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Nesthäkchen im weißen Haar

Else Ury: Nesthäkchen im weißen Haar - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchen im weißen Haar
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 10
printrun53. bis 57. Tausend
yearo.J.
firstpub1925
illustratorProfessor R. Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20131030
modified20150126
projectid8015ab89
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10. Kapitel. Eine Vogelgeschichte.

Die begehrteste Wohnung im ganzen Grunewald war der Wipfel der alten Buche. Erstens wegen der schönen Aussicht – sie überragte bedeutend die Kiefern ringsum –, vor allem aber wegen ihrer Seltenheit. In den Kiefern und Tannen, da konnte jeder wohnen, da hauste bloß das gemeine Vogelvolk, Sperlinge, Krähen und Spechte. Aber der Singvögel Trachten stand nach dem frühlingsgrünen Blätterhaus der Buche. Dort hatten die alteingesessenen Vogelfamilien ihre Erb- und Stammsitze. Die verteidigten sie gegen jeden Grünschnabel, der die Keckheit hatte, sich dort einnisten zu wollen. Aber die Zeit begann auch an den Traditionen des Vogelreiches zu rütteln. Die Wohnungsnot griff, da zu viele Bäume abgeholzt wurden, auch auf die Waldesbewohner über. Wohnungsämter wurden eingerichtet, denen Meister Kuckuck vorstand. Schade war es nur, daß er immer nur seinen Namen rief und daher auch seine eigene Sippe und Freundschaft stets bevorzugte. Ein junges Finkenpärchen, das sich schon lange hatte für ein Nest in der Buche vormerken lassen und stets abschlägig beschieden worden war, dachte: »Zum Kuckuck noch eins, geht's nicht mit Recht, geht's mit Gewalt.« Und es ergriff einfach Besitz von der soeben frei gewordenen Wohnung der Frau Lerche, die auf ihrem Morgenausflug einem Unglücksfall – ein Habicht hatte sie gefressen – erlegen war. Zwar wollte der Vorstand des Wohnungsamtes durchaus das Nest für einen Vetter beschlagnahmen, aber das junge Finkenpaar ließ sich nicht ausweisen. Als die Sipoleute, drei feiste, graue Spatzen, herbeigerufen wurden, riß der junge Ehemann temperamentvoll den Schnabel auf: »Schert euch zum Kuckuck!« rief er, daß es durch die ganze grüne Laubenstadt der Buche schallte. Er bekam zwar eine Strafe wegen Beamtenbeleidigung, aber da die anderen Bewohner der Buche sich auf die Seite der jungen Leutchen schlugen – Herrgott, das ewige Kuckuckrufen in ihrer vornehmen Kolonie war ja beinahe schon ebenso störend wie das Klavierspielen bei den Menschen –, so ging das Finkenpärchen als Sieger hervor. Wirklich, ein herrliches Nest war es, das es sich gebaut. Ganz hoch oben auf schwankem Zweige dünkte es sich in seinem Flitterwochenglück bereits im Himmel zu sein. Aber als das Nest fix und fertig mit Moos, Gras und weichen Federn, die sich andere Bewohner ausgerissen, gemütlich eingerichtet war, als sie sich genug geschnäbelt hatten, hielten sie von ihrem Blätterbalkon aus Umschau. Ihre Mitbewohner kannten sie bereits. Bei Gevatterin Amsel und dem Pirol hatten sie schon Antrittsbesuch gemacht. Aber was außerhalb ihrer Buchenkolonie lag, das war ihnen noch neu. Da war zur Linken eine niedliche Tannenschule, in der es recht manierlich und gesittet zuging. Weniger gesittet aber war es nach der rechten Seite zu. Da führte der Weg nach Pichelsbergen vorüber. Dort sah das junge Finkenpaar öfters, besonders an den Sonntagen, riesengroße, zweibeinige, aufrechte Wesen ohne Flügel sich fortbewegen oder auch im Schatten der Eiche ruhen. Singend, wie sie selbst es machten, wenn auch lange nicht so melodisch, auch öfters zu Paaren sich schnäbelnd, ganz so wie sie. Von der Amsel, welche die älteste in der Laubenkolonie »Buche« war, hatten sie erfahren, daß man diese Geschöpfe Menschen nannte, die nur dazu auf der Welt seien, um den Waldesfrieden zu stören.

