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Nesthäkchen im weißen Haar

Else Ury: Nesthäkchen im weißen Haar - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleNesthäkchen im weißen Haar
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesNesthäkchen
volumeBand 10
printrun53. bis 57. Tausend
yearo.J.
firstpub1925
illustratorProfessor R. Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20131030
modified20150126
projectid8015ab89
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9. Kapitel. Ostereier.

Am Ostersonntag war Anitas Hochzeit. Marietta wohnte dem Ehrentag ihrer Zwillingsschwester nicht bei. Mindestens auf ein halbes Jahr hätte sie sich für eine Tropenreise von ihrer Tätigkeit freimachen müssen. Das war unmöglich. Wuchs ihr doch ihre soziale Arbeit von Monat zu Monat mehr ans Herz.

Draußen im Garten läuteten die gelben Osterglocken, die porzellanblauen und rosenroten Hyazinthenglöckchen den Frühling ein. Sonnengoldene und kupferfarbene Tulpen wiegten sich beim Frühlingswehen im lenzfrohen Osterreigen. Da – ein gelber Zitronenfalter, der erste in diesem Jahr. Marietta sah ihm vom geöffneten Fenster nach, sah ihn in lichtblaue Fernen verschwinden. Ein Seufzer hob die junge Brust, der gar nicht zu dem sich jubelnd Erneuern der Natur draußen passen wollte.

Sie hatte es sich doch nicht so schwer gedacht. Heute empfand sie es, daß trotz äußerer und innerer Entfernung, trotzdem sie sich mit ihrem Zwilling immer mehr auseinander gelebt hatte, doch ein enges Band der Zusammengehörigkeit sie beide verknüpfte. Die Arbeit, eine Verwaltungsabrechnung, lag unbeachtet vor ihr auf dem Schreibtisch. Nein, sie konnte nicht rechnen. Ihre Gedanken gehörten Anita, die heute den Bund fürs Leben schloß. Ob sie sich des Ernstes dieses Schrittes auch voll bewußt war? Ob nicht nur Tändelei, geschmeichelte Eitelkeit und andere äußerliche Dinge sie dazu bestimmt hatten?

Marietta zog das Schubfach ihres Schreibtisches, das die Heimatsbriefe enthielt, auf und nahm den obersten heraus. Auf gut Glück begann sie irgendwo das portugiesische Schreiben zu lesen: »Daß Du nicht mal zu meiner Hochzeit kommen willst, finde ich gar nicht nett von Dir. Ich habe ganz bestimmt darauf gerechnet. Ist Dir Deine Schwester nicht mehr als alle Proletarierkinder? Übrigens habe ich Ricardo die Bitte seiner Schwägerin, für bessere Arbeiterbehausungen auf den Plantagen Sorge tragen zu wollen, unterbreitet. Er meinte galant, einer Bitte aus schönem Munde könne er nie widerstehen. Er will sich dafür interessieren. Er ist wirklich ein Gentleman. Mein Schwager Rodrigo ist untröstlich, daß Du nicht zur Hochzeit kommst. Wir haben es uns so nett gedacht, daß Ihr gleich miteinander Verlobung feiern könntet.« – Mariettas Lippen schürzten sich verächtlich. Da sah man's ja, was Anita die Ehe bedeutete. Sie fuhr im Lesen fort. »Am untröstlichsten aber ist unsere Mammi, daß Du gar nichts mehr von uns wissen willst. Ganz im geheimen, glaube ich, hat sie sogar damit gerechnet, daß Du die Großmama zur Hochzeit mitbringen würdest. Statt dessen putzt Du Deinen Hortkindern lieber die Schmutznäschen. Wirklich, ich müßte Dir sehr böse sein, Jetta, wenn – ja, wenn ich Dich nicht viel zu lieb hätte.« – Mariettas schwarze Augen füllten sich mit Tränen. Hier machte sich Anitas gutes Herz wieder geltend. Man konnte ihr niemals ernstlich böse sein. »Was sagst Du dazu, daß Horst auch nicht meiner Hochzeit beiwohnen wird?« las sie weiter. »Er tat zwar in letzter Zeit, als ob ich und meine Verlobung ihm ganz gleichgültig sei. Mammi ist traurig, daß er Brasilien für immer den Rücken gekehrt hat. Er bedeutete ein Stück Heimat für sie. Na, ich kann nichts dafür, wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat. Er ist nach Neuyork gefahren, um dort eine Filiale von dem Tavaresschen Kaffee-Export einzurichten. Aber Ricardo und ich glauben nicht, daß er der Mann dazu ist. Er ist viel zu deutsch, viel zu bescheiden und rücksichtsvoll, um sich in der amerikanischen Geschäftswelt durchzusetzen. Mammi fürchtet auch, daß er sich in dem Millionengewühl Neuyorks trotz der guten Empfehlungen, die er mitbekommen hat, nicht wohl fühlen wird. Deutsche Gemütlichkeit findet er dort freilich nicht. Da ist Ricardo doch ganz anders.« – Marietta ließ den Brief sinken. Es interessierte sie merkwürdigerweise gar nicht, wie ihr Schwager Ricardo war. Ihr Denken war in Neuyork haften geblieben. Oh, sie konnte es verstehen, daß Horst nicht an Anitas Hochzeitstage hatte dabei sein mögen. Ein Mensch, wie er, konnte nicht so schnell vergessen.

