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Gutenberg > August Sperl >

Narro!

August Sperl: Narro! - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSo war's!
authorAugust Sperl
year1902
firstpub1902
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleNarro!
pages183
created20140609
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.

Etliche Wochen waren ins Land gegangen.

Gleich einer unsicheren Sage hatte sich anfangs das Gerücht verbreitet, droben im Schlosse bei Seiner Fürstlichen Gnaden sitze einer zu Gaste, dem gehorchten alle Kräfte der Tiefe; der sei gekleidet in schneeweiße Seide, schwinge sich tagtäglich auf sein kohlschwarzes Roß und reite mit einem Knechte hinaus ins Gebirge; goldbeschlagen sei das Roß, und in der Hand des Reiters ruhe die Wünschelrute; mit Klingen stießen die blinkenden Hufe an das harte Gestein, und sobald sie eine goldene Ader der Tiefe überschritten, zucke die Wünschelrute dreimal in der Rechten des Reiters.

Dann wieder war es gleich Rosenduft und Nelkenblühen hinausgekommen von Ort zu Ort, man wolle einen gewaltigen Bergbau anrichten, und wer etwas auf sich halte in den fürstlichen Erblanden, der könne mitthun nach Vermögen, 281 ohne Unterschied des Standes, zu großem Gewinne. Wer etwas auf sich halte! Ja, wer that das nicht von Oberhinternungenau bis Unternagebein? Zu großem Gewinne! Ja, wer verachtete den?

Und so kamen sie alle heran, die Edelleute und die Amtleute, die Bürger und nicht minder die Bauern; wen der Ueberfluß drückte, der stieg empor zum Schlosse und ließ sich einschreiben in die Liste der Gewerkschafter und zog den ledernen Beutel. Und mit Schmunzeln zählte der Kanzler und verschloß mit Schmunzeln die harten Thaler in seiner tiefen Truhe.

*

Die mächtige Krone der uralten Linde im Schloßhofe war golden gefärbt vom Glanze der untergehenden Sonne, und um die grauen Mauern strichen die pfeifenden Schwalben. Auf der Bank am Lindenstamme saß Florian Abendschein in tiefen Gedanken.

»Ei, Florian, was sitzet Ihr und heftet Eure Blicke zur Erde, wo doch draußen mit Pracht die rosenfingerige Eos in die Flut steigt und alle Lande schwimmen im Golde?« fragte einer mit näselnder Stimme, wohlwollend und salbungsvoll.

Der alte Soldat hob den Kopf: »Der Herr Konrektor?« sagte er erfreut und stand auf. »Wünsch' einen guten Abend, Herr Konrektor.«

»Guten Abend auch, Florian! Na, was ist los, getreuer Ostiarius?«

Florian Abendschein verzog das Gesicht: »Der Herr Konrektor machen gelehrte Späßlein, das kenn' ich schon, weiß auch, was mit dem Ostiarius 282 gemeint ist, hab's ja schon oft gehört vom Herrn Konrektor. Aber das mit dem Weibsbild, das da baden gehen soll – ei, das öffentliche Baden ist ja doch in unsern Landen strikte . . .«

»Ach, Florian, das ist ja doch alles bildlich, poetisch gesprochen, und gemeint ist damit nur der lieben Sonne Niedergang, sonst nichts!«

»Dann ist's was andres, und nun weiß ich's fürs nächste Mal,« entschuldigte sich der Hofpfortner. »Aber könnte man solches nicht auch auf gut deutsch ausdrücken und verständlich machen, Herr Konrektor?«

Der alte Herr räusperte sich und blieb die Antwort schuldig. »Habt Ihr schon, lieber Florian, habt Ihr auch schon Euern Obolos entrichtet, wollt' auf gut deutsch sagen, dem Gotte Plutos Montanus silbernen Mammon in den Rachen geworfen, daß er zu Golde werde?« Und dabei wies er mit dem Daumen nach dem Palas des Schlosses, wo der Kanzler dem Geschäfte des Thalerzählens oblag in verschwiegener Amtsstube.

»Auch dieses ist für unsereinen nicht leicht zu verstehen,« antwortete Florian Abendschein. »Aber ich kann mir wenigstens beiläufig denken, was der Herr Konrektor hier meint.«

»Na, ich habe mich aber doch diesmal ganz präzise ausgedrückt!« rief der alte Musensohn verwundert.

»Ob ich mir auch schon so'n Jux gekauft habe, meint doch der Herr Konrektor mit deutschen Worten?«

»Kux!« verbesserte der Philologe mit schmerzlich verzogenem Gesichte.