Ja, wirklich, die alte Amsel hatte recht. Ungemein störend waren diese flügellosen Geschöpfe. Am Sonntag ließ man es sich noch gefallen, denn da hatten sie, wie Frau Amsel meinte, ein besonderes Anrecht an dem Grunewald. Aber wochentags gehörte er doch der Vogel-, Insekten- und der Pflanzenwelt. Das schienen diese dreisten Eindringlinge aber durchaus nicht anzuerkennen.

Da hatten sie jenseits des Weges eine große Lichtung wie ein Riesenvogelbauer mit Draht umsponnen, und darin flogen, flatterten und hüpften des Wochentages wohl an Hundert solcher Geschöpfe umher. Allerdings etwas kleiner, als die Sonntagsmenschen im allgemeinen waren, aber immer noch erschreckend groß für einen Fink. Sie schrien und johlten und rissen dabei weit die Schnäbel auf. Sie hatten helle und dunkle Federn auf dem Kopfe, »Haare« hatte die Amsel dieselben genannt. Ein Teil dieser fremdartigen Geschöpfe trug einen langen Federschwanz, manchmal sogar zwei, der wuchs ihnen merkwürdigerweise am Kopf. »Zöpfe« hießen diese Federschwänze, hatte ein Kanarienvogel, der früher bei den Menschen gelebt hatte, der Amsel berichtet. Und die mit dem langen Federschwanz wurden ganz besonders von den Geschöpfen mit dem kurzen Federschopf geärgert und daran gerissen. Manchmal bissen und hackten sie sich sogar wie die Vögel. Aber eines Tages, das Finkenpärchen saß gerade traulich auf seiner Blattveranda, begann es in dem Menschenvogelbauer da unten zu zwitschern und zu jubilieren. Es klang zwar etwas laut, aber dabei so schön, daß die Bewohner der Kolonie »Buche« ganz erstaunt lauschten. »Es müssen doch Vögel sein, wenn sie so schön singen können«, meinte die junge Frau Fink. »Ich fliege geschwind zur Gevatterin Amsel hinunter, was die wohl dazu meint.«

Frau Amsel bewohnte die Beletage. Sie fing gerade fleißig Fliegen.

»Liebste, Sie sind noch sehr unerfahren«, lächelte sie ein wenig mitleidig. »Es sind ganz sicher keine Vögel, wenn sie auch noch so schön singen. ›Kinder‹ nennt man diese Lebewesen. Die mit den schönen, langen Federschwänzen sind die Weibchen und die mit dem kurzen Federschopf, das sind die Männchen. Sie heißen auch Buben und Mädel. Aber, wenn ich Ihnen raten kann, lassen Sie sich nicht zu nahe mit ihnen ein. Sie sind grausam und trachten danach, uns einzufangen und einzukerkern. Seien Sie auf Ihrer Hut.«

