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Nesthäkchen im weißen Haar

Else Ury: Nesthäkchen im weißen Haar - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchen im weißen Haar
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 10
printrun53. bis 57. Tausend
yearo.J.
firstpub1925
illustratorProfessor R. Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20131030
modified20150126
projectid8015ab89
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12. Kapitel. Dunkel wird's.

Was waren das für Sonnentage an der Waterkant. Wie eine leuchtende Perlenkette, so reihte sich einer an den andern. Neue Frische blies der Seewind einem in die Lungen, färbte die blassen Wangen rot und jagte sich mit den jauchzenden Kindern am Meergestade. Eine Freude war es, wie die Berliner Gören dabei aufblühten. »Ganz knusprig« waren sie schon. Sie halfen beim Heuen auf den Wiesen, trieben sich in den Stallungen, im Obstgarten und auf dem Wäscheplatz herum und hatten immer dummes Zeug im Kopf. Dabei waren sie anstellig und gefällig, nur hielten sie die Hofleute mit ihren Berliner Schnurren und Späßen oft von der Arbeit ab. Dann trieb der Gutsherr sie wohl mit einem Donnerwetter auseinander. Innerlich aber hatte er seine helle Freude an den Lütten. Marietta, die Leiterin der Herde, nahm an allem teil. Mit Kopftuch und Rechen half sie das Heu wenden, ja sogar beim Aufladen stand sie ihren Mann. Die Arbeit im Freien, verbunden mit der kräftigen Seeluft, bekam ihr glänzend. Sie hatte keine Teerosenfarben mehr, sondern blühte wie eine Purpurrose. Die größte Freude machte ihr, daß sie das in den letzten Jahren ganz vernachlässigte Reiten hier wieder aufnehmen konnte. In aller Frühe, wenn die Kinder noch schliefen, machte sie mit Peter Braun ihren Morgenritt.

»Schade, Jetta, daß ich schon verheiratet bin, du würdest eine ganz brauchbare Gutsfrau abgeben«, neckte Peter sie.

»Du aber keinen brauchbaren Mann für mich!« kam die übermütige Antwort. Oh, Marietta war nicht mehr so schüchtern wie einst, sie hatte gelernt, auf einen Scherz einzugehen.

»Wir haben ja noch mehr Söhne«, hatte sich Großmutting belustigt eingemischt. Es war zur Feierabendstunde unter dem Nußbaum.

»Na, Mutting, Günter und Werner sind doch leider auch schon Ehekrüppel. Bleibt nur noch unser Kleiner, das Kakelnest – – –«

»Der ist noch zu lütt, unser Horst.«

»Nee, Mutting, Mitte der Zwanziger, viel älter bin ich auch nicht gewesen.« Der Peter ließ nicht locker.

»Und wenn man unsern Jungen nicht nach Brasilien rübergelockt hätte, wer weiß – – –« Das letzte ging in ein ärgerliches Gebrumm über. Großvating qualmte wie eine Lokomotive.

Gut, daß die Abendwölkchen am westlichen Himmel ihren rosigen Schein herüberwarfen, da sah man es nicht, daß Mariettas Gesicht wie in Blut getaucht erschien. Sie hatte, Lisings Warnung eingedenk, das gefährliche Wort Brasilien streng vermieden und war mit dem alten Herrn daher glänzend ausgekommen. Klaus war sein Lebtag ein Damenfreund gewesen. Das verleugnete sich auch jetzt im Alter noch nicht. Er war altmodisch galant und dabei onkelhaft zärtlich gegen das hübsche Großnichtchen, so daß Großmutting öfters lachend Einspruch erhob. Jetzt nickte er gedankenvoll paffend vor sich hin. »Laß man sining, mein Dirn, laß man. Es is noch nicht aller Tage Abend. Mein Jung, der bleibt noch nicht da drüben. Hat er nicht geschrieben, Mutting, daß er die nächste Martinsgans wieder mit uns essen will? Laß man sining, mein Dirn, täuw du man.«

Zum Glück für Marietta blieb das Gespräch jetzt bei den Gänsen, wie viele man dies Jahr »stoppen« wolle. Da merkte keiner, wie peinlich ihr die Überlegungen des alten Herrn waren.