»Jetta,« – aus dem Garten klang der Großmama Stimme zur offenen Balkontür herein. Marietta legte Anitas Brief zurück und trat auf den mit winzigen Pflänzchen besteckten Balkon hinaus. Drunten stand die Großmama frisch und leuchtend wie der Ostersonntag. In der Hand hielt sie soeben gepflückte Blauveilchen.

»Hier, mein Herz, einen duftenden Gruß zu Anitas Ehrentag. Aber du mußt dir die Veilchen heraufholen. Mein Knie streikt heute wieder mal. Nützt ihm aber alles nichts. Unser Osterspaziergang wird doch gemacht. Leg' die Bücher zusammen, Jetta, und komm herunter. Du siehst bleich aus. An solch einem goldenen Frühlingstage lernt man tausendmal mehr aus unseres Herrgotts Lehrbüchern als aus den gedruckten.« So war die Großmama. Sie fühlte sich stets in die Seele eines anderen hinein. Sie empfand es, daß Marietta heute nicht sich selbst und ihren Gedanken überlassen werden durfte.

Und wirklich, als sie dann Arm in Arm mit der Großmama durch die bunte Lenzpracht des Gartens schritt, sich an jeder neu erblühten Hyazinthe, an jedem zart sprießenden Strauch erfreuend, da fiel alles Schwere von ihr ab. Wie wohl die warme Sonne nach langem Winter tat. Wie munter es schon in der alten Linde zirpte und flötete. Und hatte doch kaum die Blattaugen aufgeschlagen der verschlafene Lindenbaum. Leise, ganz leise tat es das junge Menschenkind den gefiederten Gästen da oben nach, glockenrein klang's: »Wenn ich ein Vöglein wär'.« Immer heller, immer jubelnder schwoll die junge Stimme an. Und als Marietta geendet, da zog die Großmama sie impulsiv, wie sie es ihr Lebtag gewesen, in die Arme und küßte sie. »Seelchen, als ob ich deine Mutter höre. Deine Stimme bekommt immer mehr Ähnlichkeit mit der meiner Ursel.« Von den Rosenbäumchen, an denen der alte Geheimrat mit der Gartenschere Operationen vornahm, aber klang's anerkennend herüber: »Brav, Mariele. Zum Glück hast du dir keinen Kunstfimmel in den Kopf gesetzt. Dann schon lieber soziale Frauenschule.«

Und dann sprachen sie zusammen, ob wohl ihr Kabeltelegramm pünktlich zur Hochzeit eingetroffen sei, und wie schön Anita als Braut ausschauen mußte. Und der Großpapa warf ein, daß der Junge, der Horst, sicher die längste Zeit drüben gewesen sei. Den schnappte der amerikanische Wolfsrachen ganz sicher Deutschland nicht fort. Und da war's, als ob die Blumenglöckchen alle hörbar läuteten und die Ostersonne die ganze Welt in Gold einspann. War das wirklich noch keine halbe Stunde her, daß Marietta droben in ihrem Zimmer gesessen und Trübsal geblasen hatte?