Aber die Neugierde der jungen Frau war geweckt. Ihr Mann war jetzt öfters auf der Mückenjagd, ab und zu sogar schon beim Frühschoppen zur »Regenpfütze«. Kinder hatten sie noch nicht, was sollte sie da den ganzen Tag vor sich hinbrüten. So wagte sie sich näher und immer näher an den Riesenvogelbauer heran. Da ging es gar lustig zu. Die meisten hielten sich bei den Vorderbeinen angefaßt, hüpften auf den Hinterbeinen im Kreise herum und sangen dazu. Das sollten also Kinder sein, Buben und Mädel. Sie jagten sich und warfen bunte Kugeln in die Luft, die sie wieder auffingen, und die fast so schön fliegen konnten wie Vögel. Manche aber beteiligten sich nicht an dem Herumhüpfen. Die hatten sich ein Nest aus Tüchern und Kleidungsstücken am Rande des Gitters gebaut und sich darin eingekuschelt. Dort schliefen sie in der warmen Sonne oder starrten auf merkwürdig raschelnde weiße Blätter mit schwarzen Zeichen darauf. Das seien Bücher, erklärte ein alter Spatz, der früher am Dachfirst eines Gelehrten genistet, der jungen Frau Fink. Wer darin lesen kann, der weiß alles. Dann gab es dort noch einen besonders großen, dicken Menschen. Der hatte sogar Federn im Gesicht, unter der Nase und um den Mund herum und schien beinahe ebensoviel zu sagen zu haben wie der Kuckuck in der Kolonie »Buche.« Die kleinen Menschen redeten ihn »Herr Lehrer« an, und er hüpfte und sprang niemals, sondern stolzierte wie ein Hahn einher. Manchmal nahm er einen von den kleinen Menschen ans Ohr. Das konnte Frau Fink alles von ihrem Auslug, dem Birkenbäumchen am Eingang des großen Vogelbauers, beobachten. Am besten von allen aber gefiel dem Finkenweibchen ein Weibchen unter den Menschenkindern. Es war etwas größer und schlanker als die andern und so zart und hold wie eine Blume. Seine goldbraunen Federn flatterten lustig im Frühlingswind um den Kopf. Es trug keinen langen Federschwanz wie die kleineren Weibchen, sondern ein goldenes Federnest am Hinterkopf aufgesteckt. Augen hatte es so schwarz wie die Dohle, und wenn es lachte, klang es, als ob das Rotkehlchen trillerte. Sein Gang war anmutig wippend wie eine Bachstelze, und singen konnte es beinahe so schön wie die Nachtigall. Ja, das war der Liebling von Frau Fink. Auch die Kinder schienen ihre Vorliebe zu teilen. Sobald dieses blumenhafte Wesen erschien, flogen sie alle auf dasselbe zu und jauchzten dabei: »Tante Jetta – Tante Jetta.« Es spielte und sang mit ihnen und streute ihnen mittags das Futter aus einem gewaltigen dampfenden Kessel in große Vogelnäpfe. Nein, es war wirklich merkwürdig, daß dies Kinder und keine Vögel waren. Sie umflatterten die Futter Austeilende wie eine Vogelschar und piepten gerade so durcheinander. Manchmal hielt sich die mit Tante Jetta Angeredete die Ohren unter den goldbraunen Federn zu.

Aber da war ein kleiner Mensch darunter, ein Männchen war es dem kurzen, dunklen Federschopf nach, der schien der schwarze Rabe unter der Schar zu sein. Er zankte und biß sich mit allen herum und hatte stets den größten Schnabel. Vor keinem hatte er Respekt, nicht einmal vor dem Herrn Lehrer, der doch so majestätisch einherstolzierte wie der Hahn. Auch Frau Finks Liebling ärgerte er. Ganz traurig sah das liebliche Gesicht der Tante Jetta manchmal aus, wenn sie eindringlich mit ihm sprach. Dann schien er in sich zu gehen, der Nichtsnutz. Aber kaum hatte sie den Rücken gewandt, da bläkte er die Zunge aus dem Schnabel ganz lang hinter ihr her. Er nahm den kleineren Kameraden das Spielzeug fort, mauste ihnen das Frühstücksbrot, ja, er stahl, wo er nur konnte, wie ein Rabe. Die Blumen des Waldes zertrat er, die Käfer fing er und riß ihnen die Flügel aus, ja selbst den Vögeln stellte er nach. Es war ein furchtbarer kleiner Mensch.

An einem besonders herrlichen Tage war es. Das grüne Blätternest des Finkenpärchens war ganz von Sonnengold eingesponnen. Aus allen Wohnungen der Kolonie »Buche« sang und jubilierte es in das blaue Himmelslicht hinein. Da streckten sechs junge Finklein den Kopf aus dem Ei und sperrten die Schnäbel zum ersten Piep auf. Wie stolz war die junge Mutter auf ihr halbes Dutzend. Und nun erst der glückliche Vater. Der hatte jetzt keine Zeit mehr, zum Frühschoppen zu fliegen, sondern hatte alle Mühe, die sechs hungrigen Schnäbel satt zu machen. Der Kuckuck beklagte sich zwar über das Kindergeschrei da oben, aber sein Räsonieren nützte ihm nichts.

Bald lernten die Kleinen die eigenen Flügel gebrauchen und machten ihre ersten, ungeschickten Flugversuche. Von Tag zu Tag ging es besser. Wirklich, Frau Fink konnte stolz auf ihre kleinen sein.

»Heute wollen wir mal den ersten Ausflug in die weite Welt unternehmen«, sagte die Mutter eines Tages. »Es ist Zeit, daß ihr euren Horizont erweitert und euch Bildung aneignet.« Und sie flog mit ihren unternehmungslustig piepsenden Sechsen zu dem Birkenbäumchen, das seine Zweige über das Gitter der großen Lichtung streckte, auf welcher die kleinen Menschen umherhüpften. Ein wenig mühsam ging es noch mit dem Fliegen. Sie mußten öfters unterwegs auf einem der Kiefernzweige Rast machen. Aber schließlich war man am Ziel.