283 »Na, Kux oder Jux, das wird wohl gleich sein, weil die Leut' den ganzen Tag rennen, als wär' ein Freudenschießen!«

»Ist es auch, Florian! Ein Schießen auf die Scheibe Fortunas!«

»Ja, Herr Konrektor, und deswegen sitz' ich doch da und sinnier' und sinnier' und komm' zu keinem Entschluß.«

»Was bedarf's da langen Sinnierens? Fortem fortuna adiuvat!«

»Ja, Herr Konrektor, ich denk' mir nur, wenn nun hinter dem Jux oder Kux etwa der Fuchs säße, und meine Sparpfennige gingen auf Nimmerwiederkehr zu –«

»Den Raben?« vollendete der Philologe. »Ei, Florian, wer wird denn –!«

»Zum Teufel, hab' ich sagen wollen,« sprach der Hofpfortner.

»Dasselbe meint auch der Grieche, wenn er sich ausdrückt ›zu den Raben‹,« belehrte der Philologe.

»Und warum sagt er's hernach nicht auf gut deutsch?« brummte der alte Soldat.

»Aber Florian, wo denkt Ihr hin, das ist doch alles in besten Händen! Erwäget nur, wer deckt das Ganze mit seinem Namen? Na, wer denn?«

»Dieses schon,« meinte Florian Abendschein, »aber unsereiner ist sozusagen bei Hofe aufgewachsen, und da geht's unsereinem wie Schlächters Jakob: er weiß, wie man die Würste macht. Und so bring' ich den ganzen Tag das Sprichwort nicht aus 'm Kopf, ›der Spatz in der Hand ist besser als der Tauber auf 'm Dach‹. Und ich 284 kann mir nicht helfen, der Graf oder wie er sich schreibt, der gefällt mir nicht, und der Kerl mit der aufgestülpten Nasen, wo's hineinregnen kann, wenn's mag, sein Diener, erst recht nicht.«

»Ach, da müßt Ihr nicht so ängstlich sein, Florian!« tröstete der Herr Konrektor. »Solchen Leuten ist meist ein fremdartiges Aeußeres eigen, sie gehaben sich anders, als man's im Lande gewohnt ist, können aber dabei durchaus ehrenwerte Leute sein und zufolge ihrer Wissenschaft geradezu ein Segen werden für andre. Seht, Florian, meine liebe Frau, die doch sonst sehr vorsichtigen Gemütes ist, hat mir heute keine Ruhe mehr gelassen, hat gesagt: ›Bleib nicht zurück, Jonas, schließ dich nicht aus, Jonas!‹ Und so bin ich denn zuletzt auch mit einem guten Stück Geldes den Berg hinaufgestiegen und wandle erleichtert zu meinen Penaten zurück. – Wird auch oben gerne gesehen, Florian,« flüsterte er mit spitzigen Lippen, »gerne gesehen und wohl vermerkt, und das hat ein getreuer Unterthan nicht minder zu berücksichtigen – nicht?«

»Ach ja,« sagte der alte Soldat und schnitt ein klägliches Gesicht. »Und die Frau Konrektorin ist also auch dafür gewesen? Ei, dann dürft' ich mich freilich von Rechts wegen nimmer besinnen, denn die ist eine vorsichtige Frau. Und doch, Herr Konrektor, wenn ich so an meine guten Thaler denke, und kommt dabei gerade der Graf mit seinem gelben Gesicht übern Hof, so läuft's mir den Buckel kalt hinunter vor lauter Angst.«

»Ei, Florian, das sind Spuren vorhandenen Geizes und also Wurzeln jeglichen Uebels,« sprach der alte Herr mit Salbung. »Wer nichts wagt, 285 gewinnt nichts, und was käme wohl noch zu stande auf Erden, wenn jeder so dächte wie Ihr? Der Mensch ist ein Zoon politikon, wollt' sagen, er ist geschaffen für das Gemeine.«

»Ich weiß, Herr Konrektor, fürs Gemeine, das hab' ich selbst schon oft gefühlt, und wenn Ihr's einem vollends so klar macht, so kriegt die Geschichte auch gleich eine andre Nase,« ächzte der alte Soldat und begleitete seinen Gönner quer über den Hof zum finsteren Thore. Dann ging er die knarrenden Stufen empor in sein enges Stüblein.