Nein, Marietta fand heute keine Zeit mehr, unfrohen Gedanken nachzuhängen. Da war erst der Osterspaziergang, der alljährliche, der wie stets zur seidenblauen Havel führte. Auch Lottchen wurde mitgenommen. Das Kind war heute glückselig. Hatte doch die Tante Geheimrat ihre kleine Kusine Lenchen nachmittags zum Ostereiersuchen eingeladen. Und die Großmuttel und die Tante waren auch mit geladen, und zwar von Mutter Trudchen, die mit den Angehörigen ihres Pflegekindes bereits Freundschaft geschlossen hatte. In der Zuneigung zu Lottchen hatten sich die braven Menschen zueinander gefunden.

Die Nadelbäume des Grunewalds atmeten würzigen Hauch in die trotz Sonnengolds noch etwas herbe Frühlingsluft. Die große, weiße Autostraße nach Wannsee entlang surrten die elektrischen Wagen wie Riesenraubvögel, die den Waldesfrieden verschlangen. Dahinter aber, hinter dichtem Kiefervorhang, hatte der Frühling seine Werkstatt aufgeschlagen. Da hatte er den schon etwas schadhaften gelbbraunen Moosteppich mit frischgrünen Flicken versehen. Von Waldstiefmütterchen, Aurikeln und blauem Gundermann hatte er ein lustiges Blumenmuster hineingestickt. Die junge Birkenallee; die man entlang wanderte, trug stolz ihr funkelnagelneues, lichtgrünes Osterwams. Und jetzt trug der Frühlingswind leisen Glockenklang über die Baumwipfel herüber. So leise und zart, daß des Geheimrats alte Ohren es gar nicht vernahmen. Aber die Großmama hatte noch junge Ohren, die hörte noch das Gras wachsen, wie der Großpapa meinte. Ja, das waren die Glocken des schlichten Waldkirchleins irgendwo da drüben, wo man unter Gottes freiem Himmel den Schöpfer pries. An braunen Holzbauten mitten im Walde führte der Weg vorbei.

»Ach, das sind ja die Waldschulen!« rief Marietta erfreut. »Lotte, hier wird deine Kusine Lenchen nach Ostern ihre Abckünste probieren. Auf meine Fürsprache hin ist Lenchen in die Waldschule aufgenommen worden. Das blasse Dingelchen durfte nicht in eine überfüllte Schulklasse hineingepfercht werden.«

»Ich wünschte, ich könnte hier auch in die Schule gehen.«

»Du hast das wirklich nicht nötig, Lottchen. Du hast solche gute Luft bei uns draußen in Lichterfelde. Dort drüben – Großmuttchen, du wolltest doch gern wissen, wo mein künftiges Arbeitsfeld sein wird – dort in der Erholungsstätte des Roten Kreuzes bin ich dreimal in der Woche. Das ganze weite Waldterrain innerhalb des Drahtgitters ist für erholungsbedürftige Schulkinder zur Verfügung gestellt. Da sollen sie sich den Tag über aufhalten und beschäftigt werden. Auf einem fahrenden Herd, Gulaschkanone nennen sie es, wohl ein Überbleibsel des einstigen Weltkrieges, wird das Essen gekocht. Ein Lehrer und mehrere junge Helferinnen vom Jugendwohlfahrtsamt sind abwechselnd dabei beschäftigt. Ich freue mich auf meine neue Tätigkeit, die so vielen blassen Großstadtkindern Sonne und Jugendfreude in der Natur zuführt.«

»Dir selbst kann der Aufenthalt im Freien nun grade auch nit schaden, Mariele«, wandte sich der Großvater, seine fünf Schritt voraus, zurück. »Gut wär's, wenn du jeden Tag hier draußen deine Arbeit hättest. Wenn du weiter so blaß dreinschaust, als hättst nimmer dein Brot, dann mußt' halt mal auf ein paar Monate deine Tätigkeit einstellen und aufs Land.« Es klang kurz und bündig, wie der alte Arzt zu sprechen gewohnt war.

