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Gutenberg > August Sperl >

Narro!

August Sperl: Narro! - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSo war's!
authorAugust Sperl
year1902
firstpub1902
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleNarro!
pages183
created20140609
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.

Die vollen Rosen im Garten hingen tief herab unter des Last des Taues, die aufsteigende Sonne goß glühendes Rot in die Fenster des Schlosses, die Sandsteingötter an den breiten Wegen waren naß, als hätte es geregnet, Grasmücken und Finken, Schwarzblättlein und Drosseln sangen um die Wette, weither von den Feldern und Wiesen herüber klang das Tirilieren der Lerchen, und in der dichtverwachsenen Geißblattlaube wartete der Narr.

Zaghaften Schrittes kam Prinzessin Ulrike den Laubgang herunter, ihre Hand hielt das weiße Morgenkleid hochgerafft, dann und wann blieb sie stehen und blickte mit scheuen Augen umher, und in der Geißblattlaube wartete der Narr.

244 Mit freundlichem Wedeln schritt vor ihr ein großer, langhaariger Hund, langsam und ehrenfest, und wandte zuweilen den klugen Kopf nach seiner Herrin und ging befriedigt weiter, wenn er sie dicht hinter sich wußte. Plötzlich aber machte er Halt, schnoberte mit der glänzend schwarzen Schnauze in die Luft und ließ ein grollendes Knurren vernehmen.

»Wacker, hierher, hierher!« befahl die Prinzessin, und widerwillig drückte sich der Rüde an ihre Seite. Im dunkeln Eingang zur Laube zeigte sich der Narr und breitete die Arme aus. Knurrend sprang der Hund nach vorn und stellte sich drohend mit gespreizten Beinen zwischen ihn und die Herrin.

»Wacker, hierher!« rief die Prinzessin. Aber regungslos stand das große Tier.

»So rufe ihn doch!« sagte der Verwachsene bittend und ließ langsam die Arme sinken.

»Er ist mir nachgelaufen,« entschuldigte sich Prinzessin Ulrike. »Und nun denkt er, mir drohe Gefahr.«

»Aber das ist doch ungemütlich!« klagte der Narr. »Schick ihn zurück!«

Prinzessin Ulrike lächelte ein wenig: »Da ist meine Macht zu Ende. Aber komm, ich will dich vorstellen!«

»Beim Hute meines Vaters, habe mir das Wiedersehen auch anders gedacht!« murrte der Narr und regte sich nicht.

»Hierher, Wacker!« lockte Ulrike und trat neben den Höckerigen. »Rühr dich nicht!« raunte sie diesem zu. »Hierher, Wacker, schau, ist guter Mann, ist lieber Mann!« Und leise streichelte 245 sie den grellroten Aermel des Narrenwamses. »Ich bitt' dich, rühr dich nicht!«

Mißtrauisch und langsam, Schritt vor Schritt, kam das gewaltige Tier und begann den Regungslosen mit der feuchten, vibrierenden Schnauze bedächtig zu beschnobern, von unten an soweit es sich zu strecken vermochte, und zuletzt hob es sich mit einem kurzen Ruck auf den Hinterbeinen und stieß ihm die Schnauze sänftiglich an die Wange, ließ sich herab auf alle viere, warf unter kurzem Schweifwedeln einen Blick auf seine Herrin, als wollte es sagen: »Soweit in Ordnung,« und streckte sich mit Gähnen in den Sand.

»So, nun ist keine Gefahr mehr,« bemerkte Prinzessin Ulrike. »Nur keine jähen Bewegungen, möchte ich raten!«

»Nur keine jähen Bewegungen, möchte ich raten!« wiederholte der Narr mit kläglichem Gesichte und faltete die Hände unter der Brust. »Hundevieh, Köter, Scheusal –!« Er hielt inne: »Oder versteht er das am Ende auch?«

Müde lächelnd schüttelte Ulrike den Kopf.

»Höllenhund – aber mir dünkt, wir Menschen könnten etwas lernen von der Gründlichkeit, mit der du Bekanntschaften anknüpfst!« vollendete er nachdenklich. »Keine jähen Bewegungen – und wir haben uns doch anderthalb Jahre lang nicht gesehen, Ulrike!«

»O Kasimir!« schluchzte sie auf, ging in die Laube und ließ sich auf die Bank nieder.

Vorsichtig folgte ihr der Narr: »Nur keine jähen Bewegungen!« murmelte er vor sich hin, warf nochmals einen Blick auf die große Bestie, setzte sich neben die Prinzessin und murmelte 246 wiederholt: »Nur keine jähen Bewegungen!« umschlang sie vorsichtig, zog sie an sich und bedeckte ihr thränennasses Antlitz mit heißen, lautlosen Küssen. Und so oft sie sich ihm entziehen wollte, raunte er mit Nachdruck: »Nur keine jähen Bewegungen, bitt' ich mir aus!«

Verwundert richtete der grimmige Wächter die großen goldfunkelnden Lichter auf die stille Gruppe in der Tiefe der Laube, immer bereit, dem Verwachsenen an die Gurgel zu fahren. Aber es begab sich nichts, was ihm ein Recht zur Einmischung gewährt hätte. Draußen blitzte der Tau an Gras und Blumen, die Finken und Drosseln sangen um die Wette mit den tirilierenden Lerchen, abermals überkam lautes Gähnen den Rüden, und langsam senkte er den mächtigen Kopf zwischen die Pranken. Aber die goldfunkelnden Lichter waren unverwandt geheftet auf die beiden da drinnen.

»Kasimir, du bist ein leichtsinniger Mensch!« rief Prinzessin Ulrike mit halberstickter Stimme. »Wenn uns nun jemand bemerkte?«

»Nur keine jähen Bewegungen!« sagte der Narr und drückte noch einen Kuß auf ihre Lippen. »Leichtsinnig? Ja, da hast du recht. Aber nun wollen wir vernünftig reden!«

»O, Kasimir, es giebt mir einen Stich, sobald ich dich sehe!« klagte sie und faltete die Hände im Schoße.

»Und mir läuft's bei deinem Anblick immer heiß und kalt den Buckel hinunter,« meinte der Narr. »Ist mir aber durchaus nicht unangenehm, dieses Gefühl – im Gegenteil, kann nie genug kriegen davon.«

247 »O, Kasimir, in solch schändlicher Vermummung – o, wie unwürdig! O, Kasimir, wer hätte das gedacht vor anderthalb Jahren!« Sie brach aufs neue in Schluchzen aus und bedeckte das Gesicht mit den zitternden Händchen.

Langsam erhob sich der Rüde, trat würdevoll in die dämmerige Laube, besah aufmerksam die beiden, suchte ein Plätzchen auf dem Saume des Frauenkleides und streckte sich hart neben seiner Herrin zu Boden.

Mißtrauisch blickte der Narr auf den zottigen Gesellen: »Ja, wer hätte das vor anderthalb Jahren gedacht, daß wir heute schon so weit wären miteinander!« sagte er mit leisem Lachen und drückte die Geliebte sanft an sich. »Bloß das Hundsvieh da steht noch zwischen mir und meinem Glück!« setzte er ärgerlich hinzu.

»O Kasimir, ich kann dich nicht begreifen! Ein Heer von Widerwärtigkeiten steht zwischen uns, du aber hast Lust zum Possenreißen!« Und wieder ließ sie die Hände in den Schoß sinken.

»Wer denn?« fragte er, als gälte es ein Kind zu trösten.

»Wer denn?« rief sie, und aufs neue brachen die Thränen aus ihren Augen und rollten die Wangen hinab. »Vor allem doch, oder vielmehr allein und immer noch mein Bruder!«

»Der?« sagte der Narr. »Entschuldige!« setzte er höfisch bei. Dann aber konnte er nicht umhin, noch einmal zu bemerken: »Der?« Und dabei lachte er leise auf.

»Du kennst ihn nicht, Kasimir!«

»Den? Seit ich den kenne, na, Ulrike, seitdem 248 ist mir's gar nimmer angst. Wirklich nicht, nein, aber auch kein bißchen mehr!«

»Aber weißt du denn, Kasimir, daß er sich verschworen hat?«

»Na und wenn?« rief der Narr.