Beim Baden traf man sich mit den Grotgenheider Gören täglich am Strande. Aber die Leiterin der anderen Abteilung war nicht so restlos begeistert von ihrem Ferienaufenthalt, wie Marietta. Es war ihr nicht fein genug auf dem Gutshof. Auch behauptete sie, die derbe pommersche Kost nicht vertragen zu können. Herrgott, es liefen doch so viele Gänse, Enten, Hühner und Tauben da herum, warum spazierten die nicht in ihren Magen? Vergebens stellte Marietta der Dame vor, daß man auf Grotgenheide mit jedem Pfennig rechnen müsse, daß das Geflügel zum Verkauf in die Stadt wandere, wie auch ein Teil der Butter, der Eier und des Obstes. Solche Worte nahmen sich seltsam im Munde der Tochter des Kaffeekönigs von Brasilien aus. Aber Marietta verstand es, trotz der luxuriösen Kindheit, die sie genossen, sich in die Sorgen anderer um das tägliche Brot hineinzufühlen. Wenn sie die Jugendfreundin ihrer Großmutter, Frau Marlene Frenssen auf Grotgenheide, besuchte, dann schüttete die alte Dame manchmal ihr sorgenbeladenes Herz aus. Daß es mit Grotgenheide, trotz aller Mühen, die man darauf verwende, trotz der größten Sparsamkeit immer weiter bergab gehe. Daß sie den Tag schon kommen sehe, wo das Gut, für das ihr verstorbener Mann seine besten Kräfte eingesetzt hatte, unter den Hammer käme. Die Kinder würden es, aller Arbeit ungeachtet, nicht halten können. Und wenn sie von ihrem lieben Grotgenheide fort müsse, wo sie einst so glücklich gewesen, das wäre ihr Tod. Tante Marlene hatte eigentlich am meisten gealtert von Großmamas Jugendfreundinnen. Daran waren wohl die schweren Tage schuld.

Marietta machte ihrer Kollegin, Fräulein Wohlgemut, den Vorschlag eines Austausches. Sie wollte ganz gern den Rest ihrer Ferienzeit die andere Abteilung auf Grotgenheide übernehmen. Aber davon wollte man auf Lüttgenheide durchaus nichts hören. Von Großmutting und Großvating an bis zur kleinen Annemarie, allen hatte sie es mit ihrem lieben, bescheidenen Wesen angetan. Und die ihr anvertrauten Kinder, besonders Lottchen und Lenchen, die ließen ihre Tante Jetta nun schon gar nicht fort. Fräulein Wohlgemut war lange nicht so lieb und so lustig, die sah mit ihrem Kneifer auf der Nase immer so ernst und streng aus. Nein, Tante Jetta gaben sie nicht her.

Unter dem Nußbaum ging es heute recht lebhaft zu. Trotzdem Feierabend war, ruhten die Hände noch nicht. Da wurden Tannengirlanden gebunden, leuchtend rote Transparente mit allerlei Inschriften und bunte Papierballons aus großen Paketen ausgepackt. Die Kinder waren in begreiflicher Aufregung. Morgen war Erntefest auf Lüttgenheide. Da wurde die Tenne gefegt, mit Fähnchen und grünen Gewinden zum Tanzsaal geschmückt. Da standen unten in der Vorratskammer bei Mamselling wohl an zwanzig wohlgeratener Erntekuchen. Große Fässer Bier waren bereits abgeladen. Groß und klein hatte nur den einen Gedanken, ob's auch morgen nicht regnen würde. Wer ein weißes Kleid besaß, hatte es für diesen Tag aufgespart. Es war, als ob die Gänse, Enten und Hühner sich ebenfalls des wichtigen Tages bewußt waren. Sie schnatterten und lärmten durcheinander, nicht viel anders als die Gören.

Und nun war er da, der ersehnte Tag. Schon morgens um vier, bald nach Hahnenschrei, hatte Hansing herumgegeistert und den Schläfern mittels eines bumbernden Faustschlages gegen die Türen die frohe Kunde zugeschrien: »Die Sonn' is all da!«

Ja, die Sonne tat heute ihr möglichstes, dem Lüttgenheider Erntefest allen Glanz zu verleihen. Sie gleißte auf den Trompeten der Dorfkapelle. Sie flimmerte auf dem strohfarbenen, schön gekreppten Haar der Großmagd Dörting, daß es wie Gold schimmerte, als sie mit der bebänderten Erntekrone dem Gutsherrn ihren mühsam gelernten Spruch herleierte. Sie spiegelte sich in all den erwartungsvollen Kinderaugen.