*

Florian Abendschein stand vor seiner Bettstatt und nahm die letzte Zuflucht zu seinem probatesten Mittel: »Ich soll nicht – ich soll – ich soll nicht – ich soll –,« zählte er mit Ernst an seinen Wamshafteln, – »ich soll nicht – ich soll –! Es ist wirklich die letzte Haftel,« murmelte er, »und die Frau Konrektorin ist auch dafür.«

Florian Abendschein reckte sich wie Cäsar, als er im Begriffe war, den Rubikon zu überschreiten, hob bedächtig die Bettdecke, rückte das grobe Leintuch zur Seite, fuhr tief hinein in den knisternden Strohsack, tief bis an den Ellbogen, und zog einen feisten blauen Strumpf hervor.

Dann rückte er einen Holzstuhl herbei, ließ sich nieder auf den Rand seiner Lagerstätte und schüttete den Inhalt des Strumpfes sorgsam auf das Sitzbrett.

Liebevoll betrachtete er die schönen Thaler und Gulden. »Es muß ja sein,« murmelte er, »ich seh's wohl, wenn's auch hart herausgeht, 286 Florian Abendschein, der Herr Konrektor hat recht: was wär's, wenn alle so dächten? Und geht einer angeln, so muß er einen Köder an den Haken thun.«

Dabei versank er in tiefes Sinnen.

*

Dämmerig war's im Stüblein, und andächtig barg Florian Abendschein die harten Thaler und Gulden wieder im Strumpfe, schloß eine Truhe auf und versenkte den feisten Stumpen in ihre Tiefe, zog den Schlüssel ab, ging aus dem Gelasse und verschloß die Thür mit Sorgfalt. Und auf der steilen, ausgetretenen Stiege murmelte er: »Recht hat unser Herr Konrektor, und du sollst dich weidlich schämen, Florian. Aber heut' muß es noch nicht sein; denn morgen ist auch noch ein Tag!«

*

Im Schloßhofe, nahe der alten Linde, begegnete ihm Hilde, die Magd, lieblich anzuschauen im Glanze ihrer achtzehn Jahre, und es hatte den Anschein, als wollte sie geschwinde an Herrn Florian vorüber.

»I wohin denn, Hildchen?« fragte der alte Soldat und vertrat ihr den Weg. Und es klang, als wäre ihm das Wasser im Munde zusammengelaufen. »Ei, was hast du denn nur, du Käferchen, du, du goldiges, daß du mir immer entwischen willst?« Und dabei versuchte er, sie an sich zu ziehen – was man ihm wirklich nicht weiter verübeln konnte.

Aber gewandt entschlüpfte ihm das Ding und sagte schnippisch: »Käferchen? Hi! Daß Ihr's 287 fein wißt, Herr Florian, von Euch bin ich noch lang kein Käferchen nicht. Nein, nicht von ferne!«

»Aber, Hildchen, was hast du denn?« fragte der alte Soldat erschrocken.

»'n Züngelchen hab' ich!« antwortete sie und bleckte dem Ehrenmanne die Zunge.

»Na, Hildchen, nur immer zu, so ist's recht, darfst mir auch das Züngelchen blecken, ist mir immer noch zehnmal lieber, als wenn du so mürrisch an mir vorbeiläufst!« meinte Herr Florian Abendschein gutmütig und ging wieder schüchtern zum Angriffe über.

»Untersteht Euch!« rief die Magd, schnitt eine zornige Grimasse und stemmte die Arme in die Hüften. »Noch einen Schritt, und ich schrei', daß das ganze Schloß zusammenläuft!«

»Ja, aber Hildchen, was ist denn, was ist denn in das Hildchen gefahren?« stotterte der brave Mann erschrocken. »Weiß denn das Hildchen, das Hildchen gar nichts mehr von – von dem, na, was wir zwei an Sonnwend miteinander ausgemacht haben – Hildchen, daß mußt du doch wissen – im Walde?«

»Wir?« höhnte die Magd. »Kein Sterbenswörtlein!«

»Aber Hildchen, so besinne dich doch, wir sind ja, hätt' ich gedacht, längst miteinander im reinen, und auf den Herbst, hätt' ich gedacht –?«

»I, da schau doch, i, da hör doch eines den alten Gecken!« Sie stampfte.