»Großpapa, wo denkst du hin. Das gibt's einfach nicht. Wenn ich A gesagt habe, muß ich auch B sagen. Und meine andere Tätigkeit in der neuen Kinderlesehalle im Norden – ich glaube, sie ist nicht allzu weit von Tante Vronli – wird mir mindestens so interessant sein. Was kann man da Gutes schaffen, wenn man schon beim Kind mit der Volksbildung beginnt.«

»Hm – ich bin mehr dafür, daß das Kind sich im Freien austobt, als daß es in euren Kinderlesestuben schmökert. Wir sind auch ohne solche Lesestuben groß geworden und haben sie nimmer entbehrt.«

»Weil du in deinem Elternhause die geistige Anregung, die ein Kind braucht, gehabt hast, Rudi«, schlug sich auch Frau Annemarie auf der Enkelin Seite. »Aber wo das nicht der Fall ist – du weißt doch am besten, wie unsere Proletarierkinder oft sich selbst überlassen sind –, da ist die Kinderlesestube ein wichtiges Erziehungsmoment, das sie von der Straße zu bildender Tätigkeit hinüberzieht.«

Am Nachmittag beim wohlgeratenen Osterkuchen wurde dieses Thema noch weiter ausgesponnen. Onkel Hans lehnte, als seines Vaters Sohn, die Notwendigkeit dieser sozialen Jugendeinrichtung ab. Er behauptete, die Kinder würden nur dadurch von ihren Schularbeiten zurückgehalten. Der Studienrat, sein Schwager Georg, bestritt das und trat warm dafür ein. Man hätte in Lehrerkreisen die beste Erfahrung mit diesen Kinderlesestuben gemacht. Sie seien die wirksamste Abwehr gegen die sogenannte Schundliteratur, welche auf die Phantasie und das Gemüt der heranwachsenden Jugend so oft verderblichen Einfluß hat. »Ein gutes Jugendbuch ist der beste Erzieher, besser als tausend moralpredigende Worte des Lehrers oder der Eltern.«

»Was verstehst du unter einem guten Jugendbuch, Onkel Georg?« erkundigte sich Marietta lebhaft. »Wir sind für die Auswahl der Lektüre der Kinder verantwortlich. Es wäre mir sehr wertvoll, von einem Erzieher der Jugend, einem Fachmann wie du, einen Wink in dieser Hinsicht zu bekommen. Hältst du wissenschaftlich gehaltene Bücher für besonders geeignet?«

»Die werden die Kinder kaum lesen«, warf Tante Vronli trocken dazwischen.

»Meine Frau hat recht, Marietta. Das Kind muß vor allen Dingen Freude beim Lesen empfinden, sonst wird es die ganze Sache bald als langweilig an den Nagel hängen. Gewiß ist es notwendig, daß ein Kind seinen geistigen Horizont durch Lektüre erweitert. Aber diese Belehrung darf nicht den Hauptzweck des Buches bilden, sonst wird es leicht ermüdend für Feierstunden wirken. Meiner langjährigen Erfahrung nach soll ein gutes Kinderbuch vor allem Charakter und Gemüt des Kindes bilden. Unbewußt, ohne daß das Kind darauf hingewiesen wird. In dieser Hinsicht ist es der wichtigste Erziehungsfaktor.«

»Du hast recht, Onkel Georg.« Marietta hatte heiße Backen bekommen. »Von diesem Standpunkt aus will ich mein neues Amt verwalten. Du beginnst ja nun auch bald eine andere praktische Tätigkeit, Gerda. Ist sie nach deinem Wunsche?«

»Darauf kommt es nicht an«, lautete die ruhige Antwort der Kusine. »Man muß jede Tätigkeit in der Wohlfahrtspflege, ob sie einem zusagt oder nicht, ausführen. Meine Eltern sind nicht sehr erbaut davon, daß ich zu den Beelitzer Lungenheilstätten abkommandiert worden bin. Sie fürchten die Ansteckung. Als ob der Arzt oder die Krankenpflegerin danach fragen darf. Es gilt, die erbliche Tuberkulose schon im Säuglingsalter zu bekämpfen. In dieser Hinsicht ist mir meine neue Tätigkeit interessant und fördernd.« Jedes Wort, das Gerda sprach, klang überlegt.