»Und weißt du denn, was er gesagt hat vor meinen eignen Ohren?«

»Und was denn?« erkundigte sich der Narr.

»Ach Kasimir, du nimmst alles von der spaßhaften Seite, mir graut vor deinem Leichtsinn, es ist gerade, als ob du mit dieser schrecklichen Vermummung – Kasimir, als ob du ein ganz andrer geworden wärest in diesem Narrenkleide!«

»Ich höre, Ulrike. Also, was hat er gesagt?«

»Es war ein fürchterlicher Abend. Johanna – weißt du, Kasimir, Johanna ist ein Engel –«

Der Narr nickte ernsthaft.

»Also, Johanna bat, flehte, weinte – es war gerade dein dritter Werbebrief gekommen – und endlich sagte sie, derweil ich stumm daneben stand: ›Liebster, kannst du denn uns armen Geschöpfen keine, gar keine Hoffnung lassen? Es ist ja doch kein Makel, daß seine Urgroßmutter nur eines Landsassen Tochter gewesen! Würdest du dich denn unter keiner Bedingung erweichen lassen, Liebster?‹ Da kniff er die Lippen ein – o, ich sehe ihn noch stehen unter dem Kronleuchter – und lachte – o, er kann so boshaft lachen, wenn er sich in etwas verrannt hat – und dann kam er mit seinem alten Sprichwort, mit seinem schrecklichen Schwure –« Sie hielt inne und schluchzte auf.

»Nun,« erkundigte sich der Narr, »was hat er dann zu schwören geruht?«

249 »Sammirgott, wenn er mir über den Kopf springt!« schluchzte Prinzessin Ulrike.

Hellauf lachte der Verwachsene, und der Rüde hob mißtrauisch den Kopf.

Heftig schluchzte Prinzessin Ulrike: »Es ist fürchterlich, das Ernsthafteste, Grauenhafteste bringt dich nicht aus der guten Laune! Kasimir, mit diesem Schwur war unser Schicksal besiegelt. Kasimir, mich will bedünken, du liebst mich nicht!«

»Ei, da soll aber doch!« murrte der Narr. »Wenn ich jetzt eine jähe Bewegung machen dürfte – aber es geht nicht, zum Henker, es geht rein nicht – das Vieh läßt mich ja nicht aus den Augen – aber wahrlich, du solltest mir's büßen!« Und er versuchte, sie leise an sich zu ziehen.

Aber Prinzessin Ulrike beugte sich zurück, und mit drohendem Knurren setzte sich Wacker, der Wächter, auf die Hinterbeine.

»Wenn er mir über den Kopf springt, Kasimir!« zürnte Prinzessin Ulrike und streichelte das Haupt des Hundes.

»Na, wenn's weiter nichts ist,« sagte der Narr leichthin, »na, dann springt man ihm eben über den Kopf!«

»Kasimir!« rief die Prinzessin drohend; denn in ihr regte sich die Fürstentochter. Und »rrrr!« machte der Hund; denn in ihm regte sich der Argwohn.

»Na, was ist dabei besonderes, wenn ein Fürst dem andern über den Kopf springt?« rief der Narr. »Ich sage dir, Liebste, die ganze Weltgeschichte besteht aus solch fürstlicher Kopfhupferei! Woraus denn sonst?«

250 Prinzessin Ulrike weinte still in sich hinein und murmelte: »Schrecklich! Was willst du denn an unsrer Hofstatt und was bezweckst du denn mit dieser Mummerei, dieser unwürdigen?«

»Unwürdig?« sagte der Narr und reckte sich. »Unwürdig? Höre, Ulrike, ich gedenke das Kleid mit großer Würde zu tragen! Und hat einst der weise Solon vor versammeltem Volke auf dem Markte zu Athen den Irrsinnigen gespielt um eines geheiligten Zweckes willen, so kann auch einmal ein Fürstensohn den Narren spielen am Hofe seines zukünftigen Schwagers um seiner Liebsten willen. Und was ich bezwecke an dieser lustigen Hofstatt? Höre: vor drei Tagen hat mich auch einer dasselbe gefragt. Damals konnte ich ihm keine bestimmte Antwort geben; seit wenigen Augenblicken weiß ich die Antwort!« Er schloß die schmalen Lippen und blickte finster aus seiner Gugel hervor, in tiefen Gedanken.

Unhörbar rückte Prinzessin Ulrike näher an ihn heran, legte leise den Arm auf seinen Höcker und schob ihm sanft die Gugel aus der Stirne. Und leidenschaftlich flüsterte sie: »Vergieb, du bist noch der alte – vergieb!«

Unbeweglich saß der Narr da und that, als bemerkte er nichts von ihrer Zärtlichkeit.

»Sag mir die Antwort!« flehte Ulrike und preßte die Wange an seine Gugel.

Der Verwachsene ballte die Hände: »Beim Hute meines Vaters, ich spring' ihm über den Kopf!« –

»Schicke den Hund hinaus!« bat er.

Und als sich das Tier draußen gehorsam in den Sonnenschein streckte, umschlang er die Geliebte und rächte sich mit zahllosen Küssen.

251 Prinzessin Ulrike aber machte keine einzige jähe Bewegung. Sie saß ganz still und raunte nur zwischenhinein mit Lachen und Schluchzen: »Thu, was du willst – nur daß ich dich nimmer verliere!«

*

Der Narr war längst wieder allein in der dämmerigen Laube und saß in tiefem Sinnen.

›Kommt Zeit, kommt Rat,‹ murmelte er endlich und stand auf. Da stutzte er und zog sich vorsichtig in den hintersten Winkel zurück.

Den breiten Gartenweg herunter kamen langsam Seine Fürstliche Gnaden, und neben ihm schritt der spitznasige Graf von Santaporta.

Der Landesvater war nach seiner Gewohnheit in schwarze Seide gekleidet und stattlich anzuschauen, ja, wenn man genau hinblickte, geradezu majestätisch. Der Graf aber an seiner Linken hatte seine lange, hagere Gestalt in ein Gewand von blinkend weißer Seide gehüllt und war nahezu anzuschauen wie ein Engel der Unschuld – wenn man nicht genau hinblickte.

Der Narr kauerte sich auf dem innern Ende der Bank zusammen und besah sich die beiden sehr genau, sowohl den Landesvater als dessen Gast.

»Ja, so sagt mir doch, mein Lieber,« sprach der Fürst, machte nahe bei der Geißblattlaube Halt und stützte sich schwer auf seinen silberbeschlagenen Stab, »so sagt mir doch, ist wohl Aussicht vorhanden, daß man es mit der Goldmacherei überhaupt einmal zu einem guten Ende bringen werde?«

Der Graf lächelte überlegen. »Aussicht, 252 Fürstliche Gnaden?« Er begann mit seinem Stocke bedächtig eine Strahlensonne in den Sand zu zeichnen. Aufmerksam folgte der Fürst seinem Beginnen. In den Büschen aber sangen unbekümmert die Grasmücken und Finken, die Schwarzblättlein und Drosseln, und sorglos tirilierten auf den Wiesen im sonnenbeschienenen Lande die Lerchen.

Mit offenem Munde sahen Seine Fürstliche Gnaden auf die Zeichnung im Sande, und mit geheimnisvollem Raunen begann der Graf von Santaporta: »Wer vom Firmament nicht den Himmel herunterzunehmen, auf die Erde zu setzen und mit dieser zu vereinigen weiß, der versteht noch nicht die Anfänge unsrer Kunst. Sonne und Mond sind die Zentren, aus denen das zweiarmige Bächlein der Weisen hervorbricht; die schweren Lymphen gebären uns die Nymphen, so lautet der alte Spruch. Es beruht alles auf der Verehelichung des Himmels und der Erde und dem Weibe des dreieckigen Steines.«

Er hielt inne, und Seine Fürstliche Gnaden schöpften einen tiefen Atemzug. Dann sprachen sie mit Bewegung: »Ich schätze mich glücklich, Euch auf gewisse Zeit an meine Hofstatt gefesselt zu haben. Stundenlang könnte ich Euch zuhören, es ist mir, als erschlössen sich vor meinen Augen die Tiefen aller Rätsel.«

»Und auf der Stirn Eurer Fürstlichen Gnaden ruht ein Abglanz vom Schimmer der Erkenntnis!« sagte der Graf und verneigte sich tief.