»Wa– was hat das Hildchen gemeint?« fragte der biedere Soldat. »Ei, das hab' ich denn doch lieber nicht gehört! Und was trägt 288 denn das Hildchen da für'n schönes, goldiges Kettlein um den Hals?«

»Hab' ich's etwan von Euch, alter Geck?« höhnte die Magd und knixte. »Laßt Euch was raten, Herr Florian« – sie knixte wieder –, »mit uns war nichts,« sie knixte, »mit uns is nichts,« sie knixte, »und mit uns wird nie was sein in Ewigkeit,« sie knixte zum letzten Male. Dann drehte sie sich wirbelnd auf dem Absatze, daß ihre Röckchen flogen, gab dem braven Soldaten einen Schlag auf die Schulter und hüpfte wie eine Bachstelze von dannen. Mitten im Hofe aber blieb sie stehen und knixte noch einmal: »Herr Florian, Herr Förster Abendschein, wißt Ihr was? Schaut Euch doch mal bei Gelegenheit meine Frau Großmutter an – Ihr wißt ja, hinter der Pfarrkirche das dritte Häusel rechter Hand –, die könnt' Euch passen« – sie knixte zum allerletzten Male –, »und thät' mich freuen für die grundbrave Wittib, Herr Florian!« Und nun lief sie auf und davon, wie der Wind läuft über die dürren Blätter.

Florian Abendschein stand starr und steif und guckte ins Leere. Dann wischte er endlich mit dem Rücken seiner braunen Hand über seine Augen und murmelte: »So jung und so' n Maul!«

Und langsam schritt er dem Palas zu, die Tische in der Dirnitz zu decken für die Junker nach seiner Pflicht.

*

Und er nahm es genau mit seiner Pflicht, allzeit, sogar heute in seinem gerechten Jammer: er setzte die kleinen Eßschüsseln auf das blinkende Linnen, je eine für zwei Tischgenossen, er ordnete 289 die Löffel und Messer und zweizinkigen Gabeln gleichmäßig, er rückte die Salzfässer an ihren bestimmten Ort, und bevor er einen zinnernen Trinkbecher auf die Tafel stellte, roch er bedächtig hinein.

»Was ist, Florian, warum so 'n trübseliges Gesicht?« fragte Junker Griffo, der als der erste hereinkam.

»Ich bin nicht als Narr in fürstlichen Diensten, sondern nur als Hofpfortner,« sagte der alte Soldat und wischte einen Becher aus.

»Hat dich noch nie jemand für was andres taxiert,« meinte der Junker.

»Nun ja, Herr, dann werd' ich auch just das Gesicht schneiden dürfen, das mir gerade am besten ansteht.«

»Du Glücklicher!« lachte Griffo. »So gut hat's unsereiner nicht, und ist ja doch unsereiner auch nicht grade ein Hofnarr. Aber sag mal, Florian, was ist denn – fällt mir grade ein –, was ist denn nur mit deiner Hilde?«

»Und was soll's mit der Hilde sein?« brummte der andre und rückte an einem Salzfasse.

»Na, ich hätte doch gemeint, du und die Hilde, ihr wäret einig?« fragte der Junker verwundert.

»Hätt' ich auch gemeint, Herr,« sagte Florian mit Ruhe und fuhr mit der Handquehle über einen Stuhlsitz.

»Ei, dann mußt du sie aber, hm, Alterchen, dann mußt du sie unbedingt besser in Obacht nehmen!«

»In Obacht nehmen? Nein Herr, in Obacht nehmen thu' ich die Hilde nicht!« brachte der alte Soldat mit rauher Stimme hervor.

290 »Nichts für ungut,« meinte der Junker, »hab's nur für meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gehalten, weil du mir wert bist. Doch warum willst du denn deine Hilde nicht in Obacht nehmen? Ist ja doch so 'n bildhübsches Mädel!«

»Herr,« fragte der Hofpfortner und sah nun steif herüber und rührte sich nicht, »Herr, wenn etwan, Ihr werdet mir's ja nicht in Uebel nehmen, wenn etwan Ihr eine hättet, die Ihr müßtet in Obacht nehmen, Herr – thätet Ihr Euch wohl große Mühe aufhalsen mit solchem Geschäfte?«

»Na, das ist ja doch –« murmelte der Junker.

»– was andres, Herr? Nein, Herr, das ist immer das Gleiche bei Hoch und Gering,« erklärte Florian Abendschein mit großer Bestimmtheit und roch lange in einen Zinnbecher. »Seht, das Rindvieh kann man hüten, das Ziegenvolk auch, wenn einer junge Beine hat, Säue nicht minder, ist aber nicht jedermanns Sache. Solche Kreaturen kann und soll man hüten; denn 's ist unvernünftiges Vieh. Aber 'n Weibsbild? Wenn einer da mit dem Hüten erst anfangen muß, dann soll er's lieber gleich aufgeben, das Hüten; es kommt nichts 'raus dabei. – So denk' ich, Herr, und ich wüßt' nit, wie einer anders denken könnt'.« Und damit stellte er den Becher hart auf den Tisch.

»Du bist ein Philosoph!« sagte der Junker.