Lange, blumengeschmückte Tafeln waren auf dem großen Grasplatz, die sonstige Wäschebleiche, aufgestellt. Obenan saßen Großvating und Großmutting. Daran schloß sich der Gutsherr Peter mit der Großmagd Dörting und Frau Lising mit dem Großknecht Krischan. So wollte es die gute alte Sitte, der man noch auf Lüttgenheide treu geblieben. Für das Tropenkind Marietta war dieses ländliche, ungezwungene Beieinander der Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein Anblick erfreulichen sozialen Zusammenhaltens. Ihr Vater hatte seinen Plantagenarbeitern ebenfalls Feste gegeben. Auch Donna Tavares und ihre Töchter waren dabei erschienen. Sie hatten einmal die Runde gemacht, die Fröhlichkeit der Arbeiter zu scheuer Ehrfurcht gedämpft und waren dann wieder verschwunden, in dem Gefühl, gestört zu haben. Hier war das ganz anders. Man hatte Arbeit und Mühe miteinander geteilt, man teilte jetzt auch die Lustbarkeit.

Marietta machte an dem Görentisch mit einer Kaffeekanne von riesigen Dimensionen die Runde. Lotte half ihr dabei. Die Lütten ließen es sich schmecken. Großmuttings Blick folgte der schlanken Mädchengestalt mit dem goldig schimmernden Kraushaar und den schwarzen Samtaugen. »Könnt' mein Jung' nu nich auch dabei sein!« murmelte sie vor sich hin. Ob sie das aber in irgendeinem Zusammenhang dachte, wußte sie wohl selber nicht. Denn bei jeder Gelegenheit, ob man nun fröhlich beisammen saß, oder ob ein besonders guter Happen auf den Tisch kam, das war ihre stehende Redensart. Merkwürdigerweise dachte sie dabei niemals an ihre beiden andern auswärts lebenden Söhne, nur immer an ihren Jüngsten.

Die Kirschallee entlang kam der Landbriefträger mit seinem Ledersack und dem Krückstock. Der Postbote war eine wichtige Persönlichkeit auf allen Gütern. Verband er doch die Landbewohner mit der Welt da draußen. Heute ging er schneller als sonst. Erntekuchen und Erntebier winkten auf Lüttgenheide. Er brachte Zeitungen und Päckchen, die sich dieser oder jener aus der Stadt bestellt hatte, und einen ganzen Berg Briefe. Da war einer, der eine überseeische Marke und eine charakteristische Handschrift trug, und der von Großmutting freudestrahlend in Empfang genommen wurde. »Von unserm Jung', Vating, ein Brief von unserm Jünging!« Da waren Briefe und Karten, teils mit ungelenker Handschrift, die waren an die Berliner Kinder von daheim und wurden ebenfalls freudig begrüßt.

»Fräulein Marietta Tavares« – das war der letzte Brief, den der Postbote aus seinem Sack zog. Großmamas Handschrift trug er. Aber irrte sich Marietta? Die Schriftzüge kamen ihr gar nicht so sicher und fest vor wie sonst. Eiligst entwischte sie unter den Nußbaum, um dort in Ruhe zu lesen. Dabei kam ihr zum Bewußtsein, daß sie über eine Woche nichts aus Lichterfelde gehört hatte. Es war nur ein kurzes Schreiben.