»Wenn sie nur nicht die ganze Woche in Beelitz draußen bleiben müßte. Man hat so wenig von seinen Kindern, wenn sie erst flügge geworden sind«, meinte Gerdas Vater.

»Um so schöner wird's dann am Sonntag, Georg, wenn unsere Gerda wieder heimkommt«, tröstete seine Frau. »Erzieht man denn seine Kinder für sich? Für die Berufspflicht, für den Wirkungskreis, in den sie mal gestellt sind, erziehen wir sie.« Tante Vronli wußte allem die beste Seite abzugewinnen, selbst unangenehmen Dingen. Das hatte sie von ihrer Mutter.

Frau Annemarie aber war gar nicht damit einverstanden, was die Tochter soeben geäußert hatte. »Nein, Vronli, da kann ich nicht mit, da bin ich doch noch von der alten Schule. Vater und ich wenigstens, wir haben unsere drei so erzogen, daß sie die Pflicht eines anderen Wirkungskreises mit der gegen die Eltern zu vereinigen wissen. Du selbst bist der schlagendste Protest gegen deine aufgestellte Behauptung. Ist dir jemals, trotz all deiner Arbeit, der Weg zu weit, wenn es gilt, deine alten Eltern zu sehen, Vronli? Verzichtet nicht unser Hansi, wenn auch nicht gern, augenblicklich auf das Schach mit Georg, um dem Vater die Freude des Sonntagsskates zu bereiten? Ja, geht nur, ihr drei, der Spieltisch ist bereits aufgestellt. Und unser Urselchen? Ob das Schicksal sie auch noch soweit fortgeführt hat, ich wette, daß sie selbst heute, am Hochzeitstage ihres Kindes, mit ihren Gedanken ebensoviel bei uns weilt, als dies umgekehrt der Fall ist. Aber die junge Gesellschaft wird unruhig. Die ist nicht zur Großmama gekommen, um langweilige Reden mitanzuhören, sondern um Ostereier zu suchen. Evchen, Kind, iß keinen Kuchen mehr, du verdirbst dir den Magen, und die Ostereier wollen auch noch Platz haben. Also, Jetta, als Jugendorganisatorin überlasse ich dir das Ehrenamt, die Ostereier zu verstecken. Gerda kann dir helfen ...«

»Ach, Großmuttchen, ich glaube, es macht den Kindern mehr Spaß, wenn sie selbst mit im Garten verstecken dürfen. Erst sucht jedes Kind allein, und die andern helfen die Eier verstecken. Zum Schluß wird dann noch ein allgemeines Suchen veranstaltet.«

»Au ja – au fein! Wir wollen alle mit verstecken helfen!« Es zeigte sich, daß Marietta mit dieser Methode aus dem Kinderhort, das Kind an jeder Arbeit teilnehmen zu lassen, das Rechte getroffen hatte.

Das war ein heiteres Bild, wie die Jugend gleich bunten Schmetterlingen im Garten umhergaukelte, die besten Verstecke auszukundschaften. Großmama besorgt hinterdrein: »Kinder, daß ihr mir nicht an meine Hyazinthen geht! Das überlebe ich nicht, wenn eine abgebrochen wird. Heinzelmann, zertrampele nicht meine Krokusse – wißt ihr was, wir wollen das große Blumenrondell vom Verstecken ausnehmen.« Dieser Vorschlag wurde angenommen, und damit war allen Teilen geholfen.