»Was das ist, weiß ich nicht,« meinte Florian Abendschein und schwieg. – »Und mit wem geht also die – die Hilde, Herr?« stieß er plötzlich hervor und sah erwartungsvoll auf den andern.

»Na, Florian, du bist, wie gesagt, ein Philosoph, das ist ein grundgescheiter Mann, und da 291 darf ich wohl keine Sorge haben, daß du dumme Geschichten machst. Recht hast du, ganz recht, schlag dir's aus dem Kopf!«

»Das ist hernach meine Sache, Herr!« sprach der alte Soldat mit Würde. »Ihr aber habt mir gewunken, nun ist's auch billig, daß Ihr mir redet – also, mit wem geht die Hilde?«

»Ich hab' sie nun schon dreimal sitzen sehen im Krautgärtlein hinter der Küche, und neben ihr ist immer der Tscheche, der – du weißt ja, der Diener des Grafen –«

»Der?« rief Florian Abendschein. »Bei dem ist die Hilde gesessen?« wiederholte er verächtlich, aber seine Hand zitterte heftig, als er nach dem nächsten Becher griff. »Der –? Aber ich dank' Euch, Herr, Ihr meint's gut mit mir.«

»Und ob!« Herr Griffo klopfte ihm auf die Schulter. »Laß dir's aber auch gewiß nicht weiter zu Herzen gehen!«

»Herr,« unterbrach ihn der andre rauh, »soll ich Euch heute wieder vom Weißen einschenken oder vom Roten?«

*

Das Mahl war nahezu beendet, und das Gespräch schwirrte in der hohen Dirnitz.

Mit finsterem Gesichte stand Florian Abendschein am Kredenztische und füllte die Krüge; geschäftig rannten die Knechte im flackernden Lichte der Kerzen und füllten die Becher.

Da ertönte die mahnende Stimme des Hofmeisters von der obersten Tafel her: »Guter Freund – ja, Euch mein' ich, Ihr am dritten Tische –, wolltet Ihr nicht lieber Euern Rock wieder anziehen?«

292 »Es ist ihm heiß geworden unter der schwersten Arbeit des Tages!« lachte einer aus der Ecke des Saales.

»Wenn mich friert, so ziehe ich zween Röcke übereinander,« rief der am dritten Tische hinaus zum Hofmeister; »ist mir's aber zu heiß in meiner Haut, dann sitze ich in Hemdsärmeln, Herr.« Und damit stand er auf, reckte seine riesige Gestalt und setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Schallendes Gelächter erhob sich in der Runde.

»Aber bedenkt doch die fürstliche Hofordnung, gute Freunde!« schrie der Hofmeister und drang siegreich durch das Gelächter.

Da sprang einer am andern Ende des Saales in die Höhe und begann mit schallender Stimme salbungsvoll wie ein Kapuziner: »Es soll auch jeder seinen Rock über Tisch anbehalten, des Schreiens und Hochmutes, als mit Zerstoßung des Silbergeschirres –«

»Giebt's nicht auf den Tafeln der Junker!« rief eine Baßstimme, und tosendes Gelächter antwortete dem Spotte.

»– mit Zerstoßung des Silbergeschirres, Zinnes, Bleches, auch mit Hin- und Herwerfen der Knochen –« setzte der andre seinen Sermon fort.

»Da hast 'n Knochen!« rief der ohne Rock, packte ein großes Schinkenbein und warf es mit Kunst im Bogen nach dem Salbungsvollen.

Der wich gewandt aus, und der Knochen polterte an die Wand. Erregt aber sprang der Hofmeister mitten in den Saal, pochte mit seinem Stabe heftig auf die Dielen und öffnete den Mund: »Gute Freunde, ich bitt' euch –«

293 Aber seine Bitte ward verschlungen von dem wütenden Grollen und Bellen zweier gewaltiger Rüden, die sich aufeinander stürzten in der Ecke des Saales von wegen des Schinkenbeines.

»Hunde auch noch!« jammerte der Hofmeister und stieß unablässig seinen Stab auf die Dielen. »Hallo, hallo, faß, Sultan, leid's nit, Cäsar!« brüllten die Junker und sprangen von ihren Stühlen.

»Florian, Florian!« kreischte der Hofmeister.

»Komm' schon,« brummte der alte Soldat, nahm unbewegten Gesichtes einen großen, kupfernen Schwenkkessel, ging bedächtig zu den raufenden Hunden, goß ihnen das Wasser über die Pelze, daß sie sich knurrend verkrochen, bückte sich, hob den Knochen auf, öffnete das Fenster und warf ihn hinaus.