»Von allem,« fuhr der Landesvater erschüttert fort, »von allem besitze ich nun eine klare Anschauung. Nur das eine möchte ich Euch noch 253 fragen: was versteht Ihr unter dem Weibe des dreieckigen Steines?«

»Das hängt auch wieder zusammen mit den Zentren Sonne und Mond,« erklärte der Graf und malte einen Halbmond in den feuchten Sand neben die strahlende Sonne. »Das Weib, welches sich zum Steine schicket und entbrannt ist, ihm zugeeignet zu werden in ganz geheimer, ehelicher Verbindung, ist eben der Brunn, in dem sich das zweiarmige Bächlein der Weisen vereinigt.«

»Nun wird mir's immer klarer,« meinten Seine Fürstliche Gnaden befriedigt. »O, Ihr wißt gar nicht, lieber Graf, wie sehr ich mich Eures Umganges erfreue. Denkt Euch nur, geträumt hat mir heute nacht von Euch – geträumt!«

»Aber Fürstliche Gnaden« – der Graf verneigte sich tief und legte die Hand aufs Herz –, »Fürstliche Gnaden beschämen mich: es wäre doch vielmehr meine Sache gewesen, zu träumen von Eurer Fürstlichen Gnaden!«

»Schon gut, schon gut, lieber Graf!« sagte der Fürst gnädig. »Doch damit ich auf meine erste Frage zurückkomme: das mit der Vermählung des steinernen Weibes –«

»Die Zueignung des Weibes zum dreieckigen Steine!« belehrte der Graf.

»Nun ja, so hab' ich natürlich auch gemeint,« versetzte der Landesvater ärgerlich; »diese Kopulation und dann die andre, die von Himmel und Erde, die ist doch ein wenig umständlich. Seht,« sagte er in vertraulichem Tone, »mir käme es vor allem darauf an, so 'n gutes, kurzes Rezept fürs Goldmachen von Euch zu erfahren. Und Ihr besitzt eines, das trau' ich Euch zu!«

254 »Fürstliche Gnaden beschämen mich durch Ihre Güte,« murmelte der Graf und malte neben Sonne und Mond das Zeichen des Merkur in den Sand.

»Also heraus mit Eurer Wissenschaft!« drängte der Fürst.

»Wer Gold und Silber nicht dergestalt zu vereinigen weiß, daß sie nimmer zu scheiden sind, dem ist die Kunst noch immer ein Buch, verschlossen mit sieben Siegeln,« raunte der Graf nach einer Weile. »Hier liegt das Geheimnis, Fürstliche Gnaden, in der Vereinigung von Gold und Silber liegt's, nirgends anders.«

Seine Fürstliche Gnaden schwiegen. Dann kratzten sie sich hinter ihrem Ohre und murmelten: »Diese Vereinigung wollt' ich auch für mein Leben gerne zuwege bringen, aber es hilft nichts, kaum sind Gold und Silber in meiner Truhe, so pflegen sie auch – hast du's gesehen? – voneinander zu scheiden auf Nimmerwiederkehr. Darum eben –« Sie stockten.

»Ich kannte einen, der hatte eines, und er war mein Lehrer in der Kunst,« sagte der Graf nachdenklich und malte das Zeichen des Mars in den Sand.

»Nun also!« riefen Seine Fürstliche Gnaden erfreut.

»Er hatte das Rezept, aber er nahm es mit ins Grab,« schloß der Graf bekümmert.

»Na und da hat man nicht nachgesehen in seinem Grabe?« fuhren Seine Fürstliche Gnaden ärgerlich los.

Einen Augenblick verzog sich das gelbe Gesicht des Weißgekleideten. Dann aber sprach er mit 255 tiefem Ernste: »Daß ich's kurz mache, Fürstliche Gnaden, ja, man hat nachgesehen im Grabe meines Lehrers.«

»Und man hat die Beschreibung gefunden?« fragte Herr Stanislaus der Zweiunddreißigste und trippelte ungeduldig von einem Fuß auf den andern.

»Man hat sie gefunden, und ich selbst besitze das Blatt,« erklärte der Graf feierlich.

»Nun, hab' ich's nicht gleich gewußt?« triumphierte der Landesvater.

»Und es ist ein sehr einfaches Rezept, Fürstliche Gnaden: Siede Asche mit Leinöl, bis das Oel eingesotten ist, dann schwemme es mit Essig, nimm aurum purgatum möglichst viel, zerlaß das wohl und wirf Bleiasche, eine Fingerspitze voll, hinein, rühr alles durcheinander, so wird es Pulver. Das wasche du mit aqua pura, laß es trocknen und reibe es abermals, jedoch mit aqua armoniac. Das thu so lang, bis der calx solis das Wasser in sich gesogen hat, daß er zweimal so schwer ist –«

»Aber das ist ja 'n ganz ausgezeichnetes Rezept,« unterbrachen ihn Seine Fürstliche Gnaden erregt; »und so einfach, das könnte ja mein Koch verstehen. Und da liegt dann also zu guter Letzt das pure, blanke Gold im Tiegel?«

»Ich bin noch nicht zu Ende,« bemerkte der Graf.

»Ach was, gebt Euch keine weitere Mühe, lieber Graf, da komm' ich mal bei Gelegenheit, wenn Ihr das Zeug zusammenbraut, und guck' Euch zu, dann behalt' ich's besser. Und ein Laboratorium lass' ich Euch einrichten, da werdet Ihr Eure Lust dran haben!«

256 »Entschuldigen Fürstliche Gnaden, ich bin noch nicht zu Ende,« wiederholte der Graf und machte ein bekümmertes Gesicht. »Das Rezept hat einen Fehler – es ist nicht vollständig erhalten. Man öffnete das Grab zu spät, und da hatten die salva venia Würmer meinen hochverehrten Lehrer zur Hälfte und das Pergament zu einem Drittel gefressen.«

»Und also ist's nichts mit dem Goldmachen?« rief der Fürst empört.

»Vorderhand, Fürstliche Gnaden, nichts,« entschuldigte sich der Graf. »Aber in unausgesetztem Forschen und Laborieren habe ich das Rezept schon wieder bis auf ein Zipfelchen ergänzt, und es wird mir wohl in der allernächsten Zeit –«

»Ach, das ist aber langweilig!« riefen Seine Fürstliche Gnaden enttäuscht.

»Ja, warum bekümmern sich denn Fürstliche Gnaden überhaupt um die Goldmacherkunst?« fragte der Graf plötzlich.

»Ei, das hat seine besonderen Ursachen. Unglücklicher Prozeß am Hofkammergericht – hm,« kam die verlegene Antwort zurück.

»Ich meine, warum Fürstliche Gnaden das Gold nicht aufheben lassen, das hierorts alle Berge in dicken Adern durchzieht?« fiel ihm der Graf gewandt in die Rede.

»Hierorts? In dicken Adern?« Der Fürst machte ein mißtrauisches Gesicht. »Ach was, ich habe mich inzwischen erkundigt!«

»Erkundigt?« fragte der Graf.