»Seht ihr, das da unten sind Menschen, auch Kinder genannt. Sie können ganz schrecklichen Lärm machen und furchtbar viel Futter in ihre Schnäbel stecken. Der da mit dem schwarzen Federschopf, das ist der Tunichtgut unter ihnen. Ei, da rauft er schon wieder mit seinen Gefährten. Die Tante Jetta muß schon wieder Frieden stiften. Vor dem hütet euch. Der hat nichts Gutes mit Gottes Geschöpfen im Sinn. Aber dies Menschenweibchen, das sie Tante Jetta rufen, das meint es gut mit den Vögeln. Das streut uns stets Brotkrümchen von dem eigenen Futter. Wirklich, es wäre wert, ein Fink zu sein.«

So sang die Vogelmutter klug belehrend.

Sie hatte kaum ausgesungen, da flog eine von den großen, bunten Gummikugeln, welche die Kinder in die Luft zu werfen pflegten, gerade zu dem Birkenzweig, auf dem die Finkenfamilie Platz genommen. Von der rohen Hand des ungezogenen Buben war sie geschleudert.

Husch – da flatterten sie alle erschreckt in die Höhe, die Vöglein. Nur das Jüngste, das noch nicht so sicher fliegen konnte wie die andern, verlor das Gleichgewicht und fiel herunter. O weh, schon hatte eine derbe Jungenfaust es gepackt. Dem armen Finklein verging Hören und Sehen vor Schreck und Angst.

»Ein Piepmatz – 'n janz kleiner! Kiekt mal bloß her! Den nehme ich mir mit nach Hause. In meine alte Maikäferschachtel tue ich ihn. Und zu Weihnachten wünsch' ich mir ein Vogelbauer. Ja, jetzt ist es aus mit dem Fliegen, du dummer Kerl. Jetzt biste gefangen.« Und er riß es an seinem Flügel, daß das Finklein ein schmerzliches »Piep« hören ließ.

»Ja, piep du nur, das nützt dir alles nichts«, lachte der Junge das ängstliche Vöglein aus und knüpfte es in sein unsauberes Taschentuch. Himmelangst wurde dem armen Tierchen.

Eine Menge schaulustiger Kinder, Knaben und Mädchen, hatten sich um den kleinen Vogelräuber versammelt. Mit teils neugierigen, teils neidischen Blicken betrachteten sie seine Beute. Über ihnen aber erklang herzzerreißendes Gepiepse. Das war die arme Finkenmutter, die ihr Nesthäkchen mißhandelt sah.

War es ihr jämmerliches Piepen, oder war es die aufgeregte Kinderschar, was Marietta herbeirief. Die arme Vogelmutter in den Lüften atmete ein wenig auf. Wenn einer, so würde sie helfen.

»Ei, was gibt es denn, Kinder?« fragte sie freundlich.

»Der Karle hat 'n Piepmatz jefangen, man 'n janz kleenen, mieserigen. Er piept wie 'ne Maus«, erzählte eins der Kinder.

»Wo hast du ihn denn?« fragte Marietta verwundert.

»In meiner Tasche – damit er mir nich wieder auskneift.«

»Um Himmels willen, das arme Tierchen! Da muß es ja ersticken. Gleich tust du es heraus, Karl«, verlangte Marietta.

»Nee – ach nee – nachher nehmen Se ihn mir fort, oder er fliegt von alleene heidi.« Karl machte keine Anstalten, dem Gebote nachzukommen.

»Freilich werden wir ihm die Freiheit wiedergeben.«

Aber da kam Marietta schlecht an. Ehe sie sich's versah, war Karl auf und davon. Wie ein Pfeil schoß er quer über die Lichtung. Jämmerliches Piepsen in den Lüften begleitete ihn. Da aber ereilte den kleinen Vogeldieb sein Verderben. Der Herr Lehrer hatte ihn plötzlich am Kragen. Und als er die Geschichte von dem Vogelfang gehört, gebot er, ihm das Tierchen zu zeigen. Widerwillig gehorchte der Schlingel. Dem Herrn Lehrer gegenüber wagte er keinen offenbaren Ungehorsam.

Ein arg zerdrücktes, kaum noch piepsendes Etwas kam aus Karls Tasche zum Vorschein.