». . . Da man findet, daß durch die Hunde viel Unlust gemacht wird im Schlosse,« begann der Salbungsvolle aufs neue in seiner Ecke, »so darf sich kein Hund betreten lassen bei Hofe, ausgenommen unsre fürstlichen Hunde!«

Heftig stieß der Hofmeister den Stab auf die Dielen: »Ja, glaubt Ihr denn, Junker Goßwein, die fürstliche Hofordnung sei nur dazu vorhanden, daß Ihr Euern Mutwillen dran wetzet?«

»Mit nichten, Herr Hofmeister,« sagte der Andre demütig und faltete die Hände über seinem erklecklichen Bauche. »Wir ordnen und befehlen aber, daß diese Hofordnung viermal im Jahre zu Quatemberzeiten allem Hofgesinde vorgelesen werde in der Dirnitz, damit sich niemand könne entschuldigen mit Unwissenheit. – Warum scheltet Ihr mich Unschuldigen also, Herr Hofmeister, 294 wenn ich die Lektion gelernt habe nach meiner Pflicht und sie aussage zu Zeiten aus freien Stücken und gutem Willen?«

»Heil, heil unserm hochwürdigen Goßwein!« schrieen sie an allen Tischen und hoben die Becher.

Zornig wandte sich der Hofmeister ab und pochte wütend mit dem Stabe: »Wem gehören die Hunde?«

»Mir!« antwortete der Graf von Santaporta von der obersten Tafel her mit vornehmer Gelassenheit.

»Das ist also etwas andres!« kam die scharfe Stimme des Narren aus einer Ecke des Saales. »Hofmeister, ich rate dir, schiebe flugs einen Zusatz in die fürstliche Hofordnung, schreibe: ›So darf sich kein Hund lassen betreten bei Hofe, ausgenommen dann und wann ein gräflicher Hund!‹«

»Hallo!« rief Junker Griffo, und hier und dort an den Tischen im Saale rief einer Hallo. Die meisten aber schwiegen verlegen.

Langsam begab sich der Hofmeister zurück an seinen Platz, und der Graf von Santaporta drehte Brotkügelchen.

Murmelnd setzte sich die Unterhaltung fort, und im Flüstertone neigte sich der Hofmeister von Windewendeleben zum Grafen: »Vergebt – hätte ich eine Ahnung gehabt –, aber Ihr glaubt nicht, was einem das Hofgesinde zu schaffen macht! Und an wem geht's zuletzt doch immer hinaus? Am Hofmeister! Doch hätt' ich eine Ahnung gehabt –«

Mit stummem Nicken beehrte der Graf von Santaporta den Höfling Windewendeleben. »Was willst du, kleiner Knirps?« fragte er nachlässig 295 den Paggio, der in diesem Augenblick hinter seinen Stuhl getreten war.

»Seine Fürstliche Gnaden lassen Euch freundlichen Gruß entbieten und vermelden, daß alles nach Wunsch geht,« antwortete der Knabe mit halberstickter Stimme und machte zornige Augen.

»Meinen unterthänigen Dank an Seine Fürstliche Gnaden!« sagte der Graf.

»Ich aber bin kein kleiner Knirps, weder vor Euch noch vor irgend einem!« rief der Paggio mit bebender Stimme.

»Ei, schau doch einer die giftige Kröte!« lachte der Graf, nahm ein Brotkügelchen vom Tafeltuche und flitzte es dem Knaben ins Gesicht.

»Eine große Kunst, einen Wehrlosen zu höhnen!« kreischte der Knabe und ballte die Hände.

»Recht so, Golau, laß dir's nicht gefallen!« rief Junker Griffo vom nächsten Tische.

»Ruhe, ich bitte um Ruhe!« befahl der Hofmeister. »Kann's denn heut' abend gar nimmer Friede werden an unsern Tischen?«

»Er soll sich nur immer nichts gefallen lassen!« sagte Junker Griffo über die Schulter zurück. »Er ist von gutem Blute, er ist ein Landskind, wie jeder von uns, und es ist in der That keine Kunst, einen Knaben zu höhnen.«

»Ja so, du hast deinen Degen verloren, Kleiner!« sprach der Graf nachlässig und sah nach der Birkenrute an des Paggio Seite. »Na, du Knirps, erzähl uns mal, warum ist dir denn der Degen abhanden gekommen? Man hört so mancherlei – gieb uns doch die Geschichte zum besten!«

296 »Erzählen, erzählen!« riefen sie lachend von den nächsten Tischen und reckten die Hälse.