»Nun ja, und habe gehört, daß man schon unter meinem Herrn Vater, hochseligen Gedächtnisses, geschürft hat und ganz vergeblich!«

257 »Geschürft? Und ganz vergeblich?« Der Graf von Santaporta lächelte sehr überlegen. »Wer hat geschürft?« Dann trat er zurück, stützte sich auf seinen Stock und beschrieb mit der Rechten einen Halbkreis in der Luft: »Die Zeit war, und man suchte und fand nicht. Die Zeit wurde, geheimnisvolle Kräfte drangen nach innen, die Gänge scharten sich und wurden edel durch zufällige Geschicke. Die Zeit ist vollendet – in den Adern der Tiefe rieselt und raunt es: wie lange noch wird gebannt sein der goldene Segen, wer öffnet ihm das Gefängnis, daß er sich ergieße über das Land?«

Der Goldmacher hielt inne, griff in sein Wams und sagte leichthin: »Euer Diener, Fürstliche Gnaden, hat gestern mit seinem Knechte, einem bergkundigen Böhmen, das aufgeschwemmte Land ein wenig geprüft und hernach zur Probe flußaufwärts geschürft im unverritzten Gebirge. Der Graf von Santaporta wäre glücklich, wollten Eure Fürstliche Gnaden geruhen, fürs erste nur diesen gewichtigen Stein aus Ihren eignen Bergen entgegenzunehmen. Und Fürstliche Gnaden werden mir vielleicht recht geben: was bedarf's unter solchen Umständen noch der langweiligen Goldmacherei?«

Damit zog er einen kantigen, glitzernden, taubeneigroßen Stein aus der Tasche und reichte ihn über Sonne, Mond und Sterne mit höfischer Verbeugung dem Fürsten.

Der riß die Augen auf, als wollte er das glitzernde Ding hineinschlingen, nahm es behutsam, wog es wieder und wieder auf den Fingerspitzen und sah endlich mit offenem Munde fragend auf den Grafen von Santaporta.

258 »Es ist nahezu gediegenes Gold aus unverritztem Gebirge, Fürstliche Gnaden,« erklärte dieser mit erhabener Ruhe. –

Lange noch stand der Fürst mit dem Weißseidenen in tiefem Gespräche, und lange noch lauschte der Verwachsene angelegentlich in der dunkeln Geißblattlaube.

*

Die Frau Fürstin lebte in der sogenannten guten alten Zeit und war deshalb eine Frühaufsteherin. Sie pflegte jeden Morgen einen großen Rundgang im Schlosse zu machen und unterschied sich also hierin durchaus nicht von einer wackeren Bürgersfrau drunten im Städtlein.

So stand sie denn auch an diesem Morgen, als gerade die Schulglocke überm fürstlichen Gymnasio gezogen wurde, mit einem großen Schlüsselbunde an der Seite in der Dirnitz, wo die Schloßwächter auskehrten nach ihren obliegenden Pflichten, und musterte den Küchenzettel, den ihr der Schreiber Imbricius mit krummem Buckel überreicht hatte.

»Wieder zwölf Gerichte für unsre fürstliche Tafel und zehn für den Junkertisch!« bemerkte sie tadelnd. »Drei abgestrichen von beiden macht neun und sieben, und ich denke, es wird trotzdem keiner hungrig die Beine unterm Tisch hervorziehen!«

»Wie Eure Fürstliche Gnaden befehlen!« murmelte der Schreiber und holte die Wochenrechnung aus seinem Wamse.

»Drei Kälber – vierzig Hühner – fünf Schock Eier – sechs Kübel Schmalz – ein Fässel Tropfwein – dreißig Pfund Speck –!« Ihre Fürstliche Gnaden lasen sich ein wenig in Zorn 259 und warfen endlich die Abrechnung auf den Tisch: »Höre, Schreiber, das geht aber denn doch über die Hutschnur! Fort und fort mahnen Seine Fürstliche Gnaden und ich zur größten Sparsamkeit, und von Woche zu Woche wird die Rechnung länger!«

Bedauernd zuckte der Schreiber mit den Achseln, nahm das Heft vom Tische und glättete es schweigend.

»Nun –?« fragte die Fürstin.

»Viele hochfürstliche, edle, veste und gemeine Magen Tag für Tag, Fürstliche Gnaden,« bemerkte er nun mit unterwürfiger Miene im Tone gekränkter Unschuld.

»Aber so rede doch – dreißig Pfund Speck, ein Fässel Tropfwein, sechs Kübel Schmalz, sage und schreibe sechs Kübel in einer Woche!«

»Viel Speck und Schmalz,« dienerte der Schreiber, »ist infolge langwährenden Regenwetters auf das Schmieren des hochfürstlichen beziehungsweise gnädigen Stiefelwerkes gegangen, Eure Fürstliche Gnaden!«

»Die Antwort kenne ich schon auswendig, ehe du den Mund aufmachst! Aber laß dir noch einmal allen Ernstes sagen, das gnädige Stiefelwerk müßte nach meiner Schätzung schon längst in Schmalz ersoffen sein, und ich werde in Zukunft scharf aufmerken, daß mir –, aber sag – was verstehst du denn unter Tropfwein?«

»Halten zu Gnaden, das ist der Wein, der vom Faßhahn abtropft und sich sammelt in einer eigens zu diesem Zwecke aufgestellten Schüssel.«

»Und je weiter man den Faßhahn zudreht, desto weniger sich sammelt in der eigens zu solchem 260 Zwecke aufgestellten Schüssel – nicht?« fragte die Fürstin.

»Je weniger tropft,« bestätigte der Schreiber.

»Tropft!« wiederholte die Herrin mit scharfer Betonung.

»Halten zu Gnaden,« bemerkte der Schreiber und rieb eifrig seine Hände, »Tropfwein ist in letzter Zeit ziemlich viel zum Waschen der schadhaften Rösser verwendet worden.«

»Ich sag's ja, Tropfwein!« kam's von den gestrengen Lippen.

»Und zwanzig Brotlaibe für die Bettler?« fragte die Fürstin nach einer Weile und blickte unwillig von der Rechnung auf.

»Gedenket der heiligen Notdurft!« wagte der Schreiber zu bemerken.

»Das weiß ich selber!« brauste die Herrin auf.

»Das ganze Land redet von der Barmherzigkeit seiner Fürstin,« dienerte der Schreiber.

»Auch das brauche ich nicht aus deinem Munde zu hören,« schnitten ihm Ihre Fürstliche Gnaden das Wort ab. »Und ich glaub's ja, die zwanzig Laibe sind ausgeteilt worden –«

»Gewiß!« dienerte der Schreiber.

»Seh's mit eignen Augen, so oft ich ausreite!« rief die Fürstin zornig. »Auf allen Gartenmauern, an allen Hecken bis weit hinaus liegt die edle Gottesgabe in verschimmelten Brocken, es ist zum Weinen –«

»Ja, es ist ein unverbesserliches Volk, das Bettelvolk,« pflichtete der Schreiber vergnügt bei. »Aber man getraut sich eben nicht, Abbruch zu thun der fürstlichen Mildthätigkeit, jeder bekommt sein Stück Brot und auch seinen Speck –.« Er 261 hielt einen Augenblick inne und wiederholte: »Speck, Eure Gnaden. Und den Speck frißt, wollt' sagen mit Respekt vor Euer Gnaden ißt das Lumpenvolk, das Brot aber wirft es weg.«

Die Fürstin sann etwas nach, während der Schreiber eilig die Rechnung wieder in seinem Wamse verbarg.

»Ich denke, es wäre am besten –,« sagte die Fürstin, – »Almosenreichen darf nicht beschränkt werden, aber ich denke, es gäbe einen vortrefflichen Ausweg, dem Unfug zu steuern. Habe auch die Sache gestern schon mit etlichen Frauen vom Hof und der Stadt besprochen: ich denke, man erläßt ein Gebot in unsern Landen, daß jeder Bettler das gespendete Brot unter Aufsicht der Hausfrau stehenden Fußes verzehren muß.«

»Stehenden Fußes verzehren muß,« pflichtete der Schreiber bei.

In diesem Augenblick pochte es stark an der Saalthür, und ohne die Erlaubnis abzuwarten, schob sich ein zerlumpter Bettler herein: »Bitt' gar schön, Euer Gnaden, um eine Wegzehrung!«

»Aber siehst du denn nicht, du Strolch – hinaus!« befahl der Schreiber mit halblauter Stimme.

»Halt, laß ihn!« gebot die Herrin. »Der kommt mir gerade wie gerufen. Man bringe ein großes Stück Brot!«

Einer der Diener entfernte sich, während der Bettler an der Thür stehen blieb.