»Ein kleiner Fink«, sagte der Lehrer zu der inzwischen herbeigekommenen Marietta. »Ein ganz junges Tierchen. Am Ende gar aus dem Nest gefallen. Was machen wir nun mit dem kleinen Kerl?«

»Wir lassen ihn fliegen. Der Vogel über uns, das wird gewiß die Mutter sein, er umkreist uns voller Angst«, rief Marietta mitleidig.

»Ja, Tante Jetta, wir wollen ihn fliegen lassen«, riefen auch die andern Kinder. Nur Karl heulte vor Wut und vor Enttäuschung.

Man setzte das Vögelchen behutsam ins Gras. Aber es machte keine Anstalten, davon zu fliegen. Es zuckte nur mit den Beinchen.

»Es will ja jar nich fortfliegen. Es will viel lieber bei mir bleiben«, meldete sich Karl wieder.

Marietta nahm das Tierchen behutsam in ihre weiche Hand, aus Furcht, daß Karl ihm zum zweiten Male gefährlich werden könne. Leis und zärtlich strich sie über die flaumigen Federn. Da rief sie erschreckt: »Das eine Flügelchen ist ja gebrochen. Darum kann das arme Vögelchen auch nicht mehr fliegen.«

»Nu kann ich ihn doch haben, Tante Jetta?« rief Karl hoffnungsvoll.

Aber Tante Jetta schüttelte den Kopf. »Wenn Sie nichts dagegen haben,« wandte sie sich an den Lehrer, »dann nehme ich den kleinen Vogel mit mir nach Lichterfelde. Mein Großvater ist nicht nur Menschenarzt, er heilt auch allerlei Getier. Und dann kann der kleine Wicht im Garten bei uns seine Freiheit haben.«

»Das ist ein guter Gedanke«, sagte der Lehrer erfreut, denn er wußte nicht recht, was er mit dem Vogel anfangen sollte.

Die Kinder sammelten Moos und Blätter zu einem weichen Bettchen für den flügellahmen kleinen Fink. Sanft wurde er in eine leere Schachtel gebettet. Und die Kinder standen abwechselnd dabei Wache, daß der böse Karl ihm nicht wieder zu nahe kam.

Nein, Karl wagte sich nicht heran, aber ein anderer kam dem Vögelchen nahe. Aus der Luft flog es herbei. Mutterliebe und Sorge waren stärker als die Angst vor den Menschen. Doch soviel die Vogelmutter auch lockte und ermunterte, ihr Jüngstes vermochte auf das mütterliche Piepsen nur matt und betrübt das Köpfchen zu heben. Kein Gedanke, daß es ihr ins Nest folgen konnte.

Da war es Frau Fink eine große Beruhigung, daß gerade ihr Liebling unter den Menschen sich ihres armen Kleinen annahm. Sie wußte es, da geschah ihm kein Leid. Aber trotzdem – trennen konnte sie sich nicht von ihrem kranken Kinde. Die andern Kinder waren gesund. Sie hatten ihre heilen Flügel, und sie hatten ihren Vater, der für sie sorgte. Nein, sie mußte bei ihrem armen Nesthäkchen bleiben.

Als Marietta am Abend, die Schachtel mit dem kranken Vögelchen sorgsam an ihrer Brust, dem Bahnhof zuschritt, folgten ihr nicht nur paarweise wie immer, die Kinder der Erholungsstätte. Über ihr in der Luft folgte ihr ein kleines, unscheinbares Vöglein. Das große Menschenkind achtete nicht darauf. Aber das kleine Vogelkind in seiner Hand, das vernahm die beruhigende Stimme seiner Mutter: »Nur keine Furcht – deine Mutter bleibt bei dir!«

Die lange, schwarze Schlange mit den leuchtenden Augen und dem fauchenden, schwarzen Rauchatem, die beim Laufen solch ein ratterndes Getöse machte und bevor sie sich in Bewegung setzte, so gellend schrie, verschlang das junge Mädchen mit ihrem kranken Vögelchen und all die vielen Kinder. Nein, in den Leib dieser furchtbaren Schlange wagte sich die Finkenmutter bei all ihrer Mutterliebe doch nicht. Sie flog getreulich hinter der großen Schlange her. Da sah sie, daß das Untier öfters mal unterwegs anhielt, die Menschen, die es verspeist hatte, wieder unversehrt herausließ und dafür neue in sich hineinfraß. Aber so angelegentlich die Finkenmutter auch hinabäugte, ihre große Freundin mit ihrem kleinen, kranken Liebling kam nicht wieder zum Vorschein. O Gott, die Schlange würde ihnen doch kein Leid getan haben?