Was hatte Großmamas Osterhase aber auch für schöne Ostereier vorbereitet, ganz persönlich für jeden ausgedacht. Da fand Backfisch Lilli, die sich gern davon drückte, sich selbst ein abgerissenes Band oder einen Knopf anzunähen, ein allerliebstes Nähkastenei zwischen den Stachelbeersträuchern. Sogar gedichtet hatte die Großmama. Ein Zettel lag dabei mit dem Verschen:

»Reißt dir, Lilli, was entzwei,
Ganzgemacht mit diesem Ei.«

Edchen, der sich besonders gern, nicht gerade zur Freude seiner Mutter, mit allerlei Getier abgab, holte sich aus dem Hühnerstall den sehnlichst gewünschten Laubfrosch. An der kleinen, zu dem Glasbassin hinabführenden Leiter stand zu lesen:

»Steigt der Frosch die Leiter rauf,
Regnet's und hört wieder auf.«

Großmamas Verslein wurden beinahe ebenso jubelnd begrüßt, wie das Geschenk selbst, zeigte sich darin doch ihr ganzer Humor. Für Lenchen wuchs unter der Fliederhecke Frühstücksbüchse und Zensurenmappe. Lotte fand gar hinter dem Komposthaufen ein paar braune Sonntagsschuhe. Gerda, die als junges Mädchen für Frau Annemaries Schönheitssinn nicht genug Wert auf ihr Äußeres legte, pflückte sich, wie im Schlaraffenland, vom Baum ein allerliebstes Sommerkleid.

»Hast du anderes auch im Schädel,
Nett aussehen muß jedes Mädel!«

hatte die Großmama als Motto dazu geschrieben. Ihrem Liebling Marietta aber hatte sie einen weichen, weißen Wollschal gehäkelt, für kühle Abende im Garten umzunehmen.

»Tropenkind, jetzt nicht mehr friere,
Nur mein Osterei probiere.«

So hatte Frau Annemarie für jeden gesorgt und gedacht. Selbst Lottchens neue Verwandte erhielten allerlei nützliche Ostereier. Aber der Osterhase kam auch zu ihr. Das gab das größte Gaudium, als nun die Großmama auf die Suche gehen mußte. Es lohnte sich, wenn die alte Dame auch lachend versicherte, ihr Knie wolle nun aber wirklich nicht mehr mit. Der Osterhase war ganz besonders fleißig für die Großmama gewesen. Er hatte Tablettdeckchen gestickt und Kaffeewärmer gestrickt. Mit dem Laubsägekasten hatte er sogar einen Kasten für die brasilianischen Briefe fabriziert.

Und dann kam das allgemeine Ostereiersuchen der Schokoladen- und Marzipaneier. Was gab das für einen Juchhei in dem vor kurzem noch winterstillen Garten. Aber auch geschwisterliche Püffe und Kämpfe um ein zu eroberndes Ei, ja sogar Tränen. Jedoch Großmamas Schiedsspruch wurde von den feindlichen Parteien stets anerkannt. Edchen, der sein großes Osterei erst essen sollte, wenn es entzwei sei, verfiel sogar auf den Ausweg, es auf das Ledersofa zu legen und – hast du nicht gesehen – da saß er drauf. Daß das geborstene Ei auf der Rückseite seiner Sonntagshose klebte, erregte höchstens seiner Mutter Unwillen, nahm ihm aber keineswegs den Appetit.

»Nun möchte ich aber auch mein Osterei haben«, sagte Tante Vronli, als man wieder oben im Familienzimmer zur Erfrischung beim »Kindersalat«, eingezuckerten Apfelsinen- und Apfelscheiben, saß.

Marietta wurde ein wenig rot. Es war ihr peinlich, daß sie nicht auch die Tanten bedacht hatte.

»Du brauchst keinen Schreck zu kriegen, Jetta«, sagte da Tante Vronli lächelnd. »Mein Osterei wird mir erst die Zukunft bringen. Und unser junger Nachwuchs, soweit er das zwölfte Jahr überschritten hat, soll dabei behilflich sein.«

»Was ist es, Tante Vronli – wieder eine Kinderbescherung mit Schokolade und Kuchen? Oder ein Märchenabend für die armen Kinder? Ach nein, ich weiß, ein Kinderausflug, wieder solch ein feiner wie im vorigen Sommer!« Die Nichten und Neffen überschrien sich in Mutmaßungen.