»Hast du Hunger?« fragte die Fürstin streng.

»Ja, Eure Fürstliche Gnaden,« antwortete der Bettler kleinlaut.

262 Auf silbernem Teller brachte der Diener ein großes Stück Schwarzbrot.

»Gut, dann iß!« befahl die Landesmutter und gab dem Strolche eigenhändig das Brot.

»Tausendmal vergelt's Gott!« murmelte der Bettler, schob das Brot in die Tasche, wandte sich und wollte aus der Thüre schleichen.

»Stehenden Fußes verzehren!« rief der Schreiber und vertrat ihm den Weg.

»Halten zu Gnaden,« entschuldigte sich der Bettler und zog das Brot langsam aus der Tasche, »es wäre mir gätlicher, wenn ich's dürfte zu Hause verzehren.«

»Stehenden Fußes!« befahl die Fürstin und begab sich zum Ofen.

»Es ist das aber heute morgen schon das sechste Stück von der Größe,« entschuldigte sich der Bettler. »Zuerst bei der Frau Bürgermeisterin, dann bei der Frau Superintendentin, hernach bei der Frau Kanzlerin –« Er griff mit wehmütiger Gebärde nach der Magengegend, biß zögernd in das Brot und begann zu kauen. »Wenn dieses zum Brauch wird im Fürstentum, dann soll Bettler sein wer mag, dann spielt unsereiner in Ausübung seines Berufes um seine Gesundheit,« klagte er.

»Stehenden Fußes!« befahl die Fürstin und hob ein Tischlaken von dem hohen Stoße, der am Ofen aufgeschichtet war, zog es auseinander und hielt es ärgerlich gegen das Fenster, daß die güldene Morgensonne durch die Löcher und Blödigkeiten schien: »Wie grausam geht doch unser Hofgesinde mit dem Weißzeug um!« jammerte sie.

»Halten zu Gnaden,« bestätigte der Schreiber 263 vergnügt, indem er mit einem Auge den Bettler bewachte, der trübselig an dem trockenen Brote würgte, mit dem andern nach der Landesmutter schielte, »halten zu Gnaden, aber was die Hofjunker sind, diese stechen immer mit den Gabelzinken hinein.«

»Und warum hängen denn die Laken nicht, wie sich's gebührt, zum Trocknen an den Gestellen? Sind ja noch ganz naß vom verschütteten Weine!« zürnte die Fürstin.

»Halten zu Gnaden,« stieß nun der Bettler hervor und legte das angebissene Brot behutsam auf den silbernen Teller zurück. »Vielleicht habt Ihr anderweitige Verwendung dafür. Es ist das sechste, und was zu viel ist, das ist zu viel. So sauer ist mir mein Beruf noch niemals geworden. Nichts für ungut!«

Und damit drückte er sich eilig zur Thür hinaus.

»Das hast du gut gemacht, Frau Base,« sagte der Narr und kam hinter dem großen Kachelofen hervor.

»Schere dich!« rief der Schreiber herrisch.

Aber der Verwachsene kreuzte die Arme und sagte verächtlich: »Scheren, Meister Tropfwein? Das Scheren besorgst du, dächt' ich. Sei ganz still und salbe deine Klumpfüße mit hartgesottenen Eiern – hörst du? – mit hartgesottenen!« Dann wandte er sich zur Fürstin: »Das hast du gut gemacht, Frau Base. Und ich würde raten, laßt die ganze peinliche Halsgerichtsordnung im Fürstentum abändern und verwandelt alle Strafen in Brotstrafen. Je mehr einer verbrochen hat, desto mehr muß er fressen. Und anstatt nun einen zu köpfen, 264 zu hängen oder zu vierteilen, giebt man ihm Brot und wieder Brot und noch einmal Brot und läßt ihn platzen vor allem Volke. Das Mittel ist gut, man muß es nur probieren. Aber trockenes Brot ohne Speck und ohne Tropfwein!« setzte er mit Nachdruck bei, gab dem Schreiber mit seiner Pritsche einen Schlag auf den Rücken und zog sich zurück in die Tiefe des Saales.

»Und nun noch einen Blick in die Speisekammer!« befahl die Fürstin.

Imbricius riß die Thür auf, Ihre Fürstliche Gnaden gingen hinaus, mit gesenktem Haupte folgte der Schreiber. Doch auf der Schwelle wandte er sich und rief mit zornerstickter Stimme zurück: »Pack dich, oder ich hetze dich mit Hunden vom Hofe!«

»Wobei es sich immer noch frägt, ob du einen Hund finden wirst, der in deiner Gesellschaft jagen möchte,« antwortete der Narr.

Dröhnend fiel die Thür ins Schloß, und öde lag der Saal im Lichte des Morgens.

*

Die Frau Fürstin saß in ihrem Gemache am Stickrahmen und summte eine schwermütige Melodie vor sich hin. Dann murmelte sie hörbar – sie war nämlich eine gelehrte Frau –: ›Aedificare domos et corpora pascere multa, recta brevisque via ad paupertatem est.

»Da habt Ihr recht, Frau Base,« sagte eine Stimme hinter ihr, und als sie erschrocken emporfuhr, stand der Narr unter der Thür.

»Häuser baut der liebe Herr Vetter nun allerdings nicht, aber Hofgesinde füttert er in solcher Menge, daß es stinkend wird untereinander, und 265 das ist der gerade und kürzeste Weg zur Armut,« vollendete der Narr und schickte sich an, die Thür zu schließen.

»Unverschämter!« brachten Ihre Fürstliche Gnaden endlich hervor und streckten gebieterisch die Hand aus.

»Unverschämter?« lachte der Narr und kreuzte die Arme. »O, es ist mir ein leichtes, ich kann auch noch unverschämter sein. Aber mich dünkt, die Grenzen für meine Unverschämtheit und für Eure Langmut könnten ineinander übergehen, und das wäre mir am Ende nicht ganz bekömmlich. Doch wie Ihr befehlet!«

»Hinaus!« riefen Ihre Fürstliche Gnaden und kämpften mit dem Lachen. »Wie kannst du dich unterstehen, in meine Stube zu treten?«

»Na, Frau Base, ich spazierte so im Schlosse umher, geriet an die Thür, drückte auf die Klinke, es ging auf, und so kam ich herein. Es gefällt mir bei Euch; ich bin schon in geringeren Wohngelassen gewesen. Und es ist mir ganz recht, da kann ich Euch nun gleich meine schuldige Morgenaufwartung machen!« Er schloß die Thür. »Laßt Euch nicht stören, Frau Base, nehmt Platz, derweil ich mich zu Euern Füßen niederkauere!«

»Ich denke, mein lieber Narr, du weißt, was man den Frauen schuldet,« sagten Ihre Fürstliche Gnaden.

»Gewiß, Frau Base,« beeilte sich der Narr zu antworten; »ich weiß, was ich Euch schuldig bin,« sagte er mit scharfer Betonung.

Verwundert blickte die Fürstin herüber.

»Das Närrische auf Erden arbeitet sich immer in die Hände,« fuhr der Narr fort; »und was 266 dürfte es wohl Närrischeres geben als einen Hofnarren und ein Weib? Die müssen doch einander verstehen!«

»Dann mußt du auch schon längst verstanden haben, daß ich allein zu sein wünsche,« sagte die Fürstin und wies nochmals nach der Thür.