Da – endlich, endlich spie das schwarze Ungeheuer auch die angstvoll Gesuchten aus. Ein Jubellaut, jauchzend in Mutterglück, stieg durch die linde Abendluft. Das verletzte Vöglein an Mariettas Brust drehte das Köpfchen und ließ ein erfreutes »Piep« hören. Eigentlich fand es das ganz selbstverständlich, daß seine Mutter da war. Was wußte das kleine Ding, das noch nicht flügge war, denn von Entfernungen in der großen Welt.

Oh, hier draußen war es beinahe ebenso schön, wie in ihrer Kolonie zur Buche.

Lustig grüne Baumwipfel, in denen Vöglein sangen, bunte Blumengärten, von Schmetterlingen umflattert und von Bienen durchsummt. Und darüber rosige Abendwölkchen. Ja, hier konnte man es schon aushalten.

Eine von wilden Rosen umkletterte Gartentür öffnete das Mädchen. Aber noch vor Marietta war Frau Fink in dem schönen Rosengarten. Auf dem untersten Zweig der alten Linde hatte sie sich einquartiert. Von hier aus nahm sie ihre neue Heimat in Augenschein.

Rosen über Rosen, wohin sie blickte. Von allen Farben, allen Arten, von jedem Dufte. Wie eine junge, zarte Rose sah auch ihre Freundin unter all den Rosen aus. Ganz hinten im Garten ein riesengroßer, von Rosen umrankter Steinkäfig, zu dem Stufen hinaufführten. Die kam es jetzt eilig herab. Ein Mensch war's, auch ein Weibchen, aber es ging nicht so schnell, wie ihre junge Freundin, es hüpfte auch nicht, wie die Kinder im Walde. Es hatte einen weißen Federschopf auf dem Kopfe und Augen wie die Vergißmeinnicht am Bach. Es mochte wohl schon alt sein, vielleicht sogar schon so alt, wie die Gevatterin Amsel daheim. Jetzt begrüßte es das junge Menschenkind freudig, strich ihm die goldbraunen Federn, die ihm ins Gesicht flogen, zurück und schnäbelte es sogar. Genau so, wie sie es mit ihren Jungen machte.

»Jetta, mein Liebling, wie spät es heute wieder geworden ist.« Es war eine Menschenstimme. Aber sie hatte den melodischen Klang wie Vogellaut, warm und lieb klang sie.

»Großmuttchen, ich habe euch etwas mitgebracht, ein kleines flügellahmes Finklein. Schau nur, den armen Wicht. Karl, der Schlingel, hat ihm gewiß den Flügel gebrochen.«

»O weh, armes Kerlchen!« Die wieder etwas mißtrauisch von ihrem Lindenzweig hinabäugende Finkenmutter sah, wie die Hand der mit Großmuttchen Angeredeten ihren Kleinen liebkoste. »Vielleicht kann unser Großpapa ihn wieder heil machen.«

»Das hoffe ich auch. Wo ist denn Großpapa?«

»Da ist er halt in höchsteigener Person.« Hinter den Stachelbeerhecken sah Frau Fink einen Kopf mit nur spärlichen, weißen Federn auftauchen. Es sah etwas verwittert aus, das Gesicht darunter, es hatte Fältchen wie die Rindenborke der Bäume. Aber die Augen leuchteten der jungen Heimkehrenden ebenfalls freudig entgegen.

»Ah, sieh da, 's Mariele. Was bringst denn da mit heim, Kind? Einen Sperling? Nein, halt ein Finkele, ich schau nimmer gut. Meine Augen machen mir Sorge. Was – jetzt soll ich gar noch Vogeldoktor auf meine alten Tage werden? Also hol' mir die Rolle Heftpflaster, Mariele, aus dem Schub am Instrumentenschrank. Wollen den kleinen Patienten halt bepflastern. Am End' heilt's zusammen.«

Die Stimme des »Großpapa«, trotzdem sie gar nicht melodisch war, sondern eher ein wenig heiser krächzend wie die der Krähe, flößte doch der Finkenmutter Zutrauen ein. Sie sah, wie ihr Söhnchen von der schon etwas welken Hand verbunden und dann sorgsam in sein Blätterbettchen zurückgelegt wurde. Marietta legte noch einige Krümchen Weißbrot neben den Patienten und stellte ihm ein Wassernäpfchen, das sie sich von Mätzchen ausgeliehen, mit frischem Trinkwasser daneben. Gottlob, sie trug das Vogelbettchen nicht in den großen Rosenkäfig hinein, sondern setzte es behutsam in das dichte Fliedergezweig.