»Ruhe, Kinder, macht nicht solchen Radau! Das hält die Großmama nicht aus. Es ist etwas ganz anderes. Diesmal ist es weder mit Schokolade und Kuchen noch mit einem anderen Vergnügen verbunden.«

»Och – na dann!« Die Kinder schienen nicht sehr erbaut von Tante Vronlis Osterei.

»Vielleicht macht euch mein Osterei mehr Freude, als ein Vergnügen«, fuhr Tante Vronli fort. »Ich möchte euch, Große, zur Altershilfe heranziehen und euch daran beteiligen. Habt ihr schon mal etwas davon gehört?«

»Altershilfe? Was ist das?«

Nur Gerda und Marietta, die beiden Sozialarbeitenden, wußten darum Bescheid.

»Altershilfe könnte ebenso gut ›Jugendhilfe‹ heißen, denn sie wendet sich an die Jugend. Die Jungen sollen für die Alten sorgen, die nicht mehr imstande dazu sind, es selbst zu tun«, begann Tante Vronli die Erklärung.

»Ja, wie können wir denn sorgen? Ich bekomme überhaupt nur fünfzig Pfennige Taschengeld«, rief Evchen.

»Mit Geld allein ist es nicht getan. Das wird euch, soweit es notwendig ist, von der Zentrale für Altershilfe, in deren Vorstand ich tätig bin, zur Verfügung gestellt. Wir brauchen junge Arme und jugendlichen Frohsinn für unsere alten Leutchen und vor allem ein mitleidiges, hilfsbereites Herz. Onkel Georg hat in seiner Schule für die Altershilfe geworben, und die besten Erfahrungen damit gemacht. Die Jugend ist glücklich, helfen zu können, und die Alten leben durch die ihnen ins Haus geschneite Jugend neu auf.«

»Das weiß ich am besten, was uns Alten die Jugend bedeutet«, meinte die Großmama sinnend und umfaßte liebevollen Blickes die blühende Enkelschar, um dann aus Mariettas zartem Gesicht haften zu bleiben. »Aber erkläre dich deutlicher, Vronli. In welcher Weise wird eure Altershilfe gehandhabt?«

»Wir haben eine lange Liste mit armen alten Leuten, die nicht mehr fähig sind, Geld zu verdienen und die sich selbst nur gerade die allernotwendigsten Handreichungen im Haushalt machen können. Hier ist einem alten Mann die Frau gestorben, die bisher für ihn gesorgt hat, dort ist eine alte Frau durch einen Schlaganfall an Händen und Füßen gelähmt. Sind Kinder da, dann geht es noch halbwegs. Wenngleich dieselben durch ihre Arbeit oft auch den ganzen Tag abwesend sind. Unsere Hauptsorge gilt den kinderlosen alten Leuten, um die sich sonst kein Mensch mehr kümmert. Bei diesen übernimmt ein Junge oder ein Mädchen die Patenstelle. Das bedeutet, daß sie sich verpflichten, für das Wohl der alten Leute zu sorgen, ihnen zwei- oder dreimal in der Woche ihre freie Zeit zu opfern und nach ihnen zu schauen. Nicht nur, ihnen die gerade notwendigen Hilfeleistungen im Haushalt zu machen, ihnen ihre wirtschaftlichen Einkäufe zu besorgen, sondern ihnen auch von ihrem Frohsinn zuteil werden zu lassen. Ihnen aus der Schule und aus der Welt, mit der sie nicht mehr zusammenhängen, zu erzählen, oder ihnen auch mal ein hübsches Lied vorzusingen.«

»Das macht der Radio viel besser, als wir das können«, warf Edchen überlegend dazwischen. »Großmama hat neulich erst gesagt, sie bliebe jung durch den Radio.«