»Schade, Frau Base,« bedauerte der Narr, »ich möchte mich gut stellen mit Euch, und Ihr stellt mir den Stuhl vor die Thür. Ich möchte den Tropfwein Eurer allgerühmten Milde schlürfen, und Ihr verweigert mir ein Stücklein Speck, meine gute Gesinnung zu schmieren!«

»Jawohl, gehorcht hast du auch!«

»Gehorcht? Was für ein unbegrenztes Wort!« jammerte der Narr. »Ich habe der Stimme einer Nachtigall gelauscht – wozu wären wohl Nachtigallen vorhanden, wenn Narren nicht darauf hören dürften? Und die Nachtigall hat schon am frühen Morgen gesungen von Tischlaken und Tropfwein, Schmalz und Speck, und hat einen Bettler geätzt – was kann der Narr dafür? Aber Ihr habt recht, Frau Nachtigall, der Schreiber ist ein Schelm, pickt ihm zuweilen auf die Finger! Corpora pascere multa, recta brevisque via ad paupertatem est.«

»Wenn du so besorgt bist um unsern Hofhalt, mein lieber Narr,« sagte die Fürstin freundlich und öffnete eigenhändig die Thür, »dann wäre es wohl das beste, du hübest dich selbst so bald als möglich aus unsern Landen – meinst du nicht auch? Das Schloßthor gegen die Stadt hinunter ist den ganzen Tag offen – zu diesem Zwecke, wenn du's vielleicht noch nicht wissen solltest.«

267 »Weiß ich, weiß ich und verstehe wieder auf halbem Wege, was Ihr mir so zart andeutet, Frau Base,« antwortete der Narr. »Aber seht, Frau Base, zu meinem großen Leidwesen ist es mir zurzeit unmöglich, Euern Wunsch zu erfüllen. Ich habe mich nun zur Genüge umgesehen in Euerm Hofhalte und habe dabei gefunden, daß ich hoch vonnöten bin unter Euerm Dache.«

»Wieso?« fragte die Fürstin belustigt und setzte sich wieder zu ihrer Stickerei.

»Na, Frau Base, das kann ich Euch in kurzem sagen.« Der Narr nahm einen Schemel, trug ihn nahe an den Sitz der Fürstin und hockte darauf, schlang die Arme um seine Kniee und blinzelte unter seiner Gugelhaube wohlwollend zur Herrin empor. »Wünscht Ihr zu essen, Frau Base, so ruft Ihr den einen, und es biegen sich die Tafeln unter den Speisen. Wünscht Ihr zu trinken, so rennt ein andrer, und es fließt der Wein, daß tief drunten im Stalle die Rösser bis an die Fesseln waten im köstlichen Naß.«

»Leider!« seufzten Ihre Fürstliche Gnaden.

»Wollt Ihr krumme Buckel sehen und den Weihrauch der Schmeichelei in Eure Nasen ziehen, flugs schwirren sie heran vom Kanzler bis zum letzten Hofjunker und machen krumme Buckel und schwenken die Rauchfässer. Aber wenn es Euch nun vielleicht auch einmal gelüstete an einem Regentage, die Wahrheit zu vernehmen –?«

»Wenn es uns gelüstete, die Wahrheit zu vernehmen?« wiederholte die Fürstin.

»Dann, dünkt mich, hättet Ihr niemand,« vollendete der Narr.

»– hätten wir niemand!« wiederholte die 268 Fürstin, und ihre blauen Augen füllten sich mit Thränen.

Fest richtete der Narr seine großen, dunkeln Augen auf das schöne Antlitz: »Und diese klaffende Lücke in Euerm fürstlichen Hofhalte will ich ausfüllen nach Kräften, Frau Base,« sagte er mit Nachdruck. »Und wenn Ihr mir erlaubt, so will ich Euch heute die erste Lektion erteilen!« Er stand auf, trat zurück, kreuzte die Arme und sah sie durchdringend an.

»Was du nur willst, du seltsames Geschöpf!« rief die Fürstin ängstlich.

»Fürstliche Gnaden, die Zeit ist kurz, erlaubt dem Narren, daß er seine erste Lektion zusammendränge. Wißt Ihr, was ein Kux ist?«

Die Fürstin schüttelte den Kopf.

»Nein? Habe mir's gedacht, Fürstliche Gnaden. Und ich sage Euch, mißtrauet diesem Worte, aber seid klug! Wenn ein Roß durchgeht und rast einher die Straße entlang, so wirft sich ihm ein Thor entgegen und wird in den Staub geworfen, ein Kluger aber springt von der Seite heran und hängt sich in die Zügel. Er muß sich vielleicht schleifen lassen im Staube, doch er bringt das Rasende am Ende wohl zum Stehen. Laßt Euch nichts merken von Euerm Mißtrauen, aber bemächtigt Euch des Wortes Kux, hängt Euch darein! Und wenn Ihr hört, daß mit diesem Worte aus den Taschen Eurer Unterthanen Gold heraufgepumpt werden soll auf Euer Schloß kübelweise, dann zuckt mit keiner Wimper –«

»Der Graf?« unterbrach ihn die Fürstin entsetzt.

»– sagt, es leuchte Euch ein, widersprecht 269 nicht und behaltet die Zügel, so wahr Euch die Ehre Eures fürstlichen Hauses am Herzen liegt. Aber das eine laßt nicht zu, daß der Graf Gewalt bekomme über das Geld, das Euch die Kuxe – hört Ihr? die Kuxe! – emporpumpen ins Schloß. Dixi et salvavi animam meam!«

Die Fürstin erhob sich: »Aber was soll das alles? Du warnst mich, und ich weiß nicht wovor!«

Tief verneigte sich der Narr und ging rückwärts zur Thür. »Kux, Fürstliche Gnaden, Kux, heißt das eine Wort, und flugs, Fürstliche Gnaden, flugs das andre –«

Er hielt inne, reckte den Kopf und lauschte. »Um Vergebung, Frau Base, aber ich muß mir nun einen Unterschlupf suchen,« raunte er, hob den Wandteppich und verbarg sich.

Männertritte erklangen im Korridor.

»Kux, Frau Base! flüsterte der Narr hinter dem Teppich und stand regungslos.

»Morgen, Hanne!« riefen Seine Fürstliche Gnaden, und das landesväterliche Gesicht war anzusehen wie ein blinkender Knödel auf Petersilienkraut oder wie ein Vollmond, wenn er emporsteigt hinter schlafenden Wäldern.

»Morgen, liebster Herr!« sagte die Fürstin, und ihre sonst so klare Stimme klang diesmal, als hätte sie ein Stück von dem Knödel in den unrechten Schlund gebracht, aber ein großes.

»Na, Hanne!« Seine Fürstliche Gnaden begannen sehr erregt auf und nieder zu wandern in dem Gemache. »Na, Hanne, das ist einmal ein erstaunlicher Glücksfall!«

»Was, liebster Herr?« fragte Frau Johanna 270 und faltete die Hände unter der Brust und würgte an ihrem Brocken.

»Na, was? Der Graf, Hanne – wer sonst?« rief der Fürst ärgerlich und ging auf und ab, auf und ab, anzusehen wie ein ruppiger Knödel. Währte aber nicht lange, dann sah er wieder aus wie der freundliche Vollmond. Denn er war zu glücklich, und er hatte in seinem gütigen Herzen beschlossen, daß auch seine liebe Frau ihr Teil abkriegen sollte von seinem Ueberflusse. »Den Grafen und seine Ankunft an unsrer Hofstatt, Hanne, das nenne ich einen absonderlichen Glücksfall,« sagte er deshalb sehr herzlich und pflanzte sich vor seiner Herrin auf.

Und als ihn Frau Johanna erwartungsvoll anblickte, fuhr er fort: »Na, Hanne, du weißt ja, daß in letzter Zeit die Geschichte mit unsern Geldern, na, manchmal nicht so ganz glatt, na, geflossen –«

Ja, das wisse sie leider, kam die Antwort zurück.

»Na, und sieh, Hanne, die Fretterei wird also ein für allemal ein Ende haben!« Fürstliche Gnaden machten eine Handbewegung, als wollten sie ein paar lästige Fliegen verscheuchen.

Das wäre sehr schön, lautete die gedrückte Antwort. Aber woher denn die Veränderung so plötzlich gekommen sei?