»Meine Jetta! Es wird mir schwer, diese Zeilen an Dich zu richten. Du bist so befriedigt von Deinem Landaufenthalt, daß es mir grausam erscheint, einen Schatten auf die hellen Sonnentage, in denen Du dort schwelgst, zu werfen. Und doch – es muß sein. Wie habe ich Dich in der vergangenen Woche herbeigewünscht, mein Liebling. Sie hat uns Schweres gebracht. Unser Großpapa, der in letzter Zeit immer mehr über seine Augen klagte, hat plötzlich seine Sehkraft verloren. Da steht es nun auf dem Papier, das Furchtbare.«

Marietta konnte nicht weiter lesen. Ein Schleier legte sich auch auf ihre Augen – Tränen brachen unaufhaltsam hervor. Barmherziger – das war ja nicht denkbar! Sie vermochte es noch nicht zu fassen, das Grausige, Grausame, das da so plötzlich in das friedliche Leben der alten Großeltern gegriffen hatte. Nichts mehr sehen – blind? Sie schloß die tränenverdunkelten Augen. Keine goldene Sonne, keinen Wolkenhimmel, keinen grünen Baum, nicht mehr seine lieben Rosen, an deren Farben sich der Großpapa jeden Morgen gefreut – nichts – nichts mehr – alles leer – – alles dunkel. Gequält, wie ein angeschossenes Wild, schrie Marietta auf. Es sprengte ihr die Brust, unertragbares Weh, unermeßliches Mitgefühl.

Vom Grasplatz drüben kam ein schmetternder Trompetentusch und übertönte den wehen Schrei. Gesang und Lachen klang herüber – Herrgott, war es denn möglich, daß sie noch vor wenigen Minuten dort eine der heitersten gewesen? Der Boden war ihr plötzlich unter den Füßen fortgezogen. Es war ihr, als ob auch sie im Dunkeln, im Leeren taste. Nur einen Gedanken vermochte sie zu fassen: Du mußt zu ihnen. Gleich – sofort! Du mußt den Großpapa stützen, dem Ärmsten sein schweres Schicksal tragen helfen, ihm, wenn es möglich ist, seine Dunkelheit zu erhellen suchen. Zur Großmama mußte sie – da war es wieder mit ihrem Denken zu Ende. Lautloses Schluchzen schüttelte den zarten Mädchenkörper. Wie würde die Großmama es ertragen, ihn, für den sie seit Jahrzehnten lebte, ausgeschlossen zu sehen von dem, was dem Ärmsten, dem niedrigsten Wesen zuteil wird – dem Sonnenlicht.

Drüben von der Tenne her klangen lustige Weisen. Da tanzte der Gutsherr mit der Großmagd und Frau Lising mit dem Großknecht den ersten Walzer. Da drehten sich Mining und Stining, Lowising und Mariken mit Jochen und Krischan, mit Korl und Johann. Da traten unter Händeklatschen und Jubel Großvating und Großmutting sogar noch zum Tanze an und tanzten ihre Runde mit altmodischer Grandezza besser als die Jungen. Da sprangen die Gören wie Böcklein und Zicklein munter mit Jauchzen und Kreischen dazwischen. Da hatte keiner Zeit und Acht, daß einer fehlte, daß abseits einer weinte.

Marietta versuchte die Tränenflut zu dämmen, weiter zu lesen: »Es wird dich, mein Liebling, so jäh und unbarmherzig treffen, wie es uns traf. Und ich kann dich nicht schonen, ich muß selbst den Streich führen. Aber wir siedeln bereits morgen in die Augenklinik von Professor Haase über. Er will sogleich operieren. Großpapa hat das größte Zutrauen zu seiner Kunst – aber, ich darf es Dir nicht verhehlen, er hat mir nicht volle Hoffnung machen können. Der Ausgang ist zweifelhaft. Trotzdem müssen wir tun, was nur irgend noch helfen kann. Der Ertrinkende klammert sich ja auch an einen Strohhalm.«

Marietta griff sich an die hämmernden Schläfen. Während sie hier saß, während man dort drüben tanzte, geschah es vielleicht gerade in Berlin. Da wurde über Sein oder Nichtsein entschieden. Und sie war nicht bei der Großmama in dieser furchtbaren Stunde. Wann ging der nächste Zug? Was war jetzt. Vor- oder Nachmittag? Die Zeiten wirbelten in Mariettas Kopf durcheinander.

»Tante Jetta – Tante Jetta – Tante Jetta, wo bist du?« Suchende Stimmen drangen bis in Mariettas Gedankenabwesenheit. Das waren die ihr anvertrauten Kinder, die sie verlassen wollte – mußte – auch durfte? Das Verantwortlichkeitsgefühl, eine der ausgeprägtesten Eigenschaften des jungen Mädchens, stand plötzlich in seiner ganzen Schwere, Gehör heischend, vor ihr: Du darfst die dir anvertraute Kinderschar nicht verlassen!