Totenbleich stand der Paggio, und neben ihn trat der Narr: »Ich will dir's erzählen, edler Graf!«

»Du schweigst, Narr, oder man wird dir verabreichen, was sich geziemt!« Der Graf wandte sich: »Erzähle die Geschichte, kleiner – na, Knirps willst du nicht heißen, also – Schellenkönig, kleiner!«

»Ich,« rief der Verwachsene und schob den bebenden Knaben zur Seite, »ich will Euch Bedeutung und Zweck einer Birkenrute erklären –!«

»Schweig!« sagte der Graf.

»– und erklären, was es zur Zeit an dieser Hofstatt mit allerlei Schellengeklingel für eine Bewandtnis hat!« vollendete der Narr mit erhobener Stimme.

»Höre,« begann der Graf und blickte von oben auf den Verwachsenen hinüber, »es ist eine hübsche Gepflogenheit der Fürsten, Narren und Hunde zu füttern, Narren und Hunde gehören nun einmal zu einem Hofstaate, aber –«

»Hallo, Hallo!« riefen sie an den nächsten Tischen. »Recht so, sagt's dem frechen Narren!«

Der Verwachsene kreuzte die Arme und maß den Grafen mit funkelnden Augen: »Narren, Hunde und Goldmacher – die Goldmacher bitte ich nicht zu vergessen hinter den Hunden im Range!« rief er laut.

»Hallo, hallo!« kam es vereinzelt von den entfernteren Tischen und aus den Ecken der Dirnitz.

Junker Griffo aber stand von seinem Sitze 297 auf und trat hinter den Verwachsenen: »Hütet Euch!« raunte er fast unhörbar.

Unwillig warf dieser das Haupt in den Nacken.

Der Graf aber sagte: »Doch Hunde und Narren muß man züchtigen zur rechten Zeit, sonst werden sie üppig. Ihr Herren, was ist's, – hat man denn diesen neuen Hofnarren schon geprellt, wie sich's gebührt nach uraltem Hofbrauch?«

»Prellen, prellen!« riefen sie an den nächsten Tischen. Der Verwachsene aber richtete sich hoch auf und trat einen Schritt näher.

»Habt ihr kein Tischlaken zur Hand?« hetzte der Graf.

»Die Becher weg!« rief einer am nächsten Tische.

»Zurück, zurück!« raunte Griffo dem Verwachsenen zu.

»Deinen Degen!« keuchte dieser.

»Herr, Ihr vergeßt Eure Rolle!« flüsterte der Getreue.

»Hier, das Laken!« kam es vom nächsten Tische.

»Recht so!« hetzte der Graf.

»Deinen Degen!« zischte der Narr, packte des Junkers Waffe am Korbe und zerrte sie aus der Scheide. »Platz da!« rief er mit gellender Stimme.

»Hallo, hallo! Der Narr gegen den Grafen!« kam es von verschiedenen Tischen, und ringsumher sprangen die Junker auf ihre Stühle.

»Prellen, prellen!« schrieen die andern mit Macht dagegen.

»Wage es einer, mich anzurühren!« rief der 298 Verwachsene, während ihm die Gugelhaube in den Nacken glitt und das blonde Haar über die Schultern hinabquoll.

»Eia!« murmelte der nächste mit einem scheuen Blick auf das hoheitsvolle Antlitz und wich zurück.

»Bahn frei!« herrschte der Verwachsene die andern an, und es entstand eine Gasse zum Sitze des Grafen.

»Vom Leder!« keuchte der Verwachsene. »Oder ich nagle dich an deinen Sessel!«

Entsetzt sprang der Graf empor und lief auf die andre Seite des Tisches: »Ich schlage mich nicht mit Krüppeln und Narren!«

»Friede! Burgfriede!« kreischte der Hofmeister.

»Hallo, hallo!« kam es von den meisten Tischen.

»Prellen, prellen!« rief da und dort noch einer aus dem Hintergrunde.

»Herr!« flehte Griffo hart an der Seite des Verwachsenen.

Da öffneten sich die Flügelthüren, ein Kämmerer trat auf die Schwelle und verkündete: »Seine Fürstliche Gnaden!«

Still ward es in der Dirnitz.

»Eure Gugel!« flüsterte Griffo, und hastig zog der Verwachsene die Kapuze über Haupt und Stirn.

Der Fürst betrat den Saal, und tief verneigten sich die Höflinge.