»Nun, eben durch den Grafen, Hanne!« erklärten Seine Fürstliche Gnaden ein wenig von oben herunter, als dächten sie so heimlich bei sich: ›Was verstehen denn Weibsleute von solch subtilen Sachen?‹ Doch Fürstliche Gnaden waren gutgelaunt, und so beschlossen sie, ein wenig 271 herabzusteigen von dem alchymischen Postamente, auf das sie der Graf gestellt hatte, und begannen also mit umständlicher Belehrung – wie kurz vorher der Graf sie belehrt hatte. Aber Sonne, Mond und Sterne zeichneten sie da nicht in den Staub; denn es war natürlich keiner vorhanden auf dem Fußteppich in der Stube Ihrer Fürstlichen Gnaden.

»Weißt du, Hanne, eigentlich ganz verteufelt einfach, die Goldmacherei,« erklärte der Fürst. »Und denk nur, so uneigennützig, der Graf: sagt er mir gerade draußen im Garten das ganze Rezept vor, als wär's gar nichts Besonderes – denk nur, das Rezept, wonach einer Gold kochen kann wie der Koch 'n Rührei!«

»Und hast du's auch völlig behalten?« fragte die junge Frau und schielte einen Augenblick nach dem Vorhang an der Wand, der sich unmerklich bewegte.

»Ach was – wozu denn?« meinte der Landesvater ein wenig ärgerlich. »Das ist so lang, und der Graf schreibt mir's ja gleich auf, darf ihn nur ersuchen. Die Hauptsache des ganzen Vorganges ist die heimliche Kopulierung von Himmel und Erde und dann das steinerne Weib. Wer das nicht versteht, der versteht noch nicht die Anfänge unsrer Kunst. Ja, Hanne, gelt, da schaust du? Das sind freilich Subtilitäten, die einem zu Anfang fremdartig vorkommen, aber!« – Seine Fürstliche Gnaden warfen sich ein wenig in die Brust vor ihrer lieblichen Schülerin »– mit der Zeit, sagt der Graf, werden einem diese Begriffe so geläufig wie den Kindern ihre Auszählreime.«

272 »Und du glaubst also wirklich, daß sich der Graf aufs Goldmachen versteht?« fragte sie, und es kann wohl sein, daß sie ihren Eheherrn dabei etwas ungläubig anguckte.

»Natürlich, Hanne! Bis jetzt giebt er sich zwar den Anschein, als fehle ihm noch ein ganz kleines Endchen an seinem Rezepte, mit dem es überhaupt eine ganz unflätige Bewandtnis hat – aber ich glaub' ihm kein Sterbenswörtlein!«

Ueber das runde Gesicht ging ein pfiffiges Lächeln.

»Ja, Liebster,« begann die Fürstin etwas dreister, »angenommen nun, der Graf kann Gold machen – sag, warum hat er sich denn nicht selber schon einmal so 'n paar Wochen lang vor den Ofen gesetzt und hat sich so 'n kleinen Vorrat zusammengekocht? Denn mir kommt das nicht so vor, als habe er allzuviel von diesem Stoffe. Warum ist er so freigebig und will alles nur dir zukommen lassen? Sag!«

Der Fürst stutzte; denn daran hatte er wirklich noch nicht gedacht. Dann aber ging ein triumphierendes Lächeln über sein Antlitz: »Hanne, es ist alles in den Sternen bestimmt; und glaub mir, überall wird sich das steinerne Weib auch nicht verheiraten können. – Ich meine das alchymisch,« setzte er herablassend hinzu, weil ihn seine liebe Frau mit einem angstvoll fragenden Blick ansah. »Uebrigens handelt sich's ja gar nicht ums Goldmachen, Hanne, sondern nur ums Goldaufheben!«

Entsetzt blickte die Fürstin auf ihren Eheherrn. Als dieser aber ganz ruhig lächelnd dastand und keinerlei Zeichen auffälliger Verrücktheit von sich 273 gab, stieß sie hervor: »Stanislaus – ist er denn auch wirklich ein Graf?«

»Was denn sonst, Hanne?«

»Ein Betrüger, Stanislaus!«

Aergerlich fuhren Seine Fürstliche Gnaden auf: »Höre, Hanne, kein Wort mehr! Ein Mann von solchem Adel der Erscheinung! Ich habe ihm mein volles Vertrauen geschenkt. Das genügt.«

Traurig ließ Frau Johanna das Köpflein hängen, und Seine Fürstliche Gnaden begannen des langen und breiten zu erzählen von den Entdeckungen ihres neuen Günstlings.

Wortlos ließ es die liebe Frau geschehen, wie Herr Stanislaus der Zweiunddreißigste vor ihren inneren Augen durch die Berge seines Fürstentumes brauste als ein feuriger Drache, und es war ihr nur sehr bänglich zu Mute. Aber auf einmal stutzte sie: »Was hast du nun da gerade gesagt, Liebster, wie – Kux, nicht?«

»Nun freilich, Kux!« erklärten Seine Fürstliche Gnaden.

»Bitte, was ist denn das – Kux?« fragte jetzt die Fürstin und kam zutraulich näher; und hinter Herrn Stanislaus dem Zweiunddreißigsten bewegte sich heftig der Wandteppich.

»Na, das ist doch sehr einfach,« begann der Fürst; »Kux ist, wenn man ein Goldbergwerk haben will und hat aber kein Geld dazu. Dann schreibt man aus, jeder, der mitthun will, kann mitthun, er muß nur als Gesellschafter so und so viel Geld einzahlen und kriegt dann dafür später so und so viel Gold heraus. Und das ist Kux. So, jetzt wirst du's wohl verstehen!«

274 »Das sind dann, wenn mir recht ist, Anteilscheine,« sagte die Fürstin nachdenklich.

»Ja, so was Aehnliches,« bestätigten Seine Fürstliche Gnaden, »und sei eine bewährte Einrichtung, meinte der Graf.«

»Und da sollen dir, wenn ich nicht irre, die Unterthanen das nötige Geld zum Bergbau zusammenbringen?«

»Na und glaubst du wohl, sie werden sich weigern?« rief Herr Stanislaus der Zweiunddreißigste drohend.

»Keineswegs, Liebster! Doch sag, was geschieht denn fürs erste mit dem vielen Gelde?«

Heftig bewegten sich die Vorhänge hinter Seiner Fürstlichen Gnaden, das gescheite Gesicht des Verwachsenen schob sich behutsam heraus und nickte aufmunternd zur Fürstin herüber.

Die zog ihr Antlitz in ernste Falten, dadurch den fürwitzigen Narren zu schrecken. Der aber ließ sich nicht stören und guckte mit gespannter Aufmerksamkeit vorüber an der stark entwickelten Hinterseite seines neuen Herrn nach dem schönen landesmütterlichen Gesichte, das so schreckbar anzuschauen war.

»Was mit dem vielen Geld geschieht?« fragte der Landesvater ein wenig zerstreut; denn er fuhr in Gedanken gerade wieder als feuriger Drache an der Seite des Grafen durch die ungeritzten Bergestiefen seiner Lande. »Nun, es wird eben zum Bergbau verwendet, Liebste.«

Aber die Landesmutter empfand, daß sie jetzt auf dem richtigen Wege war, trat unter heftigem Nicken des Narren einen Schritt vor in der Arena, ergriff beide Hände Seiner Fürstlichen 275 Gnaden und sagte mit der alten, lieben, weichen Stimme so recht bittweise, daß es eine Goldstufe hätte erweichen können: »Liebster, von der ganzen Goldmacherei und all dem Bergwesen verstehe ich nun auch nicht die Bohne. Und gelt, das verlangst du auch nicht von mir?«

»Das besorgen wir Kundigen untereinander,« trösteten Fürstliche Gnaden mit der Würde eines Adepten und schüttelten die Händlein ihrer lieben Frau.