Lising würde sie vertreten, für das körperliche Wohl der Kinder sorgen. Den Tag über konnte Fräulein Wohlgemut sich ihrer annehmen. Aber hatte sie auch genügend Autorität für die wilden Jungen? Die Kinder mochten die Dame nicht besonders, wer weiß, ob sie gehorchten. Fünfzig Kinder allein beim Baden zu beaufsichtigen, das war eine Aufgabe – wenn da was passierte? Alle diese Gedanken durchzuckten Mariettas aufgestörtes Denken, nicht nacheinander geordnet, sondern durcheinander, kaum gedacht, schon wieder vor einem anderen Bilde verdrängt. Und zu dem drückenden Verantwortungsgefühl gesellte sich mahnendes Pflichtbewußtsein: Unmöglich, die übernommenen Pflichten im Stich zu lassen.

Aber war ihre Pflicht den Großeltern gegenüber nicht die stärkere? Wie schon manchmal, befand sich Marietta in einem Konflikt der Pflichten. Und dabei noch das schneidende Weh, das ihr das Herz zerriß. Ihr Empfinden trieb sie zu den Ärmsten, ihr Denken hielt sie hier zurück. Die Großmama, die sonst im Widerstreit ihrer Pflichten meist ausschlaggebend gewesen war, konnte sie nicht befragen. Die bedurfte diesmal selbst ihrer, sehnte sich nach ihr, erwartete sie am Ende schon heute. Dabei kam es ihr zum Bewußtsein, daß sie den Brief in ihrem Schmerz ja noch gar nicht zu Ende gelesen hatte.

»Großpapa ist ruhig und gefaßt. Er tröstet mich noch. Denn ich muß zu meiner Schande gestehen: Diesmal versage ich. So hat mich noch nichts getroffen. Wäre ich es selbst, ich könnte mich damit abfinden. Aber ihn so zu sehen ... Verzeih' mir, mein Liebling, daß ich Dir so das Herz zerreiße. Deine alte Großmutter ist diesmal egoistisch. Ich mußte es mir von der Seele schreiben. Einem Menschen muß ich es sagen. Und Du bist mir der nächste. Selbstverständlich bleibst Du ruhig dort. Du kannst hier nicht helfen. Großpapa braucht die größte Ruhe. Ich selbst bin nur für ihn da. Und dort hast Du übernommene Pflichten. In unserem Fühlen, in unserem Schmerz sind wir ja doch vereint. Gebe der Himmel, daß ich bald Besseres melden kann. Und wenn es nicht sein soll, gebe er uns die Kraft, es zu tragen. Leb' wohl, Seelchen. Deine Großmama.«

Aus der Ferne selbst half die Großmama, dachte an Mariettas nächste Pflicht.

»Hoch sollen sie leben – hoch sollen sie leben – dreimal hoch!« schrillte es vom Festplatz herüber. Dort brachte man ein Hoch auf die Gutsherrschaft aus.

Marietta hielt sich die Ohren zu. Der Jubel tat ihrem wunden Herzen weh. Sie konnte sich nicht wieder unter die fröhliche Menge mischen, sie war heute nicht mehr imstande dazu. Auch mochte sie die Festfreude nicht stören. Die Verwandten erfuhren morgen früh genug noch das Entsetzliche. Fräulein Wohlgemut, die mit den Grotgenheidern zum Erntefest geladen war, würde sie vertreten, wenn sie sich wegen Kopfschmerzen zurückzog. Tatsächlich, in ihren Schläfen hämmerte es, die furchtbare Aufregung knickte ihr die Beine. Als sie sich erhob, mußte sie sich an dem Tisch festhalten.

»Tante Jetta – Tante Jetta, wo bist du?« Das war Lenchens Stimme. Ganz nahe klang sie schon. Marietta hatte gerade noch Zeit, den Brief in ihre Tasche gleiten zu lassen, da war sie entdeckt. Lenchen stand mit heißen Backen vor ihr. Gleich darauf erschien auch Lotte.