»Ins Haus mag ich ihn nicht nehmen, den kleinen Fink, da bangt er sich sicher nach seinem grünen Wald«, sagte die junge Samariterin.

»Schau nur zu, Mariele, daß die Katze ihn nicht frißt«, sagte die heiser krächzende Stimme.

Oh, da wollte Frau Fink wohl schon selber acht haben, daß ihrem kranken Kinde nichts Böses geschah. Sie flog von der Linde zu dem Fliederbusch und sang ihr Nesthäkchen in den Schlaf.

Nach ein paar Tagen war der verletzte Flügel wieder zusammengeheilt. Wirklich, der alte Vogeldoktor war zu empfehlen. Mit dem Fliegen wollte es zwar immer noch nicht recht gehen. Vorläufig war der Flügel noch ziemlich steif. Aber er schmerzte wenigstens nicht. Das junge Finklein brauchte nicht mehr in dem Krankenbettchen zu liegen, sondern schlief in dem Nest in der Fliederhecke, das die Mutter ihm bereitet. Ja, wenn seine junge Pflegerin ihm Futter streute, flatterte es sogar schon, wenn auch noch unbeholfen, zur Erde herab. Aber noch ein Fink nahm an der Mahlzeit teil. Zutraulich flog auch das zweite Vöglein herbei, wenn das junge Mädchen nahte. Marietta ahnte nicht, daß dies die Finkenmutter war, welche die Mutterliebe den weiten Weg hatte zurücklegen lassen.

So wohnten die beiden kleinen Finken in dem schönen Rosengarten und fühlten sich dort ganz glücklich. Manchmal freilich kam der Frau Fink die Sehnsucht nach ihrem einstigen Nest, nach ihrem lieben Mann und den übrigen Kleinen. Doch da sie noch jung und hübsch war, fand sie bald wieder ein neues Glück.

Ihre Vorliebe und Dankbarkeit für das schöne junge Menschenkind aber blieb. An allem, was Marietta betraf, nahmen die Vöglein Anteil. Wenn sie des Abends, manchmal etwas blaß und müde, heimkehrte, begrüßten sie ihren Liebling mit hellem Finkenschlag, nicht weniger freudig als die Großeltern. Sie lauschten, wenn Marietta von ihrer Tagesarbeit berichtete. Wie die ihr anvertrauten Kinder sich da draußen in der Sonne und in der Waldluft erholten. Und daß der ungezogene Karl auch schon anfing, braver zu werden. Aber das glaubten die Finken da oben im blühenden Lindengezweig nicht recht. Auch von einer Kinderlesestube hörten sie ihren Liebling erzählen. Ein heller, luftiger Saal sollte es sein, mit weißen Gardinen an den Fenstern und blühenden Blumen davor. Auf den langen braunen Tischen standen Vasen, für die Marietta stets den Garten plünderte. Und ringsum saßen Kinder, lauter Kinder. Aber nicht lärmend oder spielend. Mäuschenstill verhielten sie sich. Mit heißen, roten Backen lasen sie in den Büchern, die Marietta ihnen aus einem großen Schrank heraussuchte. Besonders an Regentagen war kaum ein Plätzchen frei.

Das konnten sich die lauschenden Finken gar nicht recht vorstellen, daß es einem Freude machen könnte, in einem geschlossenen Raum stillzusitzen, ohne sich zu bewegen oder zu singen.

Das blonde Mädel mit dem runden, lustigen Gesicht, Lotte wurde sie gerufen, das Marietta stets so freudig entgegenflog wie sie selbst, und das ebenfalls in den Rosenkäfig gehörte, sang und sprang doch auch den ganzen Tag.