»Nun also!« fuhr diese mit herzbewegendem Lächeln fort. »Nur eine Bitte gewährt mir mein Herr und Gemahl – nicht?«

»Aber gewiß, Hanne! Das ist ja bei der ganzen Geschichte meine geheime Freude, daß ich dann einer Gewissen Sammet und Seide und edle Gesteine nach Belieben zu kaufen vermag. Und, Hanne, ich muß dir doch auch das erste Gold aus unsern Landen zeigen, Hanne –!«

Fürstliche Gnaden versuchten, die Rechte loszubekommen. Aber Frau Johanna hielt sie fest, so fest, daß Herr Stanislaus beinahe ärgerlich rief: »Ei, so laß doch, Hanne! Weißt du, das Gold, das der Graf gestern so mir nichts, dir nichts aus dem Boden –!«

»Nein!« sagte Frau Johanna mit ihrem goldigsten Lächeln, daß der große Bär vor ihr ganz ruhig hielt und der Narr hinter ihm bescheidenlich seinen Kopf zurückzog zwischen die Falten des Umhanges. »Nein, Liebster, das möget ihr Kundigen abmachen untereinander! Ich habe nur eine Bitte: Wenn nun das viele Geld kuxweise oder sonstwie zum Bergbau zusammenfließt, da wird dann freilich der fremde Mann, der Graf, 276 die Hand drauflegen, wird nicht viel fragen nach Euer Liebden und all die schönen Unterthanenthaler nach eignem Gutdünken einwursten in diesen Bergbau.«

»Oho!« rief der Landesvater.

»Ja, das wird so kommen,« fuhr die Fürstin fort; »er hat dein Vertrauen, und du wirst ihm nichts einreden. Mich aber wird's bitter grämen, weil er dich also geringschätzt.«

Leise schob sich des Narren Kopf wieder zwischen den Vorhängen heraus und nickte sehr.

»Oho!« sagte Herr Stanislaus der Zweiunddreißigste.

»Grämen über alle Maßen,« wiederholte die Fürstin; »denn ich denke mir, über die Thaler und Groschen unsrer Unterthanen verfügt der Landesvater –«

»Na, das will ich auch meinen!« rief Herr Stanislaus mit tiefer Ueberzeugung.

»– und kein Fremder, kein Ausländischer, kein Hergelaufener, und wenn er zehnmal Gold und Edelsteine machen könnte!« vollendete die Fürstin eifrig.

»Na, das werd' ich ihm zeigen, wer der Herr ist,« sagte der Fürst mit Hoheit und versuchte, die Hände frei zu bekommen.

Und diesmal gab ihm seine liebe Frau in der That nach, kriegte ihn aber gleich rundum zu fassen, daß sich der Narr abermals genötigt sah, den Kopf zwischen den Vorhängen verschwinden zu lassen, schmiegte sich an sein Herz und schmeichelte: »Will mir das mein Liebster bei seinen Fürstlichen Ehren versprechen und geloben, daß er der Herr zu bleiben gedenkt über die 277 Thaler und Groschen unsrer getreuen Unterthanen?«

»Bei meinen Fürstlichen Ehren!« entrang es sich der Brust des Fürsten.

»Und bekommt also alle einlaufenden Gelder einzig und allein unser Kanzler in seinen Verwahr, wie sich's gebührt?« schmeichelte die liebliche Landesmutter.

Wieder kam der heftig nickende Kopf des Narren zum Vorschein, und wieder sagte der Landesvater mit lauter Stimme: »Bei meinen Fürstlichen Ehren!«

Dann aber konnte er nicht umhin, sein Fürstenwort zu bekräftigen durch etliche Siegel, wie sich's gebührte. Er bog sich herab, sie streckte sich auf den Zehenspitzen und bot ihm willig das rote Siegelfeld ihres Mündleins. Schleunig verschwand der Kopf des bescheidenen Narren zwischen den Vorhängen, während das Gemach erdröhnte vom Geschäfte des ernsthaft betriebenen Siegelns.

»Noch eines!« sagte die Frau Fürstin und machte sich aufatmend zu schaffen an ihrer zerzausten Frisur. »Der Graf ist nun doch erst etliche Tage an unserm Hofe, und schon stellt er einer von meinen Hofjungfern nach. Muß ich mir das gefallen lassen?«

»Ei,« murmelten Seine Fürstliche Gnaden, »das hätt' ich dem gelehrten Herrn gar nicht zugetraut! Aber es ist ja nur eine Ehre für die Jungfrau!«

»So, eine Ehre?« rief Frau Johanna empört. »Das kommt mir denn doch gar nicht ehrenvoll vor. Die Hofjungfer ist zudem von Rechts wegen verlobt und versprochen und –«

278 »Die Wiltrud?« fragte der Landesvater ärgerlich.

»Ja, die, und heute ist sie weinend zu mir gelaufen, der Graf habe ihr gestern abend schlankweg wie einer Stallmagd einen Heiratsantrag gemacht, und da hört denn doch der längste Bindfaden auf!«

Hinter dem Fürsten kam zwischen den Vorhängen langsam die Hand des Narren heraus und winkte heftig ab.

»I, einen Heiratsantrag? Ja, das ist doch nicht nur eine Ehre, sondern auch 'n großes Glück für das arme Mädel!« riefen Seine Fürstliche Gnaden.

»Sie ist aber längst mit dem Griffo versprochen!« warf die Fürstin unsicher ein und schielte nach der Hand des Narren.

»Ach was, versprochen!« murrte Herr Stanislaus der Zweiunddreißigste. »Die Hofjungfer lebt, wie schon ihr Titel besagt, an einem Hofe, und an Höfen sind und bleiben Heiratssachen politische Angelegenheiten.«

»Aber sie thäte sich ja die Augen ausweinen, Liebster!« bemerkte Frau Johanna mit ganz unsicherer Stimme, während die Hand des Narren heftig abwinkte.

»Ich aber sage, wir müssen den Grafen als einen raren Vogel zu halten suchen mit allen Kräften,« knurrte der Fürst störrisch. »Und wenn er ein Auge hat auf die Gans, um so besser! Dann ist keine Gefahr, daß er so bald des Lebens überdrüssig werde an unserm einfachen Hofe.«

Die Fürstin wagte nur noch einen langgezogenen Seufzer, und Herr Stanislaus der Zweiunddreißigste stellte sich in wahrhaft 279 fürstliche Positur: »Ja, wenn ich das Ding näher bedenke, so sehe ich, es paßt mir ganz fürtrefflich, und so werde ich selbst dahin wirken, daß der Verspruch recht bald zu stande komme.«

»Ja, aber der Griffo?« wagte die Fürstin noch zu bemerken, während der Narr seine Hand weit herausstreckte und so heftig schlenkerte, daß – die schweren Metallringe der Vorhänge hoch oben unter der geschnitzten Decke des Gemaches zu klirren begannen.

Herr Stanislaus kniff die Lippen ein und sagte störrisch: »Soll sich eine andre suchen, der Laffe!«

*

Die Thür hatte sich hinter Seiner Fürstlichen Gnaden geschlossen, wie festgewurzelt stand die Fürstin, rang die Hände und stöhnte: »O du blaßblauer Himmel, er wird mir doch am Ende nicht –?«

»Ueberschnappen?« fragte der Narr und schob sich aus seinem Verstecke. »Nein, beruhigt Euch, Frau Base, das wird er nun gerade nicht!«

»Aber hast du's denn nicht gehört, was er gesagt hat, das vom steinernen Weibe und die andern Geschichten?« klagte Frau Johanna.

»Trotzdem nicht,« antwortete der Verwachsene mit Ruhe. »Ueberschnappen? Nein! Denn seht, damit einer überschnappen könne, muß er doch zuerst irgendwo hinaufgeklettert sein, überschnappen kann einer nur von einer gewissen Höhe aus, und also hat's in diesem Falle nicht die geringste Gefahr. – Aber gut habt Ihr die Sache gemacht, Frau Base,« lobte er und patschte sich mit der Pritsche auf den Schenkel; »das heißt, so nach 280 Weiberart – na, das andre hat ja zum Glück nicht weiter geschadet!«

»Wieso nach Weiberart?«

»Na, Frau Base, eben nach Weiberart: immer noch 'was, und wenn das geglückt ist, noch 'was, und zuletzt noch 'was, und ganz zum Schlusse noch ein Häuflein oben darauf – als ob nicht endlich auch der größte Topf zum Ueberlaufen kommen müßte!«

Der Narr verneigte sich tief und ging rückwärts zur Thür.

 

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