»Ihr Lieben und Getreuen!« begannen Seine Fürstliche Gnaden. »Wie soeben schon unserm besonders Lieben, dem Grafen von Santaporta, durch eigne Botschaft bestellt wurde, so verkündigen wir nun auch euch insgesamt und einem 299 jeden: Es haben sich unsre Landeskinder ohne Unterschied des Standes eifrig und in großer Anzahl lassen einschreiben als Gewerker zu unserm vorhabenden Bergbau, und vermag also das Bergwerk ehestens errichtet zu werden.«

»Heil, heil!« riefen sie aus den Ecken.

»Unsern fürstlichen Dank allen denen, die geholfen haben bei solchem Vornehmen, unsern fürstlichen Dank zunächst dem wohlgeborenen Grafen von Santaporta. Wollet, lieber Graf, als Zeichen unsrer Huld diese Ehrenkette mit güldenem Gnadenpfennig aus unsern Händen nehmen!«

Der Graf schritt gesenkten Hauptes vor Seine Fürstliche Gnaden, legte die Rechte aufs Herz und beugte höfisch das Knie. Umständlich schmückte ihn der Fürst mit dem Kleinod, und viele Stimmen riefen: »Heil Seiner Fürstlichen Gnaden! Heil dem Grafen von Santaporta!«

»Thut mir jetzt nur einen einzigen Gefallen und verlaßt den Saal!« flüsterte Griffo dem Verwachsenen zu.

»Gut!« raunte dieser und ballte die Hand. »Heute finde ich mich ja doch nimmer zurecht in meiner Narrenpflicht!«

»Ehre, wem Ehre gebührt!« fuhren Seine Fürstliche Gnaden fort mit erhobener Stimme. »Wir erwarten Großes von Eurer Kraft, Kunst und Wissenschaft für uns und unsre Lande, lieber Graf. Sintemalen aber nunmehr unsre Residenzstadt zugleich Bergstadt geworden ist, finden wir's nicht mehr als billig, daß man dieses fortan auch erkenne an einem äußerlichen Zeichen: Und also befehlen und verordnen wir, daß an 300 dieser Hofstatt der Gruß von nun an laute zu allen Tageszeiten – Glück auf!«

»Glück auf, Eure Fürstliche Gnaden!« rief der Graf von Santaporta mit sichtlicher Bewegung.

»Glück auf!« riefen die Junker begeistert an allen Tischen im Saale. »Glück auf! Glück auf!«

»Und nun gelüstet uns, zur Feier des Tages einen Trunk zu nehmen unter unsern Lieben und Getreuen!« sagte der Fürst mit leutseligem Lächeln. »Hofmeister, vom Besten in alle Becher!«

»Glück auf, Eure Fürstliche Gnaden!« rief der Hofmeister. Und »Glück auf!« brauste es nun in der That aufs höchste begeistert durch die Dirnitz.

*

»Glück ab!« murmelte draußen auf dem einsamen Korridor Junker Griffo mit verzerrtem Gesichte.

»Nein, guter Freund,« sagte der Narr sehr bestimmt, »dennoch Glück auf, so wahr der da drinnen kein Graf ist, sondern ein Gauner. Im übrigen habet Dank, Ihr Getreuer!«

Der Paggio schlüpfte aus der Dirnitz, stellte sich zu den beiden, ballte die Händlein zitternd und bebend, daß die Schellen erklangen an der Birkenrute, und stieß hervor: »Wie ich ihn hasse, den Grafen!«

*

Es war schon sehr spät in der Nacht, als Florian Abendschein den letzten steifgesoffenen Junker zu Bett gebracht hatte nach seinen obliegenden Pflichten und endlich die kleine, mondhelle Wächterstube betrat.

301 Mit festen Schritten ging er an die Truhe und schloß sie auf, kramte in seinen Siebensachen und zog ein Paar neuer Fäustlinge hervor.

Verächtlich wandte und drehte er sie in den Händen, ging ans Fensterlein, riß es auf und warf sie im Bogen hinaus. Dann wischte er die Hände umständlich an seiner Sitzseite ab.

Und abermals ging er an die Truhe, nahm den feisten Stumpen aus der Tiefe, streichelte ihn zärtlich, klopfte mit Andacht darauf, daß es klirrte unter den harten Thalern und Gulden, und murmelte: »Nein, Herr Konrektor, das weiß ich nun doch besser als Ihr!«

Langsam und feierlich ging er an seine Lagerstätte, schob das Leintuch zurück und bestattete den feisten Stumpen sehr tief im raschelnden Stroh, zog das Leintuch wieder darüber und sagte ganz laut und nachdrucksvoll: »Daß dich die Gänse bissen, Florian!«

Und es währte nicht lange, dann war das Gemach erfüllt vom friedvollen Schnarchen des alten Soldaten.

 

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