An den Sonntagen, da gab es immer besonders viel zu sehen und zu hören in dem Rosengarten. Da schwirrte es von Kindern lustig durcheinander. Die Finken glaubten schon, es seien ihre kleinen Bekannten aus dem Walde. Aber nein – selbst die Jungen waren gesittet und gehorchten aufs Wort. Da hörten die Vöglein, wenn der Kaffeetisch unter der in ihrem schönsten Blütenschmuck prangenden Linde gedeckt war, die merkwürdigsten Dinge aus der großen, fremden Welt. Der Großmama wurden die Schulgeschichten mit all ihren Freuden und Leiden erzählt. Aber dann gab es da noch eine Tante, der wurden gar sonderbare Sachen berichtet. Das Wort »Altershilfe« spielte dabei eine wichtige Rolle. Die kleinen Finken droben in ihrem Blütennest wußten gar nicht, was sie sich darunter vorstellen sollten.

Doch bald wurde es ihnen aus den Erzählungen der jungen Mädchen klar. Lilli, ein nettes Ding, berichtete von einem alten Mann, dem sie alle zwei Tage das zu Hause fertig gekochte Essen hintrug, da sie noch nicht selbst kochen konnte. Und wie gut es ihm schmeckte. Und daß sie ihr Taschengeld immer nur dazu benutze, um ihrem Patenkind – ja, so sagte sie – eine Freude zu machen.

Auch die jüngere Schwester Eva erzählte Ähnliches. Für eine alte Näherin sorgte sie, die an Händen und Füßen gelähmt war, und für die es stets ein Festtag bedeutete, wenn das lustige Evchen zur Tür hereinschaute.

Lottes Patenkinder waren ein greises Ehepaar, beide schon über achtzig. Für das sorgte Lotte getreulich, und die Tante Geheimrat und Mutter Trudchen halfen ihr dabei. Lotte war ein tüchtiges, umsichtiges Mädel. Sie räumte das Zimmer auf, wärmte das Essen und wusch das Geschirr ab. Am meisten aber freuten sich die alten Leutchen, wenn sie ihnen Lieder vorsang.

Das merkwürdigste Patenkind schien Marietta zu haben. Ein blinder Maler war's, früher mal bekannt und berühmt. Aber im Alter verarmt, vergessen und verbittert. Der hatte den jungen Gast ganz und gar nicht freundlich empfangen. Im Gegenteil, die Tür hatte er ihr gewiesen. Sie solle ihn in Frieden lassen. Sein Elend ginge keinen was an. Die Menschen taugten alle nichts. Und besonders junge, heitere Menschen wären ihm widerwärtig.

»Da gehst du doch sicher nicht mehr hin zu dem unfreundlichen Manne, Jetta«, riefen die jüngeren Kusinen. Auch die unsichtbaren Zuhörer in der Linde waren derselben Ansicht. Sie waren empört, daß ihrem Liebling eine derartige Behandlung widerfahren war.

Aber Marietta hatte den Kopf geschüttelt. »Am Ende bekehre ich ihn zu einer anderen Ansicht. Ich will mir Mühe geben, ihm wieder eine bessere Meinung von den Menschen beizubringen. Vielleicht kann ich ihm ein wenig Freude und Licht in sein dunkles Leben tragen. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben.«

»Brav, Jetta«, hatte die Tante ihr beigestimmt.

Schon am nächsten Sonntag konnte das junge Mädchen berichten, daß ihr unzugängliches Patenkind ihr nicht mehr die Tür wies, sondern sie bereits gewähren ließ. Er sah es zwar nicht, daß sie ihm sein Zimmer aufräumte und überall Ordnung schaffte. Aber er empfand wohl mit den verfeinerten Sinnen des Blinden eine langentbehrte Behaglichkeit. Er brummte zwar noch »gar nicht nötig« und »was ist ein Mensch besser als ein Hund, der irgendwo in einer Ecke verreckt«, aber ihre Gegenwart schien ihm nicht mehr unangenehm zu sein. Eines Tages hatte sie ihm eine eben im Garten erblühte Teerose in die Hand gegeben, die ganz besonders schön duftete. Da hatte er eine ganze Weile gar nichts gesagt, nur den Duft in sich aufgenommen und leise über die samtnen Blütenblätter gestrichen.

»Solche Rosen habe ich früher viel in meinen Blumenstücken gemalt. Es ist keine La-France-Rose, auch keine dunkelrote. Es muß eine mattgelbe sein, mit zartrosa Schimmer. Halt, ich hab's, eine Teerose ist es.« Und dann eine ganze Weile später: »Ich stelle Sie mir wie diese Rose vor. Ihre Stimme gleicht dem Dufte.«

Von diesem Tage an war die Freundschaft zwischen Marietta und ihrem blinden Patenkinde geschlossen.

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