der Engel des Todes berührt hatte. Dort trug der Engel bereits ein Kind in den Armen empor, während die Eltern verzweifelt die Hände nach ihrem Liebling ausstreckten. Weinende Kinder, deren Vater unter dem Grabdenkmal ruhte, umdrängten die händeringende Mutter. Hier brachte ein Mägdlein im Steinschürzlein dem Verstorbenen frische Blumen dar.

»Findest du diese Grabkunst schön, Jetta?« fragte Horst kopfschüttelnd.

»Nein, sie wirkt theatralisch. Wie kann man seinen Schmerz so vor aller Welt zur Schau stellen. Aber vom künstlerischen Standpunkt ist manches herrlich.«

»Auf mich wirkt dieser kleine korpulente Marmorherr dort mit der dicken Uhrkette, Handschuhe und Zylinder in der einen Hand, in der anderen das Schnupftuch zum Zeichen seiner Trauer, geradezu komisch. Selbst den Überzieher hat er auf dem Arm – wohl im Fall es abends kühl wird«, meinte Horst belustigt.

»Bitte nicht, Horst. Es ist nicht der Ort zum Scherzen«, bat Marietta. Sie empfand hier unter den Toten und unter den weißen Steinfiguren das beklemmende Gefühl in noch verstärktem Maße. »Sieh diesen Todesengel mit der gesenkten Fackel – wirkt er nicht wundervoll?«

»Ja, den lasse ich mir gefallen. Aber die trauernde Wittib da drüben, mit Spitzen, Ketten und Armbändern behangen, scheint mir nur ihren Schmuck hier ausstellen zu wollen. Am anspruchslosesten wirken noch die in den Grabstein gefügten Photographien der darunter Ruhenden.«

»Wer seine Toten im Herzen hat, bedarf keines Bildes von ihnen zur Erinnerung«, sagte Marietta leise. Wie warm, wie tief empfunden das klang.

Sie waren hinausgetreten auf den Friedhof. Es hatte aufgehört zu regnen. Aber die Luft stand immer noch schwer und bleiern. Merkwürdig, keine Grabhügel. Zu ebener Erde, von Rabatten eingefriedet, die blumengeschmückten Gräber.

»Sieh dort, Jetta, dort unter der großen Pinie – ein sonderbarer Leidtragender!« Da lag in Stein gemeißelt der Hund des Verstorbenen auf dem Grabe, mit gesenkten Ohren und hängendem Schwanz.

»Vielleicht der treuste von seinen Freunden«, meinte Marietta nachdenklich.

»Die Bäckerfrau müssen wir noch sehen, Jetta. Es soll das eigenartigste Grabdenkmal hier sein. Sie hat sich ihr ganzes Leben lang geplagt und sich nichts gegönnt, nur um nach ihrem Tode hier mal ein schönes Denkmal zu bekommen. Mit ihren Kuchenkörben in der Hand, so hat man sie hier verewigt, erzählte mir ein Herr im Hotel.« Aber die Bäckerfrau wollte sich nicht finden lassen. »Komm, Jetta, wir wollen zu dem Tempel dort oben hinauf, von dort hat man den besten Ausblick.« Malerisch zog sich der Friedhof den Berghang hinauf.

Es war immer noch bedrückend schwül. Steil, unbeweglich und düster standen die Zypressen in dem schwefelgelben Licht. Da – wieder ein Rollen und Donnern wie vorhin, nur stärker, anhaltender – kam es aus den Lüften? – aus der Erde? Barmherziger – Marietta schwankte – der Erdboden unter ihnen hatte sich bewegt, erschütterte. Nein, es war keine Täuschung. Die Zypressen und Palmen vor ihnen erschauerten bis in ihre Wurzel hinein. Die großen Bäume schwankten, als wären sie aus einer Spielzeugschachtel. Dort der steinerne Sensenmann auf dem Grabe vor ihnen bewegte sich, er kam auf sie zu. All die weißen Marmorgestalten schienen plötzlich lebendig, sie tanzten auf den Gräbern, alles schwankte – alles – – –

Marietta sah nichts mehr. Sie fühlte nur noch, daß ein starker Arm sich stützend um sie legte, sie fortriß von den neben ihr wankenden Tempelsäulen. Horsts beruhigende Worte verschlang ein neuer donnernder Erdstoß – sekundenlang, und doch eine Ewigkeit. In den Lüften begann es zu heulen, als ob alle Geister der Luft und der Erde plötzlich entfesselt wären. Wirbelwind trieb Wolken von Staub vor sich her. Selbst Horst, der Hüne, hatte Mühe, sich aufrecht zu erhalten.

Marietta hatte nur das eine Gefühl: »Wir sterben zusammen.« Und das hatte nichts Schreckliches für sie.

»Jetta, liebe Jetta, das Erdbeben ist vorüber. Armes Kind, wie bleich du bist! Du bebst ja stärker als die Erde. Du kannst die Augen wieder öffnen, Jetta.« Wie beruhigend, wie liebevoll seine Stimme klang. Nein, sie machte die Augen nicht wieder auf. Sie hatte trotz der furchtbaren Erschütterung ein Gefühl des Geborgenseins in seinen Armen – ach, wenn sie doch die Augen niemals wieder zu öffnen brauchte.

Da vernahm sie wieder seine Stimme, inniger noch: »Jetta, aus dieser Todesstunde, die wir hier zusammen durchlebt, soll neues, gemeinsames Leben für uns erstehen. Wir gehören zusammen – – –!«

»Niemals!« tonlos kam es von ihren Lippen.

»Kind – Jetta – du weißt nicht, was du sprichst. Das Erdbeben hat dich verwirrt. Ich selbst habe dich erschreckt. Verzeih mir, ich hätte noch schweigen sollen – später – – –«

Marietta wollte ihm sagen, daß auch später ihr Stolz »nein« sagen müßte. Aber sie brachte keinen Ton mehr über die erblaßten Lippen. Ihr Stolz – wo war er hin? Wie klein, wie lächerlich klein erschien er Marietta in diesen Augenblicken, wo die Natur so gewaltig gesprochen, wo Horsts Worte ihr innerstes Herz nicht weniger gewaltig erschüttert hatten.

Konnte sie wirklich in einer Stunde, da der Tod an ihnen vorübergeschritten, so klein denken?

» Terremoto – terremoto – Erdbeben – Erdbeben!« Erregte Stimmen – bleiche Gesichter – entsetzte Augen.

»Wir wollen zurück, Jetta. Komm.« Sanft griff er nach dem Arm der Versunkenen. »Jetta, liebe, liebe Jetta, darf ich später meine Frage wiederholen, ja, darf ich?«

Da nickte Marietta stumm.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.