»Tante Jetta, komm doch zum Erntetanz. Es ist so fein. Großvating und Großmutting tanzen auch.« Das Kind wollte sie mit fortziehen.

Aber Lotte, die ältere, verständigere, sah, daß da nicht alles in Ordnung war. »Fräulein Jetta, sind Sie nicht wohl? Sie sehen so blaß aus. Haben Sie geweint?« Ordentlich erschreckt schaute Lotte drein.

»Nein, Lottchen, ich habe nur heftige Kopfschmerzen. Das Beste wird sein, wenn ich mich hinlege. Ich lasse Fräulein Wohlgemut bitten, sich unserer Kinder anzunehmen. Und du selbst, Lottchen, du bist ja ein vernünftiges Mädel. Du sorgst gewiß dafür, daß alles in Ordnung zugeht.«

»Freilich, Fräulein Jetta, seien Sie nur ganz unbesorgt. Ich will schon aufpassen. Soll ich Ihnen nicht ein Glas Zitronenlimonade bringen. O Gott, eiskalte Hände haben Sie bei der Hitze. Daß Sie auch gerade beim Erntefest Kopfweh kriegen mußten!« Lottchen war wie ein Erwachsener um ihr liebes Fräulein Jetta besorgt. Von beiden Kindern sorgsam geführt, erreichte Marietta unbemerkt ihr Zimmer. Es lag nach der Gartenseite heraus. Nur gedämpft drang die Musik bis hierher.

Den Kopf in die Kissen vergraben, nichts mehr hören, nichts mehr sehen. Aber Marietta konnte es trotzdem nicht hindern, daß sich vor ihrem inneren Auge Bild um Bild filmartig abrollte. Der Großpapa, tastend im Dunkeln – die Großmama, das liebe heitere Antlitz voller Verzweiflung – das Operationszimmer – – – – da fuhr sie plötzlich wieder hoch.

Vier Uhr nachmittags – ein Telegramm konnte bereits auf der Bahnpost liegen. Aber ob es überhaupt heute noch bestellt wurde? Die breite pommersche Gemütlichkeit hier zeigte sich auch im Postwesen. Der alte Landbriefträger war unterwegs. Jochen, der sonst die Abendpost holte, fuhr heute des Erntefestes wegen nicht zur Bahn. Sie mußte hin telephonieren, ob ein Telegramm für sie dort lag.

Nein – es war noch nichts eingetroffen. Jawohl, man würde ihr ein Telegramm sofort hinausschicken. Marietta versuchte aufs neue, die Augen zu schließen. Aber sie fand vor den sie bedrängenden Bildern keine Ruhe. Wieder sprang sie auf. Sie hielt diese Untätigkeit, dieses Warten nicht aus. Lieber sich unter die Fröhlichen mischen, sich Zwang auferlegen müssen. Nur nicht mehr denken.

Lenchen kam ihr jubelnd entgegengesprungen. »Tante Jetta, wie schön, daß du wieder gesund bist.«

Lottchen streichelte zärtlich ihren Arm. »Sie hätten ruhig noch liegen bleiben sollen, Fräulein Jetta, ich passe schon auf die Gören auf«, meinte sie mit stolzer Wichtigkeit.

Großvating und Großmutting hatten sich unter ihren Nußbaum zurückgezogen, Großvating mit seiner geliebten Pfeife, Großmutting mit ihrem Brief. Den las sie nun schon zum soundsovielten Male. Auf dem Festplatz war den alten Herrschaften doch zu viel Trubel, da die Lütten heute wie vom Bändel waren.

Jettas Anwesenheit dämpfte ein wenig das allzu laute Kreischen und Johlen der Kinder. »Tante Jetta hat Kopfweh, ihr dürft nicht solchen Radau machen«, verkündete Lenchen besorgt. Und wirklich, auch die wildesten Buben dämmten ihre Ausgelassenheit Tante Jetta zuliebe ein wenig, wenigstens – solange sie daran dachten.

Der Gutsherr Peter trat auf Marietta zu. »Darf ich Donna Tavares zu einem Tanz – – –« da unterbrach er sich erschreckt – »Dirn, Jetta, was ist passiert? Du siehst ja ganz verstört aus!«

»Nichts, Peter, ich habe nur etwas Kopfschmerzen«, gab Marietta ausweichend zur Antwort, um seine Feststimmung nicht zu beeinträchtigen.