»So, Herr Neunmalklug, meinst du das wirklich? Für die Unterhaltung mag ja solch ein Radio ganz geeignet sein. Obwohl ich glaube, daß den alten Leuten durch ein Plauderstündchen mit einem sonnigen, jungen Menschenkind mehr Freude in ihr stilles Leben gebracht wird. Aber soll der Radio auch Zimmer ausfegen, im Winter Öfen heizen oder eine warme Suppe kochen? So weit sind wir mit dem Rundfunk doch noch nicht. Auch Bericht muß bei der einschlägigen Bezirksstelle für Altershilfe jedesmal erstattet werden, ob Mangel bei den alten Patenkindern ist und worin. Für Abhilfe sorgt dann die betreffende Wohlfahrtsstelle mit Geld, Lebensmitteln oder warmen Sachen. Es ist eine segensreiche Einrichtung. Nicht nur für die alten Herrschaften, sondern für die jungen Paten selber, die dabei praktisch, umsichtig, hilfreich und menschenfreundlich werden. Onkel Georg haben seine Jungen in der Schule gesagt, daß die schönsten Tage in der Woche ihre Patentage seien. Sie lassen das größte Vergnügen, Schlittschuhlaufen und Tennis dafür. Also wer von euch will solch eine Patenstelle übernehmen?«

»Ich – ich – ich auch, Tante Vronli – darf ich auch?«

»Nein, Heinzelmann, du bist wirklich noch zu klein. Später, wenn du zwölf Jahre alt bist. Also Lilli und Eva Hartenstein. Die Mutter hat doch nichts dagegen einzuwenden, nicht wahr, Ruth? Ferner Lotte Müller. Edchen? Nein, Edchen, du hast noch nicht die nötige Reife dazu. Wie ist's denn mit euch jungen Damen? Gerda, du kannst ja leider nicht, wenn du die ganze Woche über in Beelitz bist. Aber Jetta, wie ist es mit dir?«

»Freilich bin ich dabei, Tante Vronli. Ich glaubte, daß ich schon zu alt dazu wäre, sonst hätte ich mich als Erste gemeldet«, beteuerte Marietta.

»Zu alt? Solch Kiekindiewelt mit seinen zwanzig Jahren. Du bist wertvoller dafür als die jungen Dinger, die noch keine Erfahrung haben. Also ferner Marietta Tavares.« Tante Vronli notierte die Namen in ihr Büchlein.

»Nein, Vronli, ich kann das unmöglich zugeben, daß das Kind, die Jetta, noch mehr auf sich nimmt«, erhob da die Großmama Einspruch. »Da ist die soziale Frauenschule, die Arbeit draußen im Grunewald beim Roten Kreuz und die Kinderlesehalle am andern Ende der Welt. Das ist gerade genug, sollte ich meinen. Marietta ist zart und muß mit ihren Kräften haushalten. Sonst klappt sie uns eines schönen Tages wieder zusammen.«

»Ach, Großmuttchen, das war damals doch nur die seelische Aufregung. Wohlfahrtsarbeit strengt mich nicht an. Solch eine Patenstelle macht mir nur Freude.«

»Du kannst es ja probieren, Jetta. Ich werde bemerken, daß du deine Patenkinder hier in Lichterfelde bekommen sollst, damit nicht Zeit und Kraft für weite Wege verloren gehen«, schlug Tante Vronli vor.

»Mir wäre es auch lieb, wenn unsere Mädel draußen in Zehlendorf ihren Wirkungskreis hätten«, meldete sich Tante Ruth.

»Nach Möglichkeit werden die Schützlinge natürlich der Wohnung entsprechend zugewiesen. Lilli und Evchen, ihr beide meldet euch in unserer Zweigstelle Zehlendorf. Ihr, Jetta und Lotte, bekommt von Berlin aus die Überweisungen«, erklärte Tante Vronli. »Jeden Sonntag, wenn wir bei den Großeltern hier draußen zusammen sind, erstattet ihr Bericht, was ihr die Woche bei euren alten Patenkindern Gutes geschafft habt. Und dann wollen wir mal sehen, ob mein Osterei nicht das beste war.«

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