»Dann mach', daß du hier aus dem Radau raus kommst, Kind. Setz' dich zu Vating und Mutting unter den Nußbaum. Da hast du Ruhe«, schlug ihr der Vetter freundlich besorgt vor.

Marietta befolgte seinen Rat. Sie hatte sich doch zu viel zugemutet. Unter dem Nußbaum hatte sich inzwischen noch ein Gast eingefunden, Tante Marlene aus Grotgenheide. Auch ihr stand der Sinn nicht nach lauter Fröhlichkeit. Das Grotgenheider Erntefest würde weniger freudig ausfallen. Ein großer Teil des Getreides war bereits im Halm verkauft.

»Jetta«, rief Großmutting Ilse der sich langsam Nähernden lebhaft zu, »Kind, was sagst du zu dem Brief?«

»Zu dem Brief?« wiederholte Marietta tonlos. Es gab für sie heute nur einen Brief.

»Ja, der Brief hier aus Amerika von unserm Jünging. Hast ihn wohl noch gar nicht gelesen, Jetta? Ja, freilich, junges Volk will tanzen. Also hör' zu, Dirn.« Das ließ sich die Mutter nicht nehmen, den Brief ihres Sohnes selbst vorzulesen.

»Meine lieben Eltern und Geschwister! Das wird der letzte Brief vom anderen Erdteil. Ich habe genug von Amerika. Die Millionenstadt Neuyork ist nichts für uns von der Waterkant. Vating hat recht, wir sind zu bodenständig dazu. Inmitten des rasendsten Geschäftstrubels, mitten in der elegantesten Geselligkeit war ich einsamer als auf unsern Dünen. Ich schäme mich, es zu gestehen, aber ich sehne mich nach unserm guten Heimatswind, nach dem kräftigen Erdgeruch unserer Scholle. Nach unserm Nußbaum und all denen, die darunter sitzen. Milton Tavares hat es mir freigestellt, seine in Neuyork begründete Filiale, die sich recht gut eingeführt hat, zu leiten oder in Deutschland, Berlin oder Hamburg, eine Zweigstelle für den Import nach Europa ins Leben zu rufen. Ich habe nicht geschwankt. Mein Billett für das nächste nach Europa gehende Schiff habe ich bereits. Ende September werde ich in Genua landen. Von dort sind es nur noch Stunden bis zu Euch. Hoffentlich sehe ich Euch – – –«

»Der Postbote – da – da kommt er!« Marietta, die sonst für die Briefe aus Amerika von Brauns Jüngsten größtes Interesse gehabt, vermochte heute kaum den Sinn zu erfassen. Mitten im Satz sprang sie auf und jagte die Kirschallee hinunter. Dort war ein Radler aufgetaucht, den ihr scharfes Auge als Postboten erkannte. Da hielt sie auch schon das ebenso sehnlichst erwartete wie gefürchtete Telegramm in Händen. Einen Augenblick zauderte sie – sie war zu feige, es aufzureißen.

Die Buchstaben tanzten vor ihren Blicken. Schließlich entzifferte sie: »Operation gut verlaufen. Erfolg bleibt abzuwarten. Gruß Großmama.«

An einem Kirschbäumchen lehnte Marietta und versuchte sich den Inhalt des Telegramms klar zu machen. Die Operation war vorüber – Gott sei Dank! Das war immerhin für die Großmama eine Befreiung aus herzbeklemmender Besorgnis. Und sie hatte ihr nicht zur Seite sein können in dieser Schicksalsstunde.

»Erfolg bleibt abzuwarten« – eigentlich war also alles noch wie zuvor. Aber ein Hoffnungsfünkchen war doch wenigstens entfacht, es konnte doch jetzt wieder besser werden. Über dem jungen Menschenkind, das da allein den schwersten Tag seines Lebens durchleiden mußte, zwitscherten jubelnde blaue Schwalben. Waren sie nicht Glücksverkünder? Ach, ein geängstigtes Herz glaubt ja so gern.

Ein Schatten fiel auf den Sonnenweg. Tante Marlene stand vor Marietta. Gütig faßte sie nach Mariettas zitternder Hand.

»Kind, was ist? Du hast schlechte Botschaft? Du schienst schon vorhin unter dem Nußbaum verändert. Sprich dich aus, Jetta. Ich kann Leid verstehen.« Sie zog den Arm des jungen Mädchens durch den ihren und schritt mit ihr feldwärts.

Da löste sich der beklemmende Reif, der Mariettas Kopf und Brust umspannte, sie fand Worte und Tränen. Sie sprach sich das große Weh von der Seele.

Tante Marlene war eine gute Zuhörerin. Kein Wort unterbrach die Sprechende. Kein Laut verriet, wie stark der Schicksalsschlag, der die Jugendfreundin betroffen, auch sie erschütterte.

»Wir müssen auf den da oben bauen. Weiter bleibt uns nichts übrig, Kind. Will's Gott, wird's wieder gut werden. Deine Großmama ist in all ihrem Jammer noch beneidenswert. Sie hat noch Hoffnung, und sie hat vor allem noch ihren Mann. Wie glücklich wäre ich, wenn ich in ihrer Lage wäre.«

Eine große Wahrheit ging der jungen Marietta hier in der Feldeinsamkeit auf: Kein Mensch ist so bemitleidenswert, kein Leid ist so groß, daß nicht noch etwas Gutes daran zu finden wäre. Nur auf die Einstellung dazu kam es an.

Tage schweren Sorgens folgten, reichten einander die Hände zur drückenden Kette. Tage, an denen der Himmel nicht mehr blau schien, die Sonne nicht mehr golden. Nur spärlich liefen die Nachrichten ein, stets Enttäuschung auslösend. Der Professor sei nicht unzufrieden, aber irgendwelche Hoffnung könne er noch nicht machen. Der Großvater begänne schon ungeduldig zu werden. Die Großmama müsse ihren ganzen Humor zu Hilfe rufen, um seine Stimmung zu bessern. Ach, und ihr sei so wenig zum Scherzen zumute. Dann wieder tagelang gar kein Schreiben, keine Zeile.

Marietta litt unsagbar in diesen Tagen des Hangens und Bangens. Ihre Erholung, ihre strahlende Frische war dahin. Blaß und übernächtigt tat sie ihre Pflicht. Nicht frohen Herzens wie sonst, sondern wie ein Automat, dessen Seelenleben ausgeschaltet ist. Die Verwandten waren rührend gut zu ihr. Immer wieder versuchte Peter, sie zu einem Spazierritt zu bewegen – vergebens. Lising pflegte und päppelte sie, aber die Kehle war Marietta oft wie zugeschnürt. Selbst Onkel Klaus suchte all die Schnurren seiner Jugendtage wieder vor, um das Nichtchen aufzuheitern. Am besten gelang es noch Tante Ilse, Marietta zu zerstreuen. Wenn sie von früher erzählte, von ihrem Jungenquartett und besonders gern und ausführlich beim Jüngsten verweilte, dann erwachte das Interesse ihrer jungen Zuhörerin. Und wenn sie dann bis zu dem letzten Brief gekommen war und Zukunftspläne schmiedete, sich das Wiedersehen mit ihrem Jünging ausmalte, dann vermochte Marietta sich sogar mit der Mutter zu freuen.

Auch die Kinder halfen ihr, die schweren Tage zu besiegen. Durch tausenderlei Anforderungen, die sie an sie stellten, durch Liebkosungen und durch Unarten. Das Froschschenkelchen mußte sie aus dem Teich herausfischen, in den es geplumpst. Walter fiel vom Pflaumenbaum und schlug sich ein Loch in den Kopf. Das nahm einen Teil der Gedanken und Sorgen in Anspruch.

An einem Landregentag war's, einem grauen, häßlichen.

Die Kinder, an Freiheit gewöhnt, waren nur schwer im Zimmer zu beschäftigen. Marietta war auch nicht wie früher mit dem Herzen dabei. Da ging plötzlich, den dicken Regenwolken zum Trotz, die Sonne auf. So strahlend und blendend, daß man glaubte, der Himmel hätte sich geöffnet. Und es waren doch nur drei Worte, die ihn erschlossen. Ein Fetzen Papier, auf dem nichts stand, als: »Großpapa Augenlicht wiedererlangt